Kulturelle Aneignung

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NaWennDuMeinst
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Di 31. Aug 2021, 16:43

Nauplios hat geschrieben :
Di 31. Aug 2021, 16:20
NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Di 31. Aug 2021, 15:58

Ich sagte aber vorher schon, ein gut geführter Krieg (also wenn man davon sprechen darf) sollte immer das Ziel haben den Gegner an den Verhandlungstisch zurückzubringen.
Es geht da nicht um Auslöschung ...
Osama bin Laden und seine Entourage wurde ausgelöscht.
Es hängt ja auch davon ab, ob der andere den Kampf irgendwann einstellt.
Die Nazi-Regierung wurde auch ausgelöscht.
Die haben sich ja auch so verhalten wie der hier:



Hinzu kommt, dass es ja durchaus ein taktisches Ziel sein kann einzelne Kräfte auszulöschen, deshalb muss aber die Strategie keine Strategie der Auslöschung sein.
Und bei der jüngsten amerikanischen Aktion in Afghanistan ging es um "Vergeltung".
Machtdemonstration ist wohl das richtige Wort.
Es ist eine Warnung. Ich sehe solche einzelnen Schläge aber auch nicht als "den Krieg" an. Das sind wenn dann taktische Schläge innerhalb des Krieges.
Der Begriff "Krieg" ist hier auch schwierig. Der Krieg gegen den Terror ist ja damals schon, als er begonnen hat, nicht als "klassischer Krieg" bezeichnet worden.
Die Amerikaner selbst führen gar keinen Krieg, sondern eine "Campaign against Terrorism". Der Krieg in Afghanistan war Teil dieser Campaign.



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Nauplios
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Di 31. Aug 2021, 21:16

Gleich um Mitternacht beginnt auf arte die preisgekrönte vierteilige Dokumentation über Afghanistan. Wer also heute Nacht noch nichts vorhat ... ;)




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Nauplios
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Nauplios hat geschrieben :
So 29. Aug 2021, 19:21
Alethos hat geschrieben :
Sa 28. Aug 2021, 11:38

Wir müssen die Welt vielleicht auch im Kleinen retten, wenn wir im Grossen und Ganzen scheitern.
Wir müssen die Welt vielleicht im Kleinen retten, wenn wir auch im Grossen und Ganzen scheitern.

;)
Die Rettung der Welt steht auf dem Programm. Genauer: auf dem Programm von WDR 5. Am kommenden Samstag gibt es dort von 10.00 Uhr bis 20.00 Uhr den "philosophischen Tag":

"Mit der Frage 'Wie retten wir die Welt?' eröffnen Schriftsteller Frank Schätzing und WDR 5 Moderator Jürgen Wiebicke den philosophischen Tag."

WDR 5 debattiert den Aufbruch

;)




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Nauplios
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Mi 1. Sep 2021, 12:01

Muß der Westen den Anspruch auf eine Vorherrschaft, auch auf eine moralische, nun vollends aufgeben? fragt Ingo Zamperoni gestern in den Tagesthemen den Politikwissenschaftler Thomas Jäger. Antwort:

"Nein, das muß er nicht. Aber er muß den Anspruch aufgeben - und den hat er schon zehn Jahre aufgegeben - , daß sich das durchsetzen läßt. Deswegen ist doch der Abzug jetzt folgerichtig. (...) Da wo Interessen nicht wirklich anliegen, da engagiert man sich nicht entsprechend. Da ist man nicht wirklich bei der Sache; und so war das in Afghanistan eben auch. (...) Den Aufbau einer Gesellschaft nach eigenem Bild, den man seit den nuller Jahren propagiert hat, das ist vom Tisch. Die Vorstellung, die damals in den 90er und 00er Jahren herrschte, daß Russland und China demokratisch würden, daß sozusagen eine Welle der Demokratie ausgeht von dieser einzigen Weltmacht [Amerika] und ihren Partnern, den Europäern, die moralisch noch kräftiger hinter der Demokratie stehen, diese Blauäugigkeit, die ist nun wirklich historisch erledigt."

Schaut man in den letzten zwei Wochen in die überregionalen Tageszeitungen, hört man Interviews mit Journalisten, die in Afghanistan waren, hört man Wissenschaftler, Politiker und politische Beobachter wie Jäger und andere - immer wieder ist von "Blauäugigkeit", von "Anmaßung", von "Selbsterhebung" ... des Westens die Rede. Wie ein roter Faden zieht sich das durch sehr viele Einschätzungen.

