Das Wesen der Dinge

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Jörn Budesheim
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So 25. Apr 2021, 14:41

Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 14:07
Die Grundeigenschaft, dass wir an Tischen Tätigkeiten verrichten können, teilt sich der Tisch mit vielen anderen Gegenständen. Offenbar ist nicht einmal die Form des Tischs logisch strikt vorgegeben. Nicht einmal Tischbeine (ob vier, drei oder keine). Nichts am Gegenstand macht ihn wesentlich zum Tisch, als nur sein Tischsein selbst. Wir können auch auf Tischen tanzen oder Liebe machen: Was sind hier die streng logischen Begriffsmerkmale der Tischwesentlichkeit? Offenbar lässt sich das nur beantworten, wenn wir die vielfältige Art und Weise betrachten, in der er in Tatsachen vorkommt.

Denken wir an einen imaginierten Tisch, der sich von selber deckt. Tischlein deck‘ dich. Das ist eine ganz wesentliche Eigenschaft dieses Tisches für den Bereich seiner spezifischen Wirklichkeit im Märchen, dass er sich von selbst decken kann. Ohne diese Eigenschaft wäre der Zaubertisch nicht oder wenigstens nicht das, was er ist, auch wenn wir nach wie vor behaupten können, dass er Tisch ist.
Aber wo und durch welche exklusiven Grundeigenschaften konkretisiert sich der Tisch denn als Tisch? Offenbar dürfen wir gar keine weglassen, weil er sonst gar nicht in Tatsachen vorkommen kann (denn in ihnen kommt er immer nur in spezifischer Weise vor). Diese Spezifität gibt seine Wesentlichkeit vor, nicht ein einzelner Begriff.
Das hinterlässt mich irgendwie ratlos.

Nehmen wir einmal an, um des argumentes Willen, wir hätten ein paar Eigenschaften ausgemacht, die einen Gegenstand haben muss, damit wir ihn korrekterweise einen Tisch nennen können. Warum steht das in irgendeinem Konflikt damit, dass man auf diesem Tisch auch tanzen und Liebe machen kann? Das verstehe ich einfach nicht.



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transfinitum
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So 25. Apr 2021, 16:07

Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 12:43
Das zeigt, dass ein Tisch oder generell Dinge nicht isoliert von ihren Kontexten betrachtet werden können, um sie in ihrer Wesentlichkeit zu erfassen. Ganz wesentlich zu meinen Büchern gehört bspw., dass sie in meinen Bücherregalen stehen und ich sie gelesen habe. Meine Bücher habe ich lieb gewonnen, ich habe Erfahrungen mit ihnen und durch sie gemacht, die für mich ganz wesentlich zu ihnen gehören. Das wegzulassen macht vielleicht möglich, den Gegengstand g zu erfassen, Bücher, nicht aber ihre Wesentlichkeit.
diese Aussage verwirrt mich etwas. Eine Wesentlichkeit ergibt sich (nach meinem Verständnis) daraus, dass man sie außerhalb eines Kontextes betrachten kann. Die Wesentlichkeit ergibt sich daraus, dass sie unabhängig ist von diversen Bezügen.
Beim Tisch wäre die wesentliche Eigenschaft, dass eine Oberfläche jeglicher Art vorhanden ist, diese lässt sich dann verschiedenartig nutzen, was der Kontext festlegen würde.
Zu dem Beispiel mit den Büchern: wesentliche Eigenschaften wären hier, dass etwas Lesbares in gedruckter Form vorliegt.


AndreaH hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 14:18
Ja, deshalb denke ich auch das wir, mit dem Begriff "Tisch" immer die wesentlichen Dinge mit ihm in Verbindung setzen.
Diese die als Zutat nicht weggelassen werden können. Deshalb finde ich die bildliche Vorstellung der Zutaten sehr gut!
Danach können auch Märchentische entstehen lassen, die weitere Eigenschaften enthalten.
Aber das Wesentliche können wir, denke ich schon durch dieses reduzieren sehr gut feststellen.
würde auch denken, dass der Reduktionsansatz bei der Wesentlichkeit der Dinge sehr hilfreich ist.
(Daher würde ich zum Beispiel Eigenschaften wie Farbe oder Höhe als nicht wesentlich ansehen.)
Wenn ich diesem Vorgang des Reduzierens auf das Wesentliche folge, dann würde ich doch zwangsweise auch auf das stossen, was man Existenz nennt. Also etwas, das notwendig ist, dass dieser Gegenstand existiert.



