Fargo

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Jörn Budesheim
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Mi 6. Dez 2017, 12:31

Markus Gabriel hat geschrieben :
Ich ist nicht Gehirn, Seite 37 ff
Neuromanie und Darwinitis - am Beispiel von Fargo

[Der britische Mediziner Raymond Tallis nutzt die Begriffe] von »Neuromanie« und »Darwinitis«, worunter er gegenwärtige Fehldeutungen der Menschheit durch sich selbst versteht. Die Neuromanie besteht in dem Glauben, sich selber erkennen zu können, indem man immer mehr über sein zentrales Nervensystem, insbesondere über die Funktionsweise des Gehirns, erfährt. Die Darwinitis ergänzt diese Sicht um die Dimension unserer tiefen biologischen Vergangenheit, indem man uns weismachen möchte, dass das gegenwärtige typisch menschliche Verhalten besser oder gar überhaupt nur dann zu verstehen ist, wenn sein Anpassungsvorteil im Überlebenskampf im Speziesgetümmel auf unserem Planeten rekonstruiert wird. Der Neurozentrismus ist die Kombination von Neuromanie und Darwinitis, also die Vorstellung, dass wir uns selber als geistige Lebewesen nur verstehen können, wenn wir das Gehirn unter Berücksichtigung seiner evolutionären Vorgeschichte erforschen.




Ein wunderbar ironisches Beispiel für die Darwinitis findet man in einer Episode der meisterhaften Fernsehserie Fargo. Der von Billy Bob Thornton gespielte brillante psychopathische Auftragsmörder Lorne Malvo wird vorläufig von einem Polizisten festgenommen, der ihn erkannt hat. Allerdings hatte Malvo schon zuvor die raffinierte Idee, sich auf einer Homepage als Pfarrer zu präsentieren, so dass er schnell wieder entlassen wird, da die Polizei allzu leichtgläubig die Internetpräsenz der Pfarrgemeinde für bare Münze nimmt. Als Malvo sich aufmacht, das Polizeirevier zu verlassen, fragt ihn der besagte Polizist, der um seine wahre Identität weiß, wie er dieses Verhalten mit seinem menschlichen Gewissen vereinbaren könne. Daraufhin stellt Malvo ihm die Frage, warum Menschen so viele Grüntöne visuell unterscheiden könnten. Der Polizist bleibt ratlos, fragt aber später seine künftige Frau danach. Diese gibt ihm zur Antwort: Unsere differenzierte Farbpalette im Grünbereich rühre daher, dass wir in Zeiten, als wir in Wäldern jagten, unsere natürlichen Feinde sowie unsere Opfer in Büschen und dichten Wäldern erkennen mussten. Die natürliche Auslese habe also unsere spezifische Farbpalette ausgewählt, was ja im Allgemeinen durchaus zutreffend ist. Ohne diese gäbe es unsere Spezies wahrscheinlich nicht.

Malvo möchte mit seiner Antwort allerdings kommunizieren, dass er ein Jäger sei. Er möchte sein Verhalten rechtfertigen, indem er darauf hinweist, dass wir von Jägern und Mördern abstammen und sein Töten daher eine Art natürliche Notwendigkeit darstelle. Damit vertritt er eine krasse Form des Sozialdarwinismus und folglich eine philosophische Position. Der Sozialdarwinismus steht für die These, dass jegliches zwischenmenschliche Verhalten nach den durch die Evolutionsbiologie erforschbaren Parametern für das Überleben von biologischen Spezies verstanden, erklärt und gerechtfertigt werden kann.

Obwohl der Darwinismus natürlich erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entstanden ist, sind gewisse Grundideen des Sozialdarwinismus viel älter. Schpn die alten Griechen diskutierten sie, etwa Platon in einem seiner Hauptwerke, im ersten Buch von Der Staat. Dort tritt der antike Philosoph Thrasymachos auf und definiert Gerechtigkeit als: »nichts anderes als der Vorteil des Stärkeren«.



