Realität und Fiktion

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Consul
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Mi 17. Jun 2026, 19:24

Dynamis hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 12:29
Consul hat geschrieben :
So 14. Jun 2026, 22:52
Das Unvernünftige besteht darin, die allgemein-öffentliche Bedeutung von "erschaffen" (sowie der jeweiligen synonymen Verben in anderen Sprachen) zu missachten.
Dieser Vorwurf ist halt in Bezug auf meine Argumentation ein Strohmann-Argument. Die "allgemein-öffentliche Bedeutung" von "erschaffen" lässt sich ja in Bibel-Übersetzungen nachlesen, dort heißt es nämlich, dass Gott die Menschheit und die Erde erschaffen hat. Weiterhin wurde dieser religiöse Kontext nicht willkürlich von mir herausgepickt, sondern den von dir selbst verwendeten Quellen entnommen. Ich habe nun diesen religiösen Kontext und somit auch die allgemein-öffentliche Bedeutung nicht missachtet (obwohl das für mich als Atheist eine naheliegende Verhaltensweise wäre), sondern stattdessen zur Kenntnis genommen und interpretiert: …
Es macht keinen semantischen Unterschied, ob das Verb "erschaffen" außerhalb oder innerhalb religiöser Diskurse oder Kontexte verwendet wird, da Sätze wie die folgenden gleichermaßen widersinning sind:
1. Gott hat die Welt erschaffen, aber sie existiert nicht.
2. Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen, aber er existiert nicht.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Dynamis
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Mi 17. Jun 2026, 20:35

Consul hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 19:13
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 12:46
Dynamis hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 12:29
Mit einer anderen Ontologie ergeben die Sätze vielleicht weniger Sinn.
Ja, jedenfalls ist der fragliche Satz nicht einfach analytisch falsch.
Wenn ihr meint, dass eine Erschaffung oder Schöpfung (creatio) von etwas nicht notwendigerweise zu dessen Dasein führt, dann sprechen wir nicht dieselbe Sprache.
Selbst, wenn das so wäre, dann wäre damit deine Position bereits widerlegt. Deine Behauptung war ja:
Consul hat geschrieben :
Mi 10. Jun 2026, 00:56
weil Sätze der Form "X hat Y kreiert, aber Y existiert nicht/hat nie existiert" analytisch falsch sind—was nicht vernünftigerweise geleugnet werden kann.
Du hast also behauptet, dass für die Leugnung eines bestimmten von dir behaupteten Sachverhalts lediglich ein Mangel an Vernunft der Grund sein kann. Wenn es sich nun herausstellt, dass kein Mangel an Vernunft, sondern stattdessen Unterschiede im Sprachgebrauch für die Leugnung der Grund sind, dann ist damit deine Position widerlegt. Denn Unterschiede im Sprachgebrauch sind ja nicht gleichbedeutend mit einem Mangel an Vernunft. Das heißt, damit, dass du Unterschiede in der Sprache verantwortlich machst, hast du bereits deine Position versehentlich selbst widerlegt.

Da hilft es dir auch nichts, wenn du nun folgende Behauptung hinterher schiebst:
Consul hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 19:24
Es macht keinen semantischen Unterschied, ob das Verb "erschaffen" außerhalb oder innerhalb religiöser Diskurse oder Kontexte verwendet wird, da Sätze wie die folgenden gleichermaßen widersinning sind:
1. Gott hat die Welt erschaffen, aber sie existiert nicht.
2. Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen, aber er existiert nicht.
Diese Behauptung über die Widersinnigkeit dieser Sätze ist nun einmal falsch. Stattdessen ist es so: Ob eine der beiden Aussagen widersinnig erscheint, hängt davon ab, welche Ontologie vorausgesetzt wird. Jörn hat das gerade anhand seiner Sinnfeld-Ontologie vorgeführt. Ein Theologe könnte eine andere Ontologie verwenden. Er könnte mit einer christlich inspirierten Ontologie argumentieren und annehmen, dass in dieser Ontologie die Gottesebenbildlichkeit des Menschen eine zentrale Rolle spielt. Das heißt, Gott und Menschen können beide Wesen erschaffen, darin zeigt sich gerade die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Aber Ellis Kaut ist keine Göttin. Daher können Gott und Ellis Kaut nicht in derselben Weise Wesen erschaffen. Wenn Gott Wesen erschafft, ist diese Erschaffung mit einer Seiendmachung verbunden. Wenn Ellis Kaut ein Wesen erschafft, führt dies nicht zu einer Seiendmachung, sondern lediglich zu einer wahrgenommenen Selbstständigkeit der erschaffenen Figuren, wie sie bereits von Jörn und in dem Heine-Zitat beschrieben wurden. Wenn von einer "Erschaffung" im religiösen Kontext die Rede ist, dann ist damit Seiendmachung gemeint. Und wenn von einer "Erschaffung" im künstlerischen Kontext die Rede ist, dann ist damit lediglich die Autonomie der Kunst gemeint, die an der Selbstständigkeit der Figuren erfahren wird, aber keinesfalls so etwas wie eine Seiendmachung von Pumuckl. Gott könnte nämlich Pumuckl seiend machen, Ellis Kaut kann das nicht, sie kann Pumuckl nur erschaffen.

Zur Erinnerung, hier die Zitate, wo die Selbstständigkeit der von Künstlern erschaffenen Figuren sehr schön beschrieben wurde:
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 9. Jun 2026, 09:41
Ich kenne über Social Media sehr viele Autor:innen, die regelmäßig Romane veröffentlichen, sowie auch bekannte Drehbuchautor:innen (zum Beispiel für den „Tatort“). Wenn sie über ihr Schreiben reden, wird deutlich, wie sehr die Figuren in den Romanen ein Eigenleben entwickeln, dass die Geschichte dieses oder jenes verlangt und anderes mehr. Ich selbst und viele bildende Künstler:innen kennen genau das auch aus ihrem eigenen Arbeitsbereich.
DWDS hat geschrieben : in der poesie, vgl. die glosse conditor (carminum) scaffo Steinmeyer - Sievers 1, 59, 29: die gestalten, die ich meine, sind nämlich jene selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem haupte Kronions, vollendet und gerüstet hervortreten. H. Heine 2, 357;
Fazit: Wir haben inzwischen zwei verschiedene Ontologien kennengelernt, die man auf die von dir angeführten Aussagen anwenden kann. Einerseits eine Sinnfeld-Ontologie wie von Jörn, andererseits eine christlich inspirierte Anthropologie, welche dem Menschen einen ontologischen Sonderstaus zuweist, aber in der Seinshierarchie immer noch unterhalb von Gott ansiedelt. Wenn man die zweite Ontologie anwendet, ist nur die Aussage "Gott hat die Welt erschaffen, aber sie existiert nicht." widersinnig, nicht aber die Aussage "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen, aber er existiert nicht."




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Consul
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Do 18. Jun 2026, 00:58

@Dynamis:
Nix für ungut, aber du bist und bleibst auf dem Holzweg!
Die besagte Bedeutung von "erschaffen" ("creare") ist weder von einer bestimmten Ontologie abhängig noch davon, wer was wie erschafft.
Dynamis hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 20:35
Zur Erinnerung, hier die Zitate, wo die Selbstständigkeit der von Künstlern erschaffenen Figuren sehr schön beschrieben wurde: …
Etwas, das kein Dasein hat, kann kein Eigenleben und keine Selbstständigkeit entwickeln und haben.
Dynamis hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 20:35
DWDS hat geschrieben : in der poesie, vgl. die glosse conditor (carminum) scaffo Steinmeyer - Sievers 1, 59, 29: die gestalten, die ich meine, sind nämlich jene selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem haupte Kronions, vollendet und gerüstet hervortreten. H. Heine 2, 357;
Glaubte Heine an die Existenz fiktiver Gestalten?
Ich weiß es nicht; aber falls ja, dann konnte er natürlich sinnig und stimmig von ihrer Erschaffung/Schaffung/Schöpfung und von ihnen als Geschöpfen sprechen – falls nein, dann nicht.
Daraus, dass Vorstellungen fiktiver Dinge "aus dem schaffenden Dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem Haupte Kronions, vollendet und gerüstet hervortreten" (Heine), folgt jedenfalls nicht, dass dies auch auf die vorgestellten fiktiven Dinge zutrifft.

Wir neigen allerdings alle zu einer lockeren Redeweise, durch die der ontologisch wichtige Unterschied zwischen fiktionalen Repräsentationen sowie deren Erschaffung und fiktiven Objekten sowie deren Erschaffung verwischt wird.
Ein Realist in Bezug auf fiktive Objekte kann widerspruchsfrei sagen, dass Herman Melville sowohl den fiktionalen Roman Moby-Dick als auch den fiktiven Wal Moby-Dick erschaffen hat.
Ein Antirealist kann hingegen nur widerspruchsfrei sagen, dass Herman Melville den Roman Moby-Dick erschaffen hat, aber nicht den Wal Moby-Dick, da ihm nach Letzterer im Gegensatz zu Ersterem nicht existiert.

Es gibt ein bekanntes Bild von René Magritte, das uns auf den Unterschied zwischen dem Bild als Abbildenden und dem Abgebildeten hinweist: "Ceci n’est pas une pipe." – Natürlich nicht, da dies nur ein Pfeifenbild und keine Pfeife ist.

Bild
Dynamis hat geschrieben :
Mi 17. Jun 2026, 20:35
Fazit: Wir haben inzwischen zwei verschiedene Ontologien kennengelernt, die man auf die von dir angeführten Aussagen anwenden kann. Einerseits eine Sinnfeld-Ontologie wie von Jörn, andererseits eine christlich inspirierte Anthropologie, welche dem Menschen einen ontologischen Sonderstaus zuweist, aber in der Seinshierarchie immer noch unterhalb von Gott ansiedelt. Wenn man die zweite Ontologie anwendet, ist nur die Aussage "Gott hat die Welt erschaffen, aber sie existiert nicht." widersinnig, nicht aber die Aussage "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen, aber er existiert nicht."
Ich kann mich abschließend nur wiederholen: Wer was wie erschafft, ändert nichts daran, dass jedwede Erschaffung von etwas per definitionem dessen Seiendmachung bedeutet.

Zur Erinnerung, meine Antwort an Jörn in Sachen Sinnfeld-Ontologie:
Consul hat geschrieben :
Mo 15. Jun 2026, 23:17
Auch wenn man Existenz relativiert, ist Folgendes widersinnig: "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen, aber Pumuckl existiert in keinem Sinnfeld."



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Consul
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Do 18. Jun 2026, 01:29

Consul hat geschrieben :
Do 18. Jun 2026, 00:58
Ich kann mich abschließend nur wiederholen: Wer was wie erschafft, ändert nichts daran, dass jedwede Erschaffung von etwas per definitionem dessen Seiendmachung bedeutet.
Das gilt wohlgemerkt nicht für die Verben "erdenken", "ausdenken", "ersinnen" und "erdichten". Man kann etwas erdenken, ohne es dadurch zu erschaffen = seiend zu machen.
Beim Verb "erfinden" bin ich mir nicht ganz sicher—es sei denn, es wird als Synonym von "erdenken", "ersinnen", "erdichten" gebraucht. In diesem Sinn kann man etwas erfinden, indem man eine Idee, einen Plan, ein Modell davon erschafft, ohne es selbst zu erschaffen.



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Dynamis
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Do 18. Jun 2026, 11:15

Consul, du machst da zwei Fehler:
  1. Du widersprichst dir selbst.
    Consul hat geschrieben :
    Do 18. Jun 2026, 00:58
    Nix für ungut, aber du bist und bleibst auf dem Holzweg!
    Die besagte Bedeutung von "erschaffen" ("creare") ist weder von einer bestimmten Ontologie abhängig noch davon, wer was wie erschafft.
    Es ist wohl wahr, dass die Bedeutungen von Wörtern teilweise vom Kontext abhängen, aber teilweise eben auch vom allgemeinen Sprachgebrauch. Somit haben Wörter neben ihrer kontextabhängigen Verwendung auch eine sprecherunabhängige Bedeutung, die aus dem allgemeinen Sprachgebrauch erschlossen werden kann. Allerdings scheinst du deine eigene Einsicht nicht besonders ernst zu nehmen:
    Consul hat geschrieben : Glaubte Heine an die Existenz fiktiver Gestalten?
    Ich weiß es nicht; aber falls ja, dann konnte er natürlich sinnig und stimmig von ihrer Erschaffung/Schaffung/Schöpfung und von ihnen als Geschöpfen sprechen – falls nein, dann nicht.
    Aha, jetzt hängt es nicht von der sprecherunabhängigen Bedeutung ab, ob ein bestimmter Satz als "widersinnig" erscheint, sondern von der Ontologie, die von dem Sprecher verwendet wird.

    Aus deinem Widerspruch ergeben sich nun vier Schlussfolgerungen:
    1. Die Bedeutung eines Wortes ist wohl doch von einer bestimmten Ontologie abhängig. Wenn Heine an die Existenz der selbstständigen Geschöpfe glaubt, ist sein Satz sinnvoll, wenn Heine nicht an die Existenz dieser Geschöpfe glaubt, ist sein Satz widersinnig.
    2. Wenn wir Heines Satz ohne die Annahme einer sprecherabhängigen Ontologie interpretieren, dann ergibt sich daraus, dass es bei der Bedeutung des Wortes "Erschaffung" um etwas anderes geht als um Seiendmachung. Worum könnte es also dann gehen? Netterweise wurden dir diesbezüglich schon Hinweise gegeben.
    3. Jörn hat beispielsweise eine ähnliche Beobachtung gemacht wie Heine: "Ich kenne über Social Media sehr viele Autor:innen, die regelmäßig Romane veröffentlichen, sowie auch bekannte Drehbuchautor:innen (zum Beispiel für den „Tatort“). Wenn sie über ihr Schreiben reden, wird deutlich, wie sehr die Figuren in den Romanen ein Eigenleben entwickeln, dass die Geschichte dieses oder jenes verlangt und anderes mehr. Ich selbst und viele bildende Künstler:innen kennen genau das auch aus ihrem eigenen Arbeitsbereich." Warum muss man diesen von Jörn beschriebenen Sachverhalt unbedingt mit ontologischen Implikationen ausstatten?
    4. Ein bisschen muss ich mir jetzt doch auf die Schultern klopfen: So verkehrt kann meine Position nicht sein, wenn dir jetzt selbst aufgefallen ist, dass die Widersinnigkeit von Sätzen davon abhängt, welche Ontologie der Sprecher verwendet. Genau auf diesen Punkt hatte ich dich zuvor versucht aufmerksam zu machen: "Ob eine der beiden Aussagen widersinnig erscheint, hängt davon ab, welche Ontologie vorausgesetzt wird."
  2. Der andere Fehler, den du machst, steckt in der Formulierung "per definitionem":
    Consul hat geschrieben : Ich kann mich abschließend nur wiederholen: Wer was wie erschafft, ändert nichts daran, dass jedwede Erschaffung von etwas per definitionem dessen Seiendmachung bedeutet.
    Damit gehst du davon aus, dass die Bedeutung des Wortes "Erschaffung" in einer Definition zu fassen sei. Aber vielleicht ist nicht jede Bedeutung in einer Definition zu fassen. In der Philosophie wird gerade diese Annahme häufig problematisiert. G.E. Moore behauptet in seiner Principia Ethica, dass das Wort "gut" undefinierbar sei. Auch rein logisch gesehen wäre es widersinnig, wenn man für jede Bedeutung eines Wortes eine Definition voraussetzen müsste, weil dann würde diese Definition wieder Wörter verwenden, die müssten wiederum definiert werden usw. Das würde auf einen infiniten Regress hinauslaufen.




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Consul
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Do 18. Jun 2026, 23:05

Dynamis hat geschrieben :
Do 18. Jun 2026, 11:15
Consul hat geschrieben :
Do 18. Jun 2026, 00:58
Die besagte Bedeutung von "erschaffen" ("creare") ist weder von einer bestimmten Ontologie abhängig noch davon, wer was wie erschafft.
…Allerdings scheinst du deine eigene Einsicht nicht besonders ernst zu nehmen:
Consul hat geschrieben : Glaubte Heine an die Existenz fiktiver Gestalten?
Ich weiß es nicht; aber falls ja, dann konnte er natürlich sinnig und stimmig von ihrer Erschaffung/Schaffung/Schöpfung und von ihnen als Geschöpfen sprechen – falls nein, dann nicht.
Aha, jetzt hängt es nicht von der sprecherunabhängigen Bedeutung ab, ob ein bestimmter Satz als "widersinnig" erscheint, sondern von der Ontologie, die von dem Sprecher verwendet wird.
Ich habe mich keines Widerspruchs schuldig gemacht:

I. Hinsichtlich der Bedeutung von "erschaffen" in einem Satz wie "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" ist es gleichgültig, ob er von einem fiktionalen Realisten oder einem fiktionalen Antirealisten geäußert wird; denn die Bedeutung ist in beiden Fällen dieselbe.

II. Hinsichtlich der Sinnigkeit und des Wahrheitswertes dieses Satzes kommt es dagegen darauf an, ob er von einem F-Realisten oder einem F-Antirealisten geäußert wird; denn aufgrund der allgemeinen Bedeutung von "erschaffen" ist er nur dann nicht semantisch widersinnig und nicht analytisch falsch, wenn er von einem F-Realisten geäußert wird, der Pumuckl für eine erschaffene fiktive Entität hält.
Die Phrase "erschaffenes Seiendes" ist durchaus in sich stimmig, aber die Phrase "erschaffenes Nichtseiendes" eben nicht.
"Basilisken und Vampyre,
Lindenwürm´ und Ungeheuer,
Solche schlimme Fabelthiere,
Die erschafft des Dichters Feuer."

(Heine, Heinrich. "Lyrisches Intermezzo." 1822–1823. In Sämmtliche Werke, Bd. 1: Buch der Lieder, 66-93. Hamburg: Hoffmann & Campe, 1885. S. 72-3 [#16])
Wenn Fabeltiere nichtexistente Wesen sind, dann kann sie "des Dichters Feuer" erdichtet, erdacht, aber nicht erschaffen haben. Was es tatsächlich erschaffen hat, sind Vorstellungen, Bilder, Namen, Beschreibungen von und Erzählungen über Falbeltiere(n).
Dynamis hat geschrieben :
Do 18. Jun 2026, 11:15
Damit gehst du davon aus, dass die Bedeutung des Wortes "Erschaffung" in einer Definition zu fassen sei. Aber vielleicht ist nicht jede Bedeutung in einer Definition zu fassen. In der Philosophie wird gerade diese Annahme häufig problematisiert. G.E. Moore behauptet in seiner Principia Ethica, dass das Wort "gut" undefinierbar sei. Auch rein logisch gesehen wäre es widersinnig, wenn man für jede Bedeutung eines Wortes eine Definition voraussetzen müsste, weil dann würde diese Definition wieder Wörter verwenden, die müssten wiederum definiert werden usw. Das würde auf einen infiniten Regress hinauslaufen.
Ja, aber das Verb "erschaffen" ("creare") gehört nicht zu jenen semantisch primitiven Wörtern, die sich einer Definition entziehen: "etwas erschaffen" =def "etwas (zuvor noch nicht Dagewesenes) hervorbringen, entstehen lassen und damit seiend machen, 'ins dasein treten machen' (Grimm)".



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Dynamis
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Fr 19. Jun 2026, 11:19

Consul hat geschrieben :
Do 18. Jun 2026, 23:05
I. Hinsichtlich der Bedeutung von "erschaffen" in einem Satz wie "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" ist es gleichgültig, ob er von einem fiktionalen Realisten oder einem fiktionalen Antirealisten geäußert wird; denn die Bedeutung ist in beiden Fällen dieselbe.
Dann kann es auf die Sinnigkeit des Satzes keine Auswirkungen haben, mit welcher geistigen Haltung er vom Sprecher gesagt wird. Und gerade darin besteht dein Widerspruch, weil du sehr wohl behauptest, dass es auf die Sinnigkeit des Satzes eine Auswirkung hat.

Es gibt tatsächlich Sätze, wo man die Sprecherabhängigkeit berücksichtigen muss. Ein Beispiel dafür ist: "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet." Der Satz "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet." ist tatsächlich widersinnig und die Widersinnigkeit ist tatsächlich darin begründet, dass der Sprecher sich selbst widerspricht.

Wenn der Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" von einem F-Antirealisten ausgesprochen tatsächlich widersinnig wäre, müsstest du einen ähnlichen Widerspruch nachweisen wie in dem Satz "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet." Aus deiner eigenen Logik folgt aber nur, dass die Konjunktion "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen & Pumuckl existiert nicht" widersinnig ist. Ein F-Antirealist könnte aber den Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" auch äußern ohne sich als F-Antirealist zu outen. Das ist dann vergleichbar damit, dass jemand nicht glaubt, dass es regnet, aber trotzdem sagt "Es regnet." (und eben nicht: "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet.") Das ist dann unaufrichtig, aber nicht widersinnig. Du hast also noch nicht gezeigt, wo da ein Widerspruch entsteht, durch den die Widersinnigkeit nachgewiesen wird. Aus dem, was du sagst, folgt nur die Unaufrichtigkeit des F-Antirealisten, der sagt "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" (und eben nicht die Widersinnigkeit des Satzes).
Consul hat geschrieben : Ja, aber das Verb "erschaffen" ("creare") gehört nicht zu jenen semantisch primitiven Wörtern, die sich einer Definition entziehen: "etwas erschaffen" =def "etwas (zuvor noch nicht Dagewesenes) hervorbringen, entstehen lassen und damit seiend machen, 'ins dasein treten machen' (Grimm)".
Nur steht das weder im Grimm'schen Wörterbucheintrag von "erschaffen" noch von "Erschaffung". Das hast du falsch zitiert.

Gucken wir uns mal an, was im Wörterbucheintrag zu "Erschaffung" steht:
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm hat geschrieben : creatio, fabricatio: die erschaffung des menschen, der thiere, wogegen uns schöpfung mehr den umfang der geschaffenen dinge, die welt ausdrückt; die recht seel, so der mensch in erschaffung entpfangen hat. Frank weltb. 146ᵃ; die wallfisch sind an der innerlichen und euszerlichen gestalt oder erschaffung (formation) ungleich. (https://www.dwds.de/wb/dwb/erschaffung)
im Wörterbuch wird in geradezu pingeliger Manier darauf bestanden, dass nur die menschlichen und nicht-menschlichen Tiere das Resultat einer Erschaffung seien.

Wenn man deine Vorgehensweise ernst nehmen und diesen Wörterbucheintrag als Definition auffassen würde, gäbe es hier zwei Möglichkeiten:
a) Unter "thiere" fallen sowohl reale als auch fiktive Gestalten. Dann widerspricht dieser Wörterbucheintrag deiner Position. Denn dann hat auch Michael Crichton die Viecher aus dem Jurassic Park erschaffen.
b) Mit "thiere" sind nur Tiere in Fleisch und Blut gemeint. Wenn das gemeint ist, dann könnten weder Realisten noch Anti-Realisten außerhalb des Jurassic Park Dinge erschaffen. Und auch das widerspricht deiner Position, weil du zumindest den Realisten zugesteht, dass sie in sinnvoller Weise von der "Erschaffung" einer Romanfigur reden können.

Nun beruht deine Vorgehensweise aber auf einer fehlerhaften Methodik, weil Sprache nun einmal nicht wie Mathematik funktioniert. Es spricht also nichts dagegen, dass man den Ausdruck "Erschaffung", der zunächst einmal für den Herrgott reserviert gewesen sein mag, in metaphorischer Weise auch auf den Künstler überträgt. Der Künstler erschafft dann eben auch Menschen und Tiere wie der Herrgott, nur eben auf andere Weise. Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich an den Ausdruck und dann wird aus der Metapher eine sogenannte "verblasste Metapher" (der Ausdruck "verblasste Metapher" ist übrigens auch eine interessante Metapher), sie wird nicht mehr als Metapher wahrgenommen. Man bezeichnet das in der Sprachwissenschaft auch als Katachrese. Beispiele für eine Katachrese sind etwa Computer-Maus oder Fluss-Bett. Natürlich ist eine Computermaus keine echte Maus, ein Flussbett kein echtes Bett, aber die sprachlichen Ausdrücke funktionieren und jeder versteht, was damit gemeint ist.

Der Witz bei einer solchen Bedeutungsverschiebung ist nun, dass sie ohne die ontologischen Implikationen funktioniert, die du da hinein liest. Eine Computermaus ist nützlich, obwohl sie keine echte Maus ist. Und die Erschaffung einer Romanfigur macht dem Autor Freude, auch wenn sie keine echte Seiendmachung ist.




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Consul
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Sa 20. Jun 2026, 03:40

Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Wenn der Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" von einem F-Antirealisten ausgesprochen tatsächlich widersinnig wäre, müsstest du einen ähnlichen Widerspruch nachweisen wie in dem Satz "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet." Aus deiner eigenen Logik folgt aber nur, dass die Konjunktion "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen & Pumuckl existiert nicht" widersinnig ist. Ein F-Antirealist könnte aber den Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" auch äußern ohne sich als F-Antirealist zu outen. Das ist dann vergleichbar damit, dass jemand nicht glaubt, dass es regnet, aber trotzdem sagt "Es regnet." (und eben nicht: "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet.") Das ist dann unaufrichtig, aber nicht widersinnig. Du hast also noch nicht gezeigt, wo da ein Widerspruch entsteht, durch den die Widersinnigkeit nachgewiesen wird. Aus dem, was du sagst, folgt nur die Unaufrichtigkeit des F-Antirealisten, der sagt "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" (und eben nicht die Widersinnigkeit des Satzes).
"A hat B erschaffen" impliziert "B (hat) existiert", sodass die Bejahung des ersten Satzes in Verbindung mit der Verneinung des zweiten ein klarer Fall eines impliziten Widerspruchs ist, welcher explizit so aussieht: "A hat B erschaffen, B (hat) existiert und B existiert nicht (hat nicht existiert)."
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Consul hat geschrieben :
Do 18. Jun 2026, 23:05
Ja, aber das Verb "erschaffen" ("creare") gehört nicht zu jenen semantisch primitiven Wörtern, die sich einer Definition entziehen: "etwas erschaffen" =def "etwas (zuvor noch nicht Dagewesenes) hervorbringen, entstehen lassen und damit seiend machen, 'ins dasein treten machen' (Grimm)".
Nur steht das weder im Grimm'schen Wörterbucheintrag von "erschaffen" noch von "Erschaffung". Das hast du falsch zitiert.
Nein, das hast du falsch verstanden (woran ich wohl nicht ganz unschuldig bin); denn mein obiges Definiens ist nicht als Ganzes ein Grimm-Zitat, und der in Anführungszeichen stehende Teil ist ein Grimm-Zitat aus dem Eintrag zum Verb "schaffen": Schaffen (= Erschaffen) als "etwas ins dasein treten machen, hervorbringen, was vorher nicht da war".
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Gucken wir uns mal an, was im Wörterbucheintrag zu "Erschaffung" steht:
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm hat geschrieben : creatio, fabricatio: die erschaffung des menschen, der thiere, wogegen uns schöpfung mehr den umfang der geschaffenen dinge, die welt ausdrückt; die recht seel, so der mensch in erschaffung entpfangen hat. Frank weltb. 146ᵃ; die wallfisch sind an der innerlichen und euszerlichen gestalt oder erschaffung (formation) ungleich. (https://www.dwds.de/wb/dwb/erschaffung)
iIm Wörterbuch wird in geradezu pingeliger Manier darauf bestanden, dass nur die menschlichen und nicht-menschlichen Tiere das Resultat einer Erschaffung seien.
Nein, das sind bloß Beispiele, die den Verwendungsbereich von "Erschaffung" keineswegs auf Menschen und Tiere einschränken.
"Gott hat die Sonne erschaffen.
Gott hat die Sterne erschaffen.
Gott hat den Mond erschaffen.
Gott hat die Berge erschaffen.
Gott hat Erde und Himmel erschaffen.
Gott hat die Welt erschaffen."

