Wie viele verschiedene Formen von "weil" gibt es?

Argumente gehören zum Kernbestand der Philosophie. Die Argumentationstheorie ist derjenige Bereich Philosophie, der sich mit der Form und dem Gebrauch von Argumenten befasst.
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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 12:24

Hier geht es darum, viele verschiedene Formen von “weil“ zu sammeln. Dass es viele verschiedene Formen von "weil" gibt, ist hier vorausgesetzt. Wer skeptisch ist, findet dazu hier einen Faden.

Von dieser Voraussetzung startend, sollen die verschiedenen Formen gesammelt und gegebenenfalls in eine Ordnung gebracht werden.
  • Sie hat den Apfel nicht gegessen, weil er vergiftet war. (Grund)
  • Du sollst ihr helfen, weil sie in Not ist. (Grund/Ethik)
  • Das Porträt muss noch etwas bearbeitet werden, weil das Bild sonst nicht harmonisch ist. (Grund/Ästhetik)
  • Er aß nicht im Gehen, weil es nicht der japanischen Etikette entsprach. (Etikette)
  • Sie starb, weil der Apfel vergiftet war. (Ursache)
  • Er überfiel die Bank, weil er gierig war. (Motiv)
  • Er schlug den Nagel in die Wand, weil er ein Bild aufhängen wollte. (Zweck)
  • Er wird Junggeselle genannt, weil er nicht verheiratet ist. (Begriff)
  • Der Springer durfte nicht ziehen, weil er gefesselt war. (Regel)
  • ...
Wer hat weitere Ideen, die hier noch nicht aufgeführt sind?
Mit der Schachregel sind alle Regeln abgedeckt, jetzt bitte keine weiteren Beispiele mit Regeln, wie z.B. Verkehrsregeln oder ähnliches.

Ich vermute, dass ich einige Doppler drin habe, z.B. bin ich mir nicht sicher, ob eine Etikette nichts anderes als eine Regel ist, aber ich denke, es könnte Unterschiede geben, weil Regeln im Schach konstitutiv sind und beim Essen nicht.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass noch einiges fehlt.

Bei der Reihenfolge habe ich ursprünglich versucht, nach Wichtigkeit zu ordnen, aber das scheint aussichtslos zu sein ...




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Quk
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Do 8. Feb 2024, 12:55

• Die Banane ist krumm, weil sie krumm ist. (Tautologie)
• Dreieck X ist gleichschenklig, weil es drei gleiche Winkel enthält. (Grund/Geometrie)
• Gut Ding braucht Weil. (Motto)




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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 13:57

Was ist eigentlich die allgemeine Form dieser Sätze? Das Folgende?

Sachverhalt [weil] Erklärung
(das Wort Erklärung passt nicht wirklich, oder? Wer hat eine Alternative?)

Wenn man den Sachverhalt in einer Warum-Frage umwandelt, dann folgt nach dem "weil" immer die Antwort auf die Warum-Frage.

Warum hat sie hat den Apfel nicht gegessen? Weil er vergiftet war. (Grund)
Warum sollst du ihr helfen? Weil sie in Not ist. (Grund/Ethik)
Warum muss das Porträt noch etwas bearbeitet werden? Weil das Bild sonst nicht harmonisch ist. (Grund/Ästhetik)

Daher passt das folgende Beispiel wohl nicht:
Warum ist die Banane ist krumm? Weil sie krumm ist.




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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 14:16

Weitere Beispiele für Sätze mit weil, findet man also vielleicht, wenn man sich andere Warum-Fragen und mögliche Antworten einfallen läßt.

Warum ist Laura immer so fies zu mir? Weil sie gerade in einer schwierigen Lebensphase ist. In welche Kategorie würde das gehören? Seelenbeschreibung, also Psychologie?




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Stefanie
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Do 8. Feb 2024, 14:24

Elke geht nicht zur Party, weil sie sich mit Erkältungsviren angesteckt hat und davon krank geworden ist.
Das ist für mich eine Kausalkette. Ursache Erkältungsviren, Wirkung Krank, Wirkung keine Party. Wenn ich die Erkältungsviren wegdenke, wäre sie nicht krank geworden, und wäre zur Party gegangen.



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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 14:36

Stefanie hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 14:24
Elke geht nicht zur Party, weil sie sich mit Erkältungsviren angesteckt hat und davon krank geworden ist.
Dann versuche ich es mal mit der Warum Frage.

Warum ist Elke nicht auf die Party gegangen? Weil sie niemanden anstecken wollte.
In diesem Fall ist es nicht kausal. Sie hätte noch gehen können, hat aber darauf verzichtet, eben um niemanden anzustecken. Also aus Rücksicht. Der Virus hat es aber nicht einfach verursacht, weil Elke schließlich noch die Wahl hatte.