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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 13:51

Jörn Budesheim zitiert Markus Gabriel hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 12:31
Die Neuromanie besteht in dem Glauben, sich selber erkennen zu können, indem man immer mehr über sein zentrales Nervensystem, insbesondere über die Funktionsweise des Gehirns, erfährt. Die Darwinitis ergänzt diese Sicht um die Dimension unserer tiefen biologischen Vergangenheit, indem man uns weismachen möchte, dass das gegenwärtige typisch menschliche Verhalten besser oder gar überhaupt nur dann zu verstehen ist, wenn sein Anpassungsvorteil im Überlebenskampf im Speziesgetümmel auf unserem Planeten rekonstruiert wird. Der Neurozentrismus ist die Kombination von Neuromanie und Darwinitis, also die Vorstellung, dass wir uns selber als geistige Lebewesen nur verstehen können, wenn wir das Gehirn unter Berücksichtigung seiner evolutionären Vorgeschichte erforschen.
Dies mäandert nun irgendwie zusammenhanglos zwischen einem schwächeren "besser erklären" und einem stärkeren "nur erklären". Wenn wir bei der schwächeren Version bleiben, dann denke ich, dass es durchaus hilfreich sein kann, über das Funktionieren unserer Organe (auch des Gehirnes) einiges zu wissen, um damit auch einiges Verhalten erklären zu können. Evolutionären Erklärungen von Verhalten stehe ich in vielen Fällen eher skeptisch gegenüber, denn oft scheint mir, dass damit alles und nichts erklärt werden könne. Solche Erklärungen sind lediglich Geschichten, die nicht nachgeprüft werden können - anders als neurologische oder sonstige medizinische Erkenntnisse. Dennoch mögen sie in einem oder dem anderen Falle plausibel erscheinen und vielleicht auch zum Verstehen hilfreich sein.

Jedoch ist nach obiger Begriffsbestimmung nun "Darwinitis" keineswegs Sozialdarwinismus, ersterer beansprucht, Vorgänge zu erklären, zweiterer beansprucht, Handlungen zu rechtfertigen und das scheint mir nicht dasselbe zu sein.

Daher ist mir ziemlich unklar, wieso plötzlich übergangslos Darwinitis mit Sozialdarwinismus gleichgesetzt wird:
Jörn Budesheim zitiert Markus Gabriel hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 12:31
Ein wunderbar ironisches Beispiel für die Darwinitis findet man in einer Episode der meisterhaften Fernsehserie Fargo. [...] Malvo möchte mit seiner Antwort allerdings kommunizieren, dass er ein Jäger sei. Er möchte sein Verhalten rechtfertigen, indem er darauf hinweist, dass wir von Jägern und Mördern abstammen und sein Töten daher eine Art natürliche Notwendigkeit darstelle. Damit vertritt er eine krasse Form des Sozialdarwinismus und folglich eine philosophische Position. [...] Obwohl der Darwinismus natürlich erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entstanden ist, sind gewisse Grundideen des Sozialdarwinismus viel älter. [...]




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Jörn Budesheim
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Mi 6. Dez 2017, 14:13

Herr K. hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 13:51
Jedoch ist nach obiger Begriffsbestimmung nun "Darwinitis" keineswegs Sozialdarwinismus, ersterer beansprucht, Vorgänge zu erklären, zweiterer beansprucht, Handlungen zu rechtfertigen und das scheint mir nicht dasselbe zu sein.
Nach obiger Erläuterung gehört es zur "Darwinitis" Vorgänge zu rechtfertigen. Siehe dazu Lorne Malvo, der sein Verhalten rechtfertigt, indem er darauf hinweist, dass wir von Jägern und Mördern abstammen und sein Töten daher eine Art natürliche Notwendigkeit darstelle. Du scheinst mir "Darwinitis" und Darwinismus einfach gleich zu setzen, oder?



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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 16:35

Ich nahm an, dies: "Die Darwinitis ergänzt diese Sicht um die Dimension unserer tiefen biologischen Vergangenheit, indem man uns weismachen möchte, dass das gegenwärtige typisch menschliche Verhalten besser oder gar überhaupt nur dann zu verstehen ist, wenn sein Anpassungsvorteil im Überlebenskampf im Speziesgetümmel auf unserem Planeten rekonstruiert wird." sei die Begriffsbestimmung von "Darwinitis", wie Gabriel es verstanden haben will, und darin steht nichts von rechtfertigen.

Mir leuchtete auch nicht recht der Sinn und Zweck ein, für "Sozialdarwinismus" eine neue Bezeichnung einzuführen.




