Immanuel Kant: Der ewige Frieden

Gemeinsame Lektüre und Besprechung philosophischer und anderer Literatur.
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Stefanie
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Registriert: Mi 19. Jul 2017, 20:09

Do 14. Dez 2017, 06:51

Was liegt in einem Philosophie-Forum näher, als sich dem gewichtigen Thema Frieden mit einer Schrift von einem sehr großen Philosophen – Kant- zu nähern. "Der ewige Frieden".

Hier zu lesen:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/zum-ew ... den-8301/2

Ob ich alles, was ich gelesen, auch verstanden habe, wird der Verlauf zeigen. (Andere Quellen habe ich natürlich auch gelesen.)
Eine kurze Einführung:
Kant nennt in dieser Schrift mehrere Bedingungen, was alles nicht mehr sein soll, damit Friede sein kann (Präliminarartikel), und Bedingungen, die sein müssen, um den Frieden zu sichern (Definitivartikel). (Nett von Kant, das auch als Überschriften zu nehmen und ein erfrischend kurzer Text.)

Diese sind:
Präliminarartikel 1: „Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“
Präliminarartikel 2: „Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem anderen Staat durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.“
Präliminarartikel 3: „Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören.“
Präliminarartikel 4: „Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.“
Präliminarartikel 5: „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staates gewalttätig einmischen.“
Präliminarartikel 6: „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem anderen solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Verrats in dem bekriegten Staat usw.“
Definitivartikel 1: „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein.“
Definitivartikel 2: „Das Völkerrecht soll auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein.“

Wenn ich es richtig verstanden habe, geht Kant nicht so sehr von dem heutigen negativen Friedenbegriff aus, der Frieden als Abwesenheit von Krieg definiert, sondern Kant fasst diesen weiter, und geht von der Abwesenheit aller Feindschaften aus.
Kant war hier seiner Zeit voraus. Im Grunde legt er hier so was wie eine Basis für internationale Zusammenschlüsse, wie Völkerbund, der UNO und der EU. Quasi das erste Völkerrecht.
Kant scheint das Thema mit nach seiner Auffassung von Vernunft an zu gehen, wendet seinen kategorischen Imperativ konsequent an zuwenden, und gewährt dem Recht einen hohen Stellenwert.

Sind seine Ansichten veraltet, oder gar praktisch unmöglich, weil sie durch die nachfolgenden Jahrhunderte widerlegt wurden, und/oder lassen sich doch Parallelen zur heutigen Zeit herstellen.



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Tarvoc
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Do 14. Dez 2017, 09:41

Die Sache mit den Meuchelmördern und Giftmischern ist interessant. Anscheinend geht Kant davon aus, dass es dem Frieden abträglicher ist, den Krieg vorzeitig zu beenden oder sogar zu verhindern, indem man eine kriegstreiberische Regierung ausschaltet, als die Bevölkerungen einander über Jahre hinweg gegenseitig abschlachten zu lassen. Sind Herrscher halt einfach mehr wert als Beherrschte?

Bei "Feindseligkeiten, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen" fallen mir ganz andere ein als die von Kant gelisteten. Als da wären: Einsatz von ABC-Waffen, systematisches Bombardement ziviler Ziele, allgemein Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung, Genozid, Vergewaltigung als Kriegswaffe, Brechen von Waffenstillständen und Verträgen, etc.



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Stefanie
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Do 14. Dez 2017, 11:18

Meinst Du diese Stelle:

Wenn (wie es in dieser Verfassung nicht anders seyn kann) die Beystimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, »ob Krieg »seyn solle oder nicht,« so ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müßten (als da sind: selbst zu fechten; die Kosten des Krieges aus ihrer eigenen Haabe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich läßt, kümmerlich zu verbessern; zum Uebermaße des Uebels endlich noch eine, den Frieden selbst verbitternde, nie (wegen naher immer neuer Kriege) zu tilgende Schuldenlast selbst zu übernehmen), sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen: Da hingegen in einer Verfassung, wo der Unterthan nicht Staatsbürger, die also nicht republikanisch ist, es die unbedenklichste Sache von der Welt ist, weil das Oberhaupt nicht Staatsgenosse, sondern Staatseigenthümer ist, an seinen Tafeln, Jagden, Lustschlössern, Hoffesten u. d. gl. durch den Krieg nicht das Mindeste einbüßt, diesen also wie eine Art von Lustparthie aus unbedeutenden Ursachen beschließen, und der Anständigkeit wegen dem dazu allezeit fertigen diplomatischen Corps die Rechtfertigung desselben gleichgültig überlassen kann



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Tarvoc
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Do 14. Dez 2017, 14:20

Ich bezog mich offensichtlich auf Präliminarartikel 6. Auch in einer repräsentativen Demokratie beschließen die Staatsbürger nicht selbst, ob sie in den Krieg ziehen wollen oder nicht. Und die USA sind ein gutes Beispiel dafür, wie auch in einer Demokratie die Staatsbürger Regierungen wählen, die Kriege anfangen und dann auch nach Regierungswechsel fortsetzen, wenn das politische System schlicht keine andere Option bietet. Der Widerspruch zwischen Entscheidungsträgern und Repräsentierten ergibt sich schlicht nicht nur in Autokratien, sondern auch in repräsentativen Demokratien - und deswegen können auch solche Kriege anfangen. Und auch in repräsentativen Demokratien kann es sich ergeben, dass die Repräsentierenden mit einem Krieg sehr viel weniger riskieren als die Repräsentierten. Kant war in diesem Punkt naiv. Allerdings ist diese Naivität keine persönliche Verfehlung, sondern resultiert einfach daraus, dass Kant die Erfahrungen der letzten zweihundert Jahre natürlich noch nicht hatte.



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Friederike
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So 17. Dez 2017, 11:09

Immerhin muß die Bundeswehr die Werbetrommel zur Rekrutierung Freiwilliger aber kräftig rühren.

Die Entscheidung von 2011, die Wehrpflicht abzuschaffen und aus der Bundeswehr eine Freiwilligenarmee zu machen, dürfte die Einschätzung Kants ebenfalls ein wenig stützen, denn auf diese Weise ist nur ein Teil der Repräsentierten unmittelbar in kriegerische Handlungen involviert. Die Wahl einer kriegsbejahenden Partei fällt unter dieser Voraussetzung sicher leichter.

Die Erfahrungen der vergangenen 100 Jahre haben die WählerInnen allerdings auch gelehrt, daß Kriege nicht mehr auf mehr oder weniger abgelegenen Schlachtfeldern stattfinden.

Was ich sagen will, @Tarvoc - ganz so naiv ist Kants Sichtweise wohl doch nicht gewesen. Zumindest, was die Verhältnisse und Menschen in Deutschland betrifft. Die natürlich ihre ganz eigene Geschichte haben und die, wie ich meine, aus diesem Grunde gegenwärtig -noch?- nicht sonderlich kriegslustig sind.




Heinrich
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Sa 3. Nov 2018, 05:41

Das Thema ist sehr interessant, und ich habe auch angefangen, die kleine Schrift Kants zu lesen.

Wenn ich mir nun die folgenden Präliminarartikel ansehe:


Präliminarartikel 1: „Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“
Präliminarartikel 2: „Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem anderen Staat durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.“
Präliminarartikel 3: „Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören.“
Präliminarartikel 4: „Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.“
Präliminarartikel 5: „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staates gewalttätig einmischen.“
Präliminarartikel 6: „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem anderen solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Verrats in dem bekriegten Staat usw.“

... dann meine ich, daß bisher noch kein einziger davon in die Realität Eingang gefunden hat.

Ob Kant naiv war oder nicht, kann ich im Moment noch nicht beantworten.




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Stefanie
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So 4. Nov 2018, 16:38

Da sich vieles von dem, was Kant geschrieben hat, in diversen völkerrechtlichen Verträgen und Konventionen wiederfindet, sind wir wohl alle naiv.



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Stefanie
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Sa 10. Nov 2018, 23:08

Ein Gespräch über Philosophie und der Frieden.

http://www.information-philosophie.de/? ... =2&y=1&c=3



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