Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 5. Mai 2026, 19:46
Dynamis hat geschrieben : ↑ Di 5. Mai 2026, 14:19
Anscheinend gibt es einen Übergang. Was vorher nur bloße Möglichkeit ist, kann Wirklichkeit werden.
Unter einem Übergang von etwas Möglichem zu etwas Wirklichem kann ich mir nichts vorstellen. Ich kann mir einen Übergang von einem Wirklichen zu einem anderen Wirklichen vorstellen. Das ist für mich problemlos. Denn wir haben es durchgängig nur mit Wirklichem zu tun. Aber ein Übergang von etwas Möglichem zu etwas Wirklichem müsste irgendein Zwitter aus Möglichem und Wirklichem sein ... Aber was soll das sein?
Übergänge von
Bloß-/Nur-Möglichem als
Unwirklich-Möglichem zu Wirklichem sind unmöglich, weil es nichts Unwirklich-Mögliches gibt, das sich in etwas Wirkliches verwandeln kann. Es gibt jedoch "Zwitter aus Möglichem und Wirklichem", aber nur in einem ganz bestimmten Sinn, nämlich als
inaktive aktuale Potenzialitäten (unwirkende wirkliche Vermögenheiten). Das muss ich erklären:
Ich habe bereits in einem vorherigen Beitrag den Unterschied zwischen dem
Possibilismus und dem
Aktualismus erwähnt – wobei es um die Frage geht, ob es
bloße/reine Möglichkeiten gibt, die keine Wirklichkeiten sind.
Zunächst muss die Doppeldeutigkeit von "Möglichkeit" erwähnt werden:
Möglichkeit1 = "von Personen [oder auch Nichtpersonen—
hinzugef.], Zustand der Kraft, Vermögen, Fähigkeit im allgemeinen" (GRIMM)
Möglichkeit2 = "das Geschehen- oder Vorkommen-können" (GRIMM)
Im ersten Sinn entpricht "Möglichkeit" den lateinischen Substantiven
"potentia",
"potestas",
"facultas".
Auch
"possibilitas" kann im ersten Wortsinn gebraucht werden; doch ich will hier zwischen Möglichkeit2 als
Possibilität (im modallogischen Sinn) und Möglichkeit1 als
Potenzialität (=
Vermögenheit) unterscheiden.
Meiner aktualistischen Sichtweise zufolge gibt es keine nichtaktualen Possibilitäten, und das gilt auch für alle Potenzialitäten: Vermögenheiten sind
wirkliche Eigenschaften oder Fähigkeiten von
wirklich Seiendem. Dies kann leider leicht missverstanden werden; denn ich meine damit nicht, dass alle wirklichen Vermögenheiten immer
wirkende Vermögenheiten sind—dass alle aktualen Potenzialitäten immer
aktivierte, aktive oder
manifestierte Potenzialitäten sind—dass
dynamis sich immer als
energeia manifestiert.
Die aristotelische Unterscheidung von
dynamis und
energeia darf nicht (wie von Aristoteles selbst ) so aufgefasst werden, dass
dynamis zu
nichtaktualer Potenzialität und damit zu
bloßer/reiner Possibilität wird. Denn
dynamis als Potenzialität ist ebenso
aktual wie
energeia, auch wenn sie nicht
aktiviert/aktiv ist.
Energeia ist Potenzialität,
die sowohl aktual als auch aktiv(iert) ist (sowohl wirklich als auch wirkend ist), wohingegen
dynamis Potenzialität ist,
die aktual, aber inaktiv(iert) ist (wirklich, aber nicht wirkend ist).
Wenn eine Potenzialität aktiviert wird oder sich manifestiert—wenn
dynamis zu
energeia wird—, dann bedeutet dies keinen "Übergang" von etwas
Nichtwirklichem zu etwas
Wirklichem, sondern von etwas
Nichtwirkend-Wirklichem zu etwas
Wirkend-Wirklichem.
Möglichkeiten als Vermögenheiten sind also keine
bloßen, unverwirklichten Möglichkeiten, sondern
wirkliche Möglichkeiten und damit
Wirklichkeiten.
Man muss hier also klar und deutlich zwischen der
Aktualität und der
Aktivität einer Potenzialität unterscheiden.
Wenn jemand die Vermögenheit oder Fähigkeit besitzt, Klavier zu spielen, dann ist diese auch dann etwas Aktuales, wenn sie nicht aktiviert ist, d.h. wenn die Person gerade nicht Klavier spielt.