Das Wesen der Dinge

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Alethos
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Sa 15. Mai 2021, 23:12

Du würdest also sagen, dass sich das Wesen eines Dings besser fassen lässt, wenn wir mehrere Exemplare eines Dings vergegenwärtigen und sozusagen auf die Schnittmenge jener Eigenschaften fokussieren, die sie als „Tische“, „Stühle“ usw. auszeichnen? Das würde ich sogar nachvollziehen können.



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AndreaH
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So 16. Mai 2021, 00:13

Ja, irgendwie schon, aber nur wenn wir es im plural und im allgemeinen betrachten. Inzwischen halte ich es auch für sehr wichtig diese Gesamtheit zu sehen die bei den individuellen Gegenständen das Wesen auszeichnet. Ich denke, da gibt es schon einen großen Unterschied.
Wenn ich aber das Wesen von einem Gegenstand im allgemeinen erfassen möchte, dann denke ich nehme ich den Weg über die Mehrzahl. Ich fasse alle Gegenstände die es in seiner Gesamtheit gibt zusammen und schaue welche Gemeinsamkeiten diese haben. Diese Gemeinsamkeiten finde ich aber nur wenn ich (....sorry.... jetzt wird es schmerzen ;) )
die unwesentlichen Eigenschaften weglasse. Man könnte vielleicht auch sagen, ich hebe die wesentlichen Gemeinsamkeiten hervor. ;)
Für mich wäre dies das Gleiche.
Aber könnte man z. B. dann auch bei "Vertrauen" das Wesen finden?
Wenn man es im plural und allgemein betrachtet.



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Alethos
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So 16. Mai 2021, 00:24

Ich denke, es würde auch bei Vertrauen, Menschlichkeit, ja, sogar bei Liebe möglich sein, das Wesentliche resp. das Wesen (gibt es hier einen Unterschied?) so „herauszufiltern“, wie du es vorschlägst. Wogegen ich mich sträube, ist vielleicht die Vorstellung, dass wir sie somit hinlänglicj erfassen ist. Mir scheint, das ist aber nur eine Intuition, das das Wesen der Dinge nicht dieses ist, was wir „auf den Punkt“ bringen resp. auf den Begriff. Ich weiss nicht, warum, aber irgendwie fehlt mir die Beseeltheit (was für ein antiquiertes Wort :) ) Dinge müssen in meiner Vorstellung auch fliessen können, sie vibrieren, sie oszillieren, sie bewegen sich jedenfalls nicht in diesen engen Definitionsgrenzen. Sie haben eine Kraft, wenn man es so sagen kann, und dazu gehört für mich auch, dass sie in diesen Farben strahlen, die sie haben, oder so geformt sind, wie sie sind. Ohne das existieren sie in meiner Vorstellung nicht, wenigstens nicht in ihrem vollen Potenzial. Zu letzterem gehört auch, dass sie uns etwas bedeuten können, nicht müssen, aber doch einen Wert haben können für uns. Einen Wert, den sie nicht nur haben, weil sie das und das, sondern genau so sind.



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AndreaH
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So 16. Mai 2021, 01:16

Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 00:24
Ich denke, es würde auch bei Vertrauen, Menschlichkeit, ja, sogar bei Liebe möglich sein, das Wesentliche resp. das Wesen (gibt es hier einen Unterschied?) so „herauszufiltern“, wie du es vorschlägst. Wogegen ich mich sträube, ist vielleicht die Vorstellung, dass wir sie somit hinlänglicj erfassen ist. Mir scheint, das ist aber nur eine Intuition, das das Wesen der Dinge nicht dieses ist, was wir „auf den Punkt“ bringen resp. auf den Begriff. Ich weiss nicht, warum, aber irgendwie fehlt mir die Beseeltheit (was für ein antiquiertes Wort :) ) Dinge müssen in meiner Vorstellung auch fliessen können, sie vibrieren, sie oszillieren, sie bewegen sich jedenfalls nicht in diesen engen Definitionsgrenzen. Sie haben eine Kraft, wenn man es so sagen kann, und dazu gehört für mich auch, dass sie in diesen Farben strahlen, die sie haben, oder so geformt sind, wie sie sind. Ohne das existieren sie in meiner Vorstellung nicht, wenigstens nicht in ihrem vollen Potenzial. Zu letzterem gehört auch, dass sie uns etwas bedeuten können, nicht müssen, aber doch einen Wert haben können für uns. Einen Wert, den sie nicht nur haben, weil sie das und das, sondern genau so sind.
Ich denke, ich weiß was du meinst! :) Wenn wir das Wesen mit einzelnen Worten festlegen, verlieren wir sehr viel.
Ich habe gemerkt wie schwierig das ist, da ich mir vor einiger Zeit ein persönliches Megapuzzle aufgemacht habe. Ich versuche gerade ein Gedicht über Vertrauen zu schreiben. :roll:

Genau das was du beschreibst, mit ich nenne es jetzt mal "Seele" zu beschreiben ist genau der Punkt der mir Schwierigkeiten bei dem Gedicht macht, ich habe versucht, das Vertrauen als Gefühl in seiner Gesamtheit zu erfassen, aber ich bastel noch daran...
Aber ich habe ja auch noch mein ganzes Leben lang Zeit für dieses Gedicht. ;)

Das Wort Beseeltheit finde überhaupt ein sehr schönes Wort und es bringt genau "das Wesen" auf den Punkt.... :)



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Jörn Budesheim
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So 16. Mai 2021, 05:48

AndreaH hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 01:16
Wenn wir das Wesen mit einzelnen Worten festlegen, verlieren wir sehr viel.
Warum?



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So 16. Mai 2021, 06:14

Andreas Bächli / Andreas Graeser Grundbegriffe der antiken Philosophie hat geschrieben : Aristoteles stellt in Metaphysik V 29 die Sache so dar, dass das von Antisthenes aufgeworfene Problem durch die Unterscheidung zwischen essentieller und akzidenteller Prädikation gelöst wird. Jede Sache hat in gewisser Hinsicht nur einen Logos, d. h. die Definition, die die Essenz der Sache ausdrückt. In anderer Hinsicht aber hat jede Sache viele Logoi, denn man kann verschiedene Dinge über dieselbe Sache aussagen.
Das Problem beschäftigt die Philosophen also schon eine geraume Zeit :)



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So 16. Mai 2021, 06:29

Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 00:24
Dinge müssen in meiner Vorstellung auch fliessen können, sie vibrieren, sie oszillieren, sie bewegen sich jedenfalls nicht in diesen engen Definitionsgrenzen.
Was soll es bedeuten, dass eine Definition eine Grenze hat? Und warum sollte die Grenze eng sein? Die Definition von Tisch (weiter oben) ist "weiter" als jeder einzelne Tisch, denn sie erfasst in abstrakter Manier nur die wesentlichen Eigenschaften, die etwas haben muss, um ein Tisch zu sein und lässt daher viel Raum für alle in dieser Hinsicht unwesentlichen Eigenschaften. Die "Grenze" ist also nicht eng, sondern ganz im Gegenteil sehr weit, immer viel weiter als jeder einzelne Gegenstand, weshalb diese auch unbehelligt davon fließen können, vibrieren und oszillieren.

Ich glaube, ein Großteil des Problems besteht darin, dass man sich scharfe Grenzen, vielleicht nach dem Bild von Ländergrenzen, ausmalt. Dafür gibt es aber keine Begründung. Der Ausdruck "orange" ist zum Gelben und zum Roten hin offen. Und diese Offenheit ist ein wesentlicher Aspekt des Begriffs.

