Realität und Fiktion

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Consul
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Fr 15. Mai 2026, 00:28

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 11:06

Wenn alles, was existiert, reale Muster sind — Muster in Mustern in Mustern —, dann können wir Sherlock Holmes durchaus in der Wirklichkeit begrüßen. Das bedeutet natürlich nicht, dass damit seine Fiktionalität aufgehoben wäre. Er existiert als Muster nur in den vom Textkörper hervorgerufenen und zugleich begrenzten Interpretationen, während der Stein am Wegesrand nicht in vergleichbarer Weise von unseren Interpretationen abhängt. Das ist ein faktischer Unterschied, der keineswegs geleugnet wird.

Mit einer solchen "Ontologie der Muster" wird die Wirklichkeit auch nicht nivelliert, sondern die bunte Vielfalt von teilweise extrem unterschiedlichen Mustern wird damit explizit anerkannt.
Im hier relevanten Sinn sind Muster Beziehungsgefüge oder (nur aus Relationen bestehende) Strukturen.
Dem reduktiven Strukturalismus zufolge sind alle dinglichen oder stofflichen Substanzen (einschließlich Personen) nichts weiter als Komplexe von Relationen (ohne relational irreduzible Substanzen als Relata).

Doch auch wenn man den reduktiven Strukturalismus ontologisch bevorzugt (was ich nicht tue), bleibt der Unterschied zwischen fiktiven/fiktionalen und realen Strukturen (Mustern) nach wie vor bestehen; denn er ist nicht an eine bestimmte Basisontologie gebunden, sondern durchzieht alle Basisontologien.

Für mich als Anhänger der Substanzontologie ist Sherlock Holmes nicht deshalb kein Teil der Wirklichkeit, weil es ihm "an Substanz" mangelt, sondern weil es ihm an Existenz mangelt.



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Jörn P Budesheim
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Fr 15. Mai 2026, 07:49

Consul hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 00:28
Doch auch wenn man den reduktiven Strukturalismus ontologisch bevorzugt (was ich nicht tue), bleibt der Unterschied zwischen fiktiven/fiktionalen und realen Strukturen (Mustern) nach wie vor bestehen;
Natürlich bleibt er bestehen. Ansonsten könnte ich schwerlich dafür argumentieren, dass Figuren in Fiktionen existieren. Mein Problem mit deinem Text ist: Du gibst für deine Position kein Argument. Du hast auch keine nachvollziehbaren Erläuterungen zu bieten, warum du welchen Gegenständen großzügig Existenz zugestehst und welchen nicht.
Consul hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 07:50
Das Fiktive ist das Nichtreale, und das Reale ist das Nichtfiktive. Den Vorwurf des "question-begging" nehme ich in diesem Fall gerne in Kauf.



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Dynamis
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Fr 15. Mai 2026, 09:15

Consul hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 23:00
Dynamis hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 20:03
Consul hat geschrieben :
Mi 13. Mai 2026, 23:42
Etwas Irreales/Inexistentes wie eine fiktive Person oder ein fiktives Objekt kann niemandem (sinnlich) erscheinen, da man es nicht wahrnehmen kann.
Äh... naja doch. Du kannst ins Kino gehen.
Dort erscheinen mir nur reale bewegte Bilder realer Schauspieler, die fiktive Personen darstellen.
Du hast jetzt gerade versehentlich ein Argument für meine Position gegeben. Man kann fiktive Personen wahrnehmen, weil sie durch reale Schauspieler dargestellt werden.
Consul hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 23:05
Dynamis hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 20:05
Consul hat geschrieben :
Mi 13. Mai 2026, 22:59
Ja, der Vorstellungsinhalt bestimmt als Medium des Vorstellens, wie der Vorstellungsgegenstand vorgestellt wird.
Dieser Satz klingt selbstwidersprüchlich. Das Medium hat einen Inhalt, aber es ist nicht der Inhalt.
Doch, der (subjektive) Inhalt einer Vorstellung oder Wahrnehmung ist das (quasi-)sinnliche Medium/Mittel, durch welches das Vorgestellte oder Wahrgenommene vorgestellt oder wahrgenommen wird.
Naja, dieser Inhalt wäre dann wohl wiederum auf ein Medium angewiesen. Was ist dann dieses Medium? Die Vorstellung selbst? Die Vorstellung wäre dann also das Mittel, durch welches der Vorstellungsinhalt vorgestellt wird und der Vorstellungsinhalt wäre dann also das Mittel, durch welches der Vorstellungsgegenstand vorgestellt wird. Kann man so machen, aber möglich wäre es auch, dass man Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand identifiziert. Wenn es ein Mittel gibt, "durch welches das Vorgestellte oder Wahrgenommene vorgestellt oder wahrgenommen wird", dann ist es überhaupt kein abwegiger Sprachgebrauch dieses Vorgestellte als "Vorstellungsinhalt" zu bezeichnen.

