Sein, Seiendem und ...*seufz*

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Jörn Budesheim
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So 5. Jul 2020, 09:48

Alethos hat geschrieben :
So 5. Jul 2020, 09:36
Wenn es 3'000 Kunstwerke gibt, dann gibt es Kunst. Nehmen wir an, eines dieser Kunstwerke steht bei mir in der Wohnung. Dass es existiert, ist unbestritten und unbestreitbar, wenn ich es betrachten, wenn ich es anfassen, umstellen, ändern kann. Das Dass kann ich empirisch erforschen.

Vernichte ich dieses Kunstexemplar, sodass es nicht mehr existiert, wird mit ihm die Kunst nicht untergehen, da es immerhin noch 2'999 Kunstwerke gibt, und sie den Bereich der Kunst ausmachen. Aber selbst, wenn diese 2'999 Kunstwerke vernichtet würden, gäbe es den Bereich der Kunst noch, meine ich, wenigstens in der Möglichkeit, in der Idee, im Bedürfnis, etwas ästhetisch auszudrücken. Auch dieses Dass der Kunst lässt sich empirisch erforschen - entweder an den 2'999 Gegenständen - oder an der Gewesenheit dieser Gegenstände oder am Seinkönnen dieser Gegenstände in Zukunft.

Aber was ist mit dem Dass des Dass? Dass etwas überhaupt ist, nicht dieses Einzelne ist, sondern, dass überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts ist, dass lässt sich in einer allgemeinen Form der Seiendheit gar nicht fassen - es gibt keinen solchen empirischen Gegenstand, der das Sein schlechthin sein könnte.
Nehmen wir mal und es Argumentes Willen an, dass alles, was du sagst stimmt. Daraus würde jedoch nicht folgen, dass es die Kunst vor den Kunstwerken, Künstlern, Rezipienten,... gibt. Das ist ja schließlich der Streitpunkt.



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Jörn Budesheim
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So 5. Jul 2020, 09:58

In dem Text gibt es auch einen Abschnitt, der vage zu Stefanies Einband passen könnte.
Hier zeigte sich mir eine Grenze seines Denkens [...]. Heidegger hält an diesem Punkt inne, denn Dasein ist für ihn lediglich das Dasein des einzelnen [...]. Dieses >Dasein< aber bleibt vom Standpunkt seiner Doppelstruktur, nämlich der individuellen und gesellschaftlichen Struktur her, abstrakt. (Watsuji)



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Alethos
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So 5. Jul 2020, 11:10

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 5. Jul 2020, 09:48
Nehmen wir mal und es Argumentes Willen an, dass alles, was du sagst stimmt. Daraus würde jedoch nicht folgen, dass es die Kunst vor den Kunstwerken, Künstlern, Rezipienten,... gibt. Das ist ja schließlich der Streitpunkt.
Wenn es sich mit Kunst und Kunstgegenständen, Kunst und Künstlern denn so verhält, wie mit Sein und Seienden, dann wäre das wohl der Streitpunkt: Ob Kunst vor dem Gegenstand liegt, wie das Sein vor den Seienden. Ich glaube aber nicht, dass sich diese Frage, ob das Sein vor den Seienden liegt, anhand dieser Struktur-Analogie entscheiden oder auch nur sinvoll stellen lässt.

Das Sein ist ein Grundbegriff, der - wenn er auch keine absolute Metapher ist (es handelt sich ja nicht um einen übertragenen Begriff) - wenigstens so verwendet wird, als wäre er eine. Das Sein ist so etwas wie ein Sinnhintergrund, eine zugrundegelegte Idee der Möglichkeit, dass sich Seiende überhaupt vor uns ausbreiten und Wirklichkeit bilden können. Die Wirklichkeit ist sozusagen ein pragmatischer Begriff, weil wir ihn - ohne ihn klar definitorisch auszuformulieren - unseren Begriffen von Empirie, Phänomenologie, Realismus usw. zugrundelegen. Letztere sind, wenn wir so wollen, sekundäre ontologische Begriffe, weil sie erst vor dem Hintergrund einer Vorstellung von Sein gestellt werden können. Diese Vorstellung nennt Heidegger >Sinnhorizont<. Das gerade ist nun auch die Wirkweise von Metaphern, dass sie die Sinnhorizonte aufzeigen, in deren Licht unsere Begriffe Verwendung finden. Metaphern sind Sinnvorstellungen, die an den konkreten Begriffen nur schemenhaft vorkommen, an ihnen sozusagen nur durchscheinend vorkommen und so ist es auch mit den Vorstellungen von Sein: Wir können den Stuhl, den Baum, die Zahlen, das Buch in meinen Händen und die Hände an meinem Buch - alles Seiende - nur als Seiendes erkennen, weil in ihnen unsere Vorstellung dessen, was Sein überhaupt bedeutet, durchscheint. Nicht am einzelnen Gegenstand erkenne ich das Sein, sondern an ihnen die nicht gänzlich fassbare, sondern nur durchscheindende und meinen Begriffen der Einzelgegenstände zugrundeliegende Vorstellung zu sein schlechthin.

Unser Wirklichkeitsbegriff ist so gesehen pragmatisch, weil wir die Wirklichkeit - ohne sie genauer zu definieren oder definieren zu können - als gegeben nehmen in der Art es uns am besten geeignet ist, weiter nach den Seienden zu fragen. Wir fragen die Seienden, anders gesagt, was sie sind, ohne klären zu können, was Sein denn eigentlich ist - und das ist ein pragmatisches Vorgehen.
Das wird umso mehr deutlich, wenn wir den Begriff >Wahrheit< heranziehen, um etwas als wirklich zu qualifizieren. Es ist schliesslich nur etwas wahr über etwas Seiendes, Wirkliches. Aber eine Wahrheitsdefinition selbst können wir gar nicht geben, ohne über Metaphern auf die Sinnnhorizonte zu rekurieren, durch die der Sinn des Wahrheitbegriffs erhellt wird. Wahrheit ist, wenn kein metaphorischer Begriff, so doch ein Grundbegriff, der uns nur durch metaphorische 'Anreicherung' und damit durch die Metapher als Werkzeug zur Sinnerschliessung zugänglich wird.



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Jörn Budesheim
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So 5. Jul 2020, 13:36

Alethos hat geschrieben :
So 5. Jul 2020, 11:10
Hintergrund
Alethos hat geschrieben :
So 5. Jul 2020, 11:10
Sinnhorizont
Was bedeutet Horizont? Es verweist einerseits auf die Perspektivität und Begrenztheit unseres Lebens. Andererseits ist der Horizont immer auch der "Hintergrund", vor dem wir sprechen, handeln, denken, fühlen und so weiter. Der Hintergrund ist in diesem Verständnis der Grund, dasjenige worauf diese Handlungen und Gedanken basieren: All das, was wir teilweise unbefragt voraussetzen, aber auch die Summe dessen, was wir fühlen, können und wissen bzw zu wissen vermeinen, inclusive all dem was sich implizit und vielleicht nie ausgesprochen daraus ergibt. Dazu gehören sicherlich auch viele Dinge, die uns nicht gegenwärtig sind, vielleicht nicht mal gegenwärtig sein können.

Das ist vielleicht keine präzise Beschreibung, aber so pi mal Daumen könnte das gemeint sein. Nun ist der Horizont schon vom Bild her ein Bereich, und warum nicht ein Sinnfeld? Besser wäre es zwar von einer Vielzahl von Bereichen auszugehen. Aber wie auch immer, es sind Bereiche ...

Jetzt frage ich mich natürlich, was ein Sinnhorizont ist?



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So 5. Jul 2020, 17:46

Martin Heidegger Sein und Zeit hat geschrieben : c) Realität und Sorge

Realität ist als ontologischer Titel auf innerweltliches Seiendes bezogen. Dient er zur Bezeichnung dieser Seinsart überhaupt, dann fungieren Zuhandenheit und Vorhandenheit als Modi der Realität. Läßt man aber diesem Wort seine überlieferte Bedeutung, dann meint es das Sein im Sinne der puren Dingvorhandenheit. Aber nicht jede Vorhandenheit ist Dingvorhandenheit. Die »Natur«, die uns »umfängt«, ist zwar innerweltliches Seiendes, zeigt aber weder die Seinsart des Zuhandenen noch des Vorhandenen in der Weise der »Naturdinglichkeit«. Wie immer dieses Sein der »Natur« interpretiert werden mag, alle Seinsmodi des innerweltlichen Seienden sind ontologisch in der Weltlichkeit der Welt und damit im Phänomen des In-der-Welt-seins fundiert. Daraus entspringt die Einsicht: Realität hat weder innerhalb der Seinsmodi des innerweltlichen Seienden einen Vorrang, noch kann gar diese Seinsart so etwas wie Welt und Dasein ontologisch angemessen charakterisieren.

Realität ist in der Ordnung der ontologischen Fundierungszusammenhänge und der möglichen kategorialen und existenzialen Ausweisung auf das Phänomen der Sorge zurückverwiesen. Daß Realität ontologisch im Sein des Daseins gründet, kann nicht bedeuten, daß Reales nur sein könnte als das, was es an ihm selbst ist, wenn und solange Dasein existiert.