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Alethos
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So 25. Apr 2021, 16:28

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 14:29
Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 13:55
Das zeigt, dass ein Tisch oder generell Dinge nicht isoliert von ihren Kontexten betrachtet werden können, um sie in ihrer Wesentlichkeit zu erfassen.
Mir scheint, du argumentierst hier gegen etwas, was nicht behauptet wird. Es wird ja gar nicht geltend gemacht, dass man Dinge isoliert vom Kontext betrachten soll.
Es wird vielleicht nicht behauptet, aber dennoch hatten wir es im anderen Thread mit einem Gegenstand g zu tun, der sich als ebensolcher auszeichnen soll durch sein Fallen unter den Begriff g. Von diesem Gegenstand g könnten wir - so hiess es - unwesentliche Eigenschaften eliminieren, womit er im Kern immer noch Gegenstand g bliebe.

Mir scheint nun, dieser Konzeption liege die Vorstellung zugrunde, dass dem Gegenstand g bloss der Begriffsbereich g zugeordnet ist und nicht alle anderen Begriffe, deretwegen er ein Gegenstand vielfältiger Gegebenheitsweisen sein kann.

Ich verstehe, dass z.B. ein Tisch sich von einem Elefanten durch verschiedene relevante Eigenschaften unterscheidet. Ich denke, dass wir deshalb den Tisch als Tisch erkennen können, weil er eben wesentliche Merkmale hat, die der Elefant (jeder Nichttisch) nicht hat. Aber ich meine, dass diese Zuordnung des Gegenstands zu „Tischgegenständen“ (zum Tisch-Begriff) nur eine Seite der Medaille ist, weil sich das Wesentliche der Gegenstände nicht darauf beschränkt, Repräsentant einer Gattung von Gegenständen zu sein. Vielmehr schöpfen die Dinge ihr Wesen aus der Wirklichkeit, in der sie stecken.

Existenzphilosophisch betrachtet würde man vielleicht sagen können, dass Dinge in der Hinsicht, in denen sie als autonome (nicht aber referenzlose) Seiende vorkommen, ihre Wirklichkeit entwerfen, weshalb sich ihre Wesentlichkeit nicht nur bestimmen lässt durch ihr „Tischsein“ oder „Elefantensein“ oder ganz allgemein dadurch, dass sie als Einheiten eines einzelnen Sinns (als nur zu einem Begriff gehörende Einzeldinge) gedacht würden. Gegenstände sind sie vielmehr immer auch unter dem Aspekt Ihres Vorkommens unter verschiedenen Intensionen. Sie sind Komposite, und als Zusammengesetzte nicht zu vereinheitlichen unter einen Begriff allein, resp. ergibt dieser nicht die Essenz des Dings, die darin liegt, dieses je Besondere zu sein.



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So 25. Apr 2021, 16:36

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 14:41
Nehmen wir einmal an, um des argumentes Willen, wir hätten ein paar Eigenschaften ausgemacht, die einen Gegenstand haben muss, damit wir ihn korrekterweise einen Tisch nennen können. Warum steht das in irgendeinem Konflikt damit, dass man auf diesem Tisch auch tanzen und Liebe machen kann? Das verstehe ich einfach nicht.
Das steht ja auch nicht in einem Konflikt.

Probleme bereitet mir nur der Wesensbegriff, wenn „Wesen“ so ausgefasst wird, als bestünde es aus wesentlichen Eigenschaften der beiläufig unwesentliche Eigenschaften beigemengt sind (auf die man auch noch verlustfrei mit Blick aufs Wesentliche verzichten könne). Allein das Wort „unwesentlich“ ist für mich logisch unhaltbar.



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So 25. Apr 2021, 17:17

Ich finde ihn unverzichtbar. Die Hautfarbe ist z.b. unwesentlich bei der Frage nach dem Menschsein.



