Melanie Möller und Eva Geulen im Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht

Hier werden Vorträge diskutiert, die online als Video verfügbar sind.
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Nauplios
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Mi 3. Feb 2021, 01:49

iselilja hat geschrieben :
Di 2. Feb 2021, 22:29

Ich würde sogar etwas weiter gehen, mich aus dem Fenster lehnen (aber keine Sorge, ich darf das.. ich bin schon geübt darin :-) ) und fragen: ist das nicht ohnehin ein wesentliches Merkmal des künstlerischen Anspruchs? Oder gar der Kunst an sich?

(...)

Bleiben wir im künstlerischen Bereich der Sprachlichkeit - also der Poesie im Allgemeinen - stellen wir letzendlich das selbe fest.
Ja, dieser Gedanke der Unbegrifflichkeit hat in den letzten Jahrzehnten Philosophen und Künstler gleichermaßen fasziniert. Unbegrifflichkeit als "Paradigma der Moderne":

https://books.google.de/books?id=sNAFOc ... it&f=false

Zumindest als Paradigma der Kunst der Moderne scheint mir die Unbegrifflichkeit von Bedeutung.

https://www.deutschlandfunk.de/die-male ... e_id=79687

Vielleicht hilft es auch, wenn man sich noch mal die Kant'sche Dichotomie von Anschauung und Begriff vergegenwärtigt. "Gedanken ohne Inhalt sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind." Inwieweit sind Anschauungen und Begriffe jedoch eigenständig? - Läßt sich bei der Anschauung (von Kunst) immer alles gleich auf Begriffe bringen? Was bedeutet stummes Betrachten? Gibt es hier vielleicht ein Sinnfeld ganz eigener Art, in dem sich Kunst ereignet? - Möglich, daß sich eine solche Überlegung als toter Arm erweist. Ich laß' es mal dahingestellt. -




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Nauplios
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"Das Besondere keck:
Ich will mich zeigen!
.
Das Allgemeine leis:
Muss ich dann schweigen?
.
Das Beispiel fröhlich
(Und im Vorbeigehen:)
.
Ich bin ihr beide ...
Und das ganz eigen."

Hier hat man die In-Szene-gesetzte Prosopopoîe: Sprechende Kategorien. (Paragraph 9: Quantität der Urteile - {a} allgemeine, {b} besondere, {c} einzelne)




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Jörn Budesheim
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Mi 3. Feb 2021, 09:49

Gut, dann nehme ich auch ein Bild, das du gepostet hast: deine Katze auf dem Buch. Ich gehe davon aus, dass deine Katze dich erkennt, dass sie weiß, dass du sie vielleicht verwöhnen wirst durch Kraulen, Füttern oder freundliches Sprechen - was auch immer. Das heißt: Katzen können denken. Und Denken ist eine begriffliche Fähigkeit. Auch Katzen können - wie wir - das Ungleiche gleichsetzen, deine Katze erkennt den Nauplios des Vortages wieder, sie kann (vielleicht) auch verschiedene Menschen in eine Kategorie packen, auch wenn sie nicht über den sprachlichen Ausdruck "Mensch" verfügt und ziemlich sicher auch einen anders gearteten Begriff hat. (Ich denke übrigens, dass auch viele der anderen Tiere "irgendwie" sprechen. Ich hab ein Buch über die Sprache der Tiere, kann aber noch nicht viel darüber berichten - aber das ist ein Gegenstand der Forschung. Aber das lasse ich der Einfachheit halber Außen vor.)

Gemäß manchen Ausprägungen des linguistic turn ist Denken durch und durch sprachlich verfasst. Das halte ich für völlig falsch. Es kann gar nicht anders sein, dass auch viele der anderen Tiere denken und somit Begriffe haben mit denen sie sich in der Wirklichkeit orientieren. Katzen denken also nicht unbegrifflich, sonst würden sie gar nicht denken. Was ich dementsprechend nicht mitmache - und das ist nicht nur philosophische Erbsenzählen, weil es große Konsequenzen hat - ist die Gleichsetzung von "unsprachlich" mit "unbegrifflich". Wenn wir für etwas keine Worte haben, dann sind wir nicht dadurch im Bereich des Unbegrifflichen.

Ein Wort zu Metaphern: sie sind für mich alles andere als unbegrifflich. Sogar im Gegenteil: sie sind nach meiner Ansicht sogar eher eine höhere Form unserer begrifflichen Vermögen, weil sie (um nur ein Beispiel zu geben) sprachliches und bildliches so kombinieren können, dass Sinnschichten zugänglich werden, die für das sprachliche und bildliche Denken für sich genommen gar nicht erreichbar wären. Ich vermute, dass auf diesem Planeten kein anderes Tier über solch erstaunliche begriffliche Fähigkeiten verfügt. Es würde mich schon sehr wundern, wenn Katzen so etwas Großartiges könnten. Es ist meines Erachtens höchst irreführend, unsere höheren (und im übrigen oft auch sehr lustvollen) begrifflichen Vermögen "unbegrifflich" zu nennen :-)



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 3. Feb 2021, 09:49

Es ist meines Erachtens höchst irreführend, unsere höheren (und im übrigen oft auch sehr lustvollen) begrifflichen Vermögen "unbegrifflich" zu nennen :-)
Immerhin besteht ja noch Hoffnung, sofern meine Irreführung bei Dir offensichtlich nicht verfangen hat. -




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Jörn Budesheim
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Nauplios hat geschrieben :
Mi 3. Feb 2021, 14:30
meine Irreführung bei Dir
Ich glaube ja nicht, dass es dabei um dich und mich geht :-)



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Folgt man den Ausführungen des Aristoteles in der Rhetorik - etwa ab 1404a1 - geht es um die Aufteilung von prâgma, léxis und hypókrisis auf die Bereiche von Schein und Sein. Weil léxis und hypókrisis auf die Affekte zielen, gehören sie in den Bereich des Scheins; allein die Pragmata sind als die verhandelbaren "Sachen" Teil der Wirklichkeit. Der Gedanke liegt nahe, daß zumindest die Wirkung von léxis und hypókrisis als Sprachgestaltung und Performanz auch in die Wirklichkeit eingespeist wird, war doch in Perì Hermeneías schon von den pathémata tês psychês (16a7) die Rede, den Leidenschaften der Seele. Aristoteles greift hier auf die von Plato bereits im Kratýlos entwickelte Vorstellung des Mimetischen der Sprache zurück: sprachliche Gestaltung ist Affektgestaltung und das Mimetische ist gleichsam ihr Prinzip.

Das Altgriechische kennt diesen Aspekt der Mimesis insbesondere bei den Verben (rhémata). Was in der modernen Linguistik "Thema-Rhema-Progression" genannt wird, findet in den rhémata mimémata eine frühe Präfiguration: die rhematische Verfassung der Sprache konstituiert die Dynamik von Bedeutung. Onomatologie allein kann diesen rhematischen Schub nicht abbilden: "Die rhematische Mimesis konzipiert Bedeutung metabolisch als Verwandlung und gestaltet sie als Trope und Figur." (Gerhard Poppenberg; a.a.O.; S. 177) -

Die Metapher als Trope bewirkt in dieser Konstellation von Mimesis und Verwandlung gnôsis und diánoia, Erkenntnis und Verstehen (1410b13). In dieser Wirkung affiziert sie die Seele des Hörers, gibt Anregungen zur Suche.




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Mi 3. Feb 2021, 18:00

"Die Metapher muß Allotria treiben." (Gerhard Poppenberg; a.a.O.; S. 180) - Wenn man das so sagen darf, verfügt die Metapher über eine xenophile Charakterstärke. Fremdem gegenüber ist sie aufgeschlossen, zielt auf ein állo, auf ein Unbekanntes, Fremdes. "Das heißt auch, daß im Zentrum der Problematik des allotriotischen Erkennens und Verstehens die Frage des Nichtwissens und Nichtverstehens steht." (Gerhard Poppenberg; a.a.O.; S. 180)




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iselilja hat geschrieben :
Di 2. Feb 2021, 22:29

Passiert nicht genau das, wenn ich vor einem Etwas stehe und erkenne, dass es für mich Kunst ist. Dass es auf mich wirkt. Weil es nämlich genau diesen Spalt zwischen banaler Realität zum Anfassen einerseits und der anfänglichen Unzugänglichkeit andererseits eröffnet? Ich muss also nach anderen Wegen suchen, es für mich zugänglich zu machen. Man verweilt, betrachtet, sucht ohne genau zu wissen wonach eigentlich..
Das ist die perfekte Beschreibung der Such-Bewegung des "allotriotischen Verstehens". Heideggerisch: der spaltende Spalt im Geviert von Wirklichkeit, Wirkung, Öffnung und Gangbarmachung. ;)




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Mi 3. Feb 2021, 21:52

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 3. Feb 2021, 09:49
Gut, dann nehme ich auch ein Bild, das du gepostet hast: deine Katze auf dem Buch. Ich gehe davon aus, dass deine Katze dich erkennt, dass sie weiß, dass du sie vielleicht verwöhnen wirst durch Kraulen, Füttern oder freundliches Sprechen - was auch immer. Das heißt: Katzen können denken. Und Denken ist eine begriffliche Fähigkeit. Auch Katzen können - wie wir - das Ungleiche gleichsetzen, deine Katze erkennt den Nauplios des Vortages wieder, sie kann (vielleicht) auch verschiedene Menschen in eine Kategorie packen, auch wenn sie nicht über den sprachlichen Ausdruck "Mensch" verfügt und ziemlich sicher auch einen anders gearteten Begriff hat. (Ich denke übrigens, dass auch viele der anderen Tiere "irgendwie" sprechen. Ich hab ein Buch über die Sprache der Tiere, kann aber noch nicht viel darüber berichten - aber das ist ein Gegenstand der Forschung. Aber das lasse ich der Einfachheit halber Außen vor.)

Gemäß manchen Ausprägungen des linguistic turn ist Denken durch und durch sprachlich verfasst. Das halte ich für völlig falsch. Es kann gar nicht anders sein, dass auch viele der anderen Tiere denken und somit Begriffe haben mit denen sie sich in der Wirklichkeit orientieren. Katzen denken also nicht unbegrifflich, sonst würden sie gar nicht denken. Was ich dementsprechend nicht mitmache - und das ist nicht nur philosophische Erbsenzählen, weil es große Konsequenzen hat - ist die Gleichsetzung von "unsprachlich" mit "unbegrifflich". Wenn wir für etwas keine Worte haben, dann sind wir nicht dadurch im Bereich des Unbegrifflichen.

Ein Wort zu Metaphern: sie sind für mich alles andere als unbegrifflich. Sogar im Gegenteil: sie sind nach meiner Ansicht sogar eher eine höhere Form unserer begrifflichen Vermögen, weil sie (um nur ein Beispiel zu geben) sprachliches und bildliches so kombinieren können, dass Sinnschichten zugänglich werden, die für das sprachliche und bildliche Denken für sich genommen gar nicht erreichbar wären. Ich vermute, dass auf diesem Planeten kein anderes Tier über solch erstaunliche begriffliche Fähigkeiten verfügt. Es würde mich schon sehr wundern, wenn Katzen so etwas Großartiges könnten. Es ist meines Erachtens höchst irreführend, unsere höheren (und im übrigen oft auch sehr lustvollen) begrifflichen Vermögen "unbegrifflich" zu nennen :-)
Ich antworte mal auf diesen Beitrag, was zugleich auch ein Versuch sein soll @Alethos' Beitrag zu involvieren, der von Sinnklammerungen sprach. Aus irgendwelchen Gründen finde ich den Beitrag aber im Moment nicht mehr.

Die Ansicht von @Jörn teile ich nahezu zu 100%, dass auch bei Tieren (beschränken wir uns mal auf "höhere Grade" von Lebewesen) etwas da sein muss, was ihnen den kognitiven Zugang in der Welt ermöglichen muss - wie anders sollten sie sich sonst so sicher orientieren können. Es muss also zumindest etwas Ähnliches oder Vergleichbares vorherrschen. Für mich stellt sich da u.a. aber auch die Frage, inwieweit wir Begriffe oder unser Begriffsverständnis - also kurz das, was wir unter dem Lemma Begriff so subsumieren - in selbiger Form auf das Tiereich anwenden sollten. Denn ich gehe auch davon aus, dass es keine völlige Übereinstimmung geben kann zwischen einem tierischen und einem menschlichen Bewußtsein. Wenn also Tiere anders "sprechen", dann könnte es möglicherweise auch naturgemäß eine ganz andere Struktur des Verstehens bei ihnen geben. Denkbar ist da Vieles.

Warum ich das wichtig finde, ist auch schnell erklärt. Sollte Kunst nämlich ein typisch menschliches Phänomen sein (bleiben), hätte das trotz aller Forschung in Sachen tierischer Intelligenz enorme Auswirkungen auf unser Weltverständnis. Denn dann wäre der Mensch weder Krone der Schöpfung noch Gleiches unter Gleichen, sondern eher so etwas wie eine sehr spezifische Ausprägung unter einer Vielzahl anderer Evolutionsmöglichkeiten. Was soviel heißt wie: unsere Sicht der Dinge ist eben nur unsere spezifische Sicht der Dinge. Protagoras lässt grüßen.


Jedoch ist da noch dieses merkwürdige Feld vom Unbegrifflichen, was irgendwie trotz aller sprachlichen Näherungsversuche und Meinungsdiversität ein doch etwas unklares Phänomen zu bleiben scheint. Und möglicherweise hilft es weiter, wenn wir @Alethos Ausführungen etwas näher betrachten.

Wenn eine Metapher eine Klammerung zweier Sinnverweisungen (oder auch Sinnfelder) sei, zwischen ihnen also ein Zusammenhang höherer Ordnung besteht, dann muss diese Ordnung auch irgend eine Struktur aufweisen. Was also ist das verbindende Element zwischen Tiefflug und wirtschaftlichem Niedergang (? mir ist leider der genaue Wortlaut entfalllen, deshalb frei aus dem Gedächtnis). Nun, das Verbindende ist ganz offensichtlich das Niedrige, das Tiefe, das nach unten Weisende.

Unsere menschlichen Begriffe sind (wie Hegel schon richtig erkannte) IMMER in einem Kontext anderer Begriffe eingebettet. Es gibt keine Einzelbegriffe, die einfach so und dazu noch bedeutungsvoll für sich stehen können. Jeder Begriff ist also mindestens mit einem anderen Begriff verbunden. Andernfalls wäre es auch nicht möglich Lexika zu entwickeln. Insofern kann also Unbegrifflichkeit nicht irgendwo zwischen unseren Begriffen mysteriös herumschwirren, sondern es muss offenbar etwas anderes sein. Etwas, was real da ist, und nicht zwangsläufig etwas mit Sprache zu tun haben muss. Jedoch kann (das ist zumindest meine persönlcihe Erfahrung) fehlende Sprachmöglichkeiten ein starker Indikator dafür sein.


ps: Jetzt hätte ich das wichtigste fast vergessen.. wenn wir von Begriffen sprechen, dann sprechen wir notwendigerweise (das lässt sich auch eindeutig belegen) von Begriffsnetzen. Und wir assoziieren auch in solchen Netzen. Was letzten Endes bedeutet, dass Metaphern (wenn auch ein künstlerisches Element seiend) kein kreatives Moment haben, sondern eher den Normalfall unseres koginiven Weltzugangs darstellen.




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Do 4. Feb 2021, 19:48

Nauplios hat geschrieben :
Mi 3. Feb 2021, 18:10
Heideggerisch: der spaltende Spalt im Geviert von Wirklichkeit, Wirkung, Öffnung und Gangbarmachung. ;)
Gangbarmachung ist ein gutes Stichwort. Es wird etwas in Gang gesetzt.. zum "Laufen" gebracht. Es passiert etwas, was sich (mVn) nicht durch das Feld der bloßen Wirkung (Wirkungsmechanismen, Kausalität) abdecken lässt.

Es wäre verwunderlich, wenn es uns leichterdings gelänge, einen Begriff der Unbegrifflichkeit zu entwickeln, ein klares Verständnis davon zu haben. Und dennoch, ich weiß nicht warum, habe ich das Gefühl, dass Unbegrifflichkeit etwas reales sein muss. Etwas was passiert, etwas, was der Fall ist.




