Consul hat geschrieben : ↑ Di 12. Mai 2026, 02:56
Ich teile Seths & Gazzanigas Skepsis. Der Nobelpreisträger Gerald Edelman hält künstliches Bewusstsein hingegen für möglich:
Anbei Auszüge von Anil Seth, „Beeing you“:
Seite 18:
„Some prominent theories in the science of consciousness continue to emphasise function and behaviour over phenomenology. Foremost among these is the ‘global workspace’ theory, which has been developed over many years by the psychologist Bernard Baars and the neuroscientist Stanislas Dehaene, among others. According to this theory, mental content (perceptions, thoughts, emotions, and so on) becomes conscious when it gains access to a ‘workspace’, which – anatomically speaking – is distributed across frontal and parietal regions of the cortex.“
„Einige prominente Theorien der Bewusstseinsforschung stellen weiterhin Funktion und Verhalten über die Phänomenologie. An erster Stelle steht hierbei die Theorie des „globalen Arbeitsraums“ (Global Workspace Theory), die über viele Jahre hinweg unter anderem von dem Psychologen Bernard Baars und dem Neurowissenschaftler Stanislas Dehaene entwickelt wurde. Dieser Theorie zufolge werden mentale Inhalte (Wahrnehmungen, Gedanken, Emotionen usw.) dann bewusst, wenn sie Zugang zu einem „Arbeitsraum“ erhalten, der – anatomisch betrachtet – über die Frontal- und Parietalregionen des Kortex verteilt ist.“
Seite 19:
„Although these theories are interesting and influential, I won’t have much more to say about either in this book. This is because they both foreground the functional and behavioural aspects of consciousness, whereas the approach I will take starts from phenomenology – from experience itself – and only from there has things to say about function and behaviour.“
„Obwohl diese Theorien interessant und einflussreich sind, werde ich in diesem Buch nicht viel mehr zu ihnen sagen. Das liegt daran, dass sie beide die funktionalen und verhaltensbezogenen Aspekte des Bewusstseins in den Vordergrund stellen, während der von mir verfolgte Ansatz bei der Phänomenologie – bei der Erfahrung selbst – ansetzt und erst von dort aus Aussagen zu Funktion und Verhalten trifft.“
Seite 298:
„My intuition – and again it’s only an intuition – is that the materiality of life will turn out to be important for all manifestations of consciousness.“
„Meine Intuition – und auch hier handelt es sich nur um eine Intuition – ist, dass sich die Materialität des Lebens für alle Erscheinungsformen des Bewusstseins als wichtig erweisen wird.“
Meine Stellungnahme: Zweifelsohne ist das Buch von Anil Set ein bedeutender Beitrag für die Erforschung des Bewusstseins. Allerdings stellt er von vornherein Aussagen zu Funktion und Verhalten, wie es z.B. Bernhard Baars und Stanislas Dehaene tun, hinten an. Aber gerade solche überwiegend empirische Erkenntnisse sollten entsprechend mitbewertet werden.
Consul hat geschrieben : ↑ Sa 30. Mai 2026, 00:00
Du erwähnst oben Peter Tse's Begriff
criterial causation. Ich habe eine Kopie seines Buches
The Neural Basis of Free Will (2013), worin er eine libertäre Auffassung vertritt; aber es ist lange her, dass ich es gelesen habe. Es gibt eine lesenswerte
kritische Besprechung.
Im Glossar des Buches findet sich Folgendes:
"Criterial Causation. Causation that involves a succession of criterial assessments of physically realized informational input that transforms, completes, and manipulates that information.…"
(Tse, Peter Ulric. The Neural Basis of Free Will: Criterial Causation. Cambridge, MA: MIT Press, 2013. p. 292)
Er spricht von
physisch realisierter Information und damit von Information als etwas
Konkretem.
Besonders wertvoll finde ich die Beiträge von Peter Ulric Tse, „The Neural Basis of Free Will“. Dabei sieht er bei der Kriterien Kausalität die Anordnung der Neuronen als etwas Konkretes an, aber die Informationsgewinnung wird durch die Struktur gewonnen. Strukturen sind aber ähnlich wie Pläne, Softwareprogramme, oder dem Mentalen nicht dem Konkreten sondern dem Abstrakten, also der Information zuzuordnen. Anmerkung: Die Neuro-Mentale Einheit ist sowohl dem Konkreten, wie auch dem Mentalen zuzuordnen).