Ich kann schon verstehen, worauf diese Unterscheidung zwischen Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand hinauslaufen soll. Ungefähr so: Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich mit meinem Auge einen Splitter wahrnehme oder ob dieser Splitter in meinem Auge ist. Genauso ist es auch ein Unterschied, ob ich mir einen Gegenstand vorstelle oder ob dieser Gegenstand als Vorstellungsinhalt in meiner Vorstellung ist. So könnte man jedenfalls aufgrund der Analogie argumentieren. Nun, argumentieren wir mal so. Dann lässt sich daraus wiederum ein Argument basteln, um nachzuweisen, dass Jörns Position zumindest nicht selbstwidersprüchlich ist. Wenn Sherlock Holmes, unser fiktiver Vorstellungsgegenstand, nicht in der Vorstellung selbst enthalten ist, dann ist es durchaus möglich eine Ontologie zu entwickeln, in der Sherlock Holmes als existierender Gegenstand unabhängig von der Vorstellung (wenn auch konventionsabhängig) existiert.




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Jörn P Budesheim
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Warum soll man aber das Argument akzeptieren, dass etwas unabhängig von unserer Vorstellung sein muss, um zu existieren?



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Dynamis
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Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 09:46
Warum soll man aber das Argument akzeptieren, dass etwas unabhängig von unserer Vorstellung sein muss, um zu existieren?
Man muss dieses Argument natürlich nicht akzeptieren. Es geht mir darum zu zeigen, dass Consuls Unterscheidung zwischen Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand eigentlich keine große Rolle spielt. Ich orientiere mich hier an dem Aufsatz "The Refutation of Idealism" von G.E. Moore. In diesem Aufsatz benutzt Moore eine vergleichbare Unterscheidung, um nachzuweisen, dass der Gegenstand auch unabhängig vom Bewusstsein existieren kann und versucht auf dieser Grundlage den Idealismus zu widerlegen. Moores Trick hierbei ist, dass er den Idealismus nicht direkt angreift, sondern nachweist, dass der Realismus auf der Basis der Argumente der Idealisten nicht widerlegt werden kann. Dieselbe Argumentationsstrategie verwende ich hier jetzt auch. Mein Argument ist, dass die Existenz von Sherlock Holmes auf der Grundlage der Unterscheidung von Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand nicht widerlegt werden kann.

Fairerweise muss man dazu auch sagen, dass die Unterscheidung zwischen Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand nicht den Zweck hat als Argument gegen die Existenz von Sherlock Holmes zu dienen. Vorhin hatte ich ja meinen kleinen Syllogismus vorgeschlagen: Wenn Sherlock Holmes bloß eine Vorstellung ist, dann existiert Sherlock Holmes immerhin als Vorstellung. Gegen dieses Argument von mir ist die Unterscheidung gerichtet. Nun, wenn ich akzeptiere, dass die Unterscheidung von Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand dieses Argument widerlegt, dann verorte ich den Vorstellungsgegenstand eben als existierend außerhalb der Vorstellung.




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Jörn P Budesheim
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Fr 15. Mai 2026, 13:20

Vorschlag A:
Existenz heißt schlicht „da sein“, Teil des Seins sein.

Antwort: Falls das als Argument gedacht ist, setzt es einfach voraus, was zu zeigen wäre. Warum denn nicht: „Holmes ist Teil des Daseins, Teil des Seins“?

---

Vorschlag B:
Unabhängigkeit (Realität im „dicken Sinn“): Wirkliche Existenz zeichnet sich dadurch aus, dass ein Ding ein eigenes Sein (Dasein und Sosein) hat, das völlig unabhängig davon besteht, ob es von einem Geist repräsentiert, gedacht oder wahrgenommen wird.

Antwort: Diese Setzung wird nicht begründet. Warum sollte wirkliche Existenz in Geistunabhängigkeit bestehen? Nur nebenbei: Fast alles, was mich gerade umgibt, ist geistabhängig: der Monitor, der Tisch, die Wände, die Kasse, ich selbst! Die Idee der Geistunabhängigkeit als Kriterium ist vermutlich eine ungerechtfertigte Übergeneralisierung. Manchmal ist es wichtig für uns zu wissen, dass etwas auch unabhängig von unserem Geist existiert. Aber daraus folgt nicht ohne Umschweife, dass dies als generelles Kriterium für Existenz passt. Darüber hinaus wird auch hier einfach vorausgesetzt, was zu zeigen wäre.

---

Vorschlag C:
Ausschlussprinzip: Sein und Nichtsein schließen einander aus; das Existente und das Nichtexistente können nicht koexistieren.

Antwort: Das mag sein oder auch nicht. Es ist aber kein Argument gegen die Existenz von Holmes, denn ob er zum Existierenden gehört, ist ja schließlich strittig; das kann man daher nicht einfach voraussetzen.

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Vorschlag D:
Wirksamkeit: „Keine Wirkung ohne Dasein.“ Da Figuren in Fiktionen selbst nicht wirken können (sondern nur die Gedanken über sie), sollte man ihnen die Existenz absprechen.