Warum ist Elke nicht auf die Party gegangen? Weil die Viren sie ans Bett gefesselt haben.
In diesem Fall ist es wohl eher kausal.




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Stefanie
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Do 8. Feb 2024, 14:54

So ähnlich gehen mir gerade einige Beispiele durch den Kopf, je nach dem wie es formuliert ist.

Marie hat heute verschlafen, weil der Wecker nicht geklingelt hat.
Der Wecker hat nicht geklingelt, weil die Batterien während der Nacht leer wurden.

Marie hat heute verschlafen, weil sie vergessen hatte, den Wecker zu stellen.
Marie hat vergessen den Wecker zu stellen, weil sie einen Schwipps hatte.
Marie hatte einen Schwipps, weil sie im Karneval zu viel getrunken hatte.
Marie hat im Karneval zu viel getrunken, weil sie nicht nein sagen konnte.
Usw. Usw. Das kann man bis zu Ihrer Geburt weiter schreiben.



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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 14:56

Wer, Was, Wo, Wann, Wie, Woher, Wohin ... Warum

Wenn man danach googelt, was eine Warum-Frage ist, erhält man durchgängig die Antwort, dass damit nach einem Grund oder einer Ursache gefragt wird. Das würde bedeuten, dass die Liste weiter oben deutlich zu umfangreich ist. Oder dass der Ausdruck Grund in sich vielfältig ist. Mir fällt es aber schwer, Motive unter Gründe zu fassen...




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Stefanie
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Do 8. Feb 2024, 14:58

Die Banane ist krumm, weil sie zum Licht hin wächst.
Die Banane wächst zum Licht hin, weil das in ihrem Erbgut enthalten.
In dem Erbgut der Banane ist das Wachsen zum Licht hin enthalten, weil die Evolution das so gemacht hat.

Ähm, jetzt habe ich mich selber verwirrt.



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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 15:02

Stefanie hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 14:54
Das kann man bis zu Ihrer Geburt weiter schreiben.
Und darüber hinaus :) in solchen Ereignisketten kann unendlich viel vorkommen. Wecker und geregelte Arbeitszeiten sind Produkte der Marktwirtschaft und ihre Entstehung reicht weit zurück, geregelte Arbeitszeiten sind vergleichsweise jung wenige 100 Jahre, soweit ich weiß. So ein Ereignis-Gewebe dürfte ziemlich kompliziert ausfallen und viele verschiedene miteinander verknüpfte Elemente enthalten :)




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Quk
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Do 8. Feb 2024, 15:14

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 13:57
Daher passt das folgende Beispiel wohl nicht:
Warum ist die Banane ist krumm? Weil sie krumm ist.
Eine Warum-Frage erbittet mehr Sachverhalt-Details als bisher bekannt. Die Weil-Antwort liefert weitere Details, soweit vorhanden. Der Lieferant der Weil-Antwort kann nach seinem Ermessen mehr oder weniger zusätzliche Details erwähnen. Er mag alle Details seit dem Urknall erwähnen oder nur jene seit dem letzten Stand von gestern abend. Er mag die Urbedingungen der Infinitesimalrechnung erläutern gemäß Newton und Leibniz, oder nur zeigen, dass x=1 der Grund für y=2 ist. Es geht immer nur um ein Mehr an Details. Kleine Kinder stellen in der Endlosschleife Warum-Fragen, weil die Kinder detailsüchtig sind; sie sind lernbegierig. Lernen heißt, Details zu sammeln. Und damit meine ich nicht nur Quiz-Wissen, sondern vor allem Kontext-Wissen, also zu lernen, wie man lernt, und so weiter. Auch Zusammenhänge sind Details. Ich meine damit nichts anderes als eine Zunahme an Information, soweit dies möglich ist.

In gewissen Fällen steht keine weitere Information mehr zur Verfügung. Solche Sachverhalte sind dann selbstreferenziell. Rot ist rot, weil es rot ist. Ob unsere Sprachregeln bei einer Tautologie das Wort "weil" verbieten, weiß ich nicht. Jedenfalls enthält die tautologische Aussage die Information der Selbstreferenz, denke ich. Das ist gewissermaßen auch eine Information. Sollte dies nicht erlaubt sein, so muss man halt einen längeren Satz formulieren: "Zum Sachverhalt namens rot gibt es in der Gesamtwelt keine weiteren Details zu erwähnen." Oder ganz kurz: "Rot ist." Aber wer versteht diesen Satz?




