Warum es den Stuhl doch gibt

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
Antworten
Benutzeravatar
Alethos
Beiträge: 4225
Registriert: Do 17. Aug 2017, 15:35
Wohnort: Schweiz

Mi 15. Sep 2021, 22:11

Wenn wir die Teile, die einen Stuhl bilden - jedes einzelne Atom, das Stuhlbein etc. - alle Teile, die dieses Ding zum Stuhl machen, zusammensetzen, erhalten wir einen Stuhl. Warum sollte es da neben dem Zusammengesetzen noch so etwas geben wie „den Stuhl?“.

Das Ganze des Stuhls, wäre es definiert durch alle seine Teile, bräuchte neben den Zusammengesetzten ja nicht noch einen weiteren Teil, der alle diese Teile zusammenhielte als Einheit: Sie allein, die Teile, wären das Ganze.

Dann aber nehmen wir einen Teil weg: Ein Atom oder zwei. Vielleicht ein Stuhlbein: Warum bleibt denn dieses Ganze in der Einheit dennoch ein Stuhl, wenn das Ganze mit der Summe seiner Teile identisch ist?

Der Stuhl ist also nicht identisch mit seinen Teilen, dann aber kann er auch nicht als Zusammengesetzes existieren durch seine Teile, er existiert, wenn überhaupt, durch sich als Ganzes. Und wir können von ihm so viele Teile wegnehmen, wie wir wollen, sogar alle Teile wegnehmen oder sie neu zusammensetzen, z.B. aus neuen Formen oder in einer Zeichnung darstellen, diesen Stuhl auch „nur“ imaginieren: Er wird immer existieren als das, was er ist, durch sich selbst im Kontext seiner Erscheinungsform als dieses autonome Ding. Selbst dann wird er existieren, wenn es ihn gar nicht gäbe, weil er es ja wäre, der nicht existierte. Er existierte also gar nie gar nicht: folglich gibt es den Stuhl.

Der ontologische Realist weiss das. Für ihn steht fest: Das Ganze des Stuhls existiert vor seinen Teilen: als Begriff aus eigener Kraft.





-------------------------------
Alle lächeln in derselben Sprache.

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 16459
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 16. Sep 2021, 19:14

Hab jetzt erst die Hälfte gesehen, ist aber sehr lustig.



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

"Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen seyn, sich für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich zu halten." (Fichte)

Benutzeravatar
Alethos
Beiträge: 4225
Registriert: Do 17. Aug 2017, 15:35
Wohnort: Schweiz

Fr 17. Sep 2021, 09:46

Ja, das Video ist leider auf Englisch, aber es werden die wichtigsten ontologischen Theorien auf anschauliche Art gestreift.



-------------------------------
Alle lächeln in derselben Sprache.

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 16459
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Fr 17. Sep 2021, 10:02

Vielen Autoren, die dort genannt werden, begegnet man auch in den Texten von Gabriel übrigens.



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

"Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen seyn, sich für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich zu halten." (Fichte)

Antworten