Antwort: Figuren in Fiktionen sind wirksam. Holmes’ Genie brachte viele Täter ins Gefängnis. Seine direkte Wirksamkeit beschränkt sich natürlich auf seinen Seinsbereich. Die Logik der Wirksamkeit folgt der Logik der Geschichte.



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Jörn P Budesheim
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Fr 15. Mai 2026, 14:05

Vorschlag 1
Jede Fiktion ist eine Realität, da Fiktionen, Imaginationen und Einbildungen offensichtlicher Teil der Gesamtheit des Seienden sind.

(Wichtig: Man kann dabei nicht – wie hier wiederholt geschehen – sinnvoll behaupten, es gäbe zwar die Artefakte (Imaginationen/Einbildungen/…), aber nicht deren Inhalte – also beispielsweise Holmes. Da Artefakt und Inhalt ontologisch aufeinander verweisen. Das Artefakt existiert, indem seine Inhalte existieren, und umgekehrt. Das heißt, wer zugesteht, dass das Artefakt existiert, hat den Inhalt notwendig mitgekauft, denn ohne ihn existiert das Artefakt nicht. Das Artefakt ist keine Dose, die man leeren kann und die unabhängig vom Inhalt existiert. Wichtig: Das Artefakt ist dabei nicht einfach identisch mit seinem Werkkörper (Papier, Druck, Datei …), auch wenn dieser seine notwendigen materiellen Bedingungen bildet. Wer die Existenz der Inhalte leugnen will, muss leugnen, dass es Artefakte überhaupt gibt!)

Vorschlag 2
„Es gibt einfach nichts, was es nicht gibt.“ Denn sobald wir über etwas sprechen, nachdenken oder es imaginieren, ist es bereits als existent gesetzt.

Vorschlag 3
Sherlock Holmes existiert objektiv, da man über ihn wahre und falsche Aussagen machen kann; jedes x, worin man sich irren kann, existiert objektiv, weil dieses x das Maß dessen ist, was die Aussage wahr oder falsch macht.

Vorschlag 4
Fiktive Erzählungen besitzen eine Autonomie und strukturelle Eigenlogik, die echte Zwänge erzeugt und über die rein subjektive Vorstellung des Autors hinausgeht. Holmes ist also keineswegs bloß abhängig von der Phantasie des Autors.

Vorschlag 5
„Realität“ und Fiktion sind strukturell verknüpft durch Werkkörper, Erfahrung, Recherche und objektive Möglichkeiten. Eine scharfe Trennung ist gar nicht möglich.

Vorschlag 6
Etwas, das von sozialen Konventionen abhängt, wie hier behauptet wurde, muss existieren, da Nichtexistentes ontologisch von nichts abhängen könnte. Gerade die Tatsache, dass vieles in unserer Lebenswelt durch soziale Praktiken entsteht, deren Realität wir nicht anzweifeln würden – etwa Tische und Ampeln – spricht ebenfalls dafür, die Realität von Artefakten und deren Inhalten wie Holmes zu akzeptieren.

Vorschlag 7
Zu existieren heißt, ein Muster in einem Muster (in einem Muster) zu sein. Das ist gut gedeckt durch naturwissenschaftlich inspirierte Sichtweisen, die Substanzen letztlich verabschiedet haben. Gemäß diesem Vorschlag gehört Sherlock Holmes als Muster in einem Muster ebenso zur objektiven Wirklichkeit wie der Eiffelturm oder Elektronen.

Vorschlag 8
Geistabhängigkeit ist kein Indiz für Inexistenz, da der Geist selbst existiert und reale Muster hervorbringt.

Vorschlag 9
In gewisser Hinsicht ist auch Holmes "unabhängig". Holmes ist durch spezifische Merkmale eindeutig identifizierbar (z. B. Detektiv, 19. Jahrhundert, Doyle). Diese intersubjektive Zugänglichkeit – die Tatsache, dass viele Menschen unabhängig voneinander denselben Holmes in Büchern und Filmen erkennen – ist ein Hinweis auf eine Form von unabhängiger Existenz.

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Gibt es auf diese Vorschläge Antworten, die nicht bereits voraussetzen, was eigentlich strittig ist – also Antworten, die nicht einfach bloß behaupten, dass Fiktionen nicht existieren, und dies allein damit begründen, dass sie nicht (geistunabhängig) existieren?



