Der Materialismus/Physikalismus

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Consul
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Fr 26. Jun 2026, 20:18

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 26. Jun 2026, 07:28
Du hast es eben gerade wieder demonstriert: Das Physische ist Materie-Energie-Raum-Zeit. Aber damit ist die Frage an den Materialismus eben wieder offen gelassen. Denn, was Materie-Energie-Raum-Zeit sind, das wissen wir schließlich nicht. Du sitzt also auf diversen negativen Bestimmungen, wie „das Physische ist nicht animistisch“, und hast darüber hinaus nur Tautologien im Angebot, wie "das Physische ist MERZ = Materie-Energie-Raum-Zeit".
Das ist keine Tautologie!
Die Physik als Grundwissenschaft von MERZ hat im Laufe der Zeit einen riesigen Berg an (positivem) Wissen darüber angehäuft.
Die Wissenschaftler haben es zwar noch mit vielen Fragen und Rätseln (z.B. dunkle Materie, dunkle Energie) zu tun; und auch die Philosophen fragen sich nach wie vor, was genau Materie, Energie, Raum und Zeit sind (sowie was genau Leben, Geist, Bewusstsein, Sprache, Gesellschaft und Kultur sind). Doch all das macht den ontologischen Materialismus/Physikalismus nicht zu einer leeren Lehre, insbesondere nicht meine Definition davon.
Der Begriff eines inanimistischen Universums, einer urphysischen MEST-Welt (worin erst später Leben und Bewusstsein entstanden) ist mitnichten inhaltsleer oder völlig unverständlich.
"Physics—the study of the laws that determine the structure of the universe with reference to the matter and energy of which it consists. It is concerned not with chemical changes that occur but with the forces that exist between objects and the interrelationship between matter and energy."
———
"Physik – die Lehre von den Gesetzen, die die Struktur des Universums unter Berücksichtigung der Materie und Energie bestimmen, aus denen es besteht. Sie befasst sich nicht mit chemischen Veränderungen, sondern mit den Kräften, die zwischen Objekten wirken, sowie mit der Wechselbeziehung zwischen Materie und Energie." [übersetzt von DeepL]

(Oxford Dictionary of Physics, 8th ed., 2019)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Jörn P Budesheim
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Consul hat geschrieben :
Fr 26. Jun 2026, 20:18
inanimistisch
Der Begriff eines „inanimistischen Universums“ hilft hier überhaupt nicht weiter. Er ist eine rein negative Bestimmung. Zu sagen, das Universum sei nicht belebt oder nicht beseelt, sagt nichts darüber aus, was es positiv ist. Eine Metaphysik müsste aber angeben, was existiert, nicht nur, was nicht existiert. Aber das kann deine Position nicht.
Consul hat geschrieben :
Fr 26. Jun 2026, 20:18
Die Physik als Grundwissenschaft von MERZ hat im Laufe der Zeit einen riesigen Berg an (positivem) Wissen darüber angehäuft.
Damit beziehst du dich auf den aktuellen Forschungsstand. Dann stelle ich wieder die Frage von oben: Bist du der Ansicht, dass die Physik abgeschlossen ist? Da die Antwort auf diese Frage aber „nein“ lauten muss und du die Forschungsergebnisse der Zukunft nicht kennst, die ihrerseits natürlich keineswegs sicher sein werden, bist du wieder an dem Punkt, an dem du nicht weißt, was dein Physikalismus überhaupt letztgültig als existierend postuliert.
Consul hat geschrieben :
Fr 26. Jun 2026, 20:18
"Physik ... (Oxford Dictionary of Physics, 8th ed., 2019)
Wir reden hier ja gar nicht über Physik, sondern über Physikalismus. Kein Physiker und keine Physikerin ist auf Physikalismus festgelegt.

Kurz: Der Materialismus/Physikalismus ist eine metaphysische Position. Er ergibt sich keineswegs aus den Forschungsergebnissen der Physik und lässt sich auch nicht durch sie oder in irgendeiner anderen Form beweisen. Der Materialist behauptet zwar, alles sei Materie, kann aber nicht sagen, was Materie eigentlich ist, ohne sich entweder auf den gegenwärtigen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fehlerhaften/unvollständigen Forschungsstand zu stützen oder eine unbekannte Zukunft zu beschwören.



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Consul
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So 28. Jun 2026, 02:42

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 27. Jun 2026, 08:45
Der Begriff eines „inanimistischen Universums“ hilft hier überhaupt nicht weiter. Er ist eine rein negative Bestimmung. Zu sagen, das Universum sei nicht belebt oder nicht beseelt, sagt nichts darüber aus, was es positiv ist. Eine Metaphysik müsste aber angeben, was existiert, nicht nur, was nicht existiert. Aber das kann deine Position nicht.
Du hast den wichtigen positiven Teil völlig übergangen; denn ich habe ein inanimistisches Universum im physikalistischen Sinn positiv als reines MERZ-Universum (Materie-Energie-Raum-Zeit-Komplex/-Matrix) bestimmt, worin weder Leben noch Geist/Bewusstsein vorkommt. Nur Letzteres ist der negative Aspekt.

Das älteste und einfachste Modell einer rein physischen Welt bieten die griechischen Atomisten. Stelle dir eine solche Welt ohne Leben und Geist/Bewusstsein vor, und dann stellst du dir somit ein inanimistisches Universum vor.
(Dass das demokritsche Modell längst wissenschaftlich überholt ist, ist für meinen Punkt unerheblich. Das zeitgenössische Standardmodell der Elementarteilchen ist allerdings eine Weiterentwicklung des ursprünglichen atomistischen Modells.)
"Was also hatten Leukipp und Demokrit entdeckt? Die Mileter hatten begriffen, dass man die Welt mit den Kräften des Verstandes erkennen kann. Sie waren zu der Überzeugung gelangt, dass sich die vielfältigen Naturphänomene auf ein einfaches Prinzip zurückführen ließen, und hatten diesem auf die Spur zu kommen versucht. Sie stellten sich eine Art Grundsubstanz vor, aus der sich alles Seiende in der Welt zusammensetze. In Milet hatte Anaximander einen Grundstoff konzipiert, der sich zusammenballen und verflüchtigen und so von einem Element der Welt in ein anderes übergehen konnte. Elementar und grob, stellte diese Annahme nur im Keim eine Physik dar, ging aber in die richtige Richtung. Sie bildete die Grundlage zu einer Idee, einem grandiosen Gedanken oder einer großen Vision, um der verborgenen Ordnung der Welt auf die Spur zu kommen. Diese Idee hatten Leukipp und Demokrit.

In Demokrits System stellt sich dieser Gedanke ganz schlicht dar: Das gesamte Universum besteht aus einem endlosen leeren Raum, in dem zahllose Atome unterwegs sind. Im Kosmos gibt es nichts anderes. Der Raum kennt kein Oben oder Unten und hat weder ein Zentrum noch eine Grenze. Die Atome haben keinerlei Eigenschaften außer ihrer Form. Sie haben weder Gewicht noch Farbe oder Geschmack: «Der Bestimmung zufolge gibt es Süßes, […] Bitteres, […] Warmes, […] Kaltes, […] Farbe; in Wirklichkeit aber nur Atome und Leere.»

Die Atome sind unteilbar, sind die elementaren Körnchen der Realität, die sich nicht weiter zerteilen lassen und aus denen alles besteht. Sie bewegen sich frei im Raum, prallen aufeinander, verbinden sich untereinander, stoßen sich ab und ziehen sich wechselseitig an. Gleichartige Atome ziehen einander an und gehen Verbindungen ein.

So stellt sich die Struktur der Welt, die Realität dar. Alles Übrige ist nur ein abgeleitetes, beiläufiges und zufälliges Produkt der Bewegung und Kombination der Atome. Aus deren Zusammenstellung geht die unendliche Vielfalt aller Substanzen hervor, aus denen die Welt besteht.

Wenn sich Atome miteinander verbinden, zählt mit Blick auf ihr Sein auf elementarer Ebene nur ihre Form, ihre Anordnung in der Struktur und die Art ihrer Kombination. So, wie aus der unterschiedlichen Kombination der damals gut zwanzig Buchstaben des Alphabets Komödien oder Tragödien, spaßhafte Erzählungen oder große Epen entstehen, so geht aus dem Zusammengehen der elementaren Atome die Welt in ihrer endlosen Vielfalt hervor. Der Vergleich stammt von Demokrit.

Im diesem gewaltigen Tanz der Atome gibt es weder eine Finalität noch einen Plan. Wie die übrige Welt sind wir demnach eines der vielen Ergebnisse dieses endlosen Reigens, das Produkt einer Zufallskombination. Die Natur experimentiert beständig mit Formen und Strukturen, während wir mit allem Getier das Ergebnis einer zufälligen Auswahl sind, die in schier endlosen Zeiträumen erfolgte. Unser Leben ist ein Zusammengehen von Atomen. Unser Denken besteht aus winzigen Atomen. Unsere Träume sind das Ergebnis von Atomen. Unsere Hoffnungen und Gefühle sind in der Buchstabensprache der Atome geschrieben. Das Licht, das wir sehen, besteht aus Atomen, die uns Bilder übermitteln. Aus Atomen bestehen die Meere, die Städte und die Sterne. Auf dieser gewaltigen und unendlichen, unglaublich einfachen und kraftvollen Vorstellung sollte später das Wissen einer Zivilisation aufbauen."

(Rovelli, Carlo. Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint: Eine Reise in die Welt der Quantengravitation. Übers. v. Enrico Heinemann. Hamburg: Rowohlt, 2016. S. 25-7)

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 27. Jun 2026, 08:45
Damit beziehst du dich auf den aktuellen Forschungsstand. Dann stelle ich wieder die Frage von oben: Bist du der Ansicht, dass die Physik abgeschlossen ist? Da die Antwort auf diese Frage aber „nein“ lauten muss und du die Forschungsergebnisse der Zukunft nicht kennst, die ihrerseits natürlich keineswegs sicher sein werden, bist du wieder an dem Punkt, an dem du nicht weißt, was dein Physikalismus überhaupt letztgültig als existierend postuliert.
Physikalisten sind keine Hellseher bezüglich der zukünftigen Physik und müssen es auch nicht sein; denn beim ontologischen Physikalismus geht es allein um das allgemeine Seinsverhältnis rein physikalischer (urphysischer) MERZ-Phänomene zu chemischen, biologischen, psychologischen und soziologischen Phänomenen, welche laut reduktivem Physikalismus alle in grundlegender Hinsicht nichts weiter als Komplexe oder Konfigurationen rein physikalischer (urphysischer) MERZ-Entitäten sind.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 27. Jun 2026, 08:45
Wir reden hier ja gar nicht über Physik, sondern über Physikalismus. Kein Physiker und keine Physikerin ist auf Physikalismus festgelegt.
Ja, aber das habe ich auch nie behauptet.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 27. Jun 2026, 08:45
Kurz: Der Materialismus/Physikalismus ist eine metaphysische Position. Er ergibt sich keineswegs aus den Forschungsergebnissen der Physik und lässt sich auch nicht durch sie oder in irgendeiner anderen Form beweisen.
Mit logisch-mathematischer Sicherheit lässt sich in der Metaphysik/Ontologie gar nichts beweisen; aber nichtsdestoweniger erachte ich den Materialismus/Physikalismus im Lichte unseres naturwissenschaftlichen Weltwissens als die mit Abstand glaubwürdigste, wahrscheinlichste Weltanschauung. Dass sehr viele andere anderer Meinung sind, ist mir bekannt.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 27. Jun 2026, 08:45
Der Materialist behauptet zwar, alles sei Materie, kann aber nicht sagen, was Materie eigentlich ist, ohne sich entweder auf den gegenwärtigen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fehlerhaften/unvollständigen Forschungsstand zu stützen oder eine unbekannte Zukunft zu beschwören.
Als Physikalisten halten moderne Materialisten nicht an der alten, allzu einfachen und vereinfachenden Formulierung ihres Standpunktes fest, dass "alles Materie sei" (*; aber der Materiebegriff spielt für sie weiterhin eine zentrale Rolle, wobei sie sich nicht a priori und für alle Zeiten festlegen müssen, was die "reale Essenz" der Materie als physikalischem Grundstoff der Raumzeitwelt ist.
(Moderne Materialisten sind eher "MERZisten", die den gesamten physikalischen MERZ-Komplex in Betracht ziehen.)

Es mag sein, dass die Elementarteilchen des gegenwärtigen physikalischen Standardmodells eigentlich örtliche "Energiekonzentrate" in Feldern sind; aber dann stellt sich die Frage nach der Materialität der Felder beziehungsweise der von ihnen durchdrungenen Raumzeit. Vielleicht gibt es eine einzige Urmaterie (einen "Äther" oder eine "Quintessenz"), die die gesamte Raumzeit kontinuierlich erfüllt oder sogar damit identisch ist.
"materie = das stoffliche und insofern ursächliche irgend eines naturkörpers" (GRIMM)
(Können Substanzdualisten oder Substanzspiritualisten sagen, was eine immaterielle Seele eigentlich ist? Können Vitalisten sagen, was eine Lebenskraft oder ein élan vital eigentlich ist?)



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Jörn P Budesheim
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So 28. Jun 2026, 07:28

Consul hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 02:42
Du hast den wichtigen positiven Teil völlig übergangen; denn ich habe ein inanimistisches Universum im physikalistischen Sinn positiv als reines MERZ-Universum (Materie-Energie-Raum-Zeit-Komplex/-Matrix) bestimmt, worin weder Leben noch Geist/Bewusstsein vorkommt. Nur Letzteres ist der negative Aspekt.
Das habe ich keineswegs übergangen. Das ist die Tautologie: du definierst Materialismus mit Materie ... und was das ist, weißt du nicht.

Auch dein vager(er) „MERZ-Begriff" hilft dir nicht: Wenn eine künftige Physik Raum und Zeit als nicht-fundamental erkennt (wie es einige Quantengravitationstheorien andeuten), würde deine „positive Bestimmung" MERZ als falsch oder unvollständig entlarvt werden.

Wenn du also behauptest, alles sei MERZ, versuchst du, die Physik auf ein vielleicht heute intuitiv einleuchtendes Set von Phänomenen festzulegen. Allerdings macht die Physik oftmals die größten Fortschritte, indem sie solche „intuitiv plausibel" erscheinenden Kategorien sprengt. Deswegen ist die Idee, die Physik über „urphysische" Merkmale wie MERZ positiv festzunageln, geradezu unphysikalisch, weil die Physik ihre eigenen Fundamente regelmäßig revolutioniert.

Es gibt eine bekannte Anekdote: der Physiker Philipp von Jolly riet dem jungen Max Planck den 1870er Jahren vom Physikstudium ab, weil es in der Physik nur noch kleinere Details zu lösen gebe. Was dann geschah ist uns allen in groben Zügen bekannt.

Man kann natürlich versuchen, das Ganze komplett offen zu lassen: „Was auch immer die Physik herausfindet, das und nur das ist real ..." Damit sagt man allerdings überhaupt nichts über das angeblich grundlegende X. Wie willst du so z.b. sicherstellen, dass der dir verhasste Panpsychismus vielleicht das letzte oder vorletzte Wort ist?
Consul hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 02:42
(Können Substanzdualisten oder Substanzspiritualisten sagen, was eine immaterielle Seele eigentlich ist? Können Vitalisten sagen, was eine Lebenskraft oder ein élan vital eigentlich ist?)
Kann ich dir nicht sagen. Wenn wir hier im Forum jemanden hätten, der so eine Position vertritt, könnten wir ihn fragen. Mich betrifft diese Frage nicht. Weil ich eben gerade dieses Verfahren, im ersten Schritt spekulativ „alles ist X" zu behaupten, komplett ablehne.
Consul hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 02:42
Mit logisch-mathematischer Sicherheit lässt sich in der Metaphysik/Ontologie gar nichts beweisen; aber nichtsdestoweniger erachte ich den Materialismus/Physikalismus im Lichte unseres naturwissenschaftlichen Weltwissens als die mit Abstand glaubwürdigste, wahrscheinlichste Weltanschauung. Dass sehr viele andere anderer Meinung sind, ist mir bekannt.
Man ist in der Philosophie nicht darauf verpflichtet, Metaphysik zu betreiben oder eine Weltanschauung zu haben.

Unser naturwissenschaftliches Wissen ist durchaus beeindruckend. Aber deine Metaphysik folgt nicht daraus. Und das naturwissenschaftliche Wissen ist eben nicht das einzige, was wir haben. Zudem ist dieses Wissen nicht einheitlich. Niemand weiß z.b., ob sich die Biologie auf die Physik reduzieren lässt. Das übergehst du einfach. Nebenbei: nicht mal die Physik selbst ist vereinheitlicht.

Es scheint auch ein ziemlich beeindruckendes mathematisches Wissen zu geben. Dennoch schließt du die Mathematik aus deinen metaphysischen Träumen aus. Warum?

Jede und jeder von uns weiß sicher, dass er/sie ein bewusstes Leben hat. Dafür hat deine Metaphysik keine Erklärung. Ich sehe nicht, warum dieser Umstand eine solche Metaphysik glaubwürdig oder wahrscheinlich machen sollte.

Was ist das für ein seltsames Verfahren, bei dem man im ersten Schritt festlegt, dass alles X ist, wobei man nicht mal weiß, was X ist, und im nächsten Schritt die wirkliche und offensichtliche Existenz aller möglichen alltäglichen Phänomene leugnen oder umdeuten muss, weil sie der Behauptung, alles sei X, widersprechen.



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Consul
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Di 30. Jun 2026, 01:37

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
…Das ist die Tautologie: du definierst Materialismus mit Materie ... und was das ist, weißt du nicht.
Eine das Wort "Materie" enthaltende Definition des Materialismus/Physikalismus enthält keine Theorie der Materie, aber das muss sie auch nicht. Für Letzteres sind die Physik und die physikalische Metaphysik zuständig, und nicht alle Materialisten vertreten dieselbe Auffassung der Materie. Dass es eine inner-materialistische Materie-Debatte gibt, spricht in keiner Weise gegen die Wahrheit des Materialismus. Was alle Materialisten natürlich ablehnen, sind antirealistische oder idealistische Materie-Theorien wie diejenige Berkeleys.

Hyle/Materia/Stoff ist ein naturphilosophischer/-wissenschaftlicher Grundbegriff mit einer sehr langen Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart. Ich habe dazu ein 650-seitiges Buch mit dem Titel The Concept of Matter, und z.B. der Artikel zu "Materie" im Historischen Wörterbuch der Philosophie (Hrsg. J. Ritter, K. Gründer & G. Gabriel, 1971–2007) umfasst 54 Seiten. Auch der betreffende Eintrag in Eislers Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904) ist lang.
"…der Stoff der Körper, die Materie…"

(Kayser, Heinrich. Lehrbuch der Physik für Studierende. Stuttgart: Enke, 1890. S. 2-3)
"Materie, die; -, -n: rein Stoffliches als Grundlage von dinglich Vorhandenem; stoffliche Substanz"
—DUDEN: Bedeutungswörterbuch (5. Aufl., 2018)
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Auch dein vager(er) „MERZ-Begriff" hilft dir nicht: Wenn eine künftige Physik Raum und Zeit als nicht-fundamental erkennt (wie es einige Quantengravitationstheorien andeuten), würde deine „positive Bestimmung" MERZ als falsch oder unvollständig entlarvt werden.
Nein, denn eine emergente Raumzeit wäre ja immer noch eine existente Raumzeit; und eine nicht mehr absolut fundamentale Raumzeit wäre immer noch relativ fundamental (in Bezug auf chemische, biologische, psychologische und soziologische Phänomene).

Außerdem: Egal, wie man Quantengravitationstheorien ontologisch interpretiert, sie betreffen eine urphysische Ebene, auf der aus physikalistischer Sicht weder Leben noch Geist/Bewusstsein vorkommt.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Wenn du also behauptest, alles sei MERZ, versuchst du, die Physik auf ein vielleicht heute intuitiv einleuchtendes Set von Phänomenen festzulegen. Allerdings macht die Physik oftmals die größten Fortschritte, indem sie solche „intuitiv plausibel" erscheinenden Kategorien sprengt. Deswegen ist die Idee, die Physik über „urphysische" Merkmale wie MERZ positiv festzunageln, geradezu unphysikalisch, weil die Physik ihre eigenen Fundamente regelmäßig revolutioniert.
Es mag revolutionäre Theorien über das Wesen und die Beziehungen dieser Kategorien geben (wie Einsteins Theorie über die Einheit von Raum und Zeit); doch eine Physik, die die Kategorien Materie, Energie, Raum und Zeit theoretisch eliminiert, ist keine Physik mehr. Eine Welt, die keine MERZ-Welt ist, ist keine physikalische/physische Welt!

Ich weiß, da gibt es beispielsweise einen Physiker, der Folgendes schreibt:
"Die Zeit existiert nicht

Der aufmerksame Leser hat bemerkt, dass ich im vorangegangenen Kapitel an keiner Stelle von der Zeit geredet habe. Dabei hatte Einstein doch vor über einem Jahrhundert nachgewiesen, dass sich Zeit und Raum nicht voneinander trennen lassen. Wir müssen sie zusammen als ein einziges Ganzes, als die Raumzeit, denken. Jetzt ist der Moment, die Zeit wieder ins Bild zu holen. Die Forschung zur Quantengravitation drehte sich jahrelang um Fragen des Raumes, ehe sie den Mut aufbrachte, sich der Zeit zuzuwenden. In den letzten fünfzehn Jahren hat sich das Verständnis der Zeit allmählich geklärt. Wie dies geschah, versuche ich zu erläutern.

Der Raum als ein amorpher Behälter für die Dinge verschwindet mit der Quantengravitation aus der Physik. Die Dinge (Quanten) liegen nicht im Raum, sondern im Umfeld der anderen Dinge. Der Raum ist das Gewebe ihrer nachbarschaftlichen Beziehungen.