Außerdem ist es nach meiner Vorstellung keineswegs so, dass wir hier den Raum der Begriffe und dort den Raum der Gegenstände haben. Weiter oben habe ich das am Beispiel von Theodor, der am Wiesengrund sitzt, zu erläutern versucht. Die Bedeutung des Wortes grün wird in "Live Situationen" direkt von dem bestimmt, worauf sich der Sprecher bezieht. "Präziser" kann ein Begriff gar nicht sein. Denn in solchen Situationen bestimmen die Gegenstände selbst die Bedeutung der Begriffe, sie sind Teil des Urteils! Und zu diesem Gedanken gehört ein ganz wichtiger Aspekt: Solche Begriffe, wie z.b. "grün" erwerben wir nämlich in solchen "Live Situationen". Das heißt sowohl der Eewerb als auch die Anwendung der Begriffe geschieht inmitten der Wirklichkeit und die Wirklichkeit hat ein gewichtiges Wörtchen bei den Wörtern mit zu reden. Wir sind von der Welt nicht durch irgendeine imaginäre Grenze getrennt, sondern wir urteilen immer inmitten der Dinge, die selbst immer in verschiedenen Hinsichten Teil dieser Urteile sind/sein können.

Der Umstand, dass wir, wie es bei Kant heißt, vom "Standpunkte des Menschen" aus urteilen, macht nach meiner Auffassung unsere Urteile nicht fragwürdig, sondern vertrauenswürdig! Denn das heißt, dass wir aus der Mitte der Dinge heraus urteilen, zu denen wir schließlich selbst zählen. Wie urteilen nicht von einem imaginären und auch unmöglichen Standpunkt von außerhalb, nein sondern aus dem Herz der Wirklichkeit selbst. Freilich kann man sich bis zu einem gewissen Grad von der Wirklichkeit entfremden und so urteilen, wie Rilke es in seinem Gedicht beklagt, aber es ist keineswegs ausgemacht, dass das unsere Grundsituation ist, wir können die Dinge singen hören, weil wir selbst singen können und auch wissen wie es ist, zu singen, weil wir Gesang sind.



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Alethos
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So 16. Mai 2021, 12:55

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 06:29
Die Definition von Tisch (weiter oben) ist "weiter" als jeder einzelne Tisch, denn sie erfasst in abstrakter Manier nur die wesentlichen Eigenschaften, die etwas haben muss, um ein Tisch zu sein und lässt daher viel Raum für alle in dieser Hinsicht unwesentlichenEigenschaften.
Hervorhebung von mir.

Ich denke, dass Begriffe sehr wohl auch zum
Verstehen eines wesentlichen Kerns beitragen. Gerade durch die Begriffsweite (Extension) wird es dem Begriff möglich, viele einzelne Exemplare ungeachtet gewisser Merkmale in sich aufzunehmen. Tische sind Tische und unter diesem Aspekt betrachtet eben nicht Blaue oder Metallene: Diese Gegenstände sind unter dem Begriff „Tisch“ gefasst eben Tische.

Wenn wir nun aber vom Wesen eines Dings sprechen, sprechen wir ja zunächst nicht vom Wesen eines Tischs, sondern eines (noch nicht weiter bestimmten) allgemeinen Gegenstands: dieses Ding dort, dieser Materiehaufen, dieses Geformte, dieses blau oder grün oder gelb Strahelnde. Der Gegenstand ist zunächst - wenn wir so über ihn reden - lediglich ein Objekt, das uns eine Vielzahl von Zugängen auf ihn über Begriffe möglich macht. Er ist also nicht in jeder Hinsicht Tisch, sondern nur unter dem Vorbehalt seines Tischseins wesentlich so verfasst wie einer. Da schlage ich nun die Brücke zur Hervorhebung von mir und frage: In welcher Hinsicht müssen wir den Gegenstand, nicht den Tisch, beschreiben, damit wir ihn wesentlich erfassen? Daher kommt mein Unwohlsein bei der begriffsorientierten Wesensbestimmung, weil ich den Gegenstand nicht apriori ein Tischdasein unterstellen möchte, wo er doch vielleicht auch primär ein Blaudasein hat? Nur im Lichte dessen, dass er ein Tisch ist, erscheinen seine Tischeigenschaften als wesentliche für dieses Tischdasein und alle anderen nicht, also nur insofern ich auf das Tischdasein eingrenze, werden einige Eigenschaften wesentlicher als andere, weil sie in Bezug auf dieses spezifische Dasein des Dings als Tisch wesentliche sind. Aber dürfen wir denn sagen, dass dieser Gegenstand dort vorwiegend Tisch ist und nicht etwas Blaues? Oder vielleicht ist dieser Gegenstand zugleich in der Hinsicht seiner ästhetischen Ausdruckskraft etwas Kunstvolles und in diesem Aspekt sind wiederum andere Eigenschaften wesentlich?

Das meinte ich mit engen Begriffsgrenzen, da Begriffe eben Definitionen möglich machen müssen, sie also ein Ding wesentlich bestimmen als diesen Gegenstand x, der er wegen seiner für dieses x-Sein wesentlichen X-Eigenschaften ist. Definitionen sind aber Abgrenzungen, Begrenzungen, Eingrenzungen und sollen sie auch sein, nur ist das wirklich das Wesen des unbehelligten Dings, wenn wir es in diese Grenzen einhegen? Ich sage ja nicht, dass wir die Grenzen auferlegen, also dass wir es sind, die die Begriffe konstruieren und auf die Dinge anwenden, weil ich überzeugt bin, dass die begrifflichen Ausprägungen der Dinge real und an sich sind. Ein Tisch liefert seinen Begriff durch sein Tischsein, er ist Tisch durch sich selbst und durch ihn ist der Begriff. Wirklichkeit ist begrifflich strukturiert.
Mein Gefühl sagt mir aber, dass wir beim Bestimmen eines Gegenstands als diesen Gegenstand (z.B. Tisch) ihn auf ein bestimmtes Sein einschränken, das nicht sein volles Sein ist. Wie gesagt, kann ein Tisch auch Brennholz sein und die Grenze zwischen Tischsein und Brennholzsein ist fliessend.

Begriffe sind weit, das gebe ich zu, sie sind auch offen, weil sie unter sich sehr viele Individuelle vereinigen können in Absehung der unwesentlichen Differenzen dieser Einzelnen miteinander. Der Tischbegriff ist offen für verschiedene Ausprägungen der Gleichen: für verschiedene Formen, Farben, Anwendungsmöglichkeiten von Tischen, aber immer nur von Tischen. Der Tischbegriff ist nicht offen hin zum als Brennholz-Sein des Gegenstands.

Wenn ich mir Gegenstände denke, und zwar sie mir ganz in Allgemeinheit vorstelle, ohne sie zu konkretisieren als solche, sondern sie mir denke als Potenziale, sozusagen als Etwas, das zu etwas werden kann - wie Teig zu so und so geformten Keksen oder zu einem Kuchenboden oder zu Brot - wenn ich sie mir also so vorstelle, als wären sie noch unter keinen Begriff gefallen, und ich mich frage, unter welchen Begriff ich sie denn nun bringen könnte, da zeigt sich ihre Unterbestimmtheit als Möglichkeit und Offenheit, ganz vieles und ganz unterschiedliches zu sein. Das meine ich mit „oszillierend“, dass sich Dinge in ihrer unbegrifflichen Form (und das meine ich, sei ihr eigentlichstes Wesen) unter ganz viele Begriffe bringen lassen zugleich: Sie transzendieren die Begriffsgrenzen und wandern hinüber zu anderer begrifflicher Gegebenheit, weil sie ja gerade nicht nur das und das sind, sondern diese und jene.

Ich behaupte ja nicht, dass ich damit recht hätte, sondern gebe nur meinem Gefühl Ausdruck, das den Dingen ihre Möglichkeit zur Verwesentlichung lassen will. Sie sollen Tische und Tanzflächen, Brennholz und Futter, Wichtiges und Unwichtiges zugleich sein können, ohne die Einschränkung auf eine bestimmte begriffliche Form. Diese ist real, ja, und sie bestimmt sich durch wesentliche Eigenschaften und nicht durch unwesentliche, aber eben ist doch der Gegenstand nicht nur dieses Tischwesen, sondern hat ein Wesen überhaupt?



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Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 12:55
Tische sind Tische und unter diesem Aspekt betrachtet eben nicht Blaue oder Metallene
Das sehe ich anders. Tische sind Tische und unter diesem Aspekt betrachtet möglicher Weise Blaue oder Metallene (und nicht: "nicht Blaue").



