Was heißt Populismus?

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Jörn P Budesheim
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Do 21. Feb 2019, 12:15

Bertelsmann Stiftung hat geschrieben : KURZ ERKLÄRT: Populismus als eine bestimmte Idee von Demokratie ist definiert durch die Unterscheidung zwischen einem „wahren Volk“ und „korrupten Eliten“, die Idee eines allgemeinen Volkswillens und die Idee gesellschaftlicher Homogenität.

Daraus ergeben sich die drei konstituierenden Dimensionen von Populismus: „Anti-Establishment“, „Pro-Volkssouveränität“ und „Anti-Pluralismus“. In diesen drei Dimensionen lassen sich populistische Einstellungen auch empirisch durch Umfragen messen:

Je stärker Wähler Aussagen und Positionen vertreten, die den drei Populismus-Dimensionen entsprechen, umso populistischer sind sie. Die im Populismusbarometer verwendeten acht Items zur Identifikation von Populismus wurden in zahlreichen Studien entwickelt und getestet (z.B. Akkerman et al. 2013; Hawkins et al. 2012). Sie werden heute in dieser oder ähnlicher Form als weithin akzeptierter methodischer Standard zur vergleichenden Messung populistischer Einstellungen verwendet (Kaltwasser 2017; Van Hauwaert und Van Kessel 2018). Wichtig für das Verständnis von Populismus ist, dass keine der drei Dimensionen alleine hinreichend ist für die Identifikation populistischer Einstellungen. Alle drei Dimensionen sind notwendige Bedingungen für Populismus und müssen gleichzeitig erfüllt sein. Gleiches gilt auch für die acht verschiedenen Items: Nur im gleichzeitigen Zusammenspiel wird aus den einzelnen Aussagen ein insgesamt populistisches Demokratie- und Politikverständnis. Deshalb gilt in unserem Populismusbarometer nur derjenige als „populistisch“, der allen acht Aussagen „voll und ganz“ oder „eher“ zustimmt.

Befragte, die mindestens einer Aussage „überhaupt nicht“ zustimmen, oder mindestens der Hälfte der acht Aussagen „eher nicht“ zustimmen, werden dagegen als unpopulistisch eingestellt bezeichnet. Alle anderen Befragten sind weder populistisch noch unpopulistisch eingestellt und fallen in die Kategorie „teils/teils“.

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Jörn P Budesheim
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Do 21. Feb 2019, 12:21

Über linken Populismus

Den Begriff „Populismus“ verwenden die meisten als Schimpfwort. Nicht so die prominente belgische Politik-Theoretikerin Chantal Mouffe. Sie plädiert für einen „linken Populismus“. Außerdem in der Sendung: Gedanken von David Lauer zur Weltraummission „Bavaria One“.

Braucht es einen linken Populismus?

Wenn emanzipative Politik eine Chance auf Erfolg haben will, so muss sie laut Chantal Mouffe populistisch sein. Denn Politik werde aus emotional aufgeladenen Konflikten gemacht, meint die belgische Wissenschaftlerin. ...

https://www.deutschlandfunkkultur.de/di ... _id=429802



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Consul
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So 29. Mär 2026, 22:28

Dynamis hat geschrieben :
So 29. Mär 2026, 12:06
…Man kann den Populismus von Leuten wie Merz und Trump…
Trumps Politik ist (rechts)populistisch, Merz' Politik nicht!
"Der Populismus bot eine Vielzahl historischer Möglichkeiten, darunter extrem unterschiedliche Erfahrungen, die sich vom linken zum rechten Extrem des politischen Spektrums erstreckten. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass dieses ideologische Pendel stets mehrere gemeinsame Merkmale aufwies:

1) Die Bindung an eine autoritäre, elektorale (auf Wahlen basierende), antiliberale Demokratie, die eine Diktatur praktisch ablehnt.
2) Eine extreme Form politischer Religion.
3) Eine apokalyptische Vision von Politik, die Wahlerfolge und die durch diese vorübergehenden Wahlsiege ermöglichten Transformationen als revolutionäre Momente in der Gründung oder Neugründung der Gesellschaft darstellt.
4) Eine politische Theologie, die von einem messianischen und charismatischen Volksführer begründet wird.
5) Die Betrachtung politischer Gegner als Gegenvolk – also als Volksfeinde/-verräter.
6) Ein schwaches Verständnