Allgemeiner Austausch und Smalltalk zu Blumenberg

In desem Forum kann die Philosophie des deutschen Philosophen Hans Blumenberg diskutiert werden.
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Jörn Budesheim
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Alethos
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Di 8. Okt 2019, 13:10

Friederike hat geschrieben :
Di 8. Okt 2019, 10:03
ich muß auch nicht weiter überlegen, ob ich @Alethos heute antworte -

Sage @Nauplios!
Wie schade, dass ich so lange auf eine Antwort warten muss. :geek:



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Alethos
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Di 8. Okt 2019, 13:10

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 8. Okt 2019, 13:05
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Es gab doch mal den Meteor-Man :mrgreen:



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Nauplios
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Di 8. Okt 2019, 18:25

Friederike hat geschrieben :
Di 8. Okt 2019, 10:03

Nun nüchtern und pragmatisch: @Alethos hat zuletzt, gestern spät am Abend, nochmals Kants Symbolbegriff erläutert (der für Blumenberg, wie ich eben bei neuerlichem Lesen bemerkte, der erste Anstoß zur Idee der absoluten Metapher war) und mein Vorschlag wäre oder ist der, daß wir an dieser Stelle verharren ... und ausharren 8-), bis Du von der Nordsee zurückgekehrt bist. Das heißt, wir würden die Lektüre bzw. die Besprechung der "Paradigmen" (Einleitung und 1. Kap.) erst nach Deiner Heimkehr fortführen? Dann hast Du jetzt Deine Ruh', und ich muß auch nicht weiter überlegen, ob ich @Alethos heute antworte -

Sage @Nauplios!
Die Ausführungen von Alethos zur Passage über den Symbolbegriff bei Kant sind lesens- und anknüpfungswert. Sie unter den Vorbehalt des "Verharrens", gar des "Ausharrens" zu stellen, wäre wie die Fermate eines Pianisten über zehn Tage. :-) Das scheint mir den musikalischen Bogen doch reichlich zu überspannen, Friederike. ;) Das muß nicht sein. Ich würde mich sogar freuen, wenn ihr das Gespräch weiterführen würdet. Ich hole Euch dann schon wieder ein. ;)

"Meine Damen und Herren, so geht das nicht!" - Das war einer der ersten Sätze aus dem Munde eines Dozenten, die ich in den 70er Jahren als junger Dachs in einem Philosophieseminar gehört habe. Wenn ich es noch recht erinnere führte dieses Seminar auch den Begriff "Aspekte" im Titel. Ich glaube, es ging um Aspekte der Geschichtsphilosophie. Es war damals eine bewegte Zeit an den Universitäten. Es gab die "Weltveränderer", deren Zweifel an der "gesellschaftlichen Relevanz" das Unterfangen einer Philosophie der Geschichte wenn überhaupt, dann nur aus marxistischer Sicht gelten lassen wollten. Es gab Studenten der katholischen Theologie, deren Zeuge Romano Guardini war. Nach 10 Minuten war die Situation so übersichtlich geworden, daß Ferdinand Fellmann den ersten Ordnungsruf erteilte. Weitere folgten. - Philosophische Debatten mäandern. Sie verlaufen nicht nach Art eines Kanals, schnurgerade. Sie schlängeln sich. Kritisch wird es, wenn sie wie ein Mündungsdelta ausufern und die einzelnen Flußarme eine Sumpflandschaft erzeugen, in der es keinen Halt mehr gibt. Dann versucht jeder sich durchzuschlagen in die Richtung, in die er Sicherheit vermutet. - Was noch topic und was schon offtopic ist, läßt sich im Einzelnen manchmal schwer beurteilen; man merkt es erst, wenn aus dem Mäandern ein Versumpfen geworden ist. - Im Seminar waren damals mehr als 30 Teilnehmer, hier sind wir zu fünft. Eigentlich sollten wir in der Lage sein, eine konsensuale Lösung zu finden. Gelesen wird letztlich alles - topic und offtopic. Vielleicht ist ja nach meiner "Heimkehr" - klingt nach einer 10-jährigen Odyssee - eine solche Lösung gefunden. -




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Alethos
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Di 8. Okt 2019, 22:49

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 8. Okt 2019, 09:28
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 8. Okt 2019, 07:51
Zusammenspiel von Konkretem und Abstraktem.
Mir hat sich beim Lesen deines Beitrags die Frage gestellt (die du im klein geschriebenen Abschnitt wohl antönst), wo denn die Grenze verläuft zwischen Abstraktion und Konkretion. Das ist vielleicht nur eine Nebenfrage, aber der Zweifel, was abstrahiert und was konkret ist, stellt sich bereits beim Einzelding. Und damit drängt sich auch die Frage auf, wie klar konturiert Begriffe überhaupt sein können.

