Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 26. Mai 2026, 09:26
Strawsons Argument enthält einen zentralen unbegründeten Schritt. Es setzt voraus, dass Freiheit und Verantwortung nur dann möglich sind, wenn man sich selbst aus dem Nichts erschaffen hat – causa sui, Ursache seiner selbst. Diese Anforderung wird nicht begründet, sondern einfach eingeführt. Verantwortung wird so definiert, dass kein reales Wesen sie je erfüllen könnte – und das wird dann als Beweis ihrer Unmöglichkeit ausgegeben.
Das Ziel von Strawsons Argument ist der
libertäre Glaube an
absolute/ultimative Selbstbestimmungsfreiheit und entsprechende
absolute/ultimative moralische Verantwortlichkeit, welcher voraussetzt, dass Akteure hinsichtlich ihrer Entscheidungen und Handlungen
unbestimmte Bestimmer, unbeeinflusste Beeinflusser, unverursachte Verursacher, unbewirkte Bewirker sein können—kurzum: dass man
causa sui (ex nihilo) sein kann.
Ohne die Möglichkeit einer vollkommen freien Selbstverursachung oder Selbstbestimmung "aus dem Nichts heraus" gibt es
letztendlich keine moralische Verantwortung; und Strawsons Argument zeigt eindrucksvoll, dass es diese Möglichkeit nicht gibt und auch nicht geben kann.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 26. Mai 2026, 09:26
Petitio principii. Strawson beschreibt, dass alles Bedingungen hat – aber warum das Freiheit ausschließen soll, bleibt eine bloße Behauptung. Strawson denkt im Rahmen von Ursachen und Wirkungen – aber Normen und Maßstäbe wirken nicht kausal. Ich folge ihnen nicht, weil sie mich treiben, sondern weil ich sie verstehe, mir zu eigen mache und anerkenne. Das ist ein kategorialer Unterschied, den das Argument schlicht übergeht.
Nein! Welche Normen oder Regeln du verstehst, dir zu eigen machst und anerkennst, hängt wiederum von deinem geistigen Sosein, deiner geistigen Beschaffenheit ab; und diese ist nicht das Ergebnis von
Causa-sui-Entscheidungen oder
Causa-sui-Selbstbestimmungen deinerseits.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 26. Mai 2026, 09:26
Genetischer Fehlschluss: Zur Freiheit gehört eben auch, seine Ansichten und Handlungen an moralischen Maßstäben zu orientieren. Dass ich diese Maßstäbe zum Beispiel teilweise gelernt habe, sagt nichts über ihre Gültigkeit.
Ob jemand seine "Ansichten und Handlungen an moralischen Maßstäben" orientiert oder nicht, hängt wiederum von seinem geistigen Sosein, seiner geistigen Beschaffenheit ab, die, wie gesagt, nicht das Ergebnis von
Causa-sui-Entscheidungen oder
Causa-sui-Selbstbestimmungen seinerseits ist.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 26. Mai 2026, 09:26
…Kurz: Die Bedingungen der Möglichkeit meiner Freiheit (die ich zu großen Teilen erwerbe) können nicht gleichzeitig die Verhinderungsbedingungen sein. Fast alles, was ich bin und kann, hat zwar auch eine Herkunft – biologisch, kulturell, geschichtlich. Das ist nicht die Einschränkung meiner Freiheit, sondern ihre Voraussetzung. Es ist schlicht absurd zu behaupten, dass die Bedingungen, die mich zu einem freien Wesen gemacht haben, zugleich meine Freiheit verhindern. Freiheit – zum Beispiel ein Leben zu führen – ist etwas, was wir lernen. Deswegen erziehen wir unsere Kinder und schicken sie in die Schule.
Strawson behauptet nichts Absurdes, wenn er das Vorhandensein einer Art von Entscheidungs- oder Handlungsfreiheit leugnet, welche die Voraussetzung für "tiefe" und volle moralische Verantwortlichkeit ist. (Strawson spricht von "deep moral responsibility" und meint damit dasselbe wie mit "absolute/ultimate moral respsonsibility").
