Allgemeiner Austausch und Smalltalk zu Blumenberg

In desem Forum kann die Philosophie des deutschen Philosophen Hans Blumenberg diskutiert werden.
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Friederike
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Mo 13. Jul 2020, 15:18

"Soliloquium" - tatsächlich :mrgreen:, es ist keine Neuschöpfung = "Monolog" - :lol: ich merk' gerade, das ist ebenfalls ein Fremd-Wort.




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Nauplios
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Mo 13. Jul 2020, 23:23

Friederike hat geschrieben :
Mo 13. Jul 2020, 15:18
"Soliloquium" - tatsächlich :mrgreen:, es ist keine Neuschöpfung = "Monolog" - :lol: ich merk' gerade, das ist ebenfalls ein Fremd-Wort.
Eine kleine Nuance: der Monolog (monologos) ist wie das Soliloquium ein Mit-sich-selbst-Reden, wobei der Monolog als Metapher zwar immer noch bedeutet: einer spricht, aber es gibt noch (mindestens) einen Zweiten (der spricht nicht). Der Monolog ist so gesehen eine Einzel-Rede, aber eine mit Zuhörer. Der berühmte Faust-Monolog hat im Theater sogar sehr viele Zuhörer. Der Monolog der Molly Bloom im Ulysses ist als innerer schon wieder eher ein Soliloquium. Für das Soliloquium typisch ist das Auseinandertreten des Selbst in zwei Instanzen, die dann ein Gespräch miteinander führen, eben ein Selbst-Gespräch in dem Sinne, daß ein Selbst mit sich selbst spricht. Das Monologisieren wird eher demjenigen angelastet, der zwar auch mit sich selbst spricht, aber weniger zu sich, weil die zuhörende Instanz oft noch jemand anderes ist.

Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr kleinlich und soll Dich auch nicht verbessern, Friederike. ;) Philosophie ist ja immer auch ein wenig Sprachschöpfung oder wie im Falle Blumenbergs auch Revitalisierung abgestorbener Gelehrsamkeit. Ich denke etwa an Apokatastasis (die restitutio omnium der Theologie) oder Ekpyrosis (der Weltenbrand) im Unterschied zum Kataklysmos (der Wasseruntergang), gefolgt von einer Palingenesis (Wiedererstehung) ... schön ist auch die Exstirpation, die Antezedenz, die Hypertrophie ... oder die Polypragmosyne ... :o :lol:

Sibylle Lewitscharoff ist deshalb eine von mir sehr geschätzte Schriftstellerin, weil sie in dieser versunkenen Welt des Gelehrten und Gelahrten, Abseitigen, auch Skurrilen und verschroben Kauzigen zuhause ist, eine Jean-Paul´sche Welt voll Wort- und Wildwuchs, ein Kaleidoskop versunkener Sprachschätze. Maarten ´t Hart wäre auch so ein Kandidat für einen Blumenberg-Roman. Sibylle Lewitscharoff jedenfalls zählt für mich zu den wichtigen Stimmen der Gegenwartsliteratur. (Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Bachmann-Preis, Kaschnitz-Preis, Berliner Literaturpreis, Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Kleist-Preis, Büchner-Preis .. usw.) -




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Jörn Budesheim
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Mi 15. Jul 2020, 10:32

Alethos hat geschrieben :
Di 14. Jul 2020, 21:33
Dann fangen wir an, aber nicht bei Descartes, sondern beim Mythos.

Als die Welt noch keine deutlichen Begriffe hatte, als wir es nicht vermochten, die Wirklichkeit in ihrer Differenziertheit deutlich zu machen, haben wir sie uns mit Mythen erklärt. Götter standen für Affektionen, Triebe, die göttliche Ordnung bot ein Gefüge, in das sich die Menschen sinnhaft verorten konnten. Die Welt war zu dieser Zeit im Grunde nur durch die Optik eines grossen kosmischen Schauspiels, also vor der Folie von Bildnissen und Gleichnissen, denk- und erklärbar. Das Welträtsel war nicht minder ein Bilderrätsel, das eidos stand vor dem einai resp. hatte das Seiende eine ausgeprägt eidetische Dimension. Das Seiende war repräsentiert nicht durch Begriffe, sondern durch die Dramaturgie der die Wirklichkeit darstellenden Figuren, Bilder, Vorstellungen.

Von den klaren Begriffen, wie sie sich Descartes als distinkte und klare vorstellte, waren wir noch weit weg und doch war mit den Eleaten der Weg vom Mythos zum Logos vorgezeichnet, denn sie warfen die Frage nach dem Sein und dem Nichts auf. Das Nichts vom Sein zu unterscheiden, das müssen wir als erste Bilderkritik deuten, als erste Regung hin zu einer Hinterfragung der Bilder auf ihre Scheinhaftigkeit. Die Eleaten befragten die Natur, das Wesen des Seins und des Nichts, und versuchten damit, die Ontologie vor den Schein zu stellen, der durch die Bilder und Gleichnisse immer schon durchschien.

Am Anfang der Philosophie, wie wir sie kennen, standen demnach Bilder und keine Begriffe. Erst durch die Naturbefragung bildeten wir Begriffe aus, mit denen wir die Welt, wie sie ist, zu begreifen versuchten. Diese Begriffe, die wir entwickelten, entstanden also im Dunstkreis unseres Unvermögens zur reinen Begrifflichkeit resp. unseres Vermögens, das Unsagbare irgendwie, wenn auch in übertragenem Sinn, zu sagen.

Erst vor diesem historischen Hintergrund können wir die Begriffsgeschichte deuten als den Versuch, den Schleier der Wahrheit zu lüften, was so viel bedeuten muss, wie die Begriffe von ihrem Schein zu befreien. Klare und distinkte Begriffe sind nun eben keine scheinenden Begriffe.

Und die Metaphorologie sagt im Grunde, zugespitzt formuliert, dass die Begriffe ihren Schein gar nie verloren haben. Dass die in ihnen festgelegten Definitionen, die fines, ihre Bedeutungsgrenzen keine klaren und distinkten sind, sondern dass auf dem Grund unseres begrifflich strukturierten Weltverständnisses immer noch ein unbegriffliches Moment wirksam ist.
Ich dachte der Titel "Mythos zum Logos" sei zu kritisieren? Vereinfacht, weil beide ganz unterschiedliche Gegenstandbereiche haben, dem Mythos geht es dabei eher um existenzielle Fragen ...




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Friederike
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Sa 18. Jul 2020, 10:33

Ich verziehe mich aus "Aspekte der Unbegrifflichkeit" besser hierher ...
Nauplios hat geschrieben :
Do 16. Jul 2020, 23:44
Ich muß gestehen, Friederike, daß mich das jetzt recht ratlos zurückläßt. [...] Metapher, Mythos, Anekdote .... das sind Kandidaten für das Unbegriffliche bei Blumenberg.
Meine Erwartung, die mir allerdings erst gestern angesichts Deiner Antworten recht deutlich wurde, war die, daß es mit dem Goldstein-Zitat (N. zitiert G. und G. zitiert B.) jetzt "weiter im Text" ginge. In Richtung der von Blumenberg vorgenommenen anthropologischen Wende und seinem Rückgriff auf paläo-anthropologische Beobachtungen. Vor diesem Hintergrund hatte ich die 2 Aussagen von Blumenberg gelesen und deswegen gedacht, daß nun ganz neue und andere Aspekte der Unbegrifflichkeit ins Spiel kommen. Nicht mehr Metapher und Anekdote, sondern ... ich räume ein, der Mythos war mir entwischt. Der Mythos als eine grundlegende Form des Unbegrifflichen, auf ihn hätte ich kommen können.

Insgesamt aber bin ich deswegen an Blumenbergs Aussagen hängengeblieben, weil ich mir dachte, sie deuteten sein verändertes Interesse an und seien im Hinblick auf das Bild eines fiktiven Urzustandes des Menschen geschrieben, der aufrecht gehend, weiter sehend und sichtbar (verwundbar) -so ähnlich hattest Du Blumenberg an anderer Stelle zitiert- das Unbegriffene, nicht begrifflich zu fassende der Welt, sich auf andere Weise (Symbol, Zeichen, Ritual o.ä.) vertraut zu machen versucht. Daß mir Diffuses und diesmal anderes als die Metapher im Kopf herumschwebte, das beruht nicht auf einem Versäumnis Deinerseits, @Nauplios; ich erkläre dies, mich rechtfertigend -ja, so ist es :lol:- weil mir so war, als könne ich in Deinen Ausführungen über die Metapher und die Definitionen ganz diskret und sehr fein verpackte herablassende Ironie herauslesen. Ich geb' gerne zu, daß meine Schreibweise oftmals Ahnungsvermögen und Ahnungswilligkeit erfordert um zu verstehen, was ich wohl meinen könnte.




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Nauplios
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Sa 18. Jul 2020, 12:09

Friederike hat geschrieben :
Sa 18. Jul 2020, 10:33

Ich verziehe mich aus "Aspekte der Unbegrifflichkeit" besser hierher ...
Ich nehme das mal als Anregung zu einem Verzug meinerseits, gleichsam wie Speleomantes supramontis in die Feuchtgebiete des Unterirdischen und Dämmerigen, wo Nachtschattengewächse die Blumenberg' sche Sichtbarkeit durch Verwundbarkeit auf ein Maß herabdimmen, das den Erhaltungszustand meiner Gattung weniger gefährdet. ;)

Damit habe ich im Philosophicum Dialogicum keine feste Adresse mehr, bin aber auch nicht unbekannt verzogen. Im Rhizom der Gedankenbotanik gibt's einiges zu tun.

Ansonsten: nichts für ungut. ;)




Heinrich
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Registriert: Fr 2. Nov 2018, 02:58

Mi 2. Feb 2022, 06:02

Ich habe nun erst angefangen, die "Legitimität der Neuzeit" von Blumenberg zu lesen, aber es ist noch viel zu früh, um ein Urteil übr dieses Werk abzugeben.
Die Frage danach, was Säkularisierung eigentlich ist und was sie gebracht hat, halte ich aber für höchst sinnvoll.




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