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So 16. Mai 2021, 13:37

Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 12:55
Wenn wir nun aber vom Wesen eines Dings sprechen, sprechen wir ja zunächst nicht vom Wesen eines Tischs, sondern eines (noch nicht weiter bestimmten) allgemeinen Gegenstands: dieses Ding dort, dieser Materiehaufen, dieses Geformte, dieses blau oder grün oder gelb Strahelnde.
Auch das sehe ich anders. Wenn wir vom Wesen sprechen, dann sprechen wir vom Wesen der Liebe, des Mutes, der Angst, der Kunst.



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So 16. Mai 2021, 13:51

Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 12:55
Mein Gefühl sagt mir aber, dass wir beim Bestimmen eines Gegenstands als diesen Gegenstand (z.B. Tisch) ihn auf ein bestimmtes Sein einschränken, das nicht sein volles Sein ist. Wie gesagt, kann ein Tisch auch Brennholz sein und die Grenze zwischen Tischsein und Brennholzsein ist fliessend.
Wir kommen da einfach nicht zusammen, weil mein Gefühl mir das Gegenteil sagt :) die Idee, dass Begriffe per se starre Grenzen etablieren, teile ich nicht, ich halte das sogar für abwegig.



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So 16. Mai 2021, 14:24

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 13:51
Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 12:55
Mein Gefühl sagt mir aber, dass wir beim Bestimmen eines Gegenstands als diesen Gegenstand (z.B. Tisch) ihn auf ein bestimmtes Sein einschränken, das nicht sein volles Sein ist. Wie gesagt, kann ein Tisch auch Brennholz sein und die Grenze zwischen Tischsein und Brennholzsein ist fliessend.
Wir kommen da einfach nicht zusammen, weil mein Gefühl mir das Gegenteil sagt :) die Idee, dass Begriffe per se starre Grenzen etablieren, teile ich nicht, ich halte das sogar für abwegig.
Das Wesen treibt sein Unwesen :)

Impliziert denn die Tatsache der unwesentlichen Eigenschaften nicht, dass Begriffe eine Grenze ziehen zwischen wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften? Wenn sie das tun können, dann doch, weil sie eingrenzen.



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So 16. Mai 2021, 14:31

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 13:37
Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 12:55
Wenn wir nun aber vom Wesen eines Dings sprechen, sprechen wir ja zunächst nicht vom Wesen eines Tischs, sondern eines (noch nicht weiter bestimmten) allgemeinen Gegenstands: dieses Ding dort, dieser Materiehaufen, dieses Geformte, dieses blau oder grün oder gelb Strahelnde.
Auch das sehe ich anders. Wenn wir vom Wesen sprechen, dann sprechen wir vom Wesen der Liebe, des Mutes, der Angst, der Kunst.
Ja, gewiss. Aber wir können doch auch vom Wesen der Dinge in ontologischer Lesart sprechen, also von ihnen sprechen, insofern sie Dinge schlechthin und nicht diese sind, die bereits den Begriff prägen.

Ist es denn nicht zirkulär, wenn wir uns zuerst festlegen darauf, dass dieser Materiehaufen dort ein Tisch sei und daraus ableiten, die wesentlichen Eigenschaften dieses Materiehaufens seien jene, die ihn zum Tisch machen? Wir legen das Wesen des Gegenstands fest unter der Vorausnahme, er sei ein Tisch, aber er ist doch nicht nur Tisch? Gegenstand begreife ich hier explizit als allgemeines Seiendes.



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So 16. Mai 2021, 14:42

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 13:34
Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 12:55
Tische sind Tische und unter diesem Aspekt betrachtet eben nicht Blaue oder Metallene
Das sehe ich anders. Tische sind Tische und unter diesem Aspekt betrachtet möglicher Weise Blaue oder Metallene (und nicht: "nicht Blaue").
Sie sind möglicherweise blau, ja, das bestreite ich nicht. Blau ist eine unwesentliche Eigenschaft des Tischseins, keine unmögliche. Das heisst aber, dass der Tisch nicht Tisch ist wegen seines Blauseins, weil sonst seine Farbe wesentliche Eigenschaft wäre seines Tischseins, was sie nach dir ja nicht ist.

