Rollen, Selbstverständnisse und Streit

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Jörn Budesheim
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Mo 22. Feb 2021, 06:31

Viele Diskussionen (nicht nur hier, sondern auch in anderen Foren und auch die, die ich manchmal in den sozialen Medien beobachte) werden auch deshalb so emotional und manchmal gar erbittert geführt, weil die Diskussionsteilnehmer bestimmte Selbstverständnisse einbringen, die in der Diskussion auf dem Spiel stehen. Zu diesem Selbstbildern gehören dann regelmäßig auch Bilder, wer die anderen in Wahrheit sind, Bilder, die zugleich erklären, warum sie so argumentieren, wie sie eben argumentieren: nämlich uneinsichtig, verstockt, zurückgeblieben etc.

Man versteht sich z.b. als Verteidiger der Werte der Gesellschaft, die bedroht sind, während die anderen Diskussionsteilnehmer demgemäß bloß dem Mainstream hinterherlaufen. Oder: man fühlt sich als Teil einer Avantgarde, die veraltete Vorstellungen bekämpfen muss. Oder: man versteht sich als Fürsprecher des Mannes auf der Straße, der von degenerierten Eliten mundtot gemacht werden soll, obwohl er doch den common sense auf seiner Seite hat. Oder man ist der Verteidiger eines bestimmten Diskurs-Typs, der guten alten Zeit oder was auch immer...

Auf die Art und Weise sind ad hominems und Machtkämpfe gleichsam von vornherein in die Diskussion eingebaut. Und dann geht es gleich hoch her, weil nicht die Sache im Fokus ist - man steht immer selbst auf dem Spiel.

Ich erinnere mich an einen besonders krassen Fall aus meinem Umfeld. Da hat ein Künstler an einer Anti Corona Maßnahmen Demonstration, oder wie auch immer man es nennen darf, teilgenommen, weil er die Freiheit der Gesellschaft bedroht sah und war bass erstaunt, dass die anderen Künstler aus seinem Umkreis nicht dabei waren. Nicht einmal der Umstand, dass auf der fraglichen Demonstration AFD Sprecher prominent vertreten waren, konnte ihn irritieren ...

Ein anderes Beispiel ist womöglich der Streit zwischen dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich und dem Künstler Neo Rauch.

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Hierher passt auch folgendes sehr gut, ein "psychologisches Gesetz" von dem ich vor längerer Zeit mal gelesen habe. Ich meine, es heißt "der dritte Mann paradox" oder so ähnlich. Ich stelle es karikierend dar. Bei manchen Politiker Kundgebungen kann es passieren, dass alle Zuhörer folgender Ansicht sind: nur ich selbst durchschaue die Lügen des Politikers da vorne, während alle anderen Schafe sind, die nicht begreifen was hier los ist.

Das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bild vom Kaiser und seinen neuen Kleidern. Man selbst ist dann stets das Kind, welches als einziges durchschaut, dass da oben nur Betrug herrscht.



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NaWennDuMeinst
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Mo 22. Feb 2021, 12:35

Mir geht das so auf die Nerven.
Diese ganzen selbsternannten "Retter der Gesellschaft" , die einfach nicht in ihre Birne bekommen, dass Andere vielleicht genauso gut informiert sind wie sie und trotzdem nicht ihrer Meinung sind.
Es ist diese Haltung die mich so nervt, nämlich dass man glaubt der Andere könne nur deshalb diese oder jene Meinung vertreten weil er eben manipuliert (oder desinteressiert) ist.
Dass der Andere genauso gut informiert sein könnte aber einfach zu einem anderen Schluß gelangt, kommt in der Vorstellung dieser Leute einfach gar nicht vor.
Wer dem Staat recht gibt ist ein Schaf, ein Diener, ein Sklave.... oder knapp: Ein Volltrottel.
Dabei wird die Qualität von Informationen nur daran gemessen wo sie herkommen. Was der Staat verbreitet ist dabei grundsätzlich Lüge und Propaganda.
Alternative Quellen sind davon natürlich vollkommen frei (denn sie sind ja nicht der Staat).
Ich kann diesen Unsinn nicht mehr hören.



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AndreaH
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Mo 22. Feb 2021, 15:47

Ist es aber nicht auch so, dass gerade diese unterschiedlichen oft verbissenen Meinungen, genau diese Meinungsfreiheit bringt, die wir uns für unsere Gesellschaft wünschen?!
In anderen Ländern kann dies nicht so ausgelebt werden.
Die auch unsere eigene persönliche Meinung bereichern oder auch festigen können?!

Trotzdem bringt es auf irgendeiner Art und Weise Schwierigkeiten mit sich.

Vielleicht liegt es daran, dass wir unsere persönliche Meinung nicht nur im Außen bilden, sondern auch aufgrund unseres Erfahrungsschatzes. Wenn wir diesen ständig hinterfragen würden... würden Selbstzweifel und Unsicherheit unser Denken bestimmen. 
Die persönliche Meinung gibt uns ja auch Halt und Sicherheit in den Bereichen wie wir unser "Tun" gestalten.

Die Frage ist nur, wie hier gestellt (so habe ich diesen Tread zumindest verstanden), warum wir als Mensch oft so darauf fixiert sind, dem gegenüber die eigene Meinung regelrecht aufzudrängen? Ohne, (wie bereits im Beispiel mit dem Künstler angegeben)
zu merken, dass man sich bereits auf ein ganz anderes Feld eingelassen hat!



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Jörn Budesheim
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Mo 22. Feb 2021, 15:56

AndreaH hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:47
... regelrecht aufzudrängen?
Das meine ich eigentlich nicht mit dem, was ich oben geschrieben habe. Ich habe mich gefragt, warum es jeweils um so viel geht, dass man sich so schnell echauffiert. Es geht eben nicht allein um die Sache, sondern um das eigene Selbstbild, was von der Diskussion berührt wird, sodass es schwerfällt, etwas kühler zu bleiben.



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AndreaH
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Mo 22. Feb 2021, 16:09

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:56
AndreaH hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:47
... regelrecht aufzudrängen?
Das meine ich eigentlich nicht mit dem, was ich oben geschrieben habe. Ich habe mich gefragt, warum es jeweils um so viel geht, dass man sich so schnell echauffiert. Es geht eben nicht allein um die Sache, sondern um das eigene Selbstbild, was von der Diskussion berührt wird, sodass es schwerfällt, etwas kühler zu bleiben.
Danke für die Info!



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NaWennDuMeinst
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Mo 22. Feb 2021, 16:20

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:56
AndreaH hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:47
... regelrecht aufzudrängen?
Das meine ich eigentlich nicht mit dem, was ich oben geschrieben habe. Ich habe mich gefragt, warum es jeweils um so viel geht, dass man sich so schnell echauffiert. Es geht eben nicht allein um die Sache, sondern um das eigene Selbstbild, was von der Diskussion berührt wird, sodass es schwerfällt, etwas kühler zu bleiben.
Jein. Es ist auch oft die Sache selbst die so viel bedeutet, dass es schwerfällt gelassen zu bleiben.
Dieses ganze menschenverachtende Zeug, das die Leute von sich geben macht mich einfach wütend.
"Na und? Omas und Opas sterben doch jeden Tag. Stellt Euch mal nicht so an. Kein Grund hier die Party zu sprengen."
Da kommt mir das Kotzen. Tut mir leid. Nicht nur weil es dumm ist sowas zu sagen (Corona ist nicht Alltag), sondern vor allem auch weil es offenbart wie rücksichtlos manche Menschen sind. Und das tarnen sie dann auch noch mit dem Argument sie würden sich für die "Freiheitsrechte aller Bürger" stark machen (ausser für die die das mit dem Leben bezahlen)
Das ist schlicht nicht mehr zu fassen für mich. Von wegen.



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NaWennDuMeinst
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Mo 22. Feb 2021, 16:42

Diese ganze Hamsterei zeigt es doch nur zu deutlich: ICH! ICH! ICH! Selbst wenn es überhaupt keinen Sinn macht, weil gar keiner so viel scheissen kann wie die Leute Papier horten.
Das zeigt nicht nur wie die Leute selbst denken, sondern auch was sie glauben wie andere denken: Jeder ist sich selbst der Nächste.
Mir doch egal, ob das Papier dann nutzlos rumliegt. Hauptsache ICH-ICH-ICH habe mehr als ich brauchen werde.

Einen richtigen Krieg müsste es mal wieder geben. So eine richtige Vollkatastrophe. Da können sich die Leute dann mit ihren Freiheitsrechten gepflegt den Hintern wischen, weil mehr als das nackte Leben dann einfach nicht mehr drin ist. Und dann lernt man auch zu teilen. Davon wissen wir ja gar nichts mehr in unserer Überflußgesellschaft der Egoisten.

Na man, ist doch wahr.

Ich bin wieder weg. Das musste raus.



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sokrates_is_alive
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Mo 22. Feb 2021, 18:37

Streit kann etwas sehr Produktives sein, wenn er nach von allen Beteiligten akzeptierten Regeln abläuft. Wenn sich die Streitenden also z.B. darauf einigen,
dass der Andere ausreden darf, jeder eine bestimmte Redezeit einhält, die "Quellen" der eigenen Ansicht offen dargelegt werden etc.
Seit Watzlawick wird anerkannt, dass man nicht nicht kommunizieren kann (Aspekt der non-verbalen Kommunikation, also wird der Abbruch
der Blickverbindung auch als Kommunikation verstanden) und seit von Thun, dass Kommunikation 4 Aspekte umfasst (vier Ohren Modell), nämlich
a) die Sachebene (Fakten, Sachinformationen)
b) die Selbstoffenbarung/ Selbstkundgabe,
c) die Beziehungsebene und
d) die Appellebene.
Jede Form beinhaltet alle vier Aspekte, die jedoch vom "Sender" und vom "Empfänger" unterschiedlich wahrgenommen werden können:
während z.B. der Sprecher die Sachinformation betonen möchte, der Zuhörer jedoch bevorzugt auf der Beziehungsebene hören möchte, so sind
Missverständnisse vorprogrammiert und damit entstehen Konflikte.
Wenn sich die Teilnehmer dieses Phänomens bewußt sind, können sie entsprechend agieren, vorausgesetzt sie sind ernsthaft
an einer Lösung der Frage/ des Problems interessiert.
Jetzt zu den meisten Talkshows: hier scheint es mir vorrangig darum zu gehen, die eigene Meinung als überlegen darzustellen und gegen die Anderen zu
verteidigen - daher ist es logisch, dass hier weniger Sachaspekte als "Rangkämpfe" eine Rolle spielen. Und erfüllt das nicht auch die
Erwartungen der meisten Zuschauer?
Bei den meisten Demonstrationen treffen sich doch wohl überwiegend Gleichgesinnte, die sich gegenseitig ihrer Auffassung versichern möchten.
Daher werden andere Meinungen als "Störer" wahrgenommen.
Daher ist bei beiden Situationen ein produktiver Streit wenig wahrscheinlich.
Dennoch ist "Streit" verstanden als Auseinandersetzung nach gemeinsam ausgehandelten und akzeptierten Regeln äußerst hilfreich
(z.B. in der Konfliktmoderation oder bei der Entscheidungsfindung nach Brainstorming) mit dem Ziel eine Lösung zu erreichen
oder zumindest die unterschiedlichen Auffassungen( und deren Begründung) explizit darzulegen aus meiner Sicht notwendig und sinnvoll.
Ich bin quasi ein Verfechter des produktiven Streits.



Bene docet, qui bene distinguit. ;)

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iselilja
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Mo 22. Feb 2021, 19:00

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:56
AndreaH hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:47
... regelrecht aufzudrängen?
Das meine ich eigentlich nicht mit dem, was ich oben geschrieben habe. Ich habe mich gefragt, warum es jeweils um so viel geht, dass man sich so schnell echauffiert. Es geht eben nicht allein um die Sache, sondern um das eigene Selbstbild, was von der Diskussion berührt wird, sodass es schwerfällt, etwas kühler zu bleiben.
Es geht auch noch um etwas Drittes dabei, nämlich die Welt, in der wir nicht nur so vor uns hin "vegetieren", sondern in der wir involviert sind auf unzählige und verschiedene Weise. Bei manchen Themen kann man sich (sachlich/objektiv wie man so schön sagt) auf die Sache selbst konzentrieren. Durch das Dialoghafte solcher Diskussionen entsteht dann der zweite Punkt den Du nennst, den man keineswegs immer als etwas Zuvermeidendes betrachten muss. Und dann gibt es Themen, dort ist unser ganzes Menschsein gefragt, da reicht bloße Objektivität - selbst wenn sie dabei unerläßlich ist - nicht aus. Und diese Themen haben ein Charakteristikum gemein - sie betreffen die Aktualität, in der sich der Mensch tatsächlich befindet (und sich auch darin definiert). Dem oder der Agierenden ist dabei mit ganzer Seele bewußt, dass jedes falsche Verständnis, welches an Relevanz gewinnen könnte, nicht nur einfach irgendwo in der Zukunft als historischer oder paradigmatischer Fehler abgehakt werden könnte - sondern es wäre hier und jetzt ein Fehler, der sich auf das eigene Leben möglicherweise auswirken kann. Deshalb sind politische Themen (oder Themen mit angrenzenden politischen Dimensionen) immer schwierig - aber genauso eben auch wichtig. Denn genau um das geht es doch - zu möglichst richtigen und guten Entscheidungen zu finden.

Schaut man in die Vergangenheit zurück, wird man sehen, bei welchen Themen (bspw. metoo) sich ähnliches abspielte. Es ist immer das selbe - weil es in der Natur der Sache und unserer Involviertheit darin liegt.




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Alethos
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Mo 22. Feb 2021, 20:11

Beim Streit geht es um Meinungsverschiedenheiten harmloser und weniger harmloser Art. Es geht dabei oft ganz grundsätzlich um die Frage, wer Recht hat und, davon abgeleitet, was die Wahrheit ist.

Nun hängt ja von der Wahrheit ab, ob wir falsch liegen, auch falsch liegen mit unseren Welterklärungsstrategien. Wenn sich herausstellt, dass unsere Meinungen über die Welt falsch sind, könnte sich ja ohne weiteres herausstellen, dass vieles andere, was wir über uns selbst zu wissen glauben, auch falsch sein könnte und daran hängt unser Selbstvertrauen. Wenn wir uns selbst entwerfen, dann doch nicht, weil wir genau wüssten, wer wir sein werden, sondern weil wir gerade uns daran machen zu werden, wer wir noch nicht sind. Wir entwerfen uns in eine Welt, in der wir zurecht kommen müssen, und wir erklären uns die Welt so, dass wir es auch können. Aber jede Gegenmeinung ist ein Angriff auf unsere Selbst- und Weltbilder.

Darum wollen wir recht haben, weil die Alternative bedeutete, sich vielleicht ganz grundsätzliche, ganz existenzielle Fragen stellen zu müssen darüber, wer wir wirklich individuell gesehen je sind: Sind wir glücklich so? Sind wir wirklich selbstsicher und sicher überhaupt? Wissen wir dies und das wirklich und, falls nein, was folgt daraus für alles weitere, das wir auf diesen Irrtümern aufbauend an Gewissheit gewonnen hatten über die Welt? Und wenn die Welt doch anders ist, was folgt daraus für unsere Selbstentwürfe?

Jeder Irrtum hat das Potenzial uns daran zu erinnern, dass unsere Selbstentwürfe vielleicht untauglich sind und dass wir vielleicht gar nicht wirklich jene sein wollen, für die wir uns halten, sondern bessere. Das aktiviert wiederum das tiefe Bedürfnis, ein bestimmter Jemand sein zu wollen, weil wir mit einer gewissen Bestimmheit uns selbst vergewissern. Das sind also Selbstvergewisserungsstrategien, davon eine ist, mit Nachdruck eine bestimmte Rolle zu spielen. Nicht so sehr, um uns gegen andere zu behaupten, sondern, viel existenzieller, weil wir keine guten Alternativen dafür gefunden haben, dieser Jemand zu sein, der wir sind.



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AndreaH
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Di 23. Feb 2021, 07:43

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:56
AndreaH hat geschrieben :
Mo 22. Feb 2021, 15:47
... regelrecht aufzudrängen?
Das meine ich eigentlich nicht mit dem, was ich oben geschrieben habe. Ich habe mich gefragt, warum es jeweils um so viel geht, dass man sich so schnell echauffiert. Es geht eben nicht allein um die Sache, sondern um das eigene Selbstbild, was von der Diskussion berührt wird, sodass es schwerfällt, etwas kühler zu bleiben.
Eigentlich wollte ich heute mir selbst und auch allgemein nur eine einzige Frage stellen! Was dieses eigene Selbstbild (das oft berührt wird) ganz genau beinhalten?!




Aber durch den aktuellen Lauf im Nachbar- Corona Tread, denke ich ist auch ein anderer Punkt entscheidend, der in einer Diskussion erhitzend sein kann.

Manchmal passiert es, dass Missverständnis ganz schnell entstehen.
Jemand möchte für etwas argumentieren, plötzlich befindet sich derjenige in einem anderen Bereich, mit der die eigendliche Sache nicht mehr viel zu tun hat.

Nehmen wir mal als Beispiel, ich möchte in der aktuellen Corona-Lage für Freiheitsrechte argumentieren.

Dann kann es passieren, dass ich von meinem Diskussionspartnern schnell in einen anderen Bereich gesehen werde. Weil diese Freiheitsrechte in dem Bereich der Coronaleugner auch ihren Platz haben. Obwohl ich aber nur die Argumentation für Freiheitsrechte klarstellen wollte. Befinde ich mich plötzlich ganz woanders und habe zu rechtfertigen, warum Ich kein Coronaleugner bin. Was mit der eigentlichen Sache, der Freiheitsrechte nicht mehr viel zu tun hat.

Also, meiner Meinung kann es oft von  beiden Seiten der Diskussionspartnern zu Missverständnissen kommen. Dieses nicht oder falsch verstanden werden vom gegenüber erhitzt.

Ich denke jeder hat das schon mal in einem privaten persönlichen Streit erlebt. Wie fühlt man sich, wenn der Gegenüber gar nicht versteht, was man eigentlich meint?!

Daher sehe ich dieses Missverstanden werden, auch als kleinen Teil im Bereich des eigenen Selbstbildes.



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Jörn Budesheim
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Di 23. Feb 2021, 07:45

[eine Überschneidung, die folgenden Zeilen verstehen sich nicht als Antwort auf den vorhergehenden Beitrag.]

Natürlich geht es bei den Selbstbildern nicht einfach nur um schlichte, triviale Wahrheiten. Ziel ist auch, den eigenen Wert, den besonderen Status, den man inne hat, oder haben möchte, heraus zu arbeiten. Es geht also auch darum, im Wettbewerb der Selbst-Bilder die eigene Bedeutung zu unterstreichen.



