Grenze und Horizont

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Nauplios
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Do 16. Sep 2021, 22:07

Friederike hat geschrieben :
Do 16. Sep 2021, 16:34
Nauplios hat geschrieben :
Mi 15. Sep 2021, 00:35
"Unser Leben ist nur möglich unter der Bedingung eines Horizonts. Ohne Horizont wäre ‚da‘ nichts, keine Hoffnung, kein Trost, nur der absolut dichte Ort, die rundgeschlossene Innerweltlichkeit, worin die Seele erstickt …“ (Peter Strasser am 24. Juli im Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung“; S. 9) –
Falls ich dies richtig verstehe, es kommt mir so ungeheuerlich :lol: vor, dann bedeutet die Aussage, der Horizont ist die Bedingung der Möglichkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit unterscheiden zu können.
Daß Leben nur möglich ist unter der Bedingung eines Horizonts, klingt in der Tat nach einem transzendentallogischen Verdachtsfall. Dessen Ungeheuerlichkeit wäre in der Formel "Bedingung der Möglichkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit unterscheiden zu können" noch überboten. Denn das, was dabei unterschieden werden soll (Notwendigkeit und Möglichkeit), wird als "Bedingung der Möglichkeit" der Unterscheidung schon vorausgesetzt. Die zweite Seite der Unterscheidung (Möglichkeit) hat zur Voraussetzung eine bedingte Möglichkeit. Das heißt, man muß schon, bevor man überhaupt mithilfe der Unterscheidung Notwendigkeit/Möglichkeit beobachten kann, mithilfe der Unterscheidung Notwendigkeit/Möglichkeit beobachten. Auch als Nicht-Logiker überkommt mich dabei ein ungutes Gefühl. ;) Ein Gott könnte das.

Vielleicht hat jemand von Euch eine Idee.




1+1=3
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Fr 17. Sep 2021, 06:11

Information etwa ist wesentlich Unterscheidung. Damit Entitäten "konkret" existieren können, haben sie qua "Ur"-Unterscheidungen (oder entsprechende "Entscheidungen"...) normativ gesetzt zu werden. Etwa die Existenz stiftende "Ur-Unterscheidung" System <-> Umwelt, damit es die Systemtheorie geben kann. Vorher könnte in dem Fall gar nicht sinnvoll von System etc. geredet werden. Denn vor welchem "Hintergrund" sollte es sich ansonsten, sozusagen ex negativo, "abgrenzen", auf dass sich beide "Seiten" interdependent "tragen"? (Stichwort "Spannungsfeld zwischen" Polaritäten, "positiv - negativ" als "seinsmäßiges" Äquivalent zum "neutralen 'Plus-Minus-Null'-Zustand", oder so. "Vom 'Nichts' ins 'Sein'..." bla bla, "unbestimmte" Potenzialität in "wohlbestimmte" Aktualität aka Realität "überführend"...) Das ist, was mir spontan dazu einfällt. Ist womöglich auch bloß Blödsinn... ;)



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Jörn Budesheim
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Fr 17. Sep 2021, 06:43


Friederike hat geschrieben :
Do 16. Sep 2021, 16:34
Nauplios hat geschrieben :
Mi 15. Sep 2021, 00:35
"Unser Leben ist nur möglich unter der Bedingung eines Horizonts. Ohne Horizont wäre ‚da‘ nichts, keine Hoffnung, kein Trost, nur der absolut dichte Ort, die rundgeschlossene Innerweltlichkeit, worin die Seele erstickt …“ (Peter Strasser am 24. Juli im Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung“; S. 9) –
Falls ich dies richtig verstehe, es kommt mir so ungeheuerlich :lol: vor, dann bedeutet die Aussage, der Horizont ist die Bedingung der Möglichkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit unterscheiden zu können.
Hinterm Horizont geht's weiter, der letzte Hafen wird immer der vorletzte sein. (Lindenberg/Strasser). Horizont ist eben beides: einerseits eine Grenze - auch schon vom Wortsinn her - andererseits eine Offenheit. Ohne Grenze wäre eine Orientierung (Oxidentierung?) unmöglich, wir würden uns im Unendlichen (Alles und Nichts) verlieren. Und ohne die Offenheit wäre sie trostlos = "Angst und Zuversicht", wie Alethos schon geschrieben hat.

