ethischer Relativismus aus ethischer Überzeugung?

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Jörn Budesheim
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Mo 24. Jun 2019, 13:33

Unter Relativismus in der Ethik verstehe ich - sehr knapp gesagt - die Idee, dass Normen immer nur relativ auf eine Kultur (Sprachgemeinschaft, etc. o.ä.) in Geltung sind. Gegenbegriffe dazu sind Universalismus, Realismus, Objektivismus ... für die Normen eben objektiv bzw. absolut gelten. Relativismus insbesondere "Radikaler Relativismus" ist oftmals (aber nicht immer) vom Selbstwiderspruch bedroht. Ich für meinen Teil bin der Ansicht, dass Ethik objektiv gilt (ich nutze in diesem kurzen Text die Begriff Ethik und Moral einfachheitshalber synonym) Aber das ist nicht mein Punkt.

Meine Frage ist auch nicht, ob Relativismus richtig oder falsch ist, sondern, ob Relativismus in der Ethik nicht oftmals einem ethischen Impuls entspringt. Dann würde man (objektive) ethische Werte aus ethischen Überlegungen heraus ablehnen. Und das wäre doch ein erstaunlicher Befund, oder?



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Alethos
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Di 30. Jul 2019, 13:51

Lass uns versuchen zu ermitteln, ohne dass wir darob in einen neuen (alten) Universalienstreit geraten :), was Universalität bedeutet. Unter Universalität verstehe ich, dass ein Wert absolut und immer gilt, ungeachtet des Einzelfalls respektive den Einzelfall in jedem Fall einschliessend. Ein Wert gälte unter dem Gesichtspunkt seiner Universalität immer in Bezug auf jede Situation, d.h. er gilt nicht relativ zu dieser Situation (nur im Falle dieser Situation gilt er), sondern er geht relational aus dieser Situation objektiv hervor. Verstehen wir darunter dasselbe?



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Jörn Budesheim
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Di 30. Jul 2019, 19:51

Ich verstehe unter Relativismus etwas anderes. Relativismus ist die Idee, dass (z.b.) Werte immer nur relativ auf x gelten. Für x können stehen z.b. Konventionen, Sprachspiele, Kulturen und ähnliches.

Was tatsächlich zu tun ist, kann man natürlich niemals unabhängig vom Einzelfall klären.



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Alethos
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Mi 31. Jul 2019, 00:30

Du sprichst von einem ethischen Impuls. Was meinst du damit: eine Art ethischer 'Geschmackssache'?



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Jörn Budesheim
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Mi 31. Jul 2019, 05:23

Nein, unter Impuls verstehe ich so etwas wie einen Antrieb. Vielleicht könnte man in dem Zusammenhang auch von einer Haltung oder Einstellung sprechen. Der ethische Relativismus entsteht aus einer ethischen Haltung. Und zwar der Haltung, die ethischen Meinung der anderen gelten zu lassen, vielleicht könnte man auch von Toleranz sprechen.



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Alethos
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Mi 31. Jul 2019, 11:39

Das sehe ich kritisch. Nichts gegen Toleranz, aber sie kann ja kaum soweit gehen, alles zu tolerieren, was selbst intolerabel ist. Dass es Intolerables gibt, das ist wohl untrügliches Zeichen dafür, dass es etwas Verpflichtenderes gibt als diese ethische Haltung.

Angenommen die Ethik wäre 'begründet' durch Haltungen, Einstellungen und vielleicht sogar Wünsche: Wäre es da nicht in der Konsequenz gedacht so, dass alles durch Privateregeln legitimiert sein würde? Was immer die Haltung sagt, gründete auf dem Dafürhalten des Individuums und sollte dies allein auf einem 'Antrieb', gar einem Wunsch allein basieren, wodurch ergäbe sich ein Korrektiv dieser Einstellungen? Nach meinem Dafürhalten braucht es ein überindividuelles Moment der Rechtfertigung moralischer Richtigkeit. Man kann darüber diskutieren, ob sich diese aus rechtlicher Autorität (Kontraktualismus) oder durch die Sache selbst ergibt (objektive Ethik). Aber wenn es nicht möglich ist, hinter eine bestimmte Lebensform zurückzufragen, und unser Weltbezug auf objektive (Selbst-)Beschreibungen zurückgeworfen bleibt, so liegt wenigstens in der Objektivität dieser Beschreibungen ein das Individuum über sich selbst hinaus führender Grund für seine Verortung als Mitmensch, als moralisches Wesen. Eine Haltung darf vor dem Hintergrund des Vernunfthabens, des Gebens und Nehmens von Gründen, gar nirgends anders als auf der objektivierenden Rechtfertigung moralischer Grundsätze gebaut sein. Ein Mensch in der Welt kann gar nicht anders als die Tatsachen in der Welt anzuerkennen, wenn er der Wahrheit verpflichtet ist. Und mit den Tatsachen kommen auch die moralischen Wahrheiten. Die Allgemeingültigkeit dieser Wahrheiten erstreckt sich naturgemäss auf den Einzelfall, denn
es sind ja Einzelfälle, die wir bewerten, aber die Rechtfertigungsstruktur, die der Wahrheit implizit ist, bleibt ein für sich bestehendes, ontisches Motiv der Bewertung moralischer Sachverhalte. Ich denke also nicht, dass Haltungen oder Einstellungen, sofern sie sich nicht dieses argumentativen Instrumentariums bedienen, es leisten können, das Gute zu erkennen und zu befördern. Nach dieser Lesart gibt es das Gute (das Gerechte, das Lebensfördeliche, die Freiheit etc.) nur zum Preis der Verpflichtung, die Gebote der Vernunft anzuerkennen und sich ihnen unterzuordnen. Die persönliche Haltung muss apriori eine mit Bezug auf die Werte demütige sein, wenn sie ethisch sein soll.



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Jörn Budesheim
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Mi 31. Jul 2019, 12:07

Alethos hat geschrieben :
Mi 31. Jul 2019, 11:39
Das sehe ich kritisch.
Ich doch auch. Aber ich finde es erstaunlich, dass womöglich gerade eine ethische Einstellung dazu führt, objektive Ethik abzulehnen. Und das wäre zugleich der Grund, warum für viele ethische Realisten/Objektivisten ein Greuel sind :-)



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Jörn Budesheim
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Sa 3. Aug 2019, 07:22

"Rational denken heißt. In solcher Weise systematisch denken, dass jeder, der mir dabei über die Schulter blickt, imstande sein sollte, es als richtig zu erkennen. Eben diese Allgemeinheit ist es, die vom Relativisten und Subjektivisten bestritten wird. Selbst wenn sie eine Ersatzfigur dafür einführen - etwa in der Form einer Bedingung des Konsenses im Rahmen der sprachlichen, wissenschaftlichen oder politischen Gemeinschaft -, handelt es sich um die falsche Art von Allgemeinheit, denn an ihrem Außengrenzen ist sie nicht rational sondern statistisch." (Thomas Nagel)



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Alethos
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Sa 3. Aug 2019, 14:56

Jetzt verstehe ich auch deine Über-die -Schultern-Schauen-Zeichnung. 👍🏼

Vielleicht ist es zu gewagt gesagt, aber wenn man sich nicht aufeinander verlassen kann, weil man alles hinterfragt, was nach vernünftigen Massstäben nicht hinterfragbar ist, z.B. dass dort ein Baum steht oder dass es Unrecht ist, wenn Menschen dem Ertrinken überlassen werden, dann was bleibt überhaupt übrig für uns als Menschen in einem Für- und Miteinander? Nur noch Streit und Meinungsmache. Das ist sehr schade, denn wir verschwenden damit unser ganzes Potenzial, diese Welt nach eben diesen Massstäben des Guten zu errichten und zu bewahren.



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