Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten

Dieser Teil des Forums befaßt sich mit politischen, sozialen und historischen Aspekten der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten.
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Consul
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Di 7. Jul 2026, 20:37

Dynamis hat geschrieben :
Di 7. Jul 2026, 10:55
Es ist auf der einen Seite richtig vor einer Gleichsetzung zu warnen. Auf der anderen Seite lassen sich im Rechtspopulismus durchaus Elemente ausmachen, die man als "faschistisch" oder als "Faschisierung" bezeichnen kann, ohne deswegen gleich die gesamte Strömung in die Faschismus-Schublade zu stecken.
Ja, es gibt gewisse Ähnlichkeiten; und wer (quasi-)faschistische oder faschistoide Elemente im Nationalpopulismus ausmacht, der setzt ihn damit in der Tat nicht insgesamt mit dem Faschismus (oder dem Nationalsozialismus) gleich.
Es ist möglich, dass sich der gegenwärtige Nationalpopulismus im Laufe der Zeit (re-)faschisiert; und es ist unverkennbar, dass sich immer mehr AfDler den neofaschistischen Neuen Rechten (z.B. Götz Kubitschek) annähern oder gar mit ihnen verbrüdern.
Der bereits erwähnte & zitierte Historiker Federico Finchelstein spricht von der Gefahr einer Entwicklung des Nationalpopulismus hin zu einem "Möchtegernfaschismus":
"Der Möchtegernfaschismus [wannabe fascism] ist eine unvollständige Form des Faschismus; sie ist typisch für jene, die die Demokratie aus kurzfristigem persönlichem Kalkül zerstören wollen, sich aber nicht voll und ganz der faschistischen Sache verschrieben haben. Im Jahr 1924 erläuterte der erste faschistische Diktator, Benito Mussolini, den Unterschied zwischen echten und unechten Faschisten: ‚Ich unterscheide zwischen Faschisten aus Willen, Leidenschaft und Überzeugung einerseits und jenen Faschisten, die gleichsam unstete Wanderer sind und stets die Ohren spitzen, um die Stimme der öffentlichen Meinung zu vernehmen.‘ Für Mussolini waren Erstere die wahren Faschisten, die auf dem Weg zur Macht nicht strauchelten, während Letztere zwar nach dem Faschismus strebten, es ihnen jedoch an Entschlossenheit mangelte; sie schwankten schließlich und erwiesen sich als schwach und wirkungslos." [übersetzt von Google]

(Finchelstein, Federico. The Wannabe Fascists: A Guide to Understanding the Greatest Threat to Democracy. Oakland, CA: University of California Press, 2024. p. 2)

"Indem er Faschismus und Populismus auf unerwartete Weise miteinander verknüpft, verkörpert Trump einen neuen Typus des globalen autokratischen Herrschers: den "Möchtegern"-Faschisten ["wannabe" fascist]. Dieser neue Typus des populistischen Politikers ist typischerweise ein rechtmäßig gewählter Anführer, der – im Gegensatz zu früheren Populisten, die darauf bedacht waren, sich vom Faschismus zu distanzieren – auf totalitäre Lügen, Rassismus und illegale Mittel zurückgreift, um die Demokratie von innen heraus zu zerstören. Der Möchtegernfaschist lässt sich als ein Populist definieren, der zum Faschismus strebt. Der Möchtegernfaschismus bleibt eine Vorstufe. Es handelt sich nicht um einen voll ausgeprägten Faschismus, da er noch nicht in eine Diktatur abgedriftet ist und sich nicht vollständig auf Terror stützt, um das Gewaltmonopol an sich zu reißen und Gewalt uneingeschränkt auszuüben." [übersetzt von Google]

(Finchelstein, Federico. The Wannabe Fascists: A Guide to Understanding the Greatest Threat to Democracy. Oakland, CA: University of California Press, 2024. pp. 9-10)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Timberlake
Beiträge: 3719
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Mi 8. Jul 2026, 01:32

Dynamis hat geschrieben :
Di 7. Jul 2026, 11:11
Timberlake hat geschrieben :
Di 7. Jul 2026, 00:18
Reden wir etwa beim Faschismus von einer Wirtschaftsordnung mit zentraler Planung und Lenkung der wirtschaftlichen Prozesse, wo die Märkte etwa nicht mehr mittels des Preismechanismus koordiniert werden? Das kannte ich eigentlich nur aus der DDR und das war ja wohl das ganze Gegenteil vom Faschismus.
Beim Faschismus spielt ideologisch weniger das Moment der Planung, sondern vielmehr das Moment der gewaltvollen Durchsetzung nationaler Interessen eine Rolle. Die Interessensgegensätze zwischen den Marktakteuren und den Bevölkerungsschichten werden nicht tatsächlich überwunden, sondern vielmehr gewaltsam unterdrückt.

