Nietzsche im Allgemeinen und Speziellen

Philosoph
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Roland_Kaschube
Beiträge: 19
Registriert: Mo 29. Jan 2024, 17:07

Fr 29. Mär 2024, 16:33

Hallo liebe Leute,

Die Philosophie von Nietzsche ist oftmals missverständlich, unverständlich, komplex, mit Reizwörtern aufgeladen, von Vorurteilen behaftet, poetisch, lyrisch, zeitgemäß, unzeitgemäß...

Hat irgendwer eine Frage zu Nietzsche, die noch unbeantwortet geblieben ist?

Wenn ja, möchte ich gern bei der Klärung behilflich sein.

Lieben Dank und Grüße,

Roland



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Michael7Nigl
Beiträge: 191
Registriert: Mi 3. Jan 2024, 00:49

Fr 29. Mär 2024, 17:44

Gibt es in Nietzsches Texten Frauenfeindlichkeit?

Als Beispiel kann man sich das Kapitel "Von alten und jungen Weiblein" in Also sprach Zarathustra einmal geben:

https://www.projekt-gutenberg.org/nietz ... s3018.html

Dort ist u.a. zu lesen: "Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht."

oder "Oberfläche ist des Weibes Gemüth, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer. Des Mannes Gemüth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht."

Ist das künstlerische Freiheit? Ist das eine lyrische Beschreibung der Geschlechter? Oder ist es schlicht und einfach Frauenfeindlichkeit?

Mich würde interessieren, was Du, Roland, und die anderen Mitglieder des Forums darüber denken.




Roland_Kaschube
Beiträge: 19
Registriert: Mo 29. Jan 2024, 17:07

Mi 3. Apr 2024, 16:20

Hi Michael,

Danke für die Frage.

War Nietzsche frauenfeindlich?

Diese Frage lässt sich mit einem klaren Jein beantworten - Nietzsche war definitiv beides.

Gibt es in Nietzsches Texten Belege für Frauenfreindlichkeit? Die gibt es reichlich, und es ist müßig sie aufzuzählen. Gleichzeitig lassen sich Passagen finden, in welchen Nietzsche seinen Respekt gegenüber Frauen ausdrückt. Vor allem war ihm Gewaltlosigkeit wichtig!

Wie wir wissen, wuchs Nietzsche ohne Vater in einem Frauenhaushalt auf: Großmutter, zwei Tanten, Mutter, Schwester und Dienstmädchen - 6 : 1. Sowas nennt man wohl Übermacht. Das hat ihn definitiv geprägt.

Insgesamt lässt sich sein Verhältnis zu den Frauen als ambivalent bezeichen. Im Wesentlichen ging es ihm um Distanz zur Weiblichkeit. Nietzsche hat stets einen Sicherheitsabstand eingehalten; nicht zuletzt, um nicht heiraten zu müssen. Sehr modern sind seine Vorschläge zur "Ehe auf Zeit" (das steht bei Nietzsche so nicht wörtlich). Seine Äußerungen gegen die Ehe sind kühn und absolut unzeitgemäß.

In Anlehnung an Paul Rée "Psychologische Beobachtungen" von 1875 (Kapitel: Über Weiber, Liebe und Ehe) befinden sich in Nietzsches aphoristischen Schriften ab 1878, also ab "Menschliches, Allzumenschliches", stets Abhandlungen über Weib und Kind. Berühmt wurde vor allem das Zitat "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" aus dem ersten Teil von Zarathustra. In einer Nachlasssnotiz verrät er, dass es um "Distanz" geht. "Du gehtst zu Frauen? Dann wahre den Abstand!" - so könnte man das Zitat übersetzen.

Abschließend: Nietzsche war wahrscheinlich bisexuell oder homosexuell veranlagt, was sich in seinen Schriften nachweisen lässt, denn Nietzsche hatte ein deutliches Faible für Männer, wenngleich er mehrere recht intensive Freundschaften zu Frauen pflegte.

"Unterm Strich" halte ich das Thema "Frauen" bei Nietzsche für überbewertet, denn sein Frauenbild war eher konservativ. Das soll heißen: Für Nietzsche war der Platz der Frauen vor allem in der Küche, bei den Kindern oder der Wäsche zu finden.

Nietzsches philosophische Verdienste liegen daher nicht bei der Bewertung der holden Weiblichkeit, sondern sind in seiner ästhetischen Philosophie zu finden. Daher finde ich die Frage nach Nietzsches Verhältnis zu den Frauen eher müssig und abgenutzt. Da sind diverse andere Aspekte wesentlich wichtiger.

Next question, please!! Danke!



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Timberlake
Beiträge: 1733
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Mo 15. Apr 2024, 23:26

Roland_Kaschube hat geschrieben :
Mi 3. Apr 2024, 16:20
Hi Michael,

In Anlehnung an Paul Rée "Psychologische Beobachtungen" von 1875 (Kapitel: Über Weiber, Liebe und Ehe) befinden sich in Nietzsches aphoristischen Schriften ab 1878, also ab "Menschliches, Allzumenschliches", stets Abhandlungen über Weib und Kind. Berühmt wurde vor allem das Zitat "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" ...
.. um bei diesem Bild zu bleiben , Nietzsche einmal selbst "umgewertet" ..

Bild
nossmann.com hat geschrieben :
Lou Andreas-Salomé

"Entgegen dem Willen der Mutter, die sie am liebsten schnellstens unter die Haube gebracht hätte, begann sie ein Studium als Gasthörerin in Zürich, der einzigen Universität in Europa an der damals auch Frauen zumindest als Gast geduldet wurden. Sie belegte Vorlesungen in Philosophie (Logik, Geschichte der Philosophie, Antike Philosophie und Psychologie) und Theologie (Dogmatik). Hier lernte sie auch Paul Rée und seinen Freund Friedrich Nietzsche kennen, die sich beide auch gleich unsterblich in sie verliebten und deren beider Heiratsanträge sie natürlich ablehnte. Während Paul Rée die Abweisung noch wie Kavalier hinnahm geriet Nietzsche in übellaunige Raserei. Da er keine Lust mehr auf ein rein geistiges Miteinander hatte beschimpfte er die Unerreichbare nunmehr als „übelriechendes Äffchen mit falschen Brüsten“. Das Trio flog auseinander. Auch wenn es ihm später leid tat sich so gehen gelassen zu haben und sich hierfür auch mehrfach schriftlich entschuldigte, gab es zwischen den beiden keine Aussöhnung mehr. "

"Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und Sinn ist,—die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne Wissen,—wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute,—wusstet ihr das schon?«

So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an deren Glanz der Menschengeist erblindet.

Denn kein Verstand führt in die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,—nicht hineinklettern lässt es sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, noch auf deinen eigenen Kopf zu steigen: wie wolltest du anders aufwärts steigen?... Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,—hinan, hinauf, bis du auch deine Sterne noch unter dir hast!« (Also sprach Zarathustra III 2 f.)"

Lou Andreas Salome . ... Friedrich Nietzsche in seinen Werken




Roland_Kaschube
Beiträge: 19
Registriert: Mo 29. Jan 2024, 17:07

Mi 17. Apr 2024, 17:48

Sehr richtig



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