Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 08:57
Consul hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 01:07
Das Spüren eines Schmerzes ist ein innerer Vorgang in uns. Wenn wir von einem "Schmerz im Finger" sprechen, dann ist diese Verortung des Schmerzes im Finger eine phänomenale Illusion; denn in Wahrheit finden alle Schmerzempfindungen im Gehirn statt, weil sie dort von Nervenvorgängen hervorgerufen werden.
Das Gehirn selbst empfindet zum Beispiel gar keine Schmerzen – um es mal in dieser seltsamen Ausdrucksweise zu sagen. Wenn man mit dem Skalpell einen Schnitt durch das Gehirn macht, empfinden wir dort keinen Schmerz, es fehlen die Rezeptoren. Im Finger hingegen gibt es welche. Und dort ist auch der Schmerz, denn dort ist schließlich auch die Verletzung. Hätte die Evolution es anders eingerichtet, nämlich so, dass wir den Schmerz an der falschen Stelle spüren, dann gäbe es uns heute gar nicht.
Es ist in der Tat gesundheits- und überlebensdienlich, einen Schmerz dort am oder im Körper
phänomenal zu verorten, wo die Verletzung oder Störung besteht. Wenn ich eine Wunde am Fuß habe, dann ist es sehr nützlich, dass der
scheinbar, aber nicht wirklich dort verortete Schmerz meine Aufmerksamkeit auf meinen Fuß lenkt und nicht auf meine Schulter.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 08:57
Du, Consul verwechselst die phänomenologische/intentionale Struktur mit ihrer Realisierung, die im Übrigen auch ganz anders sein könnte. Multiple Realisierbarkeit ist ein sehr, sehr starkes Argument gegen jede Form von Identitätstheorie.
Nein, denn dieses Argument spricht höchstens gegen die
type-identity theory, aber nicht gegen die
token-identity theory, welche kein Problem mit verschiedenen, speziesrelativen neuropsychischen Identitäten hat.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 08:57
Das zeigt sich auch an der Plastizität des Gehirns: Wenn schmerzverarbeitende Areale geschädigt werden, können andere Hirnregionen diese Funktion teilweise übernehmen, wie ich gerade recherchiert habe. Die Schmerzwahrnehmung kann sich dabei zwar verändern, bleibt aber oft in gewissem Maß erhalten. Die Realisierung ist also variabel und austauschbar, die Funktion hingegen bleibt konstant: den Schmerz dort zu empfinden, wo er ist und wo auch die Verletzung tatsächlich ist – im Finger, nicht im Gehirn.
Man muss zwischen dem
objektiven Körper und dem
subjektiven Körperbild unterscheiden. Durch deine äußere und innere Selbstwahrnehmung erscheint dir dein Körper in deinem subjektiven "Erscheinungsraum", worin auch Teile deiner Umwelt erscheinen. Schmerzen (Schmerzempfindungen) haben sowohl einen
subjektiven Erscheinungsort innerhalb des subjektiven Erscheinungsraumes deines Körpers als auch einen
objektiven Ort innerhalb des objektiven Raumes deines Körpers – nämlich: bestimmte Bereiche deines Gehirns.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 08:57
Ein einfaches Gedankenexperiment: Person A hat die gesunde/normale/ursprüngliche Hirnstruktur, bei Person B waren die ursprünglich schmerzverarbeitenden Areale geschädigt und andere Areale haben den Job übernommen. Beide stechen sich mit der Nadel in den rechten Zeigefinger. Beide spüren (=haben) den Schmerz dort, wo die Nadel sie verletzt. Doch bei beiden ist diese Episode anders realisiert, der Schmerz ist jedoch an derselben Stelle.Wollten wir um des Arguments willen für einen Moment die Tentakel eines Oktopus als Finger nehmen, wäre es wieder anders realisiert, aber der Schmerz wäre immer noch im Finger (=Tentakel), verursacht von der Nadel, die das Gehirn übrigens gar nicht erreicht hat. In deiner Version wäre der Schmerz aber an drei verschiedenen Stellen, statt immer an der gleichen Stelle, dort wo die Nadel ihn eben verursacht hat.
Wenn bei verschiedenen Tierarten oder verschiedenen Mitgliedern derselben Tierart verschiedene Gehirnbereiche und entsprechend unterschiedliche Gehirnvorgänge die gleichen Schmerzen und die gleiche phänomenale Schmerzverortung hervorrufen, dann ist die
token-identity theory damit vollkommen vereinbar.
Die Körper und Gehirne von Menschen und Oktopoden weisen zwar erhebliche Unterschiede auf, was
menschen- und oktopodenspezifische neuropsychische Identitäten aber nicht ausschließt.
Siehe:
Domänenspezifische Identitäten und Reduktionen [Google Translate]
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 08:57
Consul hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 01:07
denn in Wahrheit finden alle Schmerzempfindungen im Gehirn statt, weil sie dort von Nervenvorgängen hervorgerufen werden.
Ganz sicher nicht, der Schmerz wird (in dem Beispiel) von der Nadel, die den Finger verletzt hervorgerufen.
Wenn ich sage, die Ursache eines Schmerzes befindet sich irgendwo im Gehirn, dann meine ich dessen
nächste, unmittelbare Ursache (
causa proxima). Diese ist der letzte Teil einer längeren körperlichen Ursachenkette, die z.B. mit einem Nadelstich in den Finger beginnt. Die Schmerzempfindung entsteht aber, wie gesagt, erst zuletzt im Gehirn.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 08:57
Stell dir vor: Hans sticht sich mit der Nadel in den Finger und spürt einen starken Schmerz im Rücken. Was sollte er tun? Deiner Auffassung nach müsste er mit der Schulter zucken und sagen: Schmerz im Finger oder im Rücken? Egal, ist doch eh nur eine Illusion. Ich würde hingegen von einer massiven Fehlfunktion ausgehen – das Gehirn (genauer= der Körper) hat den Vorgang falsch verarbeitet. Und genau das zeigt: In deiner Beschreibung fehlt die normative Dimension. Es gibt hier ein Richtig und Falsch. Der Schmerz soll dort sein (=empfunden werden), wo (in diesem Beispiel) die Verletzung ist. Wenn Hans ihn woanders spürt, läuft etwas schief. Diese normative Dimension ist nur verständlich, wenn der Schmerz tatsächlich dort ist, wo er hingehört – im verletzten Finger, nicht irgendwo im Gehirn. In deiner Sicht Fall wäre es egal, wo er ihn spürt, weil es sich dabei eh um eine Illusion handelt.
Bei der Evolution des Schmerzbewusstseins war nichts Normatives im Spiel.
Die illusorische phänomenale Verortung von Schmerzen an denjenigen Körperstellen, wo eine Verletzung oder Störung vorhanden ist, ist für Organismen höchst zweckmäßig, weil sie ihnen überlebensdienliche Informationen liefert und ihre Aufmerksamkeit auf die geschädigten äußeren oder inneren Körperbereiche lenkt. Das Illusorische an der Sache betrifft nur die Schmerzlokalisation und nicht die Schmerzinformation (Phantomschmerzen ausgenommen), welche mit realen körperlichen Schädigungen oder Beeinträchtigungen zusammenhängt.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 1. Dez 2025, 08:57
Es gibt noch einen anderen wichtigen Punkt. Es gibt nicht so etwas wie einen "reinen Schmerz". Jeder Schmerz ist Teil des Bewusstseinsstroms, in dem alle Empfindungen und alles Erleben integriert ist - und der Schmerz ist "mein" Schmerz, etwas, was das gesamte Subjekt eben an seinem eigenen Finger erlebt, wenn er von der Nadel verletzt wird. Diese Integrationsleistung darf ebenfalls nicht ausgeblendet werden: Es ist der Schmerz des Subjekts, ausgelöst durch die Nadel. Das spielt sich nicht im Inneren ab.
Thomas Fuchs nennt solche Sichtweisen (Schmerz ist in einer bestimmten Hirnregion) einen lokalisatorischen Fehlschluss, eng verwandt mit dem mereologischen Fehlschluss, wenn man einem Teil zuschreibt, was man nur dem Ganzen zuschreiben soll - und das ist nicht nur eine Kritik an der Grammatik.
Wenn ich Schmerzen spüre, dann sage ich nicht, dass mein Gehirn welche spürt, sondern dass
ich welche spüre; aber ich sage auch, dass meine Schmerzempfindung ein Nervenvorgang in meinem Gehirn ist.