Gaia

Im Zettelkasten können Zitate und Begriffe hinterlegt werden, auf die du andere Mitglieder des Forums aufmerksam machen möchtest.
Timberlake
Beiträge: 273
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Sa 30. Jul 2022, 17:09

Nauplios hat geschrieben :
Sa 30. Jul 2022, 16:16
Alexander Friedrich - "Gaias Netze: Zur Metaphorologie der planetarischen Selbestregulation des Lebens"

"Das Kapitel untersucht die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Gaia-Theorie aus metaphorologischer Perspektive. In der Rekonstruktion der frühen Popularisierung und Kontroverse um Lovelocks und Margulis’ Gaia-Hypothese soll gezeigt werden: dass (1) Metaphorik in der Rede über Gaia unvermeidlich ist; dass (2) die frühen organischen, technischen, kybernetischen und politischen Metaphorisierungen Gaias zu logischen Aporien, theoretischen Inkommensurabilitäten und Missverständnissen geführt haben; bevor schließlich (3) die Metaphorik der Netze einen Registerwechsel erlaubte, der nicht nur zur späteren Akzeptanz der Gaia-Theorie in den Naturwissenschaften wie in ihrer jüngsten Rezeption seitens Bruno Latours beigetragen hat, sondern auch zu einer erweiterten Auffassung davon, was Netzwerke eigentlich sind."
  • "Alles, was den Menschen gegen das Tier abhebt, hängt von dieser Fähigkeit ab, die anschaulichen Metaphern zu einem Schema zu verflüchtigen, also ein Bild in einen Begriff aufzulösen. Im Bereich jener Schemata nämlich ist etwas möglich, was niemals unter den anschaulichen ersten Eindrücken gelingen möchte: eine pyramidale Ordnung nach Kasten und Graden aufzubauen, eine neue Welt von Gesetzen, Privilegien, Unterordnungen, Grenzbestimmungen zu schaffen, die nun der andern anschaulichen Welt der ersten Eindrücke gegenübertritt als das Festere, Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher als das Regulierende und Imperativische.
    Friedrich Nietzsche .. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn



Nur um einmal , in Anlehnung an dieses Zitat , meine bzw. Nietzsches nähe zu Blumenberg zu belegen , ich ergänze ...
hat geschrieben : Alexander Friedrich - "Gaias Netze: Zur Metaphorologie der planetarischen Selbestregulation des Lebens"

"Als ein theoretischer Ausgangspunkt für eine metaphorologischeLektüre des Gaia-Diskurses bietet sich insbesondere Hans Blumenbergs These an, dass es einen bestimmten Typus von Gegenständen gebe, die begrifflich allein nicht zu bewältigen sind, sondern deren Vorstellung und Reflexion stets Metaphernin Anspruch nehmen muss.
wie wird denn mit der metaphorologische Lektüre des Gaia-Diskurses, ein bestimmter Typus von Gegenständen bewältigt , wenn nicht dadurch, dass er bei diesen Gegenständen .. so Nietzsche ..eine "pyramidale Ordnung nach Kasten und Graden" anschaulich macht ? Eine metaphorologische Anschauung, die als das Festere, Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher buchstäblich , als das Regulierende und Imperativische, eine neue Welt von Gesetzen, Privilegien, Unterordnungen, Grenzbestimmungen zu schafft.

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 29. Jun 2021, 06:12
Wenn man sich den Begriff Gaia so vorstellt, als sei die Erde eine Art Lebewesen, dann kann ich mich damit nicht anfreunden. Aber die folgende Definition gefällt mir ganz gut. Greg Hinkel: „Gaia ist Symbiose aus dem Weltraum betrachtet.“
Grenzbestimmungen , die uns eben dieser der Symbiose, insbesondere aus dem Welltall betrachtet , unterordnet . Denn nicht der Mensch, sondern das ,was man sich unter den metaphorologischen Begriff Gaia vorstellt , ist .. "das Regulierende und Imperativische(Nietzsche) ,




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Sa 30. Jul 2022, 18:53

Wenn von einem "Gaia-Diskurs" die Rede ist, dann geht - soweit ich es sehe - dieser Diskurs zurück auf die "Gaia-Hypothese" von James Lovelock und Lynn Margulis. In Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich verlief heißt es:

"Zachs [Der 17-jährige Sohn von Lynn Margulis] Frage, wie Symbiose und Gaia zusammengehören, lässt sich sehr treffend mit einer witzigen Bemerkung meines ausgezeichneten früheren Studenten Greg Hinkle beantworten, der heute Professor an der University of Massachusetts in South Dartmouth ist. Bevor Greg seinen Doktor machte, war er der Überzeugung und lehrte, dass Symbiose einfach das Zusammenleben von Lebewesen unterschiedlicher Arten in körperlichem Kontakt sei. Die Partner der Symbiose, die Symbionten, sind einander in Treue verbunden: Sie befinden sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort, berühren sich unmittelbar oder leben sogar ineinander. Die Vorstellung von 'Gaia' – der alte griechische Name für die Mutter Erde – geht davon aus, dass die Erde lebendig ist. Nach der GaiaHypothese, die von dem englischen Chemiker James E. Lovelock formuliert wurde, werden verschiedene Eigenschaften der atmosphärischen Gase, der Oberflächengesteine und des Wassers durch Wachstum, Tod, Stoffwechsel und andere Aktivitäten aller Lebewesen reguliert. Greg witzelte: 'Gaia ist einfach Symbiose vom Weltraum aus gesehen' – alle Lebewesen stehen miteinander in Berührung, weil sie alle von der gleichen Luft und dem gleichen Wasser umspült werden. Die Gründe, warum Greg meiner Überzeugung nach recht hat, werden auf den folgenden Seiten ausführlich erläutert." (Lynn Margulis; Der symbiotische Planet; S. 8)

Von dort ist der Gaia-Gedanke dann eingewandert in Bruno Latours Kampf um Gaia, der sich darin explizit auf die Gaia-Hypothese von Lovelock bezieht.

"GAIA wird hier als Anlaß einer Rückkehr zur ERDE aufgefaßt", schreibt Latour in der Einleitung und der Einfluß des tellurischen Denkens Carl Schmitts (Der Nomos der Erde) ist unverkennbar und auch explizit.

Daß mit Gaia eine mythische Figur bemüht wird, ruft natürlich die Metaphorologie auf den Plan. (Ich will den Thread aber dieser Belastung nicht weiter aussetzen; über Metaphorologie haben wir bei früheren Gelegenheiten bereits diskutiert.)




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Sa 30. Jul 2022, 19:10

Lisa Handel; Ontomedialität

"'Gaia ist einfach Symbiose vom Weltraum aus gesehen' (...) Dabei steht gaia jedoch expliziter in der kybernetischen und systemischen Tradition, insofern hier in problematischer Weise die großen Erzählungen von Einheit, Holismus, Ganzheit und kosmischer Harmonie aufgerufen werden, denen das symbiogenetische, mikroprozessuale Spiel 'unheilbare' Differenz entgegensetzt." (Lisa Handel; Ontomedialität; S. 395)

Auch hier tauchen sie auf, die "großen Erzählungen".




Timberlake
Beiträge: 273
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Sa 30. Jul 2022, 19:49

Nauplios hat geschrieben :
Sa 30. Jul 2022, 18:53
Daß mit Gaia eine mythische Figur bemüht wird, ruft natürlich die Metaphorologie auf den Plan. (Ich will den Thread aber dieser Belastung nicht weiter aussetzen; über Metaphorologie haben wir bei früheren Gelegenheiten bereits diskutiert.)
Wenn denn, so zumindest meine Meinung, etwas hier zur Belastung wird , dann doch wohl eher , wie hier erwähnt , dass man mit Gaia eine mythische Figur bemüht ,welche die Spiritualität auf den Plan ruft. Nur noch mal dazu zur Erinnerung , wie Mezinger die Spiritualität charakterisiert ..




Verfügt doch die Metaphorologie , im Gegensatz zur Spiritualität , vielleicht nicht über theoretische , aber ganz sicher über propositionale , kognitive und diskursive Eigenschaften.
  • Der Geist ist sich selbst voraus

    Der Philosoph Hans Blumenberg hat darauf hingewiesen, dass Metaphern für das menschliche Denken und Verhalten nicht weniger wichtig seien als klare Definitionen. Damit konnte Blumenberg die philosophische Begriffsgeschichte kategorial erweitern.

Deshalb und insbesondere und weil offenbar Blumenberg Metaphern für das menschliche Denken und Verhalten als nicht weniger wichtig erachtet , als klare Definitionen , wundert mich diese Bemerkung, dass man damit ein Thread belasten würde , doch schon sehr. Bezüglich derer, die sich als ein Vertreter ,von Blummenbergs Philosophie berufen fühlen , würde ich vielleicht nicht von einem Sakrileg sprechen, aber ganz sicher bezweifeln wollen , ob man denn damit noch selbst , im Handeln und Denken, dieser Philosophie entspricht.
hat geschrieben : Alexander Friedrich - "Gaias Netze: Zur Metaphorologie der planetarischen Selbestregulation des Lebens"

Mit der Variation des Brand-Zitats reiht sich die Gaia-Theorie in eine Tradition wissenschaftlicher Revolutionen ein, die nach Freud – dessen Entdeckung des Unbewussten in dieser Reihe fehlt – zu den „drei großen Kränkungen der Menschheit“ gehören. Dieser Darstellung zufolge entspricht die Gaia-Hypothese einem neuen wissenschaftlichen Paradigma, das mit den alten, vorherrschenden Paradigmen nicht kompatibel ist und deshalb auf epistemische Widerstände stößt.

Könnte es vielleicht sein , dass .. weil mit alten, vorherrschenden Paradigmen nicht kompatibel .. die Gaia-Theorie auch bei dir auf auf epistemische Widerstände stößt? Epistemische Widerstände , die sich insbesondere dann auftun, wenn man mit Gaia eine mythische Figur bemüht , welche die Metaphorologie auf den Plan ruft.





Timberlake
Beiträge: 273
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

So 31. Jul 2022, 00:55

Nauplios hat geschrieben :
Sa 30. Jul 2022, 19:10
Lisa Handel; Ontomedialität

"'Gaia ist einfach Symbiose vom Weltraum aus gesehen' (...) Dabei steht gaia jedoch expliziter in der kybernetischen und systemischen Tradition, insofern hier in problematischer Weise die großen Erzählungen von Einheit, Holismus, Ganzheit und kosmischer Harmonie aufgerufen werden, denen das symbiogenetische, mikroprozessuale Spiel 'unheilbare' Differenz entgegensetzt." (Lisa Handel; Ontomedialität; S. 395)

Auch hier tauchen sie auf, die "großen Erzählungen".
  • Der Geist ist sich selbst voraus
    Trotzdem drängt sich die Frage auf, inwieweit sein Ansatz heute ein nützliches Werkzeug zur Beschreibung einer immer verflochtener werdenden Welt sein könnte.
    Denn folgt man Hans Blumenbergs Denken, so entstehen Metaphern immer in Zeiten des Umbruchs. Sie werden zur Chiffre für eine Epoche, in der die Sprache in eine Krise gerät, nicht mehr ausreicht zur Darstellung neuer Entwicklungen und spektakulärer Ereignisse.
.. "großen Erzählungen" von Einheit, Holismus, Ganzheit und kosmischer Harmonie , die unter der Chiffre bzw. Metapher "'Gaia" , immer zu Zeiten Umbruchs entstehen und wenn man sich allein nur die Folgen des Klimawandels vergegenwärtigt bzw. den Maßnahmen , um selbigen abzumindern , wer würde da nicht von solchen Zeiten sprechen?

In diesem Sinne kann Blumenbergs Ansatz , auch diese immer verflochtener werdende Welt zu beschreiben , durchaus ein nützliches Werkzeug sein. Typisch für Blumenberg ist allerdings , dass er dergleichen mit einer, in eine Krise geratenen Sprache verknüpft , die nicht mehr zur Darstellung neuer Entwicklungen und spektakulärer Ereignisse ausreicht. Kann man machen , halte ich aber nicht für unbedingt notwendig. Denn an einer solchen Krise , wird die Minimierung des Klimawandels vermutlich nicht scheitern.
Nauplios hat geschrieben :
Sa 30. Jul 2022, 18:53
Daß mit Gaia eine mythische Figur bemüht wird, ruft natürlich die Metaphorologie auf den Plan. (Ich will den Thread aber dieser Belastung nicht weiter aussetzen; über Metaphorologie haben wir bei früheren Gelegenheiten bereits diskutiert.)
Dann doch wohl eher an jemanden, der sich auf diese Weise diesem "nützlichen Werkzeug" zu entledigen versucht. ;)





Groot
Beiträge: 163
Registriert: Di 6. Apr 2021, 17:10

Mo 1. Aug 2022, 20:14

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 28. Jul 2022, 18:07
Welche Begründung kannst du dafür angeben, dass du dich an die Wissenschaften hältst, wenn du eine Einheitswissenschaft postulierst?
Die Wissenschaft setzt m.e. stetig die Leiblichkeit als ihr normatives und deskriptives Kriterium. Es ist immer ein Wissenschaftler, egal ob Natur-, Geistes- oder Sozialwissenschaftler...ja Himmel, selbst Mathematiker und Physiker sind Wissenschaftler in diesem Sinn :D

Eine Einheitswissenschaft hat eine Basis, weil es Sätze gibt, weil es Sinne gibt, weil es askriptive Blickwinkel auf das Soziale gibt, die nicht bloß anthropologisch oder anthropomorph sind. Aber vielmehr würde mich interessieren, weshalb es keine Einheitswissenschaft geben kann? Weil absolute Kohärenz und Konsistenz der Protokollsätze unmöglich wäre?




Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 18056
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Mo 1. Aug 2022, 20:29

Keine Ahnung, was Du damit sagen willst.