Die kleine Schwester des Horizonts ist das Gesichtsfeld, es ist endlich und grenzenlos zugleich :)



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

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Friederike
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Fr 17. Sep 2021, 08:56

(Kurze Abschweifung)
NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Do 16. Sep 2021, 19:15
[...] Es ist der Kontrast zu Eurem Thema. Die (meine) Beschreibung ist rational und nüchtern und deshalb anders als Eure Betrachtungsweise. Und doch ist beides miteinander verbunden. Denn die Sicht des Biologen hat ja auch einen Horizont.
Ja. Ich kopiere aus einem früheren Beitrag von mir einen Textauszug (Daniel Kehlmann, "Die Vermessung der Welt", Reinbeck 2007, S. 128) hierher, der mir in diesem Zusammenhang eingefallen ist, weil er die Komik, die der Kontrast hervorbringt, zeigt. Wir ergehen uns in Betrachtungen über die großartige Bedeutung des Horizontes und Du holst die Ausflüge ins Unendliche mit den wenigen trockenen Sätzen über die Pilze auf die Erde runter.
Kehlmann hat geschrieben : Ein Mitglied der Schiffsbesatzung, mit der Humboldt und Bonpland den Orinoko hinauffahren, bitte Humboldt darum, eine Geschichte zu erzählen:
Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen sei kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.
Alle sahen ihn an.
Fertig, sagte Humboldt.
Ja wie, fragte Bonpland.
Humboldt griff nach dem Sextanten.
(Die Komik der Geschichte funktioniert nur, wenn man Goethes "Über allen Gipfeln ist Ruh" kennt).




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Friederike
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Fr 17. Sep 2021, 11:15

Nauplios hat geschrieben :
Do 16. Sep 2021, 22:07
Daß Leben nur möglich ist unter der Bedingung eines Horizonts, klingt in der Tat nach einem transzendentallogischen Verdachtsfall. Dessen Ungeheuerlichkeit wäre in der Formel "Bedingung der Möglichkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit unterscheiden zu können" noch überboten. Denn das, was dabei unterschieden werden soll (Notwendigkeit und Möglichkeit), wird als "Bedingung der Möglichkeit" der Unterscheidung schon vorausgesetzt. Die zweite Seite der Unterscheidung (Möglichkeit) hat zur Voraussetzung eine bedingte Möglichkeit. Das heißt, man muß schon, bevor man überhaupt mithilfe der Unterscheidung Notwendigkeit/Möglichkeit beobachten kann, mithilfe der Unterscheidung Notwendigkeit/Möglichkeit beobachten. Auch als Nicht-Logiker überkommt mich dabei ein ungutes Gefühl. ;) Ein Gott könnte das. Vielleicht hat jemand von Euch eine Idee.
Vielleicht löst sich der Knoten, wenn ich aufschreibe, wie meine Überlegung "ging". "Geschlossen"- "offen" (Strasser: "absolut dichte Ort, die rundgeschlossene Innerweltlichkeit"), darüber bin ich auf "notwendig"-"möglich" gekommen, weil in einer geschlossenen Welt alles notwendig ist. Nur kann man es so gar nicht sagen, denn wenn die Welt geschlossen ist und alles darin notwendig, dann weiß man nichts davon, denn man kennt das Andere, die Offenheit und die Möglichkeit ja überhaupt nicht. Also muß, so war mein nächster Schritt, der Horizont es sein, der die Unterscheidung in "geschlossen"-"offen" oder "notwendig"-"möglich" erst ermöglicht.




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Jörn Budesheim
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Fr 17. Sep 2021, 12:14

Hast du den entsprechenden Artikel von Strasser denn gelesen? Er erzählt da ja, welches Erlebnis ihn zu seinen Gedanken motiviert hat.



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Nauplios
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Fr 17. Sep 2021, 15:00