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Jörn Budesheim
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Di 23. Feb 2021, 07:54

AndreaH hat geschrieben :
Di 23. Feb 2021, 07:43
Dann kann es passieren, dass ich von meinem Diskussionspartnern schnell in einen anderen Bereich gesehen werde.
Ja, das geht schnell. Wenn man die Maßnahmen unterstützt oder auch nur die grobe Richtung für angemessen hält, passiert es einem schnell, dass man als Mitläufer, als Teil des Mainstreams oder als Regierungssprecher tituliert wird. Denn es gibt auf der einen Seite die Widerstandskämpfer für die gute Sache und auf der anderen Seite ...

Aber ich möchte nicht, dass dieser Faden hier einen Kommentarfaden zum Coronafaden wird. Denn diese Konstellationen gibt es ja in vielen anderen Bereichen auch. Nicht nur, wenn es um so genannte sensible Themen wie Corona oder Meetoo geht, ich glaube das Muster ist sehr viel allgemeiner. Wenn nicht jedes mal etwas auf dem Spiel stehen würde, würden wir schließlich überhaupt nicht philosophieren!



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AndreaH
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Di 23. Feb 2021, 07:57

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 23. Feb 2021, 07:45
[eine Überschneidung, die folgenden Zeilen verstehen sich nicht als Antwort auf den vorhergehenden Beitrag.]

Natürlich geht es bei den Selbstbildern nicht einfach nur um schlichte, triviale Wahrheiten. Ziel ist auch, den eigenen Wert, den besonderen Status, den man inne hat, oder haben möchte, heraus zu arbeiten. Es geht also auch darum, im Wettbewerb der Selbst-Bilder die eigene Bedeutung zu unterstreichen.
Das habe ich nicht so ganz genau verstanden, was damit gemeint ist!

Aber so ein bisschen schon denke ich!. Muss gleich in die Arbeit... daher bleibt mir gerade wenig Zeit zu überlegen was damit genau gemeint ist!



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AndreaH
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Di 23. Feb 2021, 08:00

Was beinhalten dieses eigene Selbstbild genau, welches oft berührt wird?



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Jörn Budesheim
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Di 23. Feb 2021, 09:26

Eigentlich ist das nichts Kompliziertes, denke ich. Als ich studiert habe, gehörte es zum Selbstverständnis des Zirkels, zu dem ich zählte, Autoren wie Derrida, Lacan, Baudrillard und Deleuze zu lesen (oder zumindest zu kennen). Das heißt - einfach gesagt - es gab ein "Wir". Wir, die wir Derrida, Lacan, Baudrillard, Deleuze lesen. Und die Anderen, die das nicht verstehen :-) Gruppenzugehörigkeit ist ein Teil des Selbstbildes. Und innerhalb der Gruppe sucht man natürlich auch nach einer unverwechselbaren Position. Mit anderen Worten: das Selbstbild formt sich nicht nur "positiv". Also durch die jeweiligen Eigenschaften, die man sich selbst zuschreibt. Sondern auch negativ. Also durch die Eigenschaften, die man ablehnt, welche die anderen der anderen Gruppen haben. Und solche Selbstbilder sind ja nicht wertneutral. Sondern sie sollen die eigene Bedeutung unterstreichen und bieten natürlich auch Orientierung. Und in dem Maß, wie sie den eigenen Wert hervorheben, KÖNNEN sie natürlich auch den weniger großen Wert (oder auch drastischer) der Anderen betonen. Je radikaler Postionen sind, umso stärker dürfte der "Wir/Ihr" Kontrast sein.

Das ist natürlich übertrieben dargestellt. Aber im Kern ist da sicher was dran.

