Wissenschaftler: Computer werden niemals denken können

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Jörn Budesheim
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So 21. Okt 2018, 18:15

Schimmermatt hat geschrieben :
So 21. Okt 2018, 18:08
... will man nicht einer Kamera das Sehen und einem Mikrofon das Hören absprechen.
Ohne Qualia keine Wahrnehmungen. Kameras haben weder Seherlebnisse noch Intentionalität. Sinne sind an einen biologischen Körper gebunden und Bewusstsein gebunden.



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Schimmermatt
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So 21. Okt 2018, 18:31

Das wird parallel zum Nachbarthread "Denken als Sinn" diskutiert. Qualia und Intentionalität sind keine Besonderheiten von Auge und Ohr, den Sinnesorganen für Sehen und Hören. Qualia und Intentionalität sind sogar explizit Begriffe, die das Denken mit Metaebene(n) ausstatten, die andere Sinne nicht haben.



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Jörn Budesheim
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So 21. Okt 2018, 19:05

Nun sieht aber auch nicht das Auge, sondern wir sehen mit den Augen (und weiterem). Und natürlich sind unsere Wahrnehmungen intentional, sie sind auf etwas gerichtet und haben spezifische Arten und Weißen, wie sie sind. Es ist irgendwie rot zu sehen. Und der rote Teppich ist der Gegenstand, auf den die Wahrnehmung gerichtet ist. Die Gegenstände gehören konstitutiv zur Wahrnehmung dazu, wir nehmen stets etwas wahr.



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Schimmermatt
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So 21. Okt 2018, 19:31

Erstaunlich. Ich habe wirklich nicht immer zielgerichtete Wahrnehmungsvorgänge. Es dudelt was im Hintergrund, es verschwimmt was vor meinen Augen. Ich habe auch oft gar nicht die Intention, etwas wahrzunehmen. Mein Auge hat es bereits erblickt, noch bevor mir bewusst wird, dass ich es gar nicht habe sehen wollen. Mein Ohr etwas gehört, dass mich zutiefst erschreckt, etc. So intentional kann auch das Denken gar nicht sein, will es manchmal etwas wissen, manchmal lieber nicht, ist dann aber doch zu neugierig, etc.

Das Rotsein finde ich auch n seltsames Beispiel. Röte ergibt sich aus der Interpretation des Gehirns einer bestimmten Wellenlänge beim Auftreffen auf das Auge. Ein Computer könnte die Wellenlänge via Messung aufnehmen und adäquate Sätze daraus bilden: "Der Gegenstand absorbiert alle Wellenlängen des Lichts, bis auf jene im Frequenzbereich von bla bis blubb." Das ist präzise und erfolgreich, alles mögliche Kriterien für eine Attribution von Denken.



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Jörn Budesheim
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So 21. Okt 2018, 19:43

Mit Intentionalität ist nicht das Gleiche wie mit Intention bzw. Ansicht gemeint, es ist ein übergeordneter Begriff. Intentionalität meint, dass unsere mentalen Zustände auf etwas gerichtet sind, von etwas handeln.



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So 21. Okt 2018, 20:19

Schimmermatt hat geschrieben :
So 21. Okt 2018, 19:31
Das Rotsein finde ich auch n seltsames Beispiel. Röte ergibt sich aus der Interpretation des Gehirns einer bestimmten Wellenlänge beim Auftreffen auf das Auge. Ein Computer könnte die Wellenlänge via Messung aufnehmen und adäquate Sätze daraus bilden: "Der Gegenstand absorbiert alle Wellenlängen des Lichts, bis auf jene im Frequenzbereich von bla bis blubb." Das ist präzise und erfolgreich, alles mögliche Kriterien für eine Attribution von Denken.
Farbwahrnehmung ist sogar ein ganz hervorragendes Beispiel, weil dieser Begriff das Erleben der Farben umfasst. Wir können zwar Werkzeuge bauen, die auf bestimmte Frequenzen bestimmten Output produzieren, das hat aber mit Seherlebnissen nicht das geringste zu tun.