Friederike hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 11:15

Vielleicht löst sich der Knoten, wenn ich aufschreibe, wie meine Überlegung "ging". "Geschlossen"- "offen" (Strasser: "absolut dichte Ort, die rundgeschlossene Innerweltlichkeit"), darüber bin ich auf "notwendig"-"möglich" gekommen, weil in einer geschlossenen Welt alles notwendig ist. Nur kann man es so gar nicht sagen, denn wenn die Welt geschlossen ist und alles darin notwendig, dann weiß man nichts davon, denn man kennt das Andere, die Offenheit und die Möglichkeit ja überhaupt nicht. Also muß, so war mein nächster Schritt, der Horizont es sein, der die Unterscheidung in "geschlossen"-"offen" oder "notwendig"-"möglich" erst ermöglicht.
Dieses Thema "Horizont" hat sicher mehrere Zusammenhänge, in denen es befragbar ist, ästhetische der Bildbetrachtung, literaturwissenschaftliche (s. etwa Baudelaire), epochentheoretische (s. Titelillustration des Novum Organum), metaphorologische ("der historische Wandel einer Metapher bringt die Metakinetik geschichtlicher Sinnhorizonte und Sichtweisen selbst zum Vorschein" - Blumenberg), hermeneutische (s. Gadamers "Horizontverschmelzung"), systemtheoretische (s. den Beitrag von 1+1=3) und phänomenologische ("Verweisungszusammenhang" bei Husserl).

Man sieht dann schnell, daß "Horizont" mehrerer Zettel bedarf, wie das in Luhmanns Zettelkasten ja auch der Fall ist. -

Husserl hat in aufwändigen Studien zum intentionalen Erlebnis (Ideen I) herausgearbeitet, daß ein Gegenstandsbewußtsein in Form einer Vielzahl von Verweisungen einen "unthematischen Spielraum möglicher Erlebnisse" eröffnet. Gegenstandsbewußtsein vollzieht sich in einem umfassenden Verweisungszusammenhang, den Husserl Horizont nennt. Er spricht dann vom "Vermöglichungsbewußtsein" oder auch "Horizontbewußtsein". Im intentionalen Erlebnis eröffnen sich Horizonte, die aber nicht isoliert nebeneinander bestehen, sondern sich ihrerseits wieder aufeinander beziehen. Diese Beziehbarkeit der Horizonte aufeinander nennt Husserl wiederum Horizont, genauer "Universalhorizont". Der Universalhorizont ist die Welt. In allen Gegenstandserfahrungen ist die Welt vorausgesetzt. Husserl spricht in dem Zusammenhang ja auch von der "Generalthesis". Desöfteren taucht bei Husserl auch die Metapher des "Weltbodens" auf. Der Weltboden ist die Welt als der eine Universalhorizont.

Mir scheint die Phänomenologie Husserls im Hinblick auf den "Horizont" eine Ausgangslage zu bieten für mancherlei Anschlüsse.




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Friederike
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Fr 17. Sep 2021, 16:54

Nauplios hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 15:00
Husserl hat in aufwändigen Studien zum intentionalen Erlebnis (Ideen I) herausgearbeitet, daß ein Gegenstandsbewußtsein in Form einer Vielzahl von Verweisungen einen "unthematischen Spielraum möglicher Erlebnisse" eröffnet. Gegenstandsbewußtsein vollzieht sich in einem umfassenden Verweisungszusammenhang, den Husserl Horizont nennt. Er spricht dann vom "Vermöglichungsbewußtsein" oder auch "Horizontbewußtsein". Im intentionalen Erlebnis eröffnen sich Horizonte, die aber nicht isoliert nebeneinander bestehen, sondern sich ihrerseits wieder aufeinander beziehen. Diese Beziehbarkeit der Horizonte aufeinander nennt Husserl wiederum Horizont, genauer "Universalhorizont". Der Universalhorizont ist die Welt. In allen Gegenstandserfahrungen ist die Welt vorausgesetzt. Husserl spricht in dem Zusammenhang ja auch von der "Generalthesis". Desöfteren taucht bei Husserl auch die Metapher des "Weltbodens" auf. Der Weltboden ist die Welt als der eine Universalhorizont.
Mich hat es gereizt, vom nicht metaphorischen Horizont auszugehen, d.h. dem Horizont, den wir sehen ("sehen" also auch unmetaphorisch) und von hier aus Verzweigungen in diese oder jene Richtung aufzutun; allgemein gesagt schwebte mir eine Übertragung auf den Denk-Horizont vor.

