Ethik des Sterbens, Philosophie und vorsätzliche Selbsttötung

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iselilja
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Sa 20. Feb 2021, 22:19

Jenseits moralischer Einsichtnahme in die Problematik Suizid habe ich mich schon immer irgendwie gefragt, warum bspw. das Christentum den Suizid als die größte aller Sünden ansieht. Die Erklärung, die ich für mich gefunden habe, ist eigentlich auch ganz einfach.. wenn sich alles Tun des Menschen in der Letztbegründung "am Leben zu bleiben" widerspiegelt, dann hebt der Suizid diese Letztbegründbarkeit auf. Anders: wenn das Leben keinen Wert mehr hat, hat garnichts mehr einen Wert, denn alle Werte berufen sich genau darauf. Aus der Position des Subjekts wohlgemerkt.




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Jörn Budesheim
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So 21. Feb 2021, 06:43

Nietzsche hat geschrieben : Der natürliche Tod ist der von aller Vernunft unabhängige, der eigentlich unvernünftige Tod, bei dem die erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: bei dem also der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige Gefängniswärter der Herr ist, der den Punct bezeichnet, wo sein vornehmer Gefangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das heisst die Vernichtung des vernünftigen Wesens durch das unvernünftige, welches an das erstere gebunden ist. Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann, wie billig, die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl giebt, dem die niedere Vernunft sich zu fügen hat. Ausserhalb der religiösen Denkungsart ist der natürliche Tod keiner Verherrlichung werth. – Die weisheitsvolle Anordnung und Verfügung des Todes gehört in jene jetzt ganz unfassbar und unmoralisch klingende Moral der Zukunft, in deren Morgenröthe zu blicken ein unbeschreibliches Glück sein muss. Diese »Moral der Zukunft« ist auch die Moral des erlaubten, ja gebotenen Suizids.



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

"Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen seyn, sich für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich zu halten." (Fichte)

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Jörn Budesheim
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Denn wir sind nur die Schale und das Blatt (Rilke)

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

Um ihretwillen heben Mädchen an
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
für Ängste, die sonst niemand nehmen kann.
Um ihretwillen bleibt das Angeschaute
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, -
und jeder, welcher bildete und baute,
ward Welt um diese Frucht, und fror und taute
und windete ihr zu und schien sie an.
In sie ist eingegangen alle Wärme
der Herzen und der Hirne weißes Glühn -:
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,
und sie erfanden alle Fruchte grün.



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Jörn Budesheim
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So 21. Feb 2021, 13:01

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frei nach Ophelia, John Everett Millais



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NaWennDuMeinst
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So 21. Feb 2021, 13:15

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 21. Feb 2021, 06:43
Nietzsche hat geschrieben : Der natürliche Tod ist der von aller Vernunft unabhängige, der eigentlich unvernünftige Tod, bei dem die erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: bei dem also der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige Gefängniswärter der Herr ist, der den Punct bezeichnet, wo sein vornehmer Gefangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das heisst die Vernichtung des vernünftigen Wesens durch das unvernünftige, welches an das erstere gebunden ist. Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann, wie billig, die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl giebt, dem die niedere Vernunft sich zu fügen hat. Ausserhalb der religiösen Denkungsart ist der natürliche Tod keiner Verherrlichung werth. – Die weisheitsvolle Anordnung und Verfügung des Todes gehört in jene jetzt ganz unfassbar und unmoralisch klingende Moral der Zukunft, in deren Morgenröthe zu blicken ein unbeschreibliches Glück sein muss. Diese »Moral der Zukunft« ist auch die Moral des erlaubten, ja gebotenen Suizids.
Für Nietzsche war es ganz wichtig immer Herr im eigenen Hause zu bleiben. Das beinhaltet auch den Zeitpunkt (und die Art) des eigenen Todes selbst zu bestimmen.
Ich verstehe ihn so, dass er es als menschenunwürdig empfand auf den Tod zu warten.



But I, being poor, have only my dreams; I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.
(William Butler Yeats)

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Jörn Budesheim
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Mo 22. Feb 2021, 06:01

[Die Formen des Umgangs mit dem Suizid vor der Moderne können auf eine Grundregel zurückgeführt werden]: Der Suizid ist verboten, weil er zerstört, was mir nicht gehört, mein Leben, das mir von den Ahnen und Eltern, von einem Gott, von einem Herrscher, dem Staat oder der Gesellschaft gegeben wurde. Das Leben wurde mir zwar geschenkt, aber nicht als Besitz, sondern als Leihgabe. »Homo vitae commodatus, non donatus est«,»geliehen, nicht geschenkt ist uns das Leben«, schrieb Publilius Syrus...



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Mo 22. Feb 2021, 06:02

Thomas Macho, in "das Leben nehmen" hat geschrieben : [Die Formen des Umgangs mit dem Suizid vor der Moderne können auf eine Grundregel zurückgeführt werden]: Der Suizid ist verboten, weil er zerstört, was mir nicht gehört, mein Leben, das mir von den Ahnen und Eltern, von einem Gott, von einem Herrscher, dem Staat oder der Gesellschaft gegeben wurde. Das Leben wurde mir zwar geschenkt, aber nicht als Besitz, sondern als Leihgabe. »Homo vitae commodatus, non donatus est«,»geliehen, nicht geschenkt ist uns das Leben«, schrieb Publilius Syrus...



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Mo 22. Feb 2021, 18:54

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Di 23. Feb 2021, 21:17

Thomas Macho, in "das Leben nehmen" hat geschrieben : Auch im Judentum ist der Suizid verboten, weil er Gottes Eigentum raube und das Gesetz der Lebensheiligkeit verletze. Noch bis 1966 galt der Suizid in Israel als Straftat. Suizidenten müssen in einem sichtbaren Abstand zu den anderen Gräbern bestattet werden, und die üblichen Trauerriten werden nur vollzogen, sofern sie den Hinterbliebenen gelten; ein Kaddisch wird nicht gesprochen. Wie in der griechisch-römischen Antike bildeten lediglich heroische, ehrenvolle Suizide eine Ausnahme...



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Mi 24. Feb 2021, 07:20

"In ihrer zweiten Ausgabe vom 15. Januar 1925 veröffentlichte die neu gegründete Zeitschrift La Révolution Surréaliste die Ergebnisse einer Umfrage, deren Thema lautete: »Man lebt, man stirbt. Welche Rolle spielt der persönliche Wille dabei? Ist Selbstmord mit dem Traum vergleichbar? Ist er genauso ›unbewusst‹? Die Frage, die wir stellen, ist keine moralische: Ist Selbstmord eine Lösung?« Publiziert wurden Antworten und Beiträge von rund fünfzig Autoren, darunter Antonin Artaud, André Breton, Francis Jammes oder Marcel Jouhandeau (»Selbstmord ist unnütz«). Der an Lungentuberkulose erkrankte René Crevel bejahte den Suizid, den er zehn Jahre später auch vollzog; und Paul Valéry ließ sein Alter Ego, »Monsieur Teste«, antworten. Monsieur Teste argumentierte an sich, der Suizid sei eine »plumpe Lösung«, jedoch räumte er ein, dass manche »zweimal Sterblichen« im »Schatten ihrer Seele einen somnambulen Mörder mit sich zu führen« scheinen ..."

(Thomas Macho, in "das Leben nehmen")



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