Consul hat geschrieben : ↑ So 5. Jul 2026, 21:31
Wenn der
nichtreduktive Materialismus/Physikalismus in ontologischer Hinsicht aus einer Kombination des
materialistischen Substanzmonismus (Anti-Substanzdualismus) und des
Attributsdualismus besteht—so wie von Kim definiert—, dann ist er in meinen Augen nicht anderes als der
emergentive Materialismus (materialistische Emergentismus).
Charlie Broad unterscheidet drei Versionen des Materialismus in seiner bekannten Taxonomie (in
The Mind and its Place in Nature, 1925):
1.
"pure materialism" (= eliminative materialism)
2.
"reductive materialism"
3.
"emergent materialism" (= nonreductive materialism)
Als alter Latein-Leistungskursler konnte ich das Folgende nicht lassen:
Broads Buch ist die älteste Quelle, die ich bezüglich der Phrase
"emergent materialism" gefunden habe:
"Materiality is a differentiating attribute, and mentality is an emergent characteristic. This I will call “Emergent Materialism”."
(Broad, C. D. The Mind and its Place in Nature. London: Kegan Paul, 1925. p. 610)
(Broad spricht auf derselben Seite auch von einem
"Emergent Mentalism", worauf ich hier nicht eingehen werde.)
Ich selbst habe schon
"emergentiver Materialismus" statt
"emergenter Materialismus" verwendet, weil mir das Adjektiv
"emergentiv" hier besser erschien als
"emergent". Denn ein emergenter Materialismus ist—sprachlich genau genommen—ein Materialismus,
der selbst emergent ist, was mit "emergenter M." aber nicht gemeint ist. Es geht dabei um
emergente Entitäten (Attribute oder Substanzen) und nicht um die Emergenz
des Materialismus. Historisch betrachtet sind alle Materialismen emergent, d.h. irgendwann in der Philosophiegeschichte aufgetaucht, einschließlich des
eliminativen M. und des
reduktiven M.
Man kann einfach
"emergentistischer M." schreiben, womit die terminologische Angelegenheit sprachlich sauber erledigt wäre; aber da die Bezeichnungen
"eliminativer M." und
"reduktiver M." (als kürzere Alternativen zu
"eliminativistischer M." und
"reduktionistischer M.") in der philosophischen Fachsprache seit langem gang und gäbe sind, wäre es gut, auch einen kürzeren Namen für die
emergentistische Version des Materialismus zu haben.
Auf das englische Adjektiv
"emergentive" bin ich erstmals in einem Buch des Philosophen Peter Unger gestoßen; und ich habe danach einfach das entsprechende deutsche Adjektiv
"emergentiv" verwendet und von einem
"emergentiven M." gesprochen.
"…Emergentive Substantial Dualism…"
"…Emergentive Dualism…"
(Unger, Peter. All the Power in the World. New York: Oxford University Press, 2006. pp. 338+458)
Ich habe das Adjektiv
"emergentive" bzw.
"emergentiv" jedoch in keinem englischen oder deutschen Wörterbuch gefunden. Was ich hingegen gefunden habe, ist das Wort
"immersive" bzw. "
immersiv", zu dem es auch ein Substantiv
"immersion" bzw.
"Immersion" gibt:
DUDEN:
https://www.duden.de/rechtschreibung/immersiv
https://www.duden.de/rechtschreibung/Immersion
"
immergo, mersī, mersum, ere (in u. mergo), in etw. eintauchen, untertauchen, tauchend einsenken, tauchend hineinstecken, versenken…übtr., übh. versenken, tief hineinstecken, verstecken."
(Georges, Karl Ernst.
Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover, 1913:
http://www.zeno.org/Georges-1913/A/immergo?hl=immergo)
"
immersio, ōnis, f. (immergo), das Untertauchen, Versenken."
(Georges, Karl Ernst. Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover, 1913:
http://www.zeno.org/Georges-1913/A/immersio?hl=immersio)
Das lateinische Verb
"immergere" ist einfach das Gegenwort zu
"emergere":
"
emergo, mersi, mersum, ere, I) tr. auftauchen machen od. lassen…auftauchen, aus einer verbergenden Tiefe (Wasser usw.) emporkommen, zum Vorschein kommen,…B) übtr., emporkommen, befreit werden, sich losmachen…II) intr. auftauchen, emportauchen, emporkommen, zum Vorschein kommen…B) übtr.: 1) emportauchen, aus einer üblen Lage sich erholen, von etwas loskommen, sich losmachen…2) emporkommen, emporsteigen…3) zum Vorschein kommen, sichtbar werden, sich zeigen, erhellen."
(Georges, Karl Ernst.
Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover, 1913:
http://www.zeno.org/Georges-1913/A/emergo?hl=emergo)
Seltsamerweise findet sich im Georges nur das Substantiv
"immersio", aber nicht das Substantiv
"emersio", sondern nur das Substantiv
"emersus". Es kann sein, dass
"emersio" erst später als neulateinisches Wort hinzukam.
"emergo, gis, si, sum, gere, Verbum intransitiv.…b) Partizip emergens…c) Derivata, emersio, emersus, us."
(Forcellinus, Aegidius, Josephus Furlanettus, & Vincentius De-Vit. Totius Latinitatis Lexicon. Tomus Secundus: C–Ex. Prati: Typis Aldinianis, 1861. S. 852)
"emersio, onis, f. Hervortauchen, Austritt."
(Schlickum, Oskar. Lateinisch-deutsches Special-Wörterbuch der pharmazeutischen Wissenschaften. Leipzig: E. Günther, 1879. S. 210)
Lange Rede, kurzer Sinn – mein Punkt ist nun folgender:
Das Adjektiv
"emergentiv" ist das Ergebnis einer grammatikalisch unsauberen Wortbildung.
Denn das Partizip Präsens des Verbs
"emergere" ist
"emergens" (wovon
"emergent" abgeleitet ist), und sein Partizip Perfekt ist
"emersus". Ein davon richtigerweise abgeleitetes deutsches Adjektiv ist also
"emersiv" und nicht
"emergentiv". (Analoges gilt für
"immersiv".)
Ich werde also ab sofort (als Erster) den Ausdruck
"emersiver Materialismus" verwenden (anstelle von
"emergentiver M." oder
"emergenter M."). Dieser ist freilich ein Synonym von
"emergentistischer Materialismus".
Abschließend haben wir dann drei Formen von Materialismus:
1. eliminativer Materialismus
2. reduktiver Materialismus (äquativer Materialismus)
3. emersiver Materialismus (kausativer Materialismus [falls Emergenz = kausale Emergenz])