(Scherr, Ignaz Thomas. Elementar-Sprachbildungslehre. Zweite Abtheilung: Lesebuch für den Schüler. Zürich: Orell, Füßli & Co., 1831. S. III)
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Nun beruht deine Vorgehensweise aber auf einer fehlerhaften Methodik, weil Sprache nun einmal nicht wie Mathematik funktioniert. Es spricht also nichts dagegen, dass man den Ausdruck "Erschaffung", der zunächst einmal für den Herrgott reserviert gewesen sein mag, in metaphorischer Weise auch auf den Künstler überträgt. Der Künstler erschafft dann eben auch Menschen und Tiere wie der Herrgott, nur eben auf andere Weise. Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich an den Ausdruck und dann wird aus der Metapher eine sogenannte "verblasste Metapher" (der Ausdruck "verblasste Metapher" ist übrigens auch eine interessante Metapher), sie wird nicht mehr als Metapher wahrgenommen. Man bezeichnet das in der Sprachwissenschaft auch als Katachrese. Beispiele für eine Katachrese sind etwa Computer-Maus oder Fluss-Bett. Natürlich ist eine Computermaus keine echte Maus, ein Flussbett kein echtes Bett, aber die sprachlichen Ausdrücke funktionieren und jeder versteht, was damit gemeint ist.
Der Witz bei einer solchen Bedeutungsverschiebung ist nun, dass sie ohne die ontologischen Implikationen funktioniert, die du da hinein liest. Eine Computermaus ist nützlich, obwohl sie keine echte Maus ist. Und die Erschaffung einer Romanfigur macht dem Autor Freude, auch wenn sie keine echte Seiendmachung ist.
Ein für alle Mal: Eine Erschaffung hat (im wörtlichen Sinn) schon immer eine Seiend- oder Wirklichmachung bedeutet – gleichgültig, wer was wie erschafft.

Du bringst nun eine angebliche oder mögliche metaphorische Bedeutung ins Spiel; doch der Gebrauch von "erschaffen" wird keineswegs metaphorisch, sobald nicht mehr von Gott als Erschaffer die Rede ist.

Wenn man "creare" = "erschaffen" ("erzeugen") ohne ontologische Implikation gebrauchen will, dann kann man es nur als Synonym der ontologisch neutralen Verben "erdichten", "erdenken", "ausdenken" verwenden. Eine excogitatio von etwas besteht zwar nicht (notwendigerweise) in dessen creatio; aber excogitatio ist keine der üblichen Bedeutungen von creatio, sodass man sich der ontologischen Nichtneutralität von "erschaffen" nicht einfach so entledigen kann. Denn wer etwas erschafft, der denkt es sich nicht bloß aus, stellt es sich nicht bloß vor, sondern verwirklicht es.

Wenn F-Antirealisten, die nicht an fiktive Entitäten glauben, von kreierten fiktiven Nonentitäten sprechen, dann ergibt das schlicht und ergreifend keinen (wörtlichen) Sinn; und wenn sie dagegen einwenden, dass sie "kreieren" lediglich im ontologisch neutralen Sinn von "exkogitieren" gebrauchen, dann werde ich erwidern, dass diese Bedeutung nicht allgemeingebräuchlich und irreführend ist – insbesondere in der philosophischen Debatte zwischen F-Realisten und F-Antirealisten.
"erschaffen (s. schaffen): was nicht vorhanden war hervorbringen, sinnv. schaffen"

(Heyse, Johann Christian August, & Karl Wilhelm Ludwig Heyse. Handwörterbuch der deutschen Sprache. Erster Theil: A–K. Magdeburg: W. Heinrichshofen, 1833. S. 379)

"schaffen: s. erschaffen u. schöpfen…hervorbringen, was vorher nicht da war, ins Dasein rufen, erschaffen (Gott schuf die Welt, hat die Welt geschaffen; die schaffende Kraft Gottes); auch von Werken des menschlichen Geistes, bes. Kunstwerken, Dichtungen etc. (der Maler, der Dichter schuf diese Gestalten; der schaffende Geist des Künstlers)"

(Heyse, Johann Christian August, & Karl Wilhelm Ludwig Heyse. Handwörterbuch der deutschen Sprache. Zweiter Theil, Erste Abtheilung: L–Steg. Magdeburg: W. Heinrichshofen, 1849. S. 618)
Anmerkung: Die lexikographische Beweislage ist eindeutig. Wenn "diese Gestalten" nicht existieren, kein Dasein haben, dann hat sie der Dichter oder Künstler auch nicht geschaffen; denn eine Gestalt zu (er)schaffen bedeutet ja—siehe oben!—, sie "ins Dasein zu rufen".
In der philosophischen, ontologisch ernsthaften Diskussion über fiktive Gestalten muss klar und deutlich zwischen deren Erschaffung als Verwirklichung und deren bloßer Erdenkung/Erdichtung unterschieden werden, welche nicht notwendigerweise mit der Verwirklichung des Erdachten/Erdichteten einhergeht.

In einem Buch des australischen Philosophen & Logikers Graham Priest habe ich zu meinem großen Erstaunen ein Kapitel mit dem Titel "Creating Non-Existents" gefunden:
"Das Erschaffen von Nichtexistentem

Viele Menschen sind der Meinung, dass nichtexistente Objekte in gewisser Weise von existenten Objekten abhängen. Ohne Leo Tolstoi gäbe es keine Anna Karenina; ohne Arthur Conan Doyle gäbe es keinen Holmes. Das Nichtexistente hängt vom Existenten ab [supervenes on the existent], insbesondere von den erzählerischen Aktivitäten kognitiver Akteure (wobei „Erzählen“ in einem entsprechend allgemeinen Sinne verstanden wird).

Nun gibt es einen recht trivialen Sinn, in dem das Nichtexistente vom Existenten abhängt. Sherlock Holmes wohnt nicht in der Baker Street und hat dort auch nie gewohnt. (Niemand, der in der Baker Street campiert hätte, hätte ihn jemals entdeckt.) Dennoch wohnte Holmes in den Geschichten von Doyle in der Baker Street. Das ist eine Eigenschaft von Holmes. Und diese Eigenschaft hängt tatsächlich von Doyles Handlungen ab. Hätte Doyle seine Geschichten nicht geschrieben, hätte Holmes in ihnen nicht die Eigenschaft gehabt, in der Baker Street zu wohnen.

Manche sind jedoch der Ansicht, dass die Abhängigkeit des Nichtexistenten vom Existenten tiefer geht. Es ist nicht nur so, dass Doyle für die entsprechenden Eigenschaften von Holmes verantwortlich ist; in gewissem Sinne hat Doyle Holmes erschaffen [created]. Was man in Bezug auf die Erschaffung natürlich nicht sagen kann, ist, dass Doyle Holmes ins Dasein gebracht hat. Rein fiktive Objekte und dergleichen existieren überhaupt nicht. Umso weniger können sie ins Dasein gebracht worden sein. Eine naheliegende Möglichkeit, diesen Gedanken zu konkretisieren, besteht darin, anzunehmen, dass die Quantifikationsbereiche variieren, wobei jeder die Objekte enthält, die dort existieren, sowie jene (und nur jene), die durch die erzählerischen Handlungen der existierenden Objekte erzeugt werden. Somit sind die nichtexistenten Objekte, die es gibt, von den Handlungen der existenten Objekte abhängig. Hätte Doyle beispielsweise seine Geschichten nicht geschrieben, wäre nichts Holmes gewesen.

Hier handelt es sich eindeutig um eine Form des Antirealismus in Bezug auf nichtexistente Objekte. Ihre Verfügbarkeit hängt in gewisser Weise von den kognitiven Zuständen existierender Objekte ab.

Ich muss gestehen, dass mich diese „kreationistischen“ Überlegungen persönlich nicht sonderlich bewegen. Es erscheint mir ganz natürlich, die Rede von Erschaffung [creation] als eine Art Metapher zu verstehen. (Deutsch (1991) argumentiert beispielsweise, dass ihr tatsächlicher Wert darin besteht, dass der Autor eine gewisse autoritative Festlegung trifft, wonach die „geschaffene“ Figur bestimmte Eigenschaften besitzt – zumindest in der Geschichte.)" [übersetzt von DeepL & Consul]

(Priest, Graham. Towards Non-Being: The Logic and Metaphysics of Intentionality. 2nd ed. Oxford: Oxford University Press, 2016. pp. 263-4)
Anmerkungen:
1. Zwischen Nichtseiendem und Seiendem können keinerlei Abhängigkeitsverhältnisse bestehen: Was nicht (da) ist, ist von nichts abhängig.
2. Erschaffung/Kreation als angebliche Metapher – aber wofür?!
Wenn man schreibt, dass Ellis Kaut Pumuckl nicht wörtlich erschaffen, sondern nur "erschaffen" habe, was genau soll das bedeuten?!
Wenn es z.B. bedeutet, dass Pumuckl von Kaut ausgedacht/erdacht wurde, dann sollte man besser diese Verben verwenden, die im Gegensatz zu "erschaffen" nicht existenzimplizierend sind. Von einer willkürlichen "Bedeutungsverschiebung", die zu einer semantischen Entkopplung von "erschaffen" und "seiend machen" führt, rate ich dringend ab!

Terence Parsons ist einer, der meint, dass eine Erschaffung von Fikta nicht deren Seiendmachung bedeutet:
"Was die Conan-Doyle-Reihe betrifft, so ist Sherlock Holmes ein Beispiel für ein Objekt, das aus der Geschichte selbst stammt, während die Stadt London ein Beispiel für einen ‚Zuwanderer‘ in die Geschichte darstellt. Der Unterschied besteht grob gesagt darin, ob die Geschichte das betreffende Objekt vollständig ‚erschafft‘ oder ob es sich um ein bereits bekanntes Objekt handelt, das in die Geschichte importiert wurde. Das Wort „erschaffen“ [create] ist hier in dem Sinne gemeint, in dem man üblicherweise sagt, dass ein Autor eine Figur erschafft. Es bedeutet nicht „ins Dasein bringen“ [bring into existence], denn solche Objekte existieren in der Regel nicht. Vielleicht ist „erschaffen“ ein unpassendes Wort, aber es wird üblicherweise in dem von mir beabsichtigten Sinne verwendet." [übersetzt von DeepL]

(Parsons, Terence. Nonexistent Objects. New Haven: Yale University Press, 1980. p. 51)

"Im allgemeinen Sprachgebrauch [in a popular sense] erschafft ein Autor Figuren, doch auch dies lässt sich nur schwer analysieren. Es bedeutet beispielsweise nicht, dass der Autor diese Figuren ins Dasein bringt, denn sie existieren ja gar nicht." [übersetzt von DeepL]

(Parsons, Terence. Nonexistent Objects. New Haven: Yale University Press, 1980. p. 188)
Anmerkung: Parsons' Behauptung läuft der allgemeinen, "volkstümlichen" Bedeutung von "erschaffen" zuwider, da diese ja "seiend machen" beinhaltet.

Hier ist ein Kommentar zu Parsons von Kit Fine:
"Philosophen haben sich in der Regel mit der gängigen Sichtweise auf diese Frage schwergetan, und Parsons bildet da keine Ausnahme. Wenn er davon spricht, dass ein Autor Figuren erschafft, setzt er das Wort in Anführungszeichen (S. 51) und verweist auf einen „popular sense“ (S. 188). Er legt nahe, dass wir, wenn wir gewöhnlich sagen, ein Autor erschaffe ein Objekt, damit meinen, dass er es fiktional macht.