Wenn wir die Vorstellung vom Raum als einem unbewegten Behälter aufgeben müssen, dann auch die einer Zeit als einem trägen Fluss, an dem entlang sich die Realität entfaltet. So wie die Vorstellung vom Raum als Kontinuum entfällt, der die Dinge beinhaltet, so verschwindet auch die einer kontinuierlich vergehenden «Zeit», in deren Verlauf die Phänomene stattfinden.

In gewisser Weise ist der Raum in den Grundlagen der Theorie inexistent geworden: So wie die Quanten des Gravitationsfeldes nicht im Raum sind, so gibt es in den theoretischen Grundlagen auch keine Zeit mehr: Die Gravitationsquanten entwickeln sich nicht in der Zeit, vielmehr entsteht die Zeit als Folge ihrer Wechselwirkungen. Wie sich bei der Wheeler-DeWitt-Gleichung zeigte, ist die Variable Zeit aus den Gleichungen verschwunden. Wie der Raum muss die Zeit aus dem gequantelten Gravitationsfeld entstehen."

(Rovelli, Carlo. Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint: Eine Reise in die Welt der Quantengravitation. Übers. v. Enrico Heinemann. Hamburg: Rowohlt, 2016. S. 196-7)
Bezüglich des ontologischen Status von Raum & Zeit schwankt Rovelli mit seiner unklaren Ausdrucksweise zwischen Antirealismus (Eliminativismus) und reduktivem bzw. emergentivem Realismus; doch wenn er abschließend Folgendes schreibt, dann muss man seine (spekulative) Quantengravitationstheorie als nicht-eliminativistisch einstufen (ungeachtet des Kapiteltitels "Die Zeit existiert nicht"):
"Wie der Raum muss die Zeit aus dem gequantelten Gravitationsfeld entstehen."
Denn wenn Raum & Zeit Nichtse (Nonentitäten) wären, dann wären sie auch nicht entstanden und somit überhaupt nicht vorhanden, da jedes Entstehen-Lassen von etwas etwas Seiendes hervorbringt.

"Der Raum als ein amorpher Behälter für die Dinge verschwindet mit der Quantengravitation aus der Physik." – Das ist wohlgemerkt nicht gleichbedeutend mit: "Der Raum verschwindet mit der Quantengravitation aus der Physik."

"So wie die Vorstellung vom Raum als Kontinuum entfällt, der die Dinge beinhaltet, so verschwindet auch die einer kontinuierlich vergehenden «Zeit», in deren Verlauf die Phänomene stattfinden." – Das ist wohlgemerkt nicht gleichbedeutend mit: "So wie die Vorstellung vom Raum, so verschwindet auch die einer Zeit."
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Man kann natürlich versuchen, das Ganze komplett offen zu lassen: „Was auch immer die Physik herausfindet, das und nur das ist real ..." Damit sagt man allerdings überhaupt nichts über das angeblich grundlegende X. Wie willst du so z.b. sicherstellen, dass der dir verhasste Panpsychismus vielleicht das letzte oder vorletzte Wort ist?
Wenn der Panpsychismus oder Archepsychismus wahr ist, dann ist der Physikalismus falsch.
Ich habe den (reduktiven) Materialismus/Physikalismus in einer allgemeinen Weise definiert, die mit zukünftigen Entwicklungen der Physik vereinbar bleiben wird; denn es ist vollkommen abwegig zu erwarten, dass darin irgendwann eine Psychologisierung der fundamentalen physikalischen Theorien stattfinden wird.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Man ist in der Philosophie nicht darauf verpflichtet, Metaphysik zu betreiben oder eine Weltanschauung zu haben.
Auch in der Ethik und der Ästhetik stellen sich metaphysische Fragen.
Man kann die Metaphysik zwar "antiholistisch" im Sinne eines uneinheitlichen Nebeneinanders verschiedener einzelner Theorien betreiben, aber ich sehe es wie Jack Smart:
"Philosophy, it now seems to me, has to do not only with unravelling conceptual muddles but also with the tentative adumbration of a world view."
———
"Die Philosophie, so scheint es mir nun, hat nicht nur mit der Entwirrung begrifflicher Verwicklungen zu tun, sondern auch mit der vorsichtigen Skizzierung einer Weltanschauung." [übersetzt von DeepL]

(Smart, J. J. C. Philosophy and Scientific Realism. London: Routledge & Kegan Paul, 1963. p. vii)
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Unser naturwissenschaftliches Wissen ist durchaus beeindruckend. Aber deine Metaphysik folgt nicht daraus. Und das naturwissenschaftliche Wissen ist eben nicht das einzige, was wir haben. Zudem ist dieses Wissen nicht einheitlich. Niemand weiß z.b., ob sich die Biologie auf die Physik reduzieren lässt. Das übergehst du einfach. Nebenbei: nicht mal die Physik selbst ist vereinheitlicht.
In der heutigen Biologie wird der Vitalismus längst nicht mehr ernst genommen. Es herrscht in der Fachwelt allgemeine Einigkeit, dass biologische Organismen nichts weiter als hochkomplexe physikochemische Systeme sind, in denen keine physikochemisch irreduzible Lebensenergie/-kraft vorhanden ist.

Dass es (noch) keine einheitliche physikalische "Theorie von allem" gibt, gefährdet das physikalistische Weltbild in keiner Weise.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Es scheint auch ein ziemlich beeindruckendes mathematisches Wissen zu geben. Dennoch schließt du die Mathematik aus deinen metaphysischen Träumen aus. Warum?
Ich finde die Mathematik faszinierend. (Am Gymnasium war ich im Mathe-Leistungskurs.) Doch ich glaube halt nicht an die Ontologie des mathematischen Platonismus.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Jede und jeder von uns weiß sicher, dass er/sie ein bewusstes Leben hat. Dafür hat deine Metaphysik keine Erklärung. Ich sehe nicht, warum dieser Umstand eine solche Metaphysik glaubwürdig oder wahrscheinlich machen sollte.
Welcher metaphysische Rivale des psychologischen Materialismus ist denn imstande, Bewusstsein besser, glaubhafter zu erklären?!
Antimaterialisten haben nicht die geringsten Erklärungsvorteile vorzuweisen; und sie tun fälschlicherweise so, als träte die Neurowissenschaft des Bewusstseins ohne jegliche Aussicht auf Erfolge immer nur auf der Stelle.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Jun 2026, 07:28
Was ist das für ein seltsames Verfahren, bei dem man im ersten Schritt festlegt, dass alles X ist, wobei man nicht mal weiß, was X ist, und im nächsten Schritt die wirkliche und offensichtliche Existenz aller möglichen alltäglichen Phänomene leugnen oder umdeuten muss, weil sie der Behauptung, alles sei X, widersprechen.
Das ist nicht meine Verfahrensweise; aber manches von dem, was du für offensichtlich existent hältst, ist durchaus infrage zu stellen.
Ich bin zwar nie Theist oder Supranaturalist gewesen; aber ich habe den (reduktiven) Materialismus keineswegs von Anfang an für die wahre (wahrscheinlichste) Lehre erachtet, sondern erst am Ende meiner langjährigen philosophischen Überlegungen, im Zuge deren ich all dessen ontologische Alternativen eingehend in Betracht gezogen habe.
Vor meiner Entscheidung für den ontologischen Konkretismus (der den Materialismus nicht einschließt) habe ich auch über den ontologischen Abstraktismus/Platonismus gegrübelt.

Nun da ich (reduktiver) Materialist geworden bin, sehe ich freilich keine hyperphysischen Phänomene in der Welt.



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Jörn P Budesheim
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Di 30. Jun 2026, 08:04

Consul hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 01:37
In der heutigen Biologie wird der Vitalismus längst nicht mehr ernst genommen.
Und damit ist nun gezeigt, dass sich Biologie auf Physik reduzieren lässt?
Consul hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 01:37
Welcher metaphysische Rivale des psychologischen Materialismus ist denn imstande, Bewusstsein besser, glaubhafter zu erklären?!
Ob andere Ismen unser Bewusstsein erklären können oder nicht, ändert nichts daran, dass der Materialismus bis heute keine Erklärung für das Bewusstsein hat. Das macht den Physikalismus weder wahrscheinlich wahr noch plausibel.
Consul hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 01:37
Dass es (noch) keine einheitliche physikalische "Theorie von allem" gibt, gefährdet das physikalistische Weltbild in keiner Weise.
Doch. Der Umstand, dass der Physikalismus unser Leben und Erleben nach wie vor nicht erfassen kann – also gerade das, was für uns von zentraler Bedeutung ist –, gefährdet das physikalistische Weltbild durchaus erheblich. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sich zunehmend Philosophinnen und Philosophen Alternativen zuwenden. Ob diese erfolgreich sein werden, ist eine andere Frage. Aber dass das physikalistische Weltbild unter Druck geraten ist, lässt sich kaum bestreiten.
Consul hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 01:37
... sehe ich freilich keine hyperphysischen Phänomene in der Welt.
Ich sehe ebenfalls keine „hyperphysischen“ Phänomene in der Welt. Zahlen und andere abstrakte Gegenstände sind nicht hyperphysisch. Ich kenne jedenfalls kein gottgegebenes Koordinatensystem, das die Wirklichkeit apriori in „physisch“ und „hyperphysisch“ einteilt. Oder hast du dafür ein Argument?
Consul hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 01:37
Ich finde die Mathematik faszinierend. (Am Gymnasium war ich im Mathe-Leistungskurs.) Doch ich glaube halt nicht an die Ontologie des mathematischen Platonismus.
Das erklärt aber nicht, weshalb du behauptest, es gebe keine Zahlen. Ich sehe nur, dass du dich auf den Materialismus festlegst und daraus folgerst, Zahlen existierten nicht. Ein Argument dafür erkenne ich nicht.
Consul hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 01:37
Rovelli
Es geht hier nicht um Rovelli, sondern um ein grundsätzliches Problem des Physikalismus. Ich sehe bisher nicht, wie du dieses Problem lösen willst. Zu sagen, alles sei physisch, führt dich in eine Sackgasse. Entweder beziehst du dich auf die heutige Physik – dann ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sie so, wie sie ist, Bestand hat. Oder du beziehst dich auf eine Physik der Zukunft, von der niemand weiß, wie sie aussehen wird. Ergo: Du behauptest, alles sei X, kannst aber nicht sagen, was X überhaupt ist. Ich sehe bisher nicht, wie du aus diesem Dilemma herauskommen möchtest.



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Mi 1. Jul 2026, 20:23

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 08:04
Consul hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 01:37
In der heutigen Biologie wird der Vitalismus längst nicht mehr ernst genommen.
Und damit ist nun gezeigt, dass sich Biologie auf Physik reduzieren lässt?
Die Biologen verwenden allerlei reduktive Erklärungen biologischer Strukturen und Prozesse; aber damit ist nicht gesagt, dass sich die Wissenschaft der Biologie insgesamt durch die Wissenschaft der Chemie oder der Physik ersetzen lässt. Was physikochemisch reduktive Erklärungen in der Biologie ermöglicht, ist der Umstand, dass sich die Ontologie der Biologie auf die Ontologie der Chemie bzw. Physik reduzieren lässt: Biologische Gebilde sind nichts weiter als eine besondere Art chemischer/physikalischer Gebilde, in denen keine Lebensenergie sui generis als eine nichtchemische/nichtphysikalische Form von Energie vorhanden ist.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 08:04
Ob andere Ismen unser Bewusstsein erklären können oder nicht, ändert nichts daran, dass der Materialismus bis heute keine Erklärung für das Bewusstsein hat. Das macht den Physikalismus weder wahrscheinlich wahr noch plausibel.
Ja, etwas (noch) nicht erklärt zu haben oder gar nicht erklären zu können, spricht natürlich nicht für einen Ismus oder eine Theorie; aber der Vorwurf der Antimaterialisten, es gebe immer noch keine materialistische Bewusstseinserklärung (vonseiten der Naturwissenschaft), fällt eben umgehend auf sie selbst zurück, weil es erst recht keine antimaterialistische Bewusstseinserklärung gibt. In diesem Punkt läuft es für die Antimaterialisten bestenfalls auf ein Patt hinaus, wodurch ihr Erklärungs-Argument gegen den Materialismus neutralisiert wird.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 08:04
Der Umstand, dass der Physikalismus unser Leben und Erleben nach wie vor nicht erfassen kann – also gerade das, was für uns von zentraler Bedeutung ist –, gefährdet das physikalistische Weltbild durchaus erheblich. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sich zunehmend Philosophinnen und Philosophen Alternativen zuwenden. Ob diese erfolgreich sein werden, ist eine andere Frage. Aber dass das physikalistische Weltbild unter Druck geraten ist, lässt sich kaum bestreiten.
Das materialistische/physikalistische Weltbild ist seit seiner Entstehung in der Antike andauernd "unter Druck", da es immer viele Gegner gehabt hat (insbesondere Theisten & Theologen). "Dass sich zunehmend [lebende] Philosophinnen und Philosophen Alternativen zuwenden," halte ich jedoch für ein unbestätigtes Gerücht.
"Der Materialismus ist so alt als die Philosophie, aber nicht älter. Die natürliche Auffassung der Dinge, welche die ältesten Perioden kulturhistorischer Entwicklung beherrscht, bleibt stets in den Widersprüchen des Dualismus und in den Phantasiegebilden der Personifikation befangen. Die ersten Versuche sich von diesen Widersprüchen zu befreien, die Welt einheitlich aufzufassen und sich über den gemeinen Sinnenschein zu erheben, führen bereits in das Gebiet der Philosophie, und schon unter den ersten Versuchen hat der Materialismus seine Stelle."

(Lange, Friedrich Albert. Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Bd. 1. Iserlohn: J. Baedeker, 1866. S. 1)
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 08:04
Ich sehe ebenfalls keine „hyperphysischen“ Phänomene in der Welt. Zahlen und andere abstrakte Gegenstände sind nicht hyperphysisch. Ich kenne jedenfalls kein gottgegebenes Koordinatensystem, das die Wirklichkeit apriori in „physisch“ und „hyperphysisch“ einteilt. Oder hast du dafür ein Argument?
Du reagierst immer allergisch auf das Präfix "hyper-". Abermals: Abstrakte Entitäten sind insofern hyper-/überphysisch, als ihr Sein über das physische Sein hinausgeht. Sie sind nicht Teil des physischen Seins. Dass sie keine physischen Entitäten sind, steht in der Tat per definitionem und somit a priori fest. (Die Existenz abstrakter Objekte steht dagegen nicht a priori fest.)

Im Gegensatz zu (platonistischen) Abstrakta steht es weder per definitionem noch a priori fest, dass Mentalia (mentale Entitäten) keine physischen Entitäten sind; aber sowohl mentale Entitäten als auch physische Entitäten sind per definitionem konkrete/nichtabstrakte Entitäten.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Jun 2026, 08:04
Es geht hier nicht um Rovelli, sondern um ein grundsätzliches Problem des Physikalismus. Ich sehe bisher nicht, wie du dieses Problem lösen willst. Zu sagen, alles sei physisch, führt dich in eine Sackgasse. Entweder beziehst du dich auf die heutige Physik – dann ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sie so, wie sie ist, Bestand hat. Oder du beziehst dich auf eine Physik der Zukunft, von der niemand weiß, wie sie aussehen wird. Ergo: Du behauptest, alles sei X, kannst aber nicht sagen, was X überhaupt ist. Ich sehe bisher nicht, wie du aus diesem Dilemma herauskommen möchtest.
Ich stecke in diesem Dilemma gar nicht drin, weil meine Definition des Physischen ohne Bezugnahme auf die (gegenwärtige oder zukünftige) Physik auskommt. Siehe: viewtopic.php?p=94774#p94774
"Hempels Dilemma

Man könnte einwenden, dass jede Formulierung des Physikalismus, die sich auf die theoriebasierte Konzeption stützt, entweder trivial oder falsch wäre. Carl Hempel (vgl. Hempel 1969; siehe auch Crane und Mellor 1990) hat dieses Problem klassisch formuliert: Wird der Physikalismus über einen Bezug zur gegenwärtigen Physik definiert, so ist er falsch – wer würde schließlich behaupten, die gegenwärtige Physik sei vollständig? Wird er hingegen über einen Bezug zu einer zukünftigen oder idealen Physik definiert, so ist er trivial – wer könnte schließlich vorhersagen, was eine zukünftige Physik beinhalten wird? Vielleicht umfasst sie beispielsweise sogar mentale Entitäten. Die Schlussfolgerung aus diesem Dilemma lautet, dass man über keinen klaren Begriff einer physikalischen Eigenschaft verfügt – oder zumindest über keinen Begriff, der klar genug wäre, um jene Rolle zu erfüllen, die Philosophen des Geistes dem Physikalischen/Physischen zuschreiben wollen.

Eine Reaktion auf diesen Einwand besteht darin, sich auf dessen erste Alternative einzulassen und darauf zu beharren, dass die gegenwärtige Physik zumindest in gewisser Hinsicht tatsächlich vollständig ist – oder dass es zumindest rational ist, dies anzunehmen (vgl. Smart 1978, Lewis 1994 sowie Melnyk 1997, 2003). Daran ist durchaus etwas Wahres. Es mag rational sein, die gegenwärtige Wissenschaft für wahr zu halten, auch wenn man sie nicht für vollständig hält. Dennoch erscheint es verfehlt, den Physikalismus über jene Physik zu definieren, die in dieser Welt zufällig wahr ist. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Wahrheit einer physikalischen Theorie von kontingenten Fakten abhängt, während der physikalische Charakter einer Eigenschaft nicht von kontingenten Fakten bestimmt wird. Man betrachte etwa die mittelalterliche Impuls-Physik. Diese ist falsch (obwohl sie natürlich auch wahr hätte sein können), weshalb es irrational wäre, sie für wahr zu halten. Dennoch ist die Eigenschaft, einen Impuls zu besitzen – jene zentrale Eigenschaft, die Objekten gemäß der Impuls-Physik zukommt –, eine physikalische Eigenschaft; eine kontrafaktische Welt, die vollständig durch die Impuls-Physik beschrieben würde, wäre eine Welt, in der der Physikalismus wahr ist. Es ist jedoch schwer zu erkennen, wie all dies zutreffen könnte, wenn der Physikalismus über einen Bezug zur gegenwärtigen Physik oder zu der in unserer Welt zufällig wahren Physik definiert würde. (Zur weiteren Ausführung dieses Punktes sowie zu einem Dilemma, das dem von Hempel ähnelt, das Problem jedoch eher in modalen als in zeitlichen Begriffen fasst, siehe Stoljar 2010; zur Diskussion siehe Baltimore 2013, Fiorese 2016.)

Eine andere Reaktion auf Hempels Dilemma besteht darin, darauf hinzuweisen, dass es – sofern es überhaupt etwas aufzeigt – lediglich belegt, dass ein bestimmter Vorschlag zur Definition einer physikalischen Eigenschaft (nämlich über den Bezug zur Physik in einem bestimmten Entwicklungsstadium) fehlerhaft ist. Daraus lässt sich jedoch kaum schließen, dass wir überhaupt kein klares Verständnis dieses Begriffs besitzen. Wie wir gesehen haben, verfügen wir über zahlreiche Begriffe, für die wir keine Analysemethode kennen. Die bloße Tatsache – sofern es sich tatsächlich um eine Tatsache handelt –, dass ein bestimmter Ansatz zur Analyse des Begriffs des Physikalischen scheitert, bedeutet also nicht, dass es diesen Begriff überhaupt nicht gibt, geschweige denn, dass wir ihn nicht verstehen.

Man könnte einwenden, dass diese Anmerkungen zwar vollkommen zutreffend sind, aber dennoch nicht auf den berechtigten Aspekt von Hempels Dilemma eingehen: nämlich darauf, dass für eine vollständige Theoriekonzeption geklärt sein muss, um welche Art von Theorie es sich bei einer physikalischen Theorie handelt. Hier ließe sich womöglich auf die Tatsache verweisen, dass wir über eine Reihe von Paradigmen für physikalische Theorien verfügen: die physikalische Theorie des Alltagsverstandes, die mittelalterliche Impuls-Physik, die kartesische Kontaktmechanik, die Newtonsche Physik und die moderne Quantenphysik. Auch wenn es unwahrscheinlich erscheint, dass es einen einzigen Faktor gibt, der diese Klasse von Theorien vereint, existiert vielleicht ein Bündel von Faktoren – etwa eine gemeinsame oder sich überschneidende Menge theoretischer Konstrukte oder eine geteilte Methodik. Wäre dies der Fall, ließe sich argumentieren, dass es sich beim Begriff der physikalischen Theorie um einen Wittgensteinschen Familienähnlichkeitsbegriff handelt. Ob dies jedoch ausreicht, um die Frage nach der Art der physikalischen Theorie zu beantworten, bleibt abzuwarten. (Für eine weiterführende Diskussion von Hempels Dilemma siehe die Beiträge in Elpidorou 2018a.)" [übersetzt von Google]

Physicalism: https://plato.stanford.edu/entries/physicalism/



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Do 2. Jul 2026, 07:11

Consul hat geschrieben :
Mi 1. Jul 2026, 20:23
Ja, etwas (noch) nicht erklärt zu haben oder gar nicht erklären zu können, spricht natürlich nicht für einen Ismus oder eine Theorie; aber der Vorwurf der Antimaterialisten, es gebe immer noch keine materialistische Bewusstseinserklärung (vonseiten der Naturwissenschaft), fällt eben umgehend auf sie selbst zurück, weil es erst recht keine antimaterialistische Bewusstseinserklärung gibt. In diesem Punkt läuft es für die Antimaterialisten bestenfalls auf ein Patt hinaus, wodurch ihr Erklärungs-Argument gegen den Materialismus neutralisiert wird.
Das läuft nicht auf ein Patt hinaus. Wer beispielsweise glaubt, dass Bewusstsein basal ist – was ich nicht tue! –, muss nicht erklären, wie Bewusstsein aus etwas Nicht-Bewusstem hervorgeht. Eine Erklärung braucht man doch erst, wenn man einen Ismus wie den Materialismus vertritt und dadurch in die Position kommt, das Phänomen innerhalb dieses Ismus erklären zu müssen – was der Materialismus bis heute nicht leisten kann. Man ist aber gar nicht verpflichtet, überhaupt einen metaphysischen Ismus à la Materialismus, Idealismus oder was auch immer zu vertreten.
Consul hat geschrieben :
Mi 1. Jul 2026, 20:23
Du reagierst immer allergisch auf das Präfix "hyper-". Abermals: Abstrakte Entitäten sind insofern hyper-/überphysisch, als ihr Sein über das physische Sein hinausgeht. Sie sind nicht Teil des physischen Seins. Dass sie keine physischen Entitäten sind, steht in der Tat per definitionem und somit a priori fest. (Die Existenz abstrakter Objekte steht dagegen nicht a priori fest.)