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So 25. Apr 2021, 17:40

transfinitum hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 16:07
Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 12:43
Das zeigt, dass ein Tisch oder generell Dinge nicht isoliert von ihren Kontexten betrachtet werden können, um sie in ihrer Wesentlichkeit zu erfassen. Ganz wesentlich zu meinen Büchern gehört bspw., dass sie in meinen Bücherregalen stehen und ich sie gelesen habe. Meine Bücher habe ich lieb gewonnen, ich habe Erfahrungen mit ihnen und durch sie gemacht, die für mich ganz wesentlich zu ihnen gehören. Das wegzulassen macht vielleicht möglich, den Gegengstand g zu erfassen, Bücher, nicht aber ihre Wesentlichkeit.
diese Aussage verwirrt mich etwas. Eine Wesentlichkeit ergibt sich (nach meinem Verständnis) daraus, dass man sie außerhalb eines Kontextes betrachten kann. Die Wesentlichkeit ergibt sich daraus, dass sie unabhängig ist von diversen Bezügen.
Beim Tisch wäre die wesentliche Eigenschaft, dass eine Oberfläche jeglicher Art vorhanden ist, diese lässt sich dann verschiedenartig nutzen, was der Kontext festlegen würde.
Zu dem Beispiel mit den Büchern: wesentliche Eigenschaften wären hier, dass etwas Lesbares in gedruckter Form vorliegt.
Das kommt ganz drauf an, was wir mit „Ding“ meinen. Was ist ein Ding deiner Meinung nach? Ich denke, du wirst sagen, ein Ding sei ein Gegenstand mit Eigenschaften. Dinge existieren.

Aber wir hatten gesehen, dass Existenz heisst, in einem bestimmten Sinnbereich vorzukommen. Ein Ding kann nur Ding sein, d.h. Existierendes sein, wenn er in einer begrifflich verfassten „Wirklichkeitsarchitektur“ erscheint. Tisch im raumzeitlichen Sinn ist er vor dem Hintergrund raumzeitlicher Dinge. Tisch kann er aber auch sein in einer abstrakten Zeichnung, wo er sich von seiner räumlichen Form im Sinn eines Möbelstücks oder von der Funktion als Gegenstand in einer sozialen Situation, z.B. Abendessen mit Familie, freimachen kann. Er kann sich nie von der Zugehörigkeit zu einem Eigenschaftsbereich freimachen, weil er seine Wesentlichkeit aus seiner Existenz durch diesen schöpft. Aber die Eigenschaftsbereiche (Sinnfelder, wenn du so willst) sind ja ganz vielfältige, weshalb der Gegenstand auch unmöglich nur unter einen Begriff fallen kann, sofern er erscheint, sodass er nie nur als Allgemeines vorkommen kann (als Sinnbild für alle möglichen Tische), sondern er immer auch vorkommen muss in der „Summe“ aller Eigenschaften, durch die er dieser oder jener spezifische Tischgegenstand ist.

Auch Menschen können in Bildern erscheinen, z.B. in Porträts und wir würden doch nie sagen, dass sie nur Menschendinge sind, sofern sie zweifüssig sind?

Was also ist ein Ding? Es ist, so meine ich, die Essenz des vielfältig Wirklichen in der Aktualisierung als Individuelles. Immer.
Hiervon nun etwas Unwesentliches bestimmen zu wollen, das man verlustfrei entfernen kann, halte ich für eine auf Metaphysik zurückzuführende Täuschung. Wir meinen, es gebe es so etwas wie „Tische“ auch ohne die entsprechenden Dinge, die tatsächlich Tische sind. Aber ohne letztere gibt es schliesslich auch keine Eigenschaftsbereiche und somit überhaupt gar nichts.

Natürlich ist der Begriff „Tisch“ real und insofern gibt es das Allgemeine, das diesen Begriff „Tisch“ mit Inhalt füllt. Aber wir dürfen dieses Allgemeine nicht für wesentlicher halten als das Konkrete der Einzeldinge, wie sie sich individuieren in Tatsachen, weil nur in diesen sich die volle Essenz des Wirklichen vereinigt zu einem Individuellen - einem Ding also, das so gesehen nie Einzelding ist, weil es referenziell bleibt in seinem autonomen Status, indem es tatsächlich vorkommt, d.h. in Tatsachen vorkommt.