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Consul
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Sa 16. Mai 2026, 02:23

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 07:49
Mein Problem mit deinem Text ist: Du gibst für deine Position kein Argument. Du hast auch keine nachvollziehbaren Erläuterungen zu bieten, warum du welchen Gegenständen großzügig Existenz zugestehst und welchen nicht.
Consul hat geschrieben :
Di 5. Mai 2026, 07:50
Das Fiktive ist das Nichtreale, und das Reale ist das Nichtfiktive. Den Vorwurf des "question-begging" nehme ich in diesem Fall gerne in Kauf.
Wenn von fiktiven Entitäten geredet wird, dann setzt dies die meines Erachtens falsche Annahme voraus, dass die Dichtkunst (im weitesten Sinn: fiktionale Literatur + Malerei + Filmkunst) nicht nur in der Erschaffung fiktionaler Repräsentationen besteht, sondern auch in der Erschaffung davon repräsentierter fiktiver Entitäten.
Ich halte es für einen grundlegenden ontologischen Denkfehler, unter der bloßen Erdichtung, Aus-/Erdenkung, Ersinnung von etwas einen Schöpfungsakt zu verstehen, durch den der Wirklichkeit außer den fiktionalen Repräsentationen weitere Entitäten (= fiktive Entitäten, Ficta) hinzugefügt werden.
"fingo, fīnxī, fictum, ere (altindisch dēgdhi, er bestreicht, verkittet, dēhī, der Damm, Wall, griech. τειχος, τοιχος für θειχος, θοιχος), I) eine Masse od. in einer Masse formen, gestalten, bilden, bildend schaffen, von Bildnern, die in Ton, Wachs, dann auch von solchen, die in bildsamen Stoffen übh. arbeiten … im Geiste, in der Vorstellung sich ein Bild von etwas machen od. entwerfen, sich etwas denken, -vorstellen, etw. annehmen, träumen, sich einbilden … ersinnen, erdichten, erlügen, vorgeben"

Quelle: http://www.zeno.org/Georges-1913/A/fingo?hl=fingo

"fictio, ōnis, f. (fingo), das Bilden, Formen, I) die Bildung, die Gestaltung … II) die Erdichtung … insbes., die Erdichtung = die erdichtete Annahme von etw., der erdichtete Fall, die Fiktion … III) die Verstellung, Heuchelei"

Quelle: http://www.zeno.org/Georges-1913/A/fictio?hl=fictio
Fictional Entities: https://plato.stanford.edu/entries/fictional-entities/
Fiktive/Fiktionale Entitäten: https://plato-stanford-edu.translate.go ... r_pto=wapp [Google Translate]



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Jörn P Budesheim
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Sa 16. Mai 2026, 10:46

Consul hat geschrieben :
Sa 16. Mai 2026, 02:23
Ich halte es für einen grundlegenden ontologischen Denkfehler, unter der bloßen Erdichtung, Aus-/Erdenkung, Ersinnung von etwas einen Schöpfungsakt zu verstehen, durch den der Wirklichkeit außer den fiktionalen Repräsentationen weitere Entitäten (= fiktive Entitäten, Ficta) hinzugefügt werden.
Dem stimme ich in gewisser Hinsicht sogar zu: Es gibt tatsächlich kein zusätzliches Ding namens Holmes. Es gibt Texte, Beschreibungen und Bilder. Allerdings fehlt in deiner Beschreibung noch etwas Notwendiges, nämlich die Menschen, die Texte „aufführen" – also die Menschen, die diese Texte lesen, betrachten, interpretieren und so diejenige ästhetische Erfahrung machen, in der die Figuren für sie „lebendig werden". Nur in dieser Zusammenstellung aus Werkkörper und der von ihm getriggerten ästhetischen Erfahrung existiert Holmes – nicht zusätzlich dazu, sondern „darin". „Darin" bedeutet auch: Holmes kann den Spielort nicht verlassen, ebenso wenig wie wir in ihn im wortwörtlichen Sinne eintreten können. Wenn du eine solche Geschichte liest, dann erschaffst du anlässlich der Lektüre genau das, wovon du behauptest, dass es nicht existiert.



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Burkart
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Sa 16. Mai 2026, 11:23

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 16. Mai 2026, 10:46
Wenn du eine solche Geschichte liest, dann erschaffst du anlässlich der Lektüre genau das, wovon du behauptest, dass es nicht existiert.
Was du erschaffst, sind Gedanken u.a. über fiktive Personen wie Holmes, aber eben keine irgendwie reale Personen selbst.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
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Jörn P Budesheim
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Sa 16. Mai 2026, 11:24

Und?



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Dynamis
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Sa 16. Mai 2026, 12:02