Allerdings nur solange Dasein ist, das heißt die ontische Möglichkeit von Seinsverständnis, »gibt es« Sein. Wenn Dasein nicht existiert, dann »ist« auch nicht »Unabhängigkeit« und »ist« auch nicht »An-sich«. Dergleichen ist dann weder verstehbar noch unverstehbar. Dann ist auch innerweltliches Seiendes weder entdeckbar, noch kann es in Verborgenheit liegen. Dann kann weder gesagt werden, daß Seiendes sei, noch daß es nicht sei. Es kann jetzt wohl, solange Seinsverständnis ist und damit Verständnis von Vorhandenheit, gesagt werden, daß dann Seiendes noch weiterhin sein wird.

Die gekennzeichnete Abhängigkeit des Seins, nicht des Seienden, von Seinsverständnis, das heißt die Abhängigkeit der Realität, nicht des Realen, von der Sorge, sichert die weitere Analytik des Daseins vor einer unkritischen, aber immer wieder sich eindrängenden Interpretation des Daseins am Leitfaden der Idee von Realität. Erst die Orientierung an der ontologisch positiv interpretierten Existenzialität gibt die Gewähr, daß nicht doch im faktischen Gang der Analyse des »Bewußtseins«, des »Lebens« irgendein wenngleich indifferenter Sinn von Realität zugrundegelegt wird.

Daß Seiendes von der Seinsart des Daseins nicht aus Realität und Substanzialität begriffen werden kann, haben wir durch die These ausgedrückt: die Substanz des Menschen ist die Existenz. Die Interpretation der Existenzialität als Sorge und die Abgrenzung dieser gegen Realität bedeuten jedoch nicht das Ende der existenzialen Analytik, sondern lassen nur die Problemverschlingungen in der Frage nach dem Sein und seinen möglichen Modi und nach dem Sinn solcher Modifikationen schärfer heraustreten: nur wenn Seinsverständnis ist, wird Seiendes als Seiendes zugänglich; nur wenn Seiendes ist von der Seinsart des Daseins, ist Seinsverständnis als Seiendes möglich.

[Hervorhebung von mir]



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Lambert Wiesing hat geschrieben : ... Auch wenn es Heidegger nicht mit diesen Worten sagen würde, so stellt er doch den Menschen in seinen Überlegungen unter ein neues 80genus proximum. Der Mensch wird als Seiendes gedacht, das eine Seinsart hat, die dieses Seiende von allem anderen Seienden unterscheidet. Damit liegt der Unterschied zum traditionellen Denken auf der Hand, und seine diesbezüglich berühmt gewordene These lautet zugespitzt: Ausschließlich das Seiende, das sich in seinem Sein verstehend zu diesem Sein verhält, ist ein Mensch. An die Stelle des anthropologischen Denkens tritt eine ontologische Daseinsanalyse, die die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet, durch die Aufgabe ersetzt, die »Seinsart dieses Seienden (Mensch)« zu explizieren: »Der Gegenstand der philosophischen Forschung ist das menschliche Dasein als von ihr befragt auf seinen Seinscharakter.« ...



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So 22. Nov 2020, 19:50

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 19. Nov 2020, 06:24
Lambert Wiesing hat geschrieben : ... Auch wenn es Heidegger nicht mit diesen Worten sagen würde, so stellt er doch den Menschen in seinen Überlegungen unter ein neues 80genus proximum. Der Mensch wird als Seiendes gedacht, das eine Seinsart hat, die dieses Seiende von allem anderen Seienden unterscheidet. Damit liegt der Unterschied zum traditionellen Denken auf der Hand, und seine diesbezüglich berühmt gewordene These lautet zugespitzt: Ausschließlich das Seiende, das sich in seinem Sein verstehend zu diesem Sein verhält, ist ein Mensch. An die Stelle des anthropologischen Denkens tritt eine ontologische Daseinsanalyse, die die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet, durch die Aufgabe ersetzt, die »Seinsart dieses Seienden (Mensch)« zu explizieren: »Der Gegenstand der philosophischen Forschung ist das menschliche Dasein als von ihr befragt auf seinen Seinscharakter.« ...
Es ist zum kirre werden....es will nicht in meinem Kopf, was bzw. wer dieses Sein, Seiende, Seinscharakter usw. ist oder was gemeint ist. Offenbar auch nicht mal immer das identische. Oder?
Was ist denn jetzt Seinscharakter?

Für mich wirkt der Gebrauch dieser Sein Flut wie gekünstelt.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)

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