Über einige Aspekte der Philosophie Hans Blumenbergs

In desem Forum kann die Philosophie des deutschen Philosophen Hans Blumenberg diskutiert werden.
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Alethos
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So 6. Okt 2019, 12:46

Nauplios hat geschrieben :
Sa 5. Okt 2019, 21:09

"Versuchen wir uns einmal vorzustellen ... " - Mit einem Gedankenexperiment beginnen die Paradigmen, indem ein "hypothetischer ˋEndzustand´ der Philosophie" entworfen wird als Folge und Abschluß des methodischen Programms, das Descartes im Discours de la Methode (1637) vorlegt. "Die erste (Vorschrift) besagt, niemals eine Sache als wahr anzuerkennen, von der ich nicht evidentermaßen erkenne, daß sie wahr ist: d.h. Übereilung und Vorurteile sorgfältig zu vermeiden und über nichts zu urteilen, was sich meinem Denken nicht so klar und deutlich darstellte, daß ich keinen Anlaß hätte, daran zu zweifeln." (Descartes; Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs; S. 31) -

Klar und deutlich - das bedeutet für die philosophische Terminologie, daß sie die "Präsenz und Präzision der Gegebenheit in definierten Begriffen auffängt". (S. 11) - Die philosophischen Begriffe müßten in diesem "Endzustand" der Philosophie also allesamt klar und deutlich definiert sein. "Alle Formen und Elemente übertragener Redeweise im weitesten Sinne erwiesen sich von hier aus als vorläufig und logisch überholbar; sie hätten nur funktionale Übergangsbedeutung ... " (S. 11)
Von der Warte des "endgültigen begrifflichen Zustandes" der Philosophie kann sich die Metapher nur als "Restbestand" auf dem Weg von "Mythos zum Logos" (S. 10) zeigen. Dann kann die Metapher keinen Mehrwert leisten mit Bezug auf Wahrheit, denn die Wahrheit bliebe dem Logos und seinen klarsten und vollständigen Begriffen vorbehalten. Wenn sich alle Wahrheit in reiner Begrifflichkeit, reinster Logizität vollkommen beschriebe, dann bliebe für die Metapher nur noch die 'Funktion einer Übergangsbedeutung'. Sie würde als prinzipiell defizient gelten müssen, als provisorisch: Sie würde sich nur in der Form des Überrests im Übergang vom Mythologischen zum Logischen zeigen können und würde im besten Fall als 'archäologisches Artefakt einer Begriffsgeschichte' eine Etappe, einen Zwischenschritt hin zu einem vollkommeneren Begriff anzeigen können.

Wenn die alten Griechen dachten, dass der "Logos prinzipiell dem Ganzen des Seienden gewachsen war", wenn für sie "Kosmos und Logos Korrelate waren" (S. 8), so kann man mit Recht diagnostizieren, dass sie diesen hypothetischen 'Reinzustand des Begrifflichen' für erreicht hielten. Für sie war demnach der Logos das dem Eigentlichen, das dem Wesentlichen Korrespondierende, die Rhetorik konnte so maximal nur ein Ornament der Rede sein, im besten Fall ein "technisches Rüstzeug der Wirkungsmittel". (S.9). Denn die Metapher kann auch hier keinen Mehrwert leisten, ausser vielleicht denjenigen, "Gefallen an der Wahrheit zu erwecken".

Nun zeigt aber bereits Vicos Idee der "Logik der Phantasie", dass dieses Klarheits- und Bestimmtheitsmaximum des Begrifflichen unerreichbar sein würde resp. erreichbar nur für das "Einsichtsverhältnis des Schöpfers". (S. 8) An die Stelle der 'Klarheit des dem Menschen Gegebenen' muss die 'Klarheit des von ihm Gemachten' treten. Denn wo dem Menschen keine göttliche Einsicht in der Form der adaequatio rei ad intellectum möglich ist, muss er, wo ihm keine Begriffe allein Aufschluss geben, über Umwege zur Erkenntnis der Dinge gelangen, d.h. er muss Erkenntnis des Wahren erlangen qua seiner Fähigkeit, das Gegebene durch das Andere zu denken, also in der Phantasie betrachten als übertragen auf das Andere. Hier bietet sich also der Gedanke an, die Metapher als "Grundbestand der philosophischen Sprache" zu denken (S.10), d.h. als philosophisches Werkzeug der Wahrheitserkenntnis durch Übertragung.

Metaphern sind Übertragungen, die sich nicht mehr ins Eigentliche zurückführen lassen, sie sind absolute Metaphern dann, wenn sie eine "nicht ablösbare Aussagefunktion" haben, d.h., wenn sie selbst ein eigentliches Gegebensein nicht insinuieren, sondern faktisch darstellen - ipso translatio. Sie sind dann aber nicht mit Blick auf das Erkennen des Eigentlichen Krücken und Hilfsmittel, sondern genuine Erkenntniswerkzeuge. Mit dem Nachweis absoluter Metaphern würde sich die "cartesische Teleologie der Logisierung" bereits gebrochen haben (S. 10), was bedeutet, dass die Vorstellung von der eigentlichen und uneigentlichen Rede, vom Begriff und vom Bild, vom Endzustand und vom Provisorium mindestens "fragwürdig" geworden ist.

Wenn wir gelten lassen, dass die Logik (das Begriffliche) uns nicht alles offenbaren und zuteil werden lassen kann, weil es auch eine Wirklichkeit der Übertragung gibt, also etwas wirklich darin ist, dass es übertragen ist, dann müssen wir uns veranlasst sehen, "das Verhältnis von Phantasie und Logos neu zu durchdenken". (S. 11)

Es scheint, als müsste das Verhältnis von Bild und Begriff, von Übertragung und das Gemeinte, durch die 'Klammer der Eigentlichkeit' gedacht werden. Da keines von beidem das Eigentlichere ist, also beides das Eigentliche ist, jeweils aber in einer anderen Form ausgedrückt, dann habe sie beide die 'Form der Reflexion' gemeinsam. Die absolute Metapher stellt als "Übertragung der Reflexion über einen Gegenstand der Anschauung auf einem ganz anderen Begriff" (Kant, zitiert in S. 12) die andere Seite der Eigentlichkeit dar. Die "Form der Reflexion" drückt die "Ähnlichkeit der Regel" aus über beide (notabene nicht ähnlichen) Sachverhalte und ihre Kausalität zu reflektieren.

Die Metapher geht also wie das Begriffliche auf die Wirklichkeit, auf die Eigentlichkeit, denn beide, Begriff und Metapher, haben zum Gegenstand die 'eigentliche Struktur der Reflexion' über zwei Sachverhalte, so unähnlich sich diese zwei auch seien. Sie sind als derselbe Sachverhalt zu denken durch die Regeln, mit denen über sie gedacht wird, und das ist ihre Eigentlichkeit. Vom Sachverhalt wird in beiden Fällen ihres Gegebenseins, als dieses Gemeinte oder als Übertragenes, abstrahiert, weil das Eigentliche, was sie in Analogie vereint, in den Regeln des über sie Nachdenkens codiert ist.



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Nauplios
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So 6. Okt 2019, 12:59

Dem Auftakt mit dem imaginierten Endzustand der Philosophie folgt bei Blumenberg ein Rückgriff auf die "Logik der Phantasie" bei Vico. Verum ipsum factum - das Wahre ist das selbst in der Tat Gemachte - dieser Gedanke bezog sich in der mittelalterlichen Philosophie auf den Schöpfer, der die Welt durch das göttliche Wort macht (vgl. dazu u.a. den Benjamin-Thread). Die gegen Descartes aufgeführte "Logik der Phantasie" meint eine sinnliche Produktivität, welche den Menschen gleichsam zum Schöpfer seiner Welt macht: "Er [Vico] ging dabei von der Voraussetzung aus, daß die von Descartes geforderte Klarheit und Bestimmtheit allein dem Einsichtsverhältnis des Schöpfers zu seinem Werk vorbehalten sei: verum ipsum factum. (Paradigmen; S. 12) -

Von einer Entwesentlichung der Geschichte spricht Blumenberg, welche in der ersten Regel Descartes´ liege. Für den Endzustand der Philosophie ist ja die Geschichte der Hinführung in diesen Zustand nicht mehr von Belang. Auf diesen Prozeß zielt aber genau die "Logik der Phantasie" ab. - Blumenberg schlägt nun die Metapher als "´übertragene´ Rede" jener Vico´schen "Logik der Phantasie" zu, löst sie also aus der "traditionelle(n) Einordnung der Metapher in die Lehre von den Ornamenten der öffentlichen Rede" und plaziert sie in die "Welt seiner [des Menschen] Bilder und Gebilde, seiner Konjekturen und Projektionen, seiner ˋPhantasie´ in dem neuen produktiven Sinne, den die Antike nicht gekannt hatte". In dem Begriff "Konjektur" (Vermutung) klingt bereits jener "Mut zur Vermutung" an, mit dem die Einleitung dann später abschließt:

"... mit welchem ˋMut´ sich der Geist in seinen Bildern selbst voraus ist und wie sich im Mut zur Vermutung seine Geschichte entwirft." (S. 17)

Für die Antike war eine "Logik der Phantasie" insofern überflüssig, weil Kosmos und Logos "Korrelate" waren: "... für die Antike war der Logos prinzipiell dem Ganzen des Seienden gewachsen" (S. 12) - Die Metapher war damit zwar ein hübsches "Mittel der Wirkung der Aussage", aber eine Produktivität im Vico´schen Sinne wurde ihr nicht zugestanden. Im kosmos selbst liegt ja die Zuweisung der Zier, des Schmucks beschlossen. Das Korrelat des logos wiederum bildet im kyrion onoma - Aristoteles nennt in der Poetik (Kap. 21) das grammatische Substantiv kyrion onoma - den Kosmos ab.




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Nauplios
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So 6. Okt 2019, 13:12

Wie ich sehe, Alethos, kooperieren unsere letzten Beiträge vortrefflich. :) Vielleicht können wir diese Kooperation durch Koordination noch effektiver machen: wenn Du magst, fasse den Rest der Einleitung zusammen, dann braucht es keine Überschneidungen. ;)




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Alethos
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So 6. Okt 2019, 13:22

Ich hoffe sogar auf Überschneidungen, das erhöht die Effektivität. :) Jedenfalls bin ich beruhigt, wenn es Doppelspurigkeiten gibt, das halte ich in einem Leseprojekt sogar für unumgänglich, da wir ja denselben Text zugrundelegen. Keine Überschneidungen würde mich dann schon sehr beunruhigen. :)



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Nauplios
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Bis zur Stelle, an der Blumenberg auf den Symbolbegriff Kants zu sprechen kommt (S. 15) gibt es eine Passage, die in der Literatur zu Blumenberg immer wieder zitiert wird, nämlich die Passage von den "Restbeständen" und "Grundbeständen". Die Metapher springt für eine logische "ˋVerlegenheit´" ein; sodann ist von der "ˋVerborgenheit´" der Metapher die Rede. Darin liegt bereits ein Hinweis, auf das, was die Paradigmen später noch und erweitert unter dem Titel der "Hintergrundmetaphorik" behandeln.

