Hans Blumenberg in effigie

In desem Forum kann die Philosophie des deutschen Philosophen Hans Blumenberg diskutiert werden.
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Nauplios
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So 21. Jun 2020, 20:15

Durch den Sinneswandel in der Familie zeigt sich nun, dass nicht nur das Denken, sondern auch die Person selbst viele Facetten hatte, die sich durchaus sehen lassen können, und dass der jüngere Blumenberg auch keine Scheu hatte, dieses Sehen-Lassen zu gestatten. So kann das Bild dieses Philosophen wieder in Bewegung geraten und auch der Denker selbst nahbarer werden. (Rüdiger Zill; Der absolute Leser. Hans Blumenberg - Eine intellektuelle Biographie; S. 798)

Man stutzt. Eine intellektuelle Biographie. Gab das biographische Material zu wenig her, daß es mit Intellektualität angereichert werden mußte, um das Leben eines Lesers, zumal eines absoluten, seiner Leserschaft, zumal einer partiellen, als sehenswert erscheinen zu lassen? - Oder ließ sich Leben und Lesen Hans Blumenbergs so wenig trennen wie Lesen und Schreiben? - Oder ist der absolute Leser am Ende gar eine mit Absicht nur halbherzig kaschierte An- und Aufforderung an die Leser dieser Biographie, eine Idealisierung, entsprungen dem Anforderungsprofil des Portraitierten? -

Rüdiger Zill hat mit den mehr als 800 Seiten seiner Blumenberg-Biographie Famoses vollbracht. Allerdings hat er auch Umstrittenes noch strittiger gemacht, indem er Person und Leben eines Philosophen öffentlich macht, der allein durch seine Werke "leben" wollte - den "Sinneswandel in der Familie" dabei auf seiner Seite wissend. -

Kann ein 100. Geburtstag dafür die Redlichkeit verbürgen? -




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Friederike
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Mo 22. Jun 2020, 11:55

Nauplios hat geschrieben :
So 21. Jun 2020, 20:15
Rüdiger Zill hat mit den mehr als 800 Seiten seiner Blumenberg-Biographie Famoses vollbracht. Allerdings hat er auch Umstrittenes noch strittiger gemacht, indem er Person und Leben eines Philosophen öffentlich macht, der allein durch seine Werke "leben" wollte - den "Sinneswandel in der Familie" dabei auf seiner Seite wissend. -
Kann ein 100. Geburtstag dafür die Redlichkeit verbürgen? -
Was meinst Du @Nauplios?

Ich bin streng und beantworte Deine Frage mit einem "Nein". Ist es redlich, entgegen dem Willen des Verstorbenen über dessen Person und Leben zu sprechen? Die Familie Blumenbergs gibt ihn nun zwar frei zur Betrachtung, aber ändert das einen Deut an Blumenbergs eigenem Wunsch? Und welche Rolle sollte in diesem Zusammenhang ein runder Geburtstag spielen? Ob 10, 50 oder 100 Jahre, die Anzahl der Jahre ist gleich. Jubiläen feiern die Lebenden.




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 12:09

Die intellektuelle Biographie Blumenbergs ist nicht der erste Annäherungsversuch von Rüdiger Zill an die Lebens- und Denkumstände Blumenbergs. 2016 erschien Poetik und Hermeneutik im Rückblick. Interviews mit Beteiligten, gemeinsam mit Petra Boden und im Rahmen ihres Projekts "Arbeit an Begriffen. Zur Geschichte von Kontroversen in der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik". Die Interviews wurden mit den noch lebenden Teilnehmern von Poetik und Hermeneutik geführt, aber auch mit Helga Jauß-Meyer, der Ehefrau von Hans Robert Jauß. In der Einleitung zu diesem Band heißt es:

"Die Befragung der Zeugen zeigt eine Vielzahl von einander teilweise widersprechenden Perspektiven, die insgesamt keine eindeutige Wahrheit zulassen. Ebenso wie es keineˋnackte Wahrheit´ gibt (eine der Lieblingsmetaphern von Hans Blumenberg), existiert auch keineˋnackte Vergangenheit´, denn in der unabschließbaren Praxis jeglichen Bezugnehmens auf sie wird die Vorstellung von ihr verändert. Ihre Beschreibungen sind integraler Bestandteil der Gegenwart, die sie erfaßt, um Zukünfte zu prognostizieren." (S. 15)

Achim Landwehr spricht diesbezüglich von einer Anwesenden Abwesenheit der Vergangenheit und nennt solches Perspektivgeschehen auf das Vergangene "Chronoferenzen". Ein anekdotisches Beispiel für eine solche Chronoferenz ist das Gespräch mit Thomas Luckmann:
.
"Die Erinnerung ist unzuverlässig. Vor kurzem habe ich das erneut bemerkt. Sie haben ja gehört, dass Gerhart von Graevenitz gestorben ist. Als die Nachricht kam, haben wir uns an ihn erinnert, und ich hab zu Renate Lachmann gesagt: ˋErinnerst du dich: Als wir in Prag waren, sind wir durch den Wallensteingarten unter dem Hradschin gegangen, und da trafen wir Gerhart von Graevenitz´. Sagt sie: ˋJa, ich erinnere mich. Aber Du warst nicht dabei.´"

Was die Person Hans Blumenbergs betrifft ist in diesem Interview-Band u.a. das Gespräch mit Blumenbergs ehemaligem Assistenten Ferdinand Fellmann von Interesse. Das Gespräch wurde am 31. Mai 2014 geführt, gut fünf Jahre vor Fellmanns Tod. -




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Friederike
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Mo 22. Jun 2020, 12:33

Nauplios hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 12:09
"Die Befragung der Zeugen zeigt eine Vielzahl von einander teilweise widersprechenden Perspektiven, die insgesamt keine eindeutige Wahrheit zulassen. Ebenso wie es keineˋnackte Wahrheit´ gibt (eine der Lieblingsmetaphern von Hans Blumenberg), existiert auch keineˋnackte Vergangenheit´, denn in der unabschließbaren Praxis jeglichen Bezugnehmens auf sie wird die Vorstellung von ihr verändert. Ihre Beschreibungen sind integraler Bestandteil der Gegenwart, die sie erfaßt, um Zukünfte zu prognostizieren." (S. 15)
Hm, das ist, wie ich meine, der Versuch, mittels eines zentralen Gedankens von Blumenberg die rückblickende Vergegenwärtigung -durch Augen- und Ohrenzeugen- zu rechtfertigen. Sich Blumenbergs Billigung zu versichern, indem sein Werk herangezogen wird, das ist vielleicht ... unredlich?




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 12:37

Fräulein Randebrock, so hieß die Sekretärin von Hans Robert Jauß, der von 1959 bis 1961 in Münster lehrte. Damals wurden Briefe und Protokolle noch mit einer Schreibmaschine geschrieben; Fräulein Randebrock konnte jedoch überhaupt nicht Schreibmaschine schreiben. Jauß hat das großzügig hingenommen und gesagt: "Na gut, Fräulein Randebrock, kommen sie lieber in meine Seminare und in meine Vorlesung; außerdem gibt es da noch einen Herrn Fellmann; der will Professor werden, aber der ist ziemlich wackelig. Heiraten Sie den!" (Poetik und Hermeneutik im Rückblick. Gespräch mit Ferdinand Fellmann; S. 105) -

So kam es. Fräulein Randebrock heiratete den wackeligen Ferdinand - vielleicht nicht allein in Befolgung des Jauß´schen Imperativs - , der dann auch prompt Professor wurde. (Ich darf vielleicht hinzufügen, daß Fellmanns Lehrveranstaltungen bisweilen etwas hatten, das mit "wackelig" gar nicht schlecht umschrieben ist.) -

Fellmann hat dann aber nicht bei Jauß promoviert, sondern bei Blumenberg: "Aber dann bin ich, wie schon gesagt, abgestürzt, und Jauß war erleichtert, das ich einen neuen Weg bei Blumenberg gefunden hatte. [...] Bei Jauß im Seminar ging es eher asketisch zu, protestantisch. Bei Blumenberg herrschte dagegen das Homerische Gelächter. Bei diesen Treffen konnte man nach einer gewissen Zeit wegen des Rauchs der dicken Zigarren die Hand vor Augen nicht mehr sehen.; dazu wurde Likör herumgereicht. Es war unglaublich, wie weltmännisch Blumenberg auftrat. Das war ein neuer Stil, der Blumenbergs außenorientiertem Charakter entsprach, geradezu ein hedonistisches Lebensgefühl, das typisch für die Zeit des Wirtschaftswunders war. Über Philosophie haben wir fast nie geredet. Unsere Hauptthemen waren Autos, die Aufbewahrung von Zigarren im Wäscheschrank, die Märklin-Eisenbahn und die Bequemlichkeiten der neuesten Hausgeräte. Blumenberg war ein Technikfan. [...] Zu meinen Pflichten gehörte es, Bücher für ihn in der Universitätsbibliothek auszuleihen oder aus Katalogen zu bestellen [...] ich mußte auch zum Beispiel die Krimis von Carter Brown besorgen." (S. 106) -

Ferdinand Fellmann durfte als Student bereits an den Tagungen von Poetik und Hermeneutik teilnehmen: "Ich war einfach frech, und Frechheit wurde sowohl von Jauß als auch von Blumenberg honoriert. Blumenberg hat mir in einer prekären Situation einmal gesagt: ˋSie möchten gern ein Bösewicht sein, können es aber nicht."




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 12:40

Friederike hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 12:33
Nauplios hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 12:09
"Die Befragung der Zeugen zeigt eine Vielzahl von einander teilweise widersprechenden Perspektiven, die insgesamt keine eindeutige Wahrheit zulassen. Ebenso wie es keineˋnackte Wahrheit´ gibt (eine der Lieblingsmetaphern von Hans Blumenberg), existiert auch keineˋnackte Vergangenheit´, denn in der unabschließbaren Praxis jeglichen Bezugnehmens auf sie wird die Vorstellung von ihr verändert. Ihre Beschreibungen sind integraler Bestandteil der Gegenwart, die sie erfaßt, um Zukünfte zu prognostizieren." (S. 15)
Hm, das ist, wie ich meine, der Versuch, mittels eines zentralen Gedankens von Blumenberg die rückblickende Vergegenwärtigung -durch Augen- und Ohrenzeugen- zu rechtfertigen. Sich Blumenbergs Billigung zu versichern, indem sein Werk herangezogen wird, das ist vielleicht ... unredlich?
Hm, das verstehe ich nun gar nicht. :) Was ist der Punkt, auf den Du hinauswillst, Friederike?