Aber das reicht nicht aus; einem Objekt eine Eigenschaft zuzuschreiben, das bereits vorhanden ist – ganz gleich, wie ehrenvoll diese Eigenschaft auch sein mag –, bedeutet nicht, das Objekt zu erschaffen. Erschaffen bedeutet, etwas ins Dasein zu bringen. Philosophen wie Parsons müssen erklären, warum wir bei unseren alltäglichen Urteilen über die Erschaffung fiktiver Objekte bereit sind, Falsches zu bejahen oder das Wort „erschaffen“ in einem besonderen Sinne zu verwenden. Ich selbst bezweifle, dass eine adäquate Erklärung in Sicht ist, und würde es vorziehen, wenn unsere alltäglichen Urteile als zu erklärende Daten für unsere Theorie herangezogen würden." [übersetzt von DeepL]

(Fine, Kit. "Critical Review of Parsons' Non-Existent Objects." Philosophical Studies 45/1 (1984): 95–142. p. 132)



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Consul
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Sa 20. Jun 2026, 04:06

Aus dem GRIMM:
"erschaffen: creare"
"schaffen: creare, formare, fingere."


Zum lateinischen Verb "fingere", dessen Partizip Perfekt "fictus/-a/-um" lautet, und wovon das Substantiv "fictio" abgeleitet ist. Eine Bedeutung dieses Verbs ist: "im Geiste, in der Vorstellung sich ein Bild von etwas machen od. entwerfen, sich etwas denken, -vorstellen, etw. annehmen, träumen, sich einbilden…ersinnen, erdichten, erlügen, vorgeben."
(Entsprechend bedeutet "fictum" als Substantiv "etwas Erdichtetes, -Erlogenes, eine Erdichtung, Lüge".)
In ebendiesem Sinn werden fiktive Objekte fingiert, ohne dadurch kreiert zu werden: Fiktion ≠ Kreation!
Die Phrase "kreierte Nonentität" ist selbstwidersprüchlich, die Phrase "fingierte Nonentität" dagegen nicht.



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Dynamis
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Sa 20. Jun 2026, 11:27

Es gibt hier zwei Punkte, die ich gerne ansprechen würde:
  1. Zunächst einmal geht es um den Widerspruch in deiner Position. Dazu hast du jetzt gar nichts gesagt. Stattdessen hast du geschrieben:
    Consul hat geschrieben :
    Sa 20. Jun 2026, 03:40
    "A hat B erschaffen" impliziert "B (hat) existiert", sodass die Bejahung des ersten Satzes in Verbindung mit der Verneinung des zweiten ein klarer Fall eines impliziten Widerspruchs ist, welcher explizit so aussieht: "A hat B erschaffen, B (hat) existiert und B existiert nicht (hat nicht existiert)."
    Das freut mich, dass du mir hier zustimmst. :-)

    Vergleiche mal dein Argument mit dem, was ich gesagt habe:
    Dynamis hat geschrieben :
    Fr 19. Jun 2026, 11:19
    Aus deiner eigenen Logik folgt aber nur, dass die Konjunktion "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen & Pumuckl existiert nicht" widersinnig ist.
    Du hast mir also zugestimmt. Mit dem von mir aufgezeigten Widerspruch, der in deiner Position drinsteckt, hat das aber nichts zu tun:
    Dynamis hat geschrieben :
    Fr 19. Jun 2026, 11:19
    Consul hat geschrieben :
    Do 18. Jun 2026, 23:05
    I. Hinsichtlich der Bedeutung von "erschaffen" in einem Satz wie "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" ist es gleichgültig, ob er von einem fiktionalen Realisten oder einem fiktionalen Antirealisten geäußert wird; denn die Bedeutung ist in beiden Fällen dieselbe.
    Dann kann es auf die Sinnigkeit des Satzes keine Auswirkungen haben, mit welcher geistigen Haltung er vom Sprecher gesagt wird. Und gerade darin besteht dein Widerspruch, weil du sehr wohl behauptest, dass es auf die Sinnigkeit des Satzes eine Auswirkung hat.
    Denn bei diesem Widerspruch ging es um den Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" und nicht um die Konjunktion "A hat B erschaffen, B (hat) existiert und B existiert nicht (hat nicht existiert)." Der Widersprucb ist in deiner Position nicht deshalb vorhanden, weil du die Konjunktion "A hat B erschaffen, B (hat) existiert und B existiert nicht (hat nicht existiert)." für widersinnig hältst, sondern dieser Widerspruch ist deshalb vorhanden, weil du die Widersinnigkeit des Satzes "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" für sprecherabhängig hältst und gleichzeitig an der sprecherunabhängigen Bedeutung von "erschaffen" festhältst.
  2. Ein weiterer Punkt ist die fehlerhafte Methodik, die ich an folgendem Satz festgemacht habe:
    Consul hat geschrieben :
    Do 18. Jun 2026, 00:58
    Ich kann mich abschließend nur wiederholen: Wer was wie erschafft, ändert nichts daran, dass jedwede Erschaffung von etwas per definitionem dessen Seiendmachung bedeutet.
    Du versuchst also Sprache an Definitionen festzumachen, die du aus Wörterbucheinträgen gewinnst. Diese Kritik erläutere ich in folgenden Unterpunkten:
    1. Zunächst einmal erschließt man sich die Bedeutung von Wörtern häufig nicht direkt aus Wörterbucheinträgen, sondern durch Kontextualisierung. Das lässt sich auch an deiner Vorgehensweise nachweisen, die Wörterbucheinträge und Kontextualisierung kombiniert:
      Consul hat geschrieben :
      Sa 20. Jun 2026, 03:40
      Nein, das hast du falsch verstanden (woran ich wohl nicht ganz unschuldig bin); denn mein obiges Definiens ist nicht als Ganzes ein Grimm-Zitat, und der in Anführungszeichen stehende Teil ist ein Grimm-Zitat aus dem Eintrag zum Verb "schaffen": Schaffen (= Erschaffen) als "etwas ins dasein treten machen, hervorbringen, was vorher nicht da war".
      Das heißt, du hast den Wörterbuch-Eintrag von "schaffen" hergenommen und damit das Wort "erschaffen" kontextualisiert. Das kann man so machen. Nur eine Definition von "erschaffen" ergibt sich daraus nicht. Warum deine Gleichsetzung von Schaffen und Erschaffen fehlerhaft ist, habe ich übrigens schon begründet:
      Dynamis hat geschrieben :
      Di 9. Jun 2026, 13:16
      Consul hat geschrieben : "schaffen = …Bedeutung und gebrauch. I. starkes verbum: etwas ins dasein treten machen, hervorbringen, was vorher nicht da war." (GRIMM)

      Mit dieser Bedeutung ist "schaffen" ein Synonym von "erschaffen"!
      Das Wort "schaffen" hat viele weitere Bedeutungen, z.B. wird an der zitierten Stelle auch erwähnt "mit eines andern weyb zu schaffen haben". Wo tatsächlich das Wort "schaffen" im Sinne von "erschaffen" verwendet wird, wird auch in diesem Wörterbucheintrag ausgiebig der religiöse Kontext zitiert. Außerdem wird das Wort "schaffen" auch so verwendet, dass es deiner Lesart widerspricht:
      DWDS hat geschrieben : in der poesie, vgl. die glosse conditor (carminum) scaffo Steinmeyer - Sievers 1, 59, 29: die gestalten, die ich meine, sind nämlich jene selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem haupte Kronions, vollendet und gerüstet hervortreten. H. Heine 2, 357;
      In diesem Heine-Zitat geht es um die "selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste" hervorgehen. Das passt hervorragend zu dem, was Jörn gerade gesagt hat:
      Jörn P Budesheim hat geschrieben :
      Di 9. Jun 2026, 09:41
      Wenn sie über ihr Schreiben reden, wird deutlich, wie sehr die Figuren in den Romanen ein Eigenleben entwickeln, dass die Geschichte dieses oder jenes verlangt und anderes mehr.
    2. Auch hier zeigt sich, wie du mit einer Kontextualisierung operierst, wenn dir die Wörterbuch-Definition nicht ausreicht:
      Consul hat geschrieben :
      Nein, das sind bloß Beispiele, die den Verwendungsbereich von "Erschaffung" keineswegs auf Menschen und Tiere einschränken.
      "Gott hat die Sonne erschaffen.
      Gott hat die Sterne erschaffen.
      Gott hat den Mond erschaffen.
      Gott hat die Berge erschaffen.
      Gott hat Erde und Himmel erschaffen.
      Gott hat die Welt erschaffen."

      (Scherr, Ignaz Thomas. Elementar-Sprachbildungslehre. Zweite Abtheilung: Lesebuch für den Schüler. Zürich: Orell, Füßli & Co., 1831. S. III)
      Dazu ist festzuhalten: Wenn du dir die Bedeutung des Wortes "Erschaffung" so erschließt, steht das im Widerspruch zu der Wörterbuch-Definition aus dem Grimm, denn da steht:

      "die erschaffung des menschen, der thiere, wogegen uns schöpfung mehr den umfang der geschaffenen dinge, die welt ausdrückt;" (https://www.dwds.de/wb/dwb/erschaffung)

      Da wird also klar zwischen "erschaffung" und "schöpfung" anhand des unterschiedlichen Gegenstandsbereich abgegrenzt.

      Ich werfe dir nicht vor, dass du nicht ernst nimmst, was die Gebrüder Grimm da geschrieben haben. Schließlich sind Wörterbuchdefinitionen nicht die einzige Quelle linguistischer Wahrheit. Dann folgt aber auch, dass deine Methode in selektiver Lesart Auszüge aus Wörterbüchern anzuhäufen und diese als unumstößliche Wahrheit darzustellen, fehlerhaft ist. Du stellst ja Behauptungen auf wie "Die lexikographische Beweislage ist eindeutig." und das ist halt eine fehlerhafte Methodik.
    3. Ich habe Metaphern deshalb erwähnt, weil sie ein sehr schönes Beispiel dafür sind, dass Sprache nicht nur aus Wörterbuchdefinitionen besteht:
      Consul hat geschrieben : Du bringst nun eine angebliche oder mögliche metaphorische Bedeutung ins Spiel; doch der Gebrauch von "erschaffen" wird keineswegs metaphorisch, sobald nicht mehr von Gott als Erschaffer die Rede ist.
      Meine Theorie zur möglichen Bedeutungsverschiebung diente eher zur Veranschaulichung meiner grundsätzlichen Kritik an deiner Methode. Diese Theorie mag falsch sein, das sei zugestanden, aber es ist dir noch nicht gelungen einen Einwand zu formulieren. Eine falsche Theorie, anhand dessen sich dein methodischer Fehler nachweisen lässt, ist insofern nicht völlig verkehrt.

      Man muss unterscheiden zwischen einer Katachrese und einer Metapher. Eine Katachrese wie "Computermaus" ist keine Metapher mehr, sondern gängiger Teil der Umgangssprache. Wenn du also einwendest, dass der Gebrauch von "erschaffen" keineswegs metaphorisch wird, sobald nicht mehr von Gott als Erschaffer die Rede ist, dann geht das an meiner (möglicherweise falschen) Theorie vorbei. Eine Bedeutungsverschiebung führt ja gerade dazu, dass etwas, was früher nicht Teil der Bedeutung war, nun ebenfalls zur Bedeutung dazu gehört.

      Dein Ansatz, dass man Bedeutungen auf Wörterbuchdefinitionen fixiert, übersieht also, wie dynamisch Sprache ist. Gut, dass du nicht dabei gewesen bist, als die Erfinder der Computermaus darüber nachgedacht haben, wie man dieses Ding denn nun benennt. Denn sonst hättest du die ganze Zeit rumgemeckert und dich darüber beschwert, dass das eine völlig falsche Bezeichnung für ein technisches Gerät sei, wenn man das als "Maus" bezeichnet, weil Mäuse per definitionem lebende Wesen sind und technische Geräte eben keine lebende Wesen sind. :)




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Consul
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So 21. Jun 2026, 00:23

Dynamis hat geschrieben :
Sa 20. Jun 2026, 11:27
Der Widersprucb ist in deiner Position nicht deshalb vorhanden, weil du die Konjunktion "A hat B erschaffen, B (hat) existiert und B existiert nicht (hat nicht existiert)." für widersinnig hältst, sondern dieser Widerspruch ist deshalb vorhanden, weil du die Widersinnigkeit des Satzes "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" für sprecherabhängig hältst und gleichzeitig an der sprecherunabhängigen Bedeutung von "erschaffen" festhältst.
Ich kann daran nichts Widersprüchliches erkennen.
Wer sagt "Kaut hat Pumuckl erschaffen" und damit meint "Kaut hat Pumuckl erschaffen (und nun existiert er)", der redet aufgrund der Bedeutung von "erschaffen" keinen Unsinn.
Wer sagt "Kaut hat Pumuckl erschaffen" und damit meint "Kaut hat Pumuckl erschaffen (aber er existiert nach wie vor nicht)", der redet aufgrund der Bedeutung von "erschaffen" Unsinn.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Du versuchst also Sprache an Definitionen festzumachen, die du aus Wörterbucheinträgen gewinnst.
Meine Berufung auf die einschlägigen Wörterbucheinträge dient der Bestätigung meines Standpunktes, dass der folgende Satz eine analytische Wahrheit ist: "Alle er-/geschaffenen Dinge sind seiende (bzw. gewesene) Dinge."
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Das heißt, du hast den Wörterbuch-Eintrag von "schaffen" hergenommen und damit das Wort "erschaffen" kontextualisiert. Das kann man so machen. Nur eine Definition von "erschaffen" ergibt sich daraus nicht. Warum deine Gleichsetzung von Schaffen und Erschaffen fehlerhaft ist, habe ich übrigens schon begründet:

Das Wort "schaffen" hat viele weitere Bedeutungen, z.B. wird an der zitierten Stelle auch erwähnt "mit eines andern weyb zu schaffen haben". Wo tatsächlich das Wort "schaffen" im Sinne von "erschaffen" verwendet wird, wird auch in diesem Wörterbucheintrag ausgiebig der religiöse Kontext zitiert.
Vergiss den religiösen Kontext, da die allgemeine Bedeutung von "erschaffen" mitnichten daran gebunden ist—erst recht nicht im zeitgenössischen Sprachgebrauch!