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Jörn Budesheim
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Mi 6. Dez 2017, 17:10

Ein wunderbar ironisches Beispiel für die Darwinitis findet man in einer Episode der meisterhaften Fernsehserie Fargo. [...] Malvo möchte mit seiner Antwort allerdings kommunizieren, dass er ein Jäger sei. Er möchte sein Verhalten rechtfertigen



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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 17:52

Man erfindet ein neues Wort, hier "Darwinitis". Dann macht man eine Begriffsbestimmung dessen, erklärt, was man damit meint und wie man es verstanden haben will.

Soweit ist noch alles im grünen Bereich.

Dann aber, plötzlich und unerwartet und zusammenhanglos ändert man die ursprüngliche Begriffsbestimmung, (grob gesagt: von "Darwinitis ist die Ansicht, man könne Verhalten [teilweise oder gar komplett] evolutionär erklären" in "Darwinitis ist die Ansicht, man könne Handlungen evolutionär rechtfertigen"). Vielleicht wird hier nun implizit vorausgesetzt, dass Erklären dasselbe wie Rechtfertigen sei, bzw. dass aus einer Erklärung warum jemand etwas getan hat, eine Rechtfertigung der betreffenden Handlung abzuleiten sei. Dies jedoch schiene mir dann höchststrittig zu sein, ich zumindest würde das bestreiten wollen.

Vielleicht ist jedoch nun was anderes impliziert, aber was, bleibt mir unklar. Was daran nun ironisch sein soll, allerdings auch.




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Jörn Budesheim
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Mi 6. Dez 2017, 18:10

Das ist nur ein Ausschnitt aus einem Buch von mehreren hundert Seiten und eine Szene einer ganzen Serie.

Ich kenne die Serie und mir hat diese Szene wunderbar gefallen, deswegen habe ich mich sehr gefreut, als ich es in diesem Buch von Gabriel wiedergefunden habe. Dass der Mörder in die Rolle eines Pfarrers schlüpft, um sich aus der Affäre zu ziehen und beim Abgang eine Kostprobe seiner Darwinitis gibt, finde ich herrlich. Insbesondere der verdutzte Gesetzeshüter hat mir gefallen.

Der Begriff Darwinitis ist meines Erachtens keineswegs Synonym mit Sozialdarwinismus, weil er ja schließlich durch die Wortbildung den Aspekt enthält, dass die Vertreter der nitis geradezu manisch alles und jedes evolutionär zu erklären wollen.



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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 18:33

Ich finde das weniger herrlich, mir kommt es wie ein ziemlich übler Argumentationstrick vor. Was immer man auch von einer derart bestimmten Darwinitis hält: Sozialdarwinismus folgt daraus nicht, anders gesagt: aus eine Erklärung für eine Handlung zu haben, folgt nicht: eine Rechtfertigung für eine Handlung zu haben.

Daher geht die Ironie hier auch fehl, falls sie es denn zum Ziel hat, sich über Darwinitis lustig zu machen.

Es sei denn, es könne irgendwie ein logischer Zusammenhang von Darwinitis und Sozialdarwinismus gezeigt werden, d.h. es könnte irgendwie gezeigt werden, dass jemand, der unter Darwinismus litte, auch Sozialdarwinist sein müsse.




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Jörn Budesheim
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Mi 6. Dez 2017, 18:54

Herr K. hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 18:33
aus eine Erklärung für eine Handlung zu haben, folgt nicht: eine Rechtfertigung für eine Handlung zu haben.
Und wem wirfst du das vor?



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Tosa Inu
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Mi 6. Dez 2017, 19:05

Man kann vielleicht vom Kritiker erwarten, sich nicht auf dasselbe Niveau zu begeben, aber es gibt schon Leute, die das offenbar schmerzfrei zusammen bringen.
„Wenn man in Weiterführung der Überlegung Latours Argumente gegen eine fundamentalistische Bewegung wie den Kreationismus entwickeln kann, folgt daraus auch, dass man mit der Darlegung der Repräsentationen zu einer robusten Differenzierung zwischen wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Praxis gelangen könnte? So einfach ist es nicht, denn keineswegs entsprechen alle Episoden der Wissenschaft, einer solchen vollständigen Darlegung der Repräsentationen. Man denke – um im Bereich der Biologie zu bleiben – nur an den Sozialdarwinismus, Eugenik und Teile der Soziobiologie. Wenn im Namen der Evolutionslehre die Vergewaltigung von Frauen, Mord und wahlweise Egoismus oder Opferbereitschaft, Monogamie oder Polygamie als sinnvolle biologische Verhaltensweisen gedeutet werden;* wenn die Evolutionstheorie mehr sein will als eine wissenschaftliche Disziplin und sich zum Evolutionismus aufbläst, der behauptet für alle oder zumindest die meisten Facetten des menschlichen Lebens eine Erklärung parat zu haben, dann unterscheidet sich das nicht so grundlegend vom Verhalten derjenigen, die die Evolutionstheorie angreifen. Auch in den Naturwissenschaften herrscht bisweilen die Tendenz vor, die Schwach- und Leerstellen, Ungewissheiten und Unwissenheiten zu übertünchen. Das ist, wenn man so will, das Erbe ihres modernistischen Universalitätsanspruchs. In unserer Gegenwart, einer Zeit der zunehmenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Wissenschaften, wird diese Tendenz auf bemerkenswerte Weise verstärkt.“

*Um nur zwei aktuelle Beispiele zu geben: Eckart Voland, Die Natur des Menschen, Grundkurs Soziobiologie, München 2007; David M. Buss; Der Mörder in uns. Warum wir zum Töten programmiert sind, Heidelberg 2007.

(Michael Hagner, Bye-bye science, welcome pseudoscience?, in Pseudowissenschaft, Hrsg. Rupnow, Lipphardt, Thiel, Wessely, Suhrkamp 2008, S. 46)
Dawkins und Schmidt-Salomon fielen mir da als weitere Kandidaten ein.
Man kann das nun als logisch nicht folgendes und daher zufälliges Zusammentreffen von Denkansätzen in einer Person sprechen, aber die Muster sind m.E. keinesfalls zufällig. Sie mögen fehlerhaft sein, aber dass die zusammen gedacht werden, hat System.



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Jörn Budesheim
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Mi 6. Dez 2017, 19:10

Ja, diese Kritik scheint mir in die nämliche Richtung zu gehen.

Herr Ks Einwände sind mir hingegen völlig unklar.



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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 21:07

Um meinen Einwand nochmal darzulegen, möchte ich Zitate aus dem Buch bringen, auf das sich Gabriel bezieht (aus: Raymond Tallis - Aping Mankind: Neuromania, Darwinitis and the Misrepresentation of Humanity - übersetzt aus DeepL):

'Neuromanie' ist die Ansicht, dass "wir unser Gehirn sind" (29). 'Darwinitis' ist die Ansicht, dass es keinen 'tiefen' oder 'wesentlichen' Unterschied zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren gibt (147). Diese Ansichten haben epistemologische Entsprechungen: dass das Gehirn oder die Evolution "jeden Aspekt des menschlichen Lebens" erklären kann (5).

So weit, so gut. Meine Frage lautet nun: was hat das mit Sozialdarwinismus zu tun, wo ist die Verbindung zwischen diesem und "Darwinitis", die Gabriel zu sehen scheint, wie kommt er darauf, wieso sollte aus "Darwinitis" Sozialdarwinismus folgen? Aus der Evolutionstheorie (Darwinismus) folgt nicht Sozialdarwinismus, richtig? Wieso aber dann aus "Darwinitis"?

Und ist Dir eigentlich aufgefallen - da Du Dich doch sonst so vehement gegen Kampfbegriffe verwehrst - dass die beiden Wörter "Neuromanie" und "Darwinitis" aus Bezeichnungen für Krankheiten abgeleitet sind (manie und -itis)? Und dass, wenn Ansichten auf diese Art in die Nähe von Krankheiten gerückt werden, man das als Kampfbegriffe ansehen kann? Oder stören Dich Kampfbegriffe nur, wenn sie sich auf Ansichten beziehen, die Du vertrittst?




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Stefanie
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Mi 6. Dez 2017, 21:48

Wenn ich das richtig verstanden habe, kritisiert Gabriel die weitverbreitete Neigung, alles aber auch alles mit biologischen Wissen herleiten zu wollen, erklären zu wollen und dann auch noch menschliche Handlungen damit zu rechtfertigen. Das nennt er Darwinitis, der sich wie ein Virus ausbreitet.
Er kritisiert diese einseitige Sichtweise.