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 13:08

Der Bösewicht war als studentischer Teilnehmer bei Poetik und Hermeneutik einige Male auch für´s Protokollieren zuständig. Bei Gesprächen zwischen Jauß, Blumenberg, Henrich, Taubes, Iser u.a. darf man sich diese Tätigkeit als überaus anspruchsvoll vorstellen. Die Protokolle wurde ja sozusagen "live" geschrieben, anschließend redigiert und dann als Typoskripte den Beteiligten zugeschickt, die ihrerseits das Protokoll autorisieren mußten. Jauß hat gelegentlich Ergänzungen eingefügt.

"Blumenberg war absolut großzügig. Da konnte man schreiben, was man wollte. Hans Robert Jauß war deutlich pingeliger. Was stilistisch nicht so ganz paßte, das korrigierte er auch."

Auch damals zu Beginn der 60er Jahre wäre es möglich gewesen, die Gespräche auf Tonbändern aufzuzeichnen. Das wurde jedoch von Jauß abgelehnt, weil unter den Teilnehmern beim ersten Treffen noch Werner Krauss war. Krauss kam aus Ostberlin. Jauß dazu: "Jetzt müssen wir sehr vorsichtig sein. Wer weiß, wer mithört."

"Poetik und Hermeneutik" - das war ein wenig dem bekannten Titelschema "Sein und Zeit", "Wahrheit und Methode" geschuldet.

"ˋHermeneutik´ hatte bei Jauß und Blumenberg die gleiche Ausrichtung. Diese richtete sich gegen Hans-Georg Gadamers philosophische Hermeneutik in Wahrheit und Methode. Jauß schätzte Gadamer persönlich sehr, aber seine aus Heideggers Kunstphilosophie abgeleitete Auffassung von der Überlegenheit klassischer Texte war ihm zu unhistorisch. Auch Blumenberg, der nach eigener Aussage Gadamers Buch nie ganz durchgelesen hat, prädierte für eine Öffnung des hermeneutischen Zirkels." (109) -

Das Gespräch kommt im weiteren Verlauf auf Wilhelm Szilasi, der 1947 den Heidegger-Lehrstuhl in Freiburg übernommen hatte. Szilasi war ein deutsch-ungarischer Philosoph, Schüler von Husserl, Kollege von Heidegger. ("Gibt es nicht ein Ding an sich, gibt es viele Dinge-an-siche.") -

Szilasi war zwar nie Teilnehmer bei Poetik und Hermeneutik, doch Fellmann weist daraufhin, daß sich die Blumenberg´sche Formel von der Lesbarkeit der Welt schon bei Szilasi findet: "Lesbarkeit der Welttexte". Fellmann: "Unglaublich: Blumenbergs Die Lesbarkeit der Welt - das ist Szilasi." (110) -




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 13:28

Neben Wilhelm Szilasi war es vor allem Erich Rothacker, den Blumenberg sehr mochte:

"Er war sinnlich, und er war national-konservativ, zwei Eigenschaften, die Blumenberg teilte. Was die Sinnenfreude anbelangt, so hat Blumenberg immer, wenn die Sprache auf Rothacker kam, eine Anekdote erzählt, die ziemlich anzüglich klingt und die ich lieber nicht wiedergeben möchte." (111) -

In den Tagungen von Poetik und Hermeneutik stand Blumenberg in Opposition zu Henrich. An "persönliche Antipathien" erinnert sich Fellmann. Auf der anderen Seite gab es eine - wenn auch nicht persönliche - Opposition von Jauß zu Gadamer. "Gadamers Hermeneutik hatte nichts zu tun mit der Hermeneutik von Poetik und Hermeneutik. Das sind zwei verschiedene Dinge." (111) -

Wie war das Verhältnis von Blumenberg und Jauß?

"Blumenberg mochte Jauß. Er mochte ihn, weil er in Jauß auch jemanden sah, der ihm den Rücken freihielt und Dinge zu glätten verstand. Dagegen war Blumenberg ein schwieriger Charakter. Jauß war der Konziliantere und auch wissenschaftspolitisch der Geschicktere. Blumenberg war in dieser Hinsicht ziemlich verkrampft. Wenn institutionell irgendetwas nicht funktionierte, hat er die Flinte ins Korn geworfen und ist spazieren gegangen.
Als zum Beispiel seine Berufung nach Konstanz auf Widerstände stieß und Jauß den Versuch gemacht hat, das Blatt zu wenden, war Blumenberg telefonisch nicht erreichbar. Daraufhin ist er zu Blumenbergs Wohnort gefahren und ihm im Wald hinterhergelaufen. Er hat auf ihn eingeredet: ˋBlumenberg´ - die beiden haben sich nie geduzt - ˋkommen Sie doch ...´ Aber Blumenberg fühlte sich gekränkt und kam nicht. Diesen Sachverhalt hat mir Jauß später bei einem Besuch in Münster persönlich anvertraut.
In der Forschungsgruppe fühlte sich Blumenberg eindeutig als primus inter pares, und Jauß hat diese Stellung voll anerkannt. Die anderen aber nicht unbedingt; sie wollten sich nicht unterordnen. Heselhaus war da relativ harmlos, weil er sich gerade neu verheiratet und noch ein Haus in Gießen gebaut hatte. Iser war weit weg in Köln, und mit Henrich und auch dann mit den anderen gab es Konflikte." (113) -




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 13:48

Beim fünften Kolloquium 1970 auf der Insel Reichenau im Bodensee ist Jürgen Habermas von Jauß eingeladen. - Blumenberg war nicht anwesend. Fellmann:

"Dort hat Habermas einen Vortrag zum Subjekt der Geschichte gehalten. Ich habe durch Zwischenrufe lautstark meine Zustimmung signalisiert. Bei einem abendlichen Spaziergang am See hat Habermas dann vorsichtig vorgefühlt, ob ich nicht zu ihm kommen wollte. Aber schon im Laufe der Unterhaltung wurde klar, daß ich für die sozialwissenschaftliche Richtung nicht der geeignete Mitarbeiter war."

