Ein paar kurze Bemerkungen zum Verzeihen

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Jörn Budesheim
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Mi 23. Aug 2017, 10:29

Zeihen ist ein altes, kaum noch gebrauchtes Wort. Eigentlich ist es nur noch in „verzeihen“ in Gebrauch. „Jemanden einer Sache zeihen“ heißt, sie ihm vorwerfen oder ihn dieser Sache beschuldigen. Wir haben hier eine in aller Regel eine Dreierstruktur: Zumeist zwei Personen* und eben jene "Sache". Zeihen heißt also vorwerfen oder beschuldigen. Und das Gegenstück dazu ist dann die Entschuldigung oder die Verzeihung, die quasi die Dreierstruktur erbt. Jemand hat sich gegenüber einem anderen etwas zu Schulden kommen lassen, wurde dieser Sache beschuldigt oder geziehen und darf (bzw. muss!) nun ggf. auf eine Entschuldigung hoffen oder eben auf Verzeihung. Er kann hoffen! Denn eine Entschuldigung wird erbeten und nicht gefordert und es liegt am „Geschädigten“ dies zu gewähren.

Ein unpassendes Beispiel wären Geldschulden. Hier gleicht man die Schulden aus, indem man sein Geld zurück zahlt Leider ist es nicht immer so einfach wie in diesem Fall, seine Schuld(en) zu begleichen. Denn in vielen Fällen wird derjenige, der die Schuld auf sich geladen hat nichts (zurück)-geben können, weshalb er auf Ver-gebung hoffen muss. Das heißt, derjenige, der in Schuld geraten ist, hat (oft oder immer?) keine Möglichkeit von sich aus einen „Ausgleich“ der Schulden herzustellen. Er kann es nicht adäquat "aus der Welt schaffen". Manchmal versucht man es dann mit Geschenken, aber dadurch, dass sie der Schuld oft nicht angemessen sein können, macht er es „nur noch schlimmer“ einerseits, aber andererseits weist er zumindest auf seine Reue, die quasi im Leeren ohne Anhaltspunkte ist. Und zudem zeigt er auch seine eigene Ausweglosigkeit. Er ist auf die Entschuldigung des Anderen angewiesen! Sie ist sein einziger Ausweg! Er kann nichts geben, alle Gaben sind vergebens, also muss er auf Vergebung hoffen. (Der Andere gerät dabei sogar in Gefahr, sich selbst schuldig zu machen, wenn die Sache so zu werten ist, dass er verzeihen sollte!)

Wenn dieser Andere aber auf einen "wirklichen" „Ausgleich“ bedacht ist, wird er womöglich nach der Methode „wie du mir so ich dir“ auf Rache als Schuldenausgleich sinnen. Zieht man dies in Betracht, dann ist Entschuldigung und Verzeihung eine Form von Schuldenerlass ohne jeden Ausgleich.

Bei kleineren Sünden kann man hoffen, dass sie schließlich vergessen werden. Die Zeit heilt auch hier die Wunden, wenn auch nicht alle. Dazu passt dies: Jemand der erfolgreich um Verzeihung gebeten hat, erhält manchmal als Antwort: Okay, alles ist vergessen! Es ist – per Handschlag – aus der Welt geschafft. Schwamm drüber! Es ist von der Tagesordnung. Damit verbunden ist wohl auch eine Verbindlichkeit für den Verziehenden. Die Sache darf nun nicht mehr (zumindest nicht bewusst) als Grund für Handlungen und Gedanken herhalten. Beide sind nun in der schwierigen Situation etwas „existentes“ als „inexistent“ zu behandeln zu wollen oder sollen. Das mag ein Grund sein die „Okay, alles ist vergessen!-Methode“ durch andere Methoden zu ersetzen … etwa klärende Gespräche oder vergleichbares. … die aber ggf. die Schuld präsent halten.

Ist Verzeihen ein Gefühl? „Jemanden einer Sache zeihen.“ Um welche Sache es dabei geht, mag hier entscheidend sein. Oft ist derjenige, der verzeihen kann, darf, soll oder will in irgendeiner Weise verletzt worden, vielleicht gekränkt. Das heißt, um diese Metaphorik (?) weiter zu führen, es geht auch um Heilung! Der erste Schritt könnte hier sein, dass der andere um Verzeihung bittet, also zu seiner Schuld steht. Das kann bereits für den Gekränkten und Verletzten etwas „Hebendes“ haben und zu einer körperlich spürbaren Besserung führen. Denn immerhin: es wird eine Gemeinsamkeit festgestellt. Die Sache, der jemand geziehen wird und derentwegen er um Verzeihung bittet, wird von beiden ähnlich bewertet! Das Verzeihen selbst kann (muss natürlich nicht) ein weiteres tun.

Das heißt, das Verzeihen kann also mit starken Gefühlen einhergehen. Ich vermute es kann mit diesen verwachsen sein – vielleicht eine selbstheilende Großzügigkeit? (Allerdings steht nun der andere mit einer unverdienten Gabe da ... die ggf. einer Rückgabe harrt ...)

Was in dieser Betrachtung noch völlig fehlt ist dies: Ich sprach zu Beginn von einer Dreierstruktur. Das mag richtig sein. Es fehlt aber jeweils die Bestimmung der Beziehung der beiden beteiligten Personen. Wenn für die beiden etwas gemeinsames auf dem Spiel steht – vielleicht ihre Liebe – dann wird dies für die Grade der Verletztheit aber auch für die Bereitschaft, um Vergebung zu bitten und diese auch zu gewähren eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen … 


* sicher kann es auch andere Konstellationen geben: zwei Gruppen oder ähnliches ist wohl denkbar. Auch eine Person kann sich zu sich selbst in Beziehung setzen, zu einem früheren "ich" gleichsam, dem sie verzeihen könnte.



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Stefanie
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Mo 28. Aug 2017, 20:16

„Jemanden einer Sache zeihen“ heißt, sie ihm vorwerfen oder ihn dieser Sache beschuldigen.
Wo das Wort "verzeihen" herkommt, also das "zeihen". wusste ich nicht. Wieder was gelernt.
Jörn:
(...) Zieht man dies in Betracht, dann ist Entschuldigung und Verzeihung eine Form von Schuldenerlass ohne jeden Ausgleich.
(...)
Schwamm drüber! Es ist von der Tagesordnung. Damit verbunden ist wohl auch eine Verbindlichkeit für den Verziehenden. Die Sache darf nun nicht mehr (zumindest nicht bewusst) als Grund für Handlungen und Gedanken herhalten. Beide sind nun in der schwierigen Situation etwas „existentes“ als „inexistent“ zu behandeln zu wollen oder sollen. Das mag ein Grund sein die „Okay, alles ist vergessen!-Methode“ durch andere Methoden zu ersetzen … etwa klärende Gespräche oder vergleichbares. … die aber ggf. die Schuld präsent halten.
Ich stelle dem mal die Position von Hannah Arendt gegenüber. Gegenüber ist nicht richtig, denn es ist auf der selben Linie, wie finde:
Hannah Arendt geht von einem "tätigen Leben" aus, also von handelnden Leben. (gut, sehr verkürzt dargestellt). Hinzukommt noch, dass der Mensch mit der "Mitgift der Freiheit" zur Welt gekommen ist. Diese Freiheit können wir Menschen aber nur erhalten, wenn wir in der Lage sind, u.a. dem Leben eine anderer Richtung zu geben, neu anzufangen, und in diesem Sinne zu handeln.
Eine "Sache" - eine Verfehlung welche auch immer - kann in der Regel nicht einfach so tatsächlich rückgängig gemacht werden. Sie ist in der Welt und wegzaubern geht nicht. Ein Fehler, ein Vertrauensmissbrauch wird, wenn es nicht eine Möglichkeit gibt, dies zu "bereinigen" immer wieder aus der Vergangenheit hervorgeholt, wird zum Teil weitervererbt und blockiert das Handeln für die Zukunft. Es wird sich vieles im zukünftigen Leben um diese eine "Sache" drehen. Das schränkt unsere Fähigkeit zu Handeln ein. Das nimmt uns die Freiheit. Auch derjenige, der um Verzeihung gebeten wird, wird durch Geschehene zukünftig in seinem Handeln nicht mehr frei sein.
Hannah Arendt bezieht ihre Position ausdrücklich auf die Verfehlungen des täglichen Lebens, die sich aus der Natur des Handenls ergeben, und nicht aus das wirklich "Böse".
Jörn: Oft ist derjenige, der verzeihen kann, darf, soll oder will in irgendeiner Weise verletzt worden, vielleicht gekränkt. Das heißt, um diese Metaphorik (?) weiter zu führen, es geht auch um Heilung!
Hannah Arendt bezeichnet das Verzeihen als Heilmittel - Heilung- gegen diese Unwiderruflichkeit, dass man Getanes nicht wieder rückgängig machen kann.
Es geht nicht darum, die Tat rückgängig zu machen, sondern die Folgen der Tat für die Zukunft rückgängig zu machen. Für alle Beteiligten. Wenn wir das nicht tun, sind wir gefangen in der Vergangenheit. Verzeihen ist freiwillig, muss freiwillig sein, denn nur so könne es ein neuer Anfang sein.
Sie schreibt u.a.:
"Könnten wir einander nicht vergeben, d.h. uns gegenseitig von den Folgen unserer Taten wieder entbinden, so beschränkt sich unsere Fähigkeit zu handeln gewissermaßen auf eine einzige Tat, deren Folgen uns uns bis an Lebensende im wahrsten Sinne des Wortes verfolgen würden." (ich hasse abtippen).
Das nächste habe ich nicht abtippen müssen, das habe ich Internet gefunden:
"(...) der Verzeihung, des Vergebens und Vergessens, denn das menschliche Leben könnte gar nicht weitergehen, wenn Menschen sich nicht ständig gegenseitig von den Folgen dessen befreien würden, was sie getan haben, ohne zu wissen, was sie tun."
(Alles aus "Vita activia" ab Seite 300 (Taschenbuchausgabe 2007))

Verzeihen ist eine Handlung. Was Hannah Arendt aber nicht behandelt und wohl nicht berücksichtigt hat, sind die Gefühle, die im Spiel sind. Der um Verzeihung gebeten muss auch wollen, und das kann wegen der Gefühle, dem Verletztsein mehr als zu schwierig sein. Das hat wohl jeder vielleicht schon mal erlebt. So richtig, wie sich das Hannah Arendt es sich vorstellt, bekommen wir Menschen das Verzeihen nicht hin.

Trotzdem, ich kann nicht verstehen, warum manche Hannah Arendts Ansichten als "dröge" bezeichnen. Jedes mal wenn ich ihre Ausführungen zum Verzeihen und zum Versprechen lese (das Heilmittel für die Zukunft), bin ich ziemlich begeistert.



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Jörn Budesheim
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So 3. Sep 2017, 07:15

Sehr intensives Gespräch über das Thema Verzeihen mit vielen teilweise sehr drastischen Beispielen.




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Stefanie
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Mo 4. Sep 2017, 19:56

... meine Lautsprecher haben einen Wackelkontakt, blöd bisweilen, wie jetzt: Merkzettel: Beim nächsten Shopping mal an neue Lautsprecher denken.



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Stefanie
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Sa 9. Sep 2017, 22:36

Gibt es eine Möglichkeit aus einem Video das Gesagte als Text herauszufiltern, dass es immer wieder lesbar ist? Also ein Video in einen Text umwandeln? Ich kann mir das Gesprochene nicht so gut merken.



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Jörn Budesheim
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So 10. Sep 2017, 05:23

Außer abschreiben wüsste ich da leider nichts ... :)



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Stefanie
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Do 14. Sep 2017, 20:06

In dem Video wird auch das Entschuldigen angesprochen. Als ich versuchte, den Unterschied zwischen "Um Verzeihung bitten" und "um Entschuldigung bitten" heraus zu bekommen, bin ich über so was wie eine Randnotiz gestolpert:
Ein Verzeihen kann auch bedeuten, dass derjenige/diejenige, die/der um Verzeihung bittet, in eine demütigende Situation gerät. Der Täter/Täterin also durch das "Opfer" durch den Akt des Verzeihens an sich, und durch das um Verzeihung bitten, deshalb gedemütigt wird, weil er/sie abhängig ist von der Entscheidung des Opfers.

Ich grübel darüber schon länger nach, ob das stimmt. Ist das um Verzeihung bitten eine Situation, die den um Verzeihung Bittenden demütigt?
Wenn ja, warum?