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So 25. Apr 2021, 18:00

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 17:17
Ich finde ihn unverzichtbar. Die Hautfarbe ist z.b. unwesentlich bei der Frage nach dem Menschsein.
Sie ist unerheblich bei der Bestimmung des Wertes von Menschenleben, ja, und generell bei der Frage nach dem Menschsein in rechtlichem oder moralischem Sinn. Aber sie ist nicht fürs Menschsein unwesentlich, weil es tatsächlich verschiedene Hautfarben bei Menschen gibt, die man würdigen kann, z.B. in der Kulturanthropologie oder bei der Partnerwahl.



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Jörn Budesheim
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So 25. Apr 2021, 18:12

Aber wenn du zu gestehst, dass wir den Begriff des Unwesentlichen hier und da brauchen, dann ist der Begriff des Unwesentlichen nicht verzichtbar und auch nicht unlogisch.

Wir können doch nicht im Ernst darüber streiten, dass es für die Frage, ob etwas ein Tisch ist, kontingent ist, dass der Tisch blau, grün, weiß, gelb oder schwarz ist.



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So 25. Apr 2021, 18:18

Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 17:40
Das kommt ganz drauf an, was wir mit „Ding“ meinen. Was ist ein Ding deiner Meinung nach? Ich denke, du wirst sagen, ein Ding sei ein Gegenstand mit Eigenschaften. Dinge existieren.
hm, schwierig, da bin ich im Kopf dann wohl noch ein wenig bei Kant und würde sagen, dass das Ding eigenschaftslos ist und genau deswegen ist es ein "Ding" . Ein Ding wird dann zum Gegenstand, wenn man Eigenschaften "erfahren" oder "wahrgenommen" hat. Aber ich glaube für diesen Diskussionsverlauf ist diese Ansicht schwierig zu vertreten, insbesondere unter Gabriels Thesen. :roll:
Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 17:40
Was also ist ein Ding? Es ist, so meine ich, die Essenz des vielfältig Wirklichen in der Aktualisierung als Individuelles. Immer.
Hiervon nun etwas Unwesentliches bestimmen zu wollen, das man verlustfrei entfernen kann, halte ich für eine auf Metaphysik zurückzuführende Täuschung. Wir meinen, es gebe es so etwas wie „Tische“ auch ohne die entsprechenden Dinge, die tatsächlich Tische sind. Aber ohne letztere gibt es schliesslich auch keine Eigenschaftsbereiche und somit überhaupt gar nichts.
ja, hier gebe ich dir (leider) recht, dass es sich um einen metaphysischen Gedankengang handelt.
Aber eine gewisse Unterteilung der Wesentlichkeiten würde ich schon sehen, denn es gewisse Eigenschaften sind nicht zwingend notwendig, dass es sich um einen Tisch handelt. Wenn ich in der Mathematik beispielweise eine Menge definiere, so nehme ich die Eigenschaften, die den Raum ausmachen und habe die Struktur somit geschaffen. So was ähnliches meinte ich mit dem Reduktionsprinzip der Eigenschaften.



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AndreaH
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So 25. Apr 2021, 18:38

Ich denke, @Alethos für dich ist entscheidend, dass für dich alles zum Tisch gehört, was mit ihm in Verbindung gesetzt wird. Weil dieser alles in sich trägt. (Bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke so verstehe ich deinen Gedankengang)
Wir können nicht einfach bei einem Menschen die Hautfarbe weglassen, wenn wir ihn im Ganzen sehen möchten.
Das empfinde ich auch so, denn
jedes unwesentliche ist diesbezüglich  wichtig um ihn als Mensch im Ganzen wahrzunehmen.


Wenn wir aber den Unterschied Mensch und Tisch betrachten, denke ich kann ich schon unwesentlichen Merkmale weglassen. Aus dem Grund um mir - für den Moment-  die wichtigsten Merkmale bewusst zu machen. Ich suche nach Eigenschaften die alle Tische gemeinsam in sich tragen.
Der Zaubertisch aus dem Märchen hat etwas gemeinsam mit der Holzlatte die der Bauarbeiter als Tisch kurzhand umfunktioniert hat. Diese gemeinsamen Eigenschaften zeigen mir die wesentlichen Merkmale des Tisches.



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AndreaH
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So 25. Apr 2021, 18:52

Achja, für mich beinhaltet das Wesentliche bereits das Unwesentliche.
Ich fasse es nur in etwas zusammen.



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Alethos
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So 25. Apr 2021, 18:57

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 18:12
Aber wenn du zu gestehst, dass wir den Begriff des Unwesentlichen hier und da brauchen, dann ist der Begriff des Unwesentlichen nicht verzichtbar und auch nicht unlogisch.