Blumenberg, der Rothacker mehr zugeneigt war als dem Rothacker-Schüler Habermas, wird von Fellmann so beschrieben:

"Er war trotz seines weltmännischen Auftretens in seinem Denken autoritär ausgerichtet. Die antiautoritäre Bewegung und die Studentenrevolte, der sich Jürgen Habermas angeschlossen hatte, waren ihm ein Gräuel. [...] Er hatte ein Charisma, das eindeutig mit Sinnlichkeit verbunden war. [...] Blumenberg war immer angespannt. Ein Epikureer, der seine Hörer faszinierte. Seine Bücher faszinieren noch heute Leser, obwohl sie mit deren Inhalten nichts am Hut haben. Der Blumenberg´sche Stil hat etwas von einer Intensität, die man nur erotisch nennen kann. So hat er auch in seinen Vorlesungen agiert, so eine Art Zampano. La Strada gehörte übrigens zu seinen Lieblingsfilmen. Seine Selbststilisierung als Weltmann, mit Hut und Paletot, war schon unglaublich. [...] Auch an Erich Rothacker hat er übrigens dessen unglaubliche Vitalität, die bei ihm auch ganz klar erotisch ausgerichtet war, bewundert. Nun will ich doch die Anekdote wiedergeben, die Blumenberg zum Besten gab. Das erste, was Rothacker, wenn er irgendwo zu einem akademischen Vortrag eingeladen wurde, fragte, war: ˋWo ist hier der Puff?´. Aber das ist natürlich eine Anekdote. Insgesamt hatte Rothacker ganz klar diese Vitalität, und die bewunderte Blumenberg. [...] Um Mißverständnissen vorzubeugen: Blumenberg war kein Womanizer; dafür war er viel zu klug. Er hatte meines Wissens nie Verhältnisse: Das würde ihm zu viel Zeit stehlen, hat er an Jacob Taubes geschrieben." (115) -




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Friederike
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Mo 22. Jun 2020, 13:50

Nauplios hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 12:40
Hm, das verstehe ich nun gar nicht. :) Was ist der Punkt, auf den Du hinauswillst, Friederike?
Ach Nauplios - :lol: Du hattest die Frage nach der Redlichkeit gestellt, die ich beantwortet hatte. Anschließend hast Du aus der Einleitung des (1.) biografischen Buches von Zill zitiert, ein Zitat, das ich als Antwort Deinerseits auf die von Dir gestellte Frage verstanden hatte ... wogegen ich meinerseits einen Einwand erhob (wat' ne umständliche Redeweise!).

Aber ich merke sowieso schon, daß Du so hochengagiert bist, die kleinen und größeren Beobachtungen über den Menschen H. Blumenberg, so wie andere Menschen ihn wahrgenommen haben und Du selber auch, ihn wahrgenommen hast, zu erzählen, die Erinnerung an ihn damit wohl auch lebendig werden zu lassen, daß jede Einrede sowieso für die Katz' ist. Bild




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 14:04

Blumenberg war der modernen Technik gegenüber sehr aufgeschlossen; darin war er das Gegenteil von Heidegger.

"Blumenberg war, wie schon erwähnt, ein Technikfreak. Er hatte eine Modelleisenbahn und liebte Autos. Das erste, was er uns Assistenten zur Lebensführung riet war: ˋBevor Sie sich mit ihrer Frau ein Bett kaufen, müssen Sie erst einmal eine Waschmaschine kaufen.´" (120) -

Blumenberg hat in Gießen auch eine Veranstaltung zu Karl Marx angeboten. Dazu Fellmann:

"Das Interesse an Marx war bei Blumenberg rein geistesgeschichtlich. Als politische Option spielte der Marxismus und dann Habermas überhaupt keine Rolle." - Auf Blumenbergs Religiosität angesprochen: "Mir war nur bekannt, daß er mit der Institution der Katholischen Kirche gebrochen hat. Das hängt mit seiner Verfolgung durch die Nazis zusammen und dem mangelnden Beistand der Kirche, insbesondere der Jesuiten, bei denen er zunächst war, die ihn aber fallengelassen haben." - Die Rede kommt dann auf den Blumenberg-Schüler Karl-Heinz Gerschmann: "Gerschmann war wie Blumenberg deutsch-national eingestellt." (124)

"Blumenberg gehörte wie Rothacker eigentlich zu den Konservativen. Er hat dessen Vergangenheit nicht ignoriert, sondern er wollte sich nicht zum Richter über das Fehlverhalten anderer Menschen aufspielen. Immerhin hatte er auch ein gutes Verhältnis zu Jauß, der Mitglied der Waffen-SS war, was Blumenberg natürlich wußte, zumal deren Frauen sich sehr gut verstanden."