Im Gegensatz zu (platonistischen) Abstrakta steht es weder per definitionem noch a priori fest, dass Mentalia (mentale Entitäten) keine physischen Entitäten sind; aber sowohl mentale Entitäten als auch physische Entitäten sind per definitionem konkrete/nichtabstrakte Entitäten.
„Abstrakte Entitäten sind insofern hyper-/überphysisch, als ihr Sein über das physische Sein hinausgeht.“ Warum „über“? Dafür gibt es keinen Grund. Der Umstand, dass die Mathematik für die Physik von zentraler Bedeutung ist, spricht übrigens absolut dagegen, zu glauben, Mathematik sei übernatürlich/überphysisch.
Consul hat geschrieben :
Mi 1. Jul 2026, 20:23
Die Biologen verwenden allerlei reduktive Erklärungen biologischer Strukturen und Prozesse; aber damit ist nicht gesagt, dass sich die Wissenschaft der Biologie insgesamt durch die Wissenschaft der Chemie oder der Physik ersetzen lässt. Was physikochemisch reduktive Erklärungen in der Biologie ermöglicht, ist der Umstand, dass sich die Ontologie der Biologie auf die Ontologie der Chemie bzw. Physik reduzieren lässt: Biologische Gebilde sind nichts weiter als eine besondere Art chemischer/physikalischer Gebilde, in denen keine Lebensenergie sui generis als eine nichtchemische/nichtphysikalische Form von Energie vorhanden ist.
Wer spricht denn von Lebensenergie? Ich nicht! Ich sage, wir wissen nicht, ob die Biologie auf die Physik reduzierbar ist. Kein Wort von „Lebensenergie“. Der Ausdruck „Lebensenergie“ basiert auf derselben Strategie wie die Ausdrücke „hyperphysisch“ oder „übernatürlich“: Du überziehst andere Positionen mit Begriffen, die bereits eine bestimmte metaphysische Einordnung voraussetzen, und/oder versuchst damit, die andere Seite in die Nähe irgendeiner Form von Obskuratismus zu bringen.
Consul hat geschrieben :
Mi 1. Jul 2026, 20:23
Ich stecke in diesem Dilemma gar nicht drin, weil meine Definition des Physischen ohne Bezugnahme auf die (gegenwärtige oder zukünftige) Physik auskommt. Siehe: viewtopic.php?p=94774#p94774
Aber das, was du da anbietest, bietet keine Erläuterung, was das Physische sein soll. Du hast nur: Das Physische ist das Physische und es ist nicht Geist/Leben/Bewusstsein oder was auch immer du ausschließt. Damit hast du nur eine Tautologie plus einer negativen Abgrenzung. Und das hier bietet null Erklärung, was das Physische sein soll: "Der (reduktive) Materialismus ist die Auffassung, dass nur die physische Welt irreduzibel real ist."
plato.stanford.edu hat geschrieben : ...kein klares Verständnis dieses Begriffs besitzen. Wie wir gesehen haben, verfügen wir über zahlreiche Begriffe, für die wir keine Analysemethode kennen. Die bloße Tatsache – sofern es sich tatsächlich um eine Tatsache handelt –, dass ein bestimmter Ansatz zur Analyse des Begriffs des Physikalischen scheitert, bedeutet also nicht, dass es diesen Begriff überhaupt nicht gibt, geschweige denn, dass wir ihn nicht verstehen.
Es geht nicht um Begriffsdefinitionen oder Intensionen, sondern um die Frage, welche Extension wir im Visier haben sollten, wenn wir von Materialismus sprechen. Was soll das denn sein, was auf nichts anderes reduzierbar ist? Und warum überhaupt?



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Fr 3. Jul 2026, 23:34

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Jul 2026, 07:11
Wer beispielsweise glaubt, dass Bewusstsein basal ist – was ich nicht tue! –, muss nicht erklären, wie Bewusstsein aus etwas Nicht-Bewusstem hervorgeht.
Ja, aber…
Consul hat geschrieben :
Sa 29. Jun 2024, 17:51
Panpsychisten haben es mit dem sogenannten Kombinationsproblem zu tun: Wie kann ein einheitliches "Makrobewusstsein" (z.B. eines Menschen) aus vielen verschiedenen "Mikrobewusstseinen" von Elementarteilchen entstehen oder gebildet werden?

Panpsychism > The Combination Problem: https://plato.stanford.edu/entries/panp ... /#CombProb
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Jul 2026, 07:11
„Abstrakte Entitäten sind insofern hyper-/überphysisch, als ihr Sein über das physische Sein hinausgeht.“ Warum „über“? Dafür gibt es keinen Grund.
Im ontologischen Sinn "über dem, jenseits des Physischen" – das ist doch nicht schwer zu verstehen; aber ich kann auch einfach das Adjektiv "nichtphysisch" verwenden.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Jul 2026, 07:11
Der Umstand, dass die Mathematik für die Physik von zentraler Bedeutung ist, spricht übrigens absolut dagegen, zu glauben, Mathematik sei übernatürlich/überphysisch.
Die Mathematik hat als Wissenschaft nichts Übernatürliches/Überphysisches an sich, aber die abstrakten Gegenstände des mathematischen Platonismus schon.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Jul 2026, 07:11
Wer spricht denn von Lebensenergie? Ich nicht! Ich sage, wir wissen nicht, ob die Biologie auf die Physik reduzierbar ist.
Was genau verstehst du unter "reduzierbar"?
Anyway, wir wissen, dass reduktive Erklärungen in der Biologie machbar sind.
(Eine Erklärung eines "höherstufigen" biologischen Phänomens ist genau dann reduktiv, wenn darin ausschließlich "niederstufige" chemische oder physikalische Phänomene oder Mechanismen als Erklärer herangezogen werden.)
Eine reduktive Erklärung in der Biologie führt ein komplexes biologisches Phänomen auf seine grundlegenden physikalischen, chemischen oder molekularen Bestandteile zurück. Das Ziel ist es zu zeigen, dass sich Makro-Eigenschaften (die Systemebene) vollständig durch die Mikro-Eigenschaften (die molekulare Ebene) erklären lassen. Hier sind die bekanntesten und am häufigsten diskutierten Beispiele für reduktive Erklärungen in der Biologie:

## 1. Die Vererbung durch die DNA-Struktur
Das klassische Paradebeispiel der Wissenschaftstheorie ist die Reduktion der klassischen Genetik (Mendelsche Regeln) auf die Molekularbiologie.
* Das Phänomen: Merkmale werden nach bestimmten statistischen Regeln von Eltern auf Nachkommen übertragen.
* Die reduktive Erklärung: Watson und Crick erklärten dies durch die Struktur der DNA-Doppelhelix. Die Replikation basiert auf der spezifischen Wasserstoffbrückenbindung zwischen den Basenpaaren (Adenin-Thymin, Guanin-Cytosin). Phänomene wie "Dominanz" oder "Rezessivität" werden molekular durch funktionsfähige oder defekte Proteine (Enzyme) erklärt.

## 2. Die Sichelzellenanämie als molekulare Krankheit
Dieses Beispiel zeigt perfekt, wie eine komplexe systemische Erkrankung des gesamten Organismus auf eine einzige molekulare Veränderung reduziert werden kann.
* Das Phänomen: Patienten leiden unter Gewebeschäden, Blutarmut und Organversagen, weil die roten Blutkörperchen unter Sauerstoffmangel eine Sichelform annehmen und Gefäße verstopfen.
* Die reduktive Erklärung: Das Phänomen wird auf eine Punktmutation im HBB-Gen zurückgeführt. Dadurch wird in der $\beta$-Kette des Hämoglobins die Aminosäure Glutaminsäure gegen Valin ausgetauscht. Diese minimale chemische Änderung führt dazu, dass das Hämoglobin bei Sauerstoffmangel unlösliche Fasern bildet, welche die Zelle verformen.

## 3. Nervenimpulse durch Ionenströme (Hodgkin-Huxley-Modell)
Die Weiterleitung von Signalen im Nervensystem wird vollständig physikalisch-chemisch erklärt.
* Das Phänomen: Ein Reiz wandert als elektrischer Impuls (Aktionspotenzial) blitzschnell an einer Nervenfaser entlang.
* Die reduktive Erklärung: Das Hodgkin-Huxley-Modell reduziert diesen Prozess auf das Öffnen und Schließen spannungsgesteuerter Natrium- und Kaliumkanäle in der Zellmembran. Der Impuls ist nichts anderes als ein mathematisch beschreibbarer, transienter Fluss von Ionen entlang eines elektrochemischen Gradienten.

## 4. Muskelkontraktion durch das Filamentgleiten
Die makroskopische Bewegung von Muskeln wird mechanisch auf Proteinebene erklärt.
* Das Phänomen: Ein Muskel zieht sich zusammen und erzeugt mechanische Kraft.
* Die reduktive Erklärung: Die Gleitfilament-Theorie bricht dies auf die Interaktion zwischen den Proteinen Aktin und Myosin herunter. Unter Verbrauch von ATP (chemische Energie) knicken die Myosinköpfchen um, greifen das Aktinfilament und ziehen es heran. Die Kontraktion des Muskels ist die Summe von Millionen solcher molekularer "Ruderschläge".

## 5. Zellatmung und ATP-Synthese
Die "Lebenskraft" oder der Stoffwechsel von Organismen wird auf biochemische Reaktionsketten reduziert.
* Das Phänomen: Organismen nehmen Nahrung auf, um Energie für Lebensprozesse zu gewinnen.
* Die reduktive Erklärung: Die Energieumwandlung wird auf die Glykolyse, den Citratzyklus und die oxidative Phosphorylierung in den Mitochondrien reduziert. Die eigentliche Energiespeicherung ($ATP$-Synthese) wird durch die chemiosmotische Kopplung (Peter Mitchell) erklärt: Ein durch eine Elektronentransportkette aufgebauter Protonengradient treibt eine molekulare "Rotationsmaschine" (die ATP-Synthase) an.

------------------------------
## Grenzen des Reduktionismus (Wichtiger Kontext)
In der modernen Biologie wird reiner Reduktionismus oft durch den Systembiologie-Ansatz ergänzt. Viele Biologen argumentieren, dass rein reduktive Erklärungen Phänomene wie Emergenz übersehen (Eigenschaften eines Systems, die sich nicht allein aus den Eigenschaften der Einzelteile vorhersagen lassen, wie z. B. das Verhalten eines Vogelschwarms oder das Bewusstsein im Gehirn).

Quelle: Google KI
Fußnote: Das Thema Reduktion versus Emergenz/Reduktionismus versus Emergentismus hat verschiedene (ontologische, epistemologische, methodologische) Facetten, und es sind insbesondere unterschiedliche Arten von Reduktion bzw. Emergenz zu berücksichtigen.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Jul 2026, 07:11
Aber das, was du da anbietest, bietet keine Erläuterung, was das Physische sein soll. Du hast nur: Das Physische ist das Physische und es ist nicht Geist/Leben/Bewusstsein oder was auch immer du ausschließt. Damit hast du nur eine Tautologie plus einer negativen Abgrenzung.
Nein, denn meine Definition des Physischen bzw. des Physikalismus ist nicht "tautologisch"!

Noch einmal: Ich definiere zunächst das Urphysische als all dasjenige Konkrete, das Teil einer abiotisch-apsychischen MERZ-Welt ist oder sein kann (einschließlich MERZ selbst), und danach das Physische im Allgemeinen als all dasjenige Konkrete, das entweder urphysisch ist oder aus nichts weiter entsteht und grundlegend besteht als urphysischen Elementen.

Ausgehend von diesen beiden Definitionen, definiere ich den Materialismus/Physikalismus als die einfache ontologische These, dass alle Entitäten physische Entitäten sind.

Die negative Abgrenzung ("abiotisch" & "apsychisch") oder "via negativa" als Teil der Definition des Urphysischen erachte ich für adäquat und informativ.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Jul 2026, 07:11
Und das hier bietet null Erklärung, was das Physische sein soll: "Der (reduktive) Materialismus ist die Auffassung, dass nur die physische Welt irreduzibel real ist."
Einen Überblick über die urphysischen Phänomene und ihre Natur (= das Themenfeld der Physik) findest du in Lehrbüchern wie Kuchlings Taschenbuch der Physik (PDF). (Wirf einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis!)



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Sa 4. Jul 2026, 08:52

An anderer Stelle hat Rudolf Pirnbacher einen Aufsatz gepostet, in dem es eigentlich ganz gut ausgedrückt wird.
Reduktionismus, Multirealisierbarkeit und höherstufige Näherungen (Holger Lyre)

Da Fragen der Reduktion und des Reduktionismus im Vordergrund des Aufsatzes stehen, sei zum nahe verwandten Begriff „Physikalismus“ hier nur eine informelle Anleihe gemacht – und zwar im Sinne der Einleitung des entsprechenden Eintrags von Daniel Stoljar (2009) in der Stanford Encyclopedia of Philosophy: “Physicalism is the thesis that everything is physical, or as contemporary philosophers sometimes put it, that everything supervenes on the physical. The thesis is usually intended as a metaphysical thesis.” Es wird häufig hervorgehoben, dass eine derartige Charakterisierung in der Gefahr steht, ins Leere zu laufen, insofern hier bereits vorausgesetzt wird, was “the physical” eigentlich bedeutet. Da dies der Schlüsselausdruck des in Rede stehenden Ismus ist, steht die obige Formulierung unter einem Zirkuläritätsverdacht. Ich werde nicht den Versuch unternehmen, diese Schwäche hier zu beheben, sondern appelliere an unser Alltagsverständnis, das uns sagt, dass mentale und physikalische Zustände verschieden sind. ...
Auch du entkommst dem nicht. Du definierst das Physische mit dem Urphysischen. Das ist entweder eine Tautologie bzw. ein Zirkel. Nenn es wie du willst. Oder du definierst es über den gegenwärtigen Stand des Wissens, der mit größter Wahrscheinlichkeit unvollständig/falsch ist. Du hast nur die Wahl zwischen einem dieser beiden Hörnern.



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Sa 4. Jul 2026, 09:11

Consul hat geschrieben :
Fr 3. Jul 2026, 23:34
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Jul 2026, 07:11
Wer spricht denn von Lebensenergie? Ich nicht! Ich sage, wir wissen nicht, ob die Biologie auf die Physik reduzierbar ist.
Anyway, wir wissen, dass reduktive Erklärungen in der Biologie machbar sind.
Aber damit widersprichst Du gar nicht meiner Behauptung. Ich habe nicht gesagt, dass es in der Biologie keine reduktiven Erklärungen geben kann. Ich habe etwas anderes gesagt, nämlich dass wir nicht wissen, ob die Biologie sich (insgesamt) auf die Physik (ontisch) reduzieren lässt.

Da du selbst die Google KI als Zeuge genommen hast, gebe ich dir hier die Antwort, die sie mir gegeben hat – dazu habe ich ihr einfach das obige Zitat gegeben: Das ist eine klassische Form des Strohmann-Arguments (Straw Man Fallacy) durch Bedeutungsverschiebung.

Consul verändert den Skopus deiner Aussage. Deine Behauptung ist eine globale, prinzipielle These über das Verhältnis von Biologie und Physik als Ganzes: Du bezweifelst, dass sich die Biologie vollständig und ohne Rest auf die Physik reduzieren lässt, oder sagst zumindest, dass wir das nicht wissen.

Consul antwortet jedoch mit einer partiellen, pragmatischen These: Er verweist darauf, dass einzelne reduktive Erklärungen innerhalb der Biologie funktionieren (was unbestritten ist, z. B. in der Molekularbiologie).

Indem er deine Skepsis gegenüber einer vollständigen Reduktion so umdeutet, als würdest du die Machbarkeit von Reduktionen im Einzelnen leugnen, macht er es sich leicht, deine Position scheinbar zu widerlegen. Er antwortet auf eine Frage, die du gar nicht gestellt hast.



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Sa 4. Jul 2026, 22:26

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 4. Jul 2026, 08:52
An anderer Stelle hat Rudolf Pirnbacher einen Aufsatz gepostet, in dem es eigentlich ganz gut ausgedrückt wird.
Reduktionismus, Multirealisierbarkeit und höherstufige Näherungen (Holger Lyre)

…Ich werde nicht den Versuch unternehmen, diese Schwäche hier zu beheben, sondern appelliere an unser Alltagsverständnis, das uns sagt, dass mentale und physikalische Zustände verschieden sind. ...
Auch aus physikalistischer Sicht sind mentale Zustände und nichtmentale Zustände verschieden—aber eben nicht im Sinn einer fundamental-kategorialen ontologischen Verschiedenheit des Psychischen und des Physischen, sondern im Sinn eines (realen) Unterschiedes zwischen dem Psychophysischen und dem Nicht-Psychophysischen.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 4. Jul 2026, 08:52
Auch du entkommst dem nicht. Du definierst das Physische mit dem Urphysischen. Das ist entweder eine Tautologie bzw. ein Zirkel. Nenn es wie du willst. Oder du definierst es über den gegenwärtigen Stand des Wissens, der mit größter Wahrscheinlichkeit unvollständig/falsch ist. Du hast nur die Wahl zwischen einem dieser beiden Hörnern.
Nein, denn im Definiens meiner Definition des Urphysischen kommt das Wort "physisch" gar nicht vor, sodass ich meine Definition des Physischen auch ohne das Wort "urphysisch" formulieren kann:

"Ich definiere…das Physische im Allgemeinen als all dasjenige Konkrete, das entweder Teil einer abiotisch-apsychischen MERZ-Welt ist oder sein kann (einschließlich MERZ selbst), oder aus nichts weiter entsteht und grundlegend besteht als konkreten Elementen, die Teil einer abiotisch-apsychischen MERZ-Welt sind oder sein können."

Darin ist nichts tautologisch oder zirkulär! Da steht nicht so etwas wie "Das Physische ist das Physische"!



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Sa 4. Jul 2026, 23:13

@Jörn:

DU: "Ich sage, wir wissen nicht, ob die Biologie auf die Physik reduzierbar ist."

ICH: "Was genau verstehst du unter "reduzierbar"? Anyway, wir wissen, dass reduktive Erklärungen in der Biologie machbar sind."

Ich habe deshalb mit einer "partiellen, pragmatischen These" (?) geantwortet, weil ich deine Antwort auf meine obige Frage nicht kannte, und mir somit nicht klar war, wie genau du den Satz "Die Biologe ist auf die Physik reduzierbar" verstehst.

Nun hast du Folgendes geschrieben: "Ich habe nicht gesagt, dass es in der Biologie keine reduktiven Erklärungen geben kann. Ich habe etwas anderes gesagt, nämlich dass wir nicht wissen, ob die Biologie sich (insgesamt) auf die Physik (ontisch) reduzieren lässt."

Wenn vom ontologischen Reduktionismus die Rede ist, dann geht es um die Frage, ob Entitäten der Kategorie A mit Entitäten bzw. Entitätskomplexen der Kategorie B identisch sind – in diesem Fall also darum, ob die von biologischen Theorien postulierten Entitäten mit von physikalischen (oder chemischen) Theorien postulierten Entitäten bzw. Entitätskomplexen identisch sind.

Eines steht jedenfalls fest: (Heutige) Biologische Theorien postulieren keinerlei immaterielle (nichtphysische/nichtchemische) Substanzen – und zwar auch solche nicht, die den ontologischen Emergentismus voraussetzen, sodass es nur noch um die Frage der ontologischen Identität biologischer Adhärenzen (Attribute: Eigenschaften/Beziehungen, einschließlich Kräften und Energien) oder Okkurrenzen (Ereignisse, Vorgänge, Zustände) mit (komplexen) physikalischen/chemischen Adhärenzen oder Okkurrenzen geht.



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So 5. Jul 2026, 03:45

Consul hat geschrieben :
Fr 3. Jul 2026, 23:34
…Die negative Abgrenzung ("abiotisch" & "apsychisch") oder "via negativa" als Teil der Definition des Urphysischen erachte ich für adäquat und informativ.
Zum Vergleich:
"In der zeitgenössischen Philosophie des Geistes wird gemeinhin angenommen, dass alle geistbegabten Einzeldinge – wie etwa menschliche Wesen – physischer Natur sind. Dies kann so verstanden werden, dass sie physischer Art sind oder über physische Eigenschaften verfügen. Leider ist keineswegs klar, was mit „physisch“ eigentlich gemeint ist. Die Definition „in der zeitgenössischen physikalischen Theorie erwähnt“ ist offensichtlich unzureichend: Sie ist zeit- und kulturabhängig und damit für die Metaphysik unbrauchbar. „Konstitutiv für ein grundlegendes Naturgesetz“ ist etwas besser, lässt jedoch Begriffe außer Acht, die zwar unpräzise, ​​aber intuitiv als physisch gelten, wie etwa „dick“, „hart“, „schwer“, „klebrig“ usw. Selbst bei Entitäten wie Elektronen oder Neutrinos oder bei Eigenschaften wie dem „Flavor“ oder der „Farbe“ von Quarks ist nicht viel erkennbar „Physisches“ auszumachen. Ebenso wenig hilft uns – wie nicht weiter erwähnt werden muss – ein Begriff des „Physischen“, der auf der kartesischen Dichotomie von Geist und Materie beruht. Es scheint also keine konsensfähige Definition von „physisch“ zu geben, auf die wir uns stützen könnten; und ich halte dies auch nicht für den geeigneten Ort, um einen eigenen Definitionsvorschlag zu unterbreiten. Es ist sogar zweifelhaft, ob das Unterfangen, „physisch“ zu definieren, jemals gelingen wird, da es anscheinend an klaren Erfolgskriterien mangelt.