Die außenpolitischen Leitgedanken, die mit Afghanistan verbunden waren, nation-building, Demokratieexport ... haben sich nach Libyen, Irak und jetzt Afghanistan "historisch erledigt" wie Jäger sagt. Das heißt nicht, daß der Anspruch des Westens in der Konkurrenz mit autokratischen Systemen (Türkei) oder totalitären Systemen (China) auf das bessere System aufgegeben werden muß. Aber es bedeutet, daß der Westen von seiner Hybris des Demokratieexports ablassen muß. Diese Vorstellung hat sich als unrealistisch erwiesen, zuletzt wieder in Afghanistan.

Während Cem Özdemir am Sonntag in der ARD noch von einer "wertebasierten Außenpolitik" sprach, klingt das bei Joe Biden gestern schon anders. "Er wollte mit dem Abzug aus Afghanistan auch den Fehler korrigieren, mithilfe größerer Militäreinsätze andere Länder ändern zu wollen. Und für die Zukunft soll gelten, sich nur noch Missionen mit klaren, erreichbaren Zielen zu setzen und klar konzentriert zu bleiben 'auf die fundamentalen, nationalen Sicherheitsinteressen der USA.'" (Quelle)

Die Europäer werden auch hier (mit einem kleinen Zeitverzug) den Amerikanern folgen. Steinmeier sprach bereits von einer "Zäsur", Merkel davon, die Ziele "künftig kleiner zu setzen", was Bidens Formulierung ("nur noch erreichbare Ziele") ja recht nahe kommt. Die Neuausrichtung europäischer, amerikanischer und deutscher Außenpolitik hat begonnen. Militärische Schläge gegen terroristische Gruppen und Milizen werden weiterhin eine Option dieser Außenpolitik sein, eine Interventionspolitik mit Bessatzungsstrategie durch Bodentruppen mit anschließendem Demokratie- und Werteexport wird nicht dazugehören.




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Nauplios
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Mi 1. Sep 2021, 12:27

Daß die Amerikaner ihren Abzug aus Afghanistan ohne Information und Koordination mit den Europäern vorgenommen haben, mag ein Hinweis darauf sein, welche Rolle die Europäer für die Amerikaner überhaupt noch spielen. Die amerikanische Diskussion kreist nämlich im wesentlichen um die Frage, wie man verhindern kann, daß China auf Augenhöhe zu den USA gelangt. Der Einfluß der Chinesen in Südostasien, sogar in Afrika, in Osteuropa (neue Seidenstraße) steigt seit Jahren. Der für die Europäer "Nahe" Osten ist für die Amerikaner nur noch von nachrangigem Interesse. Man wird sich auf singuläre "Schläge" gegen islamistische Terrorgruppen beschränken und das Hauptaugenmerk auf China lenken und seine wirtschaftliche (letztlich aber auch militärische) Macht.

Und die Europäer werden sich in den nächsten Jahren überlegen müssen, ob sie neben Amerika, China und Russland eine weltpolitische Rolle spielen wollen (ggf. auch eine eigenständige militärische) oder nicht.




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Nauplios
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Sa 11. Sep 2021, 15:07

Vor einigen Tagen zeigte der SWR eine Dokumentation über 9/11 und die anschließenden Interventionskriege gegen Afghanistan und den Irak. Vier Journalisten und ein Journalist aus dem Irak, Jordanien, Afghanistan, dem Jemen und Ägypten (bis auf einen arbeiten alle für die ARD) berichten über die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Ereignisse in ihren Ländern in den darauf folgenden zwanzig Jahren aus arabischer Sicht:

Das Tor zur Hölle. 9/11 aus arabischer Sicht




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Sa 11. Sep 2021, 15:30

Nauplios hat geschrieben :
Sa 11. Sep 2021, 15:07
aus arabischer Sicht
Diese Sicht kann aus Prinzip keine Rolle spielen. Denn dann verschwimmt das, was der Moralist das Gute und das Böse nennt.
Nachher kommt noch einer auf die Idee zu meinen dass wir die Bösen sind.



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Nauplios
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Sa 11. Sep 2021, 17:50

Gleich zu Beginn der Dokumentation sagt Alia Hamzeh aus Jordanien (an die westliche Bevölkerung gerichtet): "Wir wollen, daß ihr uns zuhört." Im Gespräch mit ihrer Freundin spricht sie von der "sogenannten Demokratie" (in Anführungszeichen), die der Westen im Zusammenhang mit seinem Krieg gegen den Terror mitbringen wollte.

Mohammed Ghalip (für die ARD im Irak tätig) im Hinblick auf die Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo und Abu Ghraib: "Das hat die Menschen in den arabischen Ländern dazu gebracht, daß die Demokratie des Westens für sie erledigt war."

Vor allem der Krieg gegen den Irak hat den Westen in den Regionen des nahen und mittleren Ostens unglaubhaft gemacht. Er hat vorübergehend Al-Qaida und den IS deutlich geschwächt und die Taliban in Afghanistan von der Macht vertrieben - ebenfalls vorübergehend. Nun sind die Taliban zurück und man befürchtet, daß Afghanistan erneut zu einem Rückzugs- und Rekrutierungsgebiet für Al-Qaida und andere Terrorgruppen werden könnte.

Die Neue Zürcher Zeitung stellt heute die Frage: "Läßt sich, nach Abu Ghraib und Guantanamo, der 'Global War on Terror' überhaupt moralisch rechtfertigen? Die Frage kann nur ohne Zögern beantworten, wer die Amerikaner ohnehin für Imperialisten hält oder alle Muslime für blutrünstige Fundamentalisten. Alle anderen finden sich in einem Labyrinth wieder. Macht und Menschenrechte, das Recht auf Selbstverteidigung und das Recht des Stärkeren bilden ein schwer entwirrbares Knäuel."

In diesem "Labyrinth" des moralisch Guten und Bösen gibt es viele Fäden, die das "schwer entwirrbare Knäuel" bilden.




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So 12. Sep 2021, 00:30



Wenn getanzt wird, will ich führen
Auch wenn ihr euch alleine dreht
Lasst euch ein wenig kontrollieren
Ich zeige euch, wie's richtig geht
Wir bilden einen lieben Reigen
Die Freiheit spielt auf allen Geigen
Musik kommt aus dem Weißen Haus
Und vor Paris steht Micky Maus

Ich kenne Schritte die sehr nützen
Und werde euch vor Fehltritt schützen
Und wer nicht tanzen will am Schluss
Weiß noch nicht, dass er tanzen muss
Wir bilden einen lieben Reigen
Ich werde euch die Richtung zeigen
Nach Afrika kommt Santa Claus
Und vor Paris steht Micky Maus

(We're all living in Amerika)
We're all living in Amerika
Amerika ist wunderbar
We're all living in Amerika
Amerika, Amerika



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Nauplios
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So 12. Sep 2021, 17:08

NaWennDuMeinst hat geschrieben :
So 12. Sep 2021, 00:30


Wenn getanzt wird, will ich führen
Auch wenn ihr euch alleine dreht
Lasst euch ein wenig kontrollieren
Ich zeige euch, wie's richtig geht
Wir bilden einen lieben Reigen
Die Freiheit spielt auf allen Geigen
Musik kommt aus dem Weißen Haus
Und vor Paris steht Micky Maus
Der Reigen ist ein Tanz, bei dem eine Anzahl von Tänzerinnen und Tänzern paarweise einem Vortänzer schreitend oder hüpfend folgt.

Das Bild vom Reigen, das Rammstein in Bezug auf Amerika wählt, ist so gesehen gelungen. Nun ist bis auf Weiteres Tanzpause und man darf gespannt sein, wie sich danach die Paare neu finden. Die Zeit hat in der vergangenen Woche darüber Vorab-Überlegungen angestellt:

"Die USA haben sich lange etwas vorgemacht. (...) Aber selbst diese bittere Niederlage führt nicht dazu, daß die Bundesregierung sich ehrlich macht. Sie (..) ließ verlauten, humanitäre Hilfszahlungen nach Kabul gebe es nur, wenn die Taliban sich an Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat hielten. Man reibt sich die Augen. Der Westen hat zwanzig Jahre lang gegen die Taliban gekämpft, weil sie Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat eben nicht respektieren. Jetzt, da er den Krieg verloren hat, sagt der Westen ihnen: Wir schicken euch keine Hilfe, wenn ihr nicht die Prinzipien achtet, für deren Missachtung wir euch (vergeblich) jahrelang bekriegt haben. Sollten die Taliban Humor haben, dürfte in Kabul jetzt schallendes Gelächter zu hören sein."

Wenn der Westen Afghanistan humanitäre Hilfe mit dieser Einstellung und unter diesen Vorbedingungen verweigert, werden andere - vor allem China - sich als Partner für die neue Tanzrunde im weltpolitischen Reigen anbieten. Dessen ungeachtet sind die neuen Machthaber in Kabul durchaus an deutschem Geld interessiert. Deswegen machen sie "Avancen in Richtung Berlin. Hier vermuten sie zu Recht das Hauptquartier des politischen Oppertunismus, in der Hauptstadt der Erpressbaren."

Eine weitere mögliche Kombination beim nächsten Reigen:

"Angesichts der deutschen Realitätsverweigerung könnte man sich in naher Zukunft durchaus folgende Szene vorstellen: Deutsche Regierungsvertreter sitzen in Kabul mit den Taliban zusammen und trinken Tee. Sie werden von Journalisten gefragt: Wie war das noch mal mit dem Krieg? Taliban und Deutsche antworten: Welcher Krieg? Wir hatten ein paar Meinungsverschiedenheiten. Mehr nicht. Und die räumen wir jetzt aus." - (sämtliche Zitate aus der Zeit Nr. 37 vom 09. September)

Der Reigen wird weitergehen. Der Westen hat aus geopolitischem Kalkül die Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetischen Truppen 1979 bis 1989 unterstützt. Nach 2001 hat er gegen die aus den Mudschaheddin hervorgegangenen Taliban Krieg geführt. Den hat er verloren. Was sollte ihn daran hindern, erneut die Fronten zu wechseln? -

China und aus Rußland zwinkern den Taliban bereits zu. Der Reigen ist eröffnet.




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So 12. Sep 2021, 18:59

Nauplios hat geschrieben :
So 12. Sep 2021, 17:08
"Die USA haben sich lange etwas vorgemacht. (...) Aber selbst diese bittere Niederlage führt nicht dazu, daß die Bundesregierung sich ehrlich macht. Sie (..) ließ verlauten, humanitäre Hilfszahlungen nach Kabul gebe es nur, wenn die Taliban sich an Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat hielten. Man reibt sich die Augen. Der Westen hat zwanzig Jahre lang gegen die Taliban gekämpft, weil sie Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat eben nicht respektieren. Jetzt, da er den Krieg verloren hat, sagt der Westen ihnen: Wir schicken euch keine Hilfe, wenn ihr nicht die Prinzipien achtet, für deren Missachtung wir euch (vergeblich) jahrelang bekriegt haben. Sollten die Taliban Humor haben, dürfte in Kabul jetzt schallendes Gelächter zu hören sein."
Ich verstehe nicht was hier ausgesagt werden soll.
Dass die Taliban ab jetzt den Ton angeben? Dass wir, weil wir den Krieg abgebrochen haben (wir haben ihn nicht verloren, das finde ich ist keine korrekte Beschreibung. Die internationalen Truppen sind nicht militärisch besiegt worden. Die Entscheidung zum Abbruch war eine politische) ab jetzt die Einhaltung von Menschenrechten nicht mehr fordern dürfen?
Was genau will man denn da in der Zeit-Redaktion aussagen? Dass die Idee der Menschrechte passe ist? Denn ich finde genau so klingt es.

Ich wüsste auch nicht wieso es falsch sein sollte bei einem Handel auch etwas vom Handelspartner zu verlangen. Sollten die Chinesen (oder Russen) jetzt in die Lücke stossen werden sie sicherlich auch Bedingungen an die Taliban stellen. Keine Ahnung welche Bedingungen man stellen wird, aber ich sehe ehrlich gesagt noch nicht, dass das leichtere Verhandlungen werden.



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NaWennDuMeinst
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So 12. Sep 2021, 19:30

Die Taliban fordern von Deutschland einerseits offizielle diplomatische Beziehungen - sprich die Anerkennung ihrer Regierung - und andererseits finanzielle Hilfen.
https://www.merkur.de/politik/afghanist ... 66995.html

Ich frage mich wie die eigentlich darauf kommen an uns Forderungen stellen zu können.
Auf der einen Seite wollen sie sich vom Westen nichts sagen lassen und bestehen auf ihrer Unabhängigkeit, andererseits soll der Westen für sie aufkommen?
Wie war das mit dem schallenden Gelächter?
Sollen sie doch zu den Russen oder Chinesen gehen. Die haben bestimmt was zu verschenken und freuen sich darauf den Taliban bedingungslos bei der Errichtung ihres Staates zu helfen.



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Nauplios
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Mo 13. Sep 2021, 01:40

Im Felde unbesiegt. ;)

Von militärischen Operationen spricht man heute gerne; das hieß früher mal Kriegskunst. Man hatte dabei die Vorbereitung und Durchführung von Kampfhandlungen im Sinn. Taktik und Strategie waren wesentliche Bestandteile dieser Kriegskunst. Die westliche Militärallianz hat die Taliban mit Beginn der Intervention in wenigen Monaten von der Macht vertrieben. Die Taliban zogen sich auf's Land und in die Berge zurück. Eine Armee auf Mopeds mit Kalaschnikows und in Sandalen einerseits - das Militärbündnis der Nato mit Hightechwaffen und Drohnen andererseits. Militärisch hätten die Taliban gegen die westlichen Streitkräfte nicht gewinnen können.

Ein Krieg wird jedoch nicht nur mit operativen Maßnahmen geführt. Über Strategie und Taktik mögen Oberbefehlshaber entscheiden. Die Begründung für ein militärisches Eingreifen legen Politiker der (Welt-)Öffentlichkeit vor, ebenso die Kriegsziele. Ich denke etwa an Busch's Rede an Nation (September 2001), in der er die Amerikaner auf den Krieg gegen den Terror einschwor. Es muß eine (möglichst breite) Zustimmung der Bevölkerung zum Militäreinsatz geben. Krieg ist teuer. Es braucht Opferbereitschaft (s. Churchills Blut-Schweiß-und-TränenRede im Mai 1940). Es braucht Durchhaltewillen. Die Amerikaner waren nach zwanzig Jahren kriegsmüde. Es war "an der Zeit", die Soldaten nach Hause zu holen.

Der Krieg hat nicht nur die militärische Seite. Er hat auch eine politische Seite. Er hat eine ökonomische Seite. Er hat eine geopolitische Seite. Und er hat auch eine moralische Seite. Die militärische Überlegenheit des Westens hat nicht dazu geführt, daß der Westen diesen Krieg in Afghanistan gewonnen hat.

Der Autor des Zeit-Artikels (Ulrich Ladurner) überschreibt ihn mit "Wir Verlierer". Untertitel: "Die militärische Niederlage des Westens und auch Deutschlands muß endlich beim Namen genannt werden." Er beginnt seinen Artikel so:

"Der Westen hat den Krieg gegen die Taliban verloren. Das ist offensichtlich. Und doch spricht das hierzulande keiner gern aus. Man redet lieber vom afghanischen 'Desaster'. Aber der Begriff verbirgt mehr als er zeigt. Ja, es ist ein Desaster, aber es war auch ein Krieg, ein sehr langer Krieg, und der ist jetzt entschieden. Die Taliban haben gesiegt. Die USA, die Nato, Deutschland sind die Verlierer. Das muß in aller Deutlichkeit ausgesprochen werden. Denn es geht in diesen Tagen darum, ein Verhältnis zu den neuen Machthabern in Kabul zu finden. Was schwierig genug ist. Mit einer Selbsttäuschung sollte man da lieber nicht beginnen."

Das Eingeständnis, diesen Krieg verloren zu haben, mag schwer fallen (zumal in Zeiten eines Bundestagswahlkampfes). Und die "prinzipielle" Überlegenheit der Nato gegenüber der Moped-Armee der Taliban liegt auf der Hand; aber militärische Überlegenheit bedeutet noch nicht, den Krieg auch zu gewinnen. Das war schon in Vietnam so. Am Anfang des Krieges waren die Taliban die Machthaber in Afghanistan. Am Ende des Krieges sind die Taliban wieder die Machthaber in Afghanistan. Wie soll man das nennen?




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Nauplios
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Mo 13. Sep 2021, 02:23

Der Politikwissenschaftlerin Christian Hacke vor drei Wochen in der ARD auf die Frage, ob "dieser ganze 'war on terror' am Ende auf ganzer Linie gescheitert ist":

Hacke: "Völlig gescheitert. (...) Ich sage nur: Bescheidenheit. Wir müssen uns besinnen in allen Dingen auf Bescheidenheit und bei UNS die Fehler suchen."

Was sagte gleich noch Alia Hamzeh, die Journalistin aus Jordanien in der SWR-Doku: "Wir wollen, daß ihr uns zuhört." - Das könnte vielleicht ein Anfang sein. Zuhören. Und nicht als erstes moralische Belehrung. Damit sind die Menschenrechte noch keineswegs verraten. Bescheidenheit. Das ist ja etwas, was sich wie ein roter Faden durch diese SWR-Dokumentation zieht. Kultureller Austausch natürlich. Bescheidenheit ist gerade jetzt angesagt.




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Mo 13. Sep 2021, 08:23

Nauplios hat geschrieben :
Mo 13. Sep 2021, 01:40
"Der Westen hat den Krieg gegen die Taliban verloren. Das ist offensichtlich. Und doch spricht das hierzulande keiner gern aus. Man redet lieber vom afghanischen 'Desaster'. Aber der Begriff verbirgt mehr als er zeigt. Ja, es ist ein Desaster, aber es war auch ein Krieg, ein sehr langer Krieg, und der ist jetzt entschieden. Die Taliban haben gesiegt. Die USA, die Nato, Deutschland sind die Verlierer. Das muß in aller Deutlichkeit ausgesprochen werden. Denn es geht in diesen Tagen darum, ein Verhältnis zu den neuen Machthabern in Kabul zu finden. Was schwierig genug ist. Mit einer Selbsttäuschung sollte man da lieber nicht beginnen."
Ausgesprochen werden muss, dass die Talliban auch heute nicht tan der Macht in Afghanistan wären, wenn man im Westen (also ganz im Westen) nicht entschieden hätte, dass man keine Lust mehr auf den Krieg hat (und ganz nüchtern betrachtet glaube ich, dass das auch einfach eine Geldfrage war. Also jetzt mal abgesehen davon, dass man keine weiteren amerikaniscihen Leben opfern wollte).
Wir sind weder vertrieben worden (wie die Taliban) noch wurden wir militärisch besiegt. Die Entscheidung über den Abbruch lag bei den Amerikanern. Und sonst bei Niemanden. Auch nicht bei den Taliban. Das ist für mich keine Niederlage. Es ist wahr, dass die Ziele die man erreichen wollte nicht erreicht wurden. Aber daraus folgt meiner Meinung nach nicht, dass wir nun die Haltung der Verlierer einnehmen müssen und uns von den Taliban diktieren lassen wie es weitergeht. Wir sind ja nicht besetzt worden, und die Taliban sind nicht unserer Besatzer.



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Mo 13. Sep 2021, 13:52

Wir müssen uns nichts von außen "diktieren" lassen. Deutschland ist ein souveräner Staat. - Wir werden aus innerer Einsicht heraus zu einer Änderung außenpolitischer Zielsetzungen kommen. Demokratie- und Werteexport, "nation-building", kulturelle Angleichung von Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ... all das wird nicht mehr im Gefolge militärischer Operationen mit Bodentruppen u.ä. auf der außenpolitischen Agenda stehen.

Der Kampf gegen den Terror ist ja damit nicht beendet. Die Europäer stellen jetzt Überlegungen an über eine gemeinsame "schnelle Eingreiftruppe". Dazu mag man stehen wie man will. Jedoch wird weder eine schnelle Eingreiftruppe noch werden Bodentruppen mit Unterstützung aus der Luft Demokratie und Menschenrechte in Ländern wie Afghanistan, Pakistan, dem Iran oder Saudi-Arabien einpflanzen können.

Die westliche Hybris (Wir wissen, was gut für euch ist) ist gescheitert. Allenthalben hört man doch bereits die Rede von den "kleineren Zielen". Diesem Scheitern ist die Desillusionierung längst gefolgt. Die Neuausrichtung der (westlichen und deutschen) Außenpolitik hat begonnen. Wenn sie sich zu diesem Zweck vorab ehrlich machen würde, wäre das nicht schlecht.




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Nauplios hat geschrieben :
Mo 13. Sep 2021, 13:52
Die westliche Hybris (Wir wissen, was gut für euch ist) ist gescheitert.
Man sagt auch (in der Regel zurecht) so ungefähr folgendes: "Es ist vermessen, anderen zu sagen, was gut für sie ist, das wissen sie selbst am besten." Die Vermessenheit besteht dann darin, anderen die Freiheit zu nehmen, sich selbst zu bestimmen. Jetzt ergibt sich allerdings folgendes kleines Problem: Die Freiheit selbst zu entscheiden, entspricht ja genau dem verpönten "westlichen" Ideal. Hier wird ein und derselbe Wert "gegen sich selbst" ausgespielt. Dann ist es plötzlich vermessen, sich dafür einzusetzen, dass andere selbst über ihr Leben entscheiden, das ist dann eine Diktatur der Moralisten ... Wer sich für die Freiheit einsetzt, setzt sich gegen die Freiheit ein: "Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!"



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Nauplios hat geschrieben :
Mo 13. Sep 2021, 02:23
Das könnte vielleicht ein Anfang sein. Zuhören. Und nicht als erstes moralische Belehrung.
Auch das: ein gut verdeckter innerer Widerspruch. "Wir wollen, dass ihr uns zuhört." Das ist eine moralische Forderung! Dem anderen zuhören, weil man ihn anerkennt als gleichberechtigte:n Gesprächspartner:in - das ist selbstverständlich etwas Moralisches. Was denn sonst? Man kann schlecht, etwas moralisch Gutes unterstützen (die Forderung gehört zu werden) und sich im selben Atemzug verdeckt gegen die Moral wenden, so als sei Moral stets so etwas wie moralische Belehrung. Sich im Namen der Moral gegen die Moral wenden, das ist sinnlos. Das ändert aber nichts daran, dass das hier ein extrem beliebtes Spielchen ist.



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Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat - wollen wir das mit militärischen Mitteln nach Afghanistan, Pakistan, in den Iran und Saudi-Arabien "exportieren"? Wollen wir Streitkräfte in diese Länder in Marsch setzen, die mit Waffengewalt die Demokratie nach westlichem Vorbild dort einsetzen?

Das ist die Frage, vor der die künftige Außenpolitik steht. Man kann selbstverständlich diese Frage auch mit "ja" beantworten.




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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 13. Sep 2021, 15:50
Nauplios hat geschrieben :
Mo 13. Sep 2021, 02:23
Das könnte vielleicht ein Anfang sein. Zuhören. Und nicht als erstes moralische Belehrung.
Auch das: ein gut verdeckter innerer Widerspruch. "Wir wollen, dass ihr uns zuhört." Das ist eine moralische Forderung! Dem anderen zuhören, weil man ihn anerkennt als gleichberechtigte:n Gesprächspartner:in - das ist selbstverständlich etwas Moralisches. Was denn sonst? Man kann schlecht, etwas moralisch Gutes unterstützen (die Forderung gehört zu werden) und sich im selben Atemzug verdeckt gegen die Moral wenden, so als sei Moral stets so etwas wie moralische Belehrung.
"als gleichberechtigten Gesprächspartner" - Genau das hat der Westen in Afghanistan versäumt. Er hat die Machthaber erfolgreich in die Berge zurückgedrängt. Zu keiner der in den letzten zwanzig Jahren abgehaltenen Afghanistan-Konferenzen wurden die Taliban eingeladen. Mit Terroristen als "gleichberechtigte Gesprächspartner" wollte man nicht reden. Jetzt, da die Taliban wieder die Macht haben, will man mit ihnen reden. -

Der Westen hat korrupte Warlords in Afghanistan an die Macht gebracht.

"Die Amerikaner sind nach Afghanistan geflogen. Die CIA und das US-Militär haben dort verbündete Warlords, korrupte Politiker, Drogenbosse und andere quasi gekauft, indem sie Koffer voller Bargeld ausgehändigt haben. Jetzt haben wir gestern erfahren, dass Ashraf Ghani, der letzte Präsident des vom Westen installierten Regimes in Kabul, mit Koffern voller Bargeld aus Afghanistan geflüchtet ist. Und ich denke, das rundet die Geschichte des Scheiterns ganz gut ab." (Scheitern in Afghanistan. Grundstein gelegt mit Koffern voller Geld

Das vom Westen eingesetzte Regime ist mit Koffern voller Geld auf und davon. - Und jetzt stellt sich die Frage, wie man zukünftig in ähnlichen Situationen verfahren will.




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