Fargo

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Tosa Inu
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 11:15
Falsch ist zu sagen, dass wir nichts sind als Bio Maschinen, auch wenn das in sich logisch kohärent sein mag.
Wenn es logisch kohärent ist, worin liegt dann der Fehler, der nicht einfach als Ausdruck eines anderen Weltbildes zu deuten ist?
Man kann ja sagen, dass man es aus bestimmten Gründen nicht möchte, dass Menschen so gesehen werden, aber das wäre für mich Ausdruck eines Weltbildes.
Für mich ist das problemfrei, für Gabriel kann es das aber nicht sein, da er Weltbilder ablehnt.
Ich würde höchstens danach fragen, welches Weltbild denn das bessere ist und welche Kriterien wir für diese Einschätzung haben.



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Jörn Budesheim
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Eine Ansicht, ist dann fehlerhaft, wenn sie nicht den Tatsachen entspricht. Das gilt auch für die Sinnfeld Ontologie von Markus Gabriel. Kohärent können auch völlige Wahngebilde sein, daher ist Kohärenz auf keinen Fall ein ausreichendes Kriterium. Allgemeine WahrheitsKriterien kann es meines Erachtens aus prinzipiellen Erwägungen heraus niemals geben. Darüber hatte ich bereits einen Thread initiiert. Wenn du anderer Ansicht bist, dann wäre ich sehr gespannt sie zu hören. 😊 Es bleibt, Belege zu sammeln, Angebote zu unterbreiten, sie zu diskutieren und sich gemeinschaftlich (im Konsens und Dissens) auf den Weg zur Wahrheit zu machen. Aber es ist unfair von einer Theorie etwas zu verlangen, was man von keiner anderen Theorie ebenso verlangen könnte, nämlich allgemeine WahrheitsKriterien.



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

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Do 7. Dez 2017, 11:51

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 11:32
Eine Ansicht, ist dann fehlerhaft, wenn sie nicht den Tatsachen entspricht. Das gilt auch für die Sinnfeld Ontologie von Markus Gabriel.
Die sich an der Stelle aber in nichts vom Naturalismus unterscheidet und da war Brandom schon weiter.
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 11:32
Kohärent können auch völlige Wahngebilde sein, daher ist Kohärenz auf keinen Fall ein ausreichendes Kriterium.
Ja.
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 11:32
Allgemeine WahrheitsKriterien kann es meines Erachtens aus prinzipiellen Erwägungen heraus niemals geben. Darüber hatte ich bereits einen Thread initiiert. Wenn du anderer Ansicht bist, dann wäre ich sehr gespannt sie zu hören.
Ich bin nicht anderer Ansicht.
Es gibt Wahrheiten, ausgehend von dem, was man dafür hält und nicht umsonst eine ganze Latte an Wahrheitstheorien. Alle haben, wenn sie alleine stehen sollen, ihre Schwierigkeiten. Es gibt also nur in einem begrenzten Maße "die Wahrheit" als letzten Schiedsrichten, an dem man abprallen kann.
Vielmehr scheint es oft so zu sein, dass die Welt der Tatsachen sich danach richtet, was ich über sie denke, um es mal offensiv zu formulieren.
Wie weit das reicht, kann ich nicht sagen.
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 11:32
Es bleibt, Belege zu sammeln, Angebote zu unterbreiten, sie zu diskutieren und sich gemeinschaftlich (im Konsens und Dissens) auf den Weg zur Wahrheit zu machen. Aber es ist unfair von einer Theorie etwas zu verlangen, was man von keiner anderen Theorie ebenso verlangen könnte, nämlich allgemeine WahrheitsKriterien.
Das habe ich gar nicht verlangt.
Von Gabriel verlange ich nur eine saubere Definition von Sinnfeld, die ich so bisher nicht gefunden habe. Das allerdings sollte man verlangen können.



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Jörn Budesheim
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Do 7. Dez 2017, 11:57

Tosa Inu hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 11:51
Die sich an der Stelle aber in nichts vom Naturalismus unterscheidet
Wieso?



