Raumschiff Enterprise, Darmok

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Jörn Budesheim
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So 6. Okt 2019, 12:04



Ich habe es leider nicht auf Deutsch gefunden :)

Darmok ist die 102. Episode der US-Fernsehserie Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert. Sie wurde in den USA im September 1991 erstmals ausgestrahlt, in Deutschland im März 1994. Sie handelt von dem Captain einer nur mit Metaphern kommunizierenden Spezies, der auf einem Planeten Captain Picard zur Teilnahme an einem gemeinsamen Kampf gegen ein Monster zu bewegen versucht. Die Episode gehört zu den populärsten der Serie.




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Quk
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Do 3. Aug 2023, 03:06

Für mich die beste Episode der Picard-Ära. Als das frisch im TV lief, war ich 30, und für mich Greenhorn war diese Episode eine von diesen philosophischen Augenöffnern.

Im weiteren Lebenslauf ist mir klar geworden, dass fast unser gesamtes Vokabular aus Metaphern besteht. Wir merken es nur nicht mehr.




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Do 3. Aug 2023, 10:49

Leider gucke ich bei den diversen "Star Trek"-Reihen nur sporadisch rein. Aber das würde ich auch gerne einmal sehen. (Leider ist mein Englisch nicht so gut, dass ich es einfach so im
Original verfolgen könnte.)

Dass mit den Metaphern hatte ich auch schon mal gelesen. Weiß leider nicht mehr, wo. Da heißt es m.E. sogar, dass das gesamte menschliche Denken im Grunde hauptsächlich über Metaphern abläuft, wenn ich es noch richtig weiß.




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Quk
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Do 3. Aug 2023, 13:48

Ganzgenaugenommen ist auch Prosa letztendlich Poesie, denke ich. Ich sehe da keine kategorische Unterteilung, sondern einen fließenden Übergang von leicht bis stark poetisch.

Wie wir wissen: Metaphern sind Symbole. Wörter sind Symbole. So gesehen ist auch die Mathematik höchstgradig poetisch.

Ich denke, die schwächste Symbolkraft haben so Wörter wie "rot, süß, kalt", weil sie Empfindungsqualitäten direkt benennen, und diese nicht näher beschreibbar sind. "Beschreibbar". Zack. Schon wieder eine Metapher. Das Wort "beschreibbar" ist hingegen wieder ein starkes Metapherwort: "Schreiben" deutet ja eigentlich auf eine Vision, wo eine Hand auf einem Gegenstand Linien, Kurven und Punkte zeichnet. Und die Vorsilbe "be-" stellt den Fokus auf des Zeichners Zuwendung zum Gegenstand. Die Nachsilbe "-bar" macht aus der ganzen Vision ein Noch-nicht-Geschehen, wie ein Kieselstein auf einer Kante, der noch nicht heruntergefallen ist. All diese Bilder stecken in dem Wort "beschreibbar". Dabei werden diese Bilder im Kontext des Eingangssatzes (Beschreibbarkeit von "rot, süß, kalt") gar nicht wirklich visualisiert beim Lesen. Wir überspringen die Bilder, sie sind uns nicht mehr bewusst; die Wörter flutschen direkt in unser Bedeutungsregister. Erst wenn wir wieder mit ihnen spielen, etwa beim lyrischen Nachdenken, werden sie wieder bewusst. Und da brauchen wir Metaphern, die stärker sind als das Wort "süß": In der Lyrik schreiben wir dann selten so etwas bildfreies wie: "Du schmeckst süß", sondern eher etwas wie: "Du schmeckst honigreich" oder dergleichen, weil "Honig" ein Bild generiert und "süß" nicht.




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Jörn Budesheim
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Do 3. Aug 2023, 15:14

Quk hat geschrieben :
Do 3. Aug 2023, 13:48
Metaphern
Kennst du Nauplios noch aus dem "alten Forum". (Er hat hier auch lange Zeit geschrieben.) Er könnte sicher etwas dazu sagen.




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Quk
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Do 3. Aug 2023, 16:17

Nicht sicher, aber der Name kommt mir bekannt vor ...