Bevor ich dir darauf antworten kann, sehe ich noch einen Klärungsbedarf, was diese Interessengegensätze betrifft, also die zwischen Marktakteuren und den Bevölkerungsschichten! Wer sind die Marktakteure und was sind die Bevölkerungsschichten?

RosiG2 hat geschrieben :
Fr 5. Jun 2026, 14:48
Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten
von Andreas Püttmann


Undank und Anspruchsegozentrik unter AfD-Wählern

Die Balken der AfD-Anhänger ragen in Umfragen seit Jahren nicht nur bei den meisten politischen Sachthemen oder der Unzufriedenheit mit der Regierung heraus, sondern auch bei Fragen, die mit ihrem eigenen moralischen Profil sowie mit der Systemfrage zu tun haben. Exemplarisch dafür steht die von Infratest dimap gestellte Frage zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik im Jahr 2019: »Wie hat sich das Grundgesetz Ihrer Meinung nach alles in allem bewährt?« 30 Prozent der Bundesbürger meinten »sehr gut« und 58 Prozent »eher gut«. Nach Parteianhängern differenziert sagten »sehr gut«: FDP 48 Prozent, Grüne 45, CDU/CSU und SPD je 38, Linke 22 – und bei den AfD-Anhängern 7 Prozent.

Spitzenreiter waren AfD-Anhänger bei der Aussage: »Ich tue genug für den Staat« (89 Prozent), Schlusslicht bei der Aussage: »Der Staat tut genug für mich« (38 Prozent)

...
Um damit, unter Bezugnahme darauf, zugleich darauf aufmerksam zu machen, dass die Kategorie Marktakteure und demzufolge die Marktwirtschaft, bezüglich des Undanks und Anspruchsegozentrik unter AfD-Wählern keinerlei Rolle zu spielen scheint. Wenn also der Rechtspopulismus eine Bewegung von zu kurz gekommenen Narzissten ist, als zu kurz gekommene "Marktakteure" kommt sich diese "Bevölkerungsschicht" schon mal nicht vor.
Consul hat geschrieben :
Di 7. Jul 2026, 03:12


* Der Trumpismus ist nicht nur populistisch, sondern überschneidet sich auch mit dem pro-marktwirtschaftlichen libertären Konservatismus:

Ich denke, deshalb hat der rechtspopulistische Trumpismus auch überhaupt keine Probleme damit, sich mit dem pro-marktwirtschaftlichen libertären Konservatismus zu überschneiden.

hat geschrieben :
Oxfam-Studie: Wie Superreiche die Demokratie zerstören

Die Fakten sind erschütternd. In den vergangenen fünf Jahren – und besonders im letzten Jahr – ist die Vermögensungleichheit weltweit massiv gestiegen. Die zwölf reichsten Menschen der Welt besitzen heute mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Die Vermögen der Milliardäre sind in fünf Jahren um 80 Prozent gewachsen, allein im letzten Jahr um 16 Prozent. Das ist keine normale Marktdynamik mehr, sondern eine strukturelle Schieflage.

Besonders drastisch zeigt sich das am Beispiel Elon Musk: Er verdient laut Oxfam-Studie in vier Sekunden mehr als ein durchschnittlicher Mensch im Jahr.

Diese "Bevölkerungsschicht" dürfte darüber hocherfreut sein. So wie sie nun mehr als "Marktakteure" freie Bahn haben.




Dynamis
Beiträge: 623
Registriert: Di 24. Mär 2026, 19:10

Mi 8. Jul 2026, 10:38

Timberlake hat geschrieben :
Mi 8. Jul 2026, 01:32
RosiG2 hat geschrieben :
Fr 5. Jun 2026, 14:48
Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten
von Andreas Püttmann


Undank und Anspruchsegozentrik unter AfD-Wählern

Die Balken der AfD-Anhänger ragen in Umfragen seit Jahren nicht nur bei den meisten politischen Sachthemen oder der Unzufriedenheit mit der Regierung heraus, sondern auch bei Fragen, die mit ihrem eigenen moralischen Profil sowie mit der Systemfrage zu tun haben. Exemplarisch dafür steht die von Infratest dimap gestellte Frage zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik im Jahr 2019: »Wie hat sich das Grundgesetz Ihrer Meinung nach alles in allem bewährt?« 30 Prozent der Bundesbürger meinten »sehr gut« und 58 Prozent »eher gut«. Nach Parteianhängern differenziert sagten »sehr gut«: FDP 48 Prozent, Grüne 45, CDU/CSU und SPD je 38, Linke 22 – und bei den AfD-Anhängern 7 Prozent.