Wir können doch nicht im Ernst darüber streiten, dass es für die Frage, ob etwas ein Tisch ist, kontingent ist, dass der Tisch blau, grün, weiß, gelb oder schwarz ist.
Ich bestreite gar nicht, dass ein Tisch blau oder grün oder braun sein oder irgendeine bestimmte Farbe haben müsse, um Tisch zu sein. Ich sage nur, wir können einen Gegenstand in seiner Wesentlichkeit nicht würdigen, wenn wir meinen, er sei nur Gegenstand im Sinne von g (z.B. ihn aus der Optik der kontigent eingefärbten Dinge beschreiben)

Wir können für Gegegenstand g, anders gesagt, keinen konkreten Gegenstand einsetzen und meinen, wegen der Begriffsgrenze von g fielen gewisse Eigenschaften als unwesentliche an ihm an. Das würde der Existenz des konkreten Dings nicht gerecht.

Wenn wir also sagen, gewisse Eigenschaften seien unwesentlich, dann ist das vielleicht sprachpragmatisch richtig, indem wir bspw. auf etwas (für uns) Wesentliches hinweisen oder Teilbereiche des Dings als wesentlich im Sinne unserer Rede über ihn hervorheben. Es wäre aber falsch zu glauben, dass dieses Eingrenzen das Wesentliche (des konkreten Dings) schlechthin erfasste (weil alles wesentlich an ihm ist).



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So 25. Apr 2021, 19:00

Unlogisch ist das Ganze vor dem Hintergrund einer neutralen Ontologie. Wenn es keinen privilegierten Eigenschaftsbereich gibt, dann gibt es logischerweise auch keine wesentlicheren Eigenschaften.



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Jörn Budesheim
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So 25. Apr 2021, 19:06

Alethos hat geschrieben : Wir meinen, es gebe es so etwas wie „Tische“ auch ohne die entsprechenden Dinge, die tatsächlich Tische sind. Aber ohne letztere gibt es schliesslich auch keine Eigenschaftsbereiche und somit überhaupt gar nichts.
Alethos hat geschrieben : Wenn es keinen privilegierten Eigenschaftsbereich gibt, dann gibt es logischerweise auch keine wesentlicheren Eigenschaften.
Gerade weil es Eigenschaftsbereiche gibt, können und müssen wir zwischen wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften unterscheiden. Weil es keinen privilegierten Eigenschaftsbereich gibt, gibt es logischerweise wesentliche Eigenschaften. Dieses x dort hat unendlich viele Eigenschaften, aber nur einige davon führen dazu, dass wir es zurecht als Tisch bezeichnen und in das Sinnfeld Wohnzimmer einordnen können. Einige Eigenschaften, die dieses x dort besitzt, machen es zum Tisch, viele andere davon sind für das Tischsein unerheblich. Gerade bei Dingen, die bestimmte Funktionen erfüllen ist es ja oft so, dass sie in ganz verschiedenen Arten und Weisen realisiert sein können, ohne dass die Funktion beeinträchtigt wird.



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AndreaH
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So 25. Apr 2021, 19:14

Wenn ich z.B. ein Gedicht über Vertrauen schreiben möchte, dann brauche ich schon die wesentliche Merkmale die mich darüber im Klaren werden lassen, was Vertrauen wirklich ist.
Genauso denke ich, wenn ich jemandem erkläre, der keinen Tisch kennt, dem werde ich auch die wesentlichen Eigenschaften nennen um einen Tisch zu beschreiben.



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So 25. Apr 2021, 22:11

Wir haben einen anderen Begriff von Wesentlichkeit, wie mir scheint. Für euch scheint das Wesentliche jenes zu sein, was ein Ding auszeichnet als Sinnbild für seinen Begriff. Für mich ist das Wesen eines Dings die Gesamtheit seiner Eigenschaften, das ihn als Individuum auszeichnet.



