Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
…Das ist die Tautologie: du definierst Materialismus mit Materie ... und was das ist, weißt du nicht.
Eine das Wort "Materie" enthaltende
Definition des Materialismus/Physikalismus enthält keine
Theorie der Materie, aber das muss sie auch nicht. Für Letzteres sind die Physik und die physikalische Metaphysik zuständig, und nicht alle Materialisten vertreten dieselbe Auffassung der Materie. Dass es eine
inner-materialistische Materie-Debatte gibt, spricht in keiner Weise gegen die Wahrheit des Materialismus. Was alle Materialisten natürlich ablehnen, sind antirealistische oder idealistische Materie-Theorien wie diejenige Berkeleys.
Hyle/Materia/Stoff ist ein naturphilosophischer/-wissenschaftlicher Grundbegriff mit einer sehr langen Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart. Ich habe dazu ein 650-seitiges Buch mit dem Titel
The Concept of Matter, und z.B. der Artikel zu "Materie" im
Historischen Wörterbuch der Philosophie (Hrsg. J. Ritter, K. Gründer & G. Gabriel, 1971–2007) umfasst 54 Seiten. Auch der betreffende
Eintrag in Eislers
Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904) ist lang.
"…der Stoff der Körper, die Materie…"
(Kayser, Heinrich. Lehrbuch der Physik für Studierende. Stuttgart: Enke, 1890. S. 2-3)
"Materie, die; -, -n: rein Stoffliches als Grundlage von dinglich Vorhandenem; stoffliche Substanz"
—DUDEN: Bedeutungswörterbuch (5. Aufl., 2018)
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Auch dein vager(er) „MERZ-Begriff" hilft dir nicht: Wenn eine künftige Physik Raum und Zeit als nicht-fundamental erkennt (wie es einige Quantengravitationstheorien andeuten), würde deine „positive Bestimmung" MERZ als falsch oder unvollständig entlarvt werden.
Nein, denn eine
emergente Raumzeit wäre ja immer noch eine
existente Raumzeit; und eine nicht mehr
absolut fundamentale Raumzeit wäre immer noch
relativ fundamental (in Bezug auf chemische, biologische, psychologische und soziologische Phänomene).
Außerdem: Egal, wie man Quantengravitationstheorien ontologisch interpretiert, sie betreffen eine
urphysische Ebene, auf der aus physikalistischer Sicht
weder Leben noch Geist/Bewusstsein vorkommt.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Wenn du also behauptest, alles sei MERZ, versuchst du, die Physik auf ein vielleicht heute intuitiv einleuchtendes Set von Phänomenen festzulegen. Allerdings macht die Physik oftmals die größten Fortschritte, indem sie solche „intuitiv plausibel" erscheinenden Kategorien sprengt. Deswegen ist die Idee, die Physik über „urphysische" Merkmale wie MERZ positiv festzunageln, geradezu unphysikalisch, weil die Physik ihre eigenen Fundamente regelmäßig revolutioniert.
Es mag revolutionäre Theorien über das Wesen und die Beziehungen dieser Kategorien geben (wie Einsteins Theorie über die Einheit von Raum und Zeit); doch eine Physik, die die Kategorien
Materie,
Energie,
Raum und
Zeit theoretisch
eliminiert, ist keine Physik mehr. Eine Welt, die keine MERZ-Welt ist, ist keine physikalische/physische Welt!
Ich weiß, da gibt es beispielsweise einen Physiker, der Folgendes schreibt:
"Die Zeit existiert nicht
Der aufmerksame Leser hat bemerkt, dass ich im vorangegangenen Kapitel an keiner Stelle von der Zeit geredet habe. Dabei hatte Einstein doch vor über einem Jahrhundert nachgewiesen, dass sich Zeit und Raum nicht voneinander trennen lassen. Wir müssen sie zusammen als ein einziges Ganzes, als die Raumzeit, denken. Jetzt ist der Moment, die Zeit wieder ins Bild zu holen. Die Forschung zur Quantengravitation drehte sich jahrelang um Fragen des Raumes, ehe sie den Mut aufbrachte, sich der Zeit zuzuwenden. In den letzten fünfzehn Jahren hat sich das Verständnis der Zeit allmählich geklärt. Wie dies geschah, versuche ich zu erläutern.
Der Raum als ein amorpher Behälter für die Dinge verschwindet mit der Quantengravitation aus der Physik. Die Dinge (Quanten) liegen nicht im Raum, sondern im Umfeld der anderen Dinge. Der Raum ist das Gewebe ihrer nachbarschaftlichen Beziehungen.
Wenn wir die Vorstellung vom Raum als einem unbewegten Behälter aufgeben müssen, dann auch die einer Zeit als einem trägen Fluss, an dem entlang sich die Realität entfaltet. So wie die Vorstellung vom Raum als Kontinuum entfällt, der die Dinge beinhaltet, so verschwindet auch die einer kontinuierlich vergehenden «Zeit», in deren Verlauf die Phänomene stattfinden.
In gewisser Weise ist der Raum in den Grundlagen der Theorie inexistent geworden: So wie die Quanten des Gravitationsfeldes nicht im Raum sind, so gibt es in den theoretischen Grundlagen auch keine Zeit mehr: Die Gravitationsquanten entwickeln sich nicht in der Zeit, vielmehr entsteht die Zeit als Folge ihrer Wechselwirkungen. Wie sich bei der Wheeler-DeWitt-Gleichung zeigte, ist die Variable Zeit aus den Gleichungen verschwunden. Wie der Raum muss die Zeit aus dem gequantelten Gravitationsfeld entstehen."
(Rovelli, Carlo. Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint: Eine Reise in die Welt der Quantengravitation. Übers. v. Enrico Heinemann. Hamburg: Rowohlt, 2016. S. 196-7)
Bezüglich des ontologischen Status von Raum & Zeit schwankt Rovelli mit seiner unklaren Ausdrucksweise zwischen
Antirealismus (Eliminativismus) und
reduktivem bzw. emergentivem Realismus; doch wenn er abschließend Folgendes schreibt, dann muss man seine (spekulative) Quantengravitationstheorie als
nicht-eliminativistisch einstufen (ungeachtet des Kapiteltitels "Die Zeit existiert nicht"):
"Wie der Raum muss die Zeit aus dem gequantelten Gravitationsfeld entstehen."
Denn wenn Raum & Zeit
Nichtse (Nonentitäten) wären, dann wären sie auch nicht
entstanden und somit überhaupt nicht vorhanden, da jedes Entstehen-Lassen von etwas
etwas Seiendes hervorbringt.
"Der Raum
als ein amorpher Behälter für die Dinge verschwindet mit der Quantengravitation aus der Physik." – Das ist wohlgemerkt nicht gleichbedeutend mit: "
Der Raum verschwindet mit der Quantengravitation aus der Physik."
"So wie die Vorstellung vom Raum
als Kontinuum entfällt, der die Dinge beinhaltet, so verschwindet auch die
einer kontinuierlich vergehenden «Zeit», in deren Verlauf die Phänomene stattfinden." – Das ist wohlgemerkt nicht gleichbedeutend mit: "So wie die Vorstellung vom
Raum, so verschwindet auch die einer
Zeit."
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Man kann natürlich versuchen, das Ganze komplett offen zu lassen: „Was auch immer die Physik herausfindet, das und nur das ist real ..." Damit sagt man allerdings überhaupt nichts über das angeblich grundlegende X. Wie willst du so z.b. sicherstellen, dass der dir verhasste Panpsychismus vielleicht das letzte oder vorletzte Wort ist?
Wenn der Panpsychismus oder Archepsychismus wahr ist, dann ist der Physikalismus falsch.
Ich habe den (reduktiven) Materialismus/Physikalismus in einer allgemeinen Weise definiert, die mit zukünftigen Entwicklungen der Physik vereinbar bleiben wird; denn es ist vollkommen abwegig zu erwarten, dass darin irgendwann eine Psychologisierung der fundamentalen physikalischen Theorien stattfinden wird.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Man ist in der Philosophie nicht darauf verpflichtet, Metaphysik zu betreiben oder eine Weltanschauung zu haben.
