Allgemeiner Austausch und Smalltalk zu Blumenberg

In desem Forum kann die Philosophie des deutschen Philosophen Hans Blumenberg diskutiert werden.
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Friederike
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So 27. Okt 2019, 16:51

Kein Aspekt der Blumenberg'schen Philosophie ist die Moral, oder? Weder als eigener thematischer Gegenstand noch ist sie im Hintergrund seiner Beschreibungen aktiv. Er schreibt ... ja, wie sagt man jetzt - un-moralisch, a-moralisch. Er be-schreibt.




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Nauplios
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So 27. Okt 2019, 17:35

Eine eigenständige Ethik gibt es bei Blumenberg nicht. Für die Moral im Besonderen gilt jedoch, was auch für die Philosophie im Allgemeinen gilt, nämlich daß es in ihr nur das Nebeneinander von Vorläufigkeit und Endgültigkeit gibt, Normativität und Pragmatik, jenes Provisorische und Umwegige, das Blumenberg an der Descartes´schen morale par provision gewinnt. Bei Descartes war diese morale par provision nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur letztgültigen morale definitive, wie ja auch die philosophische Terminologie irgendwann an ihren endgültigen Zustand des rein Begrifflichen kommen soll, der auf alles Vorläufige, Provisorische, Metaphorische verzichten kann. Genau das aber, was für Descartes ein Durchgangsstadium war, eben jene morale par provision erhebt Blumenberg zur Spezifik der Neuzeit, weil die morale definitive sich als uneinlösbares Projekt erweist. - Dem Rigorismus der Wahrheit korrespondierte dann ein Rigorismus der Moral. Gegen beide Rigorismen richtet sich die Skepsis Blumenbergs.




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Friederike
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Mi 30. Okt 2019, 16:34

Lieber Nauplios, irgendwann demnächst springe ich wieder rein - bitte hab' noch ein wenig Geduld.




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Nauplios
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Mi 30. Okt 2019, 18:45

Geduld wird sich wohl finden lassen, liebe Friederike. ;)

Setz´ Dich nicht unter den Druck der schnellen Antwort. Erst der Mensch, dann der Text. ;)

Bis dahin kann ich ja noch die Paradigmen ein wenig zusammenfassen; dabei sind es eigentlich auch nur kleine Schlaglichter, die ich darauf geben kann, so daß weniger eine Zusammenfassung dabei herauskommt als vielleicht ein Grundriß, der uns zeigt, woher die Überlegungen Blumenbergs kommen und wohin sie annäherungsweise führen. Das gibt dann einen ersten Eindruck. Und nach diesem ersten Eindruck können wir dann gemeinsam überlegen, wie eine weitere Annäherung aussehen könnte. Natürlich können wir die zig-tausend Seiten aus den Veröffentlichungen Blumenbergs nicht grundrißartig weiterführen; und hier wären ja auch die Interessen der Projektteilnehmer zu berücksichtigen. Ich bin jetzt beim vorletzten Kapitel der Paradigmen angekommen; parallel dazu die erste Hälfte der Nackten Wahrheit, die in einem historischen Längsschnitt diese Metapher untersucht, die auch schon in den Paradigmen zum Thema geworden ist. -

Ich könnte mir vorstellen, daß wir (nach Absprache) danach zu einigen Grundbegriffen der Philosophie Blumenbergs kommen und damit den Zoom auf diese Philosophie größer stellen, während wir bislang eher "Arbeit am Text" geleistet haben. Eine "Arbeit am Gedanken" könnte die bisherigen Ergebnisse ergänzen. Allumfassend kann die Beschäftigung mit Blumenberg nicht sein; das wäre schon eher eine Lebensaufgabe. Probierhäppchen dieser Aufgabe scheinen mir schon jetzt Sättigungseffekte erzeugt zu haben. ;)




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Friederike
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So 3. Nov 2019, 18:44

Aus den "Perspektiven" hierher transportiert, weil der folgende Satz beispielhaft für die Sätze steht, die mich bei Blumenberg umhauen:
Nauplios" hat geschrieben : Die Metakinetik läuft auf eine Selbstbeteiligung der Erkenntnis hinaus. "Nicht mehr die Wahrheit hat hier eine Macht, sondern, was Macht über uns hat, legitimieren wir theoretisch als das Wahre." (Paradigmen S. 26) -
Wie ein Paukenschlag !




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Nauplios
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Mo 4. Nov 2019, 01:33

Die Schwierigkeiten, die sich bei der Skizzierung des Grundrisses der Paradigmen ergaben und ergeben, hängen u.a. mit solchen "Paukenschlägen" und Trommelwirbeln, mit Tempowechseln und der Polyphonie der Stimmen zusammen, die sich im Denken Blumenbergs finden. Die Partitur dieses Denkens ist durchsetzt mit Notationszeichen und Regieanweisungen. Blumenberg als Hörspiel - das wäre eine Herausforderung für jedes Tonstudio. Es sprächen oft mehrere Stimmen gleichzeitig in unterschiedlicher Lautstärke und wechselnden Verfremdungen durch Filter, Echozeiten, Dopplungen ...

In diesem historio-akustischen Labyrinth wird man auf den Faden der Ariadne keine allzu großen Hoffnungen setzen dürfen. Überall liegen lose Enden von Fäden, deren jeder irgendwohin führt, bloß nicht hinaus. Die Wirklichkeit als "offener Kontext" in Relation auf ein Bewußtsein, "für ein wahrnehmendes oder denkendes, phantasierendes oder wollendes Subjekt" (Manfred Sommer, in: Blumenberg lesen; S. 375) bedingt, daß das philosophische Denken in seinen historischen Abfolgen ja keine Chronologie von Systemen, Thesen, Definitionen, Theorien u.ä. ist. Das phänomenologisch inspirierte Verständnis der Welt als eines Horizonts von Horizonten setzt auch das Denken ein in eine Verweisungsstruktur, die das Mögliche immer mitdenkt als den Horizont des Wirklichen. In der Symphonie des Blumenberg´schen Denkens ist das Wirkliche ein cantus firmus, vor dem Hintergrund eines kontrapunktischen, kontrafaktischen Möglichen.

Die Philosophie Blumenbergs gleicht einer historischen Aufführungspraxis. Gamben und Krummhörner, Dulziane und Schalmeien kommen dabei zum Einsatz und ein fuioser Harnoncourt steht am Pult. Es entstehen Klänge und Rhythmen, Tempi und Stimmungen, die für das moderne Ohr mitunter als fremd empfindet, obwohl doch darin jenes philosophische Erbe bespielt wird, das die Moderne nicht ausschlagen kann und aus dem allein sie verständlich wird. -

Blumenberg reanimiert den antiken bios theoretikos und setzt den Leser seiner Schriften wieder an die Position des Schauenden. Wittgensteins Imperativ "Denk nicht, sondern schau!" kann das Motto abgeben für den Lesenden. Das oft als anstößig Empfundene ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der Blumenberg seinen Lesern die Vertrautheit mit all jenem zumutet, was er zur Sprache bringt; dabei ist es die vornehmste Art, den Leser ernst zu nehmen. Mit anderen Worten: wir schulden ihm was. Einen "Denker unterm Himmelszelt" hat der SPIEGEL Hans Blumenberg genannt und seine Schriften "Mondgestein".





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Nauplios
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Fr 8. Nov 2019, 04:01

Des Menschen Auge hat´s nicht gehört,
Des Menschen Ohr hat´s nicht gesehen,
Des Menschen Hand kann´s nicht kosten
Seine Zunge nicht begreifen
Und sein Herz nicht erzählen,
Was mein Traum war.
Ich will Peter Squenz bitten,
Mir eine Ballade von diesem Traum zu schreiben:
Sie soll heißen: "Zettels Traum",
Weil Zettel drin verzettelt ist
Und ich will sie am letzten Ende
Des Stückes singen vor dem Herzog:
Vielleicht, um sie noch lieblicher zu machen,
Werde ich sie nach dem Tode singen.

(Zettel in Shakespeare´s Sommernachtstraum)


Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 5. Nov 2019, 18:55
Ehrlich gesagt bin ich immer noch ziemlich empört darüber. Ich glaube ich habe noch nie bei einem Lesensthread mitgemacht, bei dem Nachdenken als verzetteln gewertet wurde.
(Um den Thread über Begriffsrealismus damit nicht zu befrachten, plaziere ich meine Sicht darauf an dieser Stelle.)

Gäbe es eine Philosophie des Verzettelns, so ließe sie sich mühelos mit dem Namen Hans Blumenberg verbinden. Der im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrte Zettelkasten Blumenbergs übertrifft den berühmteren Zettelkasten Luhmanns an Umfang und Verschlagwortung. Einige wenige Karteikarten reichten Blumenberg, um daraus in seinen Vorlesungen eine ganze Welt entstehen zu lassen. Den umfangreichen Textkonvoluten, die er diktierte, gingen Notate auf solchen Karteikarten voraus. Zettel sind gleichsam die DNA dieser Philosophie, in denen die Baupläne zu den späteren Großstudien angelegt sind.

Aus den Blumenberg´schen Verzettelungen sind Texte von großer Dichte und Komplexität entstanden. Ein solcher Text, strukturiert und redigiert, liegt uns in den Paradigmen zu einer Metaphorologie vor. In seiner Gelehrsamkeit hofft dieser Text auf nichts weniger als auf die Gelehrsamkeit seiner Leserinnen und Leser, hat aber mit deren chronischer Überforderung zu rechnen. Es ist kein Zufall, daß der herausgebende Verlag eine kommentierte Neuauflage als notwendig ansah, um Studierenden und interessierten Laien den Zugang zu diesem Schlüsseltext zu erleichtern.

Einen solchen Text in einem Internetforum zu lesen und zu besprechen, ist mit manchen Unwägbarkeiten verbunden. Anders als in einer Vorlesung, die ja - sofern man nicht abschaltet - mit dem Gesagten konfrontiert, ohne daß eine Einflußnahme der Hörenden möglich wäre, ist der Gedanke in seinem Gang hier von Ablenkungen aller Art umstellt. Zeigt nicht unsere kollektive Erfahrung in diversen Foren, daß "Projekte" schnell Begeisterung finden, solange sie sich im Planungsstadium befinden? Und zeigt sie nicht auch das meist Unbefriedigende des Verlaufs solcher "Projekte"? - Kaum angefangen, irrt die Debatte vom Gang der Untersuchung ab, sucht Nebenschauplätze - auch dort, wo keine sind - und verläuft im sprichwörtlichen Sande von Grundsätzlichem und Allgemeinem.

Um dem "Aspekte"-Thread dieses Schicksal zu ersparen, gibt es nun eine ganze Abteilung "Blumenberg", in der nicht weniger als neun Threads dem Interessierten zur Verfügung stehen, die Philosophie Blumenbergs zu kommentieren. Mit einem dieser Threads ("Über einige Aspekte der Philosophie Hans Blumenbergs") verbinde ich als Threadstarter die Bitte um Konzentration auf das Textgeschehen in den Paradigmen. Verfahrensfragen, Fragen zur Geschäftsordnung, Smalltalk und Sonstiges fängt ein weiterer Thread auf ("Allgemeiner Austausch und Smalltalk zu Blumenberg"). Jedermann kann darüberhinaus weitere Threads in der Abteilung "Blumenberg" anlegen.

Im "Aspekte"-Thread liegt uns nun eine Art Skizze vor, worum es Blumenberg in seinen Paradigmen - ungefähr - geht. Nach meiner Erinnerung war das u.a. ein Anliegen von Friederike und Alethos: nachzuvollziehen, um was es Blumenberg geht. Private Umstände haben dazu geführt, daß beide an der Gestaltung des Threads nicht so teilhaben konnten wie sie es vielleicht gern getan hätten. Das ist nicht weiter tragisch; die Skizze bleibt ja erhalten. - Damit ist ein Bogen gespannt, keiner, der die Paradigmen vollständig wiedergibt, jedoch immerhin einer, der ein paar "Aspekte" aufgreift.

Nachdenken ist kein Verzetteln und wird weder von mir noch von anderen so gewertet. Du hast ja im Vor- und Umfeld des "Aspekte"-Threads mehrere andere Threads angelegt, Jörn: Zur "Hermeneutik", "Ist das Weltall stumm?", "Das Verhältnis von Fantasie und Logos", "Kants Begriff Symbol/Metapher", "Descartes". Hier kannst Du doch die Vertiefungen, die Du wünscht, vornehmen. -

Inzwischen hast Du mehrfach Deinen Rückzug aus dem Blumenberg-Diskurs mitgeteilt. Der Text sei "quälend". - Einen Thread zu Gernot Böhme (Leib. Die Natur, die wir selbst sind) hattest Du in Aussicht gestellt. Insbesondere der Aufsatz "Akustische Atmosphären" (S. 153) und "Das Bild und seine Atmosphäre: Über die Wirklichkeit von Bilderfahrungen" (S. 166) könnten eine Ergänzung zum Blumenberg-Diskurs sein.

Meine Bitte ist eine schlichte: Laßt uns im "Aspekte"-Thread so gut es geht textbezogen zu Blumenberg bleiben.

Vielleicht setzen sich die Administratoren des Forums ja bei Gelegenheit mal zusammen und machen sich Gedanken darüber, wie man sich den Umgang mit einem Thema wie "Blumenberg" künftig vorstellt. Wenn das hier nicht ins Konzept paßt, könnte man auch mal überlegen, ob nicht ein Blumenberg-Blog (o.ä.) eine Alternative/Ergänzung wäre ...




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Jörn Budesheim
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Fr 8. Nov 2019, 13:13

Wenn die Diskussion jedoch nicht auf einer (wenigstens im vagen Sinne) gemeinsamen Basis aufbaut, dann spricht man letztlich über: Nichts. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn man feststellt, dass nach x Seiten immer noch keine gemeinsame Vorstellung davon vorliegt, was ein Begriff und was eine Metapher ist.



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Nauplios
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Fr 8. Nov 2019, 14:01

Die Administration des Forums sollte sich im internen Bereich darüber Gedanken machen, ob sie Gespräche über "Nichts" zulassen will. Das Ergebnis kann mir hier oder per pN mitgeteilt werden.




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Friederike
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So 10. Nov 2019, 17:41

Nicht alles, was Definition ist, ist per se schlecht (was auch niemand behauptet). Und nicht alles, was Nicht-Zigarre ist, ist zwingend Zigarette. Aber "Zigarre" zu sagen, schließt zwingend alles aus, was Nicht-Zigarre ist.

Das bringt mich natürlich unweigerlich zu Adorno, der es für die Aufgabe einer zukünftigen Philosophie ansah, so sie nicht Philosophievergessen wie die vergangene sein wolle, mit "dem Begriff über die Begriffe hinauszugehen" (ND). (Unwissenschaftlich zitiere ich nicht und gebe die Fundstelle nicht an, denn dazu müßte ich nachschlagen). Wie das? Adorno schlägt als mögliches Verfahren die von Weber als "Konstellation" bezeichnete Methode vor. Leider, leider haben nun weder Adorno noch Weber näherhin ausgeführt, wie die Konstellationsmethode praktisch funktionieren könnte. Spekulierend könnte man sich ein Ein- und Umkreisen eines Begriffes mit Begriffen, die dem fraglichen nahestehen, vorstellen. Synchron, diachron. Warum Adorno auf die Metapher nicht gekommen ist -ich glaube, er erwähnt sie in diesem Zusammenhang wirklich nicht- das finde ich jetzt, nachdem sich mir erhellt hat, was und wie die Metaphorik ans Tageslicht zu befördern vermag, einigermaßen erstaunlich.Bild




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Nauplios
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Fr 15. Nov 2019, 01:40

Friederike hat geschrieben :
So 10. Nov 2019, 17:41
Nicht alles, was Definition ist, ist per se schlecht (was auch niemand behauptet). Und nicht alles, was Nicht-Zigarre ist, ist zwingend Zigarette. Aber "Zigarre" zu sagen, schließt zwingend alles aus, was Nicht-Zigarre ist.

Das bringt mich natürlich unweigerlich zu Adorno, der es für die Aufgabe einer zukünftigen Philosophie ansah, so sie nicht Philosophievergessen wie die vergangene sein wolle, mit "dem Begriff über die Begriffe hinauszugehen" (ND). (Unwissenschaftlich zitiere ich nicht und gebe die Fundstelle nicht an, denn dazu müßte ich nachschlagen). Wie das? Adorno schlägt als mögliches Verfahren die von Weber als "Konstellation" bezeichnete Methode vor. Leider, leider haben nun weder Adorno noch Weber näherhin ausgeführt, wie die Konstellationsmethode praktisch funktionieren könnte. Spekulierend könnte man sich ein Ein- und Umkreisen eines Begriffes mit Begriffen, die dem fraglichen nahestehen, vorstellen. Synchron, diachron. Warum Adorno auf die Metapher nicht gekommen ist -ich glaube, er erwähnt sie in diesem Zusammenhang wirklich nicht- das finde ich jetzt, nachdem sich mir erhellt hat, was und wie die Metaphorik ans Tageslicht zu befördern vermag, einigermaßen erstaunlich.Bild
Konstellation

"Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war."