Groot
Beiträge: 163
Registriert: Di 6. Apr 2021, 17:10

Mo 1. Aug 2022, 23:28

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 30. Jul 2022, 06:54
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 29. Jun 2021, 06:12
Wenn man sich den Begriff Gaia so vorstellt, als sei die Erde eine Art Lebewesen, dann kann ich mich damit nicht anfreunden. Aber die folgende Definition gefällt mir ganz gut. Greg Hinkel: „Gaia ist Symbiose aus dem Weltraum betrachtet.“
Groot hat geschrieben :
Do 28. Jul 2022, 16:45
Gaia ist mir schlicht zu spirituell.
Was ist dir an dem Begriff der Symbiose zu spirituell?
Es vereinnahmt den kompletten Geist auf der Natur. Dabei ist eigtl. der primäre Sinn einer Lebendigkeit des Geistes der, dass sich darin die unsrige Zivilisation zeigt. Eine Zivilisation die durchwirkt ist von Natur und aufgeht, eine Blume wird, in der Biosphäre. Aber gerade diese Lebendigkeit sui generis, die der Zivilisation zukommt, die geht bei Gaia verloren...man vermischt damit vielleicht das Sein und die Natur so sehr, dass dieser Blick auf das Soziale und die Sozialität verloren geht. Es kommt sozusagen dann der Natur eine Macht zu, die wir eigentlich gemeinschaftlich sind; derer wir aber freiwillig verlustig gehen, weil wir den Gattungsbegriff "Menschheit" zum kollektiven Moment wählen, statt dem der Zivilisation....letzteres ist nicht anthropologisch, sondern eine Einheit durch die technische Episteme und künstlerische Ontologie.




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Di 2. Aug 2022, 15:16

Groot hat geschrieben :
Mo 1. Aug 2022, 23:28
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 30. Jul 2022, 06:54

Was ist dir an dem Begriff der Symbiose zu spirituell?
Es vereinnahmt den kompletten Geist auf der Natur. Dabei ist eigtl. der primäre Sinn einer Lebendigkeit des Geistes der, dass sich darin die unsrige Zivilisation zeigt. Eine Zivilisation die durchwirkt ist von Natur und aufgeht, eine Blume wird, in der Biosphäre. Aber gerade diese Lebendigkeit sui generis, die der Zivilisation zukommt, die geht bei Gaia verloren...man vermischt damit vielleicht das Sein und die Natur so sehr, dass dieser Blick auf das Soziale und die Sozialität verloren geht. Es kommt sozusagen dann der Natur eine Macht zu, die wir eigentlich gemeinschaftlich sind; derer wir aber freiwillig verlustig gehen, weil wir den Gattungsbegriff "Menschheit" zum kollektiven Moment wählen, statt dem der Zivilisation....letzteres ist nicht anthropologisch, sondern eine Einheit durch die technische Episteme und künstlerische Ontologie.
"Sie möchten im Idealfall mit Ihrer Geldanlage zu einer besseren Welt beitragen, also gezielt in Unternehmen investieren, die mit ihren Produkten und Dienstleistungen und der Art und Weise ihrer Geschäftstätigkeit zu konkreten ökologischen oder sozialen Zielen beitragen, also etwas fördern. Gleichzeitig möchten Sie im Idealfall nicht an etwas beteiligt sein, das nachweislich Schaden an Mensch oder unserer Mutter Erde anrichtet ..." (Mein Geld. Anlegermagazin; 03/2022; S. 45)

"Sei gegrüßt, Mutter Erde, Gattin des gestirnten Himmels. Spende gütig zum Lohn für mein Lied herzerfreuende Nahrung." (aus den Homerischen Hymnen)

Der Lohn für den Homerischen Hymnos auf Gaia besteht längst nicht mehr nur in Nahrung, die das Herz erfreut. Auch das Portfolio von Investoren und Assetmanagern erfreut sich erdverbundener Renditen. Der neue Anleger setzt auf Nachhaltigkeit, seine Anlagestrategien sind geerdet. -

"Mit der 'HPP GAIA – ETF Aktienstrategie Global Nachhaltig' investieren Sie ausschließlich in globale Aktien-ETFs, welche strenge Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Diese zukunftsorientierte Anlage kombiniert nachhaltiges Investieren mit überdurchschnittlicher Renditeerwartung bei gleichzeitiger Würdigung des Risikos." (HPP-Vermögensverwaltung. Intelligent investieren ab 50.000 EUR )

Die HPP-Vermögensverwaltung erläutert:

"Gaia entstammt übrigens der griechischen Mythologie, in der Gaia die Göttin der Erde ist. Inspiriert von Gaia in den 1970er Jahren wurde die 'Gaia-Hypothese'. Eine spannende Theorie, welche bildlich aufzeigt, dass die Erde wie ein Lebewesen zu behandeln ist. Demnach leidet sie darunter, wenn sie nicht mit größter Achtsamkeit und Wohlwollen behandelt wird.

Im Klartext: Bei dieser Strategie steht der nachhaltige Wertzuwachs im doppelten Sinn im Vordergrund. Es wird ein Mehrwert für die Umwelt, sowie eine Mehrrendite in Ihrem Portfolio angestrebt."

