Dynamis hat geschrieben : ↑ Fr 10. Jul 2026, 10:10
Wissenschaftsgläubigkeit beruht immer auf einem gewissen Konservatismus.
Ich überlege gerade, ob ich mich hier nicht zu einer falschen Verallgemeinerung habe hinreißen lassen. Der wesentliche Punkt, um den es hier mir jetzt geht, ist folgender: Sich auf wissenschaftliche Ergebnisse zu beziehen, ist per se nicht falsch. Es gibt jedoch Weisen der Bezugnahme, die mit einer dogmatischen Setzung einhergehen. Nietzsche thematisiert in diesem Text solche Fälle, in denen diese dogmatischen Setzungen psychologisch durch Gewöhnung begünstigt werden. Man muss jedoch auch beachten, dass es hier um einen
Dissens geht: "Als man in Frankreich die Einheiten des Aristoteles zu bekämpfen und folglich auch zu verteidigen anfing"
Nun habe ich mir vor einiger Zeit bereits einige Gedanken darüber gemacht, was denn eigentlich passiert, wenn ein
Dissens vorliegt. Dabei hatte ich folgende Behauptung aufgestellt:
Dynamis hat geschrieben : ↑ So 19. Apr 2026, 21:04
Da ich an dieser Stelle keinen Widerspruch zwischen unseren Positionen sehe, erhebe ich keine Einwände. Meine von Descartes inspirierte Position betrifft nur den Fall, wo Widersprüche zwischen verschiedenen Positionen bestehen. Ich behaupte, dass das Vorhandensein des Widerspruchs aufgelöst werden kann, a) den guten Willen der Parteien, b) das nötige Wissen vorausgesetzt. Diese Voraussetzungen sind aber nicht trivial. Meine Behauptung impliziert nämlich nicht, dass sich jeder Widerspruch praktisch auflösen lässt. Wo das Interesse an einem Klärungsversuch fehlt, da lässt sich der Widerspruch zwischen den beiden Parteien nicht auflösen. Und wo das notwendige Wissen fehlt, auch nicht.
Nietzsche beschreibt eine Situation, wo der gute Wille fehlt. Er schreibt, dass manche Menschen ihre Dogmen verteidigen, "bloß um sich nicht einzugestehen, daß man sich an die Herrschaft dieser Gesetze gewöhnt habe und es nicht mehr anders haben wolle". Klar, das ist ein wichtiges Motiv, das hat Nietzsche klar erkannt. Manchmal klammern sich manche Menschen an ihre Ideologie und wollen sie partout nicht aufgeben. Das hat etwas damit zu tun, dass die Kritik an ihren Auffassungen Irritationen auslöst. Diese Irritationen werden als unangenehm empfunden, deswegen versucht man sie zu vermeiden. Man erfindet sich Gründe hinzu, um sich zu beweisen, dass die Gegenseite im Unrecht ist.
Es gibt aber natürlich noch andere Situationen, in denen mit dogmatischen Setzungen operiert wird. Soziologisch betrachtet muss man Wissenschaftsgläubigkeit noch hinsichlich zweier anderer Motive analysieren:
a) Rechtfertigung von Herrschaft
b) Instrumentalisierung der Wissenschaft für ökonomische Interessen.
Beispielsweise wird Wissenschaft häufig in den Dienst des technologischen Fortschritts gestellt - und dieser ist manchmal destruktiv. Es sei hier nur an den Bau der Atombombe erinnert.
Es ist also zu einseitig, wenn man Wissenschaftsgläubigkeit auf Gewöhnung reduziert. Wissenschaft ist auch ein Herrschaftsinstrument. Gerade in Kontroversen ist es immer auch eine Gefahr, dass Wissenschaft benutzt wird, um andere Positionen zu delegitimieren. Und spätestens hier wird Wissenschaftsgläubigkeit zu einer Ideologie: Wenn Wissenschaft das Argument ersetzt und nur noch dazu verwendet wird, um die andere Position abzuwerten.
Aber verkehrt ist es auch nicht, wenn man auf den Zusammenhang von Wissenschaftsgläubigkeit und Gewöhnung hinweist. Dass Wissenschaft effektiv als rhetorische Keule benutzt werden kann, die das Argument ersetzt, funktioniert natürlich nur unter gewissen Voraussetzungen: Man muss sich daran gewöhnt haben, dass Wissenschaft benutzt wird, um Andersdenkende niederzuknüppeln. Solange dieser Gewöhnungseffekt noch nicht eingetreten ist, wird der rhetorische Einsatz der wissenschaftlichen Autorität als aggressives Niederknüppeln anderer Positionen wahrgenommen werden und sich dementsprechend selbst entlarven.