Realität und Fiktion

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Consul
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Mi 6. Mai 2026, 00:37

RosiG2 hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 13:57
Consul hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 08:28
Das Wort "Wirklichkeit" ("Aktualität") wird seit langem nicht mehr im Sinn von "Tätigkeit" oder "Wirksamkeit" gebraucht.
Die fiktive Person Sherlock Holmes kann im Gegensatz zu Holmes-Bildern und anderen (konkreten) Holmes-Repräsentationen auf nichts und niemanden wirken. Keine Wirkung ohne Dasein!
Das sehe ich komplett anders und dem würde ich so komplett widersprechen wollen.
Alleine wenn ich an Sherlock Holmes denke, wird er eine Wirkung in mir auslösen, die vielleicht meine direkte nächste Antwort beeinflusst beispielsweise.
Nein, es ist nicht (der nichtexistente) Holmes selbst, der etwas in dir bewirkt, sondern deine (existenten) Holmes-Gedanken oder Holmes-Vorstellungen, von denen keine/r "Holmes" heißt oder Holmes ist.
RosiG2 hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 13:57
... mir scheint, oft wird "Realität" oder "real" einfach mit "handfest" gleichgestellt - das ist aber zu wenig.
Wenn es eine abstrakte Realität voller abstrakter Objekte gibt, dann ist diese alles andere als "handfest".



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Mi 6. Mai 2026, 00:54

Dynamis hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 14:19
Möglichkeit ist etwas anderes als Wirklichkeit und Notwendigkeit. Und Möglichkeit ist real existierend als allgemeine Materialursache.
Das Mögliche und das Wirkliche schließen einander nicht aus, da alles Wirkliche möglich ist. Aber das Bloß-/Nur-/Rein-Mögliche und das Wirkliche schließen einander aus: Alles Bloß-/Nur-/Rein-Mögliche ist unwirklich.
"Die materielle Ursache oder das, was als Antwort auf die Frage „Woraus besteht es?“ angegeben wird, muss nicht unbedingt aus materiellen Objekten wie Ziegeln, Steinen oder Brettern bestehen. Nach Aristoteles sind A und B die materielle Ursache der Silbe BA." [übersetzt von Google]

Aristotle on Causality: https://plato.stanford.edu/entries/aristotle-causality/
Der aristotelische Begriff einer causa materialis erscheint uns heutzutage sehr seltsam, weil wir eine Ursache üblicherweise mit einer causa efficiens (Wirkursache) gleichsetzen.
Dynamis hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 14:19
Anscheinend gibt es einen Übergang. Was vorher nur bloße Möglichkeit ist, kann Wirklichkeit werden. Aristoteles erklärt dies mit seiner Materie/Form-Dichotomie. Der Materie kann eine Form aufgeprägt werden, dadurch kann die Materie in eine bestimmte Form übergehen und somit Wirklichkeit werden.
Den Standpunkt, dass es bloße/reine, unverwirklichte Möglichkeiten gibt, nennt man in der Metaphysik Possibilismus. – Ich bin kein Possibilist, sondern ein Aktualist, der glaubt, dass alles Seiende wirklich ist.



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Mi 6. Mai 2026, 01:13

Dynamis hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 14:51
Luhmann würde hier vielleicht erwidern, dass du von den Prämissen der alten Metaphysik ausgeht, welche unseren heutigen Weltbezug nicht mehr angemessen beschreiben:
Niklas Luhmann hat geschrieben : Man weiß oder ahnt, daß hinter allem Gegenstandserleben mögliche Aussagen und hinter allen Aussagen Prozesse menschlicher Informationsverarbeitung stehen und nicht etwa die unwandelbare Wahrheit des Seins. (Quelle: a.a.O., S. 67f.)
Wo es keine "unwandelbare Wahrheit des Seins" gibt, ergibt die Verwendung deiner Prämisse, dass Sein und Nichtsein sich gegenseitig ausschließen, keinen Sinn.
Niklas Luhmann hat geschrieben : …Die Dichotomie [von Sein und Schein] verliert ihre Funktion und damit ihren Sinn, sobald man sich von der ontologischen Prämisse trennt, daß das Sein das Nichtsein ausschließe, und einräumt, daß alles anders sein könnte. (Quelle: Luhmann, "Vertrauen", 5. Auflage, UVK Verlagsgesellschaft, S. 88 Fußnote 5)
Luhmann spricht hier von Kontingenz. Im modallogischen Sinn bedeutet "kontingent" "weder notwendig noch unmöglich".
Es gibt keine ontologische Gegensätzlichkeit oder Unvereinbarkeit von Sein und Scheinen/Erscheinen, da alles Scheinen/Erscheinen Teil des Seins ist.
Dagegen ist das Nichtsein nicht Teil des Seins. Das Sein ist und das Nichtsein ist nicht. Wo etwas ist, dort kann nicht nichts sein. Das ist schon immer so gewesen, und daran wird sich auch zukünftig nichts ändern.



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Mi 6. Mai 2026, 02:24

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 19:46
Dynamis hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 14:19
Anscheinend gibt es einen Übergang. Was vorher nur bloße Möglichkeit ist, kann Wirklichkeit werden.
Unter einem Übergang von etwas Möglichem zu etwas Wirklichem kann ich mir nichts vorstellen. Ich kann mir einen Übergang von einem Wirklichen zu einem anderen Wirklichen vorstellen. Das ist für mich problemlos. Denn wir haben es durchgängig nur mit Wirklichem zu tun. Aber ein Übergang von etwas Möglichem zu etwas Wirklichem müsste irgendein Zwitter aus Möglichem und Wirklichem sein ... Aber was soll das sein?
Übergänge von Bloß-/Nur-Möglichem als Unwirklich-Möglichem zu Wirklichem sind unmöglich, weil es nichts Unwirklich-Mögliches gibt, das sich in etwas Wirkliches verwandeln kann. Es gibt jedoch "Zwitter aus Möglichem und Wirklichem", aber nur in einem ganz bestimmten Sinn, nämlich als inaktive aktuale Potenzialitäten (unwirkende wirkliche Vermögenheiten). Das muss ich erklären:

Ich habe bereits in einem vorherigen Beitrag den Unterschied zwischen dem Possibilismus und dem Aktualismus erwähnt – wobei es um die Frage geht, ob es bloße/reine Möglichkeiten gibt, die keine Wirklichkeiten sind.

Zunächst muss die Doppeldeutigkeit von "Möglichkeit" erwähnt werden:

Möglichkeit1 = "von Personen [oder auch Nichtpersonen—hinzugef.], Zustand der Kraft, Vermögen, Fähigkeit im allgemeinen" (GRIMM)
Möglichkeit2 = "das Geschehen- oder Vorkommen-können" (GRIMM)

Im ersten Sinn entpricht "Möglichkeit" den lateinischen Substantiven "potentia", "potestas", "facultas".
Auch "possibilitas" kann im ersten Wortsinn gebraucht werden; doch ich will hier zwischen Möglichkeit2 als Possibilität (im modallogischen Sinn) und Möglichkeit1 als Potenzialität (= Vermögenheit) unterscheiden.

Meiner aktualistischen Sichtweise zufolge gibt es keine nichtaktualen Possibilitäten, und das gilt auch für alle Potenzialitäten: Vermögenheiten sind wirkliche Eigenschaften oder Fähigkeiten von wirklich Seiendem. Dies kann leider leicht missverstanden werden; denn ich meine damit nicht, dass alle wirklichen Vermögenheiten immer wirkende Vermögenheiten sind—dass alle aktualen Potenzialitäten immer aktivierte, aktive oder manifestierte Potenzialitäten sind—dass dynamis sich immer als energeia manifestiert.

Die aristotelische Unterscheidung von dynamis und energeia darf nicht (wie von Aristoteles selbst ) so aufgefasst werden, dass dynamis zu nichtaktualer Potenzialität und damit zu bloßer/reiner Possibilität wird. Denn dynamis als Potenzialität ist ebenso aktual wie energeia, auch wenn sie nicht aktiviert/aktiv ist. Energeia ist Potenzialität, die sowohl aktual als auch aktiv(iert) ist (sowohl wirklich als auch wirkend ist), wohingegen dynamis Potenzialität ist, die aktual, aber inaktiv(iert) ist (wirklich, aber nicht wirkend ist).

Wenn eine Potenzialität aktiviert wird oder sich manifestiert—wenn dynamis zu energeia wird—, dann bedeutet dies keinen "Übergang" von etwas Nichtwirklichem zu etwas Wirklichem, sondern von etwas Nichtwirkend-Wirklichem zu etwas Wirkend-Wirklichem.
Möglichkeiten als Vermögenheiten sind also keine bloßen, unverwirklichten Möglichkeiten, sondern wirkliche Möglichkeiten und damit Wirklichkeiten.
Man muss hier also klar und deutlich zwischen der Aktualität und der Aktivität einer Potenzialität unterscheiden.
Wenn jemand die Vermögenheit oder Fähigkeit besitzt, Klavier zu spielen, dann ist diese auch dann etwas Aktuales, wenn sie nicht aktiviert ist, d.h. wenn die Person gerade nicht Klavier spielt.



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Mi 6. Mai 2026, 07:55

"Die eine Art des Möglichseins ist die des „Bloß-möglich-Seins". Was „bloß" möglich ist, das ist jedenfalls nicht wirklich, geschweige denn notwendig. Es führt also in der Welt ein Dasein neben dem Wirklichen, ein unwirkliches, potentielles, sehr rätselhaft anmutendes Dasein."

(Hartmann, Nicolai. Möglichkeit und Wirklichkeit. Berlin: De Gruyter, 1938. S. 46)
Hartmann spricht von der "Gespensterwelt des 'bloß Möglichen'" (S. 8); aber als Aktualist halte ich dem entgegen, dass das Bloß-Mögliche überhaupt kein Dasein—auch kein unwirkliches oder "gespenstisches"—neben dem Wirklichen führt. Jegliche Potenzialität gründet in der Aktualität, der Wirklichkeit (dem wirklichen Sein) und ist selbst eine Aktualität. Es gibt sowohl aktive als auch nichtaktive Potenzialitäten, aber es gibt keine nichtaktualen Potenzialitäten.

Der ontologische Possibilismus besteht übrigens nicht in der Behauptung, dass es Aussagen/Aussagesätze gibt, deren Wahrheit möglich, aber nicht wirklich ist—was Aktualisten nicht bestreiten—, sondern in der Behauptung, dass es bloß-mögliche, unwirklich-mögliche Sachen oder Sachverhalte gibt—was Aktualisten bestreiten.
"Die Debatte zwischen Possibilisten und Aktualisten ist im Kern ontologischer Natur. Es handelt sich – zumindest in grundlegender Hinsicht – nicht um eine Debatte über Bedeutung, die eigentlichen sprachlichen Grundbausteine ​​unseres modalen Diskurses, die Modelltheorie bestimmter formaler Sprachen oder die Zulässigkeit bestimmter Schlussfolgerungen. Es ist eine Auseinandersetzung darüber, was existiert, welche Arten von Dingen die Realität umfasst. Die Natur dieser Debatte präzise zu charakterisieren, ist jedoch schwierig. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, dreht sich die Debatte um die Frage, ob die Realität neben Dingen wie Ihnen und mir auch possibilia umfasst, wie etwa Prevosts bloß mögliche Kinder – Kinder, die er nicht tatsächlich hat, aber hätte haben können, wenn die Dinge anders verlaufen wären. Wenn es solche Dinge in irgendeiner Weise gibt, unterscheiden sie sich offensichtlich grundlegend von uns: Ein bloß mögliches Kind ist nicht wirklich jemandes Kind und man neigt dazu zu sagen, dass es nicht wirklich existiert und daher auch nicht wirklich Bewusstsein besitzt, sondern nur hätte besitzen können, und auch nicht wirklich einen Körper hat, sondern nur einen hätte haben können, und so weiter." [übersetzt von Google & Consul]

The Possibilism-Actualism Debate: https://plato.stanford.edu/entries/poss ... actualism/



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Mi 6. Mai 2026, 08:22

Consul hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 07:55
…Es gibt sowohl aktive als auch nichtaktive Potenzialitäten, aber es gibt keine nichtaktualen Potenzialitäten.
Ich habe erst nachträglich bemerkt, dass es eine Unterscheidung zwischen aktiven und passiven Potenzialitäten gibt, wobei unter einer aktiven Potenzialität das Vermögen zu einem Tun verstanden wird und unter einer passiven Potenzialität das Vermögen zu einem "Leiden", d.h. dazu, dass einem etwas "angetan wird". Das Vermögen von Eis zu kühlen, ist eine aktive Potenzialität, und sein Vermögen zu schmelzen, ist eine passive Potenzialität.

Aber ich habe den Ausdruck "aktive Potenzialität" wohlgemerkt nicht im Sinn dieser Unterscheidung verwendet, sondern im Sinn von "aktivierte Potenzialität" = "manifestierte Potenzialität". Die (aktuale) Existenz einer im anderen Wortsinn aktiven oder passiven Potenzialität ist eine Sache und ihre Aktivation oder Manifestation ist eine andere.



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Jörn P Budesheim
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Mi 6. Mai 2026, 08:44

Consul hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 00:37
Nein, es ist nicht (der nichtexistente) Holmes selbst, der etwas in dir bewirkt, sondern deine (existenten) Holmes-Gedanken oder Holmes-Vorstellungen, von denen keine/r "Holmes" heißt oder Holmes ist.
Holmes existiert selbstverständlich. Das sollte man vielleicht zuerst festhalten. Denn daran kann es keinen Zweifel geben. Eine Position, die das nicht erfassen kann, muss also falsch sein. Nicht die Tatsachen müssen sich an der Metaphysik orientieren, sondern die Metaphysik muss sich an dem, was wirklich der Fall ist, ausrichten. Eine Metaphysik, die überall Verbotsschilder aufstellt und andauernd das Offensichtliche leugnen muss, ist – gelinde gesagt – renovierungsbedürftig.

Die Existenz von Holmes hängt (neben anderem) auch von der Ausübung unserer Einbildungskraft ab. Jede Geschichte, in der solche Figuren vorkommen, nutzt (metaphorisch gesprochen) unser Bewusstsein als ihre Bühne. Allerdings sind unsere Vorstellungen von Holmes limitiert vom Textkörper (oder dem Film, dem Schauspiel oder was auch immer). Nicht jede Holmes-Vorstellung ist eine korrekte Holmes-Vorstellung. Wer glaubt, dass "Sherlock Holmes" "Peter Holmes" heißt, liegt falsch. Wer glaubt, er habe sieben Tentakeln statt zwei Arme, liegt ebenfalls falsch. Die Figur (auch wenn sie unserer Aufführung bedarf) ist real und existiert objektiv. Denn alles, worin man sich irren kann, existiert wirklich und objektiv.