Ein anderes Beispiel: Eine Maschine, die den Satz "Wir haben immer gute Gründe Leid zu vermeiden" nicht nur simulieren, sondern auch verstehen und meinen kann, ist nicht denkbar. Denn um das zu sagen und zu meinen, muss man über einen biologischen Körper verfügen und am eigenen Leib erfahren haben, was es heißt zu leiden.

Wenn wir sinnvoll reden wollen, können wir die Bedeutung unserer Begriffe nicht nach Belieben abändern. "Alle Sprache ist ein Alphabet aus Symbolen, deren Anwendung eine den Gesprächspartnern gemeinsame Vergangenheit voraussetzt." (Borges) Der Begriff "Denken" bezieht sich auf Wesen aus Fleisch und Blut. Denken ist Teil des Lebens. Nur Wesen, denen es um etwas geht, nämlich ihr Leben, können nach meiner Überzeugung denken.



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Schimmermatt
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So 21. Okt 2018, 22:45

Wenn man die Eingangsfrage, ob Computer denken können, mit der begriffsdefinitorischen Antwort "Nein, denn sie sind keine Menschen und nur denen (bzw dem Begriff des Menschen!) wird das gemeinhin zugerechnet" begegnen möchte, dann kann man das machen. Ich mach das nicht, hat man ja lesen können :-)



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So 21. Okt 2018, 22:51

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 21. Okt 2018, 20:19

Farbwahrnehmung ist sogar ein ganz hervorragendes Beispiel, weil dieser Begriff das Erleben der Farben umfasst. Wir können zwar Werkzeuge bauen, die auf bestimmte Frequenzen bestimmten Output produzieren, das hat aber mit Seherlebnissen nicht das geringste zu tun.

Ein anderes Beispiel: Eine Maschine, die den Satz "Wir haben immer gute Gründe Leid zu vermeiden" nicht nur simulieren, sondern auch verstehen und meinen kann, ist nicht denkbar. Denn um das zu sagen und zu meinen, muss man über einen biologischen Körper verfügen und am eigenen Leib erfahren haben, was es heißt zu leiden.
Woher weißt Du das alles?



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Jörn Budesheim
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Mo 22. Okt 2018, 06:31

Schimmermatt hat geschrieben :
So 21. Okt 2018, 22:45
Wenn man die Eingangsfrage, ob Computer denken können, mit der begriffsdefinitorischen Antwort "Nein, denn sie sind keine Menschen und nur denen (bzw dem Begriff des Menschen!) wird das gemeinhin zugerechnet" begegnen möchte, dann kann man das machen. Ich mach das nicht, hat man ja lesen können :-)
Es geht dabei nicht um definitorische Fragen (im Sinne einer Verabredung oder Festlegung), sondern um die Bedeutung und Semantik der Begriffe, die wir nutzen und damit um ihren Platz in der Wirklichkeit. Im Grunde hängt es zusammen mit Putnams Diktum: "Bedeutung sind nun mal nicht im Kopf."

Wenn du dich entscheidest, die Begriffe "Denken" und "Maschinen" gegen ihren Gebrauch und Bezug zu verwenden, dann reden wir nicht über dasselbe. Die Bedeutung der Begriffe, die wir nutzen, ist nämlich nicht einfach beliebig, sondern sie hängt regelmäßig an den Gegenständen selbst, auf die sich die Begriffe beziehen, sowie an unserer Sprachpraxis. "Alle Sprache ist ein Alphabet aus Symbolen, deren Anwendung eine den Gesprächspartnern gemeinsame Vergangenheit voraussetzt." (Borges) "Denken" wenden wir seit jeher an auf Lebewesen. Menschen und Tiere denken, Werkzeuge nicht. Man kann den Bezug und Gebrauch nicht nach Belieben abändern, ohne die Bedeutung der Begriffe zu ändern.