Die Aussage 'Der Apfel ist rot' ist so aufgebaut, dass das Accidens hier austauschbar erscheint - auch die Ampel kann rot leuchten, oder die Rose rot blühen. Aber als Konkretes lässt es sich gar nicht von 'Substanz auf Substanz als dem Rot-Träger' übertragen, nur unter Zuhilfenahme der Vorstellung der Einheit des Rotseins unter dem Begriff des Roten.

Das, was wir Eigenschaften nennen, sie sind individuiert in der konkreten Sache, aber als solche sind sie identisch mit sich selbst und können nicht übertragen werden. Das Rot des Apfels ist, selbst wenn es die absolut gleiche Färbung hätte, nicht das Rot der Ampel. Erst eine 'Stufe höher' in der Abstraktion, wenn es als dasselbe Rot gefasst wird, sozusagen in der Idee des Rotseins (oder in der Struktur des Sinns, rot zu bedeuten) wird es sprachlich übertragbar. Dass wir von Äpfeln und von Ampeln sagen können, sie seien rot, dass wir über Eigenschaften der Dinge sprechen können, muss bedeuten, dass wir in der Sprache, im Denken, im begrifflichen Erfassen überhaupt vom Konkreten absehen und den Blick gerichtet haben auf die Idee, die in der 'Eigenschaft' verfasst ist.

Wenn nun aber zugleich ein Einzelding eine 'Ansammlung seiner Eigenschaften' ist, der Eigenschaftsbegriff aber begrifflich bereits eine kleine Abstraktion bedeutet, dann ist die Konkretion des Einzelnen schon in Frage gestellt.
Das Konkrete, was ist das, wenn es schon in Teilen einer nicht-konkreten Sphäre zugehörig ist? Und ist es gerade deshalb, weshalb die Metapher das Konkrete heben kann, weil sie auch dieser Sphäre in Teilen zugehörig ist?

Das sind keine weltbewegende Gedanken, aber man muss sie erst einmal spinnen :)



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Friederike
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Mi 9. Okt 2019, 10:42

Alethos hat geschrieben :
Di 8. Okt 2019, 13:10
Wie schade, dass ich so lange auf eine Antwort warten muss. :geek:
Nun nicht mehr. Aber gestern war ich tatsächlich erleichtert über meine (nicht uneigennützige) Planung, weil ich hastig zwischen Deiner Erläuterung und dem Blumenberg-Text hin- und hergeblättert hatte - zum Abgleichen; und zwischen Anflügen von Verstehen und dann wieder Nicht- Verstehen hin- und hergewechselt bin ... und am Ende immer konfuser wurde.

Gut. Da mein Vorschlag also weder bei Dir @Nauplios noch bei Dir @Alethos, Gehör findet ... na, Gehör schon, nur keine Zustimmung, so muß ich mich dann fügen. :lol:




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Jörn Budesheim
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Mi 9. Okt 2019, 11:05

Alethos hat geschrieben :
Di 8. Okt 2019, 22:49
Das sind keine weltbewegende Gedanken, aber man muss sie erst einmal spinnen
:-)

ja, das ist ein wichtiges Thema. ("Individuum est ineffabile") Aber! hier würden wir (nach meinem Gefühl) wirklich ins Offtopic abgleiten. Vielleicht können wir uns das für einen anderen Ort und einen anderen Zeitpunkt aufsparen. Ich hoffe (wenigsten dir) ist in meinem Beitrag klar geworden, dass es mir darin ganz unmittelbar um die drei (in diesem Zusammenhang hier) synonymen Ausdrücke absolute Metapher, Symbol und Bild ging, wobei ich zeigen wollte, dass die Rhetorik hier keineswegs bloß Schmuckelemente "fordert", sondern im Grund das, was auch Kant zeigt.



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Alethos
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Mi 9. Okt 2019, 12:28

Friederike hat geschrieben :
Mi 9. Okt 2019, 10:42
meine (nicht uneigennützige) Planung,
Das war mir sofort klar :mrgreen:



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Jörn Budesheim
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Do 10. Okt 2019, 13:42

Gerade in einer Kunstzeitung gesehen:

Der Physik-Nobelpreis geht in diesem Jahr an drei Forscher, die unser Bild vom Universum revolutioniert haben. Dabei geht es ihnen wie Künstlern: Sie müssen etwas darstellen, was unbegreifbar ist ...

Die geehrten Physiker haben einen Blick in die Unendlichkeit geworfen, deren Erforschung Künstler schon seit Jahrhunderten umtreibt. Sie haben etwas verstanden, was sie nicht in ihrer ganzen Komplexität vermitteln können, und greifen deshalb auf vereinfachende Bilder zurück. Hinter den Darstellungen vom Universum steckt viel mehr, was wir nicht begreifen. Da geht es den Astronomen also wie den Künstlern. hier



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Friederike
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Do 10. Okt 2019, 14:37

Ich muß über meine Schwierigkeiten "smalltalken", auch wenn die Bilder vom Universum irgendwie mehr Relevanz haben, aber ich übergehe jetzt einfach meine Skrupel.

Sagen, loswerden will ich, daß es für mich einen himmelweiten Unterschied macht, ob ich den Blumenbergtext erst in der aufbereiteten Version hier gelesen habe und anschließend das Original. So ist es mit der "Einleitung" gewesen. Jetzt, da ich das 1. Kapitel zuerst original lese ... schon, daß ich die lateinischen Zitat nicht haargenau, d.h. mit den feinen Unterscheidungen, übersetzen kann und sich die Aussage darin auch nicht in jedem Fall anschließend aus Blumenbergs Kommentar erschließt. Manchmal atme ich bei einem Satz von ihm erleichtert auf, weil ich denke, daß man nun in offenes Fahrwasser kommt und schon macht er die nächste Kurve, von der ich nicht weiß, wo sie hinführen wird/soll.

Wenn mich das Thema nicht so interessieren würde ... nein, es ist was Anderes. Ich glaube, daß ich trotz (oder vielleicht sogar gerade wegen) der "umwegigen" Art des Schreibens widerständig (trotzig) werde und "es wissen will". Das äußert sich darin, daß ich eine Seite lese, sie unmutsvoll wegklicke und nach 5 Minuten schon wieder aufrufe, weil ich doch nochmal lesen will.




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Nauplios
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Fr 11. Okt 2019, 02:06

Friederike hat geschrieben :
Do 10. Okt 2019, 14:37


Das äußert sich darin, daß ich eine Seite lese, sie unmutsvoll wegklicke und nach 5 Minuten schon wieder aufrufe, weil ich doch nochmal lesen will.
Auf die Gefahr hin, Deinen Unmut zu vergrößern, Friederike:

Seit gestern liegt Die nackte Wahrheit auf meinem Schreibtisch. Die Buchhandlung hatte mich gegen Mittag angerufen, das kleine stw-Bändchen läge im Abholfach bereit. Am Spätnachmittag hab´ ich´s dann abgeholt und es in meinem Stammcafe in unmittelbarer Nähe neugierig inspiziert. Als erstes habe ich das Nachwort des Herausgebers gelesen, Rüdiger Zill. Darin kommt er u.a. auf zwei Briefwechsel zu sprechen, zum einen auf den Briefwechsel zwischen Blumenberg und seinem Verleger Siegfried Unseld und auf den Briefwechsel Blumenbergs mit seinem amerikanischen Übersetzer Robert Wallace. Die umfangreichen Studien Blumenbergs zur Legitimität der Neuzeit, zur Genesis der kopernikanischen Welt und auch Arbeit am Mythos waren bis Mitte der 80er Jahre von Wallace ins Amerikanische übertragen worden. Nun sollte Die Lesbarkeit der Welt übersetzt werden und Wallace schlug Blumenberg vor, ob man nicht vorab eine Sammlung kleinerer Texte vorschalten solle, in deren Mittelpunkt die Paradigmen zu einer Metaphorologie stehen sollten. - Blumenberg lehnte ab. Begründung:

"Nicht nur, daß dieser Text überholt ist - nach einem Vierteljahrhundert! - , er ist auch schlecht." (Hans Blumenberg an Robert Wallace, 2. Mai 1985 - DLA Marbach, A. Blumenberg bzw. Nachwort zu Die nackte Wahrheit; S. 189) -

25 Jahre nach Erscheinen der Paradigmen im Archiv für Begriffsgeschichte sieht der Autor seinen Text als "überholt" und "schlecht" an. -

Briefe an Harald Weinrich (1967) und Fritz Schalk (1971) belegen bereits zu einem früheren Zeitpunkt, daß Blumenberg mit den Paradigmen unzufrieden war; ihnen gegenüber erwähnt er die Idee, die Paradigmen zu überarbeiten, sobald sie "vergriffen" seien.

Aus dem Briefwechsel mit Siegfried Unseld geht dann hervor, daß Unseld die Paradigmen bei Suhrkamp neu herausbringen wollte, was Blumenberg jedoch ablehnte. Man verständigte sich schließlich auf eine "Neufassung der Metaphorologie" in drei Bänden. Der erste Band sollte Schiffbruch mit Zuschauer sein, der zweite Band Die Lesbarkeit der Welt und der dritte Band schließlich sollte etwas "zum Bereich der nackten Wahrheit" sein oder auch eine Arbeit über Quellen und Ströme - so geht es aus einem Brief Blumenbergs an Hans-Georg Gadamer hervor. -

Die Arbeit über Quellen und Ströme wurde dann zu Blumenbergs Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht, ebenso wenig die Arbeit zur nackten Wahrheit; dieses Projekt ging Blumenberg erst nach 1985 (Brief an Wallace) an. Als Typoskript von 161 Seiten Länge und mit der Sigle DNW liegt sie heute in zehn Mappen im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Die nackte Wahrheit sollte also ursprünglich als dritter Teil einer Trilogie und als Schlußstein einer neuen Metaphorologie herauskommen. In das Umfeld dieser Neufassung der Metaphorologie gehört dann auch der vor einigen Jahren aus dem Nachlaß herausgegebene Band Quellen, Ströme, Eisberge. - Die Paradigmen zu einer Metaphorologie hat Blumenberg also später nicht mehr aufnehmen wollen. - Wir arbeiten uns also an einem Text ab, den der Autor später als "überholt" und "schlecht" ansah. :)

Muß uns das bekümmern? - Natürlich nicht. - Die Überlegungen zur Metapher sind ja später in die Theorie der Unbegrifflichkeit eingegangen und da hat sich die Akzentsetzung bereits verschoben. Daß ein Autor Distanz zu einer frühen Arbeit hat, ist nichts Ungewöhnliches. Und natürlich ist die Publikationsreihe innerhalb eines akademischen Philosophenlebens von Diskontinuitäten, nicht selten sogar Brüchen, geprägt. So lesen wir den Wittgenstein´schen Tractatus ebenso wie die Philosophischen Untersuchungen, Husserls Ideen ebenso wie seine Cartesianischen Meditationen, Heideggers Sein und Zeit ebenso wie die Schriften nach der "Kehre". -

Was nun die Schriften Blumenbergs angeht - speziell die Paradigmen - so hat sich für mich bewährt, mit unterschiedlichen Zoom-Einstellungen zu arbeiten. Ein Satz-für-Satz-Lesen ist redlich, aber hilfreich kann auch ein Zurücktreten sein und sich - beispielsweise über Sekundärliteratur - einen Entwurf vorzulegen, der mehr als eine Passage abdeckt, damit man eine "Idee" davon bekommt, in welche Richtung der Gang der Untersuchung fortschreitet. Daß wir uns nun viel Mühe ausgerechnet mit einem "überholten" und "schlechten" Text geben, verleiht der Angelegenheit auch eine komische Note, die an Komik noch gewinnen würde, sollten wir uns in den Text verbeißen. Darauf sollten wir´s nicht ankommen lassen. - Für "Unmut" ist jedenfalls bei späteren Texten noch genug Gelegenheit. ;)




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Friederike
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Fr 11. Okt 2019, 11:32

Nauplios hat geschrieben :
Fr 11. Okt 2019, 02:06
Daß wir uns nun viel Mühe ausgerechnet mit einem "überholten" und "schlechten" Text geben, verleiht der Angelegenheit auch eine komische Note, die an Komik noch gewinnen würde, sollten wir uns in den Text verbeißen. Darauf sollten wir´s nicht ankommen lassen. - Für "Unmut" ist jedenfalls bei späteren Texten noch genug Gelegenheit. ;)
Es nimmt mich für Blumenberg ein, wenn ich von der Entwicklung seiner Ansprüche an die eigenen Arbeiten erfahre, denn ähnlich wie in der Geschichte des "Herrn K." bei Brecht ziehe ich die Veränderung der Person/Persönlichkeit dem "ewig der/dieselbe bleiben" vor.

Aber gut zu wissen, daß zu lesen die "Paradigmen" eigentlich nicht lohnen, :lol: - nur, da wir uns auf lediglich "Einleitung" und 1. Kapitel geeinigt hatten, ist die Gefahr des Verbeißens zumindest vom Umfang der Textseiten her doch begrenzt.




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Nauplios
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Sa 12. Okt 2019, 03:14

Blumenberg ist ein Autor, dessen Gedanken sich dem Leser nicht gleich auf Anhieb erschließen; das Verständnis hat mitunter Mühe mit seinen Texten. - Aber all das ist NICHTS gemessen an den Schwierigkeiten, die ich jetzt mit der Diskussion in dem "Aspekte"-Thread habe. Mit Stefanie zu reden: ich habe null Zugang zu Eurern Beiträgen. Null. ;)

Absolute Metaphern gehören - so Blumenberg - zu den Grundbeständen der philosophischen Sprache. Metaphern sind sprachliche Ausdrücke, bei denen "ein Wort (eine Wortgruppe) aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen wird". (Wikipedia) - Absolute Metaphern heißen deshalb absolut, weil es sich bei ihnen um Übertragungnen handelt, die sich nicht ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen. Die Metapher ist insofern in der Philosophie umstritten, weil sie im Ruf des Unklaren, Uneindeutigen steht. Descartes zum Beispiel lehnt die Metapher ab, weil sie als philosophisches Ausdrucksmittel seinem Ideal eines klaren und deutlichen Wissens widerspricht. Kant wiederum spricht zwar nicht direkt von Metaphern, aber er räumt ein, daß Symbole die Funktion haben, ein Ganzes, von dem wir keine direkte Anschaung haben, zu veranschaulichen. Was Kant Symbol nennt, nennt Blumenberg Metapher. Die Skepsis gegenüber bildlichen Ausdrucksweisen - die Metapher ist eine bildliche Ausdrucksweise - hat in der Philosophie eine lange Tradition, die zurückreicht bis Platon. Blumenbergs Metaphorologie jedoch ist der Versuch einer Rehabilitation der Metapher; denn er billigt der Metapher ein orientierendes und letztlich sogar erkenntnisförderndes Potential zu. Absolute Metaphern hält er sogar für unverzichtbar. Mit ihnen machen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von einem Ganzen, von einer Totalität. So findet sich in der Philosophie und in der Literatur immer wieder das Bild von der gefährlichen Seefahrt als Metapher für das menschliche Leben. Seneca spricht zum Beispiel von der "Meeresstille des Gemüts". Das meint bei Seneca einen Zustand der inneren Ausgeglichenheit. Wer in einem solchen Zustand der "Meeresstille des Gemüts" lebt, dem können die "Stürme des Lebens" nichts anhaben. Er wird nicht "untergehen". - Diese Metaphern denkt sich Blumenberg natürlich nicht aus. Er findet sie in den zweieinhalb Jahrtausenden Philosophie und Literatur. Dort werden sie in den unterschiedlichsten Abwandlungen immer wieder gebraucht. So kann ja die "Meeresstille des Gemüts" auch Ödnis und Langeweile bedeuten; in einem solchen Leben ist ja nichts los. Dennoch liegt beiden Auffassungen ein und dieselbe Metapher zugrunde. - Im ersten Kapitel wird (ein anderes Beispiel) die Metapher der "mächtigen Wahrheit" behandelt. Diese Wahrheit drängt sich der menschlichen Erkenntnis mit Macht auf. Es gibt aber auch das Bild von der Wahrheit, die sich verbirgt, die der Mensch erst mit Macht offenlegen muß. Hier ist dann nicht die Wahrheit selbst mächtig, sondern die Erkenntnismittel des Menchen zwingen umgekehrt die Wahrheit dazu, sich preiszugeben. -

Ob Leben, Wahrheit, Welt, Geschichte, Bewußtsein ... immer sind Metaphern am (philosophischen) Werk. Oft ist ihr Wirken kaum bewußt, wird kaum erkannt. Gerade diejenigen Philosophen, die die Metapher ablehnen, erweisen sich als regelrechte Künstler der Metapher, Descartes zum Beispiel. Platon lehnte bekanntlich die Dichter als "Lügner" ab, weil sie doch nur Geschichten erzählen. Und was macht Platon? Immer, wenn er etwas ganz Wichtiges, philosophisch Bedeutsames sagen will, greift er zu einer Geschichte. Bestes Beispiel: das Höhlengleichnis.