Geht jetzt es bei den Differenzen hier um den Sachverhalt, den Gabriel kritisiert, oder um den Begriff, den er verwendet?



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
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Mi 6. Dez 2017, 21:52

Herr K. hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 21:07
Und dass, wenn Ansichten auf diese Art in die Nähe von Krankheiten gerückt werden, man das als Kampfbegriffe ansehen kann?
Das finde ich auch unglücklich und ist eher Kulturkampf. Sollte man nicht unbedingt weiter treiben, wenngleich die "Doofen", "Religioten" usw. noch die netteren Bezeichnung sind, die Biologisten gerne und freigiebig verteilen. Wennn dann mal eine Echo kommt ...
Zuletzt geändert von Tosa Inu am Mi 6. Dez 2017, 22:00, insgesamt 1-mal geändert.



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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 21:53

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 18:54
Herr K. hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 18:33
aus eine Erklärung für eine Handlung zu haben, folgt nicht: eine Rechtfertigung für eine Handlung zu haben.
Und wem wirfst du das vor?
Ich werfe das Markus Gabriel vor. Zitat: "Ein wunderbar ironisches Beispiel für die Darwinitis findet man in einer Episode der meisterhaften Fernsehserie Fargo." Im weiteren wird ein Fall von Sozialdarwinismus dargelegt. Also muss doch logischerweise - falls denn ein Fall von Sozialdarwinismus ein Beispiel für Darwinitis sein soll, wie Gabriel behauptet, egal, ob ironisch oder nicht - sich irgendwie Sozialdarwinismus aus Darwinitis logisch ableiten lassen, bzw. aus Darwinitis folgen, bzw. muss Darwinitis Sozialdarwinismus implizieren. Wenn jedoch nicht, dann wäre ein Fall von Sozialdarwinismus auch kein Beispiel für Darwinitis.

Vielleicht ist diese Verbindung aber auch nur kontingent gemeint: fast alle derjenigen, die von der Krankheit "Darwinitis" befallen sind, sind auch Sozialdarwinisten, sprich: es besteht nur ein kontingenter, aber kein logischer Zusammenhang. Analog zu : alle armen Teufel, die an Darwinitis leiden, leiden auch an Bronchitis. Dann wäre analog ein "wunderbar ironisches" Beispiel für Darwinitis ein Film, in dem jemand an Bronchitis leidet.




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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 22:11

Stefanie hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 21:48
Wenn ich das richtig verstanden habe, kritisiert Gabriel die weitverbreitete Neigung, alles aber auch alles mit biologischen Wissen herleiten zu wollen, erklären zu wollen und dann auch noch menschliche Handlungen damit zu rechtfertigen. Das nennt er Darwinitis, der sich wie ein Virus ausbreitet.
Er kritisiert diese einseitige Sichtweise.

Geht jetzt es bei den Differenzen hier um den Sachverhalt, den Gabriel kritisiert, oder um den Begriff, den er verwendet?
Mir geht es nicht um Begriffe, ich halte es allerdings für strategisch unklug, Kampfbegriffe zu verwenden. "Neuromanie" und "Darwinitis" sind Fremdbezeichnungen, die, da negativ belegt (hier werden Ansichten als krankhaft denunziert) wohl kaum als Eigenbezeichnungen angenommen werden. Vernünftiger - falls man denn überhaupt eine vernünftige Diskussion führen möchte - erschiene es mir, neutrale Bezeichnungen zu wählen, da man dann eher Leute fände, die diese Ansichten vertreten wollen und die Bezeichnung für ihre Ansicht akzeptieren.

Ob es nun eine weitverbreitete Neigung ist, "alles aber auch alles mit biologischen Wissen herleiten zu wollen, erklären zu wollen und dann auch noch menschliche Handlungen damit zu rechtfertigen" scheint mir ziemlich strittig zu sein - ich z.B. denke das nicht. Gabriel sagt das auch nicht, lies nochmal das Zitat aus dem Eingangsbeitrag, da ist erst mal keine Rede von Rechtfertigungen, diese werden erst später übergangslos eingeschmuggelt.

Auch in dem Buch, auf das sich Gabriel bezieht (Raymond Tallis, Aping Mankind: Neuromania, Darwinitis and the Misrepresentation of Humanity) scheint von Rechtfertigungen keine Rede zu sein, das hat Gabriel anscheinend einfach so dazugedichtet.