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Nauplios
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Mo 22. Jun 2020, 14:08

Friederike hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 13:50
Nauplios hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 12:40
Hm, das verstehe ich nun gar nicht. :) Was ist der Punkt, auf den Du hinauswillst, Friederike?
Ach Nauplios - :lol: Du hattest die Frage nach der Redlichkeit gestellt, die ich beantwortet hatte. Anschließend hast Du aus der Einleitung des (1.) biografischen Buches von Zill zitiert, ein Zitat, das ich als Antwort Deinerseits auf die von Dir gestellte Frage verstanden hatte ... wogegen ich meinerseits einen Einwand erhob (wat' ne umständliche Redeweise!).

Aber ich merke sowieso schon, daß Du so hochengagiert bist, die kleinen und größeren Beobachtungen über den Menschen H. Blumenberg, so wie andere Menschen ihn wahrgenommen haben und Du selber auch, ihn wahrgenommen hast, zu erzählen, die Erinnerung an ihn damit wohl auch lebendig werden zu lassen, daß jede Einrede sowieso für die Katz' ist. Bild
Ich bringe diesen kleinen Abriß der Erinnerungen von Ferdinand Fellmann an Blumenberg noch gerade zuende, Friederike. Einreden sind nicht für die Katz (Murphy schaut gerade etwas indigniert), sondern werden am späteren Abend oder morgen verhandelt. ;)




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Mo 22. Jun 2020, 14:19

Fellmann hat sich schließlich bei Blumenberg habilitiert und sich anschließend mit ihm - entzweit.

"Ich habe ihm [Blumenberg] geschadet, wo ich konnte, und er mir auch." (Es geht dabei vor allem um Henning Ritter, Sohn des großen Joachim Ritter, der damals die Seite "Geisteswissenschaften" bei der FAZ betreute.) Blumenberg mochte den alten Ritter (Ritter-Schule in Münster) nicht. Der Sohn Henning wiederum hatte einen "Narren an Blumenberg gefressen". Blumenberg fühlte sich durch Fellmann aus der FAZ gedrängt. Er ist dann zur Neuen Zürcher Zeitung ausgewichen.

In Münster war auch Malte Hossenfelder Assistent bei Blumenberg. An Hossenfelder habe ich nur gute Erinnerungen, vor allem an ein Epikur-Seminar, ein ... tja ... lustiger Vogel, bei dem viel gelacht wurde. Überraschend ist daher, daß Fellmann dies berichtet:

"Hossenfelder war kein höflicher Mensch, aber er war in Ordnung. Schon in Gießen stritt er sich dauernd mit Blumenberg. Hinter dem Bürgerhaus, in dem das Seminar war, gab es drei Parkplätze. Hossenfelder kam schon mit dem ersten Cabrio an und Blumenberg noch mit seinem alten DKW. Da mußte sich Blumenberg einen anderen Parkplatz suchen, was ihn natürlich wütend machte. Aber das hinderte Hossenfelder nicht daran, sein Auto weiterhin an derselben Stelle zu parken." (128) -




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Mo 22. Jun 2020, 14:26

Schließen will ich diesen kleinen Bericht mit einem Hossenfelder-Zitat. Es soll nach einer dreisemestrigen Kant-Vorlesung gefallen sein, die Fellmann und Hossenfelder gemeinsam bei Blumenberg besuchten. Danach habe Hossenfelder gesagt:

"Blumenberg, der kann wirklich nicht denken, er kann nur Stellen sammeln und Geschichten erzählen." (S. 128) :)

Einzig die Geschichte des Geschichtenerzählers Hans Blumenberg wurde bislang nicht erzählt. - Aus seinem Leben demnächst mehr an dieser Stelle. -




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Mo 22. Jun 2020, 17:19

Nauplios hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 14:19
"Hossenfelder war kein höflicher Mensch, aber er war in Ordnung. Schon in Gießen stritt er sich dauernd mit Blumenberg. Hinter dem Bürgerhaus, in dem das Seminar war, gab es drei Parkplätze. Hossenfelder kam schon mit dem ersten Cabrio an und Blumenberg noch mit seinem alten DKW. Da mußte sich Blumenberg einen anderen Parkplatz suchen, was ihn natürlich wütend machte. Aber das hinderte Hossenfelder nicht daran, sein Auto weiterhin an derselben Stelle zu parken." (128) -
Nein, das verstehe ich nicht - rein rechnerisch schon nicht (3 Stellplätze und 2 PKW's) und außerdem scheinen die Autosorten bei dem Parkplatzklau eine Rolle zu spielen, angeberisch vs. bieder oder so. Habe ich einen blackout oder wie? Wenngleich peripher randläufig rätselhaft - auch diese Sachverhalte gehören einer Klärung zugeführt. Bild




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Mo 22. Jun 2020, 17:33

Meiner Idealisierung von Blumenberg leisten die Berichte über "einige Aspekte" des Menschen Blumenberg sicher nicht Vorschub. Entschuldige @Nauplios, Du brauchst auch nicht zu entschuldigen :lol: - aber mir kommt das Wort "Männerklüngel" in den Sinn. Dafür kannst Du nichts, so war es eben. Und diejenigen, die erzählen, sind Männer. Die Ehefrauen waren die Gattinnen, Professorinnen eine Rarität ... :roll: Immerhin wurden der schreibtechnisch unbegabten Sekretärin intellektuelle Fähigkeiten zugetraut.




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Di 23. Jun 2020, 00:17

Friederike hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 13:50
Nauplios hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 12:40
Hm, das verstehe ich nun gar nicht. :) Was ist der Punkt, auf den Du hinauswillst, Friederike?
Ach Nauplios - :lol: Du hattest die Frage nach der Redlichkeit gestellt, die ich beantwortet hatte. Anschließend hast Du aus der Einleitung des (1.) biografischen Buches von Zill zitiert, ein Zitat, das ich als Antwort Deinerseits auf die von Dir gestellte Frage verstanden hatte ... wogegen ich meinerseits einen Einwand erhob (wat' ne umständliche Redeweise!).