Ich versuche im Grunde nur, die pluralistische Betrachtungsweise des neuen Realismus anzuwenden auf den Wesensbegriff: Ein Gegenstand hat nicht nur eine Gegebenheitsweise, er hat viele. Wenn wir auf diesen Bereich dort zeigen, in welchem das Objekt „Tisch“ steht und uns fragen, wie viele Gegenstände es dort gebe, werden wir doch wohl kaum sagen: „Einer.“ Wir weden sagen, es gebe dort ein Möbelstück. Vier Ecken z.B. Holzstrukturen oder Metallatome. Einen Tisch. Sitzgelegenheiten. etc. etc. Es gibt dort alles das.

Sofern das Objekt, das diesen Bereich besetzt, aus allen diesen Dingen besteht, kann er doch nicht nur wesentlich darin sein, indem er dieses Eine ist, das wir Tisch nennen?



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So 16. Mai 2021, 14:49

Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 14:31
nicht nur Tisch
Wir drehen uns hier im Kreis und kommen nicht weiter. Wenn ich sage, dass das da ein Tisch ist, sage ich damit nicht, dass das nur ein Tisch ist. Zu sagen, dass etwas eine Reihe von Eigenschaften hat, die dazu führen, dass es in eine bestimmte Kategorie gehört, heißt nicht zu sagen, dass es nicht auch noch andere Eigenschaften hat.



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So 16. Mai 2021, 16:29

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 14:49
Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 14:31
nicht nur Tisch
Zu sagen, dass etwas eine Reihe von Eigenschaften hat, die dazu führen, dass es in eine bestimmte Kategorie gehört, heißt nicht zu sagen, dass es nicht auch noch andere Eigenschaften hat.
Zu sagen aber, diese anderen Eigenschaften seien unwesentlich, beschränkte dieses Etwas auf ein Tischsein, was nicht die volle Realität dieses Etwas sein kann, weil es ja gerade auch etwas anderes sein kann. Dieses Etwas (das nicht nur Tisch ist) kann doch keine unwesentlichen Eigenschaften haben? Welche sollten das sein?

Wir drehen uns nicht im Kreis, wir sprechen einfach einmal von Etwassen (Existierende überhaupt) und einmal von Dingen als Tischen, Liebe und Kunst. Als letztere haben sie wesentliche (und unwesentliche) Eigenschaften, als Etwasse nicht, da liefern sie lediglich die Möglichkeit zur Verwesentlichung von Eigenschaften.

Aber wir können das ja auch einfach so stehen lassen: Das Wesen der Dinge ist greifbar durch ihren Begriff, ohne dass dieses Wesen der Begriff sei.


Wenn wir von diesen Etwassen nicht als von Tischen sprechen, sondern als von unbestimmten Gegenständen (Existierendes überhaupt, Seiendes in unterbestimmter Form) dann können wir auch mit deinem Vorschlag nicht sagen, was seine wesentlichen Eigenschaften sind. Wir können das Wesen des Tisches, der Liebe, der Kunst usw. erfassen - wenn wir schon wissen, was sein Wesen sein soll als Tisch, Liebe, Kunst. Wir können jedoch nicht das Unwesentliche von Etwassen bestimmen, ohne vorher zu sagen, zu welcher Kategorie sie gehören sollen.



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Alethos hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 14:42
Ich versuche im Grunde nur, die pluralistische Betrachtungsweise des neuen Realismus anzuwenden auf den Wesensbegriff.
Das ist mir schon klar, aber ich finde nicht, dass es so passt. Nehmen wir ein Beispiel von Gabriel selbst. Auf die Tafeln hat er drei "Quadrate" gezeichnet. Die Frage lautet bekanntlich, wie viele Gegenstände sehen wir hier. Je nach Sinnfeld ergaben sich verschiedene Antworten: 3 Quadrate, n Atome, 12 Kreidestriche und einiges mehr.

