Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mi 13. Mai 2026, 13:40
A.E. Taylor, sinngemäß hat geschrieben :
- So stellen wir die scheinbare Stabilität der Erde ihrer tatsächlichen Bewegung gegenüber,
- die scheinbare Kontinuität und Gleichförmigkeit eines Klumpens fester Materie der tatsächlichen Diskontinuität und Vielfalt ihrer chemischen Bestandteile
- die scheinbare Freundlichkeit des heuchlerischen Eigennützigen seiner tatsächlichen Gleichgültigkeit gegenüber unserem Wohlergehen.
Die drei Beispiele sind meines Erachtens extrem verschieden!
- Wenn Taylor die scheinbare Stabilität der Erde ihrer tatsächlichen Bewegung gegenüberstellt, dann unterstellt er einen metaphysischen Referenzrahmen, anhand dessen wir die wirkliche Bewegung bzw. Stabilität feststellen müssen. Aber das ist eine abwegige Sicht: Die Stabilität für uns Erdenbürger ist keineswegs scheinbar, sondern real. Kosmische Perspektive und irdische Erfahrung sind zwei Wirklichkeitsebenen – kein Gegensatz von Schein und Sein.
.
- Ähnliches gilt für Punkt 2. Die Kontinuität eines Klumpens und die Diskontinuität seiner chemischen Bestandteile schließen einander nicht aus – sie gehören zu verschiedenen Wirklichkeitsebenen desselben Gegenstands, wenn man beispielsweise eine Prozessontologie in Anschlag bringt.
.
- Einzig bei Punkt 3 haben wir es wirklich mit einem passenden Beispiel zu tun, denn eine bloß scheinbare Freundlichkeit ist keine wirkliche Freundlichkeit. Hier geht es um Täuschung – das ist kategorial etwas anderes als die ersten zwei Beispiele.
Ja, da ist Taylor tatsächlich zu schnell über seine Beispiele hinweggegangen. Er hat zwei Beispiele aus der wissenschaftlichen Praxis hergenommen und sie in einer Weise interpretiert, wie er es für seine Darstellung brauchte.
Zufällig habe ich heute den Artikel "Emile Zuckerkandl, Linus Pauling, and the Molecular Evolutionary Clock, 1959–1965" (Journal of the History of Biology 31: 155–178, 1998) gelesen und bin da auf eine ähnliche Struktur gestoßen wie in den ersten zwei dieser drei Beispiele. Zuckerkandl und Pauling haben das Konzept der
molekularen Uhr eingeführt und es benutzt, um Evolutionstheorie mit Molekularbiologie zu verbinden. Die grundsätzliche Annahme ist dabei, dass die Unterschiede in den Aminosäuresequenzen Auskunft darüber geben, wie weit sich verschiedene Spezies in der Evolutionsgeschichte auseinander entwickelt haben. Menschen und Affen sind evolutionsgeschichtlich gesehen nahe Verwandte. Menschen und Pferde sind nicht so eng miteinander verwandt. Zuckerkandl und Pauling beobachteten, dass diese Verwandschaftsbeziehungen sich anhand der Unterschiede in den Aminosäuresequenzen und unter der Verwendung der Hypothese der molekularen Uhr rekonstruieren lassen.
Das
Problem oder der scheinbare
Widerspruch zur klassischen darwinistischen Evolutionstheorie: Während im Darwinismus die
Selektion die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten erklärt, spielt Selektion in der Theorie der molekularen Uhr gar keine Rolle! Dieser Gegensatz zwischen Makro- und Mikroebene war den Erfindern der molekularen Uhr zunächst nicht aufgefallen bzw. er erschien ihnen zunächst nicht problematisch zu sein, aber er triggerte eine Debatte und die Entwicklung der
Neutralen Theorie der molekularen Evolution (begründet von Motoo Kimura), in der explizit die Selektion als Evolutionsfaktor gestrichen wurde. Man könnte meinen, dass das ein
Widerspruch zur klassischen darwinistischen Evolutionstheorie ist, in der Selektion eine wesentliche Rolle spielt.
Die Frage ist also: Gibt es hier einen
Widerspruch zwischen der klassisch darwinistischen Evolutionstheorie, welche die Evolution auf der
Makroebene erklärt, und zwischen der
neutralen Theorie der molekularen Evolution, welche die Evolution auf der
Mikroebene erklärt? Wenn es einen Widerspruch gibt, muss mindestens eine dieser beiden Theorien falsch sein. Diese Problematik hat dann auch eine Kontroverse ausgelöst. Es ist aber auch durchaus möglich, dass es gar keinen Widerspruch gibt und wir das so erklären können, wie du es vorgeschlagen hast: Wir haben es schlicht und einfach mit zwei Wirklichkeitsebenen zu tun.
Zurück zu Taylor: Taylor sah die Notwendigkeit einer Differenzierung zwischen Schein und Sein nur dort, wo es
Widersprüche gibt . Allerdings hat er seine Feststellung auf Widersprüche zwischen unmittelbaren Wahrnehmungen beschränkt - was vielleicht zu eng gedacht ist. Manche Widersprüche werden erst dann sichtbar, wenn man verschiedene Theorien miteinander vergleicht.
Taylor hat geschrieben :
Solange wir nicht das Gefühl haben, dass unsere verschiedenen unmittelbaren Wahrnehmungen miteinander im Widerspruch stehen, akzeptieren wir sie alle bereitwillig als gleichermaßen real und gültig, und es stellt sich keine Frage nach ihrer relativen Wahrheit oder Falschheit. Wären alle unsere Wahrnehmungen dieser Art, gäbe es keinen Bedarf, unsere ersten unmittelbaren Eindrücke über die Natur unserer selbst und der Welt durch nachträgliche Reflexion zu korrigieren; der Begriff „Irrtum“ hätte für uns keine Bedeutung, und die Wissenschaft würde nicht existieren. (Elements of Metaphysics, S. 2f.)