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Do 7. Dez 2017, 12:03

Weil der auch korrespondenztheoretisch arbeitet.
Brandom will den Vorrang des Bildes der Übereinstimmung gerne zugunsten eines normativen Ansatzes aufbrechen, in dem es dann auch eigene Welten gibt, bei ihm physikalische, numerische und fiktionale, da ist er dann bei Gabriel. Der ist allerdings eher gegen Brandom eingestellt, was ich nicht so recht verstehe.

Ich muss nun aber leider weg, später mehr.



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Do 7. Dez 2017, 12:08

Die Ansicht, dass eine Meinung dann wahr es, wenn das was sie glaubt, auch der Fall ist, ist doch nicht auf Naturalismus festgelegt?!
Ich muss nun aber leider weg, später mehr.
Ich kann heute leider nicht weg, weil ich flach liege :)



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Do 7. Dez 2017, 15:09

Na dann, gute Besserung.
Ich war weg, damit ich nicht flach liege, in der Zappelbude.



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Herr K.
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Do 7. Dez 2017, 15:56

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 08:35
Ich gebe dazu (nur sinngemäß) die Passagen, die nach meiner Ansicht entscheidend sind, wieder. Der Polizist fragt Malvo nach den [Rechtfertigungs-]Gründen: "Wie können Sie so lügen (und > morden)?" Malvo beantwortet diese Frage mit dem zunächst kryptischen Hinweis auf die Evolution des Menschen: "Wussten Sie, dass das menschliche Augen mehr Grüntöne unterscheiden kann als ... Meine Frage lautet: Warum ist das so?" Und schließlich folgendes: "When you figure aout the answer to my question, then you'll have the answer to yours." Was ich so deute: "Wenn Sie die Antwort auf meine Frage (nach den Grüntönen, der evolutionären Geschichte des Menschen und dem Warum) haben, dann haben Sie die Antwort auf Ihre Frage (nach den Gründen der Handlungen)" Die Vermischung, die hier moniert wurde, ist das, was Gabriel kritisiert und zum Beispiel mit dieser Szene in den Blick nimmt und nicht etwa ein Fehler, der Gabriel vielleicht aus Unachtsamkeit einfach unterläuft.
Die Vermischung von Erklären und Rechtfertigen (bzw.: zu meinen, dass eine Erklärung eine Rechtfertigung sei) ist allerdings auch das, was ich an Gabriel kritisiere. Anders gesagt: ich meine nicht, dass aus Darwinitis Sozialdarwinismus folgt. Nun mag das zwar vielleicht Malvo meinen, aber er irrt dann eben darin. Daher irrt Gabriel, wenn er meint, dass Malvos anscheinender Schluss (was evolutionär erklärt werden kann, ist gerechtfertigt) ein Beispiel für Darwinitis sei.

Wobei ich "Darwinitis" so verstehe (aus diesem Link: In Aping Mankind, an Atheist Professor of Medicine Exposes Weaknesses in Evolutionary Psychology - Casey Luskin):

"Darwinitis" - die Tendenz, alles in darwinistischen evolutionären Begriffen zu erklären

Was jedoch etwas anderes ist als Sozialdarwinismus, Zitat Gabriel: "Der Sozialdarwinismus steht für die These, dass jegliches zwischenmenschliche Verhalten nach den durch die Evolutionsbiologie erforschbaren Parametern für das Überleben von biologischen Spezies verstanden, erklärt und gerechtfertigt werden kann."

Wenn wir uns nun weiterhin einig sind, dass aus einer Erklärung einer Handlung nicht schon die Rechtfertigung einer Handlung folgt, dann folgt ergo aus Darwinitis nicht Sozialdarwinismus.

Nun mag man gerne Darwinitis kritisieren, jedoch hat das nichts mit Sozialdarwinismus zu tun. Oder so gesagt: wenn man Sozialdarwinismus kritisiert, dann kritisiert man damit nicht auch Darwinitis. Übrigens kritisiert man auch nicht Materialismus/Naturalismus, wenn man Darwinitis kritisiert.




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Jörn Budesheim
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Do 7. Dez 2017, 16:05

Sorry, ich muss passen, ich habe keine Ahnung worauf du hinaus willst ... So als würdest du über einen komplett anderen Text sprechen. Ich hatte versucht, den Punkt mit den "Fehldeutungen der Menschheit durch sich selbst", der auch wichtig ist für den Zusammenhang, in dem diese Passage steht, deutlicher zu machen. Aber das hast du komplett ignoriert.
Herr K. hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 22:47
Es wird mehr Mühe darauf verwendet, die Position des Meinungsgegners zu verstehen und richtig darzustellen.
Bist du dir sicher, dass du nach dieser Methode vorgehst?



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Herr K.
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Do 7. Dez 2017, 22:20

Stefanie hat geschrieben :
Mi 6. Dez 2017, 22:32
Was wäre denn für dich eine neutrale Bezeichnung?
Um nochmal auf diese Frage zurück zu kommen: in einem Artikel über das Buch habe ich die beiden alternativen Bezeichnungen "Pop-Neurowissenschaft" und "Pop-Darwinismus" gelesen. Das erscheint mir neutraler als die beiden Bezeichnungen von Tallis, die an Bezeichnungen für Krankheiten angelehnt sind.

Pop-Darwinismus wäre z.B. sowas (Zitat aus dem Buch Raymond Tallis - Aping Mankind: Neuromania, Darwinitis and the Misrepresentation of Humanity - übersetzt mithilfe von DeepL):

Betrachten Sie die jüngste Behauptung, dass evolutionäre Psychologie erklären kann, warum Rosa mit Weiblichkeit und Blau mit Männlichkeit assoziiert wird. Die Frauen in der Vorgeschichte waren die wichtigsten Obstsammlerinnen und hätten empfindlich auf die Farben der Reife reagiert: die sich vertiefenden Rosatöne. Männer hingegen hätten nach gutem Jagdwetter und Wasserquellen gesucht, die beide mit Blau verbunden sind. Tatsächlich galt Blau im viktorianischen Großbritannien als die passende Farbe für Mädchen (mit der Jungfrau Maria assoziiert) und Pink für Jungen (eine verwässerte Version der "heftigen" Farbe Rot). Farbpräferenzen sind daher kaum in den Eigenschaften des Gehirns verwurzelt, das in der pleistozänen Epoche geformt wurde. Sie sind historisch, nicht biologisch, bestimmt; aber erwarten Sie nicht, dass ein Evolutionspsychologe das erkennt. (p. 48)

Und das ist in der Tat eine recht bizarre Behauptung und Erklärung der evolutionären Psychologie.

Allerdings verstehe ich immer noch nicht, was das nun mit dem psychopathischen Auftragsmörder Lorne Malvo und mit Sozialdarwinismus zu tun hat, d.h. ich verstehe die Verbindung nicht, die Gabriel in seinem Buch - zitiert im Ausgangsbeitrag - herstellt. Ich finde, das ist nun eine sehr einfache Frage, die sich daraus ergibt, einfacher kann ich sie nicht formulieren: worin besteht die Verbindung zwischen Darwinitis/Pop-Darwinismus und dem psychopathischen Auftragsmörder und Darwinitis/Pop-Darwinismus und Sozialdarwinismus?




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Stefanie
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Do 7. Dez 2017, 22:41

Er führt sein Verhalten - das Töten- darauf zurück, dass der Mensch von Jägern und Mördern abstammen, und es daher eine natürliche Notwendigkeit ist, zu töten. Er rechtfertigt sein Verhalten damit, das ist das "mehr" zum Sozialdarwininismus.

Das Beispiel mit dem pink und blau würde dem entsprechen, wenn eine bestimmte Handlung damit gerechtfertigt wird, z.b. dass verboten wird, dass jungen pink und das Mädchen blau tragen dürfen.

Zumindest habe ich das so verstanden.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)

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Herr K.
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Do 7. Dez 2017, 22:52

So habe ich das auch verstanden. Allerdings beantwortet das nun nicht meine Frage, wieso aus Darwinitis/Pop-Darwinismus Sozialdarwinismus folge. Denn in dem Pop-Darwinismus-Beispiel - so krude es auch ist - ist nicht die Rede von einem Sollen bzw. von Verboten.

