Meditation und ihr philosophischer Gehalt

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
Hermeneuticus
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Di 14. Aug 2018, 08:16

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 13. Aug 2018, 16:30
Hermeneuticus hat geschrieben :
So 12. Aug 2018, 23:16
Und genau darin besteht auch der "philosophische Gehalt", den ich im Meditieren sehe: dass alles Entscheidende in der Praxis, im Vollzug (oder der "Energeia") liegt und alles Theoretische dem Vollzug nachgeordnet ist.
Ich kann mir zwar vorstellen, was du meinst (man weiß nur, wie es ist, wenn man es selbst erfahren hat) aber ich kann mir weder vorstellen, dass der philosophische Gehalt sich darin erschöpft noch, dass hier alles Theoretische dem Vollzug nachgeordnet ist. Ich meine sogar, dass in diesem Fall dem Vollzug relativ viel Theoretisches voraus gehen muss: Gewisse Vorstellungen, was Geist sein kann, was seine Stellung im Weltganzen ist, falls so etwas angenommen wird. Gewisse ethische Einstellungen etc. Solche Handlungen kommen ja nicht aus dem Nichts, sondern sind in vielfältige "theoretische" Vorannahmen eingebettet.
Ich sehe das Einbettungsverhältnis genau umgekehrt. Religiöse Vorstellungen sind immer praktisch fundiert und mit ethischen Anforderungen verknüpft. ("Ethische Einstellungen" würde ich übrigens auch nicht "theoretisch" nennen.) Im Buddhismus kreist alles um die Erlösung vom Leiden, das das Leben mit sich bringt. Und der Weg, auf dem allein der Einzelne diesem Leiden entrinnen kann, besteht in Meditation und praktizierter Nächstenliebe. (Die ethische Konsequenz des Buddhismus wird von den westlichen Meditationsbegeisterten übrigens gern vernachlässigt.) Nicht etwa eine theoretische Gotteserkenntnis ist das Ziel, sondern die persönliche Erlösung. In der Meditation geht es auch nicht um eine geistige Selbsterforschung, sondern um eine antizipierende, vorbereitende Erfahrung jener Freiheit vom kleinen Ich, die das große Nichts gewährt.




Hermeneuticus
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Di 14. Aug 2018, 08:38

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 13. Aug 2018, 16:39
Ricard hat geschrieben : ...direkte Erforschung der Arbeitsweise des Geistes anhand gründlicher Introspektion...
Dass Zazen eine "Introspektion" - also eine nach "innen" gerichtete Selbstbetrachtung - sei, möchte ich energisch bestreiten. Es geht doch in der Meditation gerade darum, sich vom Ich zu lösen, sich von den aufkommenden Emotionen und Vorstellungen frei zu machen. Das kleine Ich ist die Quelle des Leidens, bedeutet Unfreiheit, Enge und Irreführung.

Abgesehen davon ist die Innen-Außen-Metaphorik völlig unangemessen. Das wird durch die berühmte Anweisung Dogen Zenjis, der der größte Lehrer des Zazen war, unmittelbar klar: "Ihr müsst [im Sitzen] Leib und Seele fallen lassen!" Es wird also ein Zustand angestrebt, in dem vom Ich nichts mehr bleibt, in dem man sich an nichts mehr ängstlich klammert - und in dem darum auch der Gegensatz von Seele und Leib, von Innen und Außen keine Rolle mehr spielt.




Tosa Inu
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Di 14. Aug 2018, 09:04

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 13. Aug 2018, 16:30
Welche theoretischen Vorannahmen gehen der Praxis der Meditation voraus?
Zunächst einmal, dass uns der Weg nach Innen, echte, reproduzierbare Erkenntnisse ermöglicht.
Kurisoserweise auch über das Außen. Wenn man aber sowieso immer nur sich sieht, wie es Kant, aber eben auch Freud meinen, ist das gar nicht mehr so rätselhaft. Kant meint, dass unser Erkenntnisapparat die Bedingungen der Möglichkeiten von Erkenntnis begrenzt, Freud meint, dass wir ohnehin nur in der Welt unserer Projektionen leben.

