Warum immer die Juden?

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NaWennDuMeinst
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Fr 9. Okt 2020, 17:34

Eigentlich ist mein Thema kein philosophisches Thema, ich hoffe aber dass ich meine Frage trotzdem hier stellen kann.

Ich habe mich aus gegebenem Anlass etwas belesen zum Thema Pandemie. Dabei bin ich über eine Liste von Pandemien, die die Menschheit in der Vergangenheit erlebt hat, auch auf den "schwarzen Tod" gestossen. Der Erreger der Beulenpest hat damals weltweit viele Menschen getötet, in Europa fast ein Drittel der Bevölkerung.
Über die Ursachen der Erkrankung wusste man damals nicht sehr viel. Es wurden zahlreiche meist ziemlich obskure Begründungen geliefert.
Was mich sehr verwundert hat war zu lesen, dass es im Zuge der Pandemie auch zu zahlreichen Judenpogromen kam. Man gab den Juden die Schuld an der Seuche, angeblich hatten diese die Seuche als s.g. "Brunnenvergifter" unter die Menschen gebracht. Tausende Juden wurden in Europa verfolgt und ermordet, viele flüchteten auch in den Selbstmord.

Was ich nicht verstehe: Wieso immer die Juden? Wo und wann hat das denn angefangen, dass Menschen, wann immer ihnen etwas schlechtes ereilte, die Juden dafür verantwortlich machen? Wo kommt das denn her?
Weiß das hier Jemand und kann mir das mal erklären?

Ich kenne eine Begründung die auf die Geschäftstüchtigkeit der Juden abzielt. Die Juden waren als Geldverleiher sehr erfolgreich und es wird davon ausgegangen, dass sich über die Verfolgung und Ermordung der Juden Mancher seiner Gläubiger und damit seiner Schulden entledigte. Es ging also letztlich um Geld (und damit um Macht).
Irgendwie befriedigt mich das als Antwort aber nicht. Die Juden sind doch nicht die einzigen Gläubiger auf der Welt. Wieso sind sie also immer (sogar im Mittelalter schon) Sündenböcke gewesen?



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Burkart
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Sa 10. Okt 2020, 09:18

Genau weiß ich es auch nicht, vielleicht ein paar Aspekte dazu.

Die Juden sind z.T. schon an ihrem Äußeren zu erkennen (ihr "Mützchen", mir fällt der Begriff gerade nicht ein) und somit "anders"; anders kann leicht mal negativ betrachtet werden.
Sie haben auch gewisse Regeln, die andere nicht mögen, z.B. das Schächten (ist doch so, oder?).
Im arabischen Raum ist klar, dass die Israel-Anrainer es nicht lustig fanden, als ihnen Land für Israel weggommen wurde oder auch später die Golanhöhen u.ä.
Historisch kann es auch sein, dass es mit Christenverfolgung zu tun hat, aber das weiß ich zu wenig.
Und ja, wenn sich bestimmte Leute gerne abkapseln und dann noch recht erfolgreich sind (ob nun traditionell im Finanzwesen oder heute als Staat Israel), gibt es genug Neider.

Persönlich nervt es mich manchmal, dass einige Führer/Vertreter der Juden so oft darauf hinweisen, dass man doch besonders auf sie aufpassen bzw. an sie denken soll (als ob es nicht genug andere Gruppen gäbe, die auch Anlass dazu hätten)... so dass ich mich z.T. frage, was Henne und was Ei ist bei den häufigen Nachfragen und den Gefühlen ihnen gegenüber.



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NaWennDuMeinst
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Sa 10. Okt 2020, 13:21

Burkart hat geschrieben :
Sa 10. Okt 2020, 09:18
Genau weiß ich es auch nicht, vielleicht ein paar Aspekte dazu.

