Philosophische Reflexionen der Gefühle

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Jörn Budesheim
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Do 16. Aug 2018, 06:21

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Gibt es eine Intentionalität der Gefühle? Oder sind Gefühle bloß innere Regungen?

Was soll es heißen, dass Gefühle eine intentionale Struktur haben? Gemeint ist, das (die meisten) Gefühle nicht bloß "in uns" sind, sondern, dass sie einen "äußeren" Gegenstand haben. Sie sind "über" oder "von" (etc.) etwas. Ein paar Beispiele: Man ist neidisch auf jemanden. Man hat Mitleid mit einer Kreatur. Man freut sich mit anderen über das gelungene Essen. Man ekelt sich vor dem Kadaver. Man liebt jemanden oder etwas. Man ist dankbar für ein Lächeln. Man ist traurig über den Tod des Vaters. Man hat Hoffnung auf bessere Tage. Man fürchtet sich vor dem Chef. Man ist stolz auf den 3. Platz im Rennen ... Gefühle haben also (in aller Regel) solche Objekte in der Welt, auf die sie sich beziehen und über die sie in aller Regel Werturteile Fällen. (Wie man das ausbuchstabiert, könnte Gegenstands des Threads werden.)

Es mag Stimmungen geben, vielleicht "gegenstandslose" Angst oder Melancholie für die das nicht in der selben Form gilt. Auch das gilt es (falls es stimmt) zu beachten.



“… und alles, was man weiss, nicht bloss rauschen und brausen gehört hat, lässt sich in drei Worten sagen.” (Kürnberger)

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ChrisH
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Di 11. Sep 2018, 10:33

Gibt es eine Intentionalität der Gefühle? Oder sind Gefühle bloß innere Regungen?
Was meinst du denn mit "bloß innere Regungen"? Kannst du das auch an einem Beispiel erläutern?

Mir kam bei dem Thread gerade eine Frage in den Sinn. Ich hoffe ich erkläre mich damit nicht selbst :lol:

Rennt eine von einem Löwen gejagte Gazelle vor dem Löwen davon, weil sie Angst hat, vor dem Löwen getötet zu werden - sie projeziert also ihren Überlebenswillen und ihre Angst vor dem Tod auf den Löwen, so wie in deinen Beispielen. Oder liegt das Davonlaufen in ihrer genetischen Struktur, weil sie gelernt hat, vor einem Löwen davon zu laufen. Wobei ihr aber nicht bewusst ist, dass sie sterben wird, geschweige denn, was der Tod überhaupt bedeutet.
Ich denke zweiteres ist "innere Regungen" gemeint? Ehrlich gesagt sehe ich da aber wieder keinen so großen Widerspruch zur Intentionalität. Denn letztendlich ist ihr Weglaufen immer noch eine Reaktion auf eine Gefahr. Ob bewusst, oder nicht.



Mit freundlichen Grüßen
Chris

Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man was schönes bauen.
- Johann Wolfgang von Goethe -

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Jörn Budesheim
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Di 11. Sep 2018, 18:59

ChrisH hat geschrieben :
Di 11. Sep 2018, 10:33
Was meinst du denn mit "bloß innere Regungen"? Kannst du das auch an einem Beispiel erläutern?
Zu den Gazellen: Wie die Dinge bei den anderen Tieren liegen, kann ich nicht sagen. Ich hab mich auf den Mensch bezogen.

Zu den Beispielen: Wenn Gefühle im wesentlichen bloß innere Regungen sind, dann müsste man meine Beispiel entsprechend umformulieren können. Man müsste sie erklären können, ohne auf ihren Gegenstand Bezug zu nehmen, schätze ich. Wenn man das kann, dann ist der "Widerspruch" anders als du schreibst sehr groß. Denn zu sagen, dass man (die meisten) Gefühle nur unter Bezugnahme auf ihren Gegenstand verständlich machen und zu sagen, dass man es auch ohne diese Bezug sagen kann, sind sich ausschließende Gegensätze.