Blumenberg geht es nicht darum, daß die Philosophen möglichst in Metaphern sprechen und schreiben. Es geht ihm darum, daß erkannt wird, daß Metaphern eine bedeutende Rolle in der Philosophie spielen - gerade auch bei den Philosophen, welche die Metapher ablehnen. Diese Philosophen lehnen die Metapher u.a. auch deshalb ab, weil sie ein Teil der Rhetorik ist. Platon hatte das Beispiel der sophistischen Rhetorik vor Augen. Daß die Rhetorik HEUTE eine andere ist als zu Platons Zeiten ist natürlich klar. Hier geht es aber darum, zu verstehen, warum Platon gegen die Rhetorik war. Nach seiner Meinung ging es den sophistischen Rhetorikern nicht um Wahrheit, sondern um Überredung/Überzeugung. Sie schrieben Reden - heute würde man vielleicht sagen: sie waren als Berater tätig - und nahmen sogar Geld dafür. Platons großes Vorbild aber war Sokrates. Dem ging es ganz uneigennützig nur um die Wahrheit.

Platons Schüler, Aristoteles, schrieb dann eine Rhetorik, später Cicero, Quintillian. Im Mittelalter gehörte die Rhetorik zu den sieben freien Künsten.

Aus diesen wenigen Bemerkungen müßte doch die Intention Blumenbergs herauszulesen sein. Ich bin erstaunt, daß Ihr diesbezüglich so "an einander vorbeiredet". Versteht das nicht als Kritik an Eurem Diskurs. Daß es da Gesprächsbedarf gibt, steht ja außer Frage. Aber ich verstehe schlicht und ergreifend nicht, was eigentlich zur Debatte steht. :-) ... ist nicht tadelnd gemeint ... bin allerdings ziemlich ratlos ... :-) ...




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Friederike
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Hm, ich melde mich morgen wieder.




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Jörn Budesheim
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Dann brauchst du ein Attest :)



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Jörn Budesheim
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So 13. Okt 2019, 10:10

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 12. Okt 2019, 09:03
Dann brauchst du ein Attest :)
Oja, leider bin ich tatsächlich ein wenig lädiert. Über eine Vermittlung zwischen unseren (Euren) und Nauplios' Ansatz kann ich nur nachdenken.




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Jörn Budesheim
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Dann: Alles Gute!



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Worin bestehen denn die diversen Ansätze? Und gibt es davon zwei oder vielleicht vier bzw. fünf?

Nehmen wir Descartes: Darüber hätte ich gerne viel mehr gesprochen. Warum? Weil es - glaube ich - doch von Bedeutung ist, warum (wenn überhaupt) er Metaphern ablehnt. Mir scheint, es hängt mit seiner Metaphysik zusammen. Das könnte man etwas beleuchten. Kurz wird erwähnt, dass seine Sicht "ungeschichtlich" ist. Aber ist ihm das einfach so unterlaufen? Wohl kaum: Schließlich hat er einen radikalen Neuanfang versucht und sich ganz bewusst von den dominanten "Geschichten", den Ansätzen der Scholastik verabschiedet.

Allgemeiner gesagt: es geht darum, die Hintergründe, "vor" denen der Aufsatz geschrieben ist, also seine Grundannahmen, die nicht in den Text finden, ihn aber tragen, wenigsten ein klein wenig besser zu verstehen.

Dazu gehören auch kritische Fragen. Dass es solche Fragen gibt, heißt ja nicht, dass es nicht auch klärende Antworten geben könnte :-)



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Außerdem zeigen die diversen Versuche, das Gelesene, das Gedachte, das Weiterführende zu vertiefen, dass es dort, wo es zunächst Übereinstimmung zu geben schien, letztlich ganz unterschiedliche Sichtweisen gibt.



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