Nehmen wir nun einmal Folgendes an: der psychopathische Auftragsmörder rechtfertige sein Handeln nicht mit einer evolutionären Erklärung, sondern sei hochreligiös und rechtfertige seine Taten mit einem angeblichen Befehl Gottes. Wäre er dann ein gutes Beispiel für Religiösität? Und wenn nein: wieso aber in dem anderen Falle ein gutes Beispiel für Darwinitis/Pop-Darwinismus?




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Do 7. Dez 2017, 22:58

Herr K. hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 22:20
Ich finde, das ist nun eine sehr einfache Frage, die sich daraus ergibt, einfacher kann ich sie nicht formulieren: worin besteht die Verbindung zwischen Darwinitis/Pop-Darwinismus und dem psychopathischen Auftragsmörder und Darwinitis/Pop-Darwinismus und Sozialdarwinismus?
Ich kenne jetzt diesen Film nicht, aber es gibt in der Tat Bestrebungen Erklärungen und Rechtfertigungen gleichzusetzen, gerade auch aus dem Lager der Biologisten, schlagendes Beispiel, der Dir bekannte Sam Harris, den Du mal knapp und treffend als "grauenvoll" (oder "grauenhaft") bezeichnet hast und der kein "Geringerer" ist, als einer der vier "Horsemen". Er ist sehr bemüht den naturalistischen Fehlschluss in Zweifel zu ziehen und in der Szene gilt ein philosophisches Argument so gut wie nichts, weil Philosophie in toto entwertet ist. Laberei, Spinnerei, unscharfes Geschwurbel, alles nichts gegen die knallharten Fakten der Naturwissenschaft.

Ob das nun ein philosophischer Fehlschluss ist, interessiert da einfach niemanden, weil sie das alles für Gelaber halten, die tragen Dir den Kulturkampf ins eigene Wohnzimmer, ob Du willst oder nicht. Da kann man den Mantel des Schweigens drüber breiten und gehen und sollte es auch oft tun, aber ich finde, es ist wie mit den Nazis, manchmal muss man dagegen halten, einfach um nicht jeden Müll unwidersprochen stehen zu lassen, oder zur Selbstentlarvung.

Die Verbindung finde ich eigentlich recht einsichtig. Unter Sozialdarwinismus wird in aller Regel verstanden, dass der Stärkere mit dem Schwächeren macht, was er will, weil die Natur eben auch so ist (angeblich) und wir eben Naturwesen sind (angeblich). Ist aber nun mal nicht selten deren Mantra. Den psychopathischen Mörder zeichnet aus dieser Sicht eine besondere biologische Fitness aus, da die Spieltheorie erwiesen hat, dass beim flotten Durchrechnen von Beschädigungskämpfern im Vergleich zu Kommentkämpfern die Beschädigungskämpfer mit 7:5 gewinnen. Das wurde glaube ich von Winkler errechnet, jedenfalls nahm Dawkins dies zum Anlass seine Theorie der egoistischen Gene und eines damit verbundenen grundlegenden Egoismus des Biologischen zu formulieren.

Das Argument ist immer dasselbe: Man macht es, weil man es kann (also andere kaputt) und höher reicht die Kooperation bei Tieren ohnehin nicht, über die Ethik der Putzerfische kommt Dawkins nicht hinaus, reziproker Altruismus (also einer, der Egoismus als Wurzel hat), mehr geht nicht. Der Psychopath ist halt fitter unt tut, was er tut, weil er's kann. So ist die Natur. Punkt.



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Herr K.
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Do 7. Dez 2017, 23:50

Ich bin weder Fan von Dawkins, noch von Harris, noch von Schmidt-Salomon - aber Sozialdarwinist ist keiner von den Dreien, das zu behaupten, wäre mE eine nicht haltbare Unterstellung.

Nun ist es ein Fehlschluss, aus "das ist so" oder "das war immer so" zu schließen: "das soll so sein". Jedoch hat das aber auch nichts mit Darwinitis/Pop-Darwinismus zu tun bzw. folgt nicht daraus. Und daher finde ich es recht merkwürdig, dass Gabriel diese Verbindung herstellt. Um das nochmal zu erwähnen: Raymond Tallis, aus dessen Buch Gabriel die Begriffe "Neuromanie" und "Darwinitis" hat, tut das mW nicht, das scheint auf Gabriels Mist gewachsen zu sein.