Spitzenreiter waren AfD-Anhänger bei der Aussage: »Ich tue genug für den Staat« (89 Prozent), Schlusslicht bei der Aussage: »Der Staat tut genug für mich« (38 Prozent)

...
Um damit, unter Bezugnahme darauf, zugleich darauf aufmerksam zu machen, dass die Kategorie Marktakteure und demzufolge die Marktwirtschaft, bezüglich des Undanks und Anspruchsegozentrik unter AfD-Wählern keinerlei Rolle zu spielen scheint. Wenn also der Rechtspopulismus eine Bewegung von zu kurz gekommenen Narzissten ist, als zu kurz gekommene "Marktakteure" kommt sich diese "Bevölkerungsschicht" schon mal nicht vor.
Die Umfrage zeigt doch, worum es hier geht. Die AfD-Anhänger sagen damit ausdrücklich, dass sie sich in einem Interessensgegensatz zum deutschen Staat befinden. Püttmann reagiert darauf mit staatsaffirmativer Ideologie, indem er es als "Undank" und "Anspruchsegozentrik" beschimpft, dass da Leute sich erdreisten sich nicht vollumfänglich mit diesem Staat zu identifizieren. Als Analyse ist das, was Püttmann hier fabriziert hat, daher nicht ernst zu nehmen.




Dynamis
Beiträge: 623
Registriert: Di 24. Mär 2026, 19:10

Do 9. Jul 2026, 10:26

Consul hat geschrieben :
Mi 8. Jul 2026, 21:54
Dynamis hat geschrieben :
Di 7. Jul 2026, 10:25
Im Falle von Gerd Wiegel wurde aber nichts "übersehen oder bewusst übergangen". In seinem Artikel hat er eine ideologische Zuspitzung beschrieben, die mit dem Rechtspopulismus einhergeht. Dafür hat er den Begriff des "sich radikalisierenden Neoliberalismus" gewählt.

Du sagst ja selbst, dass der von Milei vertretene Anarchokapitalismus sich durch eine besondere Radikalität auszeichnet. Genau diese Radikalität ist das, worauf sich Wiegels Rede von einem "sich radikalisierenden Neoliberalismus" bezieht. Dass es daneben noch einen moderaten Neoliberalismus gibt, mag ja sein, aber Wiegels Pointe ist eben die, dass dieser moderatere Neoliberalismus zunehmend nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, eben deswegen, weil sich die radikaleren Ideologievarianten durchsetzen.
Ein zum Anarchokapitalismus oder Paläolibertarismus (reaktionären Libertarismus) mutierter Neoliberalismus ist nicht länger neoliberal.
Ich habe Verständnis dafür, dass dich Wiegels Verwendung des Begriffs "Neoliberalismus" hier stört. Es tut mir sehr Leid, dass Wiegel hier so unsorgfältig in seiner Wortwahl war. Gleichzeitig nehme ich zur Kenntnis, dass du im Moment noch keine anderen Einwände gegen seine Analyse hast. Zum Glück habe ich noch einen anderen Text gefunden, welcher inhaltlich dieselbe Analyse enthält, aber auf Wiegels schlampig gewählte Formulierung verzichtet. Ich bin zuversichtlich, dass nun deiner Zustimmung nichts mehr im Wege steht.
Manfred Weißbecker hat geschrieben : Wenn heutzutage wieder besonders angestrengt um den Faschismusbegriff gerungen wird, geht es letztlich auch um die Suche nach möglichst exakter Bestimmung jener die bestehende Weltordnung verändernden Verhältnisse, in denen wir gegenwärtig leben. Dass diese kapitalistisch geprägt sind, wagt niemand zu bezweifeln. Zu sehen war, wie nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus die kapitalistische Wirtschaftsordnung zum vollen Durchbruch gelangt ist und sich gegenwärtig weltweit ihre negativen Seiten entfalten wie nie zuvor. Sowohl in vielen Nationalstaaten als auch auf globaler Ebene wird Stück für Stück zurückgenommen, was der Kapitalismus an politischem Fortschritt gebracht hat bzw. was gegen ihn durchgesetzt werden konnte. Es triumphiert erbarmungslose politische Geschäftemacherei, nahezu ausschließlich an ökonomischen Kriterien orientiert. Pures Profitstreben - neuerdings als »Deal« gepriesen - obsiegt über das Gleichheitsprinzip in Recht und demokratischer Verfasstheit. Schrankenloser Konkurrenzkampf hintertreibt vor allem auf globaler Ebene jeden der immer noch mit Verve verkündeten Ansprüche auf Freiheitsrechte und Menschenwürde. Zu sehen ist aktuell: Immer stärker werdende Multis und Mächte versuchen, sich immer größere Teile der Welt zu unterwerfen, dabei weder Gewalt, Terror noch Kriege scheuend, sicherheitspolitische Erwägungen und Standortkriterien über demokratische Rechte und Freiheiten stellend sowie das Völkerrecht offen missachtend. In vielerlei Gestalt wendet sich liberale Demokratie hin zu Autoritarismus. Erneut prägen Krisen aller Art das Zeitgeschehen. Imperialistische Wirtschafts- und Machtinteressen drängen nach Expansion.
(Quelle: "Der historische Faschismus und frühe marxistische Deutungen - Schnee von gestern oder doch beachtenswert?" in: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, Juni 2026.)




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