Wenn eine Vermögensverwaltung an die griechische Mythologie erinnert und ihr Finanzprodukt mit einem Mythos veranschaulicht, ist der Grund dafür kaum in einer spirituellen Eingebung zu suchen. Gaia ist ein Label für die Erzählung von Nachhaltigkeit und Umweltbewußtsein, für das Zusammenleben (Symbiose) des Menschen und anderer Arten in der Natur und den zivilisierten Umgang mit ihr. Wenn man so will ist Gaia der Inbegriff eines Ganzen, begleitet vom Blick von höherer Warte - idealerweise aus dem Weltraum - , der das Verhältnis von Erde und Mensch als gewachsene Mutter/Kind-Beziehung erzählt und die Erde nun als prekären Pflegefall einstuft, für den der Mensch Verantwortung trägt. So können sich Investments als ambulante Dienste verstehen an dem, was lange vernachlässigt wurde - eine "Arbeit am Mythos" als Generationenvertrag.




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Di 2. Aug 2022, 16:33

Es gibt im Griechischen den bei Platon im Titel (Nomoi) geführten Begriff des Νόμος, der meistens mit "Gesetz" übersetzt wird. Der ältere Νομός (Betonung auf der zweiten Silbe) hingegen meint so etwas wie "Ort", "Gegend", auch im Sinne eines "Weideplatzes" (s. Nomade). Der Νόμος hat es mit Ordnung zu tun, der Νομός mit Ortung. Carl Schmitt, als Theoretiker der Freund/Feind-Unterscheidung von Theo Waigel verschmäht, kommt von daher zu seiner Bestimmung des Rechts als "erdhaft und auf die Erde bezogen" (Der Nomos der Erde; S. 13). Der politische Urakt ist für ihn folglich die Landnahme. Hatte nicht auch Ferdinand Tönnies, über den Du ja kürzlich eine Hausarbeit geschrieben hast, die Unterscheidung Welt/Erde verwendet, Groot? - Bei Heidegger ist ja die Erde das Bergende, während Welt das daraus Aufragende ist; bei Tönnies hab' ich Ähnliches in Erinnerung.

"Zerrissen ist der Zusammenhang zwischen Menschenschöpfung und Erde, vernichtet für Jahrhunderte, wenn nicht für immer, das Urlied der Landschaft." (Ludwig Klages; Mensch und Erde)




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Di 2. Aug 2022, 17:12

Da es im Zusammenhang mit der "Gaia-Hypothese" und dem Gaia-Mythos bei Hesiod gerade paßt:

"Für das Wirkungspotential des Mythos ist diese Einsicht wesentlich: nicht die Überzeugungskraft alter Antworten auf vorgeblich zeitlose Menschheitsrätsel begründet die Andringlichkeit mythologischer Konfigurationen, sondern die Implizität der Fragen, die in der Rezeption und ihrer Arbeit an ihnen entdeckt, ausgelöst, artikuliert werden. Daß kosmogonische Mythen noch im Zeitalter theoretischer Kosmogonien ihre eigene Faszination haben, kann nicht an ihrem Antwortgehalt zu der theoretischen Frage nach der Weltentstehung liegen, sondern am Heraustreten der ebenso gewaltigen wie elementaren Fragen, die mit einer Theorie über die Weltentstehung unbeantwortet bleiben und eher vom Typus der großen Leibniz-Frage cur potius aliquid quam nihil sind." (Hans Blumenberg; Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotential des Mythos; in: "Terror und Spiel. Probleme der Mythenrezeption"; S. 34)

Diese Frage: "Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" (cur potius aliquid quam nihil) ist im Forum schon von Jörn gelegentlich angesprochen worden. Die kosmogonische Thematik der "Gaia-Hypothese" führt in einer Tiefenschicht die Frage nach dem Menschen und seiner "Stellung" in und zur Erde, zum Planeten, mit sich. Das meint Blumenberg, wenn er von "Implizität" spricht. Beantwortet werden kann diese Frage nicht; sie kann gleichsam "bespielt" werden im Sinne des "narrativen Gehirns" (s. Fritz Breithaupt). Und dieses Spiel vollzieht sich in der "mythologischen Konfiguration" namens Gaia > "Terror und Spiel". Gaia ist das mythologische Überlaufventil für den nicht verifizierbaren Überschuss an chthonischer Metaphysik, den die "Hypothese" mitführt.




Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 18056
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 2. Aug 2022, 18:26

Wiki hat geschrieben : Die Gaia-Hypothese besagt, dass die Erde und ihre Biosphäre wie ein Lebewesen betrachtet werden könne, da die Biosphäre – die Gesamtheit aller Organismen – Bedingungen schafft und erhält, die nicht nur Leben, sondern auch eine Evolution komplexerer Organismen ermöglichen. Die Erdoberfläche bildet demnach ein dynamisches System, das die gesamte Biosphäre stabilisiert. Diese Hypothese setzt eine bestimmte Definition von Leben voraus, wonach sich Lebewesen insbesondere durch die Fähigkeit zur Selbstorganisation auszeichnen.
Der Begründer der Gaia-Hypothese, James Lovelock hat geschrieben :
„Aber wenn ich von einem lebendigen Planeten spreche, soll das keinen animistischen Beiklang haben; ich denke nicht an eine empfindungsfähige Erde oder an Steine, die sich nach eigenem Willen und eigener Zielsetzung bewegen. Ich denke mir alles, was die Erde tun mag, etwa die Klimasteuerung, als automatisch, nicht als Willensakt; vor allem denke ich mir nichts davon als außerhalb der strengen Grenzen der Naturwissenschaften ablaufend.
Der Mensch ist kein notwendiger Bestandteil dieser Hypothese. Die Erdoberfläche inklusive der Atmosphäre bildete schon ein dynamisches System, das die gesamte Biosphäre stabilisierte als es uns noch gar nicht gab. Und wenn wir nicht alles vollständig zerstören, wird es so auch noch sein, wenn es uns nicht mehr gibt.

