Dynamis hat geschrieben : ↑ Fr 19. Jun 2026, 11:19
Wenn der Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" von einem F-Antirealisten ausgesprochen tatsächlich widersinnig wäre, müsstest du einen ähnlichen Widerspruch nachweisen wie in dem Satz "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet." Aus deiner eigenen Logik folgt aber nur, dass die Konjunktion "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen & Pumuckl existiert nicht" widersinnig ist. Ein F-Antirealist könnte aber den Satz "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" auch äußern ohne sich als F-Antirealist zu outen. Das ist dann vergleichbar damit, dass jemand nicht glaubt, dass es regnet, aber trotzdem sagt "Es regnet." (und eben
nicht: "Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet.") Das ist dann unaufrichtig, aber nicht widersinnig. Du hast also noch nicht gezeigt, wo da ein Widerspruch entsteht, durch den die Widersinnigkeit nachgewiesen wird. Aus dem, was du sagst, folgt nur die Unaufrichtigkeit des F-Antirealisten, der sagt "Ellis Kaut hat Pumuckl erschaffen" (und eben nicht die Widersinnigkeit des Satzes).
"A hat B erschaffen" impliziert
"B (hat) existiert", sodass die Bejahung des ersten Satzes in Verbindung mit der Verneinung des zweiten ein klarer Fall eines impliziten Widerspruchs ist, welcher explizit so aussieht:
"A hat B erschaffen, B (hat) existiert und B existiert nicht (hat nicht existiert)."
Dynamis hat geschrieben : ↑ Fr 19. Jun 2026, 11:19
Consul hat geschrieben : ↑ Do 18. Jun 2026, 23:05
Ja, aber das Verb
"erschaffen" ("creare") gehört nicht zu jenen semantisch primitiven Wörtern, die sich einer Definition entziehen:
"etwas erschaffen" =def
"etwas (zuvor noch nicht Dagewesenes) hervorbringen, entstehen lassen und damit seiend machen, 'ins dasein treten machen' (Grimm)".
Nur steht das weder im Grimm'schen Wörterbucheintrag von "erschaffen" noch von "Erschaffung". Das hast du falsch zitiert.
Nein, das hast du falsch verstanden (woran ich wohl nicht ganz unschuldig bin); denn mein obiges Definiens ist nicht
als Ganzes ein Grimm-Zitat, und der in Anführungszeichen stehende Teil ist ein Grimm-Zitat aus dem Eintrag zum Verb
"schaffen": Schaffen (= Erschaffen) als
"etwas ins dasein treten machen, hervorbringen, was vorher nicht da war".
Dynamis hat geschrieben : ↑ Fr 19. Jun 2026, 11:19
Gucken wir uns mal an, was im Wörterbucheintrag zu "Erschaffung" steht:
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm hat geschrieben : creatio, fabricatio: die erschaffung des menschen, der thiere, wogegen uns schöpfung mehr den umfang der geschaffenen dinge, die welt ausdrückt; die recht seel, so der mensch in erschaffung entpfangen hat. Frank weltb. 146ᵃ; die wallfisch sind an der innerlichen und euszerlichen gestalt oder erschaffung (formation) ungleich. (
https://www.dwds.de/wb/dwb/erschaffung)
iIm Wörterbuch wird in geradezu pingeliger Manier darauf bestanden, dass nur die menschlichen und nicht-menschlichen Tiere das Resultat einer Erschaffung seien.
Nein, das sind bloß Beispiele, die den Verwendungsbereich von "Erschaffung" keineswegs auf Menschen und Tiere einschränken.
"Gott hat die Sonne erschaffen.
Gott hat die Sterne erschaffen.
Gott hat den Mond erschaffen.
Gott hat die Berge erschaffen.
Gott hat Erde und Himmel erschaffen.
Gott hat die Welt erschaffen."
(Scherr, Ignaz Thomas. Elementar-Sprachbildungslehre. Zweite Abtheilung: Lesebuch für den Schüler. Zürich: Orell, Füßli & Co., 1831. S. III)
Dynamis hat geschrieben : ↑ Fr 19. Jun 2026, 11:19
Nun beruht deine Vorgehensweise aber auf einer fehlerhaften Methodik, weil Sprache nun einmal nicht wie Mathematik funktioniert. Es spricht also nichts dagegen, dass man den Ausdruck "Erschaffung", der zunächst einmal für den Herrgott reserviert gewesen sein mag, in metaphorischer Weise auch auf den Künstler überträgt. Der Künstler erschafft dann eben auch Menschen und Tiere wie der Herrgott, nur eben auf andere Weise. Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich an den Ausdruck und dann wird aus der Metapher eine sogenannte "verblasste Metapher" (der Ausdruck "verblasste Metapher" ist übrigens auch eine interessante Metapher), sie wird nicht mehr als Metapher wahrgenommen. Man bezeichnet das in der Sprachwissenschaft auch als
Katachrese. Beispiele für eine Katachrese sind etwa Computer-Maus oder Fluss-Bett. Natürlich ist eine Computermaus keine echte Maus, ein Flussbett kein echtes Bett, aber die sprachlichen Ausdrücke funktionieren und jeder versteht, was damit gemeint ist.
Der Witz bei einer solchen Bedeutungsverschiebung ist nun, dass sie ohne die ontologischen Implikationen funktioniert, die du da hinein liest. Eine Computermaus ist nützlich, obwohl sie keine echte Maus ist. Und die Erschaffung einer Romanfigur macht dem Autor Freude, auch wenn sie keine echte Seiendmachung ist.
Ein für alle Mal: Eine Erschaffung hat (im wörtlichen Sinn) schon immer eine Seiend- oder Wirklichmachung bedeutet –
gleichgültig, wer was wie erschafft.
Du bringst nun eine angebliche oder mögliche
metaphorische Bedeutung ins Spiel; doch der Gebrauch von "erschaffen" wird keineswegs metaphorisch, sobald nicht mehr von Gott als Erschaffer die Rede ist.
Wenn man "creare" = "erschaffen" ("erzeugen")
ohne ontologische Implikation gebrauchen will, dann kann man es nur als Synonym der ontologisch neutralen Verben "erdichten", "erdenken", "ausdenken" verwenden. Eine
excogitatio von etwas besteht zwar nicht (notwendigerweise) in dessen
creatio; aber
excogitatio ist keine der üblichen Bedeutungen von
creatio, sodass man sich der ontologischen
Nichtneutralität von "erschaffen" nicht einfach so entledigen kann. Denn wer etwas erschafft, der denkt es sich nicht bloß aus, stellt es sich nicht bloß vor, sondern
verwirklicht es.
Wenn F-Antirealisten, die nicht an fiktive
Entitäten glauben, von
kreierten fiktiven
Nonentitäten sprechen, dann ergibt das schlicht und ergreifend keinen (wörtlichen) Sinn; und wenn sie dagegen einwenden, dass sie "kreieren" lediglich im ontologisch neutralen Sinn von "exkogitieren" gebrauchen, dann werde ich erwidern, dass diese Bedeutung nicht allgemeingebräuchlich und irreführend ist – insbesondere in der philosophischen Debatte zwischen F-Realisten und F-Antirealisten.
"erschaffen (s. schaffen): was nicht vorhanden war hervorbringen, sinnv. schaffen"
(Heyse, Johann Christian August, & Karl Wilhelm Ludwig Heyse. Handwörterbuch der deutschen Sprache. Erster Theil: A–K. Magdeburg: W. Heinrichshofen, 1833. S. 379)
"schaffen: s. erschaffen u. schöpfen…hervorbringen, was vorher nicht da war, ins Dasein rufen, erschaffen (Gott schuf die Welt, hat die Welt geschaffen; die schaffende Kraft Gottes); auch von Werken des menschlichen Geistes, bes. Kunstwerken, Dichtungen etc. (der Maler, der Dichter schuf diese Gestalten; der schaffende Geist des Künstlers)"
(Heyse, Johann Christian August, & Karl Wilhelm Ludwig Heyse. Handwörterbuch der deutschen Sprache. Zweiter Theil, Erste Abtheilung: L–Steg. Magdeburg: W. Heinrichshofen, 1849. S. 618)
Anmerkung: Die lexikographische Beweislage ist eindeutig. Wenn "diese Gestalten" nicht existieren,
kein Dasein haben, dann hat sie der Dichter oder Künstler auch nicht
geschaffen; denn eine Gestalt zu
(er)schaffen bedeutet ja—siehe oben!—, sie
"ins Dasein zu rufen".
In der philosophischen, ontologisch ernsthaften Diskussion über fiktive Gestalten muss klar und deutlich zwischen deren
Erschaffung als
Verwirklichung und deren bloßer
Erdenkung/Erdichtung unterschieden werden, welche nicht notwendigerweise mit der Verwirklichung des
Erdachten/Erdichteten einhergeht.
In einem Buch des australischen Philosophen & Logikers Graham Priest habe ich zu meinem großen Erstaunen ein Kapitel mit dem Titel
"Creating Non-Existents" gefunden:
"Das Erschaffen von Nichtexistentem
…
Viele Menschen sind der Meinung, dass nichtexistente Objekte in gewisser Weise von existenten Objekten abhängen. Ohne Leo Tolstoi gäbe es keine Anna Karenina; ohne Arthur Conan Doyle gäbe es keinen Holmes. Das Nichtexistente hängt vom Existenten ab [supervenes on the existent], insbesondere von den erzählerischen Aktivitäten kognitiver Akteure (wobei „Erzählen“ in einem entsprechend allgemeinen Sinne verstanden wird).
Nun gibt es einen recht trivialen Sinn, in dem das Nichtexistente vom Existenten abhängt. Sherlock Holmes wohnt nicht in der Baker Street und hat dort auch nie gewohnt. (Niemand, der in der Baker Street campiert hätte, hätte ihn jemals entdeckt.) Dennoch wohnte Holmes in den Geschichten von Doyle in der Baker Street. Das ist eine Eigenschaft von Holmes. Und diese Eigenschaft hängt tatsächlich von Doyles Handlungen ab. Hätte Doyle seine Geschichten nicht geschrieben, hätte Holmes in ihnen nicht die Eigenschaft gehabt, in der Baker Street zu wohnen.
Manche sind jedoch der Ansicht, dass die Abhängigkeit des Nichtexistenten vom Existenten tiefer geht. Es ist nicht nur so, dass Doyle für die entsprechenden Eigenschaften von Holmes verantwortlich ist; in gewissem Sinne hat Doyle Holmes erschaffen [created]. Was man in Bezug auf die Erschaffung natürlich nicht sagen kann, ist, dass Doyle Holmes ins Dasein gebracht hat. Rein fiktive Objekte und dergleichen existieren überhaupt nicht. Umso weniger können sie ins Dasein gebracht worden sein. Eine naheliegende Möglichkeit, diesen Gedanken zu konkretisieren, besteht darin, anzunehmen, dass die Quantifikationsbereiche variieren, wobei jeder die Objekte enthält, die dort existieren, sowie jene (und nur jene), die durch die erzählerischen Handlungen der existierenden Objekte erzeugt werden. Somit sind die nichtexistenten Objekte, die es gibt, von den Handlungen der existenten Objekte abhängig. Hätte Doyle beispielsweise seine Geschichten nicht geschrieben, wäre nichts Holmes gewesen.
Hier handelt es sich eindeutig um eine Form des Antirealismus in Bezug auf nichtexistente Objekte. Ihre Verfügbarkeit hängt in gewisser Weise von den kognitiven Zuständen existierender Objekte ab.
…
Ich muss gestehen, dass mich diese „kreationistischen“ Überlegungen persönlich nicht sonderlich bewegen. Es erscheint mir ganz natürlich, die Rede von Erschaffung [creation] als eine Art Metapher zu verstehen. (Deutsch (1991) argumentiert beispielsweise, dass ihr tatsächlicher Wert darin besteht, dass der Autor eine gewisse autoritative Festlegung trifft, wonach die „geschaffene“ Figur bestimmte Eigenschaften besitzt – zumindest in der Geschichte.)" [übersetzt von DeepL & Consul]
(Priest, Graham. Towards Non-Being: The Logic and Metaphysics of Intentionality. 2nd ed. Oxford: Oxford University Press, 2016. pp. 263-4)
Anmerkungen:
1. Zwischen Nichtseiendem und Seiendem können keinerlei Abhängigkeitsverhältnisse bestehen:
Was nicht (da) ist, ist von nichts abhängig.
2. Erschaffung/Kreation als angebliche Metapher –
aber wofür?!
Wenn man schreibt, dass Ellis Kaut Pumuckl nicht wörtlich
erschaffen, sondern nur
"erschaffen" habe,
was genau soll das bedeuten?!
Wenn es z.B. bedeutet, dass Pumuckl von Kaut
ausgedacht/erdacht wurde, dann sollte man besser diese Verben verwenden, die im Gegensatz zu "erschaffen" nicht existenzimplizierend sind. Von einer willkürlichen "Bedeutungsverschiebung", die zu einer semantischen Entkopplung von "erschaffen" und "seiend machen" führt, rate ich dringend ab!
Terence Parsons ist einer, der meint, dass eine Erschaffung von Fikta nicht deren Seiendmachung bedeutet:
"Was die Conan-Doyle-Reihe betrifft, so ist Sherlock Holmes ein Beispiel für ein Objekt, das aus der Geschichte selbst stammt, während die Stadt London ein Beispiel für einen ‚Zuwanderer‘ in die Geschichte darstellt. Der Unterschied besteht grob gesagt darin, ob die Geschichte das betreffende Objekt vollständig ‚erschafft‘ oder ob es sich um ein bereits bekanntes Objekt handelt, das in die Geschichte importiert wurde. Das Wort „erschaffen“ [create] ist hier in dem Sinne gemeint, in dem man üblicherweise sagt, dass ein Autor eine Figur erschafft. Es bedeutet nicht „ins Dasein bringen“ [bring into existence], denn solche Objekte existieren in der Regel nicht. Vielleicht ist „erschaffen“ ein unpassendes Wort, aber es wird üblicherweise in dem von mir beabsichtigten Sinne verwendet." [übersetzt von DeepL]
(Parsons, Terence. Nonexistent Objects. New Haven: Yale University Press, 1980. p. 51)
"Im allgemeinen Sprachgebrauch [in a popular sense] erschafft ein Autor Figuren, doch auch dies lässt sich nur schwer analysieren. Es bedeutet beispielsweise nicht, dass der Autor diese Figuren ins Dasein bringt, denn sie existieren ja gar nicht." [übersetzt von DeepL]
(Parsons, Terence. Nonexistent Objects. New Haven: Yale University Press, 1980. p. 188)
Anmerkung: Parsons' Behauptung läuft der allgemeinen, "volkstümlichen" Bedeutung von "erschaffen" zuwider, da diese ja "seiend machen" beinhaltet.
Hier ist ein Kommentar zu Parsons von Kit Fine:
"Philosophen haben sich in der Regel mit der gängigen Sichtweise auf diese Frage schwergetan, und Parsons bildet da keine Ausnahme. Wenn er davon spricht, dass ein Autor Figuren erschafft, setzt er das Wort in Anführungszeichen (S. 51) und verweist auf einen „popular sense“ (S. 188). Er legt nahe, dass wir, wenn wir gewöhnlich sagen, ein Autor erschaffe ein Objekt, damit meinen, dass er es fiktional macht.
Aber das reicht nicht aus; einem Objekt eine Eigenschaft zuzuschreiben, das bereits vorhanden ist – ganz gleich, wie ehrenvoll diese Eigenschaft auch sein mag –, bedeutet nicht, das Objekt zu erschaffen. Erschaffen bedeutet, etwas ins Dasein zu bringen. Philosophen wie Parsons müssen erklären, warum wir bei unseren alltäglichen Urteilen über die Erschaffung fiktiver Objekte bereit sind, Falsches zu bejahen oder das Wort „erschaffen“ in einem besonderen Sinne zu verwenden. Ich selbst bezweifle, dass eine adäquate Erklärung in Sicht ist, und würde es vorziehen, wenn unsere alltäglichen Urteile als zu erklärende Daten für unsere Theorie herangezogen würden." [übersetzt von DeepL]
(Fine, Kit. "Critical Review of Parsons' Non-Existent Objects." Philosophical Studies 45/1 (1984): 95–142. p. 132)