Aber ich merke sowieso schon, daß Du so hochengagiert bist, die kleinen und größeren Beobachtungen über den Menschen H. Blumenberg, so wie andere Menschen ihn wahrgenommen haben und Du selber auch, ihn wahrgenommen hast, zu erzählen, die Erinnerung an ihn damit wohl auch lebendig werden zu lassen, daß jede Einrede sowieso für die Katz' ist. Bild
Ich sehe jetzt, wo das Mißverständnis liegt: ich hatte heute mittag nur Deine Einrede von 12.33 Uhr gelesen und mir war entgangen, daß Du bereits um 11.55 Uhr in diesem Thread Dein erstes strenges Votum, ein "Nein" abgegeben hattest auf die Frage nach der Redlichkeit. Dieses "Nein" läßt sich vertreten. Es spricht wohl einiges für dieses "Nein". - Andererseits sei daran erinnert, daß Philosophie immer auch eine Lebensform ist, nicht nur eine Denkform. In der Antike war das selbstverständlich, daß die Lehre eines Philosophen mit Leben und Lebensweise dieses Philosophen ineins betrachtet wurde und das schon deshalb, weil das Glück ja in direktem Zusammenhang mit dem Wissen eines Philosophen stand. Aristoteles beginnt seine Metaphysik mit dem Satz: "Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen." - Wissen und Erkenntnis standen als theoria in einem Bedingungsverhältnis zum menschlichen Lebensglück (eudaimonia). - So ist es kein Zufall, daß Diogenes Laertios sein Werk philosophon bion kai dogmaton synagoge nennt: "Über Leben und Lehren der Philosophen". Biographie und Doxographie bilden hier eine Einheit. -

Das mag für die Philosophen unserer Zeit nicht mehr gelten, aber ist die Frage, wie es sich für einen Philosophen mit seiner Lehre lebt, so abwegig? Blumenberg hat das Kapitel Präfiguration aus Arbeit am Mythos zurückgehalten, jedoch: "Man mag nach mir machen, was man will." - Ein "strenges" Nein hätte sich schon hier auf den Standpunkt zurückziehen können, daß Blumenberg das Kapitel Präfiguration nicht veröffentlicht sehen wollte. Zumindest nicht zu seinen Lebzeiten. Nach seinem Tod wurde es veröffentlicht, auch weil er es zu Lebzeiten bereits freigegeben hatte. Was wäre uns alles entgangen, wenn sein Nachlaß nicht veröffentlicht worden wäre? -

Daß Rüdiger Zill nun Fotos des zweijährigen Hans Blumenberg veröffentlicht, Fotos, welche Blumenberg als Schüler zeigen, als Ehemann, als Familienvater, Fotos, die ihn in häuslicher Umgebung zeigen ... hat nochmal eine andere Qualität. Der Leser wird in eine Lebenswelt getaucht, die mit dem Wort "privat" gut umschrieben ist. Odo Marquard berichtet, daß Blumenberg bei seinem letzten Besuch bei den Marquards 1982 auf die Frage nach weiteren Publikationen geantwortet habe: "Für wen eigentlich?" - Marquard schreibt: "Ich glaube eine Antwort zu wissen, die - über seinen Tod hinaus - diese Resignation dementiert. Für wen eigentlich? Ich meine: für uns und für ihn, den wir uns, auch durch ihn selber, nicht nehmen lassen dürfen." (Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumenberg; S. 27) -