Die Juden sind z.T. schon an ihrem Äußeren zu erkennen (ihr "Mützchen", mir fällt der Begriff gerade nicht ein) und somit "anders"; anders kann leicht mal negativ betrachtet werden.
Sie haben auch gewisse Regeln, die andere nicht mögen, z.B. das Schächten (ist doch so, oder?).
Sie sind anders. Das stimmt. Aber das trifft ja auf viele Menschen zu. Und auch wenn es eine menschliche Eigenart ist Andersartige auszustossen oder mit Argwohn zu betrachten, so scheint es doch so zu sein, dass die Juden besonders darunter leiden mussten (und müssen). Und ich verstehe eben nicht woher das kommt. Also wieso die Menschen es besonders auf die Juden abgesehen haben.
Im arabischen Raum ist klar, dass die Israel-Anrainer es nicht lustig fanden, als ihnen Land für Israel weggommen wurde oder auch später die Golanhöhen u.ä.
Das ist ein aktuelles Problem, stimmt. Soweit ich weiß entstand das mit der Neuordnung nach dem zweiten Weltkrieg.
Aber auch vorher schon gab es Judenpogrome. Mein Beispiel oben - bei dem die Juden für die Verbreitung der Pest verantwortlich gemacht wurden - ist zeitlich im Mittelalter (13. Jahrhundert) angesiedelt.
Schon damals fungierten sie als Sündenböcke.
Historisch kann es auch sein, dass es mit Christenverfolgung zu tun hat, aber das weiß ich zu wenig.
Ja. Wenn ich ganz weit zurück gehe, beginnt es dort. Jesus war Jude. Die Römer verfolgten die Ur-Christen, weil sie sie als Bedrohung für ihre Gesellschaftsordnung ansahen.
Letztlich entstand mit der Kreuzigung von Jesus aber erst das, was wir heute das Christentum nennen.
Wenn die Menschen heute in die Kirche gehen, dann knien sie vor dem Kreuz nieder und beten. Gleichzeitig verfolgen sie die Juden? Ich verstehe das nicht. Das ist doch schizophren.
Und ja, wenn sich bestimmte Leute gerne abkapseln und dann noch recht erfolgreich sind (ob nun traditionell im Finanzwesen oder heute als Staat Israel), gibt es genug Neider.
Ja. Aber das trifft doch auch auf andere Bevölkerungsgruppen zu. Die werden und wurden zwar auch verfolgt, weil es offensichtlich einfacher ist Minderheiten zu verfolgen, aber das erklärt für mich nicht warum die Juden - vor allem auch über einen so langen Zeitraum hinweg - immer wieder verfolgt wurden.
Irgendwie haben die Juden an irgendeinem Punkt die Rolle als "Unheilsbringer" zugewiesen bekommen.
Und ich verstehe nicht wieso.
Persönlich nervt es mich manchmal, dass einige Führer/Vertreter der Juden so oft darauf hinweisen, dass man doch besonders auf sie aufpassen bzw. an sie denken soll
Ich dachte immer, das rührt von den Erfahrungen mit dem dritten Reich her (was als Grund mehr als genug wäre), aber nachdem wie ich es jetzt verstehe sind die Juden seit es sie gibt immer wieder Opfer von Verfolgung und Vertreibung gewesen.
Da wundert es mich nicht, dass sie ein gesteigertes Schutzbedürfnis haben. Die Gründung des Staates Israel war die Folge der Anerkennung dieses besonderen Schutzbedürfnisses.



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Burkart
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Sa 10. Okt 2020, 16:35

Hast du mal dem Thema im Web geschaut?
Wikipedia ist ein Ansatzpunkt unter Antisemitismus oder z.B. auch der Artikel Judenfeindschaft in der Antike und im Mittelalter, wobei demnach die eigentlich Gründe aus der grauen Vorzeit vor rund 2500 Jahren oder so nicht mehr klar zu erkennen sind.



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NaWennDuMeinst
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Sa 10. Okt 2020, 17:13

Danke für die Links, Burkart.
Eine Frage habe ich aber noch.
In dem einen Artikel steht:

Die Wurzeln des Antisemitismus lassen sich in der Konkurrenz zwischen frühem Christentum und Judentum finden. Der verhängnisvollste Vorwurf ist der, ‚die Juden‘ seien verantwortlich für die Kreuzigung Christi und ‚Gottesmörder‘.

Das haben mir andere Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, auch schon gesagt.
Ich verstehe das aber nicht. Wieso sind die Juden dafür verantwortlich, dass Römer den Juden Jesus ermordet haben?
Müsste sich die Wut nicht gegen die Römer richten?



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Stefanie
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Sa 10. Okt 2020, 17:22

Das mit dem Geldverleihen ist ein Beispiel, was sich in den Köpfen festgesetzt hat, und zwar in der Regel Klischeehaft oder sogar falsch.
Langer Text, aber interessant..
http://www.juedischegeschichte.de/html/ ... eiher.html



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Sa 10. Okt 2020, 17:46

Ich glaube jetzt verstehe ich das langsam.
Ich bin immer von der Annahme ausgegangen, dass es ja Römer waren, die "den Sohn Gottes" getötet haben, und es deshalb eigentlich die Römer sein müssten gegen die sich der Groll der Christen richten müsste.
Es war auch ein römischer Stadthalter (Pontius Pilatus), der Jesus formell verurteilt hat, aber:

Pilatus wird jedoch aus jüdischer, christlicher und wissenschaftlicher Sicht unterschiedlich bewertet. Für das Judentum war er Repräsentant der römischen Besatzungsmacht. Im Neuen Testament bleibt Pilatus zwar formal für die Kreuzigung Jesu verantwortlich, jedoch wird dem Volk und den jüdischen Autoritäten eine größere Schuld am Tod Jesu zugesprochen (Joh 18,33–35 EU; 19,11 EU), indem sie seinen Tod am Kreuz (crucifige) und die Freilassung des Barabbas fordern. Demgegenüber erscheint Pilatus überzeugt von der Unschuld des Angeklagten und sucht nach einem Weg, ihn freizulassen, was ihm angesichts der vehementen Einflussnahme der jüdischen Autoritäten nicht gelingt. Pilatus wendet sich also ab und wäscht nach einem Motiv des Matthäusevangeliums demonstrativ seine Hände (Mt 27,24 EU).

Nun wird mir das langsam klar. Man hat später nicht Pilatus (oder die Römer) für verantwortlich erklärt, sondern die Juden.
Warum wollten die Juden damals Jesus hinrichten?

Weil sich Jesus laut Anklage der jüdischen Hohepriester selber zum „König der Juden“ gemacht habe,

Jetzt kommt langsam Licht ins Dunkle. Dieser über Jahrhunderte andauernde Groll gegen die Juden wurzelt also in der Annahme, dass sie "den Sohn Gottes" dem Tod überantwortet haben. Mich würde interessieren wie die heutigen Juden selbst dazu stehen. Immerhin ist für sie Jesus heute ja auch eine wichtige Figur, oder?



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NaWennDuMeinst
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Sa 10. Okt 2020, 17:56

OK. Hier stehts:

Das Judentum sieht Jesus von Nazaret nicht als Sohn Gottes an, da ein Mensch nach jüdischer Auffassung nicht göttlich sein kann.

OK, jetzt ist mir die Entstehung des Hasses auf die Juden klar.
Für die Christen sind die Juden also im Prinzip die Mörder des "Sohn Gottes" und zu allem Überfluß erkennen sie Jesus auch gar nicht als "Sohn Gottes" an.
Daher kommt das also.
(Ich verstehe zwar trotzdem nicht, was die Juden, die Jahrhunderte später zur Welt kamen damit zu tun haben, aber zumindest erschliesst sich mir jetzt halbwegs die "Logik" des Zorns auf die Juden)


Danke für Eure Hilfe.



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NaWennDuMeinst
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Sa 10. Okt 2020, 18:20

Dieser Wikiartikel über das Thema Antijudaismus hat mir auch sehr weitergeholfen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Antijudaismus



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Stefanie
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Sa 10. Okt 2020, 18:37

Die jüdische Religion ist die älteste monotheistischen abrahamitisches Religion, also in der nur ein Gott geglaubt wird. Das Christentum und der Islam stammen also quasi davon ab.
Mir sind aber nur die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam in etwa bekannt, muss ich einräumen. Jesus kommt auch im Koran vor, mit einem anderen Namen und seine Mutter wird im Islam hochverehrt.
In der Schule zu meiner Zeit wurde im Grunde nur die christliche Religion vermittelt.
Die anderen Religionen kamen nur im Zusammenhang mit Eroberungen (Islam) und natürlich der Holocaust.
Aber die Inhalte, woran wird geglaubt, die Regeln usw. , woher sie kamen, dazu gab es nichts. Das alte Testament wurde vermittelt, aber nicht die Zusammenhänge.
Und wenn was erklärt wurde, war es dass mit dem Geldverleihen zu den Juden, und zum Islam, dass die mauren uns den Kaffee gebracht haben.
Nicht gerade ausgewogen.



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NaWennDuMeinst
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Sa 10. Okt 2020, 19:40

Stefanie hat geschrieben :
Sa 10. Okt 2020, 18:37
Die anderen Religionen kamen nur im Zusammenhang mit Eroberungen (Islam) und natürlich der Holocaust.
Aber die Inhalte, woran wird geglaubt, die Regeln usw. , woher sie kamen, dazu gab es nichts. Das alte Testament wurde vermittelt, aber nicht die Zusammenhänge.
Und wenn was erklärt wurde, war es dass mit dem Geldverleihen zu den Juden, und zum Islam, dass die mauren uns den Kaffee gebracht haben.
Nicht gerade ausgewogen.
Hier genauso. In der Schule war für mich die Judenverfolgung eigentlich nur ein Thema im Zusammenhang mit dem dritten Reich.
Mir war bis vor ein paar Tagen gar nicht klar, dass der Antijudaismus eine sehr lange Geschichte hat und dass die Verfolgung im dritten Reich "nur" ein weiteres Ereignis in einer sehr langen Reihe von Judenverfolgungen ist.
Ich "verstehe" jetzt aber wie es dazu kam (also wo das ursprünglich herkommt). Verstehen in dem Sinne, dass ich die "Logik" dahinter begreife, nicht in dem Sinne, dass ich das für gerechtfertigt halte.