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Jörn Budesheim
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Do 3. Aug 2023, 18:51

Darmok, Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert: Staffel 5, Folge 2
Zu groggy für einen kreativen Beitrag heute abend, stattdessen schaue ich mir die Folge auf Netflix an :)




Burkart
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Do 3. Aug 2023, 21:19

Ich kann mich an die Folge auch noch erinnern.
Ja, es wurde nur in ganzen Sätzen gesprochen, die jeweils eine einzelne Bedeutung hatten - etwas umständlich, da sind mir doch unsere meist einzelnen Worte oder kurze Wortkombinationen lieber, aber ok ;)
(Klar, wir haben auch manchmal längere Metaphern, aber nicht nur, wie in der Folge.)
Was ich nicht verstanden hatte, ist, wie Picard es geschafft hat, die Sätze bzw. Metaphern zu verstehen bzw. zu entschlüsseln, aber nun ja, Film halt.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Jörn Budesheim
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Fr 4. Aug 2023, 08:41

Quk hat geschrieben :
Do 3. Aug 2023, 16:17
Nicht sicher, aber der Name kommt mir bekannt vor ...
Nauplios hatte Philosophie studiert - unter anderem bei Hans Blumenberg. Er war auch Musiker bzw. Musiklehrer. Die Metapher bzw. die Metaphorologie war eines seiner zentralen Themen.




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Jörn Budesheim
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Fr 4. Aug 2023, 08:51

Ich habe mir die Folge gestern noch einmal angesehen, sie ist sehr unterhaltsam. "Themba: Seine Arme weit!" Ähnliche Metaphern kennen wir auch: "Jemanden mit offenen Armen empfangen", das ist wohl ganz ähnlich. Als Picard am Ende mit den Kindern von Tama spricht, sagen sie so etwas wie: "X: seine Augen offen!" Dass jemandem die Augen geöffnet werden, wenn er etwas versteht (einsieht), das ist eine sehr gebräuchliche Metapher, auch auf der Erde.

Was ich nicht ganz verstehe. Wenn sie sagen "seine Augen offen" - dann benutzen sie doch auch ganz "normale"/unmetaphorische Wörter wie "Augen" und "offen". Die Metaphern scheinen mir überhaupt auf der nichtmetaphorischen Sprache zu beruhen. Wenn das so ist - dann sollte sie doch auch metaphorische Sprache verstehen können, oder?




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Jörn Budesheim
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Fr 4. Aug 2023, 09:03

Warum habe ich diesen Auszug damals veröffentlicht? Ich glaube, weil er mich an das berühmte philosophische Gedankenexperiment der radikalen Übersetzung erinnerte: Ein Linguist soll eine völlig unbekannte Sprache übersetzen. Er versteht kein Wort, und es gibt auch keinen Dolmetscher. Er ist ganz auf die Gesten und Äußerungen der Menschen angewiesen, die diese Sprache sprechen.

Die Episode ist sozusagen die Science-Fiction-Version dieses Gedankenexperiments. Wenn man versuchen würde, eine völlig fremde Sprache zu verstehen, würde man wahrscheinlich mit dem Offensichtlichen beginnen: Bezüge auf Dinge in der Umgebung zum Beispiel. Bis man Metaphern versteht, die sich auf die Geschichte der Kinder von Tama beziehen, würde es wahrscheinlich eine Weile dauern :-) Wie lernen eigentlich die Kinder der Kinder von Tama sprechen?

Das Gedankenexperiment ist sehr aufschlussreich. Was sind die Voraussetzungen, um eine Fremdsprache zu verstehen? Inwiefern unterscheidet sich das von unserem Alltag? Ein Slogan aus diesem Zusammenhang lautet: Radikale Übersetzung beginnt im Alltag. Was braucht man dazu also? Zum Beispiel: Ohne ein Grundverständnis von Wahrheit, ohne die Vorstellung eines rationalen Akteurs und ohne das sogenannte Prinzip der Nächstenliebe kommt man beim Verstehen nicht weit. Was habe ich vergessen :-)




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Quk
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 4. Aug 2023, 08:51
Was ich nicht ganz verstehe. Wenn sie sagen "seine Augen offen" - dann benutzen sie doch auch ganz "normale"/unmetaphorische Wörter wie "Augen" und "offen".
Ja, das fand ich auch rätselhaft :-) Da muss man wohl "ein Auge zudrücken" (!) und der schönen Drehbuch-Idee ein bisschen Unlogik gönnen ...

Aber vielleicht könnte man folgende Erklärung erfinden:
Diese Wesen sprachen einst ihre Metaphern in Wörtern statt in Sätzen. Aber ihre Wörter waren vieldeutig. Das Wort "Bank" etwa bedeutete einerseits "Sitzmöbel", andererseits "Geldinstitut". Die Missverständnisse nahmen zu, von Generation zu Generation. Sie fügten jedem Wort noch ein Kontextwort hinzu. Denn ihre Hirne verlernten mehr und mehr, ohne Kontexthilfen das Gemeinte zu begreifen. Später fügten sie auch den Kontextwörtern weitere Kontextwörter hinzu. So wurden aus Einzelbegriffen wie "Bank" dann Sätze wie: "Elon: Deine Bank prallvoll." Oder: "Neanderthal: Dein Sitzfleisch hart."

Bei uns Erdlinge ist bekanntlich auch die Satzmelodie, Wortmelodie und Silbenbetonung kontextgebend, vor allem im Chinesischen beispielsweise. Wir brauchen also auch zusätzliche Symboliken über die Wortbuchstaben hinaus. Deshalb fand ich jene Drehbuch-Idee damals so faszinierend als Denkanstoß.




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Quk
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Fr 4. Aug 2023, 11:41

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 4. Aug 2023, 09:03
Das Gedankenexperiment ist sehr aufschlussreich. Was sind die Voraussetzungen, um eine Fremdsprache zu verstehen? Inwiefern unterscheidet sich das von unserem Alltag? Ein Slogan aus diesem Zusammenhang lautet: Radikale Übersetzung beginnt im Alltag. Was braucht man dazu also? Zum Beispiel: Ohne ein Grundverständnis von Wahrheit, ohne die Vorstellung eines rationalen Akteurs und ohne das sogenannte Prinzip der Nächstenliebe kommt man beim Verstehen nicht weit. Was habe ich vergessen :-)
Nächstenliebe ist ein interessanter Punkt. Ich dachte auch an Empathie und Spiegelneuronen. Dabei wurde mir gerade klar, dass auch diese Sachen eng mit Nächstenliebe zusammenhängen müssen, weil sie ja ein Mitfühlen erzeugen. Man begibt sich in das nächste Wesen hinein und wird Teil von ihm. Und wenn man da selber drin ist, will man dem Gutes tun und sich dem zuneigen. Nächstenliebe.




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Jörn Budesheim
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Fr 4. Aug 2023, 11:43

Quk hat geschrieben :
Fr 4. Aug 2023, 11:31
der schönen Drehbuch-Idee ein bisschen Unlogik gönnen
Ja, auch ein möglicher Aspekt des Principle of Charity, könnte ich mir vorstellen.




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Quk
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Fr 4. Aug 2023, 12:02

Wieder was gelernt: "Principle of Charity" kannte ich noch nicht; musste gerade nachschlagen ...




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Jörn Budesheim
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Quk hat geschrieben :
Fr 4. Aug 2023, 11:41
Empathie
Empathie würde ich einfach unter Wahrnehmung verbuchen, man nimmt wahr, wie das Gegenüber sich fühlt o.ä. "Einen Satz verstehen, heißt, wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist." (Wittgenstein) Wahrnehmungen gehören natürlich (neben anderem) zu unserem Wahrheitserwerb.




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Quk
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Fr 4. Aug 2023, 13:49

Wahrnehmung, klar. (Ich meine keine esoterischen oder romantischen Verbindungswellen oder so.)

Begriffe wie Empathie, Apathie oder Sympathie fügen meiner Ansicht nach weitere, spezielle Bedeutungen dem allgemeinen Oberbegriff Wahrnehmung hinzu.
(So wie Apfel, Birne, Kirsche zum Oberbegriff Obst.)




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Jörn Budesheim
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Fr 4. Aug 2023, 13:57

Nein, keine "seltsamen Entitäten", sondern beinharte Wahrnehmungen :-) Ich denke, Gefühle gehören zu den Wahrnehmungen.




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