Consul hat geschrieben :
Sa 16. Mai 2026, 02:23
Wenn von fiktiven Entitäten geredet wird, dann setzt dies die meines Erachtens falsche Annahme voraus, dass die Dichtkunst (im weitesten Sinn: fiktionale Literatur + Malerei + Filmkunst) nicht nur in der Erschaffung fiktionaler Repräsentationen besteht, sondern auch in der Erschaffung davon repräsentierter fiktiver Entitäten.
Ich halte es für einen grundlegenden ontologischen Denkfehler, unter der bloßen Erdichtung, Aus-/Erdenkung, Ersinnung von etwas einen Schöpfungsakt zu verstehen, durch den der Wirklichkeit außer den fiktionalen Repräsentationen weitere Entitäten (= fiktive Entitäten, Ficta) hinzugefügt werden.
Hier wiederholst du deine Trennung von Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand mit anderen Formulierungen. Jedenfalls hat Jörn in seiner Fußnote zu seinem "Vorschlag 1" bereits begründet, warum es kein ontologischer Denkfehler ist.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 14:05
Wichtig: Man kann dabei nicht – wie hier wiederholt geschehen – sinnvoll behaupten, es gäbe zwar die Artefakte (Imaginationen/Einbildungen/…), aber nicht deren Inhalte – also beispielsweise Holmes. Da Artefakt und Inhalt ontologisch aufeinander verweisen. Das Artefakt existiert, indem seine Inhalte existieren, und umgekehrt. Das heißt, wer zugesteht, dass das Artefakt existiert, hat den Inhalt notwendig mitgekauft, denn ohne ihn existiert das Artefakt nicht. Das Artefakt ist keine Dose, die man leeren kann und die unabhängig vom Inhalt existiert. Wichtig: Das Artefakt ist dabei nicht einfach identisch mit seinem Werkkörper (Papier, Druck, Datei …), auch wenn dieser seine notwendigen materiellen Bedingungen bildet. Wer die Existenz der Inhalte leugnen will, muss leugnen, dass es Artefakte überhaupt gibt!)
Ich bin in der Frage, ob der Vorstellungsgegenstand bzw. das von der Repräsentation Repräsentierte tatsächlich existiert, eher zurückhaltend. Mein hauptsächlicher Punkt ist der, dass es kein "Denkfehler" ist eine Ontologie zu entwickeln, welche die Existenz des Vorstellungsgegenstands bzw. der repräsentierten Entitäten annimmt. Um einen Denkfehler nachzuweisen, müsste man nachweisen, wo da ein Widerspruch oder ein Logikfehler entsteht. Die Unterscheidung von Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand, von Repräsentation und Repräsentierten ist als solcher Nachweis nicht hinreichend. Denn sie lässt ja immer noch die Frage offen, ob der Vorstellungsgegenstand bzw. das Repräsentierte tatsächlich existiert.

Das ist tatsächlich ein kniffliger Punkt. Moore hat in seinem Aufsatz "The Refutation of Idealism" auf ähnliche Weise argumentiert, dass die (britischen) Idealisten ihre Position nicht begründen können. Das bezeichnete er als Widerlegung ("refutation"), obwohl er nicht direkt nachgewiesen hat, dass die idealistische Position falsch ist. Sein Argument war zusammengefasst:
G.E. Moore hat geschrieben : Als Berkeley also annahm, dass das Einzige, dessen ich mir unmittelbar bewusst bin, meine eigenen Empfindungen und Ideen sind, ging er von einer falschen Annahme aus; und als Kant annahm, dass die Objektivität der Dinge im Raum darin bestehe, dass sie „Vorstellungen“ seien, die zueinander andere Beziehungen hätten als dieselben „Vorstellungen“ zu anderen in der subjektiven Erfahrung, ging er von einer ebenso falschen Annahme aus. Ich nehme die Existenz materieller Dinge im Raum ebenso unmittelbar wahr wie meine eigenen Sinneswahrnehmungen; und was ich in Bezug auf jedes einzelne wahrnehme, ist genau dasselbe – nämlich dass im einen Fall das materielle Ding und im anderen Fall meine Sinneswahrnehmung tatsächlich existiert. Die Frage, die man sich bezüglich materieller Dinge stellen muss, lautet also nicht: Welchen Grund haben wir anzunehmen, dass etwas existiert, das unseren Sinneswahrnehmungen entspricht? sondern: Welchen Grund haben wir anzunehmen, dass materielle Dinge nicht existieren, da ihre Existenz genau denselben Beweis hat wie die unserer Sinneswahrnehmungen? ("The Refutation of Idealism" in "Philosophical Studies", S. 30, übersetzt mit DeepL)
In Anlehnung an Moore bemerke ich also: Die Frage, die man sich bezüglich fiktiver Entitäten stellen muss, lautet also nicht: Welchen Grund haben wir anzunehmen, dass etwas existiert, das unseren Vorstellungen/Repräsentationen entspricht? sondern: Welchen Grund haben wir anzunehmen, dass fiktive Entitäten nicht existieren, da ihre Existenz genau denselben Beweis hat wie die unserer Vorstellungen/Repräsentationen?