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Quk
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Do 8. Feb 2024, 15:40

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 14:36
Stefanie hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 14:24
Elke geht nicht zur Party, weil sie sich mit Erkältungsviren angesteckt hat und davon krank geworden ist.
Dann versuche ich es mal mit der Warum Frage.

Warum ist Elke nicht auf die Party gegangen? Weil sie niemanden anstecken wollte.
In diesem Fall ist es nicht kausal. Sie hätte noch gehen können, hat aber darauf verzichtet, eben um niemanden anzustecken. Also aus Rücksicht. Der Virus hat es aber nicht einfach verursacht, weil Elke schließlich noch die Wahl hatte.
Ich weiß jetzt nicht, ob in diesem Faden Einwände zum oben Zitierten erlaubt sind; ich fasse mich kurz:
Wenn der Satz "Weil sie niemanden anstecken wollte" keine Ursache, sondern ein Grund sein soll, dann ist der zitierte Kommentar inakkurat, denke ich. Meiner Ansicht nach ist folgendes der Grund: "Viren sind ansteckend." Das ist ein allgemeines Naturgesetz. Das ist ein Grund, keine Ursache. Elke erinnert sich an diesen Grund, an dieses Wissen, das sie erlernt hat. Diese Erinnerung ist nun jedoch ein Ereignis, welches vielerlei Abwägungs-Ereignisse anrührt, die schließlich in einem finalen Entscheidungs-Ereignis münden, welches dann den Willen auslöst, daheim zu bleiben. Dieser Wille verursacht ihre nächste Handlung; nämlich ins Bett zu liegen. Diesen Vorgang kann man in mehr oder weniger Einzelschritte aufteilen -- seriell und parallel. Ende des Einwands.




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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 16:31

Quk hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 15:40
Viren sind ansteckend
Das ist eine Tatsache. Und diese Tatsache spricht dafür, nicht auf die Party zu gehen, um niemanden anzustecken. Und wenn sich Elke daran orientiert hat, war das der Grund, warum sie nicht zur Party gegangen ist.




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Quk
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Do 8. Feb 2024, 16:59

Du überspringst da etwas, glaube ich.

Es war der Grund für ihre Entscheidung gegen die Partyteilnahme. Der Grund allein hat sie nicht ins Bett bewegt. Gründe haben keine Muskeln. Gründe sind noch keine Handlungen, würde ich sagen. Das Entscheidungs-Ereignis hat bestimmte Muskel-Ereignisse (Handlungen) angestoßen.

Man kann übrigens auch einen anderen Grund nennen; etwa: "Elke geht nie auf Parties, wenn sie einen Virus hat." Sätze haben keine Muskeln. Sätze sind handlungsunfähig.




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Jörn Budesheim
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Do 8. Feb 2024, 17:21

Ich überspringe eigentlich nichts, ich gebe eine Antwort auf die Frage, warum sie nicht zur Party gegangen ist.




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Quk hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 16:59
"Elke geht nie auf Parties, wenn sie einen Virus hat."
Das ist auch ein mögliches Szenario in Stefanies Geschichte. In diesem Fall folgt sie vielleicht einer Gewohnheit, sicher ist das nicht, da müsste man natürlich noch ins Detail gehen.




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Quk
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Do 8. Feb 2024, 17:30

Du überspringst etwas, das Dir eigentlich doch ganz wichtig ist: Ihren Willen, ihre Entscheidung, ihr Handeln.

Du springst vom Grund direkt zur vollendeten Handlung. Die Geschichte dazwischen, also ihren Willen, ihre Entscheidung, ihr Handeln, blendest Du aus.

Alltagssprachlich reicht das natürlich. Aber wir diskutieren hier ja philosophisch :-)
Zuletzt geändert von Quk am Do 8. Feb 2024, 17:34, insgesamt 1-mal geändert.




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Stefanie
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Do 8. Feb 2024, 17:33

Sie ist nicht zur Party gegangen, weil sie krank war. Vielleicht hätte ich zur Konkretisierung ergänzen sollen krank=liegt im Bett.



Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.
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Quk
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Do 8. Feb 2024, 17:36

Sie tat Y, weil X geschah.




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Jörn Budesheim
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Stefanie hat geschrieben :
Do 8. Feb 2024, 17:33
Vielleicht hätte ich zur Konkretisierung ergänzen sollen krank=liegt im Bett.
Genau ohne diesen Hinweis, weiß man nicht, warum sie nicht auf die Party gegangen ist. Und selbst jetzt ist es noch nicht ganz klar, vielleicht hätte sie sicher aus dem Bett quälen können um dennoch hinzugehen :)




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