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iselilja hat geschrieben :
Do 4. Feb 2021, 19:48

Es wäre verwunderlich, wenn es uns leichterdings gelänge, einen Begriff der Unbegrifflichkeit zu entwickeln, ein klares Verständnis davon zu haben. Und dennoch, ich weiß nicht warum, habe ich das Gefühl, dass Unbegrifflichkeit etwas reales sein muss. Etwas was passiert, etwas, was der Fall ist.
Ja, das mit dem "spaltenden Spalt" war natürlich nur ein wenig sprachliche Posse, ein Übermut ... ;)

Der Gedanke der Unbegrifflichkeit ist Teil eines theoretischen Konstrukts. Wenn man sich klar machen will, was es damit auf sich hat, dann ist es vorteilhaft, einen solchen Gedanken an seinem theoretischen Ursprungsort aufzusuchen. Das gleicht einer Besichtigungstour. Man chartert einen Bus, nimmt sich ein Wochenende frei, packt etwas Proviant ein und dann kann es losgehen. Ein solches Freizeitvergnügen wurde vor einiger Zeit auch hier unternommen. Allerdings kam der Bus nie an. Unstimmigkeiten über die Existenz des Ziels, über die Route dorthin, über die Attraktivität alternativer Ziele und über den Sinn von Busreisen überhaupt vereitelten die Besichtigung vor Ort. ;)

Von erfolgreich Angekommenen sind inzwischen Interpretationen und Weiterentwicklungen bekannt wie sie beispielsweise in Unbegrifflichkeit - ein Paradigma der Moderne vorliegen. Christian Sinn berichtet dort von einer "Soziologie der Unbegrifflichkeit", andere von der Funktion der Unbegrifflichkeit in der Literatur, zum Beispiel bei Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Paul Celan oder auch in der Musik. Überhaupt hat sich ja gerade die Kunst und ihre Theorie vom Gedanken der Unbegrifflichkeit inspirieren lassen; ich denke etwa an diverse Ausstellungen im vergangenen Jahr in Münster.

Wie fruchtbar das Konzept der Unbegrifflichkeit in der Literaturwissenschaft ist, hat Ursula Renner am Beispiel von Hofmannsthal untersucht:

"Die Autorin zeigt, wie Hofmannsthal der zersetzenden Macht der Begriffssprache in einem 'Diskurs der Unbegrifflichkeit' zu entkommen sucht indem er das nonverbale Zeichensystem der bildenden Kunst literarisch für sich nutzt. Nicht daß sie 'Natur' abbildet, ist nach Hofmannsthal ihr Vorzug, sondern daß sie, wie die Träume, lebendiges Zeugnis ablegt von der schöpferischen Individualität und den 'subjektiven Wahrheiten' der Seele. Bilder 'transponieren' das 'Leben' und machen anschaulich, 'was sich im Leben in tausend anderen Medien komplex äußert'. Grundsätzlich geht es bei Hofmannsthals produktiver Rezeption bildender Kunst, u. a. der von Böcklin und Picasso, um ein zentrales Problem der klassischen Moderne - um die Frage nach der Kommunizierbarkeit von innerer Erfahrung und darum, wie das Kaleidoskop der ästhetischen Zeichen wirkungsmächtig in Bewegung gehalten werden kann." (https://www.rombach-verlag.de/buecher/s ... ilder.html

Ein anderes Beispiel im Bereich der Ästhetik und Kunsttheorie ist Gesa Ziemer; Verletzbare Orte: Versuch einer praktischen Ästhetik (https://www.researchgate.net/publicatio ... n_Asthetik).

"Hauptanliegen der Dissertation ist es, einen Entwurf einer praktischen Ästhetik zu lancieren, der an der Schnittstelle zwischen philosophischer Ästhetik und Kunst – genauer Performancekunst - im Zeichen der Bezugsgrösse der Verletzbarkeit steht. In jüngeren Ästhetikansätzen hat sich eine Auffassung herauskristallisiert, die nicht über, sondern mit Kunst reflektiert. Die Pointe im ‚Mit’ liegt darin, dass diese Ästhetiken die Kunst nicht erklären, sie bestimmen und damit ihre Bedeutung festlegen, sondern dass diese entlang der Kunst die Brüche, Widerstände und Zäsuren zwischen Wahrnehmen und Denken markieren und diese als produktiv bewerten. Diese Lesart etabliert ein Denken, das nicht aus der Distanz auf etwas schaut (theoria), sondern ästhetisch-reflektierend (zurückwendend, auch selbstkritisch) mit der Kunst denkt. Die Disziplin der Ästhetik - als aisthesis: Lehre der sinnlichen Wahrnehmung - nimmt innerhalb der Philosophie eine besondere Stellung ein, weil sie auf ebendiese Differenz verweist und deshalb sinnliche und nicht nur logisch-argumentatorische Denkfiguren stärkt. Als eine Möglichkeit, die Kluft, das Nicht-Einholbare, die brüchige Unzulänglichkeit des begrifflich Denkenden gegenüber ästhetischer Erfahrung zu stärken, schlage ich die Bezugsgrösse der Verletzbarkeit vor. Eine solche Ästhetik besteht aus dem Kreieren verletzbarer Orte, wobei diese auf zweierlei Weisen umkreist werden: Zum einen aus der Kunstpraxis heraus anhand der ästhetischen Figur des verletzbaren Körpes, wie er sich in der zeitgenössischen Performance zeigt. Zum anderen als ein Kreieren von Begriffen im Bewusstsein ihrer Verletzbarkeit. Ausgangspunkte sind die Denkentwürfe von Gilles Deleuze und Hans Blumenberg: Die Ästhetik von Gilles Deleuze entwirft eine konkrete Überschneidungsmöglichkeit von Kunst und Philosophie, aus der sich meine These des Mit-Kunst-Denkens entwickeln lässt. Sie kann aus der Grundvoraussetzung des Deleuzeschen Denkens heraus begründet werden, die besagt, dass nicht nur die Kunst, sondern auch die Philosophie eine schöpferische Tätigkeit ist. Beide Disziplinen beruhen auf dem Prinzip der creatio continua, durch welche die Kunst Empfindungen und die Philosophie Begriffe schöpft, wobei eben genau dieser schöpferische Prozess Kunst und Philosophie in ein produktives Verhältnis zueinander treten lässt. Wie Deleuze seine Begriffsarbeit entlang künstlerischer Praxis entwickelt, wird anhand der Analyse des bis heute wenig rezipierten Textes Ein Manifest weniger in Bezug auf das Theater von Carmelo Bene analysiert. Eine ganz anderen Zugang zum Entwurf einer praktischen Ästhetik liefert Hans Blumenberg, der eine Theorie der Unbegrifflichkeit in Aussicht stellt. Im Anschluss an seine Forderung, die Metapher wieder vermehrt in die philosophische Denkpraxis zu integrieren, radikalisiert er seine Forderung, auch das Nichtanschauliche zu berücksichtigen, indem er das gänzlich Unbegriffliche an die Seite des Begrifflichen stellt. Definitorische Schwäche zeigt sich als wahrhaftige Stärke, die in der Unbegrifflichkeit ihren Zenit erreicht. Der Schiffbruch wird von mir als zentrale Metapher – gewissermassen als Metapher der Metapher – verstanden, die das Auf-Grund-Laufen des Allwissenden veranschaulicht. Im Schiffbruch wird die produktive Kollision von Theorie und Praxis deutlich. Deleuze und Blumenberg zeigen über ‚creatio continua’ und ‚Unbegrifflichkeit’ die Grenzen des Begreifens, indem sie betonen, dass sich Ästhetik nicht nur auf künstlerische Erfahrungen bezieht, sondern selber in das Gegenwärtigmachen von Erfahrungen involviert ist. Daraus folgt, dass ästhetische Reflexion nicht nur begrifflich agieren muss. Die praktische Ästhetik animiert dazu, andere darstellerische Formen (Bilder, Töne, Körper) als differente und ebenbürtige reflexive Modi anzuerkennen und sie als verletzbarmachende Formate der Sprache an die Seite zu stellen. Diese Lesart betont den gestalterischen Aspekt der Ästhetik selber. Zur Verdeutlichung dieser Kluft zwischen (Körper-)Bild und Begriff ist der von mir mitgestaltete Film Augen blickeN der Dissertation als Kapitel beigefügt. Dieser Film zeigt Performer und Performerinnen, die sich bewusst entschieden haben, ihren ‚abweichenden’ Körper auf der Bühne zu präsentieren. Das Wort Verletzbarkeit verweist auf die paradoxe Situation, etwas Brüchiges tragfähig zu machen und dadurch auch auf eine besondere Beziehungsform und auf ein existenzielles Aufeinander-Verwiesensein der Menschen. Verletzbarkeit geht alle an, und stiftet deshalb eine Gemeinsamkeit besonderer Art. In diesem Sinne sind verletzbare Orte nicht nur ästhetische, sondern auch ethische Orte, womit die politische Dimension des Vorhabens betont wird."