Ich will dem zwei Gedanken hinzufügen. Blumenberg hätte wissen müssen und er hat es bestimmt gewußt, daß für den Fall, daß er zu einem Klassiker der deutschsprachigen Philosophie des 20. Jahrhunderts avanciert, seine Lebensumstände und seine Person in den Fokus einer philosophisch interessierten Öffentlichkeit geraten würden. Für jemand, der das Erzählen von Geschichten und Anekdoten zu einem konstanten Grundzug seines Philosophierens gemacht hat, mußte es selbstverständlich sein, daß seine eigene Geschichte irgendwann erzählt werden würde. Es gibt kaum einen Philosophen, der dieses Moment des Lebens in seinem Detailreichtum, seiner Unverfügbarkeit, seinen Zufällen, seinen Episoden, seinem Scheitern - derart thematisiert hat - insbesondere an Klassikern seiner Zunft - wie Blumenberg. Vom Brunnensturz des Thales bis hin zur Verführbarkeit des Philosophen (Heidegger) bleibt in Blumenbergs Glossen, Traktaten und Abhandlungen kein Stein auf dem anderen. Und ausgerechnet dieser Philosoph möchte unsichtbar bleiben? - Doch konnte er damit rechnen, daß er ein Klassiker werden würde? - Ich meine: ja. - Zu Beginn der 90er Jahre setzte verstärkt bei den Dissertationen und Habilitationen eine Rezeption der Werke Blumenbergs ein, die ihm nicht entgangen sein konnte. Seine Buchtitel wie "Die Lesbarkeit der Welt" oder "Arbeit am Mythos" wurden in den Feuilletons zu stehenden Wendungen, mal in die eine, mal in die andere Richtung abgewandelt. Die Einladungen in die breite, mediale Öffentlichkeit häuften sich. Blumenberg wollte durch seine Werke wirken. Doch (und hier gebe ich Zill, Hossenfelder u.a. recht) er war auch ein Meister der Selbstinszenierung. Das ist gar nicht als Vorwurf gemeint. Er verstand es, sich in Szene zu setzen. Im Grunde wäre er nämlich für Auftritte im Fernsehen wie geschaffen gewesen mit seiner Gelehrtheit und seiner Eloquenz, seiner Schlagfertigkeit und seinem Humor. Es mag klug gewesen sein, daß er darauf verzichtet hat. Und am Ende hätte das, was er philosophisch zu sagen hatte, auch kein Format im TV gefunden. Da mag ein Precht oder ein Eilenberger "verwendbarer" sein; das lasse ich dahingestellt. - Nehmen wir ein anderes Beispiel: Heidegger. Wie kaum je ein anderer hat Heidegger seine Person inszeniert. Hannah Arendt: Ihr Leben wurde verfilmt. Hat Blumenberg wirklich geglaubt, ein Interesse an seiner Person und an seinem Leben würde sich auch über den Tod hinaus nicht einstellen? - Ich glaube das nicht. Blumenberg war zu sehr Realist, um damit nicht zu rechnen. - Nun ist er fast schon Klassiker und nun bringt sich dieses Interesse zur Geltung. Ich denke nicht, daß der freiwillige Rückzug in die Höhle, Teil der Blumenberg´schen Selbstinszenierung war; aber ich kann mir auch nicht vorstellen, daß gerade ein Philosoph wie Blumenberg, dessen Werk "die Verantwortung des abgeschlossenen Werkes nicht als eigene Wahrheit propagiert, sondern dessen Wahrheit für seine Wirkung offenhält", nicht damit gerechnet hat, daß zu einem Zeitpunkt, da das Werk seine Wirkung entfaltet auch die Wahrheit der Person an Interesse gewinnen würde. Einen Film über Blumenberg von Franz Josef Wetz gab es bereits 1996, zu Lebzeiten Blumenbergs und ohne Einrede Blumenbergs! -

Der zweite Gedanke: "Jubiläen feiern die Lebenden." - Ja, auch die Jubiläen der Toten. - Die Biographie Blumenbergs ist nun auf dem Markt. Sie ist in der Welt und das Geschriebene ist nicht wieder rückgängig zu machen. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Das entbindet mich von der Verantwortung einer eigenen Entscheidung. Ich berichte, was ohnehin jedermann wissen kann. Wer das nicht wissen will, muß seinerseits eine eigene Entscheidung treffen und Schutz suchen vor diesem Thread. ;)




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Di 23. Jun 2020, 00:52

Friederike hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 17:19
Nauplios hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 14:19
"Hossenfelder war kein höflicher Mensch, aber er war in Ordnung. Schon in Gießen stritt er sich dauernd mit Blumenberg. Hinter dem Bürgerhaus, in dem das Seminar war, gab es drei Parkplätze. Hossenfelder kam schon mit dem ersten Cabrio an und Blumenberg noch mit seinem alten DKW. Da mußte sich Blumenberg einen anderen Parkplatz suchen, was ihn natürlich wütend machte. Aber das hinderte Hossenfelder nicht daran, sein Auto weiterhin an derselben Stelle zu parken." (128) -
Nein, das verstehe ich nicht - rein rechnerisch schon nicht (3 Stellplätze und 2 PKW's) und außerdem scheinen die Autosorten bei dem Parkplatzklau eine Rolle zu spielen, angeberisch vs. bieder oder so. Habe ich einen blackout oder wie? Wenngleich peripher randläufig rätselhaft - auch diese Sachverhalte gehören einer Klärung zugeführt. Bild
Naja, für die "Klärung von Sachverhalten" fühle ich mich nicht zuständig. Der Absolutismus der Wahrheit scheint ganze Arbeit geleistet zu haben. ;) Aber jetzt mal im Ernst. Ob nun drei Stellplätze und zwei Autos oder zwei Stellplätze und drei Autos ... Es handelt sich hier um Interviews, die in lockerer Form, vielleicht bei einer Tasse Kaffee, vielleicht bei einem Glas Wein, vielleicht bei zwei Gläsern Wein mit einem Mann geführt werden, der zur Zeit des Interviews immerhin in seinem 76. Lebensjahr stand und in seinen Erinnerungen über Ereignisse spricht, die sich zwischen 1962 und 1965 zugetragen haben, mithin mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen. - Vereinfacht ausgedrückt: es ging darum, daß Hossenfelder Blumenberg den Parkplatz klaute.

"Außerdem scheinen die Autosorten bei dem Parkplatzklau eine Rolle zu spielen, angeberisch vs. bieder oder so" - Auch Anfang der 60er Jahre war das Auto bereits ein Statussymbol. Und ganz offensichtlich waren die Philosophen der damaligen Zeit vor der Inbesitznahme durch Statussymbole nicht sicher. Warum auch sollten sie es sein? - Wir Heutigen sind da unendlich viel schlauer. Angebertum, das gibt es praktisch gar nicht mehr, schon gar nicht, wenn es um Autos und Straßenverkehr geht. Diesbezüglich können wir uns zugute halten, daß wir der automobilen Vernunft endgültig zum Durchbruch verholfen haben. Der 7. Sinn ist ubiquitär. Wer würde sich heute noch über eine mangelnde Parkgelegenheit ärgern? - Eben. -