Auch in der Ethik und der Ästhetik stellen sich metaphysische Fragen.
Man kann die Metaphysik zwar "antiholistisch" im Sinne eines uneinheitlichen Nebeneinanders verschiedener einzelner Theorien betreiben, aber ich sehe es wie Jack Smart:
"Philosophy, it now seems to me, has to do not only with unravelling conceptual muddles but also with the tentative adumbration of a world view."
———
"Die Philosophie, so scheint es mir nun, hat nicht nur mit der Entwirrung begrifflicher Verwicklungen zu tun, sondern auch mit der vorsichtigen Skizzierung einer Weltanschauung." [übersetzt von DeepL]
(Smart, J. J. C. Philosophy and Scientific Realism. London: Routledge & Kegan Paul, 1963. p. vii)
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Unser naturwissenschaftliches Wissen ist durchaus beeindruckend. Aber deine Metaphysik folgt nicht daraus. Und das naturwissenschaftliche Wissen ist eben nicht das einzige, was wir haben. Zudem ist dieses Wissen nicht einheitlich. Niemand weiß z.b., ob sich die Biologie auf die Physik reduzieren lässt. Das übergehst du einfach. Nebenbei: nicht mal die Physik selbst ist vereinheitlicht.
In der heutigen Biologie wird der Vitalismus längst nicht mehr ernst genommen. Es herrscht in der Fachwelt allgemeine Einigkeit, dass biologische Organismen nichts weiter als hochkomplexe physikochemische Systeme sind, in denen keine physikochemisch irreduzible Lebensenergie/-kraft vorhanden ist.
Dass es (noch) keine einheitliche physikalische "Theorie von allem" gibt, gefährdet das physikalistische Weltbild in keiner Weise.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Es scheint auch ein ziemlich beeindruckendes mathematisches Wissen zu geben. Dennoch schließt du die Mathematik aus deinen metaphysischen Träumen aus. Warum?
Ich finde die Mathematik faszinierend. (Am Gymnasium war ich im Mathe-Leistungskurs.) Doch ich glaube halt nicht an die Ontologie des mathematischen Platonismus.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Jede und jeder von uns weiß sicher, dass er/sie ein bewusstes Leben hat. Dafür hat deine Metaphysik keine Erklärung. Ich sehe nicht, warum dieser Umstand eine solche Metaphysik glaubwürdig oder wahrscheinlich machen sollte.
Welcher metaphysische Rivale des psychologischen Materialismus ist denn imstande, Bewusstsein besser, glaubhafter zu erklären?!
Antimaterialisten haben nicht die geringsten Erklärungsvorteile vorzuweisen; und sie tun
fälschlicherweise so, als träte die Neurowissenschaft des Bewusstseins ohne jegliche Aussicht auf Erfolge immer nur auf der Stelle.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 07:28
Was ist das für ein seltsames Verfahren, bei dem man im ersten Schritt festlegt, dass alles X ist, wobei man nicht mal weiß, was X ist, und im nächsten Schritt die wirkliche und offensichtliche Existenz aller möglichen alltäglichen Phänomene leugnen oder umdeuten muss, weil sie der Behauptung, alles sei X, widersprechen.
Das ist nicht
meine Verfahrensweise; aber manches von dem, was du für
offensichtlich existent hältst, ist durchaus infrage zu stellen.
Ich bin zwar nie Theist oder Supranaturalist gewesen; aber ich habe den (reduktiven) Materialismus keineswegs von Anfang an für die wahre (wahrscheinlichste) Lehre erachtet, sondern erst am Ende meiner langjährigen philosophischen Überlegungen, im Zuge deren ich all dessen ontologische Alternativen eingehend in Betracht gezogen habe.
Vor meiner Entscheidung für den ontologischen Konkretismus (der den Materialismus nicht einschließt) habe ich auch über den ontologischen Abstraktismus/Platonismus gegrübelt.
Nun da ich (reduktiver) Materialist geworden bin, sehe ich freilich keine hyperphysischen Phänomene in der Welt.