Der Materialismus/Physikalismus

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Consul
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So 5. Jul 2026, 21:31

Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 11:23
Timberlake hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 01:20
So das ich mich schon frage, in wie fern diese Hypothese von Lindemann, die eines nicht-reduktiven Physikalisten sind.
Ich stimme hier Consul zu, Nichtreduktiver Physikismus wird offensichtlich unterschiedlich definiert, und dies betrifft wohl auch Lindemann. Aber wie Consul bereits anführt, „für die hiesigen Zwecke ist jedoch keine präzise Formulierung erforderlich; eine Charakterisierung in groben Zügen genügt.“
"Nichtreduktiver Physikalismus
Es herrscht kein Konsens darüber, wie genau der nichtreduktive Physikalismus zu formulieren ist – und zwar aus dem einfachen Grund, dass weder darüber Einigkeit besteht, wie der Physikalismus zu formulieren ist, noch darüber, wie wir Reduktion verstehen sollten.
Wenn der nichtreduktive Materialismus/Physikalismus in ontologischer Hinsicht aus einer Kombination des materialistischen Substanzmonismus (Anti-Substanzdualismus) und des Attributsdualismus besteht—so wie von Kim definiert—, dann ist er in meinen Augen nicht anderes als der emergentive Materialismus (materialistische Emergentismus).

Charlie Broad unterscheidet drei Versionen des Materialismus in seiner bekannten Taxonomie (in The Mind and its Place in Nature, 1925):
1. "pure materialism" (= eliminative materialism)
2. "reductive materialism"
3. "emergent materialism" (= nonreductive materialism)

Dass 1 & 2 "echte" Materialismen sind, bestreitet niemand; aber 3 ist vielen aufgrund seiner Postulierung emergent-fundamentaler und damit ontisch irreduzibler mentaler Attribute nicht materialistisch genug, um als "echte" Form von Materialismus gelten zu können.
"Nichtreduktiver Physikalismus

Es lässt sich darüber streiten, ob diese drei Thesen einen hinreichend robusten Physikalismus begründen. Die entscheidende Frage ist dabei offensichtlich, ob die formulierte Geist-Körper-Supervenienz für den Physikalismus ausreicht, da Irreduzibilität und kausale Wirksamkeit des Mentalen keinen spezifischen Bezug zum Physikalismus aufweisen – beides wurde schließlich auch von Descartes vertreten. Zudem vertrat auch der klassische Emergentismus – der üblicherweise nicht als eine Form des Physikalismus gilt – alle drei Thesen, was ihn zur Zielscheibe des Supervenienzarguments macht." [übersetzt von Google]

(Kim, Jaegwon. Physicalism, or Something Near Enough. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2005. pp. 33-5)



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Jörn P Budesheim
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Mo 6. Jul 2026, 08:11

Consul hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 20:52
Dualismus
Hä? Wo spreche ich davon???



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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Consul
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Mo 6. Jul 2026, 21:55

Ein neuer Blogtext von Colin McGinn – "Futter" für Antiphysikalisten! 8-)

In einem Kommentar zu einem Kommentar schreibt er:

"No physicist was ever a physicalist." / "Kein Physiker war jemals ein Physikalist." (C. McGinn)

Ein schöner, aber falscher Satz. (Der Nobelpreisträger Steven Weinberg ist ein Gegenbeispiel.)
"Physikalismen

Das Wort „Physikalismus“ verbirgt eine Vielzahl von Sünden: Es ist vage, hochtrabend und äußerst rätselhaft. Was bedeutet es? Sagen Sie bloß nicht, es bedeute „das, was Physiker tun“ – das ist ein Zirkelschluss und sagt nichts aus. Außerdem unterscheidet sich die Physik von Physiker zu Physiker: Wessen Physik meinen wir? Meinen wir Descartes’ Physik, in deren Mittelpunkt die Begriffe der Ausdehnung und des Mechanismus stehen? Wenn ja, dann ist der leere Raum physikalisch. Meinen wir Lockes Physik, in der die Undurchdringlichkeit der zentrale Begriff ist? Meinen wir Newtons Physik, in der es die Begriffe Masse, Kraft und Beschleunigung (sowie die Schwerkraft) gibt? Ist Bewegung das Wesen des Physikalischen/Physischen (der Materie)? Meinen wir Clerk-Maxwells elektromagnetische Physik mit ihren Feldern und ätherischen Kräften? Meinen wir Einsteins Physik und ihr Instrumentarium aus Bezugssystemen, Lichtgeschwindigkeit, der Ablehnung absoluter Gleichzeitigkeit, Zeitdilatation und gekrümmter Raumzeit? Dies ist konzeptionell wesentlich reichhaltiger als frühere Vorstellungen vom Physikalischen/Physischen. Meinen wir die quantenmechanische Physik mit ihrer seltsamen und wunderbaren Ontologie und Dynamik: Indeterminismus, Welle-Teilchen-Dualität, Verschränkung, Zusammenbruch der Wellenfunktion, Auflösung von Teilchen? Oder meinen wir eine energiebasierte Physik, in der undurchdringliche lokalisierte Materieteilchen der Vergangenheit angehören? Oder gehen wir aufs Ganze und entscheiden uns für eine Physik nach Eddington, in der das Wesen der Materie das Bewusstsein (oder etwas Ähnliches) ist, oder für den neutralen Monismus nach Russell? Sagen Sie nicht, wir sollten uns für das entscheiden, was diesen verschiedenen Theorien gemeinsam ist; denn das würde erfordern, dass wir auf den Begriff des „Physikalischen“/„Physischen“ zurückgreifen, für den wir keine Definition haben; und auf der Ebene der grundlegenden theoretischen Begriffe gibt es nichts Gemeinsames zwischen ihnen – sie sind Rivalen. Wir können nicht einmal die Gravitationstheorie mit der Quantentheorie vereinbaren. Es ist wirklich ein Sammelsurium von Ideen, die mit anderen Zielen als der Erklärung des Geistes entwickelt wurden.

Es hilft nicht weiter, eine Ebene höher zu gehen und zu versuchen, das Physikalische/Physische anhand des organischen Körpers zu definieren, etwa unter Bezugnahme auf Verhalten oder das Gehirn. Meinen wir das Verhalten nach Pawlow, Watson, Thorndike oder Skinner – und was ist mit „Verhalten“ gemeint? Sicherlich kein inneres Verhalten, also müssen wir physisches Verhalten meinen – was auch immer das sein mag. Und beziehen wir den Willen in unser Konzept von Verhalten mit ein? Zudem erreichen wir keine Reduktion des Mentalen auf das Physische, wenn Verhalten nicht auf das Physische reduzierbar ist; wir stehen also immer noch vor der Aufgabe, das „Physikalische“/„Physische“ zu erklären. Auch das Gehirn ist keine Hilfe: Welche Theorie des Gehirns – vitalistisch oder mechanistisch, lokalisiert oder ganzheitlich? Welche Eigenschaften des Gehirns sind zulässig – informationelle, panpsychistische, unbekannte? Nein, wir müssen nur das physische Gehirn einbeziehen, wenn der Physikalismus gerechtfertigt werden soll, aber wir müssen das Physikalische/Physische erst noch definieren. Meinen wir damit eine hypothetische zukünftige Physik, die sich ganz von unserer heutigen Physik unterscheidet? Das lässt uns jedoch völlig ohne Konzept zurück und steht im Einklang mit einer zukünftigen Physik, die die gesamte heutige Physik leugnet. Die einzige konkrete Bedeutung wird durch spezifische Theorien gegeben, doch davon gibt es viele – so viele Physikalismen. Wir könnten hoffen, Fortschritte zu erzielen, indem wir das Feld auf ein Konzept eingrenzen, auf das sich alle Theorien einigen – etwa Gestalt oder Bewegung. Angenommen, diese Begriffe sind nicht allzu dehnbar, dann hätten wir zumindest eine klar definierte Theorie des „Physikalismus“ – die wir als „Gestaltismus“ ["shapism"] und „Bewegungsismus“ ["motionism"] bezeichnen könnten. Somit lässt sich der Geist auf Gestalt oder auf Bewegung oder möglicherweise auf beides zurückführen. Doch wer vertritt diese Ansicht? Ohne die Magie dieses nebulösen Wortes „physikalisch“/„physisch“ klingt sie äußerst unglaubwürdig. Welche Form hat Schmerz oder ein Gedanke oder eine Emotion – dreieckig, länglich, sternförmig? Und ist der Geist eine Arena der Bewegung – Gedanken und Gefühle, die wie unzählige schwerelose Geschosse umherflitzen? Mit welcher Geschwindigkeit bewegen sie sich, halten sie jemals an, wie viel langsamer sind sie als die Lichtgeschwindigkeit? Ist schnelles Denken dasselbe Phänomen wie ein Ball, der durch den Raum (die Breite eines Schädels) fliegt? Je spezifischer und konkreter wir also bei dem Versuch werden, eine Formulierung des Physikalismus zu finden, desto mehr Unsinn reden wir. Diese Idee hat schlicht keinen Inhalt – oder einen lächerlichen Inhalt. Niemand behauptet jemals, dass das Geistige (Bewusstsein usw.) dasselbe sei wie Form, Festigkeit, Bewegung, Kraft, Beschleunigung, Elektromagnetismus, gekrümmter Raum, Quantensprünge, Muskelkontraktionen, Speichelfluss, Picken usw. Die Menschen haben einfach nur eine vage (uninformierte) Vorstellung von irgendwelchen obskuren physikalischen/physischen Phänomenen, auf die sich der Geist vielleicht reduzieren ließe, denn die tatsächliche Physik enthält nichts, was auch nur im Entferntesten plausibel wäre. Und wenn der Geist wirklich Materie wäre, müsste dann nicht jede Eigenschaft der Materie den Keim des Geistes in sich tragen – Masse, Form, Beschaffenheit, Schärfe? Paradigmen des Materiellen sind kaum Paradigmen des Geistigen. Wäre der Geist Materie, wäre Materie in ihrer grundlegendsten Form geistig. Daher all das zweideutige Gerede von Emergenz und Supervenienz. Waren frühe Theorien über die Materie, wie sie von den Vorsokratikern vertreten wurden, bereits vernünftige Annäherungen an das Wesen des Bewusstseins?
Hätte ein antiker Grieche behauptet, der Geist sei Schlamm, würden wir dann sagen: „Guter Versuch, alter Freund, aber das muss noch ein wenig verfeinert werden“? Oder der Geist sei Sand, oder der Geist sei Kieselsteine, oder der Geist sei Meerwasser (wobei Materie Süßwasser wäre). Sind moderne Theorien über die Materie wirklich besser geeignet, den Geist zu erklären? Was haben Newtons drei Bewegungsgesetze mit Denken und Fühlen zu tun? Die eigentliche Physik – im Gegensatz zu einer fantasievollen Vorstellung davon – hat nichts mit dem Geist zu tun; ihre Grundbegriffe enthalten keinen Hinweis auf das Geistige. Man könnte genauso gut ein „Botaniker“ des Geistes sein – der Geist bestehe aus Erbsen und Kohl.

Der heutige Physikalismus ist als Theorie des Geistes wirklich nicht plausibler als der Physikalismus des 17. Jahrhunderts; es ist nicht so, als hätte der Fortschritt der Physik dazu geführt, dass er das Geistige heute besser erklären könnte als früher. Wir haben die physikalische/physische Welt dem Geist nicht nähergebracht, als sie in der Vergangenheit erschien. Man könnte meinen, wenn der Physikalismus wahr wäre, hätte der Fortschritt der Physik die physikalische/physische Grundlage des Geistes offenbart, aber nichts dergleichen ist geschehen. Das Physikalische/Physische ist dem Geist nicht näher gekommen als vor dreihundert Jahren (oder vor zweitausend Jahren). Alles, was wir haben, sind lose Korrelationen, keine erklärenden Zusammenhänge." [übersetzt von DeepL & Consul]

Colin McGinn: Physicalisms (Juli 2026)
(Anmerkung: Ich habe das englische Adjektiv "physical" optional mit "physikalisch"/"physisch" übersetzt, weil oft nicht klar ist, ob es am besten mit "physikalisch" oder mit "physisch" zu übersetzen ist.)



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Mo 6. Jul 2026, 22:13

Consul hat geschrieben :
Mo 6. Jul 2026, 21:55
"…den Begriff des „Physikalischen“/„Physischen“ [„physical“]zurückgreifen, für den wir keine Definition haben…"

Colin McGinn: Physicalisms (Juli 2026)
Vielleicht hat McGinn keine Definition anzubieten, andere Philosophen hingegen schon. Ich könnte eine ganze Reihe von Zitaten präsentieren, um dies zu belegen. Ob es Definitionen gibt, die wirklich gelungen und durchweg zufriedenstellend sind, ist eine andere Frage—die McGinn offenkundig verneint.

Ich habe ja selbst schon eine Definition präsentiert, und hier ist ein neue, aber sehr ähnliche Formulierung:

Das Modell einer raumzeitlichen Welt (erfüllt) mit (Formen von) Materie und Energie, aber ohne (Formen von) Leben und Geist/Bewusstsein (sowie ohne Abstrakta im Sinn des Platonismus und ohne "Neutra" im Sinn des neutralen Monismus) repräsentiert eine paradigmatische physische Welt im engeren Sinn.
Was Teil einer solchen Welt ist oder sein könnte, ist im engeren Sinn physisch.
Eine physische Entität im weiteren Sinn ist entweder eine physische Entität im engeren Sinn oder eine Entität, deren Verwirklichung (Realisation) nichts weiter erfordert als geeignete (Komplexe) physische(r) Entitäten im engeren Sinn.

Der (ontisch reduktive) Materialismus/Physikalismus besteht nun in der Behauptung, dass alle Entitäten physische Entitäten im weiteren Sinn sind.
Er beruht, wie gesagt, auf einem fundamentalen Inanimismus: Leben, Geist, Bewusstsein, Sprache, Gesellschaft und Kultur sind keine grundlegenden Erscheinungen der Wirklichkeit.



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Di 7. Jul 2026, 21:58

Consul hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 21:31
Wenn der nichtreduktive Materialismus/Physikalismus in ontologischer Hinsicht aus einer Kombination des materialistischen Substanzmonismus (Anti-Substanzdualismus) und des Attributsdualismus besteht—so wie von Kim definiert—, dann ist er in meinen Augen nicht anderes als der emergentive Materialismus (materialistische Emergentismus).

Charlie Broad unterscheidet drei Versionen des Materialismus in seiner bekannten Taxonomie (in The Mind and its Place in Nature, 1925):
1. "pure materialism" (= eliminative materialism)
2. "reductive materialism"
3. "emergent materialism" (= nonreductive materialism)
Als alter Latein-Leistungskursler konnte ich das Folgende nicht lassen:

Broads Buch ist die älteste Quelle, die ich bezüglich der Phrase "emergent materialism" gefunden habe:
"Materiality is a differentiating attribute, and mentality is an emergent characteristic. This I will call “Emergent Materialism”."

(Broad, C. D. The Mind and its Place in Nature. London: Kegan Paul, 1925. p. 610)
(Broad spricht auf derselben Seite auch von einem "Emergent Mentalism", worauf ich hier nicht eingehen werde.)

Ich selbst habe schon "emergentiver Materialismus" statt "emergenter Materialismus" verwendet, weil mir das Adjektiv "emergentiv" hier besser erschien als "emergent". Denn ein emergenter Materialismus ist—sprachlich genau genommen—ein Materialismus, der selbst emergent ist, was mit "emergenter M." aber nicht gemeint ist. Es geht dabei um emergente Entitäten (Attribute oder Substanzen) und nicht um die Emergenz des Materialismus. Historisch betrachtet sind alle Materialismen emergent, d.h. irgendwann in der Philosophiegeschichte aufgetaucht, einschließlich des eliminativen M. und des reduktiven M.

Man kann einfach "emergentistischer M." schreiben, womit die terminologische Angelegenheit sprachlich sauber erledigt wäre; aber da die Bezeichnungen "eliminativer M." und "reduktiver M." (als kürzere Alternativen zu "eliminativistischer M." und "reduktionistischer M.") in der philosophischen Fachsprache seit langem gang und gäbe sind, wäre es gut, auch einen kürzeren Namen für die emergentistische Version des Materialismus zu haben.

Auf das englische Adjektiv "emergentive" bin ich erstmals in einem Buch des Philosophen Peter Unger gestoßen; und ich habe danach einfach das entsprechende deutsche Adjektiv "emergentiv" verwendet und von einem "emergentiven M." gesprochen.
"…Emergentive Substantial Dualism…"
"…Emergentive Dualism…"

(Unger, Peter. All the Power in the World. New York: Oxford University Press, 2006. pp. 338+458)
Ich habe das Adjektiv "emergentive" bzw. "emergentiv" jedoch in keinem englischen oder deutschen Wörterbuch gefunden. Was ich hingegen gefunden habe, ist das Wort "immersive" bzw. "immersiv", zu dem es auch ein Substantiv "immersion" bzw. "Immersion" gibt:

DUDEN:
https://www.duden.de/rechtschreibung/immersiv
https://www.duden.de/rechtschreibung/Immersion
"immergo, mersī, mersum, ere (in u. mergo), in etw. eintauchen, untertauchen, tauchend einsenken, tauchend hineinstecken, versenken…übtr., übh. versenken, tief hineinstecken, verstecken."

(Georges, Karl Ernst. Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover, 1913: http://www.zeno.org/Georges-1913/A/immergo?hl=immergo)

"immersio, ōnis, f. (immergo), das Untertauchen, Versenken."

(Georges, Karl Ernst. Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover, 1913: http://www.zeno.org/Georges-1913/A/immersio?hl=immersio)
Das lateinische Verb "immergere" ist einfach das Gegenwort zu "emergere":
"emergo, mersi, mersum, ere, I) tr. auftauchen machen od. lassen…auftauchen, aus einer verbergenden Tiefe (Wasser usw.) emporkommen, zum Vorschein kommen,…B) übtr., emporkommen, befreit werden, sich losmachen…II) intr. auftauchen, emportauchen, emporkommen, zum Vorschein kommen…B) übtr.: 1) emportauchen, aus einer üblen Lage sich erholen, von etwas loskommen, sich losmachen…2) emporkommen, emporsteigen…3) zum Vorschein kommen, sichtbar werden, sich zeigen, erhellen."

(Georges, Karl Ernst. Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover, 1913: http://www.zeno.org/Georges-1913/A/emergo?hl=emergo)
Seltsamerweise findet sich im Georges nur das Substantiv "immersio", aber nicht das Substantiv "emersio", sondern nur das Substantiv "emersus". Es kann sein, dass "emersio" erst später als neulateinisches Wort hinzukam.
"emersus, ūs, m. (emergo), das Auftauchen, Emporkommen, Zum-Vorschein-Kommen, Sichtbarwerden"

(Georges, Karl Ernst. Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover, 1913: http://www.zeno.org/Georges-1913/A/emersus?hl=emersus)
"emergo, gis, si, sum, gere, Verbum intransitiv.…b) Partizip emergens…c) Derivata, emersio, emersus, us."

(Forcellinus, Aegidius, Josephus Furlanettus, & Vincentius De-Vit. Totius Latinitatis Lexicon. Tomus Secundus: C–Ex. Prati: Typis Aldinianis, 1861. S. 852)

"emersio, onis, f. Hervortauchen, Austritt."

(Schlickum, Oskar. Lateinisch-deutsches Special-Wörterbuch der pharmazeutischen Wissenschaften. Leipzig: E. Günther, 1879. S. 210)
Lange Rede, kurzer Sinn – mein Punkt ist nun folgender:
Das Adjektiv "emergentiv" ist das Ergebnis einer grammatikalisch unsauberen Wortbildung.
Denn das Partizip Präsens des Verbs "emergere" ist "emergens" (wovon "emergent" abgeleitet ist), und sein Partizip Perfekt ist "emersus". Ein davon richtigerweise abgeleitetes deutsches Adjektiv ist also "emersiv" und nicht "emergentiv". (Analoges gilt für "immersiv".)
Ich werde also ab sofort (als Erster) den Ausdruck "emersiver Materialismus" verwenden (anstelle von "emergentiver M." oder "emergenter M."). Dieser ist freilich ein Synonym von "emergentistischer Materialismus".

Abschließend haben wir dann drei Formen von Materialismus:

1. eliminativer Materialismus
2. reduktiver Materialismus (äquativer Materialismus)
3. emersiver Materialismus (kausativer Materialismus [falls Emergenz = kausale Emergenz])



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Jörn P Budesheim
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Mi 8. Jul 2026, 08:20

Colin McGinn: "Der heutige Physikalismus ist als Theorie des Geistes wirklich nicht plausibler als der Physikalismus des 17. Jahrhunderts." So ist es. Es gibt nicht den geringsten Grund, zu behaupten, dass Physikalismus eine plausible Metaphysik ist.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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Mi 8. Jul 2026, 19:41

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Jul 2026, 08:20
Colin McGinn: "Der heutige Physikalismus ist als Theorie des Geistes wirklich nicht plausibler als der Physikalismus des 17. Jahrhunderts." So ist es. Es gibt nicht den geringsten Grund, zu behaupten, dass Physikalismus eine plausible Metaphysik ist.
* Doch, unser naturwissenschaftliches Wissen über die kontinuierliche Evolution des Universums seit dem Urknall gibt uns einen sehr guten Grund zu behaupten, dass sowohl die Abiogenesis (Entstehung von Leben aus Nichtleben) als auch die Apsychogenesis (Entstehung von Geist/Bewusstsein aus Nichtgeist/Nichtbewusstsein) ohne eine göttliche oder sonstige übernatürliche Hinzufügung irgendwelcher physikalisch-chemisch irreduzibler Entitäten möglich war und auch stattfand.
"Wie könnte eine nichtphysische Eigenschaft oder Entität plötzlich im Laufe der tierischen Evolution entstehen? Die Veränderung eines Gens ist eine Veränderung eines komplexen Moleküls, die eine Veränderung der Biochemie der Zelle bewirkt. Dies kann zu Veränderungen in der Form oder Organisation des sich entwickelnden Embryos führen. Aber welcher chemische Prozess könnte dazu führen, dass etwas Nichtphysisches ins Leben gerufen wird? Kein Enzym kann die Produktion eines Spuks katalysieren! Vielleicht wird man sagen, dass das Nichtphysische als Nebenprodukt entsteht: Wenn es eine bestimmte komplexe physische Struktur gibt, dann gibt es aufgrund eines irreduziblen extraphysikalischen Gesetzes auch eine nichtphysische Entität. Solche Gesetze würden außerhalb der normalen wissenschaftlichen Vorstellungen liegen und wären völlig unerklärlich: Sie wären, um es mit Herbert Feigls Worten zu sagen, "nomologische Anhängsel" ["nomological danglers"]. Wir können, gelinde gesagt, unsere kosmologische Sichtweise erheblich vereinfachen, wenn wir eine materialistische Philosophie des Geistes vertreten können." [Übersetzt von DeepL mit einer Änderung meinerseits]

(Smart, J. J. C. "Materialism." Journal of Philosophy 60/22 (1963): 651-662. p. 660)
* McGinn unterscheidet nicht zwischen den drei Versionen des Materialismus (Physikalismus)–siehe oben!—, aber er scheint den reduktiven M. zu meinen. Wenn man diesen und auch die beiden anderen Materialismen ablehnt, was ist denn dann plausibler?! (Der Substanzdualismus? Der Vitalismus? Der Panpsychismus? Der eliminative, reduktive oder emersive Mentalismus/Spiritualismus? )



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Mi 8. Jul 2026, 20:01

Consul hat geschrieben :
Mi 8. Jul 2026, 19:41
ohne eine göttliche oder sonstige übernatürliche
Ich für meinen Teil glaube keineswegs das Zahlen z.b etwas göttliches oder übernatürliches sind. Aber es ist dir unbelassen, so etwas zu denken.



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Mi 8. Jul 2026, 20:21

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Jul 2026, 20:01
Ich für meinen Teil glaube keineswegs das Zahlen z.b etwas göttliches oder übernatürliches sind. Aber es ist dir unbelassen, so etwas zu denken.
* Es ist unsinnig, den mathematischen Platonismus zu den naturalistischen Positionen zu zählen.

* Ich spreche in meinem vorherigen Beitrag nicht von Abstrakta, sondern von der evolutionären Entstehung und Entwicklung vitaler Konkreta und mentaler Konkreta!
Erzähle doch mal (in groben Zügen) deine alternative, nichtmaterialistische Evolutionsgeschichte des konkreten Universums!
Du scheinst ja der Meinung zu sein, dass für die Bildung von Lebewesen und insbesondere von beseelten/bewussten Lebewesen rein physikalische/chemische "Zutaten" nicht ausreichen.



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Mi 8. Jul 2026, 20:30

"Das Wort „Panpsychismus“ bedeutet wörtlich, dass alles einen Geist besitzt. In zeitgenössischen Debatten wird es jedoch allgemein als die Auffassung verstanden, dass Mentalität in der natürlichen Welt fundamental und allgegenwärtig ist. In Verbindung mit der weit verbreiteten Annahme (die im Folgenden nochmals betrachtet wird), dass fundamentale Dinge nur auf der Mikroebene existieren, impliziert der Panpsychismus somit, dass zumindest bestimmte Arten von Entitäten auf der Mikroebene über Mentalität verfügen und dass Exemplare dieser Arten in allen Dingen des materiellen Universums vorkommen. Während der Panpsychist also vertritt, dass Mentalität in der gesamten natürlichen Welt verbreitet ist – in dem Sinne, dass alle materiellen Objekte über Teile mit mentalen Eigenschaften verfügen –, muss er nicht die Ansicht vertreten, dass buchstäblich alles einen Geist besitzt; er muss beispielsweise nicht behaupten, dass ein Stein mentale Eigenschaften aufweist (sondern lediglich, dass die fundamentalen Bestandteile des Steins dies tun)." [übersetzt von Google]

Panpsychism: https://plato.stanford.edu/entries/panpsychism/
Ist der so definierte Panpsychismus mit dem Physikalismus bzw. einer der drei Versionen davon vereinbar?

1. eliminativer Physikalismus: Nein (offensichtlich).

2. reduktiver Physikalismus: Nein. Wenn es mikropsychische Eigenschaften gäbe und sie aus (mindestens zwei) mikrophysischen Eigenschaften bestünden (summativ resultierten), dann wären sie nicht fundamental und bildeten keine irreduzible Kategorie sui generis.

Der reduktive Physikalismus ist (überraschenderweise) mit der These vereinbar, dass alle oder zumindest einige Arten mikrophysischer Objekte psychische Eigenschaften haben, sofern diese physikalisch reduzibel sind. Bloße Vereinbarkeit bedeutet freilich nicht Tatsächlichkeit; und reduktive Physikalisten wie ich glauben nicht daran, dass einzelne Moleküle, Atome, oder Partikel tatsächlich psychische Eigenschaften besitzen.

3. emersiver Physikalismus: Ja, sofern mikropsychische Eigenschaften von nichts weiter als mikrophysischen Eigenschaften hervorgebracht oder verursacht werden (und entsprechend davon seinsabhängig sind), sodass sie nur relativ fundamental (= emergent-fundamental) und nicht absolut fundamental (= nichtemergent-fundamental) sind.
Dem emersiven Physikalismus zufolge sind emergente (mikro- oder makro-)psychische Eigenschaften emergente physische Eigenschaften, wenngleich nicht (rein) physikalische—in dem Sinn, dass nur die Wissenschaft der Physik dafür zuständig ist.



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Mi 8. Jul 2026, 20:52

Consul hat geschrieben :
Mi 8. Jul 2026, 20:30
"Das Wort „Panpsychismus“ bedeutet wörtlich, dass alles einen Geist besitzt. In zeitgenössischen Debatten wird es jedoch allgemein als die Auffassung verstanden, dass Mentalität in der natürlichen Welt fundamental und allgegenwärtig ist.…" [übersetzt von Google]

Panpsychism: https://plato.stanford.edu/entries/panpsychism/
Genau genommen werden hier zwei verschiedene Thesen zusammengepackt, die eigentlich voneinander unabhängig sind:

1. Mentalität ist ontologisch (absolut, nichtemergent) fundamental (und damit ontologisch irreduzibel).
2. Mentalität ist kosmisch allgegenwärtig.

1 ist mit allen drei Formen des Materialismus unvereinbar. (Der emersive M. ist nur mit einer nichtabsoluten, emergenten Fundamentalität des Geistigen/Seelischen vereinbar.)
2 ist mit dem eliminativen M. unvereinbar, aber sowohl mit dem reduktiven M. als auch mit dem emersiven M. vereinbar. Nichtsdestoweniger bestreiten Materialisten in der Regel die Allgegenwart des Geistigen/Seelischen in der Welt. (Ich bin hinsichtlich dessen ein biologischer Physikalist, der glaubt, dass psychische/psychophysische Phänomene nur in biologischen Organismen vorkommen.)



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