Heinrich Heine: Sie erlischt

Raum für Besprechung von Romanen, Gedichten und Geschichten
Antworten
Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 14222
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 17. Nov 2020, 06:28

Sie erlischt (Heinrich Heine)

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
Ob ihnen auch das Stück gefallen?
Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.
Ein hochverehrtes Publikum
Beklatschte dankbar seinen Dichter.
Jetzt aber ist das Haus so stumm,
Und sind verschwunden Lust und Lichter.

Doch horch! ein schollernd schnöder Klang
Ertönt unfern der öden Bühne; ­
Vielleicht, daß eine Seite sprang
An einer alten Violine.
Verdrießlich rascheln im Parterr
Etwelche Ratten hin und her,
Und alles riecht nach ranzgem Öle.
Die letzte Lampe ächzt und zischt
Verzweiflungsvoll und sie erlischt.
Das arme Licht war meine Seele.



Schätze ich: Echt sein und ein Herz haben

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 14222
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 17. Nov 2020, 06:31

Das Gedicht ist "ausgelagert" aus diesem Thread über Gründe, Argumente und eben auch Poesie: viewtopic.php?t=211&start=260



Schätze ich: Echt sein und ein Herz haben

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 14222
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 17. Nov 2020, 06:45

Es mag vielleicht unpassend sein damit zu beginnen: mich haben die Reime beeindruckt, weil hier so wunderbar Form und Inhalt eins sind. In dem ersten, dem offiziellen Teil, sind alle Reime rein. Aus reimt sich auf Haus und gefallen auf schallen. Im zweiten dem unterirdischen Teil sind die Reime gemäß der Scene oftmals viel schräger: da reimen sich Bühne auf Violine und Öle auf Seele. Dazu passt, dass im ersten Teil das Reimschema viel einfacher und eingängiger ist, während es im zweiten Teil deutlich komplizierter ist.

Das ist schon sehr kunstvoll, finde ich. Das wirkt hintergründig und wenn man es bemerkt, ist man auch nicht verstimmt, wie ich finde :)



Schätze ich: Echt sein und ein Herz haben

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 14222
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Sa 21. Nov 2020, 06:52

Heinrich Heine: Nachgelesene Gedichte 1845 - 1856

Der Scheidende

Erstorben ist in meiner Brust
Jedwede weltlich eitle Lust,
Schier ist mir auch erstorben drin
Der Haß des Schlechten, sogar der Sinn
Für eigne wie für fremde Not -
Und in mir lebt nur noch der Tod!

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und gähnend wandelt jetzt nach Haus
Mein liebes deutsches Publikum,
Die guten Leutchen sind nicht dumm,
Das speist jetzt ganz vergnügt zu Nacht,
Und trinkt sein Schöppchen, singt und lacht -
Er hatte recht, der edle Heros,
Der weiland sprach im Buch Homeros':
Der kleinste lebendige Philister
Zu Stukkert am Neckar, viel glücklicher ist er
Als ich, der Pelide, der tote Held,
Der Schattenfürst in der Unterwelt.


https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren ... cheidd.htm



Schätze ich: Echt sein und ein Herz haben

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 14222
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Sa 21. Nov 2020, 06:55




Schätze ich: Echt sein und ein Herz haben

Benutzeravatar
Stefanie
Beiträge: 4593
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 20:09

So 22. Nov 2020, 19:53

Mir gefällt der Stil, so lakonisch, staubtrocken wie man bei uns sagt, und und zum Punkt gebracht. Kein Geschwurbel.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)

Antworten