Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 19. Jun 2026, 08:22
Die beiden Aussagen passen für mich nicht zusammen: Im ersten Zitat ist ausdrücklich von
allgemeinen Bedingungen (und nicht von konkreten Token) die Rede, denen Zeichen entsprechen
sollen. In deinem eigenen Kommentar wird das jedoch ohne Begründung wieder eingezogen: Die allgemeinen Bedingungen verschwinden, und übrig bleiben nur noch konkrete materielle Token. Und das Sollen wurde vom Nebel verschluckt.
Damit ignorierst du sowohl den Begründungszusammenhang als auch die explizit genannte Normativität. Nochmal: Die Zeichen
sollen - gemäß deinem Zeugen - den allgemeinen Bedingungen entsprechen. Das heißt: Nicht die Zeichen begründen die logischen Bedingungen, sondern die Zeichen
sollen sich an ihnen orientieren. Die allgemeinen Bedingungen gehen den einzelnen Zeichen daher logisch voraus. Sie können folglich nicht einfach mit konkreten materiellen Token identifiziert werden.
"Wie die Ethik kann man auch die Logik eine normative Wissenschaft nennen. Wie muss ich denken, um das Ziel, die Wahrheit, zu erreichen? Die Beantwortung dieser Frage erwarten wir von der Logik, aber wir verlangen nicht von ihr, dass sie auf das Besondere jedes Wissensgebietes und deren Gegenstände eingehe; sondern nur das Allgemeinste, was für alle Gebiete des Denkens Geltung hat, anzugeben, weisen wir der Logik als Aufgabe zu. Die Regeln für unser Denken und Fürwahrhalten müssen wir [als] bestimmt denken durch die Gesetze des Wahrseins. Mit diesen sind jene gegeben. Wir können mithin auch sagen: die Logik ist die Wissenschaft der allgemeinsten Gesetze des Wahrseins."
(Frege, Gottlob. "Logik." 1897. In Gottlob Frege: Schriften zur Logik und Sprachphilosophie; Aus dem Nachlass, hrsg. v. Gottfried Gabriel, 4. Aufl., 35-73. Hamburg: Meiner, 2001. S. 38-9)
Frege erwähnt den normativen Aspekt der Logik ausdrücklich: Halte dich an die "allgemeinsten Gesetze des Wahrseins", wenn du "das Ziel, die Wahrheit" erreichen willst!
Die logischen Gesetze bringen allgemeine Bedingungen in Gestalt von
Wenn-dann-Sätzen zum Ausdruck, die aus materialistischer Sicht in der Wirklichkeit nur als konkrete Token (Exemplare) vorkommen.
"Ohne die Implikation wäre unser Aussagensystem größtenteils bedeutungslos; nur das Nebensächliche würde Sinn ergeben. Doch die Implikation ist nicht wirklich ein zusätzlicher Faktor; denn zu sagen, dass eine Aussage eine zweite logisch impliziert, ist dasselbe wie zu sagen, dass eine dritte Aussage des Systems – eine aus den beiden anderen gebildete „Wenn-Dann“-Verbindung – logisch wahr oder „gültig“ ist. Logische Wahrheiten sind Aussagen, die den übrigen gleichgestellt sind, aber eine sehr zentrale Stellung einnehmen; es handelt sich um Aussagen in Formen wie „p oder nicht p“, „Wenn p, dann p“, „Wenn p und q, dann q“, „Wenn alles so und so ist, dann ist etwas so und so“ sowie um andere, komplexere und weniger auf den ersten Blick erkennbare Formen. Ihr Merkmal ist, dass sie nicht nur wahr sind, sondern auch dann wahr bleiben, wenn wir ihre Bestandteile nach Belieben ersetzen, vorausgesetzt lediglich, dass die sogenannten „logischen“ Wörter „=“, „oder“, „nicht“, „wenn-dann“, „alles“, „etwas“ usw. unverändert bleiben. Wir können beliebige Aussagen an die Stellen „p“ und „q“ und beliebige Begriffe an die Stellen „so und so“ in den oben genannten Formen einsetzen, ohne Falschheit befürchten zu müssen.
Alles, was zählt, wenn eine Aussage logisch wahr ist, ist ihre Struktur in Bezug auf die logischen Wörter. Daher wird gemeinhin gesagt, dass logische Wahrheiten allein aufgrund der Bedeutungen der logischen Wörter wahr sind.
Die Hauptbedeutung der Logik liegt in der Implikation…" [übersetzt von DeepL]
(Quine, W. V. Methods of Logic. 4th ed. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1982. p. 4)
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 19. Jun 2026, 08:22
Darüber hinaus fehlt in deinem Ansatz jede Begründung dafür, warum Logik gewissermaßen erst mit den Zeichen „zur Welt kommt“. Warum sollte es sich dabei nicht um „metaphysische“ Gesetze handeln? Dass etwas nicht zugleich „so und so“ und im selben Sinn nicht „so und so“ sein kann, ist nicht nur ein Gesetz der Zeichen, der Sprache oder des Denkens, sondern etwas Grundlegenderes, das diesen vorausgeht und sie überhaupt erst möglich macht.
Was
logisch unmöglich ist, ist ebenfalls sowohl
metaphysisch/ontologisch unmöglich als auch
physiko-nomologisch (naturgesetzlich) unmöglich, sodass insofern ein Bezug zum außersprachlichen Sein vorhanden ist.
Wenn man die sogenannte Aussagenlogik (
propositional logic) nicht als Logik
sprachlicher Sätze oder von Satzbedeutungen (Propositionen) auffasst, sondern als Logik
außersprachlicher und nichtpropositionaler Sachverhalte, dann verlagert man sie auf die ontologische Ebene; und die Satzlogik wird damit zu einer sprach- und allgemein zeichenunabhängigen Seinslogik, zu einer Logik der allgemeinen Bedingungen und Beziehungen von Sachverhalten.
Es liegt dann beispielsweise im Wesen des Seins, in der Natur der Dinge selbst, dass derselbe Sachverhalt nicht zugleich bestehen und nicht bestehen kann, und dass (im Rahmen der Prädikatenlogik) ein Ding dieselbe Eigenschaft nicht zugleich haben und nicht haben kann.
Doch wenn es überhaupt (nichtpropositionale) Sachverhalte gibt, dann gibt es sicher keine
Bedingungssachverhalte als nichtsprachliche Entsprechungen sprachlicher
Bedingungssätze (
Wenn-dann-Sätze). Denn wenn es um Sachverhalte als "gegenständliche Gebilde der Form 'b-sein des A'" (A. Reinach) geht, dann wäre ein Bedingungssachverhalt ein höchst seltsames gegenständliches Gebilde der Form
"b-Sein-des-A-wenn-d-sein-des-C".