Wir haben die Gewohnheit uns zu ärgern, sehen den Ärger aber als berechtigt an, schließlich ist da der rücksichtslose Nachbar oder schludrige Partner oder was auch immer. In der Meditation können wir z.B. erleben, dass an einem fremden Ort, in einem extrem strukturierten, außenreizverarmten und maximal monotonen Umfeld derselbe Ärger zuverlässig wieder auftritt, ohne Nachbarn, Partner und gewohnte Störquellen. Man kann zu der Idee kommen, dass der Ärger gar nicht von den anderen, sondern von einem selbst ausgeht. Das passt allerdings schlecht zu unseren öffentlichen Spielen.

Psychoanalyse lässt einen ziemlich radikal in den Abgrund blicken, auf die Bereiche, die man hinter den Rollen und dem was Freud privaten Mythos nennt, stets vor sich und anderen zu verbergen versucht, in Alexander Mischerlichs knappen und undramatischen Sätzen steckt das ganze Drama drin:
Alexander Mitscherlich hat geschrieben : „Vielmehr geht es um den Versuch, ein Vertrauensverhältnis zwischen Analytiker und Analysand herzustellen, das dem letzteren zeitweisen Schutz bietet für eine zensurlose, für eine unkorrigierte Selbstwahrnehmung durch die Deckung, die ihm der Analytiker bietet. Am Ende kann dieser Erkenntnisweg nur wieder zur freilich sinnvolleren, reflektierteren Anerkennung der Notwendigkeit gesellschaftlicher Ordnungen – einschließlich verlangter Verzichte – führen.“
(Alexander Mitscherlich, Der Kampf um die Erinnerung, Piper & Co. 1975, S.22)
Aber diesen Blick ertägt nicht jeder, längst nicht jeder wäre überhaupt für eine Analyse geeignet. Zur Einsicht qua Meditation auch nicht. Wer sucht schon, wenn er feststellt, dass da Ärger ist, in sich, statt auf den Nachbarn und den uneinsichtigen Kollegen im Forum zu projizieren? Oft mit maximaler Aggression, kaum verborgen hinter den Masken der Arroganz, der Häme, des redundanten Zukackens ... und immer sind es die anderen. Wer fragt sich schon, was mit ihm eigentlich nicht stimmt, wenn er nahezu süchtig immer wieder in Streit gerät und erst sich erst so richtig in einem Element fühlt, wenn die Halsschlagader pulsiert oder man sich wieder auf seiner Lieblingsposition hoch droben eingefunden hat und den Kindern die Welt erklärt oder kühl zu allen auf Distanz geht und ihnen zeigt, dass sie doch allesamt nur Trottel sind? Wofür eigentlich? Natürlich immer irgendwie, um der Menschheit zu dienen, die Erkenntnis voranzubringen und irgendwas mit Menschenrechten und so. Das ist der private Mythos, den Freud meinte, der Edle im Sumpf.
Unser Innen begegnet uns überall und immer, in der Meditation können wir das sehen und erleben.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm und Zen-Meister D.T. Suzuki haben zusammen ein Buch geschrieben "Zen-Buddhismus und Psychoanalyse", also, das passt schon. Ken Wilber macht deutlich, dass Buddha genau da ansetzt, wo Freud aufhört, kann aber dennoch beide würdigen. Die buddhistischen Ansätze sind vielleicht etwas optimistischer, was die Möglichkeit des Menschen angeht, seine Aggressionen in sich zu finden und zu klären, Mitscherlich setzt auf äußere Kontrolle. Das Ziel der Psychoanalyse ist das reife Ich, was kritisch und reflexiv denken kann und sich das Recht herausnimmt, auch mal (aber nicht aus Prinzip, sondern begründet) gegen den Strom zu schwimmen, statt sich willfährig anzupassen. Als Ziel des Buddhismus wird manchmal die Erkenntnis angegeben, dass es kein Ich, keine Seele und keinen Gott gibt, aber das ist, die letzte Erkenntnis und man muss genauer hinschauen, um zu klären, was das heißen soll.
Wenn der buddhistische Meister pünktlich zum Reterat erscheint, ist denn da nicht auch noch jemand, der weiß, wann er wo sein muss? Wenn er isst, steckt er das Essen in den eigenen Mund, soviel Ich müssen wir das dem Erleuchteten doch lassen. Also alles Mist? Nein, man muss nur klären, was gemeint ist.

Zumal, ebenfalls für viele verwirrend die Lammfrommheit gar nicht das Ziel aller Schulen des Buddhismus ist. Gerade Zen ist durch seine verrückten Weisen bekannt (das Ziel des Zen ist leider heute oft in Vergessenheit geraten, auch unter denen, die es praktizieren) und heutzutage sind viele japanische Zen-Meister zwar einerseits spirituell weit (wenngleich manche auch das bestreiten), aber Wilber und eine Bekannte von mir, die seit Jahrzehnten Zen praktiziert, Japanologin ist und daher öfter als Übersetzerin fungiert, wenn ihr Zen-Lehrer japanische Meister trifft, sagen gleichermaßen, dass sie in zutiefst, konventionellen und rückständigen Strukturen erstarrt sind. Und auch angesehene spirituelle Meister können kraftig einen an der Waffel haben, weil dort wo Buddha Weg super bearbeitet wurde, eben nicht zwingend Freuds Weg ebenso grandios gegangen wurde.
Spirituelle Anhänger, auch nur Menschen, verklären Übergriffe und Fehltritte dann schon mal in der Art, dass der Meister uns damit etwas zeigen will. Ein schwieriges Terrain und für die Spötter der anderen Seite ein gefundenes Fressen, sie schreiben ein Buch nach dem anderen Enthüllungsartikel in dem der vermeintliche Dummenfang der ganzen Szene offenbart wird.
Denn so richtig konventionell sind sie nie, die spirituellen Meister. Der tibetische Buddhismus kennt nicht nur den friedvollen sondern auch den zornigen Aspekt des Gottheit und gerade in den östlichen Darstellungen sehen wir immer wieder Götter oder Archetypen der Zerstörung, der Rache, die alles andere als friedlich und lammfromm ist.
Aber es ist eben beides. Ich habe mal so eine reißerische N24 Doku über das Kriegergen gesehen. Das Kriegergen haben unter den richtig harten Jungs noch mal die aller härtesten. Bandenchefs von berüchtigten Motorradgangs, Soldaten von Spezialeinheiten und solche Kaliber gaben sich die Ehre und man höre und staune ... zwei buddhistische Mönche. Auch sie waren früher keine Kinder von Traurigkeit, um es sehr zurückhaltend zu formulieren. Alle erzählten von ihren wilden Zeiten, dann wurden die Blutproben ausgewertet und man merkte, dass es bei vielen fast als Auszeichnung galt, das Kriegergen zu haben, wer es schließlich hatte, waren Buddhas Mönche, die inzwischen ein friedliches Leben führten, trotz ihrer genetisch miserablen Voraussetzungen.

Eine andere theoretische Voraussetzung ist demnach, dass der Mensch auch unter entsetzlichsten Bedingungen etwas aus seinem Leben machen kann, auch innerlich. Ein Haltung, von der wir aktuell Lichtjahre entfernt sind, in einer Zeit in der eine hysterische Woge der Projektion nach der anderen über uns zusammen schwappt.



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Friederike
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Di 14. Aug 2018, 16:41

Tosa Inu hat geschrieben :
Di 14. Aug 2018, 09:04
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 13. Aug 2018, 16:30
Welche theoretischen Vorannahmen gehen der Praxis der Meditation voraus?
Zunächst einmal, dass uns der Weg nach Innen, echte, reproduzierbare Erkenntnisse ermöglicht.
Kurisoserweise auch über das Außen. Wenn man aber sowieso immer nur sich sieht, wie es Kant, aber eben auch Freud meinen, ist das gar nicht mehr so rätselhaft. Kant meint, dass unser Erkenntnisapparat die Bedingungen der Möglichkeiten von Erkenntnis begrenzt, Freud meint, dass wir ohnehin nur in der Welt unserer Projektionen leben.
Hm, ich würde ähnlich wie Hermeneuticus in die Richtung antworten, daß wir "Innen" und "Außen" so wie alle begrifflichen Dualismen als Bewußtseinsstufe erkennen, als eine von mehreren Bewußtseinsstufen. In der Meditation (genauer müßte man sagen, im vollendeten Mediationszustand) hat die Rede von Innen und Außen, Ich und die Welt usw. gar keinen Sinn mehr. Das heißt, die Unterscheidung in Innen und Außen z.B. fließt als Vorannahme in die Med.-Praxis ein.

NS: Ich glaube, ich tue Dir Unrecht @T.I., wenn ich Dich vor meinem Kurzbeitrag zitiere, denn Du vertrittst ja gar nicht die Auffassung, Innen und Außen seien der Weisheit letzter Schluß.




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proximus
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Di 14. Aug 2018, 17:10

Wenn ich mich an das erinnere , wovon ich berichte, war ich dabei.



""Wahrheit" ist immer nur theoretisch." proximus

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proximus hat geschrieben :
Di 14. Aug 2018, 17:10
Wenn ich mich an das erinnere , wovon ich berichte, war ich dabei.
Ja, ich glaube auch, dass ungewöhnliche Meditationserfshrungen kein psychotischer Zusammenbruch sind.



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Di 14. Aug 2018, 19:49

Friederike hat geschrieben :
Di 14. Aug 2018, 16:41
Du vertrittst ja gar nicht die Auffassung, Innen und Außen seien der Weisheit letzter Schluß.
Innen und Außen sind Konzepte, die wir zur Orientierung brauchen.
Die Praxis des Zen verspricht die Freiheit von Konzepten.
Das ist reizvoll, weil wir unsere Konzepte nicht loslassen. Darum kann zunächst niemand was mit den radikalen Ansätzen anfangen, die dann oft in Imitationen von Erleuchtung enden.

Erstaunlicherweise kann man aber vieles auch philosophisch abhaken. Den folgenden Punkt meine ich dabei nicht.

Wer dann drauf besteht, dass es kein Innen und Außen gibt, den würde ich fragen, was ich auch Anhänger diverser Verschwörungstheorien, Solipsisten oder Täuschergott-Anhänger frage, ob denn diese Erkenntnis ihr Leben verändert hat und wie genau.
Philosophischer würde ich dann fragen, was es denn bedeuten soll, dass es Innen und Außen nicht gibt. Die Konstruktivisten erklären das im Grunde sehr gut, stoßen sich aber an dem Punkt die Birne, wo sie die Realität leugnen. Philosophisch ist das für mich mausetot, seit unserer Großdiskussion dazu.



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Friederike
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Mi 15. Aug 2018, 08:03

proximus hat geschrieben :
Di 14. Aug 2018, 17:10
Wenn ich mich an das erinnere , wovon ich berichte, war ich dabei.
Was willst Du damit sagen? Außer dem, was Du sagst?




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proximus
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Mi 15. Aug 2018, 08:16

Im Moment nichts anderes.



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Do 16. Aug 2018, 12:31

Was ist denn eigentlich der Antrieb in unserer, der westeuropäischen Gesellschaft, Meditationsformen auszuprobieren? Meine These, auch begründet durch eigene Erfahrung, lautet, daß der Impuls von einer Art von Unglücklichsein gegeben ist. Dem Wunsch und der Erwartung, Meditation könne das Lebens-Gefühl verbessern.




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Jörn Budesheim
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Do 16. Aug 2018, 12:41

ich habe vorgestern einen kurzen Trip nach Frankfurt gemacht. Und von dieser Reise habe ich dieses kleine Bildchen für euch mitgebracht :-)

Bild



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Do 16. Aug 2018, 15:25

... das Hegelzitat hast sicher Du rausgesucht. Steht der Geist im Zentrum der Meditation? Löst der Geist das "Ich" ab? Oder noch anders, fallen der Geist des jeweiligen Meditierenden und der allgemeine, bei Hegel der "Welt"-Geist in eins zusammen?




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Jörn Budesheim
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Do 16. Aug 2018, 16:48

An Weltgeist hab dich dabei eigentlich nicht gedacht. Und als Kommentar dieses Threads ist die Signatur natürlich auch nicht gemeint. Weil ich gerade das Buch "Gefühle und Weltbezug von Slaby" (wirklich zufällig) aufgeschlagen habe: Für Slaby ist die Dimension des Selbstverständnisses zentral: "Personen verfügen, insofern sie eine personale Perspektive einnehmen, über ein mehr oder weniger explizites, und mehr oder weniger adäquates, sich primär praktisch im Lebensvollzug selbst manifestierendes Verständnis ihrer selbst als der Person, die sie sind. Dieses Selbstverständnis ist die Ebene angemessener Charakterisierungen." (Jan Slaby, Gefühle und Weltbezug)

Slaby nennt das Neoexistenzialismus. Ich sehe das ähnlich. Ich würde jedoch den Aspekt der angemessenen Charakterisierung "weglassen" (und oder einschränken): "Der Geist ist nicht natürlich, er ist nur das, wozu er sich macht." Es ist dieser (neoexistenzialistische) Selbstbezug, der mir an dem Hegelzitat gefällt. Ob Hegel das nun so gemeint hat oder nicht :-) Und in dem Buch von Wolf Singer und Matthieu Ricard wird dieser Punkt (wenn auch weder mit Bezug auf Hegel und auch nicht den Existenzialismus) im Grunde auch stark gemacht. (Naja...) Nach Ricard geht es beim Meditieren sehr viel um Transformationen.



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proximus
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Fr 17. Aug 2018, 08:16

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 16. Aug 2018, 12:41
ich habe vorgestern einen kurzen Trip nach Frankfurt gemacht. Und von dieser Reise habe ich dieses kleine Bildchen für euch mitgebracht :-)
Diese Bild zeigt meines Erachtens keine gute Sitzmeditationspraxis.
Nacken zu sehr gestreckt. Wirkt auf mich von oben herab und nicht sanftmütig.



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Jörn Budesheim
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Fr 17. Aug 2018, 09:11

Ich habe mir soeben eine Meditationsapp herunter geladen :-) und damit eine zehnminütige geführte Meditation gemacht. War gar nicht schlecht :-)



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Friederike hat geschrieben :
Do 16. Aug 2018, 12:31
Was ist denn eigentlich der Antrieb in unserer, der westeuropäischen Gesellschaft, Meditationsformen auszuprobieren? Meine These, auch begründet durch eigene Erfahrung, lautet, daß der Impuls von einer Art von Unglücklichsein gegeben ist. Dem Wunsch und der Erwartung, Meditation könne das Lebens-Gefühl verbessern.
Glaube ich eher nicht und zwar aus zwei Gründen: Zum einen finde ich das Unglücksmotiv zu pauschal, denn man kann es jeder Veränderung oder so gut wie jeder Aktivität unterstellen.
Warum werden Menschen politisch, engagieren sich für Menschen, Natur, Tierschutz …, ernähren sich anders oder machen Sport? Immer kann man eine Art und Unzufriedenheit mit dem Leben unterstellen.
Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, wenn man unglücklichen Menschen rät zu meditieren, man eigentlich stets auf Granit beißt. Fast kann man den Eindruck haben, dass sie lieber unglücklich sind.

Dann glaube ich, dass, wenn man den Drang nach Veränderung, Neugier oder dergleichen nicht auf Unzufriedenheit reduziert, ein breiter Strauß an Motiven sichtbar wird. Sicher auch eine Unzufriedenheit im engeren Sinne, dass Gefühl, dass das nicht alles im Leben gewesen sein kann, was man oft gerade dann hat, wenn es recht gut läuft. Wenn man erreicht, was der Mainstream als zu erreichen diktiert, müsste man eigentlich zufrieden sein. Aber was, wenn sich diese Zufriedenheit nicht einstellt?
Da hat man es ‚gut‘, wenn man über irgendwelche Mängel schimpfen kann. Die bessere Figur, die größere Intelligenz, das eigene Haus, den akademischen Grad, das Mehr an Freizeit vom Nachbarn oder was auch immer es sei. Wenn man den vorgeschriebenen Lebensweg erfolgreich geht und das Glück sich dennoch nicht im erwarteten Umfang einstellt, hat man es nicht so leicht.
Aber es kann auch andere Motive geben, warum man es mit der Meditation mal versucht hat. Das Besondere, der Exotismus, ein wenig Auffallen, nachdem das aufstrebende Bürgertum nun kollektiv gebräunt zeigen konnte, dass es im Urlaub in Italien oder Spanien, am Teutonengrill war, musste was anderes kommen, mit dem man sich abgrenzen konnte
Experimentierfreude im Zuge der Hippiebewegung, war sicher ein Motiv. Freie Liebe, psychodelische Musik, freier Körperausdruck (neue Tanzstile), Drogen und dann eben auch Meditation.
Wissensdurst und Ehrgeiz scheint mir auch ein starkes Motiv zu sein, vielleicht bei wenigen, dafür dann aber umso intensiver. Diejenigen die darin mehr als ein Zeitgeistphänomen sahen, konnten darin viel finden.

Ich denke, dass Sinn- und Lebenskrisen durchaus Auslöser sein können um offen zu sein, sich Neuem zuzuwenden und der tiefe Drang mehr aus seinem Leben zu machen oder hier im Leben überhaupt anzukommen, gehört sicher auch dazu. Aber man sollte sich zugleich vor der Idee hüten, dass es ein richtiges oder edles Motiv gibt, mit dem man mit der Meditation starten könnte. Menschen die aus perfektem Antrieb zum Buddha kamen, hat derselbe weggeschickt: sie sollten erst mal sündigen und leben.
Denn der Wunsch zu meditieren ist nicht in dem Sinne aus dem Leid geboren, dass man sagt, dass man da im Leben irgendwie nicht weiter kommt und auch keine depressive Grundhaltung, sondern Meditation ist eine Antwort auf die tiefe Erkenntnis, dass das Leben, so wie es von so gut wie jedem gelebt wird, zwingend zum Leid führt. Der Legende nach gilt der Buddha ja nicht als armer Schlucker, sondern als Kind einer wohlhabenden Familie, was als junger Mann dann irgendwann mit den Leid der Welt konfrontiert war, dass er nie sah. Im Grunde ist das eine Variante der Theodizeefrage, wenn man mal genauer hinschaut.
Samsara ist auch weniger unsere Welt als unsere Art zu leben, mit Welt umzugehen, Nirwana kein Äquivalent zum Paradies, sondern ein anderes Weltbild, denn einer der entscheidenden Punkte ist die Erkenntnis, dass Samsara und Nirvana nicht getrennt sind.

Hier kommen wir aber wirklich in den Bereich des Verstehens. Denn, es ist eine Sache, sich die Wahrheiten aller Weisen durchzulesen und auswendig zu lernen, die andere ist, sie wirklich innerlich zu erfassen. Da das schwer und keineswegs banal oder wirr ist, gibt es viele Fürsprecher der Idee, dass man über das Höchste eigentlich nicht reden kann oder sollte. Ein wunderschönes Einfallstor für jede Menge dummes Geschwafel, von Leuten, die nun ihre spirituellen Einsichten und Weisheiten verkünden konnten und die sich nie festnageln ließen, denn das Höchste lässt sich ja bekanntlich nicht in Worte fassen.
Etwas anspruchsvollere Varianten sehen Gott oder etwas in der Art, als nur negativ bestimmbar an, weil das, was sich offenbart stets nicht Gott ist und Gott dann das ewig sich entziehende Prinzip darstellt.

In der Frage nach der Meditation und den Erkenntnissen die man dort gewinnen kann, treffen wir aber nicht einfach auch irgendwelche verschrobenen Ideen des Ostens (und wir wissen, nur im Westen konnte man richtig denken), sondern knüpfen an alten platonische Ideen an, sich so anhören:
Harald Seubert hat geschrieben : „Es zeigt sich auch, wenn signalisiert wird, dass ein richtiger Satz, von einer falscher Person oder zu einem falschen Zeitpunkt gesagt, falsch werden kann.“

Und etwas später:

„Die eindrücklichste Bestätigung des Gewichts jeder Bezeugung, findet sich in der Maxime, dass nicht nur die Tauglichkeit der Untersuchung geprüft werden soll, sondern auch die Seele dessen, der untersucht.“
(Harald Seubert, Platon – Anfang, Mitte und Ziel der Philosophie, Verlag Karl Aber 2017, S. 20)

Wir sind einen anderen Weg gegangen. Für uns ist ein wahrer Satz wahr, weil er sich auf eine allgemein zugängliche Wahrheit dahinter, die so ist, wie behauptet, bezieht. Der Turm ist eben 30 Meter hoch. In der Meditation oder ihren Erfahrungen holen wir uns diese andere Sicht auf die Wahrheit wieder zurück, denn ein beliebiger Satz den ein Weiser ausspricht mag aus dessen Sicht wahr sein, aber wenn nun irgendwer sagt, dass Samsara und Nirwana nicht zwei sind, ja was bedeutet das? Wer sagt, dass es kein Ich gibt oder das Leben Leid ist … warum? In welchem Kontext? Was heißt das eigentlich alles?

Im spirituellen Mainstream fährt man gut damit, dass sich das Höchste der Sagbarkeit angeblich entzieht, denn man hat immer einen Punkt auf den man sich zurückziehen kann. Die Kritiker fahren auch gut damit, können sie sich doch das irgendwie Antiintellektuelle weiter bestätigen und dass man sich mit all dem Unsinn nicht näher abzugeben braucht.

Aber auch was für eine Wahrheit verweisen denn die Sätze der Weisen? Ist das alles Mist? Kümmerliche Erkenntnisse, die vor den der Kraft unseres Intellekts ganz einfach verglühen? Tausende Jahre verständlicher Irrtum, aber leider doch eben falsch? Bleibt dann doch die Bespaßung für die überspannte Hausfrau oder die durchaus nützliche Entspannungstechnik?



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herbert clemens
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Fr 17. Aug 2018, 10:46

Spannendes Forum, zu dem ich hoffentlich bald Zeit finde. Welche App hast du benutzt, Jörn?




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Jörn Budesheim
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Fr 17. Aug 2018, 11:06

BamBu :)



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Jörn Budesheim
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Fr 17. Aug 2018, 16:36

Am meisten Probleme bereitet mir in der Praxis übrigens, eine gerade und bequeme Sitzposition zu finden!



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proximus
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Fr 17. Aug 2018, 18:49

Das ist m.E. ja auch das Ziel der Meditation. Der Weg dahin ist sicherlich sinnvoll.



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