Wenn ich mich in dem, was ich bisher darüber gesehen und gelesen habe, nicht völlig getäuscht habe, ist die Idee entstanden - im Zusammenhang mit einem Projekt der NASA, wie man herausfinden könnte (daher: aus dem Weltall betrachter) ob es auf einem Planeten Leben gibt. Einer der Grundgedanken dabei ist, natürlich völlig vereinfacht gesagt, dass sich das Leben in einer gewissen Hinsicht die Bedingungen und die Atmosphäre, die es braucht, selbst schafft und stabil hält. Und das geschah bereits, als es uns noch lange nicht gab.




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Di 2. Aug 2022, 19:12

Der Begründer der Gaia-Hypothese, James Lovelock hat geschrieben :
„Aber wenn ich von einem lebendigen Planeten spreche, soll das keinen animistischen Beiklang haben; ich denke nicht an eine empfindungsfähige Erde oder an Steine, die sich nach eigenem Willen und eigener Zielsetzung bewegen. Ich denke mir alles, was die Erde tun mag, etwa die Klimasteuerung, als automatisch, nicht als Willensakt; vor allem denke ich mir nichts davon als außerhalb der strengen Grenzen der Naturwissenschaften ablaufend.
Wenn nichts "als außerhalb der strengen Grenzen der Naturwissenschaften ablaufend" - warum ist die Hypothese dann mit dem Namen Gaia verbunden? - Gaia tat nichts "automatisch". Die Wahlverwandtschaft von Hypothese und Gaia lädt ja gerade das innerhalb der strengen Grenzen der Naturwissenschaften Ablaufende mit dem auf, was den Mythos grundiert: Bedeutsamkeit.




Timberlake
Beiträge: 273
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Mi 3. Aug 2022, 01:44

Nauplios hat geschrieben :
Di 2. Aug 2022, 17:12
Gaia ist das mythologische Überlaufventil für den nicht verifizierbaren Überschuss an chthonischer Metaphysik, den die "Hypothese" mitführt.
Respekt .. was das Formulieren solcher Sätze betrifft, so macht dir darin so leicht keiner was vor. Das ist philosophische Poesie auf allerhöchsten Niveau. ;)

Ich habe mich mal bei Blumenberg ein weinig eingelesen ..
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 2. Aug 2022, 18:26
Der Mensch ist kein notwendiger Bestandteil dieser Hypothese. Die Erdoberfläche inklusive der Atmosphäre bildete schon ein dynamisches System, das die gesamte Biosphäre stabilisierte als es uns noch gar nicht gab. Und wenn wir nicht alles vollständig zerstören, wird es so auch noch sein, wenn es uns nicht mehr gibt.

.. und da bin ich bezüglich dieser "stabilisierten Biosphäre" auf folgendes Zitat gestoßen ..
  • „Hier macht FoRMEY den Zusammenhang mit der ihm vor allem angelege­nen Theodizee-Problematik deutlich. Das Postulat der Vollkommenheit der Schöpfung erfordert, daß den Geschöpfen eine force permanente mit­gegeben ist, die den ersten Augenblick der Heraushebung aus dem Nichts stabilisiert, so daß es der Ausdrücklichkeit des Widerrufs bedarf, um der Welt ein Ende zu setzen“.
    Blumenberg … Selbsterhaltung und Beharrung


Um die Welt der Geschöpfe und damit Gaia ein Ende zu setzen, soll es angeblich der Ausdrücklichkeit des Widerrufs bedürfen. Ein Widerruf dessen , was die Vollkommenheit der Schöpfung erfordert und zwar eine Stabilisierung der Welt der Geschöpfe, aus dem Nichts heraus. Daran , das sich „das mythologische Überlaufventil für den nicht verifizierbaren Überschuss an chthonischer Metaphysik“ , und damit Gaia“ selbst stabilisiert , sollte doch wohl keinerlei Zweifel bestehen. Worin könnte nun ein solcher Widerruf bestehen , der dieser Stabilität ein Ende setzt ? Wer wäre denn überhaupt dazu in der Lage? Weil Blumenberg eine Antwort auf diese Fragen, so zumindest mein Eindruck, schuldig bleibt , so richte ich mal die Fragen an die Runde.