Nun war für mich die Frage aufgetaucht, warum es eigentlich so überaus erhebend und attraktiv ist, über eine Ebene bis zum Horizont zu sehen, auf der so gut wie nichts zu sehen ist (je weniger, desto besser). Wenn ich Deine Ausführungen über Husserl lese, dann scheint mir meine Intuition -mehr war es nicht- nun aber doch eine richtige Spur gelegt zu haben. Sieht man nichts, dann kann es kein Gegenstandsbewußtsein geben, denn es gibt keine Gegenstände. Infolgedessen wird möglich, "alles" zu sehen und zu denken, denn man gerät nicht in das Labyrinth der Verweisungszusammenhänge bzw. der Verweisungshorizonte. Darin könnte das Freiheits- oder Ungebundenheitsempfinden beim Blick über die leere Ebene begründet sein. Übrig bleibt vielleicht nur der "Universalhorizont", aber vielleicht "zwinge" (für meine Gedanken passend machen) ich Husserl, so wie Du ihn erklärst, damit (denn wirklich verstanden habe ich die Idee des Universalhorizontes nicht).




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Nauplios
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Fr 17. Sep 2021, 18:15

Friederike hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 16:54

Mich hat es gereizt, vom nicht metaphorischen Horizont auszugehen, d.h. dem Horizont, den wir sehen ("sehen" also auch unmetaphorisch) und von hier aus Verzweigungen in diese oder jene Richtung aufzutun; allgemein gesagt schwebte mir eine Übertragung auf den Denk-Horizont vor.

Nun war für mich die Frage aufgetaucht, warum es eigentlich so überaus erhebend und attraktiv ist, über eine Ebene bis zum Horizont zu sehen, auf der so gut wie nichts zu sehen ist (je weniger, desto besser). Wenn ich Deine Ausführungen über Husserl lese, dann scheint mir meine Intuition -mehr war es nicht- nun aber doch eine richtige Spur gelegt zu haben. Sieht man nichts, dann kann es kein Gegenstandsbewußtsein geben, denn es gibt keine Gegenstände. Infolgedessen wird möglich, "alles" zu sehen und zu denken, denn man gerät nicht in das Labyrinth der Verweisungszusammenhänge bzw. der Verweisungshorizonte. Darin könnte das Freiheits- oder Ungebundenheitsempfinden beim Blick über die leere Ebene begründet sein. Übrig bleibt vielleicht nur der "Universalhorizont", aber vielleicht "zwinge" (für meine Gedanken passend machen) ich Husserl, so wie Du ihn erklärst, damit (denn wirklich verstanden habe ich die Idee des Universalhorizontes nicht).
"Verzweigungen in diese oder jene Richtung" - vom Baum war ja kürzlich schon die Rede. Nietzsche läßt Zarathustra sagen: "Es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, umso stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in's Dunkle, Tiefe, - in's Böse." (Friedrich Nietzsche; Also sprach Zarathustra; KSA; Bd. 4; S. 51) - Verzweigungen machen einen ganz besonderen Reiz aus, weil durch sie wechselseitige Bezugnahmen möglich werden (etwa Baudelaire/Bacon oder metaphorisch/begrifflich oder Philosophie/Literatur ...), die sich gegenseitig quasi zum Sprechen bringen können, indem man beispielsweise Verzweigungen im eigentlichen und metaphorischen Sinne entfaltet. Auch der Verzweigungszusammenhang des Baumes ist ein Verweisungszusammenhang. Als ein ontologisches Modell dekonstruieren es Deleuze und Guattari zugunsten ihres Rhizoms. Man verbleibt damit natürlich immer noch in der Welt pflanzlicher Metaphorik, tauscht sozusagen die Richtung der Verzweigung von oberirdisch nach unterirdisch, "erdwärts" wie Nietzsche schreibt. Dazu und vor dem Hintergrund gewisser Untergangsszenarien (Spengler, Tönnies u.a.) hat Ludwig Klages die Rückkehr des modernen Menschen aus seinen Entzweiungs-, man könnte sagen, aus seinen Verzweigungsverhältnissen propagiert, nämlich in den "weltverwobenen Schlaf der Pflanzenwelt"! - Nur selten war zwischen vegetieren und vegetativ mehr philosophische Botanik. ;)




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Nauplios
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Friederike hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 16:54

Übrig bleibt vielleicht nur der "Universalhorizont", aber vielleicht "zwinge" (für meine Gedanken passend machen) ich Husserl, so wie Du ihn erklärst, damit (denn wirklich verstanden habe ich die Idee des Universalhorizontes nicht).
Ja gut, nun ist der Gedanke eines "Universalhorizonts" einem Theoriestück (Husserl spricht in dem Zusammenhang von der "natürlichen Einstellung") entnommen, das sich aus dem Geflecht seiner theoretischen Überlegungen nicht ohne Bedeutungsverluste lösen läßt. Es geht nicht auf einen Zettel. Zu viel an theoretischen Vorgaben ist mitzudenken. Es kam mir auch mehr darauf an, eine philosophische Adresse zu nennen, die man beim Stichwort "Horizont" aufsuchen kann. - Es gibt selbstverständlich mehrere.




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Fr 17. Sep 2021, 19:20

Friederike hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 08:56
Wir ergehen uns in Betrachtungen über die großartige Bedeutung des Horizontes und Du holst die Ausflüge ins Unendliche mit den wenigen trockenen Sätzen über die Pilze auf die Erde runter.
Das hast Du schön gesagt. Und ja, genau so war es gedacht.
:-)



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Nauplios hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 19:06
Ja gut, nun ist der Gedanke eines "Universalhorizonts" einem Theoriestück (Husserl spricht in dem Zusammenhang von der "natürlichen Einstellung") entnommen, das sich aus dem Geflecht seiner theoretischen Überlegungen nicht ohne Bedeutungsverluste lösen läßt.
Ich möchte nur ausdrücklich sagen, weil ich mißverständlich formuliert hatte: Ich meinte nicht, es läge am Ungenügen Deiner Erklärung, daß ich den "Universalhorizont" nicht verstehe.




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Nauplios
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In den Philosophischen Untersuchungen beschäftigt sich Wittgenstein u.a. mit abstrakten Erklärungen. Sei eine solche zu verstehen als "das Abgrenzen eines Bezirks durch einen Kreidestrich?", fragt Wittgenstein und antwortet sich selbst: "Da fällt uns gleich ein, daß der Strich eine Breite hat." (Paragraph 88)

Das ist im Grunde ein fernes Echo auf eine Unterscheidung, die Kant in den Prolegomena trifft: "Grenzen (bei ausgedehnten Wesen) setzen immer einen Raum voraus, der außerhalb einem gewissen bestimmten Platze angetroffen wird und ihn einschließt; Schranken bedürfen dergleichen nicht, sondern sind bloße Verneinungen, die eine Größe afficiren, sofern sie nicht absolute Vollständigkeit hat. Unsre Vernunft aber sieht gleichsam um sich einen Raum für die Erkenntniß der Dinge an sich selbst, ob sie gleich von ihnen niemals bestimmte Begriffe haben kann und nur auf Erscheinungen eingeschränkt ist." (Prolegomena; in AA; Bd. 4; S. 352)

Auf der Grenze - wohnt die Philosophie. Philosophie als Grenzwissenschaft. :o




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Friederike hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 19:51
Nauplios hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 19:06
Ja gut, nun ist der Gedanke eines "Universalhorizonts" einem Theoriestück (Husserl spricht in dem Zusammenhang von der "natürlichen Einstellung") entnommen, das sich aus dem Geflecht seiner theoretischen Überlegungen nicht ohne Bedeutungsverluste lösen läßt.
Ich möchte nur ausdrücklich sagen, weil ich mißverständlich formuliert hatte: Ich meinte nicht, es läge am Ungenügen Deiner Erklärung, daß ich den "Universalhorizont" nicht verstehe.
... was natürlich auch nicht ausgeschlossen ist. Grenz-wertig. ;)




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Sa 18. Sep 2021, 11:01

Ein Ereignishorizont ist in der allgemeinen Relativitätstheorie eine Grenzfläche in der Raumzeit, für die gilt, dass Ereignisse jenseits dieser Grenzfläche prinzipiell nicht sichtbar für Beobachter sind, die sich diesseits der Grenzfläche befinden. Mit „Ereignissen“ sind Punkte in der Raumzeit gemeint, die durch Ort und Zeit festgelegt sind. Der Ereignishorizont bildet eine Grenze für Informationen und kausale Zusammenhänge, die sich aus der Struktur der Raumzeit und den Gesetzen der Physik, insbesondere in Bezug auf die Lichtgeschwindigkeit, ergeben. Bei statischen Schwarzen Löchern ist der Ereignishorizont eine Kugeloberfläche, deren Radius Schwarzschild-Radius genannt wird.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignishorizont

Was heißt das? Es heißt, dass alles was jenseits des Erieignishorizonts vonstatten geht nicht erkennbar ist, weil keine Information nach "aussen" dringt.