"Diese historischen Überlegungen zur ˋVerborgenheit´ der Metapher führen uns zu der grundsätzlichen Frage, unter welchen Voraussetzungen Metaphern in der philosophischen Sprache Legitimität haben können. Zunächst können Metaphern Restbestände sein, Rudimente auf dem Wege vom Mythos zum Logos; als solche indizieren sie die cartesische Vorläufigkeit der jeweiligen geschichtlichen Situation der Philosophie, die sich an der regulativen Idealität des puren Logos zu messen hat. Metaphorologie wäre hier kritische Reflexion, die das Uneigentliche der übertragenen Aussage aufzudecken und zum Anstoß zu machen hat." (S. 14) -

Die Formel Vom Mythos zum Logos stammt von dem Altphilologen Wilhelm Nestle, dessen gleichnamiges Buch 1940 erschien. (Er starb ein Jahr vor Erscheinen der Paradigmen.) Nestle führt in seinem Buch zugunsten der "arischen Völker" einen Vernichtungsfeldzug gegen das "Widervernünftige in der mythischen Weltauffassung" (S. 4). - Gegen diese Vorstellung eines Paradigmenwechsels vom Mythos als widervernünftig zum Logos als einzig legitime Gestalt der Vernunft wendet sich Blumenberg bereits hier und vehementer dann in Arbeit am Mythos. -

"Dann aber können Metaphern, zunächst rein hypothetisch, auch Grundbestände der philosophischen Sprache sein, ˋÜbertragungen´, die sich nicht ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen. Wenn sich zeigen läßt, daß es solche Übertragungen gibt, die man ˋabsolute Metaphern´ nennen müßte, dann wäre die Feststellung und Analyse ihrer begrifflich nicht ablösbaren Aussagefunktion ein essentielles Stück der Begriffsgeschichte (in dem so erweiterten Sinne)." (S. 14)

In diesem Vorgriff ("wenn sich zeigen läßt ...") liegt einer der Hauptgedanken der Paradigmen in nuce beschlossen: Absolute Metaphern springen für die "Verlegenheit" ein, welche sich für den Begriff auftun, etwa bei der Erfassung eines Ganzen. Die Metapher leistet dann etwas, was der Begriff nicht zu leisten vermag. Der volle Bedeutungsgehalt der Metapher geht im Begriff nicht auf.




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Jörn Budesheim
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So 6. Okt 2019, 16:10

Hans Blumenberg hat geschrieben : "Versuchen wir uns einmal vorzustellen ... "
Otto Neurath hat geschrieben : Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.
Descartes hat ja bekanntlich in unsicheren Zeiten gelebt, vielleicht war er deshalb so versessen auf sichere Erkenntnis. Und er glaubte schließlich in den klaren und deutlichen Erkenntnissen ein Wahrheitskriterium gefunden zu haben. Jedoch ist diese Vorstellung inkohärent und deswegen können wir uns gar nicht vorstellen, was Blumenberg uns zum Vorstellen aufgibt :)

Ich finde wir sollten nicht zu schnell durch den Text gleiten und alles kaufen! Oder habt ihr es eilig, weil ihr noch was dringendes vorhabt?



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Alethos
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So 6. Okt 2019, 17:01

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 16:10
Hans Blumenberg hat geschrieben : "Versuchen wir uns einmal vorzustellen ... "
Otto Neurath hat geschrieben : Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.
Descartes hat ja bekanntlich in unsicheren Zeiten gelebt, vielleicht war er deshalb so versessen auf sichere Erkenntnis. Und er glaubte schließlich in den klaren und deutlichen Erkenntnissen ein Wahrheitskriterium gefunden zu haben. Jedoch ist diese Vorstellung inkohärent und deswegen können wir uns gar nicht vorstellen, was Blumenberg uns zum Vorstellen aufgibt :)

Ich finde wir sollten nicht zu schnell durch den Text gleiten und alles kaufen! Oder habt ihr es eilig, weil ihr noch was dringendes vorhabt?
Ich habe Zeit und will sie mir nehmen:

Was meinst du denn mit Inkohärenz? Die Vorstellung, dass wir nichts überstürzen und uns nicht mit Vorurteilen begnügen sollen (die 1. cartesische Regel) können wir weiterdenken bis zum Punkt, wo sich uns alles in klaren Urteilen zeigt. Natürlich ist das nur in der Hypothese möglich, dass wir eine solche unverstellte Draufsicht auf alles überhaupt einnehmen können (was wir nicht können). Es zu denken, wäre aber nicht inkohärent, oder?