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Aus der letztgenannten Arbeit von Gesa Ziemer:

"Blumenbergs Metapherntheorie ist für die praktische Ästhetik vor allem im Hinblick auf die Unbegrifflichkeit interessant, weil diese die Möglichkeit in Aussicht stellt, anders als rein sprachlich begrifflich zu reflektieren. In dieser Perspektive bieten sich Kunst und Gestaltung als Partner an, welche unbegriffliche Reflextionsmöglichkeiten, zum Beispiel körperliche, bildliche, akustische, räumliche, etc., liefern. Da künstlerische Praxis mit Vielfältigkeit anstatt mit Eindeutigkeit operiert, ist sie per definitionem immer schon an der Produktion des Unbegrifflichen beteiligt und verweist deshalb explizit auf die Grenzen des Begreifens und die Verletzbarkeit des Begriffes." (Gesa Ziemer; Verletzbare Orte. Versuch einer praktischen Ästhetik; S. 138) -
Zuletzt geändert von Nauplios am Fr 5. Feb 2021, 20:18, insgesamt 1-mal geändert.




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Fr 5. Feb 2021, 19:49

Jetzt überraschst Du mich, @Nauplios. Und das überaus positiv. Spiegelt Deine These deine Arbeit im Blumenbergforum ein wenig wieder oder ist das ein Produkt einer länger währenden Auseinandersetzung mit diesem ganzen Themenkomplex.

Also das hat jetzt tasächlich ein regelrechtes Feuerwerk verschiedener Assoziationen bei mir ausgelöst. Heideggers Begriff der Störung bekommt hier einen sehr interessanten Kontext anbeigestellt. Darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken. :-)




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Fr 5. Feb 2021, 20:17

Um noch ein wenig "Feuer" zu entfachen, Iselilja ;) - Gesa Ziemer exemplifiziert ihre Thesen zur Unbegrifflichkeit u.a. an Ju Gosling, einer Tänzerin, Rika Esser, einer Performerin, Simon Versnel, Sänger und Schauspieler, Raimund Hoghe, Tänzer und Choreograph. Diese Ausführungen von Gesa Ziemer sind sozusagen angehängte Zettel zum Tanz. (ab S. 186, Bilder und Begegnungen).




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Fr 5. Feb 2021, 20:41

Nauplios, Gesa Ziemer zitierend hat geschrieben :
Fr 5. Feb 2021, 19:43
Da künstlerische Praxis mit Vielfältigkeit anstatt mit Eindeutigkeit operiert, ist sie per definitionem immer schon an der Produktion des Unbegrifflichen beteiligt und verweist deshalb explizit auf die Grenzen des Begreifens und die Verletzbarkeit des Begriffes.
Das Vielfältige, Vieldeutige und Uneindeutige sind auch meiner Ansicht nach wichtige Aspekte der Kunst. Schade, dass es keine Begründung gibt, warum das zugleich eine Produktion des Unbegrifflichen sein sollte, das hätte mich interessieren.



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Sa 6. Feb 2021, 01:39

Im vergangenen Jahr wurde er mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet: Raimund Hoghe, der auch über den Tango geschrieben hat ("Bandoneon – Für was kann Tango alles gut sein? Texte und Fotos zu einem Stück von Pina Bausch")





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Sa 6. Feb 2021, 02:15

"Peeping Tom" ist eine belgische Tanztheater-Gruppe. Die Rolle des Voyers hat dabei der Zuschauer.