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Alethos
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Sa 18. Sep 2021, 12:28

Friederike hat geschrieben :
Fr 17. Sep 2021, 16:54
Mich hat es gereizt, vom nicht metaphorischen Horizont auszugehen, d.h. dem Horizont, den wir sehen.
Das Foto entstand, liegend auf meinem
unbequemen Liegestuhl am Strand, auf Sardinien diesen Sommer. Ich zeige es nicht, weil es gelungen oder besonders schön wäre (denn das ist es nicht), sondern weil es genau das zeigt: den sichtbaren Horizont, der zum Denken einlädt.

Bild

Wovon sprechen wir, wenn wir vom Horizont als einer Grenze sprechen? Jedenfalls doch nicht nur von dieser scharfen Linie dort, oder? Wir sprechen auch von unserem Sehen und Fühlen, von Gedanken, die sich an dieser Linie entlang entwickeln können. Nicht nur von Links nach Rechts bewegen sich Gedanken dem Horizont entlang, sondern zu ihm zu und über ihn hinaus. Von ihm her kommen sie, aber auch nach oben schweifend und nach unten gleitend. Von allen Seiten auf ihn zu.

Diese Grenze, die er beschreibt, ist somit eigentlich gar keine Grenze im Sinn eines Begrenzenden, Abschneidenden, sondern ist viel eher ein subjektiver Ruhepunkt im Raum als einem Zuhausesein des Subjekts im Sehen. Einem begrenzten Sehen zwar, wobei das Nichtsichtbare bloss verlegt zu sein scheint in das Nochnichtsichtbare, das grundsätzlich sichtbar werden könnte. Damit bildet der Horizont einen Nah- und Intimbereich zwischen Subjekt und Objekt, der spürbar wird als Trost, weil wir durch ihn einerseits immer wieder daran erinnert werden, dass wir mehr und jenseits sehen wollen, an ihm andererseits eine vielfältig einladende Perspektive klar wird, an der sich das Nichtwissenkönnen beruhigen darf mit einem nicht alles wissen Müssen. Denn Horizonte wird es immer geben, darauf ist Verlass und somit dürfen wir auch alle Horizonte begreifen als ein Angekommen sein bei uns: den Nichtalleswissenkönnenden - den Mangelwesen. Wir dürfen bei allem Mangel grundsätzlich auch zufrieden sein - das unter anderem zeigt uns der Horizont.

Wo der Geist bei seinen Bedingungen ist, da weiss er nicht viel oder wenig, zu wenig oder zu viel, sondern da bloss ist er. Auch am Horizont.



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So 19. Sep 2021, 14:39

Mir fällt ein weiterer, von Dir nicht genannter Aspekt ein, den ich noch hinzufügen möchte: die Übersichtlichkeit. Man sieht weit und man sieht wenig, wodurch sich das Gewirr der Gedanken und Gefühle verflüchtigt. Nichts Kleinteiliges ist zu sehen und die Kleinteiligkeit des Denkens wird aufgelöst. "Enge" und "Weite".




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So 19. Sep 2021, 14:45

Alethos hat geschrieben :
Sa 18. Sep 2021, 12:28
Einem begrenzten Sehen zwar, wobei das Nichtsichtbare bloss verlegt zu sein scheint in das Nochnichtsichtbare, das grundsätzlich sichtbar werden könnte. [...]
Ich führe Deinen Gedanken anders fort als Du es getan hast - mit einem meiner neuen Lieblingswörter, das Mögliche erscheint.




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Alethos
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So 19. Sep 2021, 19:30

Friederike hat geschrieben :
So 19. Sep 2021, 14:39
Mir fällt ein weiterer, von Dir nicht genannter Aspekt ein, den ich noch hinzufügen möchte: die Übersichtlichkeit. Man sieht weit und man sieht wenig, wodurch sich das Gewirr der Gedanken und Gefühle verflüchtigt. Nichts Kleinteiliges ist zu sehen und die Kleinteiligkeit des Denkens wird aufgelöst. "Enge" und "Weite".
Ja, ganz genau. Schön formuliert.

Das meinte ich - etwas umständlicher gesagt - mit ‚Intimverhältnis zwischen Subjekt und Objekt‘: Dass sich das Sehen (und Denken) fokussieren kann auf einen Punkt (eine Linie - den Horizont), in welchem Möglichkeiten gebündelt sind und wenig von der Tatsache ablenken kann, dass es darauf ankommt, diese Möglichkeiten auch wahrzunehmen. Sie liegen ohne grosse Ablenkung da.



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