Dynamis hat geschrieben : ↑ So 5. Jul 2026, 13:02
Consul hat geschrieben : ↑ Sa 4. Jul 2026, 21:56
Tja, dann kennen wir [Cixin Lius] diesbezüglichen ontologischen Standpunkt (noch) nicht.
Damit sind wir schon einen Schritt weiter. Wenn Künstler sich zu "(er)schaffen" oder "Erschaffung" äußern, dann ist es nicht zwingend der Fall, dass sie sich ontologisch in irgendeiner Weise positionieren wollen. Wenn man also diese Evidenz ernst nimmt, um etwas über die Bedeutung von Wörtern wie "Erschaffung" zu lernen, müsste man erkennen, dass es ihnen um andere Dinge geht als um Ontologie.
Mag sein, doch der von mir
ad nauseam wiederholt betonte Punkt bleibt bestehen—nämlich, dass eine Erschaffung mit einer
Seiendmachung einhergeht. Da haben wir also einen ontologischen Aspekt, auch wenn sich jemand, der von der Erschaffung von Fikta spricht, dessen nicht bewusst ist.
Dynamis hat geschrieben : ↑ So 5. Jul 2026, 13:02
Abgesehen wird in der zitierten Stelle sehr wohl ein ontologischer Standpunkt geäußert. Cixin Liu sagt zwei Sachen:
"Ihr gelingt es, mithilfe der Vorstellungskraft eine fantastische Welt zu konstruieren, die unwirklich, aber nicht übernatürlich ist."
Es wird eine Welt konstruiert, die "unwirklich" ist. Das ist bereits eine ontologische Position. …
Tja, selbst wenn Liu mit seiner Rede von konstruierten fantastischen (= fiktiven) Welten eine diesbezügliche Existenzannahme beabsichtigt, wissen wir immer noch nicht, ob es sich um eine
(fiktions-)externe oder
bloß (fiktions-)interne Existenzannahme
in Carnaps Sinn handelt.
In Analogie zu Carnaps Unterscheidung unterscheidet
David Chalmers zwischen
"ontologischen Existenzbehauptungen" ("ontological existence assertions") und
"gewöhnlichen Existenzbehauptungen" ("ordinary existence assertions").
Die Akzeptieren
"interner" oder
"ordinärer" Existenzaussagen
im Rahmen des fiktionalen Diskurses ist mit einem
externalistischen ontologischen Antirealismus in Bezug auf Fiktives vereinbar.
Man kann dann beispielsweise
internalistisch bejahen, dass
in der (fiktiven) Krieg-der-Sterne-Welt eine (fiktive) Person namens Luke Skywalker existiert, und zugleich
externalistisch verneinen, dass Luke Skywalker (
simpliciter [*) existiert.
[* schlechterdings, ohne alle Bedingung und Einschränkung]
In einem
ernsthaften ontologischen Diskurs über Fikta geht es einzig und allein um
externe, nichtordinäre Existenzfragen.
Dynamis hat geschrieben : ↑ So 5. Jul 2026, 13:02
Dein Denkfehler ist hier das "entweder - oder". Selbst dann, wenn man versuchen würde einen fiktionalen Antirealismus zu akzeptieren, wäre die Abgrenzung zwischen "total fiktional" und "partiell fiktional/partiell realistisch" nicht klar. Dafür sind die Geschichten von Cixin Liu ein hervorragendes Beispiel. Ein zentrales Element in der Handlung seiner Trisolaris-Trilogie ist die sogenannte
Dunkler-Wald-Hypothese. Bei dieser Theorie handelt es sich um eine Variante des aus der Literatur über internationalen Beziehungen bekannten
Sicherheitsdilemmas. Kurz gesagt geht die Theorie davon aus, dass außerirdische Zivilisationen aus Gründen ihrer eigenen Sicherheit zu maximaler Aggression in Form von Präventivschlägen genötigt sind: Vernichte den anderen, bevor du selbst vernichtet wirst. Vielleicht ist die Theorie falsch und in der Realität leben außerirdische Zivilisationen ganz friedlich und harmonisch in interstellaren Beziehungen zusammen, wir wissen es nicht. Aber dass es diese Theorie gibt, das ist eine Tatsache, und die ist zentral in das Werk von Cixin Liu eingebaut.
Ich habe bemerkt, dass das Adjektiv
"realistisch" doppeldeutig ist; denn es bedeutet einerseits
"mit der Wirklichkeit vereinbar" (z.B. "mit den Naturgesetzen vereinbar") und andererseits
"der Wirklichkeit entsprechend" = "wahr".
Eine
realistische Theorie oder Erzählung kann also
falsch, aber wirklichkeitsvereinbar oder
wahr und damit wirklichkeitsgetreu sein.
(Eine wirklichkeitsgetreue/wahre Darstellung ist notwendigerweise auch wirklichkeitsvereinbar, aber das Umgekehrte trifft nicht zu.)
Auch eine
total fiktionale Erzählung/Geschichte kann im ersten Sinn realistisch sein—z.B. indem darin nichts geschildert wird, das naturgesetzlich unmöglich ist.
Supernaturalistische Fiktionen sind in diesem Sinn
unrealistisch, d.h. nicht mit der Wirklichkeit (und ihren natürlichen Gesetzen) vereinbar; und sie sind auch im zweiten Sinn
unrealistisch, weil sie nicht der Wirklichkeit entsprechen und somit unwahr sind.
Lius Theorie vom kämpferischen Verhalten außerirdischer Zivilisationen mag
im ersten Sinn realistisch sein; aber wir wissen nicht, ob sie
im zweiten Sinn realistisch ist, d.h. wahrheitsgemäß das tatsächliche Verhalten tatsächlich existierender außerirdischer Zivilsationen beschreibt. Wenn es gar keine außerirdischen Zivilisationen gibt, dann verbleibt seine Theorie in dieser Hinsicht im Reich der totalen Fiktionen.
In der Krieg-der-Sterne-Welt gibt es einen vom Planeten Kashyyyk stammenden Wookiee namens Chewbacca. Diese Erzählung ist insofern realistisch, als sie mit der Wirklichkeit bzw. unserem Wissen darum
vereinbar ist; aber sie ist insofern unrealistisch (=
unwahr), als Chewbacca, Wookiees und Kashyyyk allesamt fiktive Dinge sind.
Saul Kripke würde außerdem argumentieren, dass selbst wenn eines Tages ein wirklicher Planet entdeckt werden würde, der der KDS-Beschreibung von Kashyyyk entspricht, sowie eine wirkliche, dort lebende Spezies, die der KDS-Beschreibung von Wookiees entspricht, dies die KDS-Geschichte nicht (partiell)
entfiktionalisieren, d.h. zu einer
nichtfiktionalen Geschichte machen würde—weil zwischen dem
fiktiven Planeten Kashyyyk und dem
realen Kashyyyk-ähnlichen Planeten sowie den
fiktiven Wookiees und der
realen Wookiee-ähnlichen Spezies nichtsdestotrotz keine
(numerische) Identität bestünde.
Dynamis hat geschrieben : ↑ So 5. Jul 2026, 13:02
Jörn hat gerade mit der Mona Lisa ein Argument gegeben, welches deine These fragwürdig erscheinen lässt.
Muss ich wirklich schon wieder auf den wichtigen Unterschied zwischen dem Sehen eines
Bildes als
des Abbildenden und dem Sehen
des Abgebildeten hinweisen?!
Dynamis hat geschrieben : ↑ So 5. Jul 2026, 13:02
Die definitive Widerlegung deiner These ist aber die folgende Überlegung: Manche Menschen, die auf Bildern abgebildet sind, sind real. Manche nicht. Wenn du die Entstehungsgeschichte dieser Bilder nicht kennst, ist es unmöglich zu entscheiden, ob der gemalte Mann mit langem weißen Rauschebart der Großvater des Künstlers ist oder einfach nur dessen Vorstellung entsprungen ist. Du kannst das anhand der sinnlichen Wahrnehmung nicht entscheiden. Du kannst das nur entscheiden, indem du den Künstler kennst. Deswegen ist Wahrnehmung kein Kriterium. Deine These ist falsch.
Nein, ist sie nicht.
Die Gelehrten streiten zwar tatsächlich darüber, ob auf dem Gemälde
Mona Lisa eine reale Person abgebildet ist oder nicht; doch ob wir die richtige Antwort kennen oder nicht, ist für die allgemeine Wahrheit meiner Aussage völlig unerheblich:
Consul hat geschrieben : ↑ Sa 4. Jul 2026, 21:56
Doch, die (sinnliche) Wahrnehmung liefert "ein eindeutiges Kriterium" für die
Realität/Nichtfiktivität von etwas, da man nichts Nichtreales/Fiktives wahrnehmen kann.
Entsprechend gilt: Wenn man
das Mona-Lisa-Gemälde sieht, dann ist das ein empirischer Beweis für die Existenz/Realität
des Gemäldes, aber natürlich nicht für die Existenz/Realität
der darauf abgebildeten Frau.