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Jörn Budesheim
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So 6. Okt 2019, 17:10

Was inkohärent ist, das kann man nicht denken, auch wenn man glaubt, es zu denken :)



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Friederike
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So 6. Okt 2019, 17:54

Alethos hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 12:46
Nun zeigt aber bereits Vicos Idee der "Logik der Phantasie", dass dieses Klarheits- und Bestimmtheitsmaximum des Begrifflichen unerreichbar sein würde resp. erreichbar nur für das "Einsichtsverhältnis des Schöpfers". (S. 8) An die Stelle der 'Klarheit des dem Menschen Gegebenen' muss die 'Klarheit des von ihm Gemachten' treten. Denn wo dem Menschen keine göttliche Einsicht in der Form der adaequatio rei ad intellectum möglich ist, muss er, wo ihm keine Begriffe allein Aufschluss geben, über Umwege zur Erkenntnis der Dinge gelangen, d.h. er muss Erkenntnis des Wahren erlangen qua seiner Fähigkeit, das Gegebene durch das Andere zu denken, also in der Phantasie betrachten als übertragen auf das Andere. Hier bietet sich also der Gedanke an, die Metapher als "Grundbestand der philosophischen Sprache" zu denken (S.10), d.h. als philosophisches Werkzeug der Wahrheitserkenntnis durch Übertragung.
Von der Antike bis zu Vico ist es ein enormer Zeitsprung. Mir ist beim Lesen dieser Referatstelle, in der es hauptsächlich um die Erkenntnismöglichkeit(en) geht, sehr deutlich geworden, welche umwälzenden Veränderungen im Denken, in der Gottesvorstellung, im Wirklichkeitsverständnis es gegeben haben muß, damit Vico überhaupt auf einen derartigen Gedanken "verfallen" kann, die Erkenntnis dessen, was ist, könne nicht direkt (begrifflich) gewonnen werden. Unter den antiken Voraussetzungen wäre es vollkommen unmöglich gewesen zu denken, Wirklichkeit und (Begriffs)-Erkenntnis würden/könnten differieren.




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Nauplios
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So 6. Okt 2019, 19:04

Friederike hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 17:54

Von der Antike bis zu Vico ist es ein enormer Zeitsprung. Mir ist beim Lesen dieser Referatstelle, in der es hauptsächlich um die Erkenntnismöglichkeit(en) geht, sehr deutlich geworden, welche umwälzenden Veränderungen im Denken, in der Gottesvorstellung, im Wirklichkeitsverständnis es gegeben haben muß, damit Vico überhaupt auf einen derartigen Gedanken "verfallen" kann, die Erkenntnis dessen, was ist, könne nicht direkt (begrifflich) gewonnen werden. Unter den antiken Voraussetzungen wäre es vollkommen unmöglich gewesen zu denken, Wirklichkeit und (Begriffs)-Erkenntnis würden/könnten differieren.
Am Ende der Einleitung kommt Blumenberg auf die "Metakinetik geschichtlicher Sinnhorizonte und Sichtweisen" zu sprechen. Es geht also um die Beweglichkeit der Metapher in geschichtlicher Hinsicht. Der Zeitsprung, den Du ansprichst, Friederike, deutet das bereits an. Das Vorhaben der Metaphorologie ist historisch orientiert:

"Die Metapher als Thema einer Metaphorologie in dem uns hier beschäftigenden Sinne ist ein wesentlich historischer Gegenstand ..." (Paradigmen; S. 28; Kursivsetzung im Original) -

Es gibt von Rüdiger Zill einen Aufsatz mit dem Titel "Der Fallensteller. Hans Blumenberg als Historiograph der Wahrheit", der auf diesen Aspekt des Geschichtlichen zielt. Darüberhinaus ist der Aufsatz von Zill aber auch informativ für unser Vorhaben hier:

https://www.z-i-g.de/pdf/ZIG_3_2007_zill.pdf




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Alethos
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So 6. Okt 2019, 19:28

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 17:10
Was inkohärent ist, das kann man nicht denken, auch wenn man glaubt, es zu denken :)
Willst du darauf hinaus, dass das cartesische Ideal unerreichbar ist, ja, dass es gar undenkbar ist?

Vielleicht können wir ja darin übereinstimmen, dass es gerade deshalb notwendig sein musste, die Metapher aus der "Verborgenheit" ins Licht zu heben, damit sie dem Begrifflichen in seiner 'Verlegenheit' dienstbar werden konnte. Denn die Einsicht war gewachsen, dass das Klare und Endgültige selbst eine 'Art von Mythos sein muss', der sich nur metaphorologisch durch den Verweis auf die "Hintergrundsmetaphorik" seines eigenen Anspruchs und seiner Genese verstehen (und versöhnen) lässt.

Der Glaube, dass es Erkenntnis geben könne allein durch reine Begriffe, die also ohne atmosphärische "Konturierung" auskommen kann, muss sich geschlagen geben der Einsicht, dass unsere Weltbezüge apriori geprägt sind durch die durchscheinenden Bedingungen, unter denen sie stehen: und es sind metaphorische Bedingungen, Bedingungen der Weltbilder selbst.

Und hier ist der Wandel tatsächlich erstaunlich, wie es Friederike sagt:
Friederike hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 17:54
Unter den antiken Voraussetzungen wäre es vollkommen unmöglich gewesen zu denken, Wirklichkeit und (Begriffs)-Erkenntnis würden/könnten differieren.
Aus heutiger Perspektive, aus der wir diese Entwicklungen der Weltbilder überschauen, scheint es für jedes Ideal in diesen Bildern einen passenden Hintergrund zu geben, durch den sie verstehbar werden.
Heute scheint umgekehrt vollkommen unmöglich zu denken, dass der "Logos dem Seienden gewachsen" sein könnte (das, was du, Jörn, vielleicht sagen willst?)