Unsere Begriffe hängen in ein Bedeutungs-Netz, das keineswegs im Belieben des Einzelnen steht. Der Begriff "Denken" gehört also zu einem semantischen Netz und lässt sich nicht einfach davon abtrennen, ohne dass es seinen Sinn verändert. Wer denkt, der kann scharfsinnig sein, klug sein, er kann auch vage etwas meinen, bloß etwas vermuten, über etwas grübeln, Witz haben, er kann dumm und uneinsichtig sein, er kann ein Brett vor dem Kopf haben ... usw. usf. Der Begriff hängt mit dem gesamten Vokabular unseres geistigen Lebens zusammen. Und das hängt seinerseits daran, dass es für uns im Leben stets um etwas geht, um uns selbst und die Anderen. Man kann nicht einfach einen einzelnen Begriff hier heraus picken und meinen, man könne den Rest zurücklassen, so funktionieren unsere Sprache und unser Leben nicht.

Meines Erachtens hat man einen ziemlich groben Dualismus bereits akzeptiert, wenn man glaubt, Denken isoliert vom Leben, vom Körper, von den Lebenswelten verstehen und herauspicken zu können.



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Schimmermatt
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Mo 22. Okt 2018, 18:41

Ich verstehe bereits die Eingangsfrage als Aufforderung, das bestehende Korsett der Begriffe "Denken" und "Maschine" zu überdenken. Wenn ich das nicht tue, dann finde ich es relativ trivial, aus der bestehenden Begrifflichkeit heraus ein "Nein" zu formulieren. Aber ich habe dann auch nichts weiter getan, als mich meiner Begrifflichkeiten zu versichern, über eventuell auftauchende künftige Maschinen aber habe ich nicht gesprochen. Konsequent müsste ich, falls so etwas auftaucht, dann einen neuen Begriff für die Maschine finden, die ja nicht Maschine heißen dürfte, weil kann ja nicht sein, was nicht sein darf, per definitionem.


Lehnst Du eigentlich auch den Turing-Test, bzw. seine Methodik, ab? Der baut ja quasi darauf auf, dass die Attribution von Intelligenz auch Intelligenz zu nennen ist.



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Stefanie
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Fr 26. Okt 2018, 08:06

https://www.ksta.de/kultur/-hysterische ... --31495648


Frau Weidenfeld, Sie und Ihr Mann Julian Nida-Rümelin haben soeben das Buch „Digitaler Humanismus“ vorgelegt. Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) beflügelt die Phantasie der Menschen enorm. In dem Kinofilm „Ex Machina“ scheint der Roboter Ava emotionale Gefühle zu haben, der Mensch Caleb verliebt sich schließlich in die Maschine. Woher stammt die Idee einer solchen Verbindung kulturgeschichtlich?

Nathalie Weidenfeld: Es handelt sich um ein Phantasma, einen Mythos, der seit Anbeginn der westlichen Kulturgeschichte vorhanden ist. Zu nennen wäre hier Pygmalion, der Mythos von Ovid, in dem sich ein Bildhauer in eine von ihm selbst geschaffene Statue verliebt, die mit Hilfe von Venus zum Leben erweckt wird und eine Seele gewinnt. Im Mittelalter findet sich die Vorstellung des Golem, eines seelenlosen Wesens, das auf die heutige Roboter-Vorstellung vorausweist. E.T.A. Hoffmann wartet in der Romantik mit der Vorstellung auf, dass ein Mann eine perfekte Frau erschafft. Diese Phantasmen treten erneut verstärkt in den 50er Jahren und 70er Jahren auf – und jetzt wieder.

Was bedeuten diese Bilder?

Nathalie Weidenfeld: Es ist ein Spiegelbild, das uns immer wieder vorgehalten wird. Diese Maschinenwesen sind fast wie Menschen, aber doch nicht ganz Menschen. Das ist die Frage, über die in diesen Erzählungen nachgedacht wird. Nicht die Frage, was ist der Roboter, sondern was sind wir? Was macht uns als Menschen aus? Was bedeutet es, menschlich zu sein?

Dennoch wird Robotern ein menschliches Sein zugesprochen, gerade wenn man sie mit großen Augen und Mund konzipiert. Sie nennen das modernen Animismus, inwiefern?

Nathalie Weidenfeld: Einem unbelebten Wesen wie etwa einer Puppe oder auch einem Baum eine Seele, einen Geist und Gefühle zuzusprechen, beschreibt Freud als Teil einer animistischen Weltvorstellung, die es nach seiner Meinung nur bei primitiven Völkern oder Kindern gibt. Der KI-Diskurs, bei dem Roboter als Quasi-Menschen imaginiert werden, ist Teil einer solchen Weltvorstellung und bedient damit eine absolut regressive Fantasie.

Ist das nicht schon Teil der Wirklichkeit, wenn wir zum Beispiel an Alexa, die Stimme von Amazon, denken?

Nathalie Weidenfeld: Ich denke, niemand glaubt, dass Alexa eine reale Frau ist. Alles andere sind bislang Phantasien. In der Industrie geht man bereits davon ab, Roboter menschenähnlich zu gestalten, da sie im Freud’schen Sinne als unheimlich wahrgenommen werden.

Herr Nida-Rümelin, der Philosoph Julien Offray de La Mettrie hat im 18. Jahrhundert das Buch „L’Homme Machine“ verfasst. Der Mensch sei nichts anderes als eine Maschine, heißt es darin. Wo liegt der Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus heutiger Sicht?

Julian Nida-Rümelin: Die alte antihumanistische Version, der Mensch sei eigentlich auch nur eine Maschine, erlebt gegenwärtig eine Wiederauferstehung, nachdem sie lange Zeit beerdigt war. Die technologischen Möglichkeiten sind heute durch die Digitalisierung viel komplexer als je zuvor. Deswegen kann dieser alte Irrtum in neuer Form aufgedeckt werden.

Die Softwaresysteme entwickeln sich ja rasant.

Julian Nida-Rümelin: Ja und doch ist es sehr schwer, dazu Prognosen zu treffen. Alle haben sich seit Beginn der Digitalisierung als falsch erwiesen: das digitale, papierlose Büro, dass wir durch Skype keine Meetings mehr brauchen, alle Menschen zu Hause arbeiten können ... Das Potenzial ist riesig, dennoch ist die Produktivitätsentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung sehr gering, vor allem in den USA. Deshalb braucht man keine apokalyptischen Visionen zu entwickeln.

In der Tat gibt es eine große Sorge vor der Umgestaltung der Arbeitswelt. Was halten Sie von der Idee eines Grundeinkommens?

Julian Nida-Rümelin: Solange sich die Produktivitätszuwächse in der Größenordnung des realen Wirtschaftswachstums bewegen, ist per Saldo kein Arbeitsplatzverlust zu befürchten. Insofern sind dann alle Überlegungen in Bezug auf ein Grundeinkommen vom Tisch. Aber digitale Kompetenz wird wichtig werden. Viele der jetzigen Tätigkeiten werden durch die Digitalisierung ersetzt, man braucht keine Menschen mehr hierfür. Diese müssen lernen, mit den digitalen Technologien umzugehen, gerade dort, wo es Wachstumsbereiche gibt, wie etwa zurzeit in der Spiele-Industrie. Aber auch in den Firmen wird das nötig sein, genauso wie in den nicht-akademischen Arbeitsbereichen. Das, was immer beschworen wird, lebenslanges Lernen, wird immer wichtiger werden.

Der Astrophysiker Stephen Hawking sprach kurz vor seinem Tod eine Warnung an die Menschheit vor KI aus, was halten sie davon?

Julian Nida-Rümelin: Er prophezeite, dass Maschinen böswillig werden. Aber sie sind weder gut noch böswillig. Softwaresysteme sind Apparaturen, die sich mit den Mitteln der Physik erklären lassen und nicht mehr. Wir müssen von der Ideologie Abschied nehmen, die auch ein bisschen mit dem Silicon Valley zusammenhängt, nämlich von der Mystifizierung, die die Softwaresysteme beseelt und mit menschlichen Eigenschaften ausstattet.