Zur Projektion: Ich glaube nicht, dass es sich beispielsweise bei Angst generell um eine Projektion handelt. Ich würde jedoch vermuten, dass es sich bei der "Anatidaephobie" um eine Projektion handeln könnte. Das ist die Angst, von Enten angeschaut zu werden. Entenblicke sind jedoch für Menschen ungefährlich, weshalb es sich hier um eine Störung handelt. Vielleicht eine Projektion. Löwen hingegen sind in der Regel tatsächlich für Menschen gefährlich, so dass wir es hier mit einem objektiven Gefühl zu tun haben. Gefühle können ihren Gegenstands also richtig oder falsch erfassen. Vielleicht kann man im "Verfehlungsfall" von einer Projektion sprechen - müsste man Mal genauer betrachten.

Zur "genetischen Struktur": Ich vermute, dass manche unserer Gefühle angeboren sind. Allerdings spricht dieser Umstand nach meiner Einschätzung weder dafür, dass Gefühle auf etwas gerichtet sind, noch dagegen. Das scheint mir logisch unabhängig zu sein.



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Di 11. Sep 2018, 19:24

Die Behauptung lautet jedoch nicht, dass Gefühle nichts "Inneres" haben. Auf etwas Lust zu haben (oder wie man es auch immer formulieren mag) mag zwar auch ein "innerer Zustand" sein, aber es hat einen Gegenstand: "etwas".



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Jörn Budesheim
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Di 11. Sep 2018, 19:28

Mag sein, dass es Gefühle ohne Gegenstand gibt, etwas die berühmte unbestimmte "Angst" ohne "wovor". Ich bezweifle nur, das Gefühle generell keine "Pfeile" sind.



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Di 11. Sep 2018, 19:53

Wofür oder wogegen ist das ein Argument?



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Di 11. Sep 2018, 20:04

Ich sage nicht, dass alles ein Argument sein muss. Der Satz klang für mich so, als wolltest du damit für etwas argumentieren ... ich konnte aber nicht erkennen wofür.



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Jörn Budesheim
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Mi 12. Sep 2018, 19:44

Ich meine, dass der Gegenstand des Gefühl nicht automatisch der Grund des Gefühl sein muss. Falls mit Grund Ursache gemeint ist, konnte dies hier ein Gegenargument sein. Hans hat Angst vor der morgigen Klausur. Die Klausur wirkt aber nicht aus der Zukunft kausal auf Hans ein. Auf der anderen Seite hat Hans auch nicht Angst vor seiner Vorstellung von der Klausur :-)



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Do 13. Sep 2018, 13:42

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 11. Sep 2018, 19:24
Die Behauptung lautet jedoch nicht, dass Gefühle nichts "Inneres" haben. Auf etwas Lust zu haben (oder wie man es auch immer formulieren mag) mag zwar auch ein "innerer Zustand" sein, aber es hat einen Gegenstand: "etwas".

Und das wiederum bedeutet, daß Gefühlen ein Bezug zur (Außen)-Welt eigen ist. Mit Gefühlen, so würde ich es zugespitzt formulieren, picken wir das aus der Welt heraus, was für uns von Bedeutung ist ... nein, präziser: Gefühle machen "etwas" aus der Welt erst bedeutungsvoll für uns.

Person X, die ich vorübergehen sehe und die nichts in mir auslöst, bleibt ein neutraler Bestandteil einer Welt, die mich nichts angeht. Person Y, die ich vorübergehen sehe und deren Lächeln, Gang und Kleidung in mir eine kleine Freude auslöst, kriegt aufgrund der warmen Empfindung eine Bedeutung für mich. Sie wird zu dem Teil der Welt, die mir etwas bedeutet.




Tosa Inu
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Do 13. Sep 2018, 17:35

Tommy hat geschrieben :
Do 13. Sep 2018, 16:50
Schwieriger wird es ein Beispiel dafür zu finden, dass sie überhaupt keinen Gegenstand (zum Ziel oder als Ursache) haben.
Kommt drauf an, wie eng oder weit man den Rahmen der Ursache zieht, aber das Holotrope Atmen ist da ein Kandidat für solche Erlebnisse:
psyheu hat geschrieben : "Mitunter kann man Dinge erleben, die man aus dem Alltag nicht kennt. Wir alle kennen Gefühle des Glücks und der Leids und so gut wie immer würden wir sie sofort mit äußeren Ereignissen verknüpfen. Ich bin glücklich, weil …, ich bin traurig, wütend oder ängstlich, weil …, aber beim verbundenen Atmen erlebt man Gefühle in ihrer reinen Form, ohne ihre Anbindung an äußere Ereignisse. Reine Emotionen, reine Energie zu spüren, das erinnert ein wenig an die Archetypen des Platon, jene Urideen, die die eigentlichere oder andere Seite der Wirklichkeit darstellen sollen. Da mir selber beim verbundenen Atmen die Begegnung mit etwas, was ich als so eine reine Emotion bezeichnen würde, widerfahren ist, stellt sich mir die Frage, ob die Ideenlehre wirklich ausgedacht ist oder nicht zu einem guten Teil auf Erfahrungen beruht, jenen, dass bestimmte Emotionen zu haben eben nicht notwendig mit dem verbunden sein muss, was wir als Träger derselben deuten, sondern, dass wir diese reinen Formen in uns finden oder was auch immer man da besucht, wenn man die diversen Pfade nach Innen betritt."
Quelle und mehr



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Jörn Budesheim
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Do 13. Sep 2018, 18:24

Tommy hat geschrieben :
Do 13. Sep 2018, 16:50
Aussenwelt
Meines Erachtens braucht man zur Erläuterung des Begriffs Intentionalität den Begriff "innen" und "außen" nicht, wenn man vom Gegenstand spricht. Der Gegenstand, auf den die Gefühle gerichtet sind, kann durchaus etwas Inneres sein. Wenn jemand an sich selbst denkt, ist er halt selbst der Gegenstand seiner Gedanken.



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Jörn Budesheim
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Do 13. Sep 2018, 19:36

Ich würde das nicht so interpretieren wie du, was Friederike sagt - wegen der Klammer. Müsste sie sich selbst zu äußern.



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Friederike
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Fr 14. Sep 2018, 08:51

Die Klammer hatte ich gesetzt, weil ich selber unschlüssig war, d.h. ich wollte mich nicht festlegen. Aber jetzt denke ich auch, daß ich ärgerlich sein kann wegen eines Fehlers, den ich gemacht habe. Der Ärger hat also eine Handlung von mir zum Gegenstand. Eigentlich war die Klammer überflüssig bzw. verwirrend, weil ich mit "Welt" die Außenwelt meinte, und unschlüssig war ich mir wegen der der Innenwelt.




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Jörn Budesheim
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Fr 14. Sep 2018, 11:06

Also, wie oben schon gesagt, verstehe ich unter Intenionalität, dass etwas von etwas handelt, auf etwas gerichtet ist. Ein Gedanke kann von anderen Gedanken handeln, ein Gefühl kann sich auf ein anderes Gefühl richten, zum Beispiel die Angst vor der Angst. Der Gegenstand - also das wovon das Gefühl handelt, worauf es gerichtet ist - verursacht das Gefühl nicht generell. Ursache/Grund des Gefühls und Gegenstand des Gefühls sind keine gegeneinander austauschbare Begriffe. Die Angst vor den kommenden Weihnachtstagen wird sicher nicht von diesem zukünftigen Ereignis verursacht, denn Kausalität läuft nicht in der Zeit rückwärts :-)



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Fr 14. Sep 2018, 12:15

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 14. Sep 2018, 11:06
Also, wie oben schon gesagt, verstehe ich unter Intenionalität, dass etwas von etwas handelt, auf etwas gerichtet ist. Ein Gedanke kann von anderen Gedanken handeln, ein Gefühl kann sich auf ein anderes Gefühl richten, zum Beispiel die Angst vor der Angst. Der Gegenstand - also das wovon das Gefühl handelt, worauf es gerichtet ist - verursacht das Gefühl nicht generell. Ursache/Grund des Gefühls und Gegenstand des Gefühls sind keine gegeneinander austauschbare Begriffe. Die Angst vor den kommenden Weihnachtstagen wird sicher nicht von diesem zukünftigen Ereignis verursacht, denn Kausalität läuft nicht in der Zeit rückwärts :-)
Ich versuche, mir an einem Beispiel verständlich zu machen, inwiefern "Grund" überhaupt eine Bedeutung haben kann im Zusammenhang mit einem Gefühl. Ich ärgere mich über Person x; der Ärger tönt aber nun die nachfolgende Begegnung mit Person Y. Person Y ist nicht der Gegenstand meines Ärgers; daß ich auf Person Y ärgerlich bin, ist in meinem Ärger über Person X begründet. So vielleicht? Das scheint mir ziemlich windschief zu hängen, weil mein Ärger sich ja gerade nicht auf Person Y richtet. Vielleicht ist dies eher ein Beispiel dafür, wie ein Gefühl sich zur Stimmung ausweitet oder gegenstandslos wird.




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Fr 14. Sep 2018, 12:42

Friederike hat geschrieben :
Fr 14. Sep 2018, 12:15
Ich versuche, mir an einem Beispiel verständlich zu machen, inwiefern "Grund" überhaupt eine Bedeutung haben kann im Zusammenhang mit einem Gefühl.
Hätten wir nicht eine innere Disposition zu Freude und Ärger (und eigentlich den 5 bis 7 Basisemotionen oder -affekten), könnten wir gar nicht ablehnende (Weinen, Wegdrehen) oder erfreute (Lachen) Reaktionen auf Reize in der Außenwelt zeigen, was aber neugeborene Kinder schon können.

Diese zunächst unspezifischen Reaktionsdispositionen kristallisieren sich zu dem aus, was dieses spezielle Baby mag und (eine Frage des Temperaments) ab wann und wie intensiv es auf diese ‚äußeren‘ Reize reagiert. So entstehen Triebe, die in fundamentale Kategorien von gut und böse, als Summe oder Bündelungen der abgelehnten und gemiedenen oder erwünschten und gesuchten Reize. Diese ‚äußeren‘ Reize können allerdings auch Blähungskoliken oder später das Zahnen sein, was die Geschichte etwas kompliziert macht, da das Kind noch nicht erkennen kann, was innen und außen in unserem antrainierten Sinne ist.

Gründe kommen dann später ins Spiel, noch später können einige dann wieder aus dem Spiel genommen werden, indem man sie als Projektionen durchschaut.



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Fr 14. Sep 2018, 13:24

Tosa Inu hat geschrieben :
Fr 14. Sep 2018, 12:42
Hätten wir nicht eine innere Disposition zu Freude und Ärger (und eigentlich den 5 bis 7 Basisemotionen oder -affekten), könnten wir gar nicht ablehnende (Weinen, Wegdrehen) oder erfreute (Lachen) Reaktionen auf Reize in der Außenwelt zeigen, was aber neugeborene Kinder schon können.

Diese zunächst unspezifischen Reaktionsdispositionen kristallisieren sich zu dem aus, was dieses spezielle Baby mag und (eine Frage des Temperaments) ab wann und wie intensiv es auf diese ‚äußeren‘ Reize reagiert. So entstehen Triebe, die in fundamentale Kategorien von gut und böse, als Summe oder Bündelungen der abgelehnten und gemiedenen oder erwünschten und gesuchten Reize. Diese ‚äußeren‘ Reize können allerdings auch Blähungskoliken oder später das Zahnen sein, was die Geschichte etwas kompliziert macht, da das Kind noch nicht erkennen kann, was innen und außen in unserem antrainierten Sinne ist.

Gründe kommen dann später ins Spiel, noch später können einige dann wieder aus dem Spiel genommen werden, indem man sie als Projektionen durchschaut.
Verstehe ich Dich richtig, daß "Disposition" und "Reiz" nicht "Grund" für Dich sind, weil Du sagst, Gründe kämen erst später ins Spiel? Deine beiden ersten Abschnitte interpretiere ich allerdings so, daß "Dispositionen" und "Reize" sehr wohl "Gründe" sind. Oder wie meinst Du?




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Fr 14. Sep 2018, 13:31

Friederike hat geschrieben :
Fr 14. Sep 2018, 12:15
Vielleicht ist dies eher ein Beispiel dafür, wie ein Gefühl sich zur Stimmung ausweitet oder gegenstandslos wird.
Übrigens finde ich diesen Gedanken von mir interessant. :lol: Es würde der gängigen Auffassung widersprechen, Stimmungen seien eine eigene Kategorie, die von der der Gefühle zu unterscheiden sei. Falls man bei der Unterscheidung bliebe, dann würde es der inzwischen zum common sense gehörenden Auffassung von der Intentionalität der Gefühle widersprechen - und zwar im normalen Alltagsleben (letzteres schreibe ich mit Blick auf Dein Zitat aus psyheu, @T.I.).




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Fr 14. Sep 2018, 15:01

@ 'Friederike':

Ich würde Grund und Ursache unterscheiden, in der Weise, wie es üblicherweise in der Philosophie gemacht wird.
Dir Ursache lässt den Dominostein umkippen, der Grund ist komplexer und rational unterfüttert.

Insofern haben Säuglinge eine angeborene Disposition zur affektiven Reaktion und äußere Reize sind die Ursache, aber sie sind kein Grund (für die Babys selbst, der Beobachter kann ihnen allerdings diesen Grund zuschreiben). Wenn man dann sagen kann, dass man weint, weil man traurig ist und traurig ist, weil die Katze gestorben ist, hat man einen Grund.

Deine Idee, dass sich Affekte oder aktuelle Emotionen zu Stimmungen ausweiten können, finde ich nachvollziehbar und ich kann sie teilen.

Ob man die reinen Gefühle, die man beim holotropen Atmen erleben kann, Regressionen auf sehr frühe Ebenen sind oder Progressionen in Bereiche der platonischen Archetypen, weiß ich nicht. Aber die Erlebnisse sind schon äußerst eindrucksvoll.



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Fr 14. Sep 2018, 16:40

Tosa Inu hat geschrieben :
Fr 14. Sep 2018, 15:01
Insofern haben Säuglinge eine angeborene Disposition zur affektiven Reaktion und äußere Reize sind die Ursache, aber sie sind kein Grund (für die Babys selbst, der Beobachter kann ihnen allerdings diesen Grund zuschreiben). Wenn man dann sagen kann, dass man weint, weil man traurig ist und traurig ist, weil die Katze gestorben ist, hat man einen Grund.
Der Gegenstand der Traurigkeit ist die verstorbene Katze. Der Grund für die Traurigkeit ist die verstorbene Katze. Ich blicke nicht, inwiefern diese Unterscheidung sinnvoll oder nötig ist. Aber das müßtest Du vielleicht eher beantworten @Jörn, denn Du hattest gemeint, Gegenstand eines Gefühls und Grund seien nicht austauschbare Begriffe. Hier ist nun das Weinen noch dazwischengeschoben, vermutlich um die Komplexität zu zeigen, die einen "Grund" auszeichnet, aber ich finde, das verwirrt den Sachverhalt mehr als daß es ihn klärt.

Ich frage mal anders: Was ist der Sinn der Unterscheidung in "Grund" und "Gegenstand" (Intentionalität) bei Gefühlen?




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