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Nauplios
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Di 23. Jun 2020, 01:58

Friederike hat geschrieben :
Mo 22. Jun 2020, 17:33
Meiner Idealisierung von Blumenberg leisten die Berichte über "einige Aspekte" des Menschen Blumenberg sicher nicht Vorschub. Entschuldige @Nauplios, Du brauchst auch nicht zu entschuldigen :lol: - aber mir kommt das Wort "Männerklüngel" in den Sinn. Dafür kannst Du nichts, so war es eben. Und diejenigen, die erzählen, sind Männer. Die Ehefrauen waren die Gattinnen, Professorinnen eine Rarität ... :roll: Immerhin wurden der schreibtechnisch unbegabten Sekretärin intellektuelle Fähigkeiten zugetraut.
"Männerklüngel" entschuldige ich sofort. Auch bin ich erleichtert über das Zugeständnis "Dafür kannst Du nichts", weil ich mit dem Gegenteil durchaus gerechnet hab´. -

Poetik und Hermeneutik war gender-numerisch notgedrungen ein Männerklüngel. Einzig die Slawistin Renate Lachmann nahm ab 1984 an den Konferenzen der Gruppe teil und auch Aleida Assmann und ab 1985 Gabriele Schwab. Aleida Assmann erinnert sich:

"Wenn eine Einladung kam, hieß das: So, du mußt dein Leben ändern! Ab jetzt darfst du nur noch an dieses Thema denken, guck mal, wo du irgendetwas findest, womit du dich auf dem Kolloquium nicht blamierst. Und dann ging man unglaublich intensiv ans Werk und versuchte, die ganze Literatur zu lesen und alles zu durchschauen und möglichst viel zu erfassen, weil man ja nicht nur seinen Text abliefern, sondern dann auch noch respondieren und zwei Stunden Diskussion durchstehen mußte."

Die "Archonten" - so wurde die Kerngruppe von Poetik und Hermeneutik genannt - waren allesamt Männer. Daß Frauen nur selten, erst ab 1984, eingeladen wurden, fand seinen Grund ganz einfach darin, daß Frauen in den 60er Jahren eher selten an den Universitäten lehrten, zumal in der Philosophie oder Klassischen Philologie. Ja, so war das eben "damals". Und da, wo Männer unter sich sind, wo sie "klüngeln", ist es heute womöglich ähnlich. Über das Frauenbild der 60er Jahre läßt sich im Jahre 2020 trefflich räsonieren. Der Männerklüngel von Poetik und Hermeneutik ist hier genauso ein Kind seiner Zeit wie der Philosoph Hans Blumenberg. - Das allein wäre keine Notiz wert, gäbe es nicht die Täuschung des späten Blicks, die sich von den Unbilden früherer Zeiten enttäuscht zeigt, weil sie die Strenge der Vernunft und damit verbunden die Nacktheit der Wahrheit nicht schon dort realisiert findet, wo sie immer schon möglich schien. Was hat die Zeitgenossen der 60er Jahre davon abgehalten, so vernünftig zu sein wie wir es heute sind? - Das ist der Hochmut des retrospektiven Optativs, der Vergangenheit zu verübeln, gegen die Errungenschaften der Gegenwart unempfindlich zu sein.

"Meiner Idealisierung von Blumenberg leisten die Berichte über ˋeinige Aspekte´ des Menschen Blumenberg sicher nicht Vorschub." - Der Nachschub, den diese Berichte haben, wird es noch weniger. :)

Tapferkeit wird angesagt sein. Grund zum Richten gibt es keinen, Gelegenheit viele. Bitte realistisch bleiben! :)




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Friederike
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Di 23. Jun 2020, 13:08

Nauplios hat geschrieben : [...] Über das Frauenbild der 60er Jahre läßt sich im Jahre 2020 trefflich räsonieren. Der Männerklüngel von Poetik und Hermeneutik ist hier genauso ein Kind seiner Zeit wie der Philosoph Hans Blumenberg. - Das allein wäre keine Notiz wert, gäbe es nicht die Täuschung des späten Blicks, die sich von den Unbilden früherer Zeiten enttäuscht zeigt, weil sie die Strenge der Vernunft und damit verbunden die Nacktheit der Wahrheit nicht schon dort realisiert findet, wo sie immer schon möglich schien. Was hat die Zeitgenossen der 60er Jahre davon abgehalten, so vernünftig zu sein wie wir es heute sind? - Das ist der Hochmut des retrospektiven Optativs, der Vergangenheit zu verübeln, gegen die Errungenschaften der Gegenwart unempfindlich zu sein.
Schreibend Ausschnitte aus der Lebenswelt von Blumenberg zu zeigen, ist selbstverständlich auch ein Teil Kulturgeschichte, präziser Gesellschaftsgeschichte (so könnte man die intellektuelle Biographie [hier meine ich das Buch von R. Zill] auch lesen).

Leichter fällt es den Hochmut wegzulassen, wenn es sich um Zeiten handelt, die Äonen vor dem eigenen Leben liegen. Aber selbst noch in die Welt der "Fräulein" hineingeboren und in ihr aufgewachsen, ist mir die vom Mann dominierte -öffentliche- Welt so immens auf die Pelle gerückt, daß mir die Distanz des historischen Blickes abhanden kam. "Du meine Güte, wenn es doch 30 Jahre später möglich wurde, warum denn dann nicht schon in den sechziger Jahren!" :lol: Dies war ein kurzer Abstecher ins Persönliche.




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