Dynamis
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Burkart hat geschrieben :
Sa 16. Mai 2026, 11:23
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 16. Mai 2026, 10:46
Wenn du eine solche Geschichte liest, dann erschaffst du anlässlich der Lektüre genau das, wovon du behauptest, dass es nicht existiert.
Was du erschaffst, sind Gedanken u.a. über fiktive Personen wie Holmes, aber eben keine irgendwie reale Personen selbst.
Diese Unterscheidung zwischen Gedanken, die bloß erschafft sind, und "realen" Personen ist aus naturwissenschaftlicher Sicht tatsächlich ziemlich naheliegend. Gestern habe ich in einem etwas älteren Aufsatz von Fachbiologen folgenden Satz gefunden:
Rogers, Fleming, Estrabrook hat geschrieben : Ein Charakter ist nicht selbst ein in der Natur existierendes Ding, dessen Form eindeutig durch die reale Welt bestimmt wird, sondern ein vom Forscher erfundenes Artefakt, das als Mittel dient, um die interessanten Beobachtungen, die er an seinen Organismen gemacht hat, festzuhalten und zu vermitteln. ("Use of Computers in Studies of Taxonomy and Evolution" in "Evolutionar Biology", Volume 1, ed. Dobzhansky, Hecht, Steere, S. 181. übersetzt mit DeepL) [Anmerkung: "Charakter" meint hier nicht den psychologischen Begriff, sondern eher so etwas wie eine Zusammenfassung empirischer Beobachtungen]
Wichtig ist bei solchen Unterscheidungen, dass sie lediglich dazu dienen unterschiedliche Gegenstandsbereiche zu markieren. Natürlich ist ein Biologe in erster Linie an der Untersuchung von Organismen interessiert, während die Untersuchung von Artefakten, die der Untersuchung von Organismen dienen, eher ein Gegenstand für die Wissenschaftstheorie sind. Genauso markiert deine Unterscheidung zwischen "Gedanken" und "realen Personen" lediglich unterschiedliche Gegenstandsbereiche. Problematisch wird es aus philosophischer Sicht, wenn solche in der Praxis durchaus sinnvolle Unterscheidungen zu ontologischen Behauptungen verabsolutiert werden.




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Dynamis hat geschrieben :
Sa 16. Mai 2026, 12:02
Ich bin in der Frage, ob der Vorstellungsgegenstand bzw. das von der Repräsentation Repräsentierte tatsächlich existiert, eher zurückhaltend.
Was ist die Ontologie fiktionaler Gegenstände? Ich will dazu ein paar Zeilen schreiben, eine kleine Skizze, sehr dicht an der Theorie der Fiktion von Markus Gabriel, so wie ich sie verstehe: Jede Fiktion ist ein komplexer Gegenstand. Wenn man eine Art Rezept für ihre Ontologie angeben will, benötigt man zunächst einen Werkkörper: ein Buch, ein Comic-Strip, eine Fernsehserie oder etwas Vergleichbares. Aber das reicht nicht aus. Notwendig ist auch eine Person, die diesen Werkkörper interpretiert. Der Werkkörper für sich genommen ist gewissermaßen nur die Anleitung oder – wie Markus Gabriel es nennt – eine „Partitur“ für die Interpretation beziehungsweise die Performance des Kunstwerks.

Ich stelle mir dazu immer ein kleines Mädchen vor*, das nachts unter der Decke mit einer Taschenlampe noch heimlich ein Buch liest. Das Mädchen und der Text erschaffen gemeinsam die Erzählung. In dieser Erzählung spielt eine Räuberin die Hauptrolle. Das Bewusstsein des Mädchens wird dabei – vom Text angeregt und strukturiert – zur Bühne des Geschehens.

Das klingt zunächst technisch. Gemeint ist aber etwas phänomenologisch sehr Naheliegendes: Der Text fesselt das Kind. Und diese Beschreibung ist mehr als bloße Metapher. Wer eigene Leseerfahrungen reflektiert, kennt genau diesen Effekt. Ähnlich im Kino: Man hat mitunter das Gefühl, der Film ziehe einen in sein Geschehen hinein. Das soll verdeutlichen, dass Rezipienten den Text nicht frei konstruieren, wie es bestimmte Spielarten der Rezeptionsästhetik nahelegen. Die Struktur des Werkkörpers gibt vielmehr eine Richtung vor, auch wenn sie das Ergebnis nicht vollständig determiniert – jedes Kunstwerk bleibt offen.

Dabei befindet sich die Räuberin weder einfach im Kopf des Mädchens noch bloß im Buch. Beide Momente sind verschränkt. Die Räuberin existiert in dem durch Werkkörper und Imagination gemeinsam aufgespannten Bereich. (Graham Harman formuliert es in seiner objektorientierten Philosophie so: Betrachter und Kunstwerk verschmelzen zu einem dritten, gemeinsamen Objekt.)

Die Räuberin ist nicht in demselben Sinne (Sinnfeld) real wie das Mädchen aus Fleisch und Blut und sie kann diesen fiktionalen Raum natürlich nicht verlassen. Das Mädchen kann sich weder mit ihr – wortwörtlich gesprochen – verbünden noch ist es durch sie real bedroht.

Das erfordert eine gewisse Kompetenz der Leserin. Sie muss über erhebliches Weltwissen verfügen, um die Geschichte korrekt performen zu können. Vor allem muss sie das, was nicht ausdrücklich erzählt wird, aber dennoch zum Sinnzusammenhang gehört, angemessen ergänzen. Sie muss sich etwa ausmalen, was mit der Räuberin zwischen zwei Szenen geschieht, auch wenn dies nicht im Detail beschrieben wird.