Seite 26:
„§1.16 A central message of this book is that patterns in input can be genuinely causal only if there are physical detectors, such as neurons, that respond to patterns in input and then change the physical system in which they reside if the criteria for the presence of a pattern in inputs have been met.“
Und: „The causal efficacy of pattern detection among neurons is fundamentally different from the “downward causation” of a hurricane because pattern detection among neurons cannot be reduced to the localistic transfer of energy among colliding particles. A neuron does not absorb or transfer energy like a billiard ball. It assesses its inputs for satisfaction of physical/informational criteria, which, if met, lead to output. These criteria do not assess the amount of energy in inputs. They assess patterns in input.“
„§1.16 Eine zentrale Aussage dieses Buches ist, dass Muster in den Eingangssignalen nur dann eine echte kausale Wirkung entfalten können, wenn physische Detektoren – etwa Neuronen – vorhanden sind, die auf diese Muster reagieren und das physische System, dem sie angehören, verändern, sobald die Kriterien für das Vorliegen eines solchen Musters erfüllt sind.“
Und: „Die kausale Wirksamkeit der Mustererkennung bei Neuronen unterscheidet sich grundlegend von der ‚Abwärtskausalität‘ (downward causation) eines Hurrikans, da sich die Mustererkennung bei Neuronen nicht auf die lokalistische Energieübertragung zwischen kollidierenden Teilchen reduzieren lässt. Ein Neuron nimmt Energie nicht auf und überträgt sie auch nicht wie eine Billardkugel. Es prüft seine Eingangssignale daraufhin, ob bestimmte physikalische oder informationelle Kriterien erfüllt sind; ist dies der Fall, wird ein Ausgangssignal erzeugt. Bei diesen Kriterien geht es nicht um die Energiemenge der Eingangssignale, sondern um die in ihnen enthaltenen Muster.
Seite 167:
„A pattern may not even objectively exist in the world, much as a constellation that we see in the sky does not really exist in the universe, although, of course, the individual stars do. The pattern of the constellation Orion, for example, exists only contingently because of the placement of the Earth, and has no objective existence as a real physical object in the world made of energy in addition to that emitted by its constituent suns.“
„Ein Muster muss in der Welt nicht einmal objektiv existieren – ähnlich wie ein Sternbild, das wir am Himmel sehen, im Universum nicht wirklich vorhanden ist, auch wenn die einzelnen Sterne dies natürlich sind. Das Muster des Sternbilds Orion beispielsweise existiert nur kontingent aufgrund der Position der Erde; es besitzt keine objektive Existenz als reales physikalisches Objekt in der Welt – abgesehen von der Energie, die von den es bildenden Sonnen selbst ausgestrahlt wird.“
Seite 182:
„There Is No Backward Causation in Criterial Causation.“
„Bei der kriterialen Kausalität gibt es keine Rückwärtskausalität.“
Seite 365:
„But while criterial causation requires multiple realizability, this alone is not enough; criterial causation requires a many-to-one mapping between input and output in a net of criterial decoders that process information (§6.8). There do not appear to be nonbiological systems with this property, although future, nonalgorithmic computer hardware modeled on neuronal criteriality could possibly accomplish this.“
„Doch während kriteriale Kausalität eine multiple Realisierbarkeit voraussetzt, reicht dies allein nicht aus; kriteriale Kausalität erfordert eine Viele-zu-eins-Abbildung zwischen Input und Output in einem Netzwerk kriterialer Dekodierer, die Informationen verarbeiten (§ 6.8). Es scheint keine nicht-biologischen Systeme mit dieser Eigenschaft zu geben, wenngleich zukünftige, nicht-algorithmische Computerhardware, die der neuronalen Kriterialität nachempfunden ist, dies womöglich leisten könnte.“
Ich tendiere zu Informationsmodelle – Bewusstsein als integrierte Information, Bewusstsein entsteht dort, wo Information stark verwoben und verknüpft ist. Das Gehirn ist nur ein besonders dichter Knoten.
Vertreter: Giulio Tononi (iit), Christof Koch, Max Tegmark
Dazu: Stanislas Dehaene (* 12. Mai 1965 in Roubaix) ein französischer Neurowissenschaftler und Professor am Collège de France, beschreibt die 4 Signaturen des Bewusstseins in „Denken, wie das Gehirn Bewusstsein schafft, 2014“:
S 187:
„4 – Die Signaturen eines bewussten Gedankens BildgebendeVerfahren haben zu einem Durchbruch in der Bewusstseinsforschung geführt. Sie haben enthüllt, wie Gehirnaktivität sich entfaltet, wenn eine Information Zugang zum Bewusstsein erlangt, und wie diese Aktivität sich während der unbewusstenVerarbeitung unterscheidet. Vergleicht man diese beiden Zustände, wird erkennbar, was ich als »Signatur des Bewusstseins« bezeichne: ein verlässliches Zeichen, dass der Reiz bewusst wahrgenommen wurde. Im folgenden Kapitel beschreibe ich vier Signaturen des Bewusstseins. Obwohl ein unterschwelliger Reiz tief in den Kortex eindringen kann, wird diese Gehirnaktivität zunächst erheblich verstärkt, wenn dieser Reiz die Schwelle derWahrnehmung überschreitet. Er gelangt dann in viele zusätzliche Regionen, was zu einer plötzlichen Zündung parietaler und präfrontaler Schaltkreise führt (Signatur 1). Im Elektroenzephalogramm erscheint bewusster Zugang als späte, langsameWelle namens P3-Welle (Signatur 2). Dieses Ereignis tritt erst eine Drittelsekunde nach dem Reiz auf: Unser Bewusstsein hinkt hinter der Außenwelt her.Verfolgt man die Gehirnaktivität mit tief ins Gehirn eingepflanzten Elektroden, können zwei weitere Signaturen beobachtet werden: eine späte und plötzliche Häufung hochfrequenter Oszillationen (Signatur 3) und eine Synchronisation von Prozessen des Informationsaustauschs über ferne Gehirnregionen hinweg (Signatur 4). All diese Ereignisse liefern verlässliche Hinweise auf bewussteVerarbeitung.“
S 206:
„Demnach werden Handlungen und Empfindungen anscheinend auf sehr ähnlicheWeise bewusst wahrgenommen. Wieder scheint die P3-Welle eine verlässliche Signatur für die bewusste Bewertung im Gehirn zu sein– und diese Signatur entsteht recht lange nach dem Ereignis, das sie auslöste.“
S 218:
„Es ist diese späte Verstärkung der Gamma-Band-Aktivität und nicht ihr bloßes Vorhandensein, die eine Signatur bewusster Wahrnehmung bildet.“
S 263:
„Die Entdeckung von Signaturen des Bewusstseins stellt einen bedeutenden Fortschritt dar, aber diese Gehirnwellen und neuronalen Spikes erklären immer noch nicht, was Bewusstsein ist oder warum es auftritt.“
S 265:
„Wenn wir sagen, wir seien uns einer bestimmten Information bewusst, meinen wir damit einfach Folgendes: Die Information ist in ein spezifisches Speicherareal eingetreten, das sie für den Rest des Gehirns verfügbar macht.Von den Millionen mentaler Repräsentationen, die ständig kreuz und quer durch unser Gehirn laufen, wird eine ausgewählt, weil sie für unsere aktuellen Ziele relevant ist. Bewusstsein macht sie für all unsere Entscheidungssysteme auf höheren Ebenen umfassend verfügbar.“
S 366:
„Unsere von der Theorie herkommenden Signaturen des Bewusstseins sind empfindlicher geworden als der erfahrene Klinikarzt.“
S 388:
„… meine Frau Ghislaine, die Neuropädiaterin und Expertin für frühkindlicheWahrnehmung ist,…“
S 398:
„Wenn wir in den kommenden Jahren eineVielfalt von Arten systematisch testen, würde es mich nicht überraschen, wenn wir feststellten, dass alle Säugetiere und möglicherweise vieleVogel- und Fischarten Anzeichen für eine konvergente Evolution hin zur selben Art von bewusstem Arbeitsbereich aufweisen.“