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Dynamis
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Mi 6. Mai 2026, 09:56

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 19:46
Dynamis hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 14:19
Anscheinend gibt es einen Übergang. Was vorher nur bloße Möglichkeit ist, kann Wirklichkeit werden.
Unter einem Übergang von etwas Möglichem zu etwas Wirklichem kann ich mir nichts vorstellen. Ich kann mir einen Übergang von einem Wirklichen zu einem anderen Wirklichen vorstellen. Das ist für mich problemlos. Denn wir haben es durchgängig nur mit Wirklichem zu tun. Aber ein Übergang von etwas Möglichem zu etwas Wirklichem müsste irgendein Zwitter aus Möglichem und Wirklichem sein ... Aber was soll das sein?
Ein Prozess. Zum Beispiel die Schwangerschaft: Im Samen ist die Möglichkeit angelegt, dass daraus ein Kind wird. Durch die Verschmelzung mit Eizelle wird der Prozess losgetreten und mit der Geburt ist er abgeschlossen.




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Jörn P Budesheim
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Mi 6. Mai 2026, 10:04

Dynamis hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 09:56
Ein Prozess.
Prozesse sortiere ich in die Modalkategorie "Wirklichkeit". Dass es Übergänge von Wirklichem zu Wirklichem gibt, bezweifle ich nicht.



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Dynamis
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Mi 6. Mai 2026, 10:10

Consul hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 00:30
Das heißt, das Reale (im "dicken" Sinn des Wortes) zeichnet sich dadurch aus, dass es ein eigenes Sein (Dasein & Sosein) hat, welches nicht davon abhängt, Gegenstand irgendeiner (mentalen) Repräsentation zu werden/sein – d.h. welches unabhängig davon besteht, ob und, falls ja, wie es von irgendjemandem gedacht, vorgestellt oder wahrgenommen wird.
Steht das nicht im Widerspruch dazu, dass du vorhin Taylor zugestimmt hast?
Consul hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 07:45
Dynamis hat geschrieben :
So 3. Mai 2026, 16:51
Frage: Welches Kriterium lässt sich verwenden, um Realität und Fiktion zu unterscheiden? Überzeugt Taylors Antwort?
Ja, den Unterschied erfahren wir nicht in der bloßen Vorstellung, sondern in der (sinnlichen) Wahrnehmung: Wenn du es wahrnehmen kannst, dann ist es real/nichtfiktiv. Daraus folgt jedoch nicht, dass alles Reale/Nichtfiktive (sinnlich) wahrnehmbar ist.
Taylor würde nämlich deiner Definition, dass Realität nicht "davon abhängt, Gegenstand irgendeiner (mentalen) Repräsentation zu werden/sein" widersprechen. Er würde er mit dem von mir zitierten Gedankenexperiment reagieren: "Denn sobald Sie Ihre Tatsache ausgewählt und Ihre Behauptung aufgestellt haben: „Diese Tatsache A existiert wirklich“, werden wir Sie auffordern, sich – wie Sie es immer tun können – ein entsprechendes A vorzustellen, das nicht real, sondern bloß imaginär ist, und dann zu sagen, was den Unterschied zwischen dem realen und dem imaginären oder irrealen A ausmacht." Und aus dem Ergebnis dieses Gedankenexperiments versucht er dann herzuleiten, dass deine Behauptung nicht stimmen kann.




Dynamis
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Mi 6. Mai 2026, 10:13

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 10:04
Dynamis hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 09:56
Ein Prozess.
Prozesse sortiere ich in die Modalkategorie "Wirklichkeit". Dass es Übergänge von Wirklichem zu Wirklichem gibt, bezweifle ich nicht.
Ich fürchte, dann passt die Schwangerschaft nicht zu deinem Einsortierungsprozedere. Denn sie ist ein Übergang von Möglichkeit zur Wirklichkeit. Der Mensch war im Samen schon der Möglichkeit nach vorhanden, aber eben nur der Möglichkeit nach. Und wenn die Geburt stattgefunden hat, ist da auf einmal ein wirklicher Mensch.




DrBro87
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Mi 6. Mai 2026, 10:17

Man könnte ja sagen: Prozesse beschreiben die Entwicklung eines wirklichen oder realen Systems von einem Zustand A zu einem Zustand B. Vor Durchführung des Prozesses ist Zustand B nur eine Möglichkeit, die dann durch den Prozess Wirklichkeit oder sogar Realität wird.

Man könnte diskutieren, ob schon die Möglichkeit an sich wirklich ist, wenn man unterstellt, dass es Fälle gibt, in denen bereits die Möglichkeit des Zustands B den Prozess beeinflusst. Beispiel: Ich stehe vor einer Prüfung. Es besteht die Möglichkeit, dass ich durchfalle. Das gefällt mir nicht, also entscheide ich mich, zu lernen. Die Möglichkeit hatte Auswirkungen auf mein Verhalten, also ließe sich argumentieren, dass sie wirklich ist, obwohl sie (noch) nicht einem realen Geschehensablauf entspricht.

Dies jeweils unterstellt, man nutzt die Definition von "wirklich", die ich zuvor einmal vorgeschlagen habe.