Und solche Bilder/Muster im Hintergrund, bei denen es um viel geht/gehen kann, nämlich den eigenen Wert, prägen natürlich auch die Lektüre und können den Sachgehalt überdecken. (Manchmal aber auch herausstreichen! Denn, wenn man entdeckt, welcher Gruppe sich jemand nahe fühlt, dann kann man das gesagte oft auch besser einschätzen!)



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AndreaH
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Di 23. Feb 2021, 18:00

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 23. Feb 2021, 09:26
Eigentlich ist das nichts Kompliziertes, denke ich. Als ich studiert habe, gehörte es zum Selbstverständnis des Zirkels, zu dem ich zählte, Autoren wie Derrida, Lacan, Baudrillard und Deleuze zu lesen (oder zumindest zu kennen). Das heißt - einfach gesagt - es gab ein "Wir". Wir, die wir Derrida, Lacan, Baudrillard, Deleuze lesen. Und die Anderen, die das nicht verstehen :-) Gruppenzugehörigkeit ist ein Teil des Selbstbildes. Und innerhalb der Gruppe sucht man natürlich auch nach einer unverwechselbaren Position. Mit anderen Worten: das Selbstbild formt sich nicht nur "positiv". Also durch die jeweiligen Eigenschaften, die man sich selbst zuschreibt. Sondern auch negativ. Also durch die Eigenschaften, die man ablehnt, welche die anderen der anderen Gruppen haben. Und solche Selbstbilder sind ja nicht wertneutral. Sondern sie sollen die eigene Bedeutung unterstreichen und bieten natürlich auch Orientierung. Und in dem Maß, wie sie den eigenen Wert hervorheben, KÖNNEN sie natürlich auch den weniger großen Wert (oder auch drastischer) der Anderen betonen. Je radikaler Postionen sind, umso stärker dürfte der "Wir/Ihr" Kontrast sein.

Das ist natürlich übertrieben dargestellt. Aber im Kern ist da sicher was dran.

Und solche Bilder/Muster im Hintergrund, bei denen es um viel geht/gehen kann, nämlich den eigenen Wert, prägen natürlich auch die Lektüre und können den Sachgehalt überdecken. (Manchmal aber auch herausstreichen! Denn, wenn man entdeckt, welcher Gruppe sich jemand nahe fühlt, dann kann man das gesagte oft auch besser einschätzen!)
Ich finde es nicht übertrieben dargestellt, bin sehr dankbar für die ausführliche und gute Erklärung!

Das bestätigt auch das Beispiel an mir selbst. :D Ich als Laie, habe ehrlich gesagt, diesen Eingangstread auch etwas anders verstanden. Aus dem Grund, dass ich mir unter Selbstbild etwas anderes vorgestellt habe. Ich habe zwar die Richtung gefunden, konnte aber den Eingangstread in der Tiefe gar nicht erfassen.

Nun stellt sich mir die Frage,
hemmt nicht dieser Kampf / die Konzentration auf dieses Selbstbild nicht auch sehr die Entwicklung /Lösung eines Themas?

Das kann man ja auch auf jeden beliebigen Streit übertragen (dort ist ja das Muster ähnlich)



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Jörn Budesheim
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Di 23. Feb 2021, 18:46

AndreaH hat geschrieben :
Di 23. Feb 2021, 18:00
hemmt nicht dieser Kampf / die Konzentration auf dieses Selbstbild nicht auch sehr die Entwicklung /Lösung eines Themas?
Davon gehe ich sehr aus!

Das Muster an sich selbst du zu durchschauen kann nicht schaden, hilft aber nicht zwingend. Ein Beispiel von mir selbst: Materialistisch eingestellte Gesprächspartner haben eine Neigung abweichende Positionen als unaufgeklärt anzusehen. Wer nicht glaubt, dass alles materiell ist, wird von ihnen leicht die Schublade "esoterisch" oder ähnliches gesteckt. Mich wurmt das in der Regel ungemein und das tut dem Gespräch natürlich nicht gut. Natürlich weiß ich, dass das irrational ist und dass Gelassenheit angesagt wäre, aber das ist immer leichter gesagt als getan :)



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Di 23. Feb 2021, 20:19

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 23. Feb 2021, 18:46
AndreaH hat geschrieben :
Di 23. Feb 2021, 18:00
hemmt nicht dieser Kampf / die Konzentration auf dieses Selbstbild nicht auch sehr die Entwicklung /Lösung eines Themas?
Davon gehe ich sehr aus!