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Mi 3. Aug 2022, 17:21

Timberlake hat geschrieben :
Mi 3. Aug 2022, 01:44
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 2. Aug 2022, 18:26

Der Mensch ist kein notwendiger Bestandteil dieser Hypothese. Die Erdoberfläche inklusive der Atmosphäre bildete schon ein dynamisches System, das die gesamte Biosphäre stabilisierte als es uns noch gar nicht gab. Und wenn wir nicht alles vollständig zerstören, wird es so auch noch sein, wenn es uns nicht mehr gibt.

.. und da bin ich bezüglich dieser "stabilisierten Biosphäre" auf folgendes Zitat gestoßen ..
  • „Hier macht FoRMEY den Zusammenhang mit der ihm vor allem angelege­nen Theodizee-Problematik deutlich. Das Postulat der Vollkommenheit der Schöpfung erfordert, daß den Geschöpfen eine force permanente mit­gegeben ist, die den ersten Augenblick der Heraushebung aus dem Nichts stabilisiert, so daß es der Ausdrücklichkeit des Widerrufs bedarf, um der Welt ein Ende zu setzen“.
    Blumenberg … Selbsterhaltung und Beharrung


Um die Welt der Geschöpfe und damit Gaia ein Ende zu setzen, soll es angeblich der Ausdrücklichkeit des Widerrufs bedürfen. Ein Widerruf dessen , was die Vollkommenheit der Schöpfung erfordert und zwar eine Stabilisierung der Welt der Geschöpfe, aus dem Nichts heraus. Daran , das sich „das mythologische Überlaufventil für den nicht verifizierbaren Überschuss an chthonischer Metaphysik“ , und damit Gaia“ selbst stabilisiert , sollte doch wohl keinerlei Zweifel bestehen. Worin könnte nun ein solcher Widerruf bestehen , der dieser Stabilität ein Ende setzt ? Wer wäre denn überhaupt dazu in der Lage? Weil Blumenberg eine Antwort auf diese Fragen, so zumindest mein Eindruck, schuldig bleibt , so richte ich mal die Fragen an die Runde.
Hm, ich will mal versuchen, beide Fragestellungen ein wenig zu konturieren. -

Ich denke, daß die "Gaia-Hypothese" von Lovelock als eine wissenschaftliche Hypothese solide und - ohne daß ich es im Einzelnen beurteilen könnte - regelkonform mit den methodischen Anforderungen der Naturwissenschaften vorgetragen und begründet ist. Einen Zweifel an der Seriosität des wissenschaftlichen Inhalts den Lovelock und Margulis vorlegen, will ich nicht anmelden.

Vom Philosophischen her gesehen, lassen sich Selbstauskünfte und Selbstbeschreibungen der Wissenschaft allerdings anders beobachten, kommentieren, reflektieren und rezipieren als es innerhalb der Wissenschaft üblich und gar erst möglich ist. Damit verbindet sich kein Mißtrauensvotum gegen das System Wissenschaft. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, seien es solche der Biologie o.a., einfach nur zu wiederholen, darin kann sich ja die philosophische Betrachtung nicht erschöpfen. Philosophen müssen nicht Biologen sein, um sich philosophisch oder wissenschaftsgeschichtlich über abgesicherte Erkenntnisse des Faches äußern zu können.

Mein Eindruck von der Gaia-Hypothese ist, daß sie einen Subtext mit sich führt, der darin implizit steckt und entborgen werden kann. Diesen mitlaufenden, mythologisch imprägnierten Subtext zur Sprache zu bringen, das ist das Eine.

Blumenbergs Rekurs auf Formey in Selbsterhaltung und Beharrung steht in einem anderen Kontext. Wenn ich es richtig erinnere geht es da um den Ursprung neuzeitlicher Rationalität.




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Mi 3. Aug 2022, 18:46

Die creatio continua, (wörtlich: fortlaufende Schöpfung) ist ein theologischer Gedanke, der im Mittelalter vor allem von Wilhelm von Ockham und Bonaventura vertreten wurde. Danach ist die Welt nicht das Ergebnis eines einmaligen Schöpfungsaktes, sondern wird von Gott beständig in ihrem Dasein erhalten. Gott ist der tragende Seinsgrund für das christliche heilsgeschichtliche Geschehen.

Die creatio continua ist also eine Form von Fremderhaltung, denn der Mensch hat seine Erhaltung dabei nicht annähernd in der Hand. Sie ist in hohem Maße von Gott abhängig, der sein Projekt einer fortlaufenden Schöpfung jederzeit einstellen könnte. (Das ist eine spätmittelalterliche Vorstellung, die zur Voraussetzung den Konjunktiv hat, den das Griechische und auch das Lateinische hat, nicht aber das Hebräische.) Mit der creatio continua ist demnach ein für die Epochenschwelle vom Mittelalter zur Neuzeit bedeutender Umstand verbunden: Kontingenz. Die Welt kann so sein, wie sie ist, sie könnte aber auch ganz anders sein. Wenn Gott es will, dreht sich die Erde von einem Moment zum nächsten anders herum, werden die Gesetze der Logik außer Kraft gesetzt ... u.ä. Die creatio continua ist bei all dem die Fortsetzung der creatio ex nihil, der Schöpfung aus dem Nichts, in das diese jederzeit durch einen Akt göttlicher Willkür auch wieder verschwinden könnte.