Das mit den Juden als Geldverleiher konnte ich in zahlreichen Artikeln immer wieder lesen:

Zu diesen religiösen Anklagen gesellte sich im Lauf des Hochmittelalters das ökonomische Klischee des „Wucherjuden“; Juden war der Geldhandel zugewiesen worden, da Christen das Zins- und Wechselgeschäft – damals als „Wucher“ bezeichnet – verboten war. Dieses galt ihnen als ehrlos, betrügerisch und anmaßend, s. Zinsverbot. Juden hatten die unterworfene Minderheit zu sein und nicht Forderungen an Christen zu stellen. Dieser Hass auf die Gläubiger konnte im Kontext von Wirtschaftskrisen leicht in Pogrome ausarten.

Oder auch hier:

Nach der Erfahrung der Kreuzzüge erhielten die Juden 1236 von Friedrich II. den Rechtsstatus von kaiserlichen Kammerknechten. Dadurch gerieten sie in direkte Abhängigkeit vom Kaiser. Dieser ließ sich ihren Schutz mit einer „Judensteuer“ bezahlen. Dieses „Judenregal“ wurde nach dem Zusammenbruch der kaiserlichen Zentralgewalt im Interregnum von vielen deutschen Territorialfürsten beansprucht. Die Goldene Bulle von 1356 bestätigte den Kurfürsten das Recht dazu. Oft war die Schutzsteuer so hoch, dass sie die jüdischen Geldverleiher zwang, hohe Zinsen zu verlangen. Das erzeugte neue Vorurteile und verstärkte den Hass auf die „Wucherer“ in der christlichen Bevölkerung, die selber damals dem Zinsverbot unterlag.



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Jörn Budesheim
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Sa 10. Okt 2020, 20:14

die Geschichte des Antisemitismus hat geschrieben : Für die Entstehung der abendländischen Judenfeindschaft kommt dem konflikthaften Ablösungsprozess der frühen Christen vom Judentum zentrale Bedeutung zu. Ob man für die heidnische Antike von einer besonderen Feindschaft gegen die Juden sprechen kann oder eher von einer auch gegenüber anderen Völkern existierenden xenophobischen, «antibarbarischen» Einstellung, ist umstritten. Gegen eine durchgängige «Judeophobie» spricht, dass sich bei Durchsicht der überlieferten antiken Texte positive und negative Darstellungen die Waage halten und die neutralen bei weitem überwiegen. Auch die offenen Zusammenstöße zwischen Juden und ihrer heidnischen Umwelt deuten eher auf konkrete Interessenkonflikte hin, denn Ägypter, Griechen und Römer haben je nach Lage ganz spezifische Eigenschaften an den Juden als bedrohlich empfunden oder verachtet. Für die Geschichte der Judenfeindschaft noch wichtiger ist, dass die frühchristlichen Gemeinden, selbst aus dem Judentum hervorgegangen und von der antiken Gesellschaft mit ähnlichen Vorwürfen bedacht, die antijüdischen Anwürfe der heidnischen Umwelt nicht einfach übernahmen. Erst als das Christentum sich zunehmend in Konkurrenz zum Judentum formierte, entstand aus der ambivalenten Situation von Nachfolge und Konkurrenz heraus eine antijüdische Tradition, die dann an das Neue Testament anknüpfen konnte. Das Selbstverständnis der Christen als «neuer Bund» und «wahres Israel» führte dazu, den Juden die Zugehörigkeit zum neuen Gottesbund abzusprechen (Gal 4,21–31; Mk 12,9–12) und ihnen die Schuld an der Leidensgeschichte Jesu zu geben (Mt 27,25; Mk 15,6–15) ...



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Jörn Budesheim
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mdr hat geschrieben : Am 9. Oktober hatte ein 27-Jähriger in Halle zwei Menschen erschossen und später zwei weitere verletzt. Zuvor hatte er versucht, am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, in die Synagoge einzudringen und aus rechtsextremistischen und antisemitischen Motiven die versammelten Gläubigen zu töten. Die Tat ist vom Generalbundesanwalt als Terroranschlag eingestuft worden.
Burkart hat geschrieben : Persönlich nervt es mich manchmal, dass einige Führer/Vertreter der Juden so oft darauf hinweisen, dass man doch besonders auf sie aufpassen bzw. an sie denken soll (als ob es nicht genug andere Gruppen gäbe, die auch Anlass dazu hätten)... so dass ich mich z.T. frage, was Henne und was Ei ist bei den häufigen Nachfragen und den Gefühlen ihnen gegenüber.