Was insbesondere auch deswegen merkwürdig ist, weil die Beispiele, die Tallis für Pop-Darwinismus bringt, schon für sich absurd sind. Es braucht keine an den Haaren herangezogene Verbindung zu psychopathischen Mördern und Sozialdarwinismus, um das darzulegen.




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Jörn Budesheim
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Herr K. hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 22:20
Ich finde, das ist nun eine sehr einfache Frage, die sich daraus ergibt, einfacher kann ich sie nicht formulieren: worin besteht die Verbindung zwischen Darwinitis/Pop-Darwinismus und dem psychopathischen Auftragsmörder und Darwinitis/Pop-Darwinismus und Sozialdarwinismus?
Ich für meinen Teil finde keineswegs, dass der Text Anlass zu dieser Frage gibt. Der Inhalt des Textes wird von dir weitgehend ausgeblendet, was zu den Missverständnissen führt. Was es meines Erachtens dazu zu sagen gibt, habe ich weiter oben bereits ausgeführt, aber darauf möchtest du nicht eingehen.



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Herr K. hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 23:50
Ich bin weder Fan von Dawkins, noch von Harris, noch von Schmidt-Salomon - aber Sozialdarwinist ist keiner von den Dreien, das zu behaupten, wäre mE eine nicht haltbare Unterstellung.
Sozialdarwinismus ist eine sozialwissenschaftliche Theorierichtung,[1] die einen biologistischen Determinismus als Weltbild vertritt. Sie war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis zum Ersten Weltkrieg sehr populär.[2] Sie wendet Teilaspekte des Darwinismus auf menschliche Gesellschaften an und fasst deren Entwicklung als Folge natürlicher Selektion beim „Kampf ums Dasein“ auf.[3][4] Die unterschiedlichen Spielarten des Sozialdarwinismus stimmen nach Franz M. Wuke
tits in drei Kernaussagen überein:[5]

[*] Darwins Theorie der Auslese ist in sozialer, ökonomischer und auch moralischer Hinsicht maßgeblich für die menschliche Entwicklung.
[*] Es gibt gutes und schlechtes Erbmaterial.
[*] Gute Erbanlagen sollen gefördert, schlechte ausgelöscht werden.

Kritisiert wird am Sozialdarwinismus unter anderem eine unkritische Übertragung von biologischen Gesetzmäßigkeiten auf menschliche Gesellschaften.[6] Zudem sind mehrere seiner naturwissenschaftlichen Grundannahmen nicht von Darwins Theorie gedeckt und werden von der modernen Wissenschaft als überholt angesehen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus
Zur ersten Unterstreichung:
"Dieser Egoismus des Gens wird gewöhnlich egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen. Es gibt jedoch, wie wir sehen werden, besondere Umstände, unter denen ein Gen seine eigenen egoistischen Ziele am besten dadurch erreichen kann, daß es einen begrenzten Altruismus auf der Stufe der Individuen fördert. Die Worte „besonders“ und „begrenzt“ in diesem Satz sind wichtig. So gern wir auch etwas anderes glauben wollen, universelle Liebe und das Wohlergehen einer Art als Ganzes sind Begriffe, die evolutionstheoretisch gesehen einfach keinen Sinn ergeben.
...
Ich selbst bin der Meinung, daß eine menschliche Gesellschaft, die lediglich auf dem Gesetz des universellen, rücksichtslosen Gen-Egoismus beruhte, eine Gesellschaft wäre, in der es sich sehr unangenehm lebte. Unglücklicherweise jedoch hört etwas, das wir beklagen, und sei es auch noch so sehr, deshalb nicht auf, wahr zu sein. Dieses Buch soll vor allem interessant sein. Wenn der Leser jedoch eine Moral aus ihm ableiten möchte, möge er es als Warnung lesen: Wenn er – wie ich – eine Gesellschaft aufbauen möchte, in der die einzelnen großzügig und selbstlos zugunsten eines gemeinsamen Wohlergehens zusammenarbeiten, kann er wenig Hilfe von der biologischen Natur erwarten. Laßt uns versuchen, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit zu lehren, denn wir sind egoistisch geboren. Laßt uns verstehen lernen, was unsere eigenen egoistischen Gene vorhaben, denn dann haben wir vielleicht die Chance, ihre Pläne zu durchkreuzen – etwas, das keine andere Art bisher jemals angestrebt hat."
Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1989, 1994 by Richard Dawkins, dt. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Mai 1996, S. 22f
Dass Dawkins' Aussagen hier zutiefst selbstwiederspürchlich sind, sei geschenkt, denn entweder, wir sind genetisch determiniert, dann nützt die Lehre der Großzügigkeit und Selbstlosigkeit (die Dawkins im Gotteswahn auch sogleich wieder kassiert) schlicht nichts, oder wir sind nicht genetisch determiniert, dann ist die Kernthese des Buches ganz einfach platt.