Ich habe nicht gesagt, dass "schaffen" und "erschaffen" immer bedeutungsgleich sind, sondern nur, dass sie als Synonyme gebraucht werden können und oft auch werden, und zwar in ein und demselben Sinn von "etwas zuvor noch nicht Dagewesenes hervorbringen, hervorrufen, entstehen lassen; seiend, wirklich machen, ein Dasein geben, ins Dasein bringen/holen/rufen" (kein Zitat!).
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Außerdem wird das Wort "schaffen" auch so verwendet, dass es deiner Lesart widerspricht:

In diesem Heine-Zitat geht es um die "selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste" hervorgehen. Das passt hervorragend zu dem, was Jörn gerade gesagt hat: …
Ob Geschöpfe = er-/geschaffene Dinge selbstständig sind oder ein "Eigenleben" haben, ist für die Bedeutung von "Geschöpf" = "er-/geschaffenes Ding" völlig unerheblich.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Auch hier zeigt sich, wie du mit einer Kontextualisierung operierst, wenn dir die Wörterbuch-Definition nicht ausreicht:
Consul hat geschrieben :
Sa 20. Jun 2026, 03:40
Nein, das sind bloß Beispiele, die den Verwendungsbereich von "Erschaffung" keineswegs auf Menschen und Tiere einschränken. …
Dazu ist festzuhalten: Wenn du dir die Bedeutung des Wortes "Erschaffung" so erschließt, steht das im Widerspruch zu der Wörterbuch-Definition aus dem Grimm, denn da steht:

"die erschaffung des menschen, der thiere, wogegen uns schöpfung mehr den umfang der geschaffenen dinge, die welt ausdrückt;" (https://www.dwds.de/wb/dwb/erschaffung)

Da wird also klar zwischen "erschaffung" und "schöpfung" anhand des unterschiedlichen Gegenstandsbereich abgegrenzt.
Wenn (theologisch) von der Schöpfung die Rede ist, dann ist die ganze Welt (abzüglich Gott selbst) gemeint; aber es ist eine Missdeutung, das oben Zitierte so zu lesen, dass aus "erschaffen" und "schöpfen" allgemein Antonyme werden, und "erschaffen" allgemein auf den Bereich der Menschen und Tiere beschränkt wird.
Im GRIMM steht "creare" als lateinische Bedeutung sowohl von "erschaffen" als auch von "schöpfen".
("Schöpfen" kann auch "haurire" = "eine Flüssigkeit usw. mit einem Schöpfgefäß heraufziehen, -holen, ein Gefäß ausleeren, eine Flüssigkeit schöpfen" [Georges] bedeuten, aber diese Bedeutung ist hier irrelevant.)
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Ich werfe dir nicht vor, dass du nicht ernst nimmst, was die Gebrüder Grimm da geschrieben haben. Schließlich sind Wörterbuchdefinitionen nicht die einzige Quelle linguistischer Wahrheit. Dann folgt aber auch, dass deine Methode in selektiver Lesart Auszüge aus Wörterbüchern anzuhäufen und diese als unumstößliche Wahrheit darzustellen, fehlerhaft ist. Du stellst ja Behauptungen auf wie "Die lexikographische Beweislage ist eindeutig." und das ist halt eine fehlerhafte Methodik.
Nein, denn das Ergebnis meiner repräsentativen Wörterbuchrecherche ist eindeutig: "Seiend machen", "verwirklichen" ist Teil der allgemeinsprachlichen Bedeutung von "erschaffen" ("creare"), sodass die Rede von "erschaffenen nichtseienden Dingen" widersinnig, widersprüchlich ist.

Du hast hingegen nicht einen einzigen Wörterbucheintrag präsentiert, der deine gegensätzliche Behauptung untermauert!
Ich selbst habe danach gesucht, aber keinen gefunden. Eine voreingenommene Auswahl oder Lesart muss ich mir also nicht vorwerfen lassen.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
[*] Ich habe Metaphern deshalb erwähnt, weil sie ein sehr schönes Beispiel dafür sind, dass Sprache nicht nur aus Wörterbuchdefinitionen besteht:

Man muss unterscheiden zwischen einer Katachrese und einer Metapher. Eine Katachrese wie "Computermaus" ist keine Metapher mehr, sondern gängiger Teil der Umgangssprache. Wenn du also einwendest, dass der Gebrauch von "erschaffen" keineswegs metaphorisch wird, sobald nicht mehr von Gott als Erschaffer die Rede ist, dann geht das an meiner (möglicherweise falschen) Theorie vorbei. Eine Bedeutungsverschiebung führt ja gerade dazu, dass etwas, was früher nicht Teil der Bedeutung war, nun ebenfalls zur Bedeutung dazu gehört.
Hast du lexikographische Belege dafür gefunden, dass beim deutschen Verb "erschaffen" (und den entsprechenden Verben in anderen Sprachen, z.B. "to create") tatsächlich eine Bedeutungsverschiebung im Sinne einer semantischen Entkopplung von "erschaffen" und "seiend machen" stattgefunden hat, die nun ein "gängiger Teil der Umgangssprache" ist?
Dynamis hat geschrieben :
Fr 19. Jun 2026, 11:19
Dein Ansatz, dass man Bedeutungen auf Wörterbuchdefinitionen fixiert, übersieht also, wie dynamisch Sprache ist. Gut, dass du nicht dabei gewesen bist, als die Erfinder der Computermaus darüber nachgedacht haben, wie man dieses Ding denn nun benennt. Denn sonst hättest du die ganze Zeit rumgemeckert und dich darüber beschwert, dass das eine völlig falsche Bezeichnung für ein technisches Gerät sei, wenn man das als "Maus" bezeichnet, weil Mäuse per definitionem lebende Wesen sind und technische Geräte eben keine lebende Wesen sind.
"Eine Computermaus (kurz auch Maus genannt) ist ein Eingabegerät (Befehlsgeber) bei Computern. Der erste Prototyp wurde 1963 nach Zeichnungen von Douglas C. Engelbart gebaut."

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Computermaus
Da könnte genauso gut stehen: "Der erste Prototyp wurde 1963 nach Zeichnungen von Douglas C. Engelbart erschaffen."
Wenn dort Folgendes stünde, dann wären alle Leser sehr verdutzt:
"Es gibt keine Computermäuse/Computermäuse existieren nicht, aber der erste Prototyp wurde 1963 nach Zeichnungen von Douglas C. Engelbart erschaffen."



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Jörn P Budesheim
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So 21. Jun 2026, 07:34

Consul hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 00:23
Wörterbucheinträge
Wörterbucheinträge können den philosophischen Gedanken nicht ersetzen. Was man dort vielleicht findet, ist der übliche Sprachgebrauch – und selbst das ist nicht immer sicher. Die Antwort auf die Frage, was ein Begriff bedeutet und wie er verwendet werden sollte, findet man dort jedenfalls nicht per se. Das ist – je nachdem, um welchen Begriff es sich handelt – der philosophischen Arbeit vorbehalten.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Dynamis
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So 21. Jun 2026, 10:33

Du machst zwei Fehler:
  1. Dir unterläuft ein Widerspruch.
  2. Bei deiner Bezugnahme auf die Wörterbucheinträge lässt sich eine selektive Lesart nachweisen.
Insbesondere den zweiten Punkt werde ich dir an mehreren Beispielen nachweisen.
  1. Zunächst einmal zu deinem Widerspruch:
    Consul hat geschrieben :
    So 21. Jun 2026, 00:23
    Wer sagt "Kaut hat Pumuckl erschaffen" und damit meint "Kaut hat Pumuckl erschaffen (und nun existiert er)", der redet aufgrund der Bedeutung von "erschaffen" keinen Unsinn.
    Wer sagt "Kaut hat Pumuckl erschaffen" und damit meint "Kaut hat Pumuckl erschaffen (aber er existiert nach wie vor nicht)", der redet aufgrund der Bedeutung von "erschaffen" Unsinn.
    Wie jemand etwas meint, ist für die Sinnigkeit eines Satzes völlig unerheblich. Wenn der Satz nicht so verstanden wird, wie ich es gemeint habe, dann ist er trotzdem sinnvoll, aber dann habe ich mich falsch oder missverständlich ausgedrückt. Deswegen enthält deine Analyse den Widerspruch, dass ein und derselbe Satz sowohl Unsinn als auch kein Unsinn ist.
  2. Selektive Lesart:
    • Beispiel 1:
      Consul hat geschrieben : Vergiss den religiösen Kontext, da die allgemeine Bedeutung von "erschaffen" mitnichten daran gebunden ist—erst recht nicht im zeitgenössischen Sprachgebrauch!
      In den genannten Quellen wird der religiöse Kontext aber explizit genannt und das nicht nur als Randbemerkung. Wenn du den auslässt, ist das halt eine selektive Lesart. Mal ganz davon abgesehen ist es sowieso eine merkwürdige Sache, dass du Wörterbücher aus dem 19. Jahrhundert heranziehst, um damit Bestätigung für deine Thesen über den zeitgenössischen Sprachgebrauch zu erhalten.
    • Beispiel 2:
      Consul hat geschrieben : Ich habe nicht gesagt, dass "schaffen" und "erschaffen" immer bedeutungsgleich sind, sondern nur, dass sie als Synonyme gebraucht werden können und oft auch werden
      Ich habe dir übrigens auch nicht vorgeworfen, dass du die Behauptung aufgestellt hast, dass "schaffen und "erschaffen" immer bedeutungsgleich sind. Deswegen folgt aus deinem Hinweis kein Einwand gegen meine Argumentation. Ich habe dir eine Gleichsetzung vorgeworfen und dieser Vorwurf ist begründet, denn die Gleichsetzung lässt sich bei dir auch nachweisen. Aber das ist ein anderer Punkt.

      Die selektive Lesart besteht darin, wie du den Wörterbucheintrag zu "schaffen" auswertest:
      Consul hat geschrieben :
      Dynamis hat geschrieben :
      Fr 19. Jun 2026, 11:19
      Außerdem wird das Wort "schaffen" auch so verwendet, dass es deiner Lesart widerspricht:

      In diesem Heine-Zitat geht es um die "selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste" hervorgehen. Das passt hervorragend zu dem, was Jörn gerade gesagt hat: …
      Ob Geschöpfe = er-/geschaffene Dinge selbstständig sind oder ein "Eigenleben" haben, ist für die Bedeutung von "Geschöpf" = "er-/geschaffenes Ding" völlig unerheblich.
      Das Heine-Zitat ist jedoch Bestandteil des Wörterbuch-Eintrags. Und in diesem Zitat wird nun einmal die Selbstständigkeit der Geschöpfe betont. Da du das als "völlig unerheblich" bezeichnest, handelt es sich nun einmal um eine selektive Lesart.
    • Beispiel 3:
      Consul hat geschrieben :
      Dynamis hat geschrieben :
      Fr 19. Jun 2026, 11:19
      Auch hier zeigt sich, wie du mit einer Kontextualisierung operierst, wenn dir die Wörterbuch-Definition nicht ausreicht:
      Consul hat geschrieben :
      Sa 20. Jun 2026, 03:40
      Nein, das sind bloß Beispiele, die den Verwendungsbereich von "Erschaffung" keineswegs auf Menschen und Tiere einschränken. …
      Dazu ist festzuhalten: Wenn du dir die Bedeutung des Wortes "Erschaffung" so erschließt, steht das im Widerspruch zu der Wörterbuch-Definition aus dem Grimm, denn da steht:

      "die erschaffung des menschen, der thiere, wogegen uns schöpfung mehr den umfang der geschaffenen dinge, die welt ausdrückt;" (https://www.dwds.de/wb/dwb/erschaffung)

      Da wird also klar zwischen "erschaffung" und "schöpfung" anhand des unterschiedlichen Gegenstandsbereich abgegrenzt.
      Wenn (theologisch) von der Schöpfung die Rede ist, dann ist die ganze Welt (abzüglich Gott selbst) gemeint; aber es ist eine Missdeutung, das oben Zitierte so zu lesen, dass aus "erschaffen" und "schöpfen" allgemein Antonyme werden, und "erschaffen" allgemein auf den Bereich der Menschen und Tiere beschränkt wird.


      Dass in dem Wörterbucheintrag ein Gegensatz zwischen "erschaffung" und "schöpfung" hergestellt wird, lässt sich grammatikalisch nachweisen. Das Pronominaladverb "wogegen", welches ich zu deiner Kenntnisnahme rot markiert habe, dient gerade der Entgegensetzung. Wenn du hier also von einer "Missdeutung" sprichst, ist das eine selektive Lesart.




