Nauplios hat geschrieben : ↑Do 22. Sep 2022, 16:03
Diese "Definitionen" der Philosophie, die im Umlauf sind, werfen alle ein Licht auf die Philosophie, das bestimmte Aspekte zeigt; keine davon ist falsch, aber keine ist vollständig. "Liebe zur Weisheit" - ja ok, das ist die wörtliche Übersetzung, wobei man hier schon wieder unterschiedliche Auffassungen haben kann, was denn das griechische sophia eigentlich bedeutet.
Wie gesagt: Stückwerk, Halbzeug, nichts Genaues ...Aber muß uns das bekümmern?
Um dazu und zwar zu diesem Stückwerk .. NOCHMALS ! .. Heidegger, in Form einer Anekdote , aus dem Jahr 1934 , zu Wort kommen zu lassen ...
- "Wir wollen jetzt noch einige Ergänzungen geben zu dem , was in der vorigen Stunden besprochen wurde , zuvor ist aber noch eine weitere Vorfrage zu erledigen : Verschiedene Hörer sind mit der Bemerkung an mich herangetreten , das Thema unserer Übung läge ihnen zu fern , sie könnten die geplanten Erörterungen ja zu nichts gebrauchen. Das charakterisiert ja meine Seminarübungen ganz vortrefflich. Zur Illustrierung will ich eine kleinen Geschichte erzählen. Ich machte neulich Besuch in einer hiesigen Familie , dem Mädchen , welches mich anmeldete , entfuhr es dabei: Heidegger ! Ist das der , bei dem die Studenten nichts lernen ? Das Mädchen hatte kurz zuvor noch bei einem Chemieprofessor gedient. Dies war die allerbeste Definition für meine Lehrtätigkeit. Sie lernen praktisch hier nichts! Die Frage , ob man Philosophie brauchen kann , ist von vornherein nicht zu entscheiden. Vielleicht merken sie es nach 4 Jahren , wenn sie fertig studiert haben , oder vielleicht erst im 40ten Jahr , dann ist es aber zu spät. Um ein Automobil oder Fahrrad herzustellen , braucht man allerdings keine Philosophie, aber doch Mechanik , d.h. dann aber Physik"
In der Fortsetzung der Anekdote, führt Heidegger dazu folgendens aus ..
- Um ein Automobil oder Fahrrad herzustellen , braucht man allerdings keine Philosophie, aber doch Mechanik , d.h. dann aber Physik d.h. wie sie durch Galilei begründet wird. Wir hätten aber keinen Galilei und Newton , wenn es keinen Aristoteles gegeben hätte . Aristoteles philosophiert aber nicht in der Voraussicht , dass man seine Philosophie zum Automobilbau gebrauchen kann . Es handelt sich jetzt nicht um Automobile sondern um den Staat. Der Staat steht nicht an der Wand herum , so dass wir ihn hernehmen und betrachten können , sondern wir wissen ja nicht , was der Staat ist, wir wissen nur , dass so etwas wie der Staat im werden ist . Unser Staat wird in 60 Jahren bestimmt nicht mehr vom Führer getragen, was dann aber wird , steht bei uns . Deshalb müssen wir philosophieren.
- Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.
Friedrich Nietzsche .. Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre