Prozess-Ontologie

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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C3PO
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Do 28. Mai 2026, 11:54

Von Bauklötzen und Wirbelstürmen: Wie die Welt wirklich passiert

1. Die große Frage: Ist die Welt ein Haufen Zeug oder eine Geschichte?

Hast du dich jemals gefragt, woraus du eigentlich bestehst? Wenn wir die Augen schließen, stellen wir uns die Welt oft wie einen riesigen, kosmischen Dachboden vor: Da liegen Steine, Bäume, Planeten und Menschen herum – alles feste „Dinge“, die entweder stillstehen oder sich bewegen. In der Philosophie nennt man diese Sichtweise Substanz-Metaphysik. Aber ich möchte dich herausfordern: Was, wenn diese Idee von einer Welt aus festen „Bausteinen“ ein gewaltiger Irrtum ist?

Wie wir die Welt betrachten – ob als Sammlung von Objekten oder als fließendes Geschehen –, entscheidet darüber, wie wir unseren eigenen Platz im Universum verstehen. Wenn du dich selbst nur als einen „Haufen Atome“ siehst, verpasst du das Wesentliche. Du bist kein fertiges Objekt; du bist ein Ereignis. Die moderne Wissenschaft zeigt uns, dass die Wirklichkeit viel eher einem tobenden Wirbelsturm gleicht als einem unbeweglichen Stein.

Dinge vs. Geschehnisse

* Ein Stein (Ding): Er „ist“ einfach da. Er benötigt keine Anstrengung und keine Energie, um ein Stein zu bleiben. Wenn du ihn in eine Kiste legst, ist er in tausend Jahren noch derselbe Stein.
* Ein Gewitter (Geschehnis): Es existiert nur, solange Energie fließt – feuchte Luft muss aufsteigen, Spannungen müssen sich entladen. Es ist ein ständiger Prozess. Wenn der Fluss aufhört, verschwindet das Gewitter.

Das alte Denken in „festen Klötzen“ reicht heute nicht mehr aus, um die Welt zu erklären. Um zu verstehen, wie Leben, Bewusstsein oder sogar die Quantenphysik funktionieren, müssen wir lernen, in Prozessen zu denken.


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2. Der Fehler der „LEGO-Welt“: Warum Atome nicht alles sind

Schon vor über 2.000 Jahren glaubte Demokrit, die Welt bestünde aus winzigen, unveränderlichen Teilchen – den Atomen. Diese Idee ist so intuitiv wie ein LEGO-Baukasten: Man hat feste Steine, die man neu sortieren kann, aber die Steine selbst bleiben immer gleich. Mark Bickhard nennt das die Substanz-Annahme.

Doch hier lauert eine logische Falle. Wenn die Welt wirklich nur aus solchen „unveränderlichen LEGO-Steinen“ bestünde, dann könnte niemals etwas wirklich Neues entstehen. Alles, was wir als „neu“ empfinden – wie das Aufblühen einer Rose oder dein erstes Gefühl von Verliebtheit –, wäre in dieser Sichtweise nur eine optische Täuschung. Es wäre bloß ein Umrühren des ewig gleichen Stoffes. In der Fachsprache sagen wir: Echte Emergenz (das Auftauchen neuer Qualitäten) wird blockiert. Wenn du nur LEGO-Steine hast, hast du am Ende immer nur LEGO, egal wie komplex du sie stapelst. Das Leben wäre dann nur ein Nebenprodukt, ein bedeutungsloser Schatten der Materie.

„In einer Welt aus starren Dingen kann nichts wirklich Neues passieren – nur Altes wird neu sortiert.“

Die moderne Physik, speziell die Quantenfeldtheorie, zwingt uns, dieses Bild der harten Kügelchen aufzugeben. Es gibt keine „festen Teilchen“. Was wir so nennen, ist in Wahrheit ein Tanz von Energie, eine Schwingung in einem Feld. Wir müssen die LEGO-Steine wegwerfen, um die Dynamik des Universums zu begreifen.


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3. Die Wirklichkeit als Flamme: Was es heißt, ein „Prozess“ zu sein

Wenn die Welt kein Haufen von Dingen ist, was ist sie dann? Sie ist ein Geflecht aus Prozessen. Der Philosoph John Dupré erklärt, dass wir Organismen nicht als feste Objekte verstehen dürfen, sondern als Entwicklungsprozesse. Denk mal nach: Dein Körper tauscht ständig Atome aus. Du bist materiell gesehen heute kaum noch die Person, die du vor sieben Jahren warst. Was also bleibt stabil? Nicht der „Stoff“, sondern die Form des Geschehens.

Ein Stein ist stabil, weil er passiv in einem „Energietal“ liegt (man nennt das energy-well stability). Er ist stabil durch Trägheit. Ein Lebewesen aber ist ein fern-vom-Gleichgewicht-Prozess. Hier ist Stabilität kein Zustand, sondern eine Leistung.

Eine Flamme sieht stabil aus, fast wie ein Objekt, das man anfassen könnte. Aber sie existiert nur, weil sie ständig arbeitet: Sie saugt Sauerstoff an, vergast Wachs und gibt Hitze ab.

* Stabilität durch Arbeit: Wir denken meist, Dinge bleiben gleich, weil sie stabil sind. In Wahrheit bleiben sie gleich, weil sie beschäftigt sind.
* Ständiger Wechsel: Jede Sekunde besteht die Flamme aus anderem Material als zuvor.
* Stabilität ist eine Leistung: Die Flamme muss aktiv ihren Zustand aufrechterhalten, sonst erlischt sie sofort.

Wirklichkeit bedeutet in dieser Sicht nicht „fest zu sein“, sondern sich ständig „selbst aufrechtzuerhalten“.


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4. Möglichkeit vs. Wirklichkeit: Der Raum des Handelns

Wenn die Welt ein offener Prozess ist, dann ist die Zukunft kein fertiger Filmstreifen, der einfach nur abgespult wird. Ich frage dich: Wenn die Zukunft schon feststünde wie eine DVD, warum solltest du dir dann überhaupt die Mühe machen, Entscheidungen zu treffen?

In einer Welt aus Prozessen ist die Zukunft offen. Mark Bickhard zeigt uns das am Beispiel eines Bakteriums. Ein Bakterium schwimmt nicht einfach nur mechanisch umher. Es ist ein „autonomer Prozess“ mit funktionalen Voraussetzungen. Es muss Möglichkeiten erkennen: „Schwimme ich zum Zucker (gut für mich) oder weg vom Gift (auch gut für mich)?“ Diese Möglichkeiten sind keine Einbildungen; sie sind reale „Einladungen zum Handeln“, die über Leben und Tod entscheiden.

Die drei Ebenen der Autonomie

1. Selbsterhaltung: Der Prozess tut das Nötigste, um nicht aufzuhören (wie die Kerzenflamme, die einfach brennt).
2. Interaktive Auswahl: Das System erkennt verschiedene Wege und wählt aktiv einen aus (wie das Bakterium, das seine Schwimmrichtung ändert).
3. Lernen und Evolution: Das System verändert seine eigenen Regeln, um in Zukunft besser auf Möglichkeiten reagieren zu können. Es „erfindet“ sich neu.

Wirklichkeit ist also die aktive Verwirklichung einer Möglichkeit, um im „Fluss des Lebens“ zu bleiben.


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5. Der Beziehungs-Realismus: Warum alles mit allem zusammenhängt

Oft denken wir: Erst kommen die Dinge (wie Billardkugeln) und dann stoßen sie zusammen (die Beziehung). Der Relationale Realismus (nach Epperson und Zafiris) dreht das Ganze radikal um: Die Beziehungen sind das Fundament.

Hier hilft uns der Unterschied zwischen Metrik und Topologie.

* Die Metrik (das LEGO-Denken) fragt: „Wie groß ist das Teil? Wie viel wiegt es? Aus wie viel Stoff besteht es?“
* Die Topologie fragt: „Wie ist es vernetzt? Wo liegt es im Geflecht der Beziehungen?“

Stell dir eine Landkarte vor. Die Metrik misst die Kilometer zwischen Städten. Die Topologie aber schaut auf die Linien des U-Bahn-Netzes. Ohne die Verbindungen ergibt die einzelne Station keinen Sinn. In der Quantenphysik ist es genauso: „Teilchen“ sind eigentlich nur Knotenpunkte in einem Netzwerk. Nicht die Objekte bilden die Geschichte, sondern die Geschichte der Ereignisse bringt die „Objekte“ erst hervor.

Altes Denken vs. Relationales Denken

Altes Denken (Metrik/Substanz) | Relationales Denken (Topologie/Prozess)
Objekte existieren zuerst. | Beziehungen existieren zuerst.
Die Welt ist ein Haufen Teile.| Die Welt ist ein verbundenes Netzwerk.
Veränderung ist eine Ausnahme. | Veränderung ist der Normalzustand.
Fokus auf: „Woraus besteht es?“ | Fokus auf: „Wie ist es verbunden?“

Du bist wer du bist, weil du liebst, handelst und in Beziehung stehst – nicht wegen der Kohlenstoffatome in deinen Knochen.


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6. Fazit: Warum das für dich wichtig ist (Der „So-Was?“-Faktor)

Diese Reise von den Bauklötzen zu den Wirbelstürmen verändert radikal, wie du dich selbst in der Welt siehst:

1. Du bist kein Ding: Du bist ein wunderbarer, hochkomplexer Prozess. Dass du heute „du“ bist, liegt nicht an unzerstörbaren Bausteinen, sondern an der täglichen Leistung deines Körpers und Geistes, diesen Prozess stabil zu halten. Stabilität ist kein Geschenk, sondern dein Verdienst.
2. Deine Möglichkeiten sind real: Die Zukunft ist nicht festgeschrieben. Weil du ein Prozess bist, sind die Wege, die vor dir liegen, ein echter Teil deiner Realität. Möglichkeiten sind Einladungen an deine Freiheit.
3. Du bist verwoben: Du existierst nicht isoliert. Du bist ein Knotenpunkt in einem riesigen Netzwerk aus Beziehungen zur Natur, zu anderen Menschen und zur Geschichte des Universums. Wenn du dich veränderst, verändert sich das ganze Netz.

Die Welt ist kein starrer Kasten voller Zeug – sie ist ein Tanz, und du bist nicht nur ein Zuschauer, sondern ein aktiver Teil der Choreografie.

Du bist nicht das Ergebnis von dem, was war, sondern die ständige Verwirklichung von dem, was sein kann.

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Wir mussten diesen Beitrag neu anlegen, weil sich der alte nicht mehr öffnen lies!



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Rudolf Pirnbacher
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Do 28. Mai 2026, 13:32

Ein wesentliches Plädoyer für unser Selbstverständnis! Jedes tief gehende Beschäftigen mit der Natur und insbesondere mit allem Lebendigen führt unweigerlich zu komplexen Systemen. Entsprechend sind es Philosophen, die sich umfangreich mit der Natur und allem Lebendigen auseinandersetzen. Waren es früher noch Allround Genies wie z.B. Aristoteles, Spinoza, Kant und Schelling, so waren es nach und nach Philosophen die interdisziplinär, meist mit einem bestimmten Fachbereich zusammengearbeitet haben z.B. Stochastik, Biologie, Soziologie. Dazu könnten Bayes, Laplace, Durkheim, Parsons, Luhmann genannt werden.
Alle real existierenden Phänomene haben eine physikalische Grundlage. Die Erklärbarkeit von Phänomenen kann allerdings nicht ausschließlich mit physikalischem Vokabular erfolgen. Bei komplexen Systemen und im Bereich des Lebendigen muss unterschieden werden, ob eine kausale Ursache, oder dessen Zweck von Interesse ist. Eine Unterscheidung in Ursachen einerseits und Zwecken und Gründen andererseits wird dadurch erforderlich. Im Bereich des Lebendigen werden Prozesse, Strukturen Zwecke, Gründe zumeist die besseren Erklärungen liefern, im Bereich des Bewussten sind es beinahe ausschließlich Gründe, die einen Erklärungswert liefern können. Ja, wenn wir uns richtig verstehen wollen, dann sind wir kein fertiges Objekt, wir sind ein Ereignis!




Rudolf Pirnbacher
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Do 28. Mai 2026, 14:47

Bezugnehmend auf: “Wenn du dich selbst nur als einen „Haufen Atome“ siehst, verpasst du das Wesentliche ….. Du bist kein fertiges Objekt; du bist ein Ereignis.“ Und: “Nicht die Objekte bilden die Geschichte, sondern die Geschichte der Ereignisse bringt die „Objekte“ erst hervor.“
Damit stelle ich eine provokante Frage als hypothetisches Gedankenspiel: Angenommen, im unendlichen Lauf des Universums, wenn sich die gleiche Geschichte die Ereignisse x-mal identisch wiederholen würde, würde es uns in identischer Weise wieder als Objekte und damit als die gleichen Personen hervorbringen?




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Jörn P Budesheim
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Do 28. Mai 2026, 14:52

  • Rudolf Pirnbacher: Alle real existierenden Phänomene haben eine physikalische Grundlage.
Damit betreten wir den Bereich der Metaphysik. Stimmt diese These überhaupt? Haben Zahlen eine physikalische Grundlage? Wir wissen nicht einmal, ob Bewusstsein eine solche Grundlage hat. Wie steht es um die Zeit? Was ist mit abstrakten Gebilden wie der Wahrheit – und ebenso mit der Logik selbst? Und: Warum sollte es überhaupt eine Grundlage geben?? Fragen über Fragen :-)

Diese These ("Alle real existierenden Phänomene haben …") lässt sich bereits formal herausfordern: Wenn alle real existierenden Phänomene eine physikalische Grundlage haben, was ist dann mit der Grundlage selbst? Entweder hat sie ihrerseits eine Grundlage – dann droht ein Regress – oder sie ist grundlos, also nach dem eigenen Kriterium nicht real. Das ergibt eine gewisse Spannung.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Rudolf Pirnbacher
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Do 28. Mai 2026, 16:33

Information, Plan, Zahl, Ganzheit, Gefühl, Zweck sind Abstrakta; man kann sie keiner Raumzeit zuordnen, wie dies für Materie und Felder möglich ist. Aus meiner Sicht sind es Hilfsmittel, damit wir bewusste Lebewesen uns in der Welt zurechtfinden, sie strukturieren können. Würde eine es keine bewusste Lebewesen geben, so so würde man diese Abstrakta auf der Welt nicht vorfinden. Also könnte es sie ohne die physikalische Welt nicht geben, schließlich haben wir alle eine körperliche Grundlage. Damit habe ich aber nicht gesagt, dass Abstakta nicht real existieren, wir existieren auch real. Bewusstsein als Abstrakta könnte ein grundlegendes Naturphänomen sein, ähnlich der 4 Grundkräfte der Physik, für die es ebenfalls zumindest derzeit keine weitere Erklärung gibt.




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Jörn P Budesheim
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Fr 29. Mai 2026, 10:23

Jörg Neunhäuserer, ein Mathematiker, der eine Einführung in die Philosophie der Mathematik geschrieben hat, gibt zu bedenken: „Eine große Mehrheit der Mathematiker ist davon überzeugt, dass die Gegenstände, mit denen sie sich beschäftigen, unabhängig von mentaler Aktivität existieren und abstrakt sind.“

Hier ein paar Argumente für die Existenz der Zahlen: Es gibt wahre Sätze der Mathematik. Wie sollten Gegenstände, die wissenschaftlich nachweisbare Eigenschaften haben, nicht existieren? Die Sätze der Mathematik sind mustergültig objektiv. Wie sollten sie also von unseren subjektiven Vorstellungen abhängen? Es gibt eine mathematische Forschung, die immer wieder neue Gesetze entdeckt, die zuvor nicht bekannt waren. Wie soll das möglich sein, wenn die Mathematik geistabhängig wäre? Die Mathematik ist für die Naturwissenschaft, so wie sie heute betrieben wird, unverzichtbar. Gegenstände, die für unsere besten Naturwissenschaften unverzichtbar sind, sollten wir als existent anerkennen.

Das sind – knapp formulierte – Argumente für die Objektivität der Mathematik. Welches Argument gibt es dagegen?

Allerdings hatten wir diese Diskussion hier schon zu oft. Ich will das nicht unbedingt wiederholen. Ich hab eine gewisse Sympathie für die Prozessontologie, sie scheint mir deutlich plausibler als Formen der Substanzontologie. Schwierig wird es für mich, wenn sie einen metaphysischen Anspruch erhebt, dass eben alles Prozess ist. Für diese Behauptung ("Alles ist Prozess") kann das schon mal nicht gelten. Die Vergangenheit ist auch kein Prozess mehr und abstrakte Gegenstände wie Zahlen sind es auch nicht.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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Fr 29. Mai 2026, 11:04

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 29. Mai 2026, 10:23
Jörg Neunhäuserer, ein Mathematiker, der eine Einführung in die Philosophie der Mathematik geschrieben hat, gibt zu bedenken: „Eine große Mehrheit der Mathematiker ist davon überzeugt, dass die Gegenstände, mit denen sie sich beschäftigen, unabhängig von mentaler Aktivität existieren und abstrakt sind.“

Hier ein paar Argumente für die Existenz der Zahlen: Es gibt wahre Sätze der Mathematik. Wie sollten Gegenstände, die wissenschaftlich nachweisbare Eigenschaften haben, nicht existieren? Die Sätze der Mathematik sind mustergültig objektiv. Wie sollten sie also von unseren subjektiven Vorstellungen abhängen? Es gibt eine mathematische Forschung, die immer wieder neue Gesetze entdeckt, die zuvor nicht bekannt waren. Wie soll das möglich sein, wenn die Mathematik geistabhängig wäre? Die Mathematik ist für die Naturwissenschaft, so wie sie heute betrieben wird, unverzichtbar. Gegenstände, die für unsere besten Naturwissenschaften unverzichtbar sind, sollten wir als existent anerkennen.

Das sind – knapp formulierte – Argumente für die Objektivität der Mathematik. Welches Argument gibt es dagegen?

Allerdings hatten wir diese Diskussion hier schon zu oft. Ich will das nicht unbedingt wiederholen. Ich hab eine gewisse Sympathie für die Prozessontologie, sie scheint mir deutlich plausibler als Formen der Substanzontologie. Schwierig wird es für mich, wenn sie einen metaphysischen Anspruch erhebt, dass eben alles Prozess ist. Für diese Behauptung ("Alles ist Prozess") kann das schon mal nicht gelten. Die Vergangenheit ist auch kein Prozess mehr und abstrakte Gegenstände wie Zahlen sind es auch nicht.
Richtiger wäre die Aussage: Alles ist Teil von Prozessen




Rudolf Pirnbacher
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Fr 29. Mai 2026, 13:50

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 29. Mai 2026, 10:23
Die Sätze der Mathematik sind mustergültig objektiv.

Ich würde meinen, Sätze der Mathematik sind entweder wahr oder falsch. Objektiv werden sie im Zusammenspiel mit Vorkommnisse in der Welt.
Formalwissenschaften wie Mathematik, Logik, Geometrie mögen unabhängig als Information existieren, jedoch sind sie ohne konkrete physikalische Anwendbarkeiten leer. Welche Bedeutung könnten Symbole oder eine Software haben, wenn sie nicht auf etwas Konkretes angewendet werden?
Alles was wir überprüfbar wissen können benötigt eine physikalische Grundlage, bzw. Formalwissenschaften erreichen ihre Bedeutung auch erst durch ihre Anwendung auf überprüfbare Vorkommnisse.
Als Agnostiker kann ich nicht ausschließen, dass es Bewusstsein auch ohne physikalische Grundlage geben könnte, allerdings finden ich als hypothetischer Realist diesbezüglich in der realen Welt keine ernstzunehmende Hinweise. Dabei möchte ich nicht bestreiten, dass wir vielleicht grundsätzliche Grenzen in unserer Erkenntnisfähigkeit haben, da zumindest ich mir weder ein bereits unendlich lang bestehendes Universum vorstellen kann, noch ein Universum, das ohne einen Rest zu einem Zeitpunkt verschwindet. Dies könnte als Indiz gewertet werden, dass es etwas gibt, das über unsere Erkenntnisfähigkeit hinaus geht. Und zugegeben, allein die Tatsache, was die Evolution durch so scheinbar unbedeutende Elementarteilchen zu Wege bringt, scheint für ihre unglaubliche Offenheit und Möglichkeiten zu sprechen. Ob es nun Intelligent Design ohne oder mit Designer ist oder nicht, wissen können wir es nicht, bei mir hinterlässt es jedenfalls einen sehr tiefen Eindruck.




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Jörn P Budesheim
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Fr 29. Mai 2026, 14:29

„Ich würde meinen, Sätze der Mathematik sind entweder wahr oder falsch.“

Richtig! Das, worüber wir uns irren können oder worüber wahre Aussagen möglich sind, kann nicht einfach „nichts“ sein. Es gibt da offenbar ein Maß, das unabhängig von dem ist, was wir denken. Deswegen gibt es eben auch mathematische Wahrheiten, die wir entdecken. Oder wie es der Fields-Medaillengewinner Peter Scholze ausdrückt: „Ich denke tatsächlich, dass die Zahlen unabhängig von uns sind.“

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„Objektiv werden sie im Zusammenspiel mit Vorkommnissen in der Welt.“

Warum?

(In einer gewissen Hinsicht stimme ich zu. Mathematische Strukturen gehören zur Textur der [physikalischen] Wirklichkeit. Was immer dort existiert, „fügt“ sich in diese Strukturen.) Tegmark (dem ich mich nicht anschließen will) ist hier besonders radikal: „Die Welt ist eine mathematische Struktur.“

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„Formalwissenschaften wie Mathematik, Logik, Geometrie mögen unabhängig als Information existieren, jedoch sind sie ohne konkrete physikalische Anwendbarkeiten leer.“

Nicht alles, was Mathematiker:innen erforschen, ist überhaupt anwendbar, schätze ich. Aber wie dem auch sei: Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit entscheidet nicht über Existenz. Und: Offen bleibt, warum diese Strukturen überhaupt anwendbar sind! Woher kommt die berühmt-berüchtigte "unreasonable effectiveness of mathematics"?

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„Welche Bedeutung könnten Symbole oder eine Software haben, wenn sie nicht auf etwas Konkretes angewendet werden?“

Es geht ja nicht um die Symbole, mit denen wir mathematische Strukturen darstellen, sondern um die Strukturen selbst.

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„Alles was wir überprüfbar wissen können benötigt eine physikalische Grundlage …“

Aber das wiederholt zunächst nur die Behauptung. Ein eigenständiges Argument dafür fehlt noch.



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Rudolf Pirnbacher
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Fr 29. Mai 2026, 15:53

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 29. Mai 2026, 14:29
Und: Offen bleibt, warum diese Strukturen überhaupt anwendbar sind! Woher kommt die berühmt-berüchtigte "unreasonable effectiveness of mathematics"?
Faktum ist, dass Abläufe in der Natur vielfach durch mathematische Formeln sehr gut beschrieben werden können. Bei einem Steinwurf mag das noch recht einfach zu verstehen sein, weil sich die Wurfparabel durch die lineare Startgeschwindigkeit, die Startrichtung, und durch die beschleunigende Erdanziehung ergibt. Werden die Zusammenhänge komplex wie z. B. bei bestimmten Wellengleichungen geht die Anschauung verloren und man bedient sich mathematischer Formeln. Vielleicht wäre es ja mit besonders umfangreicher Intelligenz, die wir Menschen aber nun mal nicht haben ;-) alles sehr intuitiv verstehbar. Wir können durch Gesetze viele Naturabläufe sehr gut beschreiben, aber wenn wir wissen wollen warum es gewisse Elementare Naturabläufe überhaupt gibt, so kommen wir an unsere Grenzen.




Rudolf Pirnbacher
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Fr 29. Mai 2026, 16:18

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 29. Mai 2026, 14:29
Rudolf P.: „Alles was wir überprüfbar wissen können benötigt eine physikalische Grundlage …“

Aber das wiederholt zunächst nur die Behauptung.
Als Argument, abgesehen bei Formalwissenschaften, kann ich anführen, dass ich kein Beispiel finden kann, wo wir überprüfbar etwas wissen können, ohne dass das Geschehen einen Bezug auf etwas Physikalisches hat. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.




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Jörn P Budesheim
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Sa 30. Mai 2026, 07:04

Die naheliegenden Beispiele sind diejenigen, die du ohne Begründung ausklammerst, also beispielsweise die Mathematik und die Logik. Auch dass ich bewusst bin, weiß ich sicher. Ob Bewusstsein jedoch eine physikalische Grundlage hat, wissen wir nicht, wie du selbst konstatierst:
  • "Rudolf Pirnbacher"
    „Als Agnostiker kann ich nicht ausschließen, dass es Bewusstsein auch ohne physikalische Grundlage geben könnte, allerdings finde ich als hypothetischer Realist in der realen Welt keine ernstzunehmenden Hinweise darauf.“
Der Text ist für mich nicht ganz eindeutig. Bedeutet „Agnostiker“ in diesem Zusammenhang, dass du bei der Frage, wie Bewusstsein zu verorten ist, ein Agnostiker bist, oder ist „Agnostiker“ hier im üblichen religiösen Sinn gemeint?

Falls Ersteres gemeint ist, würde ich mich mit Einschränkungen anschließen. Ich bin zwar ebenfalls Realist (allerdings ein direkter Realist). Die Einschätzung, es gebe „keine ernstzunehmenden Hinweise“, ergibt sich meines Erachtens jedoch nur dann, wenn man zuvor bereits eine bestimmte Metaphysik – nämlich den Materialismus bzw. Physikalismus – akzeptiert hat. Den Physikalismus halte ich allerdings für ziemlich offensichtlich falsch. Um deine Formulierung aufzugreifen: Es gibt keine ernstzunehmenden Hinweise darauf, dass er wahr ist.

Ich würde sogar sagen, dass unsere Lebenswelt die anschaulichste Widerlegung des Physikalismus ist, die uns zur Verfügung steht. Diese Metaphysik muss einen Großteil dessen, was uns dort begegnet, entweder leugnen oder radikal umdeuten. Historisch lässt sich diese Entwicklung darauf zurückführen, dass sich die Physik als außerordentlich erfolgreiche Leitwissenschaft etabliert hat. Sie erfasst jedoch nur das, was sich mit ihren Methoden der Quantifizierung beschreiben lässt, wodurch beispielsweise qualitative Aspekte von vornherein aus dem Blick geraten. Daraus eine umfassende Metaphysik abzuleiten, halte ich für fragwürdig – to say the least.

Physikerinnen und Physiker sind übrigens keineswegs verpflichtet, diesen zweiten Schritt mitzugehen und die physikalische Perspektive zur einzig legitimen Sicht auf die Wirklichkeit zu erheben. Das zeigt sich schon daran, dass viele hochrenommierte Physiker religiös sind.

Damit sind wir bei Punkt (2) angelangt. Ich gebe zu, dass der Agnostizismus in Bezug auf Gott eine vernünftige (vielleicht sogar die vernünftigste) Position darstellt. Allerdings fällt es mir persönlich schwer, sie einzunehmen. Für mich ist das eine rein intellektuelle Option; vom Herzen her bin ich ein ziemlich hartgesottener Atheist.



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Jörn P Budesheim
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Sa 30. Mai 2026, 07:51

  • "Rudolf Pirnbacher"
    Faktum ist, dass Abläufe in der Natur vielfach durch mathematische Formeln sehr gut beschrieben werden können.
Ja, viele Abläufe in der physikalischen Welt lassen sich so sehr gut beschreiben. Allerdings ist die Frage, warum das so ist, nach deiner Antwort weiter offen.



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Rudolf Pirnbacher
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Sa 30. Mai 2026, 08:23

Vorab: Bezüglich deinem vorigen Post habe ich ein Darstellungsproblem, es erscheinen bei mir nur das Zitat sowie die ersten beiden Zeilen deiner Antwort, der Rest wird nicht dargestellt. Wenn ich allerdings auf Zitieren gehe erscheint der ganze Text. Somit kann ich deinen vollständigen Text nur dann lesen, wenn ich auf zitieren gehe.




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Jörn P Budesheim
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Sa 30. Mai 2026, 08:28

Oh Mann, das ist blöd, sorry. Ich kann es im Moment aber leider nicht ändern. Bei mir selbst wird es korrekt angezeigt. Anscheinend sind die Darstellungsprobleme im Forum doch noch nicht gelöst. Haben andere ähnliche "Erscheinungen"?

Ich habe das Zitat jetzt mal geändert, ist die Ansicht jetzt besser?



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Rudolf Pirnbacher
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Sa 30. Mai 2026, 09:21

Ja, die Darstellung passt jetzt. Bei der vorigen Darstellung glaube ich hat das Zeichen für quote ende gefehlt.

Zu deinem Post: Ich bin kein Anhänger des Materialismus, weil ich für eine Sichtweise stehe, nach der die Welt zwar vollständig natürlich ist, aber zugleich mehrstufig strukturiert, sodass unterschiedliche Ebenen von Beschreibung und Erklärung erforderlich werden.
Grundsätzlich: für meinen Erkenntnisprozess habe ich es mir zum Prinzip gemacht, nur solche philosophisches Systeme anzuwenden, die durch Erkenntnisse diverser Einzelwissenschaften unterstützt werden. Dabei möchte ich besonders Naturwissenschaften, auch aber auch Integrativwissenschaften und Formalwissenschaften hervorheben. Bei reinen Geisteswissenschaften bin ich eher vorsichtig.
Es zeigt sich nun dass die Ergebnisse der einzelnen Wissenschaften oft unvereinbar sind. So bei der Willensfreiheit, wo Neurowissenschaften (Naturwissenschaft) und Philosophie (wird eher der Geisteswissenschaft zugerechnet) keinen Konses finden. Die Herausforderung besteht nun darin, über alle Wissenschaften eines Synthese zu bilden. Dies versuche ich zum Beispiel in meinem Essay „Selbstbestimmt, Gedanken über unser Selbstverständnis“ (https://www.researchgate.net/profile/Ru ... 50ZW50In19) zu unternehmen. Wie bereits in der Einleitung angeführt sind wegen des Dissens in den Einzelwissenschaften diese Schlussfolgerungen in solchen Synthese nur als vorläufig anzusehen. Ich denke, es ist wichtig zu akzeptieren, dass unterschiedliche Erkenntniswege zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, also ist eine Offenheit des Erkenntnisprozesses in beiden Richtungen angemessen.

Bezüglich Bewusstsein: mit dieser Thematik habe ich mich sehr intensiv auseinandergesetzt und umfangreiche aktuelle Literatur dazu gelesen. Für mich gibt es sehr starke Argumente dafür, dass Bewusstsein so wie wir es in uns vorfinden ein emergentes Phänomen ist, das auf neuronale Prozesse aufbaut, und nur so existent sein kann. Zum Beispiel der Neurowissenschaftler Stanislas Dehaene liefert dazu sehr fundierte Erkenntnisse. Er beschreibt die Signaturen des Bewusstseins. Damit ist aber keineswegs gesagt, dass der Physikerismus die geeignete Methode ist um die Eigenschaften des Bewusstseins zu beschreiben. Inhalte des Bewusstseins sind eher durch Zweck und Sinn zu beschreiben, nicht aber zum Beispiel durch MRI Image Bilder. Und auch nicht durch Quantifizierung wie du vorher angeführt hast. Dennoch bin ich in dieser Hinsicht nicht Agnostiker, zu stark sind für mich die Belege z.B. aus der Medizin, dass Bewusstsein einer neuronalen Grundlage bedarf. Wenn es aber um die Frage geht, woher kommt das Universum, warum gibt es überhaupt ein Universum und so weiter, so bin ich Agnostiker, weil ich dazu keine Vorstellung habe, und ich somit nicht ausschließen kann, dass es Bewusstsein auch ohne physikalische Grundlage geben könnte.




Burkart
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Sa 30. Mai 2026, 10:41

Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
Sa 30. Mai 2026, 09:21
Es zeigt sich nun dass die Ergebnisse der einzelnen Wissenschaften oft unvereinbar sind. So bei der Willensfreiheit, wo Neurowissenschaften (Naturwissenschaft) und Philosophie (wird eher der Geisteswissenschaft zugerechnet) keinen Konses finden. Die Herausforderung besteht nun darin, über alle Wissenschaften eines Synthese zu bilden.
Das Problem bei der Willensfreiheit ist aus meiner Sicht der, dass insbesondere Freiheit nicht klar definiert ist bzw. mal auf der einen, mal auf der andere Ebene (halt von Neuronen bis hin zu sehr Abstraktem). Wenn man sich das klar macht, ist der Dissens mAn gelöst bzw. erklärt.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Rudolf Pirnbacher
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Sa 30. Mai 2026, 12:06

Burkart hat geschrieben :
Sa 30. Mai 2026, 10:41
Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
Sa 30. Mai 2026, 09:21
Es zeigt sich nun dass die Ergebnisse der einzelnen Wissenschaften oft unvereinbar sind. So bei der Willensfreiheit, wo Neurowissenschaften (Naturwissenschaft) und Philosophie (wird eher der Geisteswissenschaft zugerechnet) keinen Konses finden. Die Herausforderung besteht nun darin, über alle Wissenschaften eines Synthese zu bilden.
Das Problem bei der Willensfreiheit ist aus meiner Sicht der, dass insbesondere Freiheit nicht klar definiert ist bzw. mal auf der einen, mal auf der andere Ebene (halt von Neuronen bis hin zu sehr Abstraktem). Wenn man sich das klar macht, ist der Dissens mAn gelöst bzw. erklärt.
Das sehe ich auch so. Allerdings werden durch die unklare Definition und den daraus resultierenden Missverständnissen völlig falsche Schlüsse für das Leben gezogen, die teilweise ganz absurd sind. Einige behaupten, dass der Mensch einen freien Willen hat, und dass er deshalb für alle seine Daten uneingeschränkt verantwortlich ist. Die anderen sagen, dass der Mensch keinen freien Willen hat, und er deswegen für seine Verfehlungen überhaupt nicht zur Verantwortung gezogen werden kann.




Burkart
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Sa 30. Mai 2026, 13:17

Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
Sa 30. Mai 2026, 12:06
Burkart hat geschrieben :
Sa 30. Mai 2026, 10:41
Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
Sa 30. Mai 2026, 09:21
Es zeigt sich nun dass die Ergebnisse der einzelnen Wissenschaften oft unvereinbar sind. So bei der Willensfreiheit, wo Neurowissenschaften (Naturwissenschaft) und Philosophie (wird eher der Geisteswissenschaft zugerechnet) keinen Konses finden. Die Herausforderung besteht nun darin, über alle Wissenschaften eines Synthese zu bilden.
Das Problem bei der Willensfreiheit ist aus meiner Sicht der, dass insbesondere Freiheit nicht klar definiert ist bzw. mal auf der einen, mal auf der andere Ebene (halt von Neuronen bis hin zu sehr Abstraktem). Wenn man sich das klar macht, ist der Dissens mAn gelöst bzw. erklärt.
Das sehe ich auch so. Allerdings werden durch die unklare Definition und den daraus resultierenden Missverständnissen völlig falsche Schlüsse für das Leben gezogen, die teilweise ganz absurd sind. Einige behaupten, dass der Mensch einen freien Willen hat, und dass er deshalb für alle seine Daten uneingeschränkt verantwortlich ist. Die anderen sagen, dass der Mensch keinen freien Willen hat, und er deswegen für seine Verfehlungen überhaupt nicht zur Verantwortung gezogen werden kann.
Dem stimme ich mehr oder weniger zu: Stimmt, es können leicht falsche Schlüsse geschlossen werden.
Der freie Willen ist halt relativ: Grundsätzlich könnten wir (durch Physik u.ä. bedingt) tun, was wir wollen, aber natürlich sind wir sehr durch die Gesellschaft bzw. andere Menschen beeinflusst.
"Kein freier Willen => überhaupt nicht zur Verantwortung gezogen werden" halte ich insofern für einen Fehlschluss, als dass auch völlige Unfreiwilligkeit durch Strafmaßnahmen beeinflusst werden, letztere also trotzdem gerechtfertigt sind.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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So 31. Mai 2026, 07:29

Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
Sa 30. Mai 2026, 09:21
Es zeigt sich nun dass die Ergebnisse der einzelnen Wissenschaften oft unvereinbar sind. So bei der Willensfreiheit, wo Neurowissenschaften (Naturwissenschaft) und Philosophie (wird eher der Geisteswissenschaft zugerechnet) keinen Konses finden.
Meines Erachtens ist es ausgeschlossen, dass Naturwissenschaften die Freiheit als Freiheit erforschen können*. Denn Dinge wie Gründe, Verantwortlichkeit, Moral, Rationalität etc. gehören gar nicht zu deren Gegenstandsbereich und lassen sich mit rein naturwissenschaftlichen Methoden überhaupt nicht untersuchen. Und Freiheit leugnen kann die Naturwissenschaft nur unter Selbstwiderspruch, denn Naturwissenschaften sind bereits ein Ausdruck unserer Freiheit.

* Das bedeutet nicht, dass sie nicht versuchen können, herauszufinden, wie Freiheit realisiert wird, welche Korrelate es gibt.



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