Dynamis
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Mi 6. Mai 2026, 10:29

Consul hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 01:13
Dynamis hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 14:51
Luhmann würde hier vielleicht erwidern, dass du von den Prämissen der alten Metaphysik ausgeht, welche unseren heutigen Weltbezug nicht mehr angemessen beschreiben:
Niklas Luhmann hat geschrieben : Man weiß oder ahnt, daß hinter allem Gegenstandserleben mögliche Aussagen und hinter allen Aussagen Prozesse menschlicher Informationsverarbeitung stehen und nicht etwa die unwandelbare Wahrheit des Seins. (Quelle: a.a.O., S. 67f.)
Wo es keine "unwandelbare Wahrheit des Seins" gibt, ergibt die Verwendung deiner Prämisse, dass Sein und Nichtsein sich gegenseitig ausschließen, keinen Sinn.
Niklas Luhmann hat geschrieben : …Die Dichotomie [von Sein und Schein] verliert ihre Funktion und damit ihren Sinn, sobald man sich von der ontologischen Prämisse trennt, daß das Sein das Nichtsein ausschließe, und einräumt, daß alles anders sein könnte. (Quelle: Luhmann, "Vertrauen", 5. Auflage, UVK Verlagsgesellschaft, S. 88 Fußnote 5)
Luhmann spricht hier von Kontingenz.
Das auch, aber nicht nur. Er spricht schon von dem ontologischen Seinsbegriff:
Niklas Luhmann hat geschrieben : Das wahre und vertraute Seiende enthält in sich kein Motiv der Rückfrage nach dem „Wer“ des Erlebens, nach dem Subjekt der Sinnbildung. Das Seiende selbst erscheint ihm als „subjectum“. So wird der Konstitutionsprozeß gegen Einblick abgedeckt. Es gibt dann auch keinen Anlaß, das Rückfragen auf ein „wer und wer nicht“ auszudehnen. (a.a.O., S. 21f.)


Ontologie ist für Niklas Luhmann im Grunde genommen ein rhetorischer Trick, der durchaus eine sozial stabilisierende Funktion hat: Die Frage nach dem Urheber des Begriffs des Seins wird abgeblockt (und damit auch die kritische Hinterfragung, die sich an diese Frage anschließen könnte). Und somit die soziale Ordnung stabilisiert. Das Gelingen dieses Tricks wird dort fragwürdig, wo es einen Pluralismus der Weltanschauungen gibt, z.B. weil Leute unterschiedliche Ontologien verwenden.
Luhmann hat geschrieben : Es gibt keine ontologische Gegensätzlichkeit oder Unvereinbarkeit von Sein und Scheinen/Erscheinen, da alles Scheinen/Erscheinen Teil des Seins ist. Dagegen ist das Nichtsein nicht Teil des Seins. Das Sein ist und das Nichtsein ist nicht. Wo etwas ist, dort kann nicht nichts sein. Das ist schon immer so gewesen, und daran wird sich auch zukünftig nichts ändern.
Damit hast du Luhmanns Zusammenfassung der von ihm kritisierten Position in deinen eigenen Worten noch einmal wiederholt. Das ist die Bestätigung, dass man dem Luhmann keinen Strohmann vorwerfen kann, wenn er die klassische Ontologie kritisiert.




DrBro87
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Registriert: Di 24. Feb 2026, 16:37

Mi 6. Mai 2026, 11:10

Zum Thema "Möglichkeit" möchte ich folgenden Blogbeitrag von mir in die Runde einbringen:

https://gedankenueberdiewelt.jimdofree. ... formation/

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Begriff der "Möglichkeit" und dessen Einfluss im Rahmen des Prozesses der "Realitätswerdung". Möglichkeiten sind hier keine bloßen Gedanken oder zukünftigen Ereignisse, sondern besitzen eine eigene strukturelle Realität. Sie bilden einen geordneten Möglichkeitsraum, aus dem konkrete Wirklichkeit durch selektive Stabilisierung hervorgeht. Information erscheint dabei nicht nur als Eigenschaft realisierter Zustände, sondern bereits als Struktur dieser Möglichkeiten. Erst wenn Differenzen wirksam werden, entsteht das, was wir als aktualisierte Information wahrnehmen. Realität ist damit das Ergebnis eines fortlaufenden Übergangs vom Möglichen zum Wirklichen.




Dynamis
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Registriert: Di 24. Mär 2026, 19:10

Mi 6. Mai 2026, 13:39

DrBro87 hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 11:10
Zum Thema "Möglichkeit" möchte ich folgenden Blogbeitrag von mir in die Runde einbringen:

https://gedankenueberdiewelt.jimdofree. ... formation/
Zitat aus dem Blogbeitrag:
DrBro87 hat geschrieben : Sie bilden keine lose Sammlung von Alternativen, sondern stehen in Beziehungen zueinander. Einige Möglichkeiten schließen einander aus, andere bauen aufeinander auf, wieder andere sind nur unter bestimmten Bedingungen zugänglich.
Bei Niklas Luhmann werden diese "Beziehungen" in Form von "Verweisungen und Implikationen" gedacht, die in unserem bewussten Erleben angelegt ist:
Niklas Luhmann hat geschrieben : Die im Erleben sich abzeichnende Differenzierung von Aktualität und Potentialität hat ihre wichtigste Eigentümlichkeit im Charakter der Überfülle des Möglichen, die bei weitem das überschreitet, was handlungsmäßig erreicht und erlebnismäßig aktualisiert werden kann. Der jeweils gegebene Erlebnisinhalt zeigt in der Form von Verweisungen und Implikationen weit mehr an, als zusammengenommen oder auch nacheinander in den engen Belichtungsraum der Bewußtheit eingebracht werden kann. Dem gerade akut bewußten Erleben steht eine Welt anderer Möglichkeiten gegenüber. (Habermas & Luhmann, "Sinn als Grundbegriff der Soziologie" in: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnolodie, S. 32.)
In deinem Beispiel mit der Prüfung ist das Problem der Überforderung offensichtlich: Es gibt mehr Möglichkeiten zu realisieren als man es in der knappen Zeit bis zur Prüfung schaffen kann: Man kann Bücher lesen, Skripte durcharbeiten, Übungsaufgaben rechnen, verschiedene Lernmethoden anwenden, sich mit Lernpsychologie beschäftigen, sich andere Leute zum gemeinsamen Lernen suchen usw. Luhmann bezeichnet diese "Überfülle des Möglichkeiten" als Komplexität. Es muss also aus der Vielzahl verschiedener Möglichkeiten eine Auswahl getroffen werden, da man sich nicht mit allen Dingen gleichzeitig beschäftigen kann.

Eine ähnliche Erfahrung kann man auch in dieser Gruppe machen. Manchmal liest man sehr lange Texte, wo jemand eine Vielzahl von Informationen zusammenträgt. Jeder Abschnitt aus diesem Text wäre dann schon Anlass für eine eigene Auseinandersetzung, verweist also auf eine Möglichkeit. Aber wenn ich jeden einzelnen Abschnitt intensiv studiere und stundenlang darüber nachdenke, kostet mich das Zeit, die mir anderswo verloren geht. Also entsteht durch die Komplexität praktisch ein Selektionszwang. Man geht auf ausgewählte Aspekte ein und widmet denen seine Aufmerksamkeit, betreibt also eine Komplexitätsreduktion.
DrBro87 hat geschrieben : Sie bilden einen geordneten Möglichkeitsraum, aus dem konkrete Wirklichkeit durch selektive Stabilisierung hervorgeht.
Die aufgrund des Selektionszwangs unvermeidliche Komplexitätsreduktion ist also ein Beispiel für eine selektive Stabilisierung, bei der eine konkrete Wirklichkeit aus dem geordneten Möglichkeitsraum hervorgeht.




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Mi 6. Mai 2026, 15:10

Dynamis hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 13:39
im Erleben (Luhmann)
Luhmann ist kein Realist. Er verortet "Möglichkeit" vermutlich eher als "Ordnungsform menschlichen Erlebens".



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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Mi 6. Mai 2026, 15:58

Dynamis hat geschrieben :
So 3. Mai 2026, 16:51
"Nennen Sie, so könnten wir dem Kritiker antworten, irgendeine Tatsache, von deren tatsächlicher Existenz Sie überzeugt sind, und ich werde Ihnen zeigen, dass das, was sie real macht, nichts anderes sein kann als ihre Präsenz als untrennbarer Aspekt einer bewussten Erfahrung. Welchen konkreten Sachverhalt Sie für dieses Gedankenexperiment wählen – sei es eine physikalische Eigenschaft oder ein physikalischer Vorgang, eine künstlerische Wirkung oder eine moralische Tugend –, spielt für das Prinzip der Argumentation keine Rolle. Denn sobald Sie Ihre Tatsache ausgewählt und Ihre Behauptung aufgestellt haben: „Diese Tatsache A existiert wirklich“, werden wir Sie auffordern, sich – wie Sie es immer tun können – ein entsprechendes A vorzustellen, das nicht real, sondern bloß imaginär ist, und dann zu sagen, was den Unterschied zwischen dem realen und dem imaginären oder irrealen A ausmacht. Wenn Sie das Experiment versuchen, werden Sie immer feststellen, wie Kant im historischen Fall der hundert Dollar bewiesen hat, dass der Unterschied nicht in der Hinzufügung eines neuen Prädikats zu jenen liegt, durch die das imaginäre A charakterisiert wird, sondern immer in der tatsächlichen Präsenz des realen A in einer sinnlichen Erfahrung, seinem Eintritt in ein unmittelbar erfasstes Ganzes." (A.E. Taylor, "Mind and Nature", International Journal of Ethics, 13/1 (1902), S. 55-86, hier: S. 58f., übers. mit DeepL)

Frage: Welches Kriterium lässt sich verwenden, um Realität und Fiktion zu unterscheiden? Überzeugt Taylors Antwort?
Als ein Freund von Beispielen und des Star-Trek-Universums setze ich einmal für „Diese Tatsache A existiert wirklich“ ein, die Lichtgeschwindigkeit ist die absolute Grenzgeschwindigkeit im Universum. Das was nicht real, sondern bloß imaginär ist, wäre demnach das, was wir im Star-Trek-Universum "erleben" und zwar eine Kommunikation zwischen den s.g. Sternenbasen in Echtzeit und somit mit Überlichtgeschwindigkeit. Vor dem Hintergrund dessen will ich wohl meinen, dass der Unterschied nicht in der Hinzufügung eines neuen Prädikats zu jenen liegt, durch die das imaginäre A charakterisiert wird, in diesem Fall die Überlichtgeschwindigkeit, sondern immer in der tatsächlichen Präsenz des realen A in einer sinnlichen Erfahrung, seinem Eintritt in ein unmittelbar erfasstes Ganzes. In diesem Fall, dass die Lichtgeschwindigkeit die absolute Grenzgeschwindigkeit im Universum ist.

Das Eine, im Star-Trek-Universums , ist als solches eine Fiktion und das Andere, im realen Universum, eine Realität.

So einfach ist das.

Dazu vielleicht ergänzend ...




"00:30 ...es gibt immer wieder so laute Diskussionen darüber, ihr Naturwissenschaftler ihr seid solche Desillusionisten. Ihr habt überhaupt keine Visionen und außerdem wisse man ja sowieso nicht, wie die Physik des 35. Jahrhunderts aussieht und man muss dieses Science-Fiction-Missionen mit ernst nehmen. Denn da kann ja noch alles Mögliche passieren und die Arroganz von euch die kennen wir. Schon vor 100 Jahren haben ihr ja schon gesagt die Physik ist zu Ende, es geht gar nicht mehr weiter."
Harald Lesch


Weil derzeit im Fernsehen ausgestrahlt , dazu nur mal zum Vergleich .. "Wie schnell sind Raumschiffe in „The Expanse“?"





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Mi 6. Mai 2026, 18:35

Dynamis hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 13:39

Niklas Luhmann hat geschrieben : Die im Erleben sich abzeichnende Differenzierung von Aktualität und Potentialität hat ihre wichtigste Eigentümlichkeit im Charakter der Überfülle des Möglichen, die bei weitem das überschreitet, was handlungsmäßig erreicht und erlebnismäßig aktualisiert werden kann. Der jeweils gegebene Erlebnisinhalt zeigt in der Form von Verweisungen und Implikationen weit mehr an, als zusammengenommen oder auch nacheinander in den engen Belichtungsraum der Bewußtheit eingebracht werden kann. Dem gerade akut bewußten Erleben steht eine Welt anderer Möglichkeiten gegenüber. (Habermas & Luhmann, "Sinn als Grundbegriff der Soziologie" in: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnolodie, S. 32.)
In deinem Beispiel mit der Prüfung ist das Problem der Überforderung offensichtlich: Es gibt mehr Möglichkeiten zu realisieren als man es in der knappen Zeit bis zur Prüfung schaffen kann: Man kann Bücher lesen, Skripte durcharbeiten, Übungsaufgaben rechnen, verschiedene Lernmethoden anwenden, sich mit Lernpsychologie beschäftigen, sich andere Leute zum gemeinsamen Lernen suchen usw. Luhmann bezeichnet diese "Überfülle des Möglichkeiten" als Komplexität. Es muss also aus der Vielzahl verschiedener Möglichkeiten eine Auswahl getroffen werden, da man sich nicht mit allen Dingen gleichzeitig beschäftigen kann.

Eine ähnliche Erfahrung kann man auch in dieser Gruppe machen. Manchmal liest man sehr lange Texte, wo jemand eine Vielzahl von Informationen zusammenträgt. Jeder Abschnitt aus diesem Text wäre dann schon Anlass für eine eigene Auseinandersetzung, verweist also auf eine Möglichkeit. Aber wenn ich jeden einzelnen Abschnitt intensiv studiere und stundenlang darüber nachdenke, kostet mich das Zeit, die mir anderswo verloren geht. Also entsteht durch die Komplexität praktisch ein Selektionszwang. Man geht auf ausgewählte Aspekte ein und widmet denen seine Aufmerksamkeit, betreibt also eine Komplexitätsreduktion.
DrBro87 hat geschrieben : Sie bilden einen geordneten Möglichkeitsraum, aus dem konkrete Wirklichkeit durch selektive Stabilisierung hervorgeht.
Die aufgrund des Selektionszwangs unvermeidliche Komplexitätsreduktion ist also ein Beispiel für eine selektive Stabilisierung, bei der eine konkrete Wirklichkeit aus dem geordneten Möglichkeitsraum hervorgeht.
Aufgrund des Selektionszwangs sollte man deshalb meiner Meinung nach, in seinen Beiträgen darum bemüht sein, die Dinge , in dessen "geordneten Möglichkeitsraum" so gering, wie als möglich zu halten.

Beispiel
Dynamis hat geschrieben :
So 3. Mai 2026, 16:51
"Nennen Sie, so könnten wir dem Kritiker antworten, irgendeine Tatsache, von deren tatsächlicher Existenz Sie überzeugt sind, und ich werde Ihnen zeigen, dass das, was sie real macht, nichts anderes sein kann als ihre Präsenz als untrennbarer Aspekt einer bewussten Erfahrung. Welchen konkreten Sachverhalt Sie für dieses Gedankenexperiment wählen – sei es eine physikalische Eigenschaft oder ein physikalischer Vorgang, eine künstlerische Wirkung oder eine moralische Tugend –, spielt für das Prinzip der Argumentation keine Rolle. Denn sobald Sie Ihre Tatsache ausgewählt und Ihre Behauptung aufgestellt haben: „Diese Tatsache A existiert wirklich“, werden wir Sie auffordern, sich – wie Sie es immer tun können – ein entsprechendes A vorzustellen, das nicht real, sondern bloß imaginär ist, und dann zu sagen, was den Unterschied zwischen dem realen und dem imaginären oder irrealen A ausmacht. Wenn Sie das Experiment versuchen, werden Sie immer feststellen, wie Kant im historischen Fall der hundert Dollar bewiesen hat, dass der Unterschied nicht in der Hinzufügung eines neuen Prädikats zu jenen liegt, durch die das imaginäre A charakterisiert wird, sondern immer in der tatsächlichen Präsenz des realen A in einer sinnlichen Erfahrung, seinem Eintritt in ein unmittelbar erfasstes Ganzes." (A.E. Taylor, "Mind and Nature", International Journal of Ethics, 13/1 (1902), S. 55-86, hier: S. 58f., übers. mit DeepL)