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Fr 15. Sep 2017, 09:02

Stefanie hat geschrieben :
Do 14. Sep 2017, 20:06
Ich grübel darüber schon länger nach, ob das stimmt. Ist das um Verzeihung bitten eine Situation, die den um Verzeihung Bittenden demütigt?
Wenn ja, warum?
War das nicht eher so gemeint, dass derjenige, der verzeiht dem anderen damit automatisch auch eine (nun erlassene) Schuld aufbürdet?
Die muss der andere (dem verziehen wurde) ja nicht zwingend so empfinden.



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Stefanie
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Fr 15. Sep 2017, 18:59

Tosa inu, ich muss gestehen, so ganz habe ich Deine Ausführung nicht verstanden.

Dem, dem verziehen wird, hat doch schon eine Schuld auf sich geladen. Ihm oder Ihr jetzt noch eine erlassene Schuld "aufbürden". Das widerspricht doch dem Sinn des Verzeihens.



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Sa 16. Sep 2017, 08:35

Stefanie hat geschrieben :
Fr 15. Sep 2017, 18:59
Tosa inu, ich muss gestehen, so ganz habe ich Deine Ausführung nicht verstanden.

Dem, dem verziehen wird, hat doch schon eine Schuld auf sich geladen. Ihm oder Ihr jetzt noch eine erlassene Schuld "aufbürden". Das widerspricht doch dem Sinn des Verzeihens.
Ich dachte, da Du Dich auf die Sendung bezogen hattest, meintest Du die Stelle, in der besprochen wird, dass derjenige, dem verziehen wird, damit implizit zu jemandem gemacht wird, der Schuld auf sich geladen hat.

Es klang ein wenig so bei Dir an, aber Du meintest offenbar ein andere Stelle, da hatte ich Deinen Text falsch interpretiert.



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Stefanie
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Sa 16. Sep 2017, 18:22

Nee, ich habe mich vielleicht unklar ausgedrückt.

Als ich zu dem Film was nachlesen wollte, bin ich an anderer Stelle, die nichts mit dem Film zu tun hat, (wo, finde ich nicht mehr wieder) auf den Satz mit der Demütigung gestoßen. In Kurz: dass derjenige/diejenige gedemütigt wird, dem/der verziehen wird, und zwar durch das Verzeihen und durch die Abhängigkeit von der verzeihenden Person.



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novon
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So 17. Sep 2017, 00:18

Man stelle sich vor, Erdolinchen würde dem Deniz plötzlich Verzeihung angedeihen lassen wollen... Selbsterhöhung dort, versuchte Erniedrigung da. Sprich: Schuld ohne Nachweis zu behaupten, um dann gnädig Verzeihung zu verteilen stellte eine Form der versuchten Erniedrigung dar.
Schuld ist ja sowieso so eine Sache... Wie wäre die Frage, in welchem Sinne Schuld vorliegt, allgemeingültig beantwortbar?




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So 17. Sep 2017, 08:59

Stefanie hat geschrieben :
Sa 16. Sep 2017, 18:22
Als ich zu dem Film was nachlesen wollte, bin ich an anderer Stelle, die nichts mit dem Film zu tun hat, (wo, finde ich nicht mehr wieder) auf den Satz mit der Demütigung gestoßen. In Kurz: dass derjenige/diejenige gedemütigt wird, dem/der verziehen wird, und zwar durch das Verzeihen und durch die Abhängigkeit von der verzeihenden Person.
Ich denke, dass das eher eine Randerscheinung ist. Wer jemand um Verzeihung bittet, fühlt er sich ja, wenn das nicht nur so dahin gesagt ist, schuldig und dürfte erleichtert sein, wenn ihm verziehen wird, sobald die Bitte ernst gemeint ist.

In dem Sinne bilden Reue und Verzeihen immer ein Paar und das Verzeihen bringt eine neue Ebene ins Spiel, die sich von den bloßen Kosten-Nutzen-Rechnungen abhebt. Ein kurzer Text dazu: Bereuen und Verzeihen



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So 17. Sep 2017, 09:15

novon hat geschrieben :
So 17. Sep 2017, 00:18
Man stelle sich vor, Erdolinchen würde dem Deniz plötzlich Verzeihung angedeihen lassen wollen... Selbsterhöhung dort, versuchte Erniedrigung da. Sprich: Schuld
Schuld ist ja sowieso so eine Sache... Wie wäre die Frage, in welchem Sinne Schuld vorliegt, allgemeingültig beantwortbar?
Allgemeingültig glaube ich gar nicht, weil Schuld ja ein Begriff ist, der in mehreren Kontexten auftritt. Juristisch, moralisch, aber auch öffentlich und privat. Wer zu unecht bezichtigt wird, etwas getan zu haben, wird sich nicht schuldig fühlen, sondern eher wütend sein.

Wer jedoch in einem Prozess freigesprochen wird und weiß, dass er dennoch der Täter war und zum Schuldgefühl fähig ist, wird vermutlich immer wieder von seinem Gewissen geplagt. Die Grenzen von Scham und Schuld einerseits überlappen (aber die Scham kann man jemandem nicht abnehmen: "Du brauchst Dich dich nicht zu schämen", macht es für den Erlebenden manchmal eher noch schlimmer), andererseits die von Schuld und Verantwortung ebenfalls und Verantwortung kann man auch kaum delegieren.

Ganz interessant finde ich noch, dass es auch zwei Möglichkeiten gibt Schuld zu betrachten. Einmal von der aktiven Seite aus: Schuld ist dann das, was man getan hat. Zum anderen, von der passiven Seite aus: Schuld ist dann das, was man nicht getan hat und kommt der Lesart: jemandem noch etwas zu schulden, näher.



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novon
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Mo 18. Sep 2017, 23:10

Tosa Inu hat geschrieben :
So 17. Sep 2017, 09:15
novon hat geschrieben :
So 17. Sep 2017, 00:18
Man stelle sich vor, Erdolinchen würde dem Deniz plötzlich Verzeihung angedeihen lassen wollen... Selbsterhöhung dort, versuchte Erniedrigung da. Sprich: Schuld
Schuld ist ja sowieso so eine Sache... Wie wäre die Frage, in welchem Sinne Schuld vorliegt, allgemeingültig beantwortbar?
Allgemeingültig glaube ich gar nicht, weil Schuld ja ein Begriff ist, der in mehreren Kontexten auftritt. Juristisch, moralisch, aber auch öffentlich und privat. Wer zu unecht bezichtigt wird, etwas getan zu haben, wird sich nicht schuldig fühlen, sondern eher wütend sein.
Na ja... Hier ging es letztendlich ja nicht um Schuld, sondern um "Verzeihung". Das ist etwas sehr privates. Justiz verzeiht nicht. Von daher scheint mir der entsprechende Exkurs ins Recht, in die Justiz, recht irrelevant. Und genau in der Ecke sind auch Erdigans Befindlichkeiten zu verorten, auch, wenn er sie offenbar gerne anders verortet wissen möchte.
Und: Schuld hat nicht das Geringste damit zu tun, ob irgendjemand sich schuldig fühlt. Ging mir darum, zu verdeutlichen, dass Verzeihung ohne Schuld ein recht sonderbares Konstrukt abgeben könnte, das quasi einer Beleidigung gleichkommt.
Kann Schuld nicht allgemeingültig festgestellt werde, liegt diese auch nicht vor. Eine solche dennoch zu behaupten, stellte Willkür dar.




Tosa Inu
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Di 19. Sep 2017, 08:07

novon hat geschrieben :
Mo 18. Sep 2017, 23:10
Kann Schuld nicht allgemeingültig festgestellt werde, liegt diese auch nicht vor. Eine solche dennoch zu behaupten, stellte Willkür dar.
Wen allgemeingültig heißen soll, dass auch jeder Täter mit seiner Schuld einverstanden seiin muss, dann geht der Begriff m.E. zu weit.
Es gibt Menschen, die zum Empfinden von Schuld und Reue gar nicht in der Lage sind, da beides impliziert vom Egozentrismus abstrahieren zu können.
Das könnten Menschen sein, die andere grundlos zusammentreten oder töten und nachher sagen, der hätte ja nicht daher gehen müssen.
Auf eine (mehr als taktische, wenn überhaupt) Anerkennung von Schuld kann man hier lange warten, dennoch kann man feststellen, dass es hier einen schuldigen Täter gibt.

Dass es darüber hinaus auch Willkürregelungen aller Art gibt, stimmt ja. Aber daraus, dass Menschen lügen folgt nicht, dass es keine Wahrheit gibt, dass eineige ungerecht sind, heißt nicht, dass es nicht auch Gerechtigkeit gibt, usw.