Aber bedeutet dies, dass uns ein klares Verständnis des „Physikalismus“ verwehrt bleibt? Ich glaube nicht. Denn die Intuition, die dem Physikalismus – oder Materialismus – zugrunde liegt, erscheint recht klar; sie scheint nicht von einer ausgefeilten Theorie, geschweige denn einer Definition dessen abzuhängen, was es heißt, physisch zu sein. Im Grunde besagt der Physikalismus lediglich, dass Leben, Geist und Gesellschaft in einer leblosen, geistlosen und nicht-sozialen Welt entstanden sind, in ihrer Realität von den Grundgesetzen dieser Welt abhängen (die ihrerseits keinen erkennbar biologischen, psychologischen oder sozialen Charakter aufweisen) und letztlich bloß spezielle Arten und Weisen darstellen, wie sich der Stoff dieser Welt verhält.

Dies legt nahe, dass wir das Leblose, Geistlose und Nicht-Soziale kurzerhand als das Physische – oder besser: das bloß Physische [merely physical] – bezeichnen können. Der Gedanke dahinter ist, dass der Physikalismus auf einer alltäglichen Vorstellung von „toter Materie“ beruht. Es handelt sich hierbei um ein stillschweigend negatives Verständnis des „Physischen“: metaphysisch wenig ergiebig und gewiss zu dürftig, um als Definition von „physisch“ gelten zu können. Andererseits: Soweit es uns gelingt, eine Bestimmung dessen zu finden, was für das Lebendige, das Geistige und das Soziale charakteristisch ist – was zwar kein leichtes Unterfangen zu sein scheint, aber doch eher zu bewältigen ist, als den Begriff des „Physischen“ von Grund auf zu definieren –, wird dies auch keineswegs ohne Erkenntniswert sein.

Vor allem aber scheint diese Bestimmung gut genug zu sein, um den Kerngedanken des Physikalismus zu formulieren. Man kann sich verschiedene Parteien vorstellen, die zwar jeweils ein eigenes Verständnis von „physisch“ haben, sich aber in einem Punkt einig sind: Leben, Geist und Gesellschaft bedürfen keiner irreduziblen oder grundverschiedenen „biotischen“, „psychischen“ oder „sozialen“ Ergänzung des „Physischen“ (was auch immer darunter zu verstehen sein mag). Zudem lässt sich leicht erkennen, dass ein negativ abgegrenzter physikalischer Bereich – abgesehen von Eigenschaften wie Ladung oder Spin – auch Eigenschaften wie Gewicht, Länge, Gestalt, Transparenz, Zähflüssigkeit usw. umfasst sowie chemische Eigenschaften, etwa die Funktion als Katalysator oder die Eigenschaft, ätzend zu wirken. Dies scheint die Vorstellung des „Physischen“, wie sie in den Debatten zur Metaphysik des Geistes anzutreffen ist, recht präzise zu erfassen." [übersetzt von Google]

(De Muijnck, Wim. Dependencies, Connections, and Other Relations: A Theory of Mental Causation. Dordrecht: Kluwer, 2003. pp. 15-6)
Anmerkungen:
* De Muijnck hat etwas übersehen, nämlich, dass nicht nur das "bloß Physische", sondern auch das Abstrakte frei von Leben, Geist/Bewusstsein und Sozialem/Kulturellem ist. Er hätte also hinzufügen müssen, dass alle bloß physischen Entitäten konkrete Entitäten sind, sodass abstrakte Entitäten davon grundsätzlich ausgeschlossen sind. (Die Frage, ob es abstrakte Entitäten überhaupt gibt, lasse ich an dieser Stelle offen.)
* Was De Muijnck "bloß physisch" ("merely physical") nennt, nenne ich "urphysisch".



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Consul
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So 5. Jul 2026, 04:39

"In weiten Kreisen der Philosophie des Geistes herrscht heute nahezu Einigkeit darüber, dass man in der Frage der Reduzierbarkeit des Mentalen auf das Physische die folgende Position einnehmen sollte: Gesetze und Erklärungsweisen der höherstufigen Wissenschaften lassen sich nicht vollständig auf fundamentalere Gesetze und Erklärungsweisen zurückführen, gleichwohl werden höherstufige Entitäten und Eigenschaften vollständig durch niederstufige Entitäten und Eigenschaften konstituiert. Die Welt »besteht« insofern gänzlich aus physischem Substrat, der genaue, erklärungsverlustfreie Ableitungszusammenhang des Mentalen aus dem Physischen oder, allgemeiner, des Höherstufigen aus dem Niederstufigen lässt sich jedoch nicht erfassen. Die erstere Auffassung wird als ontischer Reduktionismus, die zweitere als epistemischer ( oder explanatorischer) Anti-Reduktionismus bezeichnet. Die gängige Kombination aus ontischem Reduktionismus und epistemischem Anti-Reduktionismus firmiert üblicherweise als nicht-reduktiver Physikalismus.
Demgegenüber gilt ein strenger Reduktionismus allenthalben als geradezu abwegige Position. Jaegwon Kim…" (S. 55)

"Der Themenkomplex des Reduktionismus gestattet dabei mehrere Unterscheidungsweisen. Zunächst ist zwischen einer ontischen und einer epistemischen Sichtweise zu unterscheiden:

Ontischer Reduktionismus (OR): Höherstufige Entitäten werden vollständig durch niederstufige Entitäten »konstituiert «.

Epistemischer (explanatorischer) Reduktionismus (ER): Resultate höherstufiger Theorien werden vollständig durch niederstufige Theorien erklart." (S. 58)

(Lyre, Holger. "Reduktionismus, Multirealisierbarkeit und höherstufige Näherungen." In Die Suche nach dem Geist, hrsg. v. Jan G. Michel & Gernot Münster, 55-80. Münster: mentis, 2013.)
Lyre erwähnt Jaegwon Kim zwar, aber dessen Definition des nichtreduktiven Physikalismus entspricht nicht seiner:
"Im Großen und Ganzen hat ein ontologischer Physikalist die Wahl zwischen den folgenden beiden Optionen:

1. Eigenschaftsdualismus oder nichtreduktiver Physikalismus: Die psychologischen Eigenschaften eines Systems unterscheiden sich von dessen physikalischen Eigenschaften und sind nicht auf diese reduzierbar.

2. Eigenschaftsmonismus oder reduktiver Physikalismus: Psychologische Eigenschaften sind auf physikalische Eigenschaften reduzierbar und mit diesen reduktiv identifizierbar. In dieser Welt sind nur Eigenschaften einer einzigen Art exemplifiziert, und zwar physikalische Eigenschaften." (S. 13)

"[D]er ontologische Physikalismus [ist] die Auffassung, dass es in der Welt keine anderen konkreten Individuen oder Substanzen gibt als materielle Teilchen und deren Aggregate." (S. 274)

"[D]ie heute am weitesten verbreitete Form des Physikalismus verbindet den ontologischen Physikalismus mit dem Eigenschaftsdualismus: Alle konkreten Einzeldinge in dieser Welt sind physikalisch, doch komplexe physikalische Systeme können – und tun dies bisweilen auch – Eigenschaften aufweisen, die nicht auf physikalische Eigenschaften ‚unterer Ebene‘ reduzierbar sind. Zu diesen nicht-reduzierbaren Eigenschaften gehören vor allem mentale Eigenschaften, einschließlich jener, die in den Psychologie- und Kognitionswissenschaften untersucht werden." (S. 275)
[übersetzt von Google]

(Kim, Jaegwon. Philosophy of Mind. 2nd ed. Boulder, CO: Westview, 2006.)
"Nichtreduktiver Physikalismus

Es herrscht kein Konsens darüber, wie genau der nichtreduktive Physikalismus zu formulieren ist – und zwar aus dem einfachen Grund, dass weder darüber Einigkeit besteht, wie der Physikalismus zu formulieren ist, noch darüber, wie wir Reduktion verstehen sollten. Für die hiesigen Zwecke ist jedoch keine präzise Formulierung erforderlich; eine Charakterisierung in groben Zügen genügt. Zudem muss es nicht die eine „korrekte“ oder „richtige“ Formulierung des Physikalismus geben; wahrscheinlich existieren verschiedene, nicht streng äquivalente Thesen über den fundamental physischen Charakter der Welt, die jeweils vernünftigerweise als Ausdruck des Physikalismus gelten können. Die Stärken und Schwächen, Vor- und Nachteile dieser unterschiedlichen Physikalismen ließen sich untersuchen und diskutieren, und vernünftige Menschen könnten dabei zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen. Jedenfalls werden die meisten darin übereinstimmen, dass die folgenden drei Lehren für den nichtreduktiven Physikalismus zentral sind: die Supervenienz des Mentalen über dem Physischen, die physische Irreduzibilität des Mentalen und die kausale Wirksamkeit des Mentalen. Die Supervenienz des Mentalen über dem Physischen – jene These, die diese Position zu einer Form des Physikalismus macht – lässt sich folgendermaßen formulieren:

Supervenienz. Mentale Eigenschaften supervenieren stark über physischen/biologischen Eigenschaften. Das heißt: Wenn ein System s zu einem Zeitpunkt t eine mentale Eigenschaft M instanziiert, so existiert notwendigerweise eine physische Eigenschaft P, derart dass s zu t die Eigenschaft P instanziiert, und notwendigerweise instanziiert jedes Ding, das zu irgendeinem Zeitpunkt P instanziiert, zu diesem Zeitpunkt auch M.

Ich fasse Supervenienz als eine ontologische These auf, die den Gedanken der Abhängigkeit beinhaltet – eine Art der Abhängigkeit, die es rechtfertigt zu sagen, dass eine mentale Eigenschaft in einem gegebenen Organismus zu einem bestimmten Zeitpunkt instanziiert wird, weil (oder kraft der Tatsache, dass) eine ihrer physischen „Basis-“Eigenschaften zu diesem Zeitpunkt von dem Organismus instanziiert wird. Supervenienz ist somit nicht bloß eine Behauptung über die Kovariation zwischen mentalen und physischen Eigenschaften; sie schließt die Behauptung einer existenziellen Abhängigkeit des Mentalen vom Physischen ein. Ich gehe davon aus, dass ein ernsthafter Physikalist diese Interpretation der Supervenienz akzeptieren wird. Die Supervenienz des Mentalen über dem Physischen – verstanden als bloße Behauptung darüber, wie mentale und physische Eigenschaften miteinander kovariieren – wird von Vertretern der Doppelaspekttheorie, von neutralen Monisten, von Emergentisten und von Epiphänomenalisten akzeptiert; sie kann sogar von Substanzdualisten akzeptiert werden.

Die zweite Komponente des nichtreduktiven Physikalismus spiegelt den „nichtreduktiven“ Charakter dieser Form des Physikalismus wider:

Irreduzibilität. Mentale Eigenschaften sind nicht auf physische/physikalische Eigenschaften reduzierbar und nicht mit diesen identisch.

