Diesen Punkt hatte ich schon vorher kritisiert:Andreas Püttmann hat geschrieben : Auf der anderen Seite erklären Linke die Rechtsradikalisierung traditionell mit sozialen Missständen. Ungerechtigkeit und Armut in kapitalistischen Systemen brächten notwendigerweise Faschismus hervor."
Meine Aussage "Linke kritisieren doch andauernd neoliberale Denkstrukturen" hatte ich dann nachher noch mit einem Beispiel untermauert:Dynamis hat geschrieben : ↑Fr 5. Jun 2026, 16:18Ich finde es auffällig, wie der Autor auf der einen Seite behauptet, dass "linke Erklärungsmuster" versagen würde, und auf der anderen Seite selbst ein Zitat bringt, welches darauf verweist, dass "neoliberale Denkstrukturen für die Ausprägungen von Anspruchsdenken verantwortlich sind". Linke kritisieren doch andauernd neoliberale Denkstrukturen, oder habe ich da etwas falsch verstanden? Außerdem sind neoliberale Denkstrukturen in einem Wirtschaftssystem, welches auf Konkurrenz und Ausbeutung setzt, nicht besonders überraschend. Ein materialistisch argumentierender Marxist würde jetzt sagen "Das Sein bestimmt das Bewusstsein."
Die entsprechende Stelle, wo auf "neoliberale Konkurrenzlogiken" verwiesen wird, habe ich zu deiner Kenntnisnahme rot markiert.Gerd Wiegel hat geschrieben : "Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs des Realsozialismus, des Siegeszugs eines immer unbegrenzteren Kapitalismus und der weiteren Durchsetzung eines sich radikalisierenden Neoliberalismus erzielten in Österreich, Frankreich und Italien Parteien Erfolge, die eine modernisierte Form der extremen Rechten (vgl. Wiegel 2018) repräsentieren. Sie stießen nach und nach in Lücken vor, die vom etablierten Parteienspektrum und vor allem von den sozialdemokratischen Parteien gelassen wurden (vgl. Bathke/Spindler 2006, Butterwegge/Hentges 2008).
Die mit dem neoliberalen Modell einhergehende Vermarktlichung der gesellschaftlichen Beziehungen führte zur Etablierung von innergesellschaftlichen Konkurrenzmechanismen, die von dieser modernisierten extremen Rechten politisch aufgegriffen wurden. Wilhelm Heitmeyer u.a. haben in ihren Untersuchungen über ein Jahrzehnt (Heitmeyer 2001ff.) gezeigt, wie neoliberale Konkurrenzlogiken zu Ausgrenzungen verschiedener Gruppen der Bevölkerung führten. Die »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« richtet sich gegen Migrant*innen, Arbeitslose, Homosexuelle und andere Gruppen. Sie bildet bis heute die ideologische Basis des politisch erfolgreichen Teils der extremen Rechten."
In dieser Textstelle erwähnte Literatur:
Bathke, Peter/Spindler, Susanne (Hrsg.) (2006): Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa.
Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hrsg.) (2008): Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Heitmeyer, Wilhelm (2002-2011): Deutsche Zustände, 10 Bde.
Wiegel, Gerd (2018): Die modernisierte radikale Rechte in Europa. Ausprägungen und Varianten, in: Mario Candeias (Hrsg.), Rechtspopulismus, radikale Rechte, Faschisierung. Bestimmungsversuche, Erklärungsmuster und Gegenstrategien, Materialien Nr. 24 Rosa-Luxemburg-Stifung.
Dieser Widerspruch in Püttmanns Argumentation fällt schon auf. Auf der einen Seite positioniert er sich gegen "die Linken", auf der anderen Seite bringt er aber selbst ein Argument, warum sie recht haben könnten.
Dir, Timberlake, unterläuft ebenfalls ein Widerspruch:
Wenn soziale Missstände die Ursache des Faschismus sind, dann impliziert dies doch eines: Man kann dem Faschismus das Wasser abgraben, indem man gegen soziale Missstände vorgeht. Wenn man soziale Missstände behoben hat und der Faschismus ist dann immer noch da, dann waren soziale Missstände eben nicht die Erklärung für den Faschismus.Timberlake hat geschrieben : ↑Sa 4. Jul 2026, 23:56Nur glaube ich nicht daran, dass man "notwendigerweise" dadurch dem Faschismus das Wasser abgraben kann, in dem man gegen soziale Missstände Ungerechtigkeit und Armut in kapitalistischen Systemen vorgeht.
Du sagst nun "Was mich betrifft, so gehöre ich zu dieser anderen Seite", also zu dieser anderen Seite, die in den Worten Püttmanns die Rechtsentwicklung "traditionell mit sozialen Missständen. Ungerechtigkeit und Armut in kapitalistischen Systemen" erklärt. Aber dennoch glaubst du nicht, dass man dem Faschismus das Wasser abgraben kann, indem man gegen soziale Missstände vorgeht. Das ist eben dein Widerspruch.
Dass dir dieser Widerspruch unterläuft, ist nicht verwunderlich. Schließlich hast du dich schon vorher Spenglers Analyse angeschlossen, indem über eine "lebendige Natur" gesprochen hast. Ich empfehle dir daher noch einmal die beiden verschiedenen Analyseansätze auseinanderzuhalten: Entweder betreibt man Kapitalismuskritik oder man erklärt die Geschehnisse in der Welt mit einer wie auch immer gearteten "Natur". Beides gleichzeitig geht nicht:
Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 24. Jun 2026, 09:38Der Witz an der Kapitalismuskritik ist ja eben die Ersetzung einer naturalistischen oder moralinsauren Sichtweise durch die systemische Sichtweise. Man erklärt ökonomische und politische Phänomene nicht mehr dadurch, dass man die "Natur des Menschen" dafür verantwortlich macht oder moralische Verfehlungen anprangert, sondern man erklärt sie dadurch, dass man sie als systemisch bedingt durch den Kapitalismus analysiert. Wenn du mit dieser Form von Systemkritik nichts anzufangen weißt, alles gut, dann bist du eben anderer Meinung als der Kapitalismuskritiker. Dann machst du eben stattdessen die "Ökonomie der Arterhaltung" für die massiven Zerstörungen, die in unserer Welt angerichtet werden, verantwortlich. Ist ja auch ein möglicher Analyseansatz.
Aber bitte vermische die beiden Ansätze, Naturalismus und Systemkritik, nicht.