Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 16. Feb 2026, 09:49
@Consul: Wie vereinst du die Argumente von Pierre Le Morvan für einen direkten Realismus mit deinem Farb-Antirealismus? Warum soll im Fall der Farben seine Argumentation plötzlich nicht gelten?
In meiner Rekonstruktion sagt er: Ja, es gibt eine „Wie-Kette“ – eine komplexe kausale Vermittlung. Aber daraus folgt noch nichts über die intentionale Struktur der Wahrnehmung. Das „Was“ der Wahrnehmung sind die Gegenstände selbst. Sie sind es, die wir direkt wahrnehmen, nicht neuronale Zwischenzustände.
Warum sollten wir das bei Farben anders sehen?
Das bewusste, bestimmte Farbempfindungen enthaltende Sehen eines äußeren Gegenstandes ist der nervliche
Endzustand und kein Zwischenzustand der gesamten wahrnehmungsbezogenen Ursachenkette, die ihren Anfang außerhalb des eigenen Körpers haben kann und sehr oft hat. Farbempfindungen bilden den
Inhalt und damit das "durchsichtige" innere
Mittel der bewussten Gesichtswahrnehmung, durch das wir Dinge bewusst sehen. Eine Sinneswahrnehmung, die nicht durch Empfindungen vermittelt ist, ist keine
bewusste Wahrnehmung. Damit will ich wohlgemerkt nicht sagen, dass wir nichts außer unseren eigenen Empfindungen wahrnehmen.
Das bewusste Sehen einer Tomate hat diese zum
hauptsächlichen, primären Wahrnehmungsgegenstand, und die damit einhergehenden Farbeindrücke sind der
nebensächliche, sekundäre Wahrnehmungsgegenstand. Denn nach meiner Auffassung muss jede äußere Sinneswahrnehmung von einer nichtsinnlichen inneren
Mitwahrnehmung ihres sinnlichen Inhaltes (z.B. Farbeindrücke) begleitet werden, um überhaupt eine
bewusste Wahrnehmung eines äußeren Gegenstandes zu sein, wobei die innere Mitwahrnehmung des Wahrnehmungsinhaltes nicht notwendigerweise auf dem hohen geistigen Niveau einer absichtlichen, mit Gedanken einhergehenden inneren Beobachtung stattfinden muss. Siehe dazu
diesen vorherigen Beitrag von mir!
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 16. Feb 2026, 09:49
Treten wir einen Schritt zurück. Sobald wir von Farbwahrnehmungen sprechen, sprechen wir vom Raum des Lebendigen. Nur Lebewesen nehmen wahr. Das ist keine Zusatzthese, sondern eine begriffliche Selbstverständlichkeit. Dass die Blume farbig erscheint, ist eine Eigenschaft der Blume selbst – keine Illusion des Endgeräts Gehirn. „Erscheinen“ ist kein rein schierer physikalischer Ausdruck; darin ist die lebendige Welt mit ihren wahrnehmenden Wesen immer schon mitgedacht. Der Physik fehlt das Sensorium für alles Qualitative.
Wenn die Blume die intrinsische Disposition hat, anderen Lebewesen auf eine bestimmte Weise zu erscheinen, heißt das schlicht: Sie ist rot. Diese Farbe ist kein internes Sinnesdatum von uns, sondern eine reale, auf mögliche Wahrnehmung hin strukturierte Eigenschaft der Blume. Physikalisch beschreibbar ist das „Wie“ ihrer Realisierung. Aber das erschöpft nicht das „Was“ ihres Erscheinens. Darauf gab es schließlich bedeutende evolutionäre Prämien. Sehen und Gesehenwerden sind Motoren der Evolution. Lebewesen, die de facto so und so erschienen, hatten davon reale Vor- oder Nachteile. „So und so erscheinen“ ist daher keine Projektion der anderen, sondern eine Eigenschaft des Lebewesens selbst – eine, die selektiert wird oder eben nicht.
Ich habe bereits in einem anderen Diskussionsstrang die Unterscheidung zwischen
physikalischen Farben als "primären Qualitäten" (oder "objektiven Qualitäten") und
phänomenalen Farben als "sekundären Qualitäten" (oder "subjektiven Qualitäten") erwähnt.
Wenn du beispielsweise die Farbe Rot als die (in dessen physikalischer Oberflächenstruktur gründende)
dispositionelle Eigenschaft eines Körpers definierst, einem normalen menschlichen Sehenden unter den Lichtverhältnissen L rot zu erscheinen, dann handelt es sich dabei in der Tat um eine primäre, objektive Qualität
des Gesehenen und nicht des Sehenden. Eine so (dispositionalistisch) definierte Farbe kann dauerhaft von einem Körper besessen werden, der niemals gesehen wird.
Derartige
physikalische Farben unterscheiden sich wesentlich von
phänomenalen Farben, die mit subjektiven Farbempfindungen/-eindrücken/-erlebnissen identisch sind.