Jetzt zu dem Zitat von oben – das andere war gewissermaßen nur die Vorrede: Man kann zwar sagen, die Räuberin sei eine Repräsentation, aber es wäre verfehlt, außerhalb dieses Settings nach etwas zu suchen, das sie repräsentiert. Die Vorstellung, die das Mädchen hat, insofern sie durch den Text gedeckt ist, ist die Räuberin selbst. Das mag auf den ersten Blick nach Psychologismus klingen. Gemeint ist jedoch keine Reduktion auf individuelle mentale Zustände, sondern die Verschränkung von Einbildungskraft und Werkkörper, in welcher der fiktionale Gegenstand erscheint und damit völlig real ist.

*Ein fiktionaler Gegenstand hat eine ganz andere Struktur als eine solche "einfache" Vorstellung, die nicht mit einem Werkkörper verschränkt ist.



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Jörn P Budesheim
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Sa 16. Mai 2026, 20:13

Schein und Sein. Diese Zuckerpille scheint nur ein Medikament zu sein, in Wahrheit ist es ein Placebo. Aber dennoch wirkt sie.



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Sa 16. Mai 2026, 20:45

Realität und Fiktion: Nach Julias Tod lädt Romeo alle Bilder, alle Texte, alle Videos, Julias gesamte Social Media Identität auf einen Server, der eine perfekte KI-Simulation von Julia erschafft.



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Sa 16. Mai 2026, 20:49

Realität und Fiktion: Richard Rorty schreibt sinngemäß einmal, dass Harriet Beecher Stowes Roman Onkel Toms Hütte moralisch und gesellschaftlich weit mehr bewirkt habe als unzählige philosophische Seminare oder Abhandlungen.

Damit sind wir übrigens auch wieder bei der Frage "Was ist der Mensch?", "Was ist das ich?" Denn die Vorstellungen, die wir von uns selbst haben, die unser Leben anleiten, sind das nicht auch Fiktionen?

Der kanadische Philosoph Charles Taylor bezeichnet den Menschen als „sich selbst interpretierende Tiere“.



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Burkart hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 09:32
Eine fiktive Gestalt (Sherlock Holmes) ist für mich keine Realität; real ist nur seine fiktive Geschichte, gerne unser Denken daran u.ä.
Ganz meine Meinung!
Ein gutes Mittel gegen Meinungen ist Philosophie! ;)



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Sa 16. Mai 2026, 22:08

Dynamis hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 09:15
Consul hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 23:00
[Im Kino] erscheinen mir nur reale bewegte Bilder realer Schauspieler, die fiktive Personen darstellen.
Du hast jetzt gerade versehentlich ein Argument für meine Position gegeben. Man kann fiktive Personen wahrnehmen, weil sie durch reale Schauspieler dargestellt werden.
Nein, denn die wahrnehmbaren Schauspieler stellen fiktive Personen nur dar, ohne sie dadurch zu sein. Die dargestellten fiktiven Personen bleiben selbst unwahrnehmbar, da es sie gar nicht gibt. Nichtseiendes kann man nicht sehen oder hören!
Dynamis hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 09:15
Consul hat geschrieben :
Do 14. Mai 2026, 23:05
Doch, der (subjektive) Inhalt einer Vorstellung oder Wahrnehmung ist das (quasi-)sinnliche Medium/Mittel, durch welches das Vorgestellte oder Wahrgenommene vorgestellt oder wahrgenommen wird.
Naja, dieser Inhalt wäre dann wohl wiederum auf ein Medium angewiesen. Was ist dann dieses Medium? Die Vorstellung selbst? Die Vorstellung wäre dann also das Mittel, durch welches der Vorstellungsinhalt vorgestellt wird und der Vorstellungsinhalt wäre dann also das Mittel, durch welches der Vorstellungsgegenstand vorgestellt wird. Kann man so machen, aber möglich wäre es auch, dass man Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand identifiziert. Wenn es ein Mittel gibt, "durch welches das Vorgestellte oder Wahrgenommene vorgestellt oder wahrgenommen wird", dann ist es überhaupt kein abwegiger Sprachgebrauch dieses Vorgestellte als "Vorstellungsinhalt" zu bezeichnen.
Ich verweise auf diesen älteren Beitrag von mir und insbesondere das in diesem Zusammenhang sehr wichtige Twardowski-Zitat.

Nein, der Inhalt ist nicht selbst "wiederum auf ein Medium angewiesen".
Der subjektiv erlebte und als Vorstellungsmedium fungierende Vorstellungsinhalt besteht in geistigen "Bildern" oder "Phantasmen", die eigentlich simulierte, "virtuelle" Sinneseindrücke sind.

Der Inhalt und der Gegenstand einer Vorstellung sind stets verschieden.

(Der Vorstellungsinhalt kann zum Gegenstand einer inneren Wahrnehmung werden, während der Vorstellungsgegenstand nur dann zum Gegenstand einer äußeren Wahrnehmung werden kann, wenn er existiert, real ist.)