Hat denn der Mensch die Möglichkeit, die Entwicklungen der KI zu steuern? Und wenn ja, wie?

Julian Nida-Rümelin: Das ist eine der wesentlichen Botschaften des digitalen Humanismus, den wir vertreten, dass es der Mensch ist, der hier Verantwortung trägt. Es sind ja wir, die das entwickeln. Es sind immer Menschen, die die Bewertungsfunktionen eingeben. Maschinen haben keine Absichten, weder gute noch böse. Wir müssen uns also keine Gedanken machen über Akteure, die sich gegen uns wenden, sondern darüber, wie wir diese technischen Möglichkeiten sinnvoll einsetzen können.

Wie gefährlich oder nützlich sind Utopien in Bezug auf KI?

Julian Nida-Rümelin: Der von uns vertretene digitale Humanismus versucht, den Umschlag in Utopismus zu blockieren. Er besagt: Was die conditio humana im Kern ausmacht, ist nicht das Ergebnis technischer Veränderungen, auch nicht ökonomischer Prozesse. Im Gegenteil: Die menschliche Spezies ist ziemlich unveränderlich. Sie hat bestimmte Eigenschaften – zum Beispiel ist sie auf soziale Verbindungen angewiesen, sie muss eine Balance herstellen zwischen Individualität, Selbstbestimmung und Zusammengehörigkeit. Gleiche Anerkennung, gleicher Respekt, gleiche Würde ist zentral für ein gutes Leben. Das gilt in der griechischen Polis vor 2500 Jahren genauso wie heute. Der Humanismus läuft immer Gefahr, umzuschlagen in Utopismus. Das droht, wenn die Menschen sagen: Wir vervierfachen unsere Intelligenz, leben ein paar Jahrhunderte. Das sind die überschäumenden Utopien, die viele Ängste heraufbeschwören. Jede disruptive, das Gleichgewicht störende Technologie ist mit dieser Art von hysterischer Reaktion – euphorisch oder apokalyptisch – einhergegangen.



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Fr 26. Okt 2018, 20:40

Ob es jemals etwas geben wird, was wir in irgendeiner Form "geschaffen" haben, was im Sinne des Wortes Denken kann, ist womöglich eine ganz andere Frage als die Frage, ob Maschinen jemals denken werden. Das erste machen wir ohnehin - indem wir Kinder schaffen :-) Vielleicht werden wir Mal eine andere/neue biologische Lebenform "schaffen", die denken kann - keine Ahnung, das ist schiere Spekulation.

Und dass Maschinen nicht denken werden, es ist keine begriffliche Trickserei. Dabei geht es um Tatsachen, meine ich. Wir selbst hatten in der langen Geschichte biologischer Evolution sicher Vorläufer V, bei denen wir noch nicht von Denkfähigkeit sprechen würden. Auch in diesem Fall würden wir auf die Frage, ob die V denken gelernt haben, nicht sagen, dass das der Fall ist, da nicht die V denken gelernt haben, sondern ihre aufeinander folgenden Nachfolger, die schließlich einfach keine V waren. Wir (und die Nachfolger) denken, nicht die V.



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Fr 26. Okt 2018, 21:17

Schimmermatt hat geschrieben :
Mo 22. Okt 2018, 18:41
Lehnst Du eigentlich auch den Turing-Test, bzw. seine Methodik, ab? Der baut ja quasi darauf auf, dass die Attribution von Intelligenz auch Intelligenz zu nennen ist.
Ja, lehne ich ab.

Das Design ist ungenügend, denn es schließt einen gemeinsamen zeit- und ortgleichen Weltbezug aus, der für unsere Kommunikation grundlegend ist. Mit anderen Worten: es fehlt das grundlegende Element der "Life-Triangulation" - etwa, wenn man zusammen mit Anderen den Himmel betrachtet und sich darüber freut, wie herrlich er aussieht. Ein Beispiel: Die Fähigkeit der Maschine aus dem besagten zu schließen, worauf es sich überhaupt bezieht, wird gar nicht getestet. Es gibt von Davidson dazu einen guten Aufsatz, der diesen Gedanken ausführt, falls ich mich korrekt erinnere.