Das Muster an sich selbst du zu durchschauen kann nicht schaden, hilft aber nicht zwingend. Ein Beispiel von mir selbst: Materialistisch eingestellte Gesprächspartner haben eine Neigung abweichende Positionen als unaufgeklärt anzusehen. Wer nicht glaubt, dass alles materiell ist, wird von ihnen leicht die Schublade "esoterisch" oder ähnliches gesteckt. Mich wurmt das in der Regel ungemein und das tut dem Gespräch natürlich nicht gut. Natürlich weiß ich, dass das irrational ist und dass Gelassenheit angesagt wäre, aber das ist immer leichter gesagt als getan :)
Ich kannte mal einen Afrikaner, der hatte mir eine alte Tradition aus seiner Heimat erzählt. Wenn jemand von einem anderen sich bedrängt fühlt - in welcher Art auch immer - dann nimmt er einen Stock und zeichnet zwischen sich und ihm eine Linie in den Sand. Es liegt dann an dem anderen die Linie als Grenze anzusehen oder sie zu überschreiten, wobei letzteres zumeist offenen Kampf bedeutet. Es hat eine starke Ähnlchkeit mit der "roten Linie" die auch wir gern als Sinnbild verwenden. Was jedoch von mehr Menschlichkeit dabei zeugt, ist das Offenlassen der aufgezeigten Grenze und das Anzeigen dessen, dass es sich dabei um eine Grenze zwischen zwei Menschen handelt. Ich denke, in dieser Dualität wird auch ein wenig verständlich, dass dem Einfordern von Normen für den Diskurs (etwa wie in einer Diskursethik Habermas') am Ende immer zwei Menschen zustimmen müssen.

Mit anderen Worten, wenn man nicht gelassen sein kann, dann heißt das zumeist, dass es da einen Grund zur Beunruhigung gibt, den man als Individuum nicht einfach ignorieren sollte.

ps: Ich denke, wir unterschätzen viel zu oft, gerade wenn es um Dinge geht, die wir eigentlich für "rational lösbar oder rational behandelbar" halten, die Rolle unserer Gefühle in dem Moment. Das Gefühl fällt ja nicht als Epiphänomen vom Himmel.. wenn mich etwas wurmt, dann "sagt" mir mein Gefühl, dass ich was tun sollte.




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Mi 24. Feb 2021, 12:09

iselilja hat geschrieben :
Di 23. Feb 2021, 20:19
Es hat eine starke Ähnlchkeit mit der "roten Linie" die auch wir gern als Sinnbild verwenden.
Zum Begriff der "Roten Linie" fand ich folgenden Eintrag:
"Der Begriff "Redlining" wurde in Amerika in den späten 1960er Jahren geprägt. Er bezog sich auf die Praxis von Versicherungen und Banken,
auf einer Karte Bereiche mit einer roten Linie zu markieren, innerhalb derer -
oft mit rassistischem Hintergrund (z. B. innerstädtische Viertel mit hohem Anteil afroamerikanischer Bewohner) -
Dienstleistungen wie z. B. die Vergabe von Krediten oder Versicherungsverträgen verweigert wurden."
[https://www.redensarten-index.de/suche. ... p0=rart_ou]
Wenn ich diese Ausführungen zu Grunde lege, dann sollten wir viel öfter darüber nachdenken, "Rote Linien", die uns von außen gesetzt werden,
bewusst zu überschreiten.



Bene docet, qui bene distinguit. ;)

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