Dynamis
Beiträge: 649
Registriert: Di 24. Mär 2026, 19:10

So 21. Jun 2026, 10:43

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 07:34
Consul hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 00:23
Wörterbucheinträge
Wörterbucheinträge können den philosophischen Gedanken nicht ersetzen. Was man dort vielleicht findet, ist der übliche Sprachgebrauch – und selbst das ist nicht immer sicher. Die Antwort auf die Frage, was ein Begriff bedeutet und wie er verwendet werden sollte, findet man dort jedenfalls nicht per se. Das ist – je nachdem, um welchen Begriff es sich handelt – der philosophischen Arbeit vorbehalten.
Und gerade bei einem Begriff wie "Erschaffung" bietet es sich an darüber nachzudenken, welchen theologischen Kontext das hat, den man dann philosophisch interpretieren kann.
Giovanni Pico delta Mirandola hat geschrieben : Endlich beschloß der höchste Künstler, daß der, dem er nichts Eigenes geben konnte, Anteil habe an allem, was die einzelnen jeweils für sich gehabt hatten. Also war er zufrieden mit dem Menschen als einem Geschöpf von unbestimmter Gestalt, stellte ihn in die Mitte der Welt und sprach ihn so an: »Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du selbst dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluß habest und besitzest. Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt und wird innerhalb von uns vorgeschriebener Gesetze begrenzt. Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, damit du dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigeren, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.« (Quelle: Über die Würde des Menschen, zitiert nach Übersetzung von Norbert Baumgarten, Meiner 2000, S. 7.)




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Consul
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Mo 22. Jun 2026, 00:12

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 07:34
Consul hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 00:23
…Wörterbucheinträge…
Wörterbucheinträge können den philosophischen Gedanken nicht ersetzen. Was man dort vielleicht findet, ist der übliche Sprachgebrauch – und selbst das ist nicht immer sicher. Die Antwort auf die Frage, was ein Begriff bedeutet und wie er verwendet werden sollte, findet man dort jedenfalls nicht per se. Das ist – je nachdem, um welchen Begriff es sich handelt – der philosophischen Arbeit vorbehalten.
Begriffe sind für mich nichts anderes als Wörter.
Wenn ein Philosoph ein Wort willkürlicherweise in einem Sinn verwenden, der im Widerspruch zum gewöhnlichen, herkömmlichen, üblichen Wortgebrauch in der Gesellschaft steht, und man ihm dies immer großzügig und klaglos zugesteht, dann läuft das auf eine allgemeine Hinnahme von "Humptydumptying" hinaus—was du selbst nicht gutheißt! Siehe:
Consul hat geschrieben :
Fr 31. Okt 2025, 18:04
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 31. Okt 2025, 08:11
…Diese Relationen/Bedeutungen, wie auch immer man es nennen will, befinden sich nicht im Kopf. Unter anderem deshalb, weil sonst jeder Begriff bedeuten würde, was die Person, die ihn nutzt, glaubt. Damit wären wir allerdings bei der absurden Humpty Dumpty Theorie der Sprache - sinngemäß zitiert: Humpty Dumpty zu Alice: „Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes." Alice fragt daraufhin, ob er den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kann, worauf Humpty Dumpty antwortet: „Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles."
Der möglichen Bedeutungswillkür des Einzelnen steht die Übermacht der Sprachgemeinschaft entgegen. Wer mit anderen erfolgreich kommunizieren will, kann keine reine Privatsprache verwenden, die nur er/sie versteht, sondern er/sie muss sich nach öffentlichen, gesellschaftlich geteilten Wortbedeutungen richten.
"Der Sinn eines philosophischen Symposiums über die Normalsprache [ordinary language] besteht meines Erachtens darin, bestimmte zeitgenössische Auffassungen über das Verhältnis zwischen Normalsprache und Philosophie zu erörtern. Zu diesen gehören: (1) dass viele scheinbar wichtige philosophische Aussagen gegen die Normalsprache „verstoßen“ ["violate"], indem sie diese unrichtig [incorrectly] verwenden; (2) dass solche Aussagen irreführend sind und oft vergleichsweise unbedeutend erscheinen, wenn sie richtig formuliert werden; und (3) dass "jede philosophische Aussage, die gegen die Alltagssprache verstößt, falsch ist." Die ersten beiden dieser Thesen erscheinen mir wahr, die dritte scheint jedoch falsch zu sein." [übersetzt von Google & Consul]

(Chisholm, Roderick M. "Philosophers and Ordinary Language." The Philosophical Review 60/3 (1951): 317–328. p. 317)

"Zu sagen, dass jemand ein Wort richtig verwendet, bedeutet also – zumindest teilweise –, dass es für ihn dieselbe Intension [Bedeutung/Sinn] hat wie für die meisten Menschen. Sprache in ihrem gewöhnlichen Gebrauch kann nicht unrichtig sein, da "richtige Sprache“ gleichbedeutend mit "gewöhnliche Sprache" ist; "gewöhnliche Sprache ist richtige Sprache." [N. Malcolm]
Die wichtigste Methode, um festzustellen, ob jemand ein Wort unrichtig verwendet, bestünde folglich darin zu ermitteln, welche Intension das Wort für ihn hat und welche es gewöhnlich hat, und diese Intensionen dann zu vergleichen. Es genügt also nicht, ein Verfahren anzugeben, das lediglich aufzeigt, dass der Philosoph hinsichtlich der Denotation [des Bezugsgegenstandes/Referenten] eines Wortes anderer Meinung ist als die Mehrheit der Menschen.

Doch was folgt daraus, wenn wir schließlich erkannt haben, dass ein Philosoph Wörter auf unrichtige Weise verwendet? Nehmen wir an, der Erkenntnistheoretiker gebraucht das Wort "gewiss" tatsächlich falsch; er verwendet es nicht im gewöhnlichen Sinne, sondern – sagen wir – um eine Art der Erkenntnis zu bezeichnen, die für keinen Menschen logischerweise erreichbar ist. Wenn wir darauf hinweisen, haben wir ihn offensichtlich nicht widerlegt. Zwar sind wir – nun, da wir ihn verstehen – nicht mehr befremdet von seiner Aussage, dass "Gewissheit" in seinem Sinne nicht auf Überzeugungen über Einrichtungsgegenstände zutrifft. Höchstwahrscheinlich erscheint uns seine Behauptung, die zuvor paradox wirkte, nun trivial und uninteressant. Doch widerlegt haben wir ihn nicht, da wir nicht gezeigt haben, dass seine Aussage falsch ist. Vielmehr erkennen wir nun – was wir zuvor nicht sahen –, dass seine Aussage wahr ist; denn unsere Überzeugungen über Einrichtungsgegenstände besitzen vermutlich nicht das, was er als "Gewissheit" bezeichnet." [übersetzt von Google & Consul]

(Chisholm, Roderick M. "Philosophers and Ordinary Language." The Philosophical Review 60/3 (1951): 317–328. pp. 319-20)

"Wir haben keinen hinreichenden Grund für die Annahme gefunden, dass "jede philosophische Aussage, die der Normalsprache zuwiderläuft, falsch ist".
Viele philosophische Aussagen widersprechen tatsächlich der Alltagssprache. Infolgedessen sind sie irreführend; sie mögen wichtiger erscheinen, als sie sind, und Philosophen können sich in sprachlichen Verwirrungen verstricken. Zu den wertvollen Beiträgen von Herrn Malcolm gehört, dass er uns aufgezeigt hat, wie leicht all dies geschieht. Doch im Übrigen – soweit ich das beurteilen kann – kommt der Alltagssprache nicht jene philosophische Bedeutung zu, die er und andere ihr zuschreiben." [übersetzt von Google]

(Chisholm, Roderick M. "Philosophers and Ordinary Language." The Philosophical Review 60/3 (1951): 317–328. p. 328)
Wittgenstein folgend, sind Anhänger der Philosophie der Normalsprache (Ordinary Language Philosophy) so weit gegangen, philosophisches, insbesondere metaphysisches Theoretisieren gänzlich auf linguistische Analysen der Normalsprache zu reduzieren. Diesen Standpunkt teile ich nicht; aber auch wenn "der Alltagssprache nicht jene philosophische Bedeutung zu[kommt], die [manche] ihr zuschreiben," folgt daraus mitnichten, dass ihr keinerlei philosophische Bedeutung zukommt und man sie als Philosoph immer unbekümmert à la Humpty-Dumpty missachten darf.

Wer sagt, Ellis Kaut habe Pumuckl erschaffen, ohne ihn dadurch seiend gemacht zu haben, dessen Aussage ist zweifelsohne selbstwidersprüchlich und damit notwendigerweise falsch, wenn man den normalsprachlichen Sinn von "erschaffen" voraussetzt.
Wenn derjenige erwidert, dass er dieses Verb nicht in seinem normalsprachlichen Sinn gebrauche, dann werde ich ihn nachdrücklich ersuchen, doch besser ein anderes, ontologisch neutrales Verb wie "erdenken" oder "erdichten" zu gebrauchen, und von Pumuckl nicht als einer kreierten Figur, sondern als einer fingierten Figur zu sprechen.
Wenn er meinen Ratschlag befolgt, dann kann er als F-Antirealist im Einklang mit der normalsprachlichen Semantik sagen, Ellis Kaut habe Pumuckl erdacht/erdichtet, ohne ihn dadurch seiend gemacht zu haben.

Ein Selbstzitat:
Consul hat geschrieben :
Sa 20. Jun 2026, 03:40
Ein für alle Mal: Eine Erschaffung hat (im wörtlichen Sinn) schon immer eine Seiend- oder Wirklichmachung bedeutet – gleichgültig, wer was wie erschafft.

Du [= Dynamis] bringst nun eine angebliche oder mögliche metaphorische Bedeutung ins Spiel; doch der Gebrauch von "erschaffen" wird keineswegs metaphorisch, sobald nicht mehr von Gott als Erschaffer die Rede ist.

Wenn man "creare" = "erschaffen" ("erzeugen") ohne ontologische Implikation gebrauchen will, dann kann man es nur als Synonym der ontologisch neutralen Verben "erdichten", "erdenken", "ausdenken" verwenden. Eine excogitatio von etwas besteht zwar nicht (notwendigerweise) in dessen creatio; aber excogitatio ist keine der üblichen Bedeutungen von creatio, sodass man sich der ontologischen Nichtneutralität von "erschaffen" nicht einfach so entledigen kann. Denn wer etwas erschafft, der denkt es sich nicht bloß aus, stellt es sich nicht bloß vor, sondern verwirklicht es.

Wenn F-Antirealisten, die nicht an fiktive Entitäten glauben, von kreierten fiktiven Nonentitäten sprechen, dann ergibt das schlicht und ergreifend keinen (wörtlichen) Sinn; und wenn sie dagegen einwenden, dass sie "kreieren" lediglich im ontologisch neutralen Sinn von "exkogitieren" gebrauchen, dann werde ich erwidern, dass diese Bedeutung nicht allgemeingebräuchlich und irreführend ist – insbesondere in der philosophischen Debatte zwischen F-Realisten und F-Antirealisten.

Anmerkungen [zu Graham Priest]:

2. Erschaffung/Kreation als angebliche Metapher – aber wofür?!
Wenn man schreibt, dass Ellis Kaut Pumuckl nicht wörtlich erschaffen, sondern nur "erschaffen" habe, was genau soll das bedeuten?!
Wenn es z.B. bedeutet, dass Pumuckl von Kaut ausgedacht/erdacht wurde, dann sollte man besser diese Verben verwenden, die im Gegensatz zu "erschaffen" nicht existenzimplizierend sind. Von einer willkürlichen "Bedeutungsverschiebung", die zu einer semantischen Entkopplung von "erschaffen" und "seiend machen" führt, rate ich dringend ab!



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Mo 22. Jun 2026, 02:11

Dynamis hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 10:33
Consul hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 00:23
Wer sagt "Kaut hat Pumuckl erschaffen" und damit meint "Kaut hat Pumuckl erschaffen (und nun existiert er)", der redet aufgrund der Bedeutung von "erschaffen" keinen Unsinn.
Wer sagt "Kaut hat Pumuckl erschaffen" und damit meint "Kaut hat Pumuckl erschaffen (aber er existiert nach wie vor nicht)", der redet aufgrund der Bedeutung von "erschaffen" Unsinn.
Wie jemand etwas meint, ist für die Sinnigkeit eines Satzes völlig unerheblich. Wenn der Satz nicht so verstanden wird, wie ich es gemeint habe, dann ist er trotzdem sinnvoll, aber dann habe ich mich falsch oder missverständlich ausgedrückt. Deswegen enthält deine Analyse den Widerspruch, dass ein und derselbe Satz sowohl Unsinn als auch kein Unsinn ist.
Ja, der Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" ist für sich betrachtet nicht semantisch un-/widersinnig wie "Farblose grüne Ideen schlafen wütend" (um einen berühmten Beispielsatz von Noam Chomsky zu verwenden: "Colorless green ideas sleep furiously").
Eine Äußerung des ersten Satzes kann jedoch—wie oben bereits gezeigt—semantisch un-/widersinnig werden, wenn man den pragmatischen Aspekt hinzuzieht, d.h. die jeweilige Sprechabsicht, das jeweilige Meinen des Sprechers. Entsprechend redet jemand (normalsprachlichen) Unsinn, wenn er sagt, Kaut habe Pumuckl erschaffen, und damit meint, Kaut habe Pumuckl erschaffen, aber nicht seiend gemacht.
Dynamis hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 10:33
Selektive Lesart: Beispiel 1:
Consul hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 00:23
Vergiss den religiösen Kontext, da die allgemeine Bedeutung von "erschaffen" mitnichten daran gebunden ist—erst recht nicht im zeitgenössischen Sprachgebrauch!
In den genannten Quellen wird der religiöse Kontext aber explizit genannt und das nicht nur als Randbemerkung. Wenn du den auslässt, ist das halt eine selektive Lesart. Mal ganz davon abgesehen ist es sowieso eine merkwürdige Sache, dass du Wörterbücher aus dem 19. Jahrhundert heranziehst, um damit Bestätigung für deine Thesen über den zeitgenössischen Sprachgebrauch zu erhalten.
Es hat schon immer eine kontextneutrale Grundbedeutung von "erschaffen" gegeben, die von Adelungs Wörterbuch aus dem späten 18. Jh. bis zu den heutigen Wörterbüchern gleich geblieben ist: "was vorher nicht war, hervorbringen" (Adelung) – "etwas zuvor noch nicht Dagewesenes hervorbringen, hervorrufen, entstehen lassen; seiend, wirklich machen, ein Dasein geben, ins Dasein bringen/holen/rufen" (meine Zusammenfassung)

Daran ändert die Tatsache nichts, dass "erschaffen" sehr oft im religiösen Kontext gebraucht wird und auch viele Beispielsätze in Wörterbüchern jenem Kontext entnommen sind; denn daraus folgt keineswegs eine semantische Kontextabhängigkeit dieses Verbs, die seine Bedeutung ausschließlich an den religiösen Kontext knüpfen und eine sinnvolle Verwendung außerhalb dessen somit verhindern würde.
Dynamis hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 10:33
Ich habe dir übrigens auch nicht vorgeworfen, dass du die Behauptung aufgestellt hast, dass "schaffen und "erschaffen" immer bedeutungsgleich sind. Deswegen folgt aus deinem Hinweis kein Einwand gegen meine Argumentation. Ich habe dir eine Gleichsetzung vorgeworfen und dieser Vorwurf ist begründet, denn die Gleichsetzung lässt sich bei dir auch nachweisen. Aber das ist ein anderer Punkt.
Du meinst doch eine semantische Gleichsetzung, die zu einer Bedeutungsgleichheit führt, oder nicht?
Anyway, es besteht tatsächlich kein Bedeutungsunterschied zwischen den Sätzen Form "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" und "Ellis Kaut hat Pumuckl geschaffen".