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Burkart
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So 11. Okt 2020, 09:18

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in meiner Jugendzeit u.ä., also vor 30-45 Jahren Anschläge auf Juden ein Thema waren (da ging es mehr um linken Terrorismus, vom kalten Krieg mal ganz abgesehen).
Wie aber kam das wieder auf? Das würde mich mal interessieren.
Weiß es jemand? Oder seht ihr es anders?



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Mo 12. Okt 2020, 18:16

Burkart hat geschrieben :
So 11. Okt 2020, 09:18
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in meiner Jugendzeit u.ä., also vor 30-45 Jahren Anschläge auf Juden ein Thema waren (da ging es mehr um linken Terrorismus, vom kalten Krieg mal ganz abgesehen).
Wie aber kam das wieder auf? Das würde mich mal interessieren.
Weiß es jemand? Oder seht ihr es anders?
Wenn man auf die Geschichte der Bundesrepublik zurückschaut, bietet sich ein durchaus differenzierteres Bild, denn nach 1949 bis in die 60iger Jahre hinein war Anti-Semitismus in verschiedenen Formen wahrnehmbar. Einen Höhepunkt stellte das Beschmieren der Kölner Synagoge Weihnachten 1959 sowie eine Folgewelle von mehreren hundert Nachahmungen dar. Damals formierte sich erstmals im politischen und gesellschaftlichen Raum deutlich artikulierter Widerstand gegen den Anti-Semitismus. Die veröffentlichte Literatur sieht für den bis mindestens in die 60igerJahre wahrnehmbaren, manifesten Anti-Semitismus verschiedene Ursachen, zum Beispiel personelle Kontinuitäten zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik, Weigerung der Mehrheit der Bevölkerung, aber auch nicht unerheblicher Teile des politischen Establishments, sich mit den Gräueltaten des NS-Regimes auseinanderzusetzen oder gar die persönliche Schuldfrage zustellen, um nur zwei von mehreren Aspekten zu erwähnen. In den 60iger Jahren begann dann in der Jugend ein starkes Nachfragen und ein gesteigertes Interesse an der Aufarbeitung. Dennoch wurde Antisemitismus u.a. in der Bitburg-Kontroverse und der Fassbinder-Affäre von 1985, im Historikerstreit (1987) und im Fall Jenninger (1988) sichtbar, auch wenn entgegen den 50iger/ 60iger Jahre eine breite gesellschaftliche Gegenwehr stattfand. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von ... Auflistung zeigt eine Auflistung von Anschlägen, die den Eindruck, dass Anschläge auf Juden oder jüdische Einrichtungen vor einigen Jahrzehnten kein Thema waren, widerlegt. Daher kann ich den Eindruck eines "Wiederaufkommens" nicht bestätigen, vielmehr glaube ich, dass wir nach einer latenten Phase gerade wieder eine Hochphase erleben, die aber nicht von alleine abklingt, wenn wir ihr nicht entgegentreten. Neben den "klassischen" rechtsextremistischen Motiven sind allerdings mindestens seit 1970 auch andere anti-semitische Schablonen als Rechtfertigung für Angriffe auf Juden, jüdische Einrichtungen und Organisationen hinzugekommen.
Ergänzend möchte ich darauf hinweisen, dass die Leugnung des Holocaust bis 1994 nur als einfache Beleidigung strafbar war und der Bundestag erst zum 1. Dezember 1994 den Straftatbestand der Volksverhetzung um den der Holocaustleugnung erweiterte.



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Burkart
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Mo 12. Okt 2020, 18:57

Also schauen wir mal... 30-45 Jahre zuvor war 1975-1990...
Da gab es laut deinem Link gerade mal sechs Anschläge, davon 3 in Wien, macht gerade mal ein Anschlag in 5 Jahren in Deuschland. Und dann auch noch weiter weg von Hamburg, also kein Wunder, dass ich es so empfunden habe.
Vergleichweise gab es die letzten sechs Anschläge gerade mal in gut 3 Monaten, also wenn das kein riesiger Unterschied ist (Faktor 15*4 = 60 bzw. in Deutschland noch größer)...

Gibt es eigentlich auch Listen von Anschlägen auf Politiker, Polizisten oder andere Gruppen? Oder auch umgekehrt von Islamisten u.ä.?
Das wäre alles mal interessant zu vergleichen.



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