Zur zweiten und dritten Unterstreichung ein Artikel aus der FAZ:
Der Biologe Richard Dawkins rät über Twitter zur Abtreibung aller Föten mit Downsyndrom. In unserer Optimierungsgesellschaft scheint er für sie keinen Platz zu sehen.
Weiter lesen ...

Richard Dawkins erklärt sich dann später noch einmal auf seiner eigenen Website.
Dort sind seine Kritiker keine Kritiker, sondern "Haters" und "My phraseology may have been tactlessly vulnerable to misunderstanding, but I can’t help feeling that at least half the problem lies in a wanton eagerness to misunderstand."

Das ist für mich eine intellektuelle und moralische Bankrotterklärung auf ganzer Linie. Privat mag jeder denken was er will und raten, was er meint. Aber wer als öffentliche Person, in aller Öffentlichkeit (twitter) es als unmoralisch bezeichnet, ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt zu bringen, ist mit der Bezeichnung Sozialdarwinist noch äußerst zuvorkommend bedient. Der Versuch sich selbst dann als Opfer darzustellen, ist bestenfalls peinlich.



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Tosa Inu hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 22:58
... weil Philosophie in toto entwertet ist. Laberei, Spinnerei, unscharfes Geschwurbel, alles nichts gegen die knallharten Fakten der Naturwissenschaft.
Tosa Inu (paraphrasierend) hat geschrieben :
Do 7. Dez 2017, 22:58
So ist die Natur. Punkt.
Hegel hat geschrieben : "Der Geist ist nur, wozu er sich macht; er ist Tätigkeit, sich zu produzieren, sich zu erfassen."
Dann sieht man natürlich besonders alt aus, wenn man denen auch noch mit Hegel kommt :-)



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Fr 8. Dez 2017, 11:03

Stimmt, Hegel ist eines der Feinbilder per se, der Oberschwurbler.
Heißt natürlich nicht, dass man ihn gelesen hätte, wozu auch, der schwurbelt ja nur.
Ist immerhin konsistent.



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Fr 8. Dez 2017, 12:32

Würde man einfach ohne Quelle behaupten, dass manche Denker das vertreten, was Dawkins dort oben tatsächlich sagt, würde der Vorwurf, man würde nur Strohmänner bekämpfen, sicher nicht lange auf sich warten lassen :)

Ich habe jedoch eine vage Erinnerung, dass Dawkins zumindestens gelegentlich darauf hinweist, dass die Rede vom egoistischen Gen nur metaphorisch gemeint ist.



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Sa 9. Dez 2017, 17:44

@Tosa Inu

Du bist nun irgendwie an meinem eigentlichen Punkt herumgesegelt. Um den nochmal anders zu formulieren: nehmen wir einmal an, es gäbe Materialisten/Naturalisten/Physikalisten, die Sozialdarwinisten seien und/oder einem Pop-Darwininismus und/oder einer Pop-Neurowissenschaft anhingen und/oder die Sätze wie "So ist die Natur. Punkt." äußerten, (eine Annahme, die mE wahr ist).

Daraus folgt aber weder ein Argument gegen Materialismus/Naturalismus/Physikalismus, noch folgt ein Argument gegen Darwinismus oder gegen Neurowissenschaften. Es sei denn, dass Materialismus/Naturalismus/Physikalismus derartiges implizieren würde, was jedoch zumindest ich nicht meine.




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