Triptych: The missing door, The lost room and The hidden floor (2020)





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Nauplios hat geschrieben :
Sa 6. Feb 2021, 01:39
Pina Bausch
Ich habe mal während des Studiums ein Stück Tanztheater von Pina Bausch gesehen, das war sehr beeindruckend! in Wuppertal; eine Freundin hatte mich dorthingeschleppt, ich hatte so etwas nie zuvor gesehen. Und hier in Kassel ist das Tanztheater auch ganz hervorragend, atemberaubend! Oft auch verstörend und unbegreiflich, schwer fassbar.





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Nauplios
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Do 11. Feb 2021, 10:51

Ein defensiver Reflex gegen die Moderne war das, was mit einem etwas altmodischen Ausdruck die "Rückbesinnung" auf das Griechentum im Rahmen des Dritten Humanismus (Eduard Spranger, Werner Jaeger, Stefan George u.a.) genannt werden könnte. Dieser Dritte Humanismus hatte seine - ein noch altmodischerer Ausdruck - "Blütezeit" zwischen 1890 und 1933. - Nun also der "Schwarze Humanismus" von Jürgen Paul Schwindt, ein Humanismus "ex negativo aus dem Fundament sprachlicher Einteilungs- und Ordnungsleistungen" (Jürgen Paul Schwindt; Schwarzer Humanismus. Brauchen wir eine neue Alte Philologie?, in: Merkur, Nr. 692, [2006]). -

Die Schule um Jürgen Paul Schwindt, Melanie Möller, Gerhard Poppenberg, Hans Ulrich Gumbrecht u.a. hat jedenfalls Erich Auerbach für sich entdeckt, der Philologie als historische Disziplin verstand, welche "die Geschichte der zum Selbstausdruck gelangten Menschheit" Verstand. - "Die Wissenschaft, die das, was [die Menschen verschiedener Epochen] für wahr hielten, durch Deutung der Dokumente erforscht, heißt Philologie. Damit ist die Philologie erweitert zu dem, was man in Deutschland Geistesgeschichte nennt." (Erich Auerbach; Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter; S. 17) -




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So 14. Feb 2021, 10:04

Der Poytheismus war - davon bin ich inzwischen überzeugt - die fortschrittlichste Ära der Menschheit. Nämlich in einer ganz bestimmten Hinsicht..

..sie verfügte über einen Kanon des Diversen - den man als Mythologie bennenen könnte.

In ähnlicher Weise verfügen wir auch heute noch über sowas - oder sagen wir mal - wir haben wieder (dank der Aufklärung) zu einem hohen Maß an Diversität in unserem Leben zurückgefunden. Die Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen (wir verfügen also zum Glück noch nicht über eine alles umfassende Monokultur - einem verwissenschaftlichten Katholizismus) aber auch Gesellschaftmodelle mit einem hohen Maß an individueller Freiheit spiegeln genau diese Polymorphie unseres Weltbildes wider. Und dennoch ist unsere Sicht auf die Welt heute eine ganz andere. Man kann schlecht sagen, dass sie besser oder schlechter sei.. sie ist in einem fundamentalen Punkt anders. Denn uns heute fehlt das, was eine Mythologie liefert - nämlich die Zusammenhänge zwischen all dem Diversen.

Wir können heute viele Probleme lösen - was zumeist Probleme sind, die wir uns zuvor selbst geschaffen haben - aber wir sehen nicht mehr, das wir der Komplexität der Welt nicht gewachsen sind. Man kann dies so verstehen, dass unsere zaghaften Versuche von Interdisziplinarität bspw. im akademischen Bereich immer nur ein unzureichender Ansatz dessen bleiben, was nötig wäre, um die Probleme wirklich zu beherrschen. Sie zu verstehen aus einer Perspektive des göttlichen Draufblicks - was man als Universaltheorie bezeichnen könnte. Und genau das ist Polytheismus.
Zuletzt geändert von iselilja am So 14. Feb 2021, 10:33, insgesamt 1-mal geändert.




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