Es gibt keinen einzelnen, klar definierten Begriff oder kein Modell von Reduktion, auf das sich alle an der Debatte Beteiligten einigen könnten; für uns im Kontext des Supervenienzarguments spielt dies jedoch keine Rolle. Wir müssen hier lediglich voraussetzen, dass physikalisch irreduzible Eigenschaften außerhalb des physikalischen Bereichs verbleiben – das heißt: Wenn etwas physikalisch reduziert wird, muss es mit einer physikalischen Entität identisch sein. Die grundlegende Bedeutung von Reduktion wurde meines Erachtens von J.J.C. Smart dargelegt, als er sagte, Empfindungen seien nichts „über“ Gehirnprozesse „hinaus“ ["over and above"]. Wenn Xe auf Ye reduziert werden, dann sind Xe nichts über die Ye Hinausgehendes.

Wir kommen nun zur dritten These, die den kausalen Status dieser irreduziblen mentalen Eigenschaften betrifft.

Kausale Wirksamkeit. Mentale Eigenschaften besitzen kausale Wirksamkeit – das heißt, ihre Instanziierung kann dazu führen (und tut dies auch), dass andere Eigenschaften, seien sie mentaler oder physikalischer Art, ebenfalls instanziiert werden.

Diese letzte These ist für die vielen Anhänger der hier beschriebenen Position von Bedeutung. Die Behauptung der Irreduzibilität ist oft von dem Wunsch motiviert, mentale Eigenschaften als etwas Besonderes und Eigenständiges zu bewahren; sollten sich diese Eigenschaften jedoch als kausal wirkungslos und erklärungstheoretisch nutzlos erweisen, würde ihnen jegliche wirkliche Interessantheit oder jede Bedeutung abgesprochen, wodurch die Frage ihrer Reduzierbarkeit weitgehend hinfällig würde. Oder man könnte argumentieren: Da physikalische Eigenschaften als kausal wirksam gelten, können kausal inerte mentale Eigenschaften offensichtlich nicht physikalisch reduziert werden. Das bedeutet, dass die Ablehnung mentaler kausaler Wirksamkeit die Behauptung der Irreduzibilität zwar wahr, aber trivial machen würde. Auf diese Weise gehen die Thesen der Irreduzibilität und der kausalen Wirksamkeit also Hand in Hand.

Es lässt sich darüber streiten, ob diese drei Thesen einen hinreichend robusten Physikalismus begründen. Die entscheidende Frage ist dabei offensichtlich, ob die formulierte Geist-Körper-Supervenienz für den Physikalismus ausreicht, da Irreduzibilität und kausale Wirksamkeit des Mentalen keinen spezifischen Bezug zum Physikalismus aufweisen – beides wurde schließlich auch von Descartes vertreten. Zudem vertrat auch der klassische Emergentismus – der üblicherweise nicht als eine Form des Physikalismus gilt – alle drei Thesen, was ihn zur Zielscheibe des Supervenienzarguments macht." [übersetzt von Google]

(Kim, Jaegwon. Physicalism, or Something Near Enough. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2005. pp. 33-5)



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Jörn P Budesheim
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So 5. Jul 2026, 06:31

Consul hat geschrieben :
Sa 4. Jul 2026, 22:26
Ich definiere…das Physische im Allgemeinen als all dasjenige Konkrete, das entweder Teil einer abiotisch-apsychischen MERZ-Welt ist oder sein kann (einschließlich MERZ selbst), oder aus nichts weiter entsteht und grundlegend besteht als konkreten Elementen, die Teil einer abiotisch-apsychischen MERZ-Welt sind oder sein können.
Hier definierst du das Physische als Teil der MERZ-Welt - an anderer Stelle hast du es als urphysisch definiert, aber egal. Dann hast du eben mit dieser Definition das Problem mit dem entsprechenden Horn, das hatte ich weiter oben bereits skizziert.

Vielleicht skizzierst du mal in einfachen, verständlichen Worten, wie du dem Dilemma entkommen möchtest, ich kann in deinen Texten bisher keinen Ansatz dazu finden.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Rudolf Pirnbacher
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So 5. Jul 2026, 11:35

Consul hat geschrieben :
Fr 3. Jul 2026, 23:34
eine reduktive Erklärung in der Biologie führt ein komplexes biologisches Phänomen auf seine grundlegenden physikalischen, chemischen oder molekularen Bestandteile zurück. Das Ziel ist es zu zeigen, dass sich Makro-Eigenschaften (die Systemebene) vollständig durch die Mikro-Eigenschaften (die molekulare Ebene) erklären lassen. Hier sind die bekanntesten und am häufigsten diskutierten Beispiele für reduktive Erklärungen in der Biologie:

## 1. Die Vererbung durch die DNA-Struktur
Das klassische Paradebeispiel der Wissenschaftstheorie ist die Reduktion der klassischen Genetik (Mendelsche Regeln) auf die Molekularbiologie.
* Das Phänomen: Merkmale werden nach bestimmten statistischen Regeln von Eltern auf Nachkommen übertragen.
* Die reduktive Erklärung: Watson und Crick erklärten dies durch die Struktur der DNA-Doppelhelix. Die Replikation basiert auf der spezifischen Wasserstoffbrückenbindung zwischen den Basenpaaren (Adenin-Thymin, Guanin-Cytosin). Phänomene wie "Dominanz" oder "Rezessivität" werden molekular durch funktionsfähige oder defekte Proteine (Enzyme) erklärt.
Meine Frage dazu: wenn das spezielle Phänomen noch nicht bekannt wäre, könnte man auch dann ähnlich der reduktiven Erklärung eine sichere Prognose vornehmen ?




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Jörn P Budesheim
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So 5. Jul 2026, 14:23

Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 11:35
Meine Frage dazu: Wenn das spezielle Phänomen noch nicht bekannt wäre, könnte man auch dann ähnlich der reduktiven Erklärung eine sichere Prognose vornehmen?
Ich würde meinen, das "spezielle Phänomen, das noch nicht bekannt ist", ist die Lebenswirklichkeit der Pflanzen, Pilze, Tiere und alles, was es da sonst noch gibt, selbst. Also grob gesagt 99,99 % dessen, worum es eigentlich geht. Wie sich das Leben eines Katers während der Ranz anfühlt, wissen wir nicht und werden es wahrscheinlich auch nie wissen, besonders nicht, wenn uns nur die Methoden der Physik zur Verfügung stehen sollen und nicht etwa Erkenntnismethoden wie die des Einfühlungsvermögens, dem im vorliegenden Fall allerdings sicherlich enge Grenzen gesetzt sind. :)

Wie genau soll es möglich sein, einen "Untersuchungsgegenstand", dessen Realität – also sein wirkliches gelebtes Leben – uns weitgehend verborgen ist, auf etwas zu reduzieren, das zudem kategorial vollkommen verschieden ist, nämlich auf tote Materie? Diese epistemische Grenze, die auch ontologisch von größten Belang ist, sollte unsere metaphysischen Träume auf etwas mehr Bescheidenheit trimmen.



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So 5. Jul 2026, 20:32

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 06:31
Consul hat geschrieben :
Sa 4. Jul 2026, 22:26
Ich definiere…das Physische im Allgemeinen als all dasjenige Konkrete, das entweder Teil einer abiotisch-apsychischen MERZ-Welt ist oder sein kann (einschließlich MERZ selbst), oder aus nichts weiter entsteht und grundlegend besteht als konkreten Elementen, die Teil einer abiotisch-apsychischen MERZ-Welt sind oder sein können.
Hier definierst du das Physische als Teil der MERZ-Welt - an anderer Stelle hast du es als urphysisch definiert, aber egal.
Das ist nicht egal; denn ich will dir mit der obigen Formulierung—worin "urphysisch" nicht vorkommt—klarmachen, dass meine Definition des Physischen weder tautologisch noch zirkulär ist.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 06:31
Dann hast du eben mit dieser Definition das Problem mit dem entsprechenden Horn, das hatte ich weiter oben bereits skizziert.
Vielleicht skizzierst du mal in einfachen, verständlichen Worten, wie du dem Dilemma entkommen möchtest, ich kann in deinen Texten bisher keinen Ansatz dazu finden.
Ich muss keine Lösung für ein Problem anbieten, dass ich mit meiner Definition des Physischen gar nicht habe.
Wie gesagt, ich stecke in Hempels Dilemma gar nicht drin, weil meine Definition des Physischen ohne Bezugnahme auf die (gegenwärtige oder zukünftige) Physik bzw. (gegenwärtige oder zukünftige) physikalische Theorien (des Physischen) auskommt.
"Hempels Dilemma

Man könnte einwenden, dass jede Formulierung des Physikalismus, die sich auf die theoriebasierte Konzeption stützt [meine Beton.], entweder trivial oder falsch wäre. Carl Hempel (vgl. Hempel 1969; siehe auch Crane und Mellor 1990) hat dieses Problem klassisch formuliert: Wird der Physikalismus über einen Bezug zur gegenwärtigen Physik definiert, so ist er falsch – wer würde schließlich behaupten, die gegenwärtige Physik sei vollständig? Wird er hingegen über einen Bezug zu einer zukünftigen oder idealen Physik definiert, so ist er trivial – wer könnte schließlich vorhersagen, was eine zukünftige Physik beinhalten wird? Vielleicht umfasst sie beispielsweise sogar mentale Entitäten. Die Schlussfolgerung aus diesem Dilemma lautet, dass man über keinen klaren Begriff einer physikalischen Eigenschaft verfügt – oder zumindest über keinen Begriff, der klar genug wäre, um jene Rolle zu erfüllen, die Philosophen des Geistes dem Physikalischen/Physischen zuschreiben wollen. …." [übersetzt von Google]

Physicalism: https://plato.stanford.edu/entries/physicalism/
Wohlgemerkt: Meine Formulierung des Physikalismus stützt sich nicht "auf die theoriebasierte Konzeption".



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So 5. Jul 2026, 20:52

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 5. Jul 2026, 14:23
Wie genau soll es möglich sein, einen "Untersuchungsgegenstand", dessen Realität – also sein wirkliches gelebtes Leben – uns weitgehend verborgen ist, auf etwas zu reduzieren, das zudem kategorial vollkommen verschieden ist, nämlich auf tote Materie? Diese epistemische Grenze, die auch ontologisch von größten Belang ist, sollte unsere metaphysischen Träume auf etwas mehr Bescheidenheit trimmen.
Kein reduktiver Materialist, der subjektive Erlebnisse mit aus apsychischen Elementen bestehenden Nervenvorgängen gleichsetzt, behauptet, dass ein äußerer Beobachter subjektiv erlebter Nervenvorgänge im Gehirn eines anderen Lebwesens durch das äußere Beobachten derselben die betreffenden subjektiven Erlebnisse in sich selbst hervorrufen und dadurch herausfinden kann, wie es sich anfühlt oder einem zumute ist, wenn man deren Subjekt ist.
Ein diesbezüglicher empirisch-epistemischer Dualismus schließt aber keinen ontischen Dualismus zwischen subjektiven Erfahrungen und Nervenvorgängen ein, sodass aus Ersterem nicht folgt, dass neurologische und phänomenologische/psychologische Vorkommnisse "kategorial vollkommen verschieden" sind.



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