Zudem ist Denken nicht nur Knowing That, sondern auch Knowing How. Aber das wird beim Test einfach ausblendet. Zig tausend Jahre körperfeindlicher Denkweise haben hier wohl ihre Spuren hinterlassen.



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Sa 27. Okt 2018, 06:49

Der US-Soziologe Hugh G. Loebner lobte 1991 einen Preis von 100.000 Dollar für das Computerprogramm aus, das den Turing-Test besteht und eine Expertenjury hinters Licht führt. Bis 2017 hat niemand den Preis erhalten, und der Großteil der KI-Forscher geht davon aus, dass das auch in absehbarer Zeit nicht passieren wird. Quelle: https://www.planet-wissen.de/technik/co ... telligenz/
Hat es mittlerweile jemand geschafft?



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Sa 27. Okt 2018, 07:34

Catrin Misselhorn hat geschrieben : Turing ist nicht nur der Vater der Turingmaschine. Er hat auch maßgeblichen Einfluss auf die Diskussion genommen, ob Maschinen denken können. Nach Turings Meinung ist allerdings schon die Ausgangsfrage problematisch: Ihre Beantwortung hängt davon ab, wie wir die Begriffe Maschine und Denken definieren. Eine unumstrittene Definition dieser Begriffe ist für ihn nicht in Sicht. Statt die Frage direkt anzugehen, schlägt er deshalb vor, einen Test durchzuführen. Er nennt ihn »das Imitationsspiel«. Die Pointe dieses Spiels besteht darin, dass ein Computer einen Menschen imitieren soll. Dabei stehen sich Mensch und Maschine nicht direkt gegenüber, um auf diese Art und Weise Vorurteile gegenüber Maschinen auszuschließen, die auf ihrer nicht-menschlichen Erscheinung beruhen.
Hier sieht man recht schön die Problematiken. Was ist denn eine Definition? Der Begriff hat schließlich viele verschiedene Bedeutungen, im Alltag sind hinweisende Definition für unseren größtem Belang. (Das gilt im übrigen auch für Muster Erkennungen bei der künstlichen Intelligenz.) Aber gerade dieser wichtige Aspekt von Definition muss ausgeschlossen werden, und die "Vorurteile gegenüber Maschinen auszuschließen". Aber diese Vor-Urteile sind mit-entscheidend. Begriffe und Urteile ergeben sich eben aus solchen Vor-Urteilen! Dazu noch mal Borges: "Alle Sprache ist ein Alphabet aus Symbolen, deren Anwendung eine den Gesprächspartnern gemeinsame Vergangenheit voraussetzt."

Unsere Begriffe fallen schließlich nicht einfach so von Himmel, sondern sie haben sich entwickelt und beziehen sich auf bestimmte Gegenstände in der Wirklichkeit, sie sind als Einzelnen und als Begriffsnetz verankert in der Wirklichkeit. Das Gedankenexperiment setzt einfach ohne Begründung voraus, dass sich die Begriffe Denken und Maschinen überhaupt vertragen. Aber das ist aber ganz offenbar nicht der Fall. Der Begriff "Denken" bezieht sich auf Lebewesen und Maschinen sind tote Artefakte.



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Mi 31. Okt 2018, 06:12

Hier Mal zwei sprechende Zitate von John Searle, einem der Hauptkritiker der KI. Den Unterschied zwischen ursprunglicher und bloß verliehener Intentionalität zu ignorieren, ist nach Searle der ...