Gehen wir diese verschiedenen (!) Dinge durch. Das Wesen des Quadrates ist vier gleich lange Seiteb zu haben, die in 90° zueinander stehen. Das Wesen eines Atoms ist, wenn das Netz Recht hat: "Kleinstes mit chemischen Methoden nicht weiter zerlegbares Teilchen eines chemischen Elements. Es ist aus drei Arten von Elementarteilchen aufgebaut: Protonen, Neutronen (beide zusammen werden auch als Nukleonen bezeichnet) und Elektronen." Und das Wesen des Kreidestrichs ist pi mal Daumen: eine unscharfe Kalkspur auf einem planen Träger.

Die Sinnfeld-Ontologie ist also, wie ich auch schon mit anderen Beispielen gezeigt habe, vollständig mit der Idee, es gäbe so etwas wie Wesen vereinbar. Deine Rekonstruktion hingegen ist meines Erachtens problematisch, weil du dir offensichtlich so etwas wie eine Art "Ur-Gegenstand" vorstellst, der je nach Sinnfeld anders erscheint.



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So 16. Mai 2021, 18:57

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 05:48
AndreaH hat geschrieben :
So 16. Mai 2021, 01:16
Wenn wir das Wesen mit einzelnen Worten festlegen, verlieren wir sehr viel.
Warum?
Ich denke, wenn wir einzelne Worte für das Wesen festlegen, kann schon etwas verloren gehen. Jeder von uns hat eine unterschiedliche Verbindung und Vorstellung zu einem Wort. Das Beispiel mit den Farben fand ich sehr schön! Wenn ich die Farbe Grün höre, war bisher bei mir nur eine Grundfarbe da... für andere die Grün hören, macht es aber in ihrer Vorstellung eine Fülle an Grüntönen auf.
Genauso sehe ich es wenn ich Vertrauen mit den Worten, Ehrlichkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Zuversicht,... beschreiben würde. Ich frage mich, können diese einzelnen wesentliche Worte dieses Wesen im Ganzen wirklich erfassen?



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So 16. Mai 2021, 18:59

Die Sinnfeldontologie handelt doch von Gegenständen und definiert nicht das Wesen der Dinge. Sie macht Anleihen beim
Wesensbegriff, um etwa das Wesen der Kunst zu umschreiben, aber sie definiert dabei nicht, was das Wesen sei, sondern die Kunst. Die SFO könnte genauso gut vom Gegenstandskriterium der Kunst sprechen, und hätte dasselbe über die Kunst aussagen können, ohne dabei ihr Wesen in Gänze zu erfassen

Die Zusammenführung von Gegenstand und Wesen ist nicht ganz einfach und sicherlich sind die Versuche auch nicht neu, aber die Frage, was das Wesen sei, wird durch die SFO nicht beantwortet. Sie sagt auch (explizit sagt das Gabriel an einer Stelle, die ich heraussuchen muss), dass das Problem des Einzeldings nicht gelöst sei. Was ist ein Einzelding? Ist es Eines oder ein Zusammengesetztes? Und, wenn Eines, was gibt ihm seine Einheit und was ihm seine Vielheit, wenn er anderes zugleich sein kann?

Ein Gegenstand ist Tisch, aber eben auch das Eckige. Wir können das Eckige nicht mit grösserem Recht vom Gegenstand abziehen, als wir das Tischsein von ihm abziehen können. Beides gehört wesentlich zum Gegenstand. Wenn wir die Bedingungen angeben wollen, unter denen er Tisch ist, sind einige Eigenschaften wesentlich und andere nicht, aber das ist eine Konditionalität, dass wir ihn als solchen beschreiben wollen. Es gibt keine Vorrangigkeit des Tischseins am Gegenstand x. Der Gegenstand ist nicht mehr Tisch, als dass er grün ist.

Oder so: Der Gegenstand, der unter den Tischbegriff fällt, für dessen Tischsein also unwesentlich ist, dass er grün ist, ist nicht der wirklichere Gegenstand als derjenige, der dort grün ist und damit unter den Begriff „das Grüne“ fällt und für den unwesentlich ist, dass er Tisch ist. Das Grünsein und das Tischsein ist aber vereinigt im Einzelding „grüner Tisch“. Das ist sein Charakter, seine Eigenheit, sein Wesen.



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Jörn Budesheim
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