Die creatio ist immer transitiv gedacht, d.h. Gott erhält das Selbst der Welt und des Menschen. Beides liegt in seiner Hand. Transitivität meint wie auch in der Grammatik: es gibt ein direktes Objekt des göttlichen Tuns, die Erhaltung des Selbst geschieht nicht durch eine innere Teleologie, die auf ein Ziel zusteuert, sondern gleichsam durch "Fremd"-Einwirkung.

Im Schwellenbereich zur Neuzeit wird die Vorstellung der Erhaltung zunehmend intransitiv formuliert; die Erhaltung wird zu einer Selbsterhaltung (später zur Selbstbehauptung), d.h. die Prozesse werden zieloffen, theologische Dispositionen werden zurückgebaut. In Selbsterhaltung und Beharrung weist Blumenberg darauf hin, daß in hohem Maße "intransitive Erhaltungsaussagen der Rationalität der Neuzeit zugrunde liegen".




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Mi 3. Aug 2022, 19:10

Eine entscheidende Wende sieht Blumenberg bei Spinoza und Newton. Spinoza gebraucht die Erhaltung durchgehend im intransitiven Sinne eines reflexiven Sich-Selbst-Erhaltens. Analog der Newton' schen "Trägheit" von Körpern hat Spinoza dafür den Begriff des perseverare, des Verharresns.

"Für Spinoza ist der Fortbestand eines gegebenen Zustandes, sein perseverare, das schlechthin Vorgegebene, auf das neue Faktoren einwirken müssen, um es zu verändern." (Blumenberg)

Selbsterhaltung ist "nicht nur ein neues rationales Prinzip unter anderen, es ist das Prinzip der neuen Rationalität selbst." (Blumenberg)




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 1884
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Mi 3. Aug 2022, 19:44

Auf Jean Henri Samuel Formey ist Blumenberg möglicherweise durch den Romanisten Werner Krauss gestoßen, der über Formey gearbeitet hat und an mehreren Tagungen von "Poetik und Hermeneutik" teilgenommen hat; aber das ist jetzt nur eine Vermutung meinerseits.

Formey wiederum hat sich in seiner Religionsphilosophie auf Spinoza gestützt und vertrat die Übereinstimmung von Religion und Vernunft. Die Vollkommenheit der Schöpfung bestand für ihn nicht darin, daß Gott als kontigente Größe unberechenbar ist, sondern die Schöpfung ist so konstruiert, daß mit dem Moment des Heraustretens aus dem Nichts die Geschöpfe mit einer dauernden, beharrenden Kraft ("force permanente") ausgestattet sind (s. Spinozas perseverare, die das Gesamtsystem "Schöpfung" stabilisiert.

"Unverkennbar hat sich aber der Akzent verlagert; er liegt in Formeys Artikel auf der Ablösung der göttlichen Weltverantwortung durch die menschliche im Sinne der Würde der ihm dadurch zugefallenen Selbstverantwortlichkeit. Der Mensch ist zwar immer noch der Schuldige an den Übeln der Welt, aber er ist doch vor allem nach und wegen der Einmaligkeit des göttlichen Schöpfungsaktes seinerseits ein schöpferisches Wesen : Il est createur de ses actions. Diese Verklammerung von Theodizee und Anthropologie, von Apologie Gottes hinsichtlich der moralischen Übel und Apotheose des Menschen hinsichtlich seiner Stellung gegenüber der Welt, ist Formeys deutliche Intention. Dem Dieu est tout in der Darstellung der cartesischen Position steht hier als Konsequenz symmetrisch gegenüber das L'homme fait tout. War am Anfang der Geschichte des Verhältnisses von Theodizee und menschlicher Freiheit das Interesse Augustins ausschließlich auf die Rechtfertigung der physischen Übel in der Welt mit Hilfe der moralischen Übel des Menschen und damit auf die Entlastung Gottes gerichtet, so ist jetzt die Verantwortung für das Böse gleichsam nur der unvermeidliche Preis dafür, daß der Mensch sich auch das in der Welt durch seine Handlungen bewirkte Gute zurechnen darf." (Blumenberg; Selbsterhaltung und Beharrung; S. 341)

" ... daß es der Ausdrücklichkeit des Widerrufs bedarf, um der Welt ein Ende zu setzen" meint hier den göttlichen Widerruf. Nur Gott kann ausdrücklich die Welt wieder verschwinden lassen, so wie er sie ja aus-drücklich als einen imperativen Akt durch Sprache ("es werde") geschaffen hatte. Die Geschöpfe dieser Schöpfung können das nicht; sie sind quasi gepolt (force permanente) auf Selbsterhaltung und Beharrung.




Antworten