(Allerdings: Geschaffenes ≠ Geschafftes! Wenn ich es geschafft habe, einen schweren Stein hochzuheben, dann habe ich damit nichts geschaffen. Siehe "schaffen" im DUDEN!)
Dynamis hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 10:33
Die selektive Lesart besteht darin, wie du den Wörterbucheintrag zu "schaffen" auswertest:
Consul hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 00:23
Ob Geschöpfe = er-/geschaffene Dinge selbstständig sind oder ein "Eigenleben" haben, ist für die Bedeutung von "Geschöpf" = "er-/geschaffenes Ding" völlig unerheblich.
Das Heine-Zitat ist jedoch Bestandteil des Wörterbuch-Eintrags. Und in diesem Zitat wird nun einmal die Selbstständigkeit der Geschöpfe betont. Da du das als "völlig unerheblich" bezeichnest, handelt es sich nun einmal um eine selektive Lesart.
Nein, fragwürdig ist eher die Auswahl jenes Heine-Zitats durch die Wörterbuchautoren. Anyway, meine obige Aussage ist wasserdicht.
Dynamis hat geschrieben :
So 21. Jun 2026, 10:33
Dass in dem Wörterbucheintrag ein Gegensatz zwischen "erschaffung" und "schöpfung" hergestellt wird, lässt sich grammatikalisch nachweisen. Das Pronominaladverb "wogegen", welches ich zu deiner Kenntnisnahme rot markiert habe, dient gerade der Entgegensetzung. Wenn du hier also von einer "Missdeutung" sprichst, ist das eine selektive Lesart.
Wenn der betreffende Beispielsatz den falschen Eindruck eines allgemeinen Bedeutungsgegensatzes erweckt, dann ist er schlecht gewählt.
Es ist wirklich gleichgültig, ob man das iPhone eine Schöpfung oder eine Erschaffung von Apple nennt. Allerdings würde ich nicht sagen, dass Apple das iPhone geschöpft hat, sondern nur, dass Apple es erschaffen hat. Das ist aber eine Sache der Stilistik und nicht der grundlegenden Semantik.



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Jörn P Budesheim
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Mo 22. Jun 2026, 09:49

@Consul: Warum genau existiert gemäß deiner Logik eigentlich ein iPhone? Und nicht etwa bloß ein unbestimmtes Etwas, wenn überhaupt irgendetwas? Denn um das iPhone zu identifizieren, müssen wir massiv unsere Einbildungskraft mobilisieren. Das Gleiche gilt für jede Nutzung des iPhones. Wir müssen zum Beispiel das Gegenüber imaginieren. Ohne Fantasie (und vieles andere Immaterielle mehr) wären wir nur mit leeren Schallwellen konfrontiert, also nicht etwa Gesprächen. Das Gleiche gilt für die Bilder und Musikstücke auf dem Gerät. All das existiert (unter vielem anderem) im realen Raum der Imagination, deren Gegenstände für dich aber gar nicht existieren. Wichtig: Nichts an dem Gerät ist jedoch notwendigerweise an eine bestimmte Materialität gebunden, da der gesamte imaginäre Raum (etc.) auch komplett anders materiell realisiert sein könnte.

Das ist absurd: Das iPhone besteht (in deiner Sicht) aus lauter inexistenten Gegenständen. Und das, was es (in deiner Sicht) an ihm wirklich gibt, ist für seine Existenz nachweislich nur kontingent.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Dynamis
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Mo 22. Jun 2026, 15:20

Consul, es gibt da drei Punkte, die ich gerne ansprechen würde:
  1. Widerspruch in deiner Position
  2. Gleichsetzung von "schaffen" und "erschaffen"
  3. Selektive Lesart
Den dritten Punkt werde ich dann noch mit einem Beispiel ergänzen, welches in die philosophische Begriffsarbeit überleitet.
  1. Gucken wir uns den Widerspruch in deiner Position an.
    Consul hat geschrieben :
    Mo 22. Jun 2026, 02:11
    Ja, der Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" ist für sich betrachtet nicht semantisch un-/widersinnig wie "Farblose grüne Ideen schlafen wütend" (um einen berühmten Beispielsatz von Noam Chomsky zu verwenden: "Colorless green ideas sleep furiously").
    Eine Äußerung des ersten Satzes kann jedoch—wie oben bereits gezeigt—semantisch un-/widersinnig werden, wenn man den pragmatischen Aspekt hinzuzieht, d.h. die jeweilige Sprechabsicht, das jeweilige Meinen des Sprechers. Entsprechend redet jemand (normalsprachlichen) Unsinn, wenn er sagt, Kaut habe Pumuckl erschaffen, und damit meint, Kaut habe Pumuckl erschaffen, aber nicht seiend gemacht.
    Man kann natürlich versuchen pragmatische Aspekte zu berücksichtigen und performative Widersprüche nachzuweisen. Damit hat das Meinen des Sprechers jedoch nichts zu tun. Nehmen wir an, ich verspreche etwas und habe niemals vor mein Versprechen einzuhalten. Oder ich behaupte etwas und ich weiß genau, dass meine Behauptung nicht stimmt. Oder ich behaupte etwas, wähle aber die falschen Worte und deswegen hört der Zuhörer aus der Behauptung etwas anderes heraus als eigentlich gemeint war. Dann passen Sagen und Meinen nicht zusammen. Aber dann sind meine Äußerungen nicht Unsinn, sondern unaufrichtig oder missverständlich.

    Ich bin nun nicht dogmatisch auf meine Position fixiert. Wenn du bei dem Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" einen performativen Widerspruch nachweisen kannst, ändere ich meine Ansicht. Aber bisher hast du das nicht getan. Deswegen bleibt es dabei: Mit deiner Position entsteht ein Widerspruch. Der Widerspruch entsteht dadurch, dass deine Position folgende merkwürdige Implikation hat: Wenn man das Meinen des Sprechers (von dem wir annehmen, dass er eine F-Antirealismus-Position vertritt) kennt, ist die Äußerung Unsinn, und wenn man das Meinen des Sprechers nicht kennt und ihm fälschlicherweise unterstellt, dass er eine F-Realismus-Position vertritt, ist die Äußerung verständlich und kein Unsinn. Also ist ein und dieselbe Äußerung mal Unsinn, mal kein Unsinn.

    Warum ist dieser Widerspruch überhaupt relevant? Man könnte ja auch der Ansicht sein, dass dieser Widerspruch überhaupt kein Problem für deine Position sei. Du könntest stattdessen auch die These vertreten, dass folgende Konjunktion widersprüchlich sei: "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." So hast du das jedenfalls dem Jörn erklärt:
    Consul hat geschrieben :
    Mo 22. Jun 2026, 00:12
    Wer sagt, Ellis Kaut habe Pumuckl erschaffen, ohne ihn dadurch seiend gemacht zu haben, dessen Aussage ist zweifelsohne selbstwidersprüchlich und damit notwendigerweise falsch, wenn man den normalsprachlichen Sinn von "erschaffen" voraussetzt.
    Ich habe dir übrigens auch schon zugestanden, dass dieser Teil deiner Position eben nicht widersprüchlich ist. Nochmals:
    • Wo du argumentierst, dass die Konjunktion "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." selbstwidersprüchlich ist, da ist kein Widerspruch (dafür kritisiere ich die fehlerhafte Methode, mit der du den "normalsprachlichen Sinn" von "erschaffen" herleitest).
    • Wo du argumentierst, dass die Äußerung "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" widersinnig sei und diese Widersinnigkeit sprecherabhängig sei, da ist ein Widerspruch in deiner Position.
    Nun, wenn du lediglich die These vertreten würdest, dass die Konjunktion "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." selbstwidersprüchlich ist, würde dir das in der Auseinandersetzung mit F-Realisten nicht viel nützen. Unsere Diskussion über die semantische Bedeutung von "erschaffen" ist ja von der Frage ausgegangen, wo denn der Denkfehler bei dem F-Realisten liegt. Und da hast du folgende Position formuliert:
    Consul hat geschrieben :
    So 17. Mai 2026, 22:45
    Wir können uns natürlich auch existierende, reale Dinge vorstellen; aber was ich als ontologischen Denkfehler bezeichnet habe, ist die Annahme, dass die Erschaffung fiktionaler Kunstwerke mit der Erschaffung fiktiver Entitäten einhergeht.
    Der F-Realist wird dir zurecht erwidern, dass die von dir als selbstwidersprüchlich bezeichnete Konjunktion "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." dir nicht dabei hilft seine Position zu widerlegen. Er wird nämlich sagen: "X hat Y erschaffen und deswegen existiert Y". Er wird also sagen, dass die Erschaffung fiktionaler Kunstwerke mit der Erschaffung fiktiver Entitäten einhergeht.

    Wenn du den von mir aufgezeigten Widerspruch also vermeiden möchtest, bleibt dir nur übrig die Konjunktion "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." zu kritisieren. Damit gewinnst du aber kein Argument gegen den F-Realisten. Deswegen ist der Widerspruch in deiner Position so problematisch.
  2. Gleichsetzung von Schaffen und Erschaffen:
    Consul hat geschrieben :
    Dynamis hat geschrieben :
    So 21. Jun 2026, 10:33
    Ich habe dir übrigens auch nicht vorgeworfen, dass du die Behauptung aufgestellt hast, dass "schaffen und "erschaffen" immer bedeutungsgleich sind. Deswegen folgt aus deinem Hinweis kein Einwand gegen meine Argumentation. Ich habe dir eine Gleichsetzung vorgeworfen und dieser Vorwurf ist begründet, denn die Gleichsetzung lässt sich bei dir auch nachweisen. Aber das ist ein anderer Punkt.
    Du meinst doch eine semantische Gleichsetzung, die zu einer Bedeutungsgleichheit führt, oder nicht?
    Ich meine genau diejenige Gleichsetzung, die sich bei dir nachweisen lässt (rote Markierung habe ich zu deiner Kenntnisnahme hinzugefügt):
    Consul hat geschrieben :
    Sa 20. Jun 2026, 03:40
    Nein, das hast du falsch verstanden (woran ich wohl nicht ganz unschuldig bin); denn mein obiges Definiens ist nicht als Ganzes ein Grimm-Zitat, und der in Anführungszeichen stehende Teil ist ein Grimm-Zitat aus dem Eintrag zum Verb "schaffen": Schaffen (= Erschaffen) als "etwas ins dasein treten machen, hervorbringen, was vorher nicht da war".
    Da verwendest du das Gleichheitszeichen und deswegen ist es eine Gleichsetzung. Diese Gleichsetzung habe ich bereits hier kritisiert:
    Dynamis hat geschrieben :
    Di 9. Jun 2026, 13:16
    Consul hat geschrieben : "schaffen = …Bedeutung und gebrauch. I. starkes verbum: etwas ins dasein treten machen, hervorbringen, was vorher nicht da war." (GRIMM)

    Mit dieser Bedeutung ist "schaffen" ein Synonym von "erschaffen"!
    Das Wort "schaffen" hat viele weitere Bedeutungen, z.B. wird an der zitierten Stelle auch erwähnt "mit eines andern weyb zu schaffen haben". Wo tatsächlich das Wort "schaffen" im Sinne von "erschaffen" verwendet wird, wird auch in diesem Wörterbucheintrag ausgiebig der religiöse Kontext zitiert. Außerdem wird das Wort "schaffen" auch so verwendet, dass es deiner Lesart widerspricht:
    DWDS hat geschrieben : in der poesie, vgl. die glosse conditor (carminum) scaffo Steinmeyer - Sievers 1, 59, 29: die gestalten, die ich meine, sind nämlich jene selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem haupte Kronions, vollendet und gerüstet hervortreten. H. Heine 2, 357;
    In diesem Heine-Zitat geht es um die "selbständigen geschöpfe, die aus dem schaffenden dichtergeiste" hervorgehen. Das passt hervorragend zu dem, was Jörn gerade gesagt hat:
    Jörn P Budesheim hat geschrieben :
    Di 9. Jun 2026, 09:41
    Wenn sie über ihr Schreiben reden, wird deutlich, wie sehr die Figuren in den Romanen ein Eigenleben entwickeln, dass die Geschichte dieses oder jenes verlangt und anderes mehr.
  3. Selektive Lesart: Diese zeigt sich an folgenden Punkten, wo du einfach die Inhalte des Wörterbucheintrags abwertest:
    Consul hat geschrieben : Nein, fragwürdig ist eher die Auswahl jenes Heine-Zitats durch die Wörterbuchautoren.
    Consul hat geschrieben : Wenn der betreffende Beispielsatz den falschen Eindruck eines allgemeinen Bedeutungsgegensatzes erweckt, dann ist er schlecht gewählt.
    Da zeigt sich also ein Widerspruch in deiner Methode: Auf der einen Seite berufst du dich auf die Wörterbucheinträge, um deine Position zu belegen. Auf der anderen Seite wertest du aber selbst das, was im Wörterbuch steht, als "fragwürdig" und "schlecht gewählt" ab.
Nachtrag zum letzten Punkt: Ich möchte klarstellen, was ich dir nicht vorwerfe. Ich werfe dir nicht vor, dass du eine selektive Auswahl triffst. Jörn hat schon darauf hingewiesen, dass es eine philosophische Begriffsarbeit gibt. Diese philosophische Begriffsarbeit besteht eben nicht darin, dass man einfach die Bedeutung von Wörtern an Wörterbucheinträgen abliest.

Was kritisiere ich dann? Die fehlerhafte Methode, die darin besteht, dass du etwas "per definitionem" für gegeben hältst und dazu Wörterbucheinträge anführst. Wie gerade gezeigt, verwickelst du dich mit dieser Methode in einen Widerspruch.

Nun versuche ich noch die philosophische Begriffsarbeit in die Wege zu leiten. Das Heine-Zitat, welches du für "fragwürdig" hältst, verweist auf einen Punkt, über den hier schon nachgedacht wurde: Dass die erschaffenen Figuren - ob seiend oder nicht - durchaus ein Eigenleben haben. Es spräche also nichts dagegen, dass der philosophische Begriff genutzt wird, um über diesen Sachverhalt nachzudenken. Jedenfalls wird in der Kunst darüber reflektiert. Gestern bin ich auf das Theaterstück "Sechs Personen suchen einen Autor" von Luigi Pirandello gestoßen, wo genau über diesen Sachverhalt reflektiert wird. Dort heißt es:
Luigi Pirandello hat geschrieben : Direktor (rasch, als Wortführer seiner Schauspieler, deren Empörung immer mehr zunimmt): Aber ich bitte Sie, zu glauben, werter Herr, daß der Beruf des Schauspielers ein sehr edler Beruf ist. Wenn uns auch heutzutage die modernen Herren Komödienschreiber lauter dummes Zeug vorschreiben und Drahtpuppen an Stelle von Menschen darzustellen geben, so ist es doch unser Ruhm, – hier auf diesen Brettern – unsterbliche Werke wieder lebendig gemacht zu haben. (Die Schauspieler sind befriedigt und applaudieren ihrem Direktor.)

Vater (ihn ungestüm unterbrechend): Ja eben! ... Lebendig gemacht zu haben! Ausgezeichnet! Lebendiger als die, die alle Tage herumlaufen! Weniger wirklich, vielleicht; aber dafür um so wahrer! Unsere Ansichten decken sich ja völlig! (Pirandello, Sechs Personen suchen einen Autor, übersetzt von Hans Feist, https://projekt-gutenberg.org/authors/l ... chapter/4/)




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Mo 22. Jun 2026, 21:20

@Jörn:
Aus meiner Sicht gibt es zumindest konkrete, materielle iPhone-Exemplare (-Token), und Apple hat das erste davon erschaffen (gebaut). Davor wurden konkrete, materielle iPhone-Pläne und -zeichnungen erschaffen, und davor gab es konkrete iPhone-Bilder und -vorstellungen in den Geisten/Gehirnen der iPhone-Entwickler.

Gibt es auch so etwas wie das iPhone; und wenn ja, worauf bezieht sich die bestimmte Nominalphrase "das iPhone"? Auf eine Art oder einen Typ von Smartphone? Falls ja, was genau sind Arten und Typen in ontologischer Hinsicht, und gibt es sie überhaupt? Das ist ein Thema für einen anderen Strang…



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Di 23. Jun 2026, 00:07

Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Gucken wir uns den Widerspruch in deiner Position an: …
Man kann natürlich versuchen pragmatische Aspekte zu berücksichtigen und performative Widersprüche nachzuweisen. Damit hat das Meinen des Sprechers jedoch nichts zu tun. …

Ich bin nun nicht dogmatisch auf meine Position fixiert. Wenn du bei dem Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" einen performativen Widerspruch nachweisen kannst, ändere ich meine Ansicht. Aber bisher hast du das nicht getan. Deswegen bleibt es dabei: Mit deiner Position entsteht ein Widerspruch. Der Widerspruch entsteht dadurch, dass deine Position folgende merkwürdige Implikation hat: Wenn man das Meinen des Sprechers (von dem wir annehmen, dass er eine F-Antirealismus-Position vertritt) kennt, ist die Äußerung Unsinn, und wenn man das Meinen des Sprechers nicht kennt und ihm fälschlicherweise unterstellt, dass er eine F-Realismus-Position vertritt, ist die Äußerung verständlich und kein Unsinn. Also ist ein und dieselbe Äußerung mal Unsinn, mal kein Unsinn.
Ja, aber es entsteht eben dadurch kein Widerspruch, dass unterschiedliche pragmatische Umstände darüber entscheiden, ob es sich um eine unsinnige Äußerung handelt oder nicht. Jene entscheiden wohlgemerkt nicht darüber, ob der Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" an und für sich semantisch sinnig oder stimmig ist—was der Fall ist—, sondern lediglich darüber, ob eine sprecherrelative Äußerung dieses Satzes im pragmatischen Zusammenhang sinnig oder stimmig ist.

Ein Satz der Form "A ist B & A ist nicht B" ist widersprüchlich, aber ein Satz der Form "A ist B relativ zu C & A ist nicht B relativ zu D" nicht.

Wenn man zwischen (sich aus Wortbedeutungen ergebenden) Satzbedeutungen bzw. Satzimplikationen und Sprechermeinungen bzw. Sprecherimplikationen unterscheidet, kann man die Sache klarstellen:

Der Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" impliziert aufgrund der (normalsprachlichen) Wortbedeutung von "erschaffen", dass Pumuckl existiert. Das ist eine objektive Satzimplikation.
Wenn jemand den Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" äußert, dann und nur dann redet er (normalsprachlichen) Unsinn/Widersinn, wenn seine subjektive Sprecherimplikation der objektiven Satzimplikation widerspricht, d.h. wenn er meint, dass Pumuckl (trotz seiner Erschaffung durch Kaut) nicht existiert.
(Es kommt hier übrigens nur auf die Sprechermeinung des anderen an und nicht auf meine Kenntnis derselben.)
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Warum ist dieser Widerspruch überhaupt relevant? Man könnte ja auch der Ansicht sein, dass dieser Widerspruch überhaupt kein Problem für deine Position sei. Du könntest stattdessen auch die These vertreten, dass folgende Konjunktion widersprüchlich sei: "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht."
Hm…das tue ich ja.
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Wo du argumentierst, dass die Konjunktion "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." selbstwidersprüchlich ist, da ist kein Widerspruch (dafür kritisiere ich die fehlerhafte Methode, mit der du den "normalsprachlichen Sinn" von "erschaffen" herleitest).
Ich warte immer noch auf lexikographische Belege für deine Behauptung, dass "seiend machen" ("entifizieren") in unserer Normalsprache (Ordinary Language) kein wesentlicher semantischer Bestandteil von "erschaffen" ("kreieren") [sowie von "erzeugen" ("produzieren")] ist!
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Nun, wenn du lediglich die These vertreten würdest, dass die Konjunktion "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." selbstwidersprüchlich ist, würde dir das in der Auseinandersetzung mit F-Realisten nicht viel nützen.
Natürlich nicht; denn meine langen linguistischen Ausführungen zum Verb "erschaffen" richten sich ausschließlich gegen F-Antirealisten, die fiktive Objekte für er-/geschaffene Nonentitäten halten.

Die Sache zwischen F-Realisten und F-Antirealisten wird allerdings höchst verwirrend und irreführend, wenn Anhänger des fiktionalen Meinongismus sagen, es gebe fiktive Artefakte, die nicht existieren—die zwar ein Sosein, aber kein Dasein haben; denn das wirft die Frage auf, was sie mit "es gibt" und "existieren" überhaupt meinen. Dasselbe können sie jedenfalls nicht meinen, ohne sich zu widersprechen.
Anyway, ich halte es für völlig widersinnig, etwas/jemandem ein Sosein zuzusprechen und ihm zugleich das Dasein abzusprechen.
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Unsere Diskussion über die semantische Bedeutung von "erschaffen" ist ja von der Frage ausgegangen, wo denn der Denkfehler bei dem F-Realisten liegt.
Aus meiner Sicht liegt der Denkfehler der F-Realisten darin, dass der Satz "Pumuckl ist ein von Ellis Kaut erschaffenes seiendes Wesen" zwar in sich sinnig und stimmig, aber schlichtweg falsch ist, weil Pumuckl gar kein seiendes Wesen ist—also weder ein erschaffenes noch ein unerschaffenes.
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Der F-Realist wird dir zurecht erwidern, dass die von dir als selbstwidersprüchlich bezeichnete Konjunktion "X hat Y erschaffen, aber Y existiert nicht." dir nicht dabei hilft seine Position zu widerlegen. Er wird nämlich sagen: "X hat Y erschaffen und deswegen existiert Y". Er wird also sagen, dass die Erschaffung fiktionaler Kunstwerke mit der Erschaffung fiktiver Entitäten einhergeht.
Ja, freilich. Der realistische Glaube an existente fiktive Artefakte wird von meiner semantischen Argumentation gegen nichtexistente fiktive Artefakte nicht falsifiziert.
(Mit "fiktive Artefakte" meine ich nicht fiktionale Artefakte = fiktionale Repräsentationen wie literarische Texte als Kunstwerke, sondern davon repräsentierte kreierte fiktive Objekte.)
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
…Da verwendest du das Gleichheitszeichen und deswegen ist es eine Gleichsetzung.
Ja, wenn "schaffen" und "erschaffen" beide im Sinn von "etwas ins Dasein treten machen, hervorbringen, was vorher nicht da war" gebraucht werden, dann sind sie bedeutungsgleich, was durch "=" im Sinn von Synonymität ausgedrückt wird.
Das heißt, es gibt eine Bedeutung von "schaffen", die es und "erschaffen" zu Synonymen macht—was nicht heißen soll, dass "erschaffen" ("creare") die einzige Bedeutung von "schaffen" ist.
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Diese Gleichsetzung habe ich bereits hier kritisiert: …
Das Wort "schaffen" hat viele weitere Bedeutungen, z.B. wird an der zitierten Stelle auch erwähnt "mit eines andern weyb zu schaffen haben".
Ja, das habe ich nie bestritten; aber ein geschaffenes Wesen ist ein erschaffenes Wesen.
Dynamis hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2026, 15:20
Nachtrag zum letzten Punkt: Ich möchte klarstellen, was ich dir nicht vorwerfe. Ich werfe dir nicht vor, dass du eine selektive Auswahl triffst. Jörn hat schon darauf hingewiesen, dass es eine philosophische Begriffsarbeit gibt. Diese philosophische Begriffsarbeit besteht eben nicht darin, dass man einfach die Bedeutung von Wörtern an Wörterbucheinträgen abliest.

Was kritisiere ich dann? Die fehlerhafte Methode, die darin besteht, dass du etwas "per definitionem" für gegeben hältst und dazu Wörterbucheinträge anführst. Wie gerade gezeigt, verwickelst du dich mit dieser Methode in einen Widerspruch.
In der Gesamtschau bestätigen alle (älteren und neueren) Wörterbücher meine Behauptung, dass eine Erschaffung von etwas dessen Seiendmachung oder Verwirklichung beinhaltet. Man kann dies also mit Recht eine semantische Tatsache (der Normalsprache) nennen.

Nun mag einer unbeeindruckt erwidern: "Was kümmert mich die normalsprachliche Semantik!" – Tja, der allgemein-öffentliche Sprachgebrauch sollte einem nicht egal sein, wenn es einem nicht egal ist, ob man von anderen verstanden wird oder nicht.

Wie gesagt, ich bin nicht der Meinung, dass philosophisches Theoretisieren durch linguistisches Analysieren der (Normal-)Sprache ersetzt werden soll; aber zugleich bin ich der Ansicht, dass die "philosophische Begriffsarbeit" die normalsprachliche Semantik in Betracht ziehen soll. Es ist sogar sehr empfehlenswert und nützlich, eine philosophische Begriffsanalyse mit einem Wörterbuchstudium zu beginnen.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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