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novon
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Mi 20. Sep 2017, 20:49

Tosa Inu hat geschrieben :
Di 19. Sep 2017, 08:07
novon hat geschrieben :
Mo 18. Sep 2017, 23:10
Kann Schuld nicht allgemeingültig festgestellt werde, liegt diese auch nicht vor. Eine solche dennoch zu behaupten, stellte Willkür dar.
Wen allgemeingültig heißen soll, dass auch jeder Täter mit seiner Schuld einverstanden seiin muss, dann geht der Begriff m.E. zu weit.
Sollte es nicht heißen. Allgemeingültigkeit steht in Bezug auf die Feststellung der Schuld inanspruch, in Bezug auf die zugrundeliegenden Kriterien, die allgemeingültig sein müssen, damit von Schuld die Rede sein kann. "Allgemeingültig" bedeutet hier quasi soviel wie: "Von jedem, der sich mit den angelegten Kriterien befasst, nachvollziehbar".
Tosa Inu hat geschrieben :
Di 19. Sep 2017, 08:07
Es gibt Menschen, die zum Empfinden von Schuld und Reue gar nicht in der Lage sind, da beides impliziert vom Egozentrismus abstrahieren zu können.
Das könnten Menschen sein, die andere grundlos zusammentreten oder töten und nachher sagen, der hätte ja nicht daher gehen müssen.
Auf eine (mehr als taktische, wenn überhaupt) Anerkennung von Schuld kann man hier lange warten, dennoch kann man feststellen, dass es hier einen schuldigen Täter gibt.
Ich vermute du arbeitest dich hier an deiner eigenen, oben formulierten Definition von Allgemeingültigkeit ab. Es ging allgemein um Verzeihung und in meiner Einlassung recht speziell darum, wie es aussieht, wenn einer solchen gar keine Schuld entgegensteeht, eine solche also nicht zu gerechtfertigt wäre.
Tosa Inu hat geschrieben :
Di 19. Sep 2017, 08:07
Dass es darüber hinaus auch Willkürregelungen aller Art gibt, stimmt ja. Aber daraus, dass Menschen lügen folgt nicht, dass es keine Wahrheit gibt, dass eineige ungerecht sind, heißt nicht, dass es nicht auch Gerechtigkeit gibt, usw.
Und das habe ich irgentwo auch nur ansatzweise behauptet?!? Kann nicht sein.




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Do 21. Sep 2017, 08:48

novon hat geschrieben :
Mi 20. Sep 2017, 20:49
Es ging allgemein um Verzeihung und in meiner Einlassung recht speziell darum, wie es aussieht, wenn einer solchen gar keine Schuld entgegensteeht, eine solche also nicht zu gerechtfertigt wäre.
Wenn Du darauf hinaus willst, dass, wenn keinerlei Schuld vorliegt, sich auch niemand schuldig fühlen wird, klar, das könnte sein.
Ich schrieb ja schon, dass man dann eher wütend sein wird oder meinetwegen frustriert.



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novon
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Do 21. Sep 2017, 21:54

Tosa Inu hat geschrieben :
Do 21. Sep 2017, 08:48
novon hat geschrieben :
Mi 20. Sep 2017, 20:49
Es ging allgemein um Verzeihung und in meiner Einlassung recht speziell darum, wie es aussieht, wenn einer solchen gar keine Schuld entgegensteeht, eine solche also nicht zu gerechtfertigt wäre.
Wenn Du darauf hinaus willst, dass, wenn keinerlei Schuld vorliegt, sich auch niemand schuldig fühlen wird, klar, das könnte sein.
Ich schrieb ja schon, dass man dann eher wütend sein wird oder meinetwegen frustriert.
Das mit dem "schuldig fühlen" stand meinerseits nirgends zur Diskussion. Entweder Schuld liegt faktisch vor, oder nicht. ("Schuldig fühlen" ohne schuldig zu sein geht auch.)
Was hast du mir mitzuteilen?




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Jörn Budesheim
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Fr 22. Sep 2017, 06:13

@Novon, in dem Video oben ging es z.b. Völkermord und weitere sehr drastische Beispiele, bei denen sich die Frage ob eine Schuld tatsächlich vorliegt, gar nicht stellt. Es gab auch Beispiele, bei denen derjenige, der Schuld auf sich geladen hatte, die Schuld nicht anerkannte.

Die ethische oder metaethische Frage, ob eine Schuld, eine ethische Schuld tatsächlich vorliegen kann, wäre sicherlich einen eigenen Thread wert.



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