Das Denken hat in dieser langen Zeit (Antike, Platonismus, Patristik, Neuplatonismus, Scholastik, Neuzeit) einen Wandel vollzogen, der eine radikale Umkehr der Vorzeichen bedeuten muss: Es kann nicht mehr heissen "Vom Mythos zum Logos", sondern muss heissen "Von der damaligen Metaphorik zur späteren. Zur heutigen und darüber hinaus."



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Jörn Budesheim
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So 6. Okt 2019, 19:45

Alethos hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 19:28
Willst du darauf hinaus, dass das cartesische Ideal unerreichbar ist, ja, dass es gar undenkbar ist?
Genau! Descartes hat ja Klarheit und Deutlichkeit nicht aus Jux und Dollerei verlangt. Er war der Ansicht, er hätte hier ein Wahrheit Kriterium an der Hand. Aber es gibt kein Wahrheits-Kriterium und schon gar nicht dieses. Das ganze Verfahren funktioniert nicht, und deswegen können wir uns natürlich auch nicht vorstellen, dass es zu Ende geführt würde. Blumenberg verlangt sich etwas vorzustellen, was gar nicht funktionieren kann. Was soll das dann zeigen?



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Nauplios
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So 6. Okt 2019, 20:08

Ich schlage vor, daß wir Friederike und Stefanie noch ein wenig Zeit geben; ich würde auch gerne noch ganz kurz auf den Kant´schen Symbolbegriff zu sprechen kommen.

Danach können wir eine kleine Zäsur machen und anschließend zum ersten Kapitel übergehen.

Wie es danach weitergehen soll, besprechen wir dann.

("Metaphysik ist Lyrik in der Verkleidung einer Theorie." - Auf dieses Bonmot Carnaps weist Haverkamp in seinem Kommentar hin.) ;)




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Stefanie
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So 6. Okt 2019, 21:20

Ich befürchte mehr Zeit wird auch nichts nützen, denn ich habe bislang null Zugang zu dem Text. Null. Es kommt mir vor, als ob ich eine Bedienungsanleitung für einen Gegenstand lese, den es noch nicht gibt. Allein schon die erste Seite... Ich verstehe nichts. Ja es geht um Metaphern, aber wo das Problem liegen soll, ist mir schleierhaft.
Der Artikel aus der NZZ mit Teilen dieses Essay scheint mir nach dem ersten überfliegen besser zu liegen, als diese Paradigmen.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
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Jörn Budesheim
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So 6. Okt 2019, 21:41

Stefanie hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 21:20
ich habe bislang null Zugang zu dem Text. Null.
Aus John Lockes »Essay Concerning Human Understanding«:

"Da Witz und Einbildungskraft den Beifall der Welt leichter finden als trockene Wahrheit und wirkliches Wissen, werden figürliches Reden und Anspielungen in der Sprache schwerlich als eine Unvollkommenheit oder als Mißbrauch der Sprache angesehen werden. Ich gestehe, daß in Reden, worin wir eher Lust und Vergnügen suchen als Belehrung und Besserung, diejenigen sprachlichen Ornamente, die von diesen entlehnt sind, kaum als Fehler gelten können. Wenn wir indessen von den Dingen, wie sie sind, reden wollen, müssen wir einräumen, daß die gesamte Kunst der Rhetorik, außer Ordnung und Klarheit, die gesamte künstliche und figürliche Anwendung von Worten, wie sie von der Beredsamkeit erfunden worden ist, zu nichts taugt als falsche Vorstellungen einzuschmuggeln, Leidenschaften zu erregen und dadurch das Urteil irrezuleiten und derart in der Tat vollkommener Betrug sind und deswegen sind sie gewiß, so löblich oder erlaubt die Redekunst sie auch in feierlichen Ansprachen und Volksreden machen mag, in allen Reden, die zu belehren oder zu unterrichten bestimmt sind, gänzlich zu meiden und können, wo es um Wahrheit und Wissen geht, nur als großer Fehler, sei es der Sprache oder dessen, der Gebrauch von ihr macht, gedacht werden."

Worum geht es Blumenberg? Ich würde (natürlich sehr grob und vereinfacht) sagen, um eine Art Rehabilitierung der Metapher in der Philosophie oder besser: gegenüber Philosophen wie John Locke.

Nicht jedes metaphorische Reden lässt sich in nicht-metaphorisches Reden übersetzen. Daher sind Metaphern nicht (im besten Fall) bloß nettes Zierat (oder im schlimmsten Fall sogar Betrug) sondern gehören zum philosophischen Grundbestand, zum festen Inventar, wenn man so will. Insbesondere dann, wenn es um Phänomene wie Leben, Zeit, Gott und Welt geht, die wir nicht einfach in den Blick nehmen können, wie irgendeinen Gegenstand, etwa eine Kaffeekanne. Metaphern sind historisch wandelbar und sagen viel über die Zeit und die Kultur aus, deren Denken sie "leiteten".