"Hauptfehler [...] der der starken KI. Bei den Gehirnfunktionen sind nicht die formalen Schatten relevant, die durch die Synapsenfolge geworfen werden, sondern die wirklichen Eigenschaften der Folgen. All die Argumente für die starke Version der KI, die ich gehört habe, bestehen darauf, die Umrisse der Schatten nachzuzeichnen, die von den Kognitionen geworfen werden, und danach zu behaupten, diese Schatten seien das wirkliche Ding. [ . . . ] Intentionalität, wie sie Computer zu haben scheinen, gibt es nur im Geiste derer, die sie programmieren, und derer, die sie gebrauchen, derer, die ihnen die Inputs geben und die die Outputs interpretieren.“

"Niemand wird annehmen, daß die Computersimulation eines Feuerarlarms die ganze Nachbarschaft niederbrennen oder daß die Computersimulation eines Regenschauers uns völlig durchnäßt zurucklassen wird. Warum sollte man dann aber annehmen, daß eine Computersimulation des Verstehens wirklich etwas versteht? [ . . . ] Was Intentionalität auch immer sein mag, sie ist ein biologisches Phänomen, und es ist wahrscheinlich, daß sie von der spezifischen Biochemie ihres Ursprungsstoffes genauso kausalabhängig ist, wie die Milcherzeugung, die Photosynthese oder irgendwelche anderen biologischen Phänomene. Niemand wird annehmen, daß man Milch oder Zucker erzeugen könnte, indem man eine Computersimulation der formalen Abläufe durchfuhrt, die sich bei der Milcherzeugung und der Photosynthese finden. Wenn es aber um den Geist geht, dann wollen viele Leute, motiviert durch ihren tief- und festsitzenden Dualismus, an ein solches Mysterium glauben: sie nehmen an, der Geist sei eine Sache formaler Prozesse und er sei, anders als Milch und Zucker, unabhängig von bestimmten stofflichen Ursachen."



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Fr 2. Nov 2018, 08:17

Ein Interview mit Siri, cortana und Google.

http://www.general-anzeiger-bonn.de/new ... -Interview

Nicht so ganz philosophisch, ich fand es trotzdem amüsant.

Dazu passt dieser Artikel,

http://www.general-anzeiger-bonn.de/new ... 71440.html

U.a. der Hinweis, dass verhindert werden muss, dass unbewusste Werteurteil etc. durch das programmieren eine Ki von Anfang an beeinflussen.

Oder ein Computer kann nur so intelligent sein, wie die Person , die die Programmierung macht.



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Mi 2. Jan 2019, 09:57

Wissenschaftsjahr 2019 befasst sich mit Künstlicher Intelligenz

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Initiative will die Öffentlichkeit neugierig machen

Um die Meere ging es bereits, um die Arbeitswelt oder auch die Stadt der Zukunft: In jedem «Wissenschaftsjahr» steht eine Disziplin oder ein aktuelles Thema im Mittelpunkt. 2019 geht es um Künstliche Intelligenz.

https://www.domradio.de/themen/kirche-u ... ntelligenz



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Mo 14. Jan 2019, 10:29

Mensch und Maschine
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Markus Gabriel im Gespräch mit Christian Rabhansl

Wie intelligent sind die KIs wirklich? Der Philosoph und Schriftsteller Markus Gabriel hält gerade die Imperfektion des Menschen für seine evolutionäre Stärke. Was aber, wenn wir uns Orwell'sche Welten bauen – und das auch noch gut finden?

Christian Rabhansl: Es gibt wahrscheinlich kein Spiel auf der Welt, das so komplex ist und so viele Varianten bietet wie das Brettspiel Go aus China. Dagegen ist Schach Kindergarten. Go ist die Königsdisziplin. Allerdings hat der Mensch vor knapp drei Jahren die Krone abgeben müssen. Da ist nämlich der menschliche Go-Weltmeister von einer Software besiegt worden. Für KI -Forscher aus der ganzen Welt war das deshalb ein Meilenstein auf dem Weg zu einer echten elektronischen Intelligenz. Der Philosoph Markus Gabriel sieht das anders, der sagt: Nein, es ist Unsinn, eine KI für intelligent zu halten. Das lese ich in seinem Buch „Der Sinn des Denkens“. Mit diesem Buch schließt Markus Gabriel seine Trilogie zum Neuen Realismus ab.

weiter lesen: https://www.deutschlandfunkkultur.de/me ... _id=438161



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Sa 2. Feb 2019, 17:49




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