Frage: Welches Kriterium lässt sich verwenden, um Realität und Fiktion zu unterscheiden? Überzeugt Taylors Antwort?
Wenn hier von Dynamis die Frage gestellt: " Welches Kriterium lässt sich verwenden, um Realität und Fiktion zu unterscheiden?" .. so meine ich in diesen "geordneten Möglichkeitsraum" von A.E. Taylor, nur ein Ding zu sehen, und zwar das Kriterium einer "... tatsächlichen Präsenz des realen A in einer sinnlichen Erfahrung, seinem Eintritt in ein unmittelbar erfasstes Ganzes." So das zumindest mich die Antwort Taylors überzeugt. Um damit zugleich die zweite Frage zu beantworten.




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Mi 6. Mai 2026, 22:50

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 08:44
Holmes existiert selbstverständlich. Das sollte man vielleicht zuerst festhalten. Denn daran kann es keinen Zweifel geben. Eine Position, die das nicht erfassen kann, muss also falsch sein. Nicht die Tatsachen müssen sich an der Metaphysik orientieren, sondern die Metaphysik muss sich an dem, was wirklich der Fall ist, ausrichten. Eine Metaphysik, die überall Verbotsschilder aufstellt und andauernd das Offensichtliche leugnen muss, ist – gelinde gesagt – renovierungsbedürftig.
Es ist weder "selbstverständlich" noch "offensichtlich", dass fiktive Personen existieren.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 08:44
Die Existenz von Holmes hängt (neben anderem) auch von der Ausübung unserer Einbildungskraft ab. Jede Geschichte, in der solche Figuren vorkommen, nutzt (metaphorisch gesprochen) unser Bewusstsein als ihre Bühne. Allerdings sind unsere Vorstellungen von Holmes limitiert vom Textkörper (oder dem Film, dem Schauspiel oder was auch immer). Nicht jede Holmes-Vorstellung ist eine korrekte Holmes-Vorstellung. Wer glaubt, dass "Sherlock Holmes" "Peter Holmes" heißt, liegt falsch. Wer glaubt, er habe sieben Tentakeln statt zwei Arme, liegt ebenfalls falsch. Die Figur (auch wenn sie unserer Aufführung bedarf) ist real und existiert objektiv. Denn alles, worin man sich irren kann, existiert wirklich und objektiv.
Ich habe an anderer Stelle bereits zwischen Wahrheit und Gültigkeit unterschieden: Der Satz "Sherlock Holmes ist ein Detektiv" ist falsch, weil Sherlock Holmes nie existiert hat; aber er ist insofern gültig, als es eine soziale Konvention gibt, dieser fiktiven Person die Eigenschaft des Detektivseins zuzuschreiben. Wer glaubt, Holmes sei ein Soldat, irrt sich nur insofern, als sein Glaube nicht im Einklang mit dieser Konvention steht.



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Mi 6. Mai 2026, 23:13

Dynamis hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 10:13
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 6. Mai 2026, 10:04
Prozesse sortiere ich in die Modalkategorie "Wirklichkeit". Dass es Übergänge von Wirklichem zu Wirklichem gibt, bezweifle ich nicht.
Ich fürchte, dann passt die Schwangerschaft nicht zu deinem Einsortierungsprozedere. Denn sie ist ein Übergang von Möglichkeit zur Wirklichkeit. Der Mensch war im Samen schon der Möglichkeit nach vorhanden, aber eben nur der Möglichkeit nach. Und wenn die Geburt stattgefunden hat, ist da auf einmal ein wirklicher Mensch.
Das ist ein Übergang von einem in der Zygote vorhandenen aktualen, aber (noch) nicht aktivierten/manifestierten Potenzial zu einem aktualen und aktivierten/manifestierten Potenzial, dessen Manifestation die Entstehung eines Embryos ist. Wie gesagt, Potenziale oder Potenzialitäten sind keine bloßen Möglichkeiten, sondern wirkliche Eigenschaften. Wohlgemerkt: Die Wirklichkeit einer Potenzialität (Vermögenheit) ist eine Sache und die Wirklichkeit ihrer Manifestation ist etwas anderes. Eine unmanifestierte Potenzialität ist ebenso wirklich wie eine manifestierte, sich manifestierende. Die Unwirklichkeit der Manifestation einer Potenzialität bedeutet nicht die Unwirklichkeit der Potenzialität.



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