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Nauplios
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Mo 7. Okt 2019, 02:18

Stefanie hat geschrieben :
So 6. Okt 2019, 21:20
Ich befürchte mehr Zeit wird auch nichts nützen, denn ich habe bislang null Zugang zu dem Text. Null. Es kommt mir vor, als ob ich eine Bedienungsanleitung für einen Gegenstand lese, den es noch nicht gibt. Allein schon die erste Seite... Ich verstehe nichts. Ja es geht um Metaphern, aber wo das Problem liegen soll, ist mir schleierhaft.
Der Artikel aus der NZZ mit Teilen dieses Essay scheint mir nach dem ersten überfliegen besser zu liegen, als diese Paradigmen.
(Hervorhebungen von mir)

Hallo Stefanie, ich habe mir erlaubt, einige Stellen aus Deinem Beitrag hervorzuheben. Darunter sind Stellen, in denen Du Deinen Unmut zum Ausdruck bringst. Damit dieser Unmut, dieser Frust für den Leser auch spürbar wird, greifst Du zu bestimmten Darstellungsmitteln, etwa die doppelte Null: "ich habe bislang null Zugang zu dem Text. Null." Ein anderes Darstellungsmittel liegt in der Veranschaulichung des Unmuts mittels Vergleich: "als ob ich eine Bedienungsanleitung für einen Gegenstand lese, den es noch nicht gibt". Und ein weiteres Mittel dieser Veranschaulichung liegt in der bildlichen Rede: "... ist mir schleierhaft". - Du hättest auch schreiben können: "Ich verstehe das, was Blumenberg auf der ersten Seite schreibt, nicht." - Aber durch diese Veranschaulichungsformen entsteht in mir eine Vorstellung, die über die Bedeutung dieses Satzes weit hinausgeht. Ich kann mir gut vorstellen, wie das ist, wenn man etwas erkennen will, das hinter einem Schleier verborgen ist. Man kneift die Augen etwas zusammen, versucht einen "Durchblick" zu bekommen; man weiß nicht ob man wirklich was sieht oder ob man mehr etwas ahnt; vielleicht sieht oder ahnt man nur Konturen; doch der Schleier ist zu undurchsichtig als das man wirklich etwas sehen würde. Das ist ärgerlich. Das kann auch reizvoll sein. Dessous verschleiern auch etwas. Was sie allerdings verschleiern, verschleiern sie, um den Anblick des Unverschleierten auf lustvolle Weise hinauszuzögern. Das ist bei dieser ersten Seite der Paradigmen anders. Auch nach mehrmaligem Bemühen fällt kein Schleier. Der Text bleibt schleierhaft. Dem Frust folgt keine Lust.

Diese Fülle an Bedeutungen geht mir natürlich nicht en detail durch den Kopf, wenn ich lese, daß Dir etwas schleierhaft ist und doch entsteht in mir ein Bedeutungsüberschuß wenn ich "schleierhaft" lese gegenüber der simplen Mitteilung "ich verstehe das nicht". Mit der Wahl von "schleierhaft" überträgst Du die Bedeutung von "Schleier" auf etwas, was eigentlich mit Schleier nichts zu tun hat. Du "überträgst". Im Griechischen heißt das entsprechende Verb metapherein: etwas wird von a nach b hinüber (meta) getragen (pherein). - Die Metapher ist also eine Übertragung. Du trägst sozusagen den Schleier aus seiner eigentlichen Bedeutung (als Hochzeitsschleier, Burka, Dessous ... ) in eine uneigentliche Bedeutung, denn jetzt wird, wirkt der Text verschleiert. Wir sagen auch: "im übertragenen Sinne", damit ist eine bildhafte Ausdrucksweise gemeint, im Gegensatz zu "im wörtlichen Sinne", damit ist die eigentliche Bedeutung gemeint.

Im Fall von "schleierhaft" sieht man recht schnell, daß es sich in Deinem Beitrag um eine metaphorische Redeweise handelt. Anders ist das schon, wenn Du das Wort "Text" schreibst. Text kommt von lateinisch texere: weben flechten. Ein Text ist also eigentlich ein Gewebe, ein Geflecht. Gewebt wird aber am Webstuhl. Nur entstehen am Webstuhl keine Texte, sondern Stoffe. Streng genommen liegt also bei "Text" auch eine Metapher vor. Und natürlich findet sich im Wörterbuch der philosophischen Metaphern unter "Text" ein seitenlanger Eintrag. Wir empfinden allerdings "Text" nicht mehr als Metapher. Das Wort ist uns - bildlich gesprochen - in Fleisch und Blut übergegangen. Da die Philosophen aber alles immer streng nehmen, hat es der Herausgeber des Wörterbuchs als Metapher aufgenommen.

Man kann, wie Du sagst einen Text auch "überfliegen". CO2-Steuer fällt bei diesem Fliegen nicht an, denn "eigentlich" fliegst Du ja nicht. Du veranschaulichst mit dem "Überfliegen" nur die Art des Lesens, die Du bei dem anderen Blumenberg-Text anwendest. Man liest dann meistens nur die Anfänge von Abschnitten, bleibt vielleicht bei dem einen oder anderen Wort hängen, kurzum: man überfliegt den Text.

Zu dem Paradigmen-Text hingegen hast Du noch keinen "Zugang" gefunden. Darin steckt auch ein Bild, nämlich daß DU gehst. ZUM Text. Die Aktion liegt dabei auf Deiner Seite. Der Text hingegen ist das Unbewegliche. - Bei der Formel "Der Text spricht mich nicht an" hingegen ist der TEXT das aktive Moment. Er spricht. ZU Dir. - Oder eben nicht. Dann spricht er Dich nicht an.

Eine metaphorische Ausdrucksweise benutzen wir im Alltag ständig. Aber in der Philosophie ist man sich, wie immer, nicht einig. Das hängt u.a. damit zusammen, daß die Metapher ein rhetorisches Element ist. Die Rhetorik hat die Metapher zu ihrem Thema. Nun sagt Platon: Rhetorik, das ist eine Angelegenheit für Leute, denen es um Zustimmung auf den Marktplätzen geht. Diesen Leuten ist nämlich die Zustimmung ihrer Zuhörer viel wichtiger als die Wahrheit. Für Fake-News waren zur Zeit Platons die bösen Sophisten zuständig. Mit ihrer Rhetorik verkaufen sie den Leuten die Lüge als Wahrheit. Die Philosophen hingegen haben Rhetorik gar nicht nötig, denn der wahre Philosoph ist ja im Besitz der Wahrheit. Gut, er kann diese Wahrheit mit rhetorischen Mitteln noch ein wenig verschönern, aber am Ende kann er die Erkenntnis, die er hat auch ohne solche Mittel darstellen. Diese Auffassung sieht in der Metapher ein Mittel zur Verschönerung, zur Verzierung. Die Metapher ist dann nur ein schmuckes Beiwerk, ein Ornament. - Noch heute gibt es Reaktionen auf die öffentliche Rede (z.B. von Politikern) wie "Ist doch alles nur leere Rhetorik" ... "Schöne Worte, sonst nichts" ... "Da will uns jemand was verkaufen ... " oder "Das, was hier als xy verkauft werden soll ... "

Platon ist mit seiner Kritik an der Rhetorik nicht allein geblieben. Locke wurde hier schon erwähnt. Descartes, Hobbes, Kant u.a. könnte man hinzufügen. Die Liste der Philosophen, die die Rhetorik - und damit die Metapher - als nutzlosen Firlefanz, als Augenwischerei, als Betrug u.ä. ablehnen, ist lang. - Nicht so lang ist die Liste derjenigen, die der Rhetorik und der Metapher freundlich gegenüber stehen. Nietzsche könnte man hier nennen.

Auch Blumenberg gehört auf diese letztgenannte Liste. Blumenberg geht sogar noch einen Schritt weiter: für ihn gibt es Metaphern, die sich gar nicht ersetzen lassen. Dieses Ersetzen würde durch Begriffe gehen. Der Begriff ist salopp gesagt das Gegenstück zur Metapher. Er kommt ohne "Übertragung" aus; man spricht beim Begriff auch von "eigentlicher Rede" im Gegensatz zur Metapher als "uneigentlicher Rede" (zu "eigentlich/uneigentlich" s.o.). - Descartes hat die Philosophen darauf verpflichten wollen, auf Metaphern ganz zu verzichten. Metaphern können nämlich recht viele Bedeutungen haben (s. o. den Schleier) und Descartes wollte in der Philosophie nur "klares und deutliches" Wissen zulassen. Das geht natürlich mit Metaphern schlecht. Descartes war sich auch darüber im Klaren, daß ein solches klares und deutliches Wissen ein zwar wünschenswerter, aber zu seiner Zeit noch nicht realisierter Zustand in der Philosophie war. Nun denkt Blumenberg Descartes zuende und stellt genau diesen Endzustand einer rein begrifflichen Sprache dem Leser vor Augen. In diesem Descartes´schen Endzustand gäbe es dann ja weder Metaphern noch sonstige rhetorischen Elemente.

Vor dieser Kontrastfolie des rein begrifflichen Endzustands entwickelt Blumenberg dann seine eigenen Gedanken. Seine Überlegung geht in etwa so: noch bevor man überhaupt zu Begriffen kommt, sind es bildliche Vorstellungen, die unser Denken orientieren. Daraus können sich natürlich Begriffe entwickeln, aber es gibt auch bildliche Vorstellungen, die nicht durch Begriffe ersetzbar sind, denn ihr Bedeutungsgehalt (s. oben "schleierhaft") ist derart umfangreich und komplex, daß er durch einen Begriff gar nicht eingelöst werden kann. Wohl können sich diese Metaphern ändern, können durch andere Metaphern ersetzt werden. Solche Metaphern nennt er "absolute Metaphern". -

Und dann nimmt Blumenberg den Leser an die Hand und geht mit ihm einige Metaphern durch, besonders alle bildhaften Ausdrücke in Bezug auf Wahrheit. Da wäre zum Beispiel das Bild der "mächtigen Wahrheit" oder das Bild der "nackten" Wahrheit - also der unverschleierten (!) Wahrheit ... die gesamte Metaphorik des Lichts wäre zu nennen, Licht ins Dunkle bringen, Aufklärung, eine Sache beleuchten usw.

Die Schwierigkeiten liegen meist darin: Blumenberg erzählt. Er stellt keine Syllogismen auf, deduziert keine Thesen, entwickelt kein System. Er legt Schicht um Schicht historische Entwicklungen frei. Diese Schichten und Entwicklungen zu kennen, unterstellt er aber auch seinen Lesern. Das kommt nicht überall gut an. Und natürlich erschwert das den Lesern auch die Lektüre. Er springt gleichsam an eine historische Stelle (Descartes) und dann beginnt die wilde Fahrt vor und zurück. Auf die Vorabkenntnis des Lesers nimmt er keine Rücksicht. Man muß immer bedenken: dieser Text der Paradigmen ist für das gelehrte Publikum des Jahres 1960 geschrieben; er richtet sich an die Leser, die in einer Universitätsbibliothek sitzen und das "Archiv für Begriffsgeschichte" studieren oder die es sich leisten können, dieses "Archiv" selbst zu beziehen. Daß diese akademische Schrift 60 Jahre später im Internet einsehbar ist und folglich ein anderes Publikum findet als damals überhaupt möglich war, damit konnte Blumenberg nicht rechnen. Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob Blumenberg für den Fall, er hätte diesen "Endzustand" vorausgesehen, seine Paradigmen anders formuliert hätte. Ich glaube schon. Nämlich auf Latein. - Aus purer Bosheit. ;)




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Stefanie
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Mo 7. Okt 2019, 09:09

Die diversen Metaphern, die in den Text von Stefanie vorkommen, machen das nicht unklarer, sondern im Gegenteil, sie machen noch klarer und noch deutlicher, dass das Problem nicht nur nicht, sondern überhaupt nicht gesehen wird :)
Ich "liebe" solche Sätze. "nicht nur nicht".
Wer genau sieht jetzt was nicht? Ich die Probleme im Blumenberg Text, oder die Probleme in meinem Beitrag?

Ich habe insbesondere heute nicht viel Zeit... deshalb nur kurz.

Ich habe keine Probleme mit Metaphern, und ähnliche Werkzeuge wie Analogien, Beispiele etc. Wir verwenden diese nicht nur im alltäglichen Sprachgebrauch. Es gibt verschiedene Arten von Metaphern, manche gibt es schlicht deshalb, weil es keinen anderen Begriff oder Wort gibt, um das zu benennen, was gesagt werden will.
Meine Verständnisprobleme mit dem Text Paradigmen hätte ich ziemlich neutral und sachlich schreiben können, aber gerade in einer Kommunikationsform, in der man liest und nicht spricht, finde ich eine bildhafterer Sprache manchmal einfach besser.

Wenn die Menschen seit jeher Metaphern verwenden, kann meiner Meinung nach die Philosophie das nicht einfach "abtun". Sie beschäftigt sich mit dem Menschen und seiner Stellung in der Welt, seine Verhältnisse, zu sich selber, usw. usw., und dann kann man Metaphern nicht einfach nur als rhetorisches Mittel ansehen. Sie sind eine Kommunikationsform.

Geschichtliche Hintergründe sind toll, ich liebe Geschichte (und ganz so unwissend bin ich in diesem Bereich nicht), wenn Geschichte denn erzählt wird. An anderer Stelle schrieb Nauplios im Zusammenhang mit Blumenberg von einem narrativen Stil, ich finde die Stelle nicht wieder. Da dachte ich, oh das könnte mir gefallen.
Die Schwierigkeiten liegen meist darin: Blumenberg erzählt.
Das empfinde ich etwas anders. Er erzählt nicht.
"Geschichte" ist in der deutschen Sprache zweierlei, also zum einem eine Geschichte die erzählt wird, und DIe (historische) Geschichte. Im englischen heißt es "History", da steckt Story, also Geschichte drin.
Geschichten werden erzählt und weitergeben, sie werden erzählt, um weitergegeben zu werden. (Im Gegensatz zu sehr viel früher, wo sie mündlich weitergegeben wurden, ist das heute natürlich anders, es gibt mehr Möglichkeiten Geschichten und damit Geschichte weiterzugeben, als nur mündlich.) Erzählen ist ein wie Fluss, die "Paradigmen" sind in diesem Sinne kein Fluss. Das ist ein stehendes Gewässer, so vom Stil her.

Kurz was anderes:
Weiß jemand, wie man aus dem Text auf jstor etwas herauskopiert bekommt, ich habe das gestern nicht hinbekommen.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
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Stefanie hat geschrieben :
Mo 7. Okt 2019, 09:09
Ich "liebe" solche Sätze. "nicht nur nicht".
Wer genau sieht jetzt was nicht? Ich die Probleme im Blumenberg Text, oder die Probleme in meinem Beitrag?
Ich habe jetzt die entsprechende Stelle noch mal umformuliert. Ich habe deinen vorherigen Text und der heutige bestätigt das, wie mir scheint, so verstanden, dass du einfach nicht siehst, welche Probleme Metaphern bereiten könnten. Sinngemäß: Sie gehören einfach zu unserer natürlichen Ausdrucksweise, so what?



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Stefanie hat geschrieben :
Mo 7. Okt 2019, 09:09
Kurz was anderes:
Weiß jemand, wie man aus dem Text auf jstor etwas herauskopiert bekommt, ich habe das gestern nicht hinbekommen.
Ich habe nichts gefunden, deshalb habe ich einen Screenshot gemacht.



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Stefanie hat geschrieben :
Mo 7. Okt 2019, 09:09
Erzählen ist ein wie Fluss, die "Paradigmen" sind in diesem Sinne kein Fluss. Das ist ein stehendes Gewässer, so vom Stil her.
An der Stelle von Nauplios bin ich auch hängen geblieben, auch ich finde nicht, dass Blumenberg erzählt oder seinen Stil erzählerisch ist.



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