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Mo 26. Apr 2021, 06:29

Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 22:11
Wir haben einen anderen Begriff von Wesentlichkeit, wie mir scheint. Für euch scheint das Wesentliche jenes zu sein, was ein Ding auszeichnet als Sinnbild für seinen Begriff.
Ich spreche eigentlich nicht von Dingen, sondern von Gegenständen. Aber das beiseite gelassen: Was ich unter den wesentlichen (=essentiellen) Eigenschaften eines Gegenstandes verstehe, das habe ich weiter oben mit dem Bild des Rezeptes erläutert. Manche Eigenschaften kann ein Gegenstand nur um den Preis seines Endes verlieren, das heißt, sie gehören zwingend zum "Rezept". Wenn Freddy, der geliebte Kater, seine Vitalfunktionen verliert, dann ist er nicht mehr Freddy.
Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 22:11
Für mich ist das Wesen eines Dings die Gesamtheit seiner Eigenschaften, das ihn als Individuum auszeichnet.
Dann frage ich mich jedoch welche Bewandtnis der Ausdruck "Wesen" überhaupt noch hat, wenn er nicht mehr die notwendigen Eigenschaften von den nicht notwendigen Eigenschaften unterscheidet. Eine der Eigenschaften, die mir besonders wichtig ist und die ich mit dem Kater Freddy teile, ist dass ich lebe. Es gibt mich als Individuum nicht mehr, wenn ich diese Eigenschaft verliere. Daher ist sie wesentlich. Der Umstand, dass ich heute morgen weder gekämmt noch rasiert bin, ist hingegen nicht wesentlich.



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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 26. Apr 2021, 06:29
Der Umstand, dass ich heute morgen weder gekämmt noch rasiert bin, ist hingegen nicht wesentlich.
Für mich wäre das - unter bestimmten Umständen - eine wesentliche Eigenschaft: Ich mag nur Männer, die schon am frühen Morgen wie aus dem Ei gepellt aussehen! :-)

Daraus ergibt sich meiner Meinung nach auch schon, dass der Begriff des Wesens oder des Wesentlichen nicht absolut, sondern zweck- oder anlassgebunden ist: Er ergibt sich aus einem Wechselspiel zwischen den Eigenschaften eines Gegenstandes und der Absicht oder dem Anlass, weswegen ich jetzt seine wesentlichen Eigenschaften festlegen will. Daraus wiederum folgt, dass diese Zuschreibung anders ausfallen kann, wenn ich den Gegenstand unter einem anderen Aspekt bewerte. Die Zuschreibung wesentlicher Eigenschaften ist nicht willkürlich, denn sie bezieht sich auf einen konkreten, begrenzten Gegenstand; aber sie ergibt sich auch nicht unmittelbar aus der Sache selbst, sondern ist das Ergebnis eines gedanklichen Prozesses.




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Mo 26. Apr 2021, 09:18

Alethos hat geschrieben :
So 25. Apr 2021, 22:11
Wir haben einen anderen Begriff von Wesentlichkeit, wie mir scheint. Für euch scheint das Wesentliche jenes zu sein, was ein Ding auszeichnet als Sinnbild für seinen Begriff. Für mich ist das Wesen eines Dings die Gesamtheit seiner Eigenschaften, das ihn als Individuum auszeichnet.
Alethos, ich hatte gestern gedacht, du würdest hier, um es mit Adorno auszudrücken, so etwas wie den Vorrang des Objekts vor dem zurichtenden Zugriff durch das Subjekt verteidigen wollen. Aber da lag ich wohl falsch, wie ich jetzt sehe. Oder vielleicht doch nicht?




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Jörn Budesheim
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Jovis hat geschrieben :
Mo 26. Apr 2021, 09:10
Ich mag nur Männer, die schon am frühen Morgen wie aus dem Ei gepellt aussehen!
Okay, ich werde in Zukunft drauf achten :-)
Jovis hat geschrieben :
Mo 26. Apr 2021, 09:10
Daraus ergibt sich meiner Meinung nach auch schon, dass der Begriff des Wesens oder des Wesentlichen nicht absolut, sondern zweck- oder anlassgebunden ist
Jetzt im Ernst :-) Ich finde nicht, dass sich das daraus ergibt. Es ergibt sich nur, dass der Begriff nicht in allen Fällen absolut ist. Das (der generelle "Absolutismus") ist auch keine Position, die ich vertrete. Esstische gibt es nur für Wesen, die am Tisch essen. Das ändert aber nichts daran, dass Esstische wesentliche Eigenschaften haben, die sie zu dem machen, was sie sind, finde ich.



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