Sein Kernpunkt ist ja, dass Individuen
in grundlegender und letztendlicher Hinsicht keine freien Selbstbestimmer/-erschaffer sind, sodass sie
in grundlegender und letztendlicher Hinsicht auch nicht für ihre Entscheidungen und Handlungen moralisch verantwortlich sind.
Die Erziehung unserer Kinder bedeutet für sie
Fremdbestimmung: Ich wurde
von anderen erzogen. Eine schlechte Erziehung, die sich auf späteres Fehlverhalten auswirkt, ist ein entschuldigender oder zumindest schuldmindernder Faktor.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 26. Mai 2026, 09:26
Ein Beispiel: Jemand hält ein Versprechen, weil er versteht, dass Versprechen verpflichten. Die Erklärung „Er wurde kausal dazu bestimmt“ verfehlt den normativen Gehalt dieser Handlung. Sie ersetzt nicht die Begründung, sondern verfehlt ihre Ebene.
Auch hier gilt: Ob jemand seine Versprechen hält oder nicht, oder ob er überhaupt versteht, dass Versprechen Verpflichtungen beinhalten, hängt wiederum von seinem gegebenen geistigen Sosein ab, das er sich nicht frei aus einer Menge möglicher geistiger Verfassungen ausgesucht hat.
Es gibt also
letztendlich auch keine moralische Verantwortung oder Schuld, wenn jemand seine Versprechen nicht einhält, weil niemand sich im Sinne einer vollkommen freien Selbstbestimmung ausgesucht hat, jemand zu werden, der seine Versprechen nicht einhält.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 26. Mai 2026, 09:26
Selbsterschaffung ist real, aber natürlich nicht autark aus dem Nichts. Ich kann mich zwar nicht aus dem Nichts erschaffen – das stimmt. Aber das ist kein Argument gegen meine Freiheit, denn ein Selbst, das sich aus dem Nichts erschafft, wäre gar kein Selbst, sondern ein Zufallsereignis. Reale Selbsterschaffung geschieht immer aus dem "gegebenen Material", das ich selbst forme und damit über es hinausgehe.
Strawson betont richtigerweise, dass es für sein Argument keine Rolle spielt, ob der (kausale) Determinismus oder der (kausale) Indeterminismus wahr ist.
Du scheinst zu glauben, dass über der unfreien psychischen Basis einer Person ein freier psychischer Überbau steht, der eine freie Selbstbestimmung, Selbsterschaffung oder Selbst(um)bildung ermöglicht; aber das ist nicht der Fall, denn auch in den intellektuellen, rationalen "Überbau" der Psyche wirken
fremdbestimmende Ursachen hinein: Die gesamte psychische Beschaffenheit oder Verfassung einer Person ist "von ganz unten bis ganz oben" formenden externen oder internen Faktoren ausgesetzt und davon beeinflusst, auf die das Ich keinen freiheitlichen Einfluss hat.
Entsprechend hat Strawson ganz recht, wenn er bestreitet, dass es so etwas wie
absolute/ultimative moralische Verantwortung nicht gibt. Er fügt allerdings hinzu:
"Ich möchte das Wort ‚ultimativ‘ vor ‚moralische Verantwortung‘ hervorheben. Denn es gibt eine klare, schwächere, alltägliche Bedeutung von ‚moralisch verantwortlich‘, in der du und ich und Millionen anderer Menschen durchaus moralisch verantwortliche Menschen sind." [übersetzt von DeepL & Consul]
(Strawson, Galen. "You Cannot Make Yourself the Way You Are." 2003. Repr. in Things That Bother Me: Death, Freedom, the Self, Etc., 110-129. New York: New York Review Books, 2018. pp. 115)
In diesem Text führt er leider nicht aus, was genau er unter der "klare[n], schwächere[n], alltägliche[n] Bedeutung von ‚moralisch verantwortlich‘" versteht.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Di 26. Mai 2026, 09:26
Mit Kants Taube ist eigentlich schon alles gesagt: „Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde." Strawson ist diese Taube. Er glaubt, wirkliches Fliegen ginge nur im luftleeren Raum.
Nein, es ist vielmehr so, dass die meisten Menschen (Strawson ausgeschlossen) glauben, sie verfügten über eine
libertäre Art von Willensfreiheit bzw. Entscheidungs- oder Handlungsfreiheit "im luftleeren Raum", die es ihnen ermöglicht, als Selbstursache (
causa sui) wirken zu können, die von einem "kausalen Vakuum" umgeben und somit keine Wirkung oder Folge von irgendetwas (anderem) ist:
"Wenn wir handeln, ist jeder von uns ein unbewegter Erstbeweger. Indem wir tun, was wir tun, verursachen wir das Geschehen bestimmter Ereignisse, und nichts—oder niemand—verursacht unsere Verursachung des Geschehens jener Ereignisse." [übersetzt von Consul]
(Chisholm, Roderick M. On Metaphysics. Minneapolis, MN: University of Minnesota Press, 1989. p. 12)
"Mit ‚freiem Willen‘ meine ich das, was fast jeder darunter versteht. Beinahe alle Menschen glauben, dass es ihnen freisteht zu wählen, was sie tun, und zwar auf eine Weise, die sie für ihre Handlungen wahrhaft und echt verantwortlich macht – im denkbar stärksten Sinne: verantwortlich schlechthin, verantwortlich ohne jede Einschränkung, verantwortlich sans phrase, verantwortlich tout court – absolut, radikal, endgültig verantwortlich; kurz gesagt: letztverantwortlich – und somit, wenn es um moralische Belange geht, letztverantwortlich im moralischen Sinne. Der freie Wille ist genau jenes Etwas, das man besitzen muss, wenn man auf diese ‚Alles-oder-Nichts‘-Weise verantwortlich sein will. Das ist es, was ich unter freiem Willen verstehe. Und genau das ist es, was wir meiner Überzeugung nach nicht besitzen – und auch gar nicht besitzen können." [übersetzt von Google]
(Strawson, Galen. "You Cannot Make Yourself the Way You Are." 2003. Repr. in Things That Bother Me: Death, Freedom, the Self, Etc., 110-129. New York: New York Review Books, 2018. p. 110)
"[E]s gibt einen fundamentalen Sinn, in dem du dich nicht zu dem gemacht hast – und auch nicht machen konntest –, was du bist. Und dies ist…der entscheidende Schritt im grundlegenden Argument gegen ultimative moralische Verantwortung." [übersetzt von Google]
(Strawson, Galen. "You Cannot Make Yourself the Way You Are." 2003. Repr. in Things That Bother Me: Death, Freedom, the Self, Etc., 110-129. New York: New York Review Books, 2018. pp. 112-3)
"Niemand kann letztlich für irgendetwas Lob oder Tadel verdienen. Das ist unmöglich. Dies ist nur sehr, sehr schwer zu akzeptieren, doch genau so verhält es sich. Letztlich läuft alles auf Glück hinaus: Glück – ob gut oder schlecht – darin, so geboren zu sein, wie wir sind; Glück – ob gut oder schlecht – darin, was uns anschließend prägt. Wir können für unser Wesen nicht derart letztverantwortlich sein, dass wir für unser Handeln eine absolute, endgültige Letztverantwortung tragen. Gleichzeitig scheint es uns jedoch unmöglich zu sein, nicht daran zu glauben, dass wir genau diese absolute, endgültige Letztverantwortung tatsächlich besitzen." [übersetzt von Google & Consul]
(Strawson, Galen. "You Cannot Make Yourself the Way You Are." 2003. Repr. in Things That Bother Me: Death, Freedom, the Self, Etc., 110-129. New York: New York Review Books, 2018. pp. 115)