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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 22:24

Tosa Inu hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 21:52
Herr K. hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 21:07
Und dass, wenn Ansichten auf diese Art in die Nähe von Krankheiten gerückt werden, man das als Kampfbegriffe ansehen kann?
Das finde ich auch unglücklich und ist eher Kulturkampf. Sollte man nicht unbedingt weiter treiben, wenngleich die "Doofen", "Religioten" usw. noch die netteren Bezeichnung sind, die Biologisten gerne und freigiebig verteilen. Wennn dann mal eine Echo kommt ...
Das ist jedoch eine Argumentation nach folgendem Muster: Ella hat mir ihr Schippchen auf den Kopf gehauen, also darf ich auch Hans mein Schippchen auf den Kopf hauen.




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Herr K. hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 22:24
Das ist jedoch eine Argumentation nach folgendem Muster: Ella hat mir ihr Schippchen auf den Kopf gehauen, also darf ich auch Hans mein Schippchen auf den Kopf hauen.
Ja.
Aber Kulturkampf ist eben auch eine Realität.
Wie willst Du mit Richard Dawkins reden?

PS: Gabriel ist da vielleicht auch US geprägt. Die streiten sich da wie die Kesselflicker und arbeiten dann doch glänzend zusammen. Das hat Gabriel beeindruckt, habe ich mal in einem Interview gehört.
Zuletzt geändert von Tosa Inu am Mi 6. Dez 2017, 22:33, insgesamt 1-mal geändert.



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Mi 6. Dez 2017, 22:32

Es gibt außer den Buchbesprechungen noch keine weiteren deutschen Texte zu dem Thema und gewählten Begriff. Zumindest nicht im internet. Einige von den Buchbesprechungen habe ich mir durchgelesen.

Gabriel hat nichts dazu gedichtet, er hat eine eigene Sichtweise dargestellt und dazu auf bestehende Ansichten zu gegriffen.

Also haben wir hier mehrere Diskussionspunkte: der Begriff, die Frage, ob es so ist, wie Gabriel meint, die Frage von Handlungen erklären und Handlungen rechtfertigen.

Was wäre denn für dich eine neutrale Bezeichnung?



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Herr K.
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Mi 6. Dez 2017, 22:47

Tosa Inu hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 22:30
Aber Kulturkampf ist eben auch eine Realität.
Wie willst Du mit Richard Dawkins reden?
Ich bin ein furchtbar naiver Mensch, d.h. ich glaube tatsächlich - ungeachtet jeglicher gegensätzlicher Befunde, die ich gerne ignoriere, weil ich es glauben will - immer noch daran, dass zumindest die meisten Menschen sich auf vernünftige Weise verständigen können.

Nun mag ich Richard Dawkins nicht besonders, aber wenn ich mit ihm reden würde, würde ich ergo versuchen, vernünftige Argumente vorzubringen.
Tosa Inu hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 22:30
PS: Gabriel ist da vielleicht auch US geprägt. Die streiten sich da wie die Kesselflicker und arbeiten dann doch glänzend zusammen. Das hat Gabriel beeindruckt, habe ich mal in einem Interview gehört.
Echt? Ich lese viel im anglo-amerikanischen Raum. Es gibt da Besonderheiten, insbesondere was Religion angeht - die ist in den USA sehr viel weiter verbreitet. Und dort gibt es insofern auch einen Kulturkampf, den es bei uns nicht gibt und auch spezielle Empfindlichkeiten, die es bei uns ebenfalls nicht gibt. Einige Verhältnisse sind sehr andere, z.B. was die Anzahl der Morde und die Anzahl der Inhaftierten angeht, u.a. aufgrund dessen wird das Thema "freier Wille" anders diskutiert.

Vielleicht sind meine Interessen nun auch zu speziell, aber diesen Eindruck habe ich bislang gewonnen: im anglo-amerikanischen Raum sind philosophische Diskussionen - zumindest die, die ich verfolgt habe - sachorientierter als in Deutschland. Man findet seltender solche üblen Diskussionstricks, die z.B. Gabriel mE anwendet. Es wird mehr Mühe darauf verwendet, die Position des Meinungsgegners zu verstehen und richtig darzustellen.




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