Twardowski unterscheidet feinsinnigerweise zwischen dem Vorstellungsinhalt als dem in der Vorstellung (dem Vorstellungsakt) Vorgestellten und dem Vorstellungsgegenstand als dem durch die Vorstellung (den Vorstellungsakt) Vorgestellten.
"Was besagt also, fragen wir, jenes Vergegenwärtigen im Bild, kurzweg, was besagt das bildliche Vorstellen?
Wir unterscheiden bei jedem solchen Vorstellen Bild und Sache. Die Sache ist der von der Vorstellung gemeinte Gegenstand, und dieser ist in weiterer Folge und vermöge der mitverflochtenen qualitativen Charaktere (der intellektiven oder Gemütscharaktere) der für seiend gehaltene (z.B. der erinnerte oder erwartete) oder der für unwirklich gehaltene, wie in der bewussten Fiktion, oder der bezweifelte, erwünschte, erfragte, erhoffte, befürchtete Gegenstand usw. Von diesen Charakteren sehen wir jetzt ab, nur das Meinen müssen wir festhalten. Wenn das Berliner Schloss uns im Phantasiebild vorschwebt, so ist eben das Schloss zu Berlin die gemeinte, die vorgestellte Sache. Davon unterscheiden wir aber das vorschwebende Bild, das natürlich kein wirkliches Ding und nicht zu Berlin ist. Das Bild macht die Sache vorstellig, ist aber nicht sie selbst. Wir merken schon hier, dass dieses Bild in einem ganz anderen Sinn erscheint als die Sache und dass, wenn beide als in der Phantasie vorgestellt bezeichnet werden, eine bedenkliche Äquivokation vorliegt."

(Husserl, Edmund. Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung: Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925). Hrsg. v. Eduard Marbach. The Hague: Martinus Nijhoff Publishers, 1980. S. 18)
Dynamis hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 09:15
Ich kann schon verstehen, worauf diese Unterscheidung zwischen Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand hinauslaufen soll. Ungefähr so: Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich mit meinem Auge einen Splitter wahrnehme oder ob dieser Splitter in meinem Auge ist. Genauso ist es auch ein Unterschied, ob ich mir einen Gegenstand vorstelle oder ob dieser Gegenstand als Vorstellungsinhalt in meiner Vorstellung ist. So könnte man jedenfalls aufgrund der Analogie argumentieren. Nun, argumentieren wir mal so. Dann lässt sich daraus wiederum ein Argument basteln, um nachzuweisen, dass Jörns Position zumindest nicht selbstwidersprüchlich ist. Wenn Sherlock Holmes, unser fiktiver Vorstellungsgegenstand, nicht in der Vorstellung selbst enthalten ist, dann ist es durchaus möglich eine Ontologie zu entwickeln, in der Sherlock Holmes als existierender Gegenstand unabhängig von der Vorstellung (wenn auch konventionsabhängig) existiert.
Wie gesagt, der Vorstellungsgegenstand und der Vorstellungsinhalt sind immer verschieden, und Ersterer ist niemals Teil des Letzteren.
Eine Vorstellung als Vorstellungsvorgang kann ohne einen existenten Vorstellungsinhalt nicht stattfinden, aber sehr wohl ohne einen existenten Vorstellungsgegenstand.
Wenn der Vorstellungsgegenstand nicht existiert, dann existiert er als nichts und nirgends, also auch nicht als Vorstellungsinhalt oder "in der Vorstellung". Kein existierender Vorstellungsinhalt einer Holmes-Vorstellung ist Holmes oder heißt "Holmes".



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Sa 16. Mai 2026, 22:09

Dynamis hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 10:03
Es geht mir darum zu zeigen, dass Consuls Unterscheidung zwischen Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand eigentlich keine große Rolle spielt.
Doch, diese Unterscheidung spielt eine maßgebliche Rolle! Das Übersehen dieses (sowohl begrifflichen als auch außerbegrifflichen) Unterschiedes hat in der Philosophie zu großen Missverständnissen und Irrtümern geführt.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 15. Mai 2026, 10:03
…Mein Argument ist, dass die Existenz von Sherlock Holmes auf der Grundlage der Unterscheidung von Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand nicht widerlegt werden kann.

Fairerweise muss man dazu auch sagen, dass die Unterscheidung zwischen Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand nicht den Zweck hat als Argument gegen die Existenz von Sherlock Holmes zu dienen. Vorhin hatte ich ja meinen kleinen Syllogismus vorgeschlagen: Wenn Sherlock Holmes bloß eine Vorstellung ist, dann existiert Sherlock Holmes immerhin als Vorstellung. Gegen dieses Argument von mir ist die Unterscheidung gerichtet. Nun, wenn ich akzeptiere, dass die Unterscheidung von Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand dieses Argument widerlegt, dann verorte ich den Vorstellungsgegenstand eben als existierend außerhalb der Vorstellung.
In der äußeren Wirklichkeit wirst du Holmes genauso wenig finden können wie in der inneren Wirklichkeit deiner Phantasie.



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