Das ist die Konstellation, die Stellung der Gestirne, am 28. August 1749, "mittags mit dem Glockenschlage zwölf", wie sie Goethe zu Beginn des ersten Buches von Dichtung und Wahrheit beschreibt.

Wenn Weber in seinem Aufsatz "Die ˋObjektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" (1904) von einer Konstellation spricht, dann weist er auf diese ursprüngliche Bedeutung der Konstellation (stella = Stern) in der Astronomie hin, um sodann in metaphorischer Rede von "Kulturerscheinungen" zu sprechen, die der Soziologe analog der Konstellation von Gestirnen behandeln müsse, d.h. "als Folge einer anderen gleich individuellen ihr vorhergehenden". (http://www.zeno.org/Soziologie/M/Weber, ... enntnis/II) -

Konstellationen sind also für Weber "Kulturerscheinungen", die aus einem Vorher, einer vorgängigen Konstellation (von Faktoren) verstanden werden müssen. Im Grunde ist das die hermeneutische Tradition, daß Gegenwärtiges aus seiner Herkunft heraus verstanden werden muß.

Adornos Zentralmetapher ist die "Flaschenpost". Sie ist die Metapher sowohl für die Neue Musik als auch für die Kritische Theorie. Das ist eigentlich eine randläufige Metapher aus dem großen Bereich nautischer Metaphorik. Es gibt einen Aufsatz von Ulrike Marz über "Metaphern als Agenten des Nicht-Identischen. Zur Metaphorik der Dialektik der Aufklärung" - erschienen in Metaphern und Gesellschaft. Die Bedeutung der Orientierung durch Metaphern. Leider ist von diesem Aufsatz nur eine ganz kurze Zusammenfassung online einsehbar:

https://link.springer.com/chapter/10.10 ... -93445-7_4




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Nauplios
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Fr 15. Nov 2019, 02:45

Ein "extrem schwieriges Buch" nennt es die Frankfurter Rundschau am Wochenende; von einer "immens belesenen Abhandlung" schwärmt Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen. - Die Rede ist nicht von Hans Blumenberg, sondern von dem 1752 Seiten umfassenden Alterswerk von Jürgen Habermas Auch eine Geschichte der Philosophie, das vor wenigen Tagen erschienen ist.

https://www.suhrkamp.de/buecher/auch_ei ... 58734.html

Josef Früchtl, seinerseits Schüler von Jürgen Habermas, sagt im Interview mit dem "Deutschlandfunk Kultur":

"Philosophie ist verpflichtet auf strenge Argumentation, auf Begriffsanalyse, auf analytische Klarheit."
(https://www.deutschlandfunkkultur.de/ju ... _id=463034)

Für die Philosophie ergebe sich - so Früchtl im Hinblick auf das Buch von Habermas - eine klare Alternative: "Entweder wir lassen diesen Anspruch, das Ganze zu denken, vollkommen beiseite - oder wir versuchen, diesen Anspruch in die Philosophie zu übersetzen. Den zweiten Weg geht Habermas."

Doch nicht nur Habermas geht einen Weg. Auch die Philosophie geht (für Habermas) einen Weg, den Weg von "Lernprozessen" im Verhältnis von Glauben und Wissen.

Es könnte reizvoll sein, diese Geschichte der Philosophie, die Habermas als "Auch eine Geschichte der Philosophie" erzählt, der Geschichte - vielleicht besser: den Geschichten der Philosophie zu kontrastieren, die sich im Werk Blumenbergs finden. Ein solches Unterfangen setzte allerdings Beharrlichkeit voraus. - Vergessen wir es besser sofort wieder. ;)




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Friederike
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Fr 15. Nov 2019, 13:49

"Metaphern als Agenten des Nicht-Identischen".

Eine schöne Metapher, die die Differenz zwischen dem, was etwas ist und was etwas doch nicht ist, sprachlich wiederholt. Das Nicht-Identische ist für mich wie ein Zauberwort, daß die Lebenserfahrung ausdrückt. Nie ist die Freude so vollkommen wie imaginiert, ein Rest Nicht-Erfüllung bleibt in der tatsächlich erlebten Freude. Die technokratische Formel klingt in meinen Ohren wundervoll, weil sie die Erfahrung, die Metapher (weiblich, in der Philosophie unsichtbar gemacht, das Andere des Begriffes, des Geistes) in ihrer Poesie erahnen läßt.

Ihr dürft gerne lachen, es ist zwar etwas Ernstes, was ich meine, aber leider kriege ich es nur so hundsmiserabel schlecht ausgdrückt. Somit wirkt es komisch ... was mir aber einmal egal sein soll.




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Friederike
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Fr 15. Nov 2019, 17:21

Nauplios hat geschrieben :
Fr 15. Nov 2019, 02:45
Ein "extrem schwieriges Buch" nennt es die Frankfurter Rundschau am Wochenende; von einer "immens belesenen Abhandlung" schwärmt Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen. - Die Rede ist nicht von Hans Blumenberg, sondern von dem 1752 Seiten umfassenden Alterswerk von Jürgen Habermas Auch eine Geschichte der Philosophie, das vor wenigen Tagen erschienen ist. [...] Ein solches Unterfangen setzte allerdings Beharrlichkeit voraus. - [...]
"Der helle Wahnsinn" - . Beharrlichkeit braucht's schon nur dieses Buch ("Buch" ist fast nicht mehr das passende Wort) zu lesen. Die vom Suhrkamp-Verlag beigegebene Leseprobe habe ich gelesen; allein auf diesen läppischen 14 Seiten Text ("Einleitung") wird man (ich) von der Fülle der Thesen fast überwältigt. Allerdings scheint es überaus klar und übersichtlich strukturiert, das ist viel wert. Hauptsächlich hat Habermas, so spekuliere ich frech, das Buch für sich geschrieben, aber ich kann mir gut vorstellen, daß es eigentlich an alle diejenigen adressiert ist, die sich für das, was man früher Geisteswissenschaften nannte, interessieren.

Nauplios, Dir trau' ichs zu, den Erwerb des Buches und zumindest eine auszugsweise Lektüre in langen Winternächten. Erwägst Du es?




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Nauplios
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Fr 15. Nov 2019, 20:23

Friederike hat geschrieben :
Fr 15. Nov 2019, 17:21

"Der helle Wahnsinn" - . Beharrlichkeit braucht's schon nur dieses Buch ("Buch" ist fast nicht mehr das passende Wort) zu lesen. Die vom Suhrkamp-Verlag beigegebene Leseprobe habe ich gelesen; allein auf diesen läppischen 14 Seiten Text ("Einleitung") wird man (ich) von der Fülle der Thesen fast überwältigt. Allerdings scheint es überaus klar und übersichtlich strukturiert, das ist viel wert. Hauptsächlich hat Habermas, so spekuliere ich frech, das Buch für sich geschrieben, aber ich kann mir gut vorstellen, daß es eigentlich an alle diejenigen adressiert ist, die sich für das, was man früher Geisteswissenschaften nannte, interessieren.

Nauplios, Dir trau' ichs zu, den Erwerb des Buches und zumindest eine auszugsweise Lektüre in langen Winternächten. Erwägst Du es?
Was ist "dieses Buch", Friederike? Blumenbergs Arbeit am Mythos? Die Paradigmen zu einer Metaphorologie? Oder das zweibändige neue opus magnum von Jürgen Habermas? ;)

Das Buch von Habermas zu lesen, "erwäge" ich durchaus. Inwieweit es sich für lange Winternächte eignet, wird sich dann gegebenenfalls zeigen - oder ob nicht doch die Suche nach der verlorenen Zeit solchen Winternächten angemessener ist. -

"... was man früher Geisteswissenschaft nannte ... " - Odo Marquard spricht in seiner Apologie des Zufälligen im Hinblick auf die Geisteswissenschaften von der "Kunst der Wiedervertrautmachung fremd gewordener Herkunftswelten" (S. 105). Mir fallen Namen ein wie Hermann Usener, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Werner Jaeger, Karl Reinhardt, Hermann Fränkel ... tja, allesamt Repräsentanten einer "fremd gewordenen Herkunftswelt". - In diese Welten einzutauchen, das wäre auch mal was für lange Winterabende. :)




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Friederike
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Sa 16. Nov 2019, 09:00

Nauplios hat geschrieben :
Fr 15. Nov 2019, 20:23
Was ist "dieses Buch", Friederike? Blumenbergs Arbeit am Mythos? Die Paradigmen zu einer Metaphorologie? Oder das zweibändige neue opus magnum von Jürgen Habermas? ;)
Du sprachst von einem Vergleich der Geschichten über die Philosophie, die Blumenberg und Habermas geschrieben haben. Und daß ein solches Unterfangen die Tugend der "Beharrlichkeit" bräuchte ("Tugend" füge ich eigenmächtig :lol: ein). Ich bezog mich nur auf das neue Werk von Habermas mit den nahezu 2000 Seiten. Nimmt man die Texte von Blumenberg hinzu, bedürfte es wohl einer Beharrlichkeit "hoch 3."




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Jörn Budesheim
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Sa 16. Nov 2019, 16:39

Zufällig habe ich diese Apologie vor Jahren mal gelesen. So wie ich Odo Marquard verstehe ist die "Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaft" ein Zukunftsprojekt, das auf Permanenz gestellt ist.

Der Text beginnt mit einem Dementi. Durch die Naturwissenschaften werden die Geisteswissenschaften keineswegs obsolet, wie viele vielleicht glauben. Das Gegenteil ist der Fall.

Und auch die historische Abfolge ist eine andere, wie man sie sich vielleicht gemeinhin vorstellt. Auf jeden naturwissenschaftlichen Modernisierungsschub folgt mit einem Abstand von ca einem Jahrhundert eine geisteswissenschaftliche Gegenbewegung. Auf das Gerücht der angeblich entzauberten Natur antwortet die Geisteswissenschaft mit entsprechenden Orientierungsangeboten.

Dazu gehören auch unsere vielen verschiedenen Traditionen, als die "fremd gewordenen Herkunftswelten". Hier können wir uns darüber verständigen, wer wir sind, indem wir das Angebot annehmen, von ihm distanzieren oder es neu erzählen. Denn die Erzählung ist das Mittel der Wahl. Das kann eine der großen Erzählungen sein, wie etwa der Humanismus. Das kann aber auch eine Nummer kleiner vonstatten gehen. (Ein aktuelles Beispiel, das Udo Marquardt natürlich nicht im Sinn haben konnte, ist die neue Erzählung der Anfänge der documenta. Die Heldensagen um Bode und Hartmann bekommen Risse.)

Das kleine Reclamheft von Udo Marquardt ist übrigens eine echte Empfehlung, nicht zuletzt weil der Autor wirklich weiß, wie man etwas erzählt!



Hier geht es zu meiner Webseite.

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Nauplios
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So 17. Nov 2019, 19:56

Friederike hat geschrieben :
Sa 16. Nov 2019, 09:00

Du sprachst von einem Vergleich der Geschichten über die Philosophie, die Blumenberg und Habermas geschrieben haben. Und daß ein solches Unterfangen die Tugend der "Beharrlichkeit" bräuchte ("Tugend" füge ich eigenmächtig :lol: ein). Ich bezog mich nur auf das neue Werk von Habermas mit den nahezu 2000 Seiten. Nimmt man die Texte von Blumenberg hinzu, bedürfte es wohl einer Beharrlichkeit "hoch 3."
Ja, ein solcher Vergleich hätte einiges zu erzählen. Erstaunlich ist ja auch, daß Habermas, der die kommunikative Praxis ins Zentrum seiner Philosophie rückt, wiederum in der Praxis von Internetforen, die sich über Kommunikation fortschreiben, kaum Beachtung findet. Während Habermas schon zu Lebzeiten ein "Klassiker" ist, der auch Wert darauf gelegt hat, schulbildend zu verfahren (einige seiner Schüler haben ihrerseits bereits Wirkungsgeschichte), ist aus dem "Geheimtip" Hans Blumenberg erst nach seinem Tod 1996 einer der "bedeutendsten Philosophen der Nachkriegsgeschichte" (u.ä.) geworden. Das verdankt sich unter anderem der kontinuierlichen Herausgabe von Schriftkonvoluten aus seinem Nachlaß in den letzten zwanzig Jahren. Schulbildend im eigentlichen Wortsinn ist Blumenberg nicht gewesen; dafür hat er vor allem seit seinem Ruf nach Münster zu sehr dem akademischen Betrieb den Rücken gekehrt und sich schließlich vollkommen zurückgezogen. Kaum bekannt ist, daß Blumenberg und Habermas gemeinsam (mit Dieter Henrich und Jacob Taubes) 1966 die Reihe "Theorie" beim Suhrkamp-Verlag herausgaben.

Blumenberg gehört in die Tradition des Gelehrtentums, dessen Wurzeln bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Man spricht manchmal etwas despektierlich von "Katheder-Philosophie", "Universitätsphilosophie". Die Äußerungsformate solcher Philosophie sind oft nicht recht kompatibel mit den Bedingungen ihrer Darstellung in Internetforen. Dicke gelehrte Wälzer erweisen sich als sperrig, wenn man sie auf "Beiträge" zu bringen versucht. Hinzu kommt oft die Ungeduld des Zeitgeistes. Die Disparität der Interessen und Ansprüche erschweren Verständigungen außerdem.

Ab 2021 gehört Goethes Faust in einigen Bundesländern nicht mehr zum Prüfungsstoff für das Deutsch-Abitur. Die Zeiten waren immer schon bewegt, doch führt die Bewegung unserer Zeit weg von philologischer Gelehrsamkeit. Hans Blumenberg hat auf die Frage der FAZ Welche Reform bewundern Sie am meisten? 1982 geantwortet: "Die ums Jahr 1995 fällige Wiederherstellung der deutschen Universität".

https://www.z-i-g.de/pdf/ZIG_1_2013_zill.pdf




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Friederike
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Mo 18. Nov 2019, 13:10

Nauplios hat geschrieben :
So 17. Nov 2019, 19:56
[...] Während Habermas schon zu Lebzeiten ein "Klassiker" ist, der auch Wert darauf gelegt hat, schulbildend zu verfahren (einige seiner Schüler haben ihrerseits bereits Wirkungsgeschichte), ist aus dem "Geheimtip" Hans Blumenberg erst nach seinem Tod 1996 einer der "bedeutendsten Philosophen der Nachkriegsgeschichte" (u.ä.) geworden. Das verdankt sich unter anderem der kontinuierlichen Herausgabe von Schriftkonvoluten aus seinem Nachlaß in den letzten zwanzig Jahren. Schulbildend im eigentlichen Wortsinn ist Blumenberg nicht gewesen; dafür hat er vor allem seit seinem Ruf nach Münster zu sehr dem akademischen Betrieb den Rücken gekehrt und sich schließlich vollkommen zurückgezogen.
Konkret: Du meinst mit dem schulbildenden Verfahren, daß Akademiker, die eine Professur innehaben, dafür Sorge tragen, wissenschaftliche Mitarbeiter und wissenschaftliche Assistentinnen zu haben, die die Arbeit ihres Doktorvaters (ihrer Doktormutter) bzw. ihres Förderers einer wissenschaftlichen Ausbildung fortführen?

Mir fällt noch ergänzend zum akademischen Netzwerk, der Verbindung zu den "richtigen" Kreisen ein, daß es wohl auch darauf ankommt, ob Themen den zeitgeistigen philosophischen Nerv treffen. Das mag gegebenenfalls eben erst nach dem Tode eines Autors der Fall sein. Ich kann das weder für Blumenberg noch für Habermas beurteilen, aber theoretisch scheint mir die Aktualität eines bearbeiteten Themas durchaus eine maßgebliche Rolle zu spielen (das, was für "aktuell" angesehen wird). Es scheint mir vergleichbar -wenn Du gestattest :lol: - mit einem irgendeinem neuen Produkt, das eine Firma auf den Markt wirft. Erfolgreich verkaufen läßt es sich dann, wenn ein Konsumbedarf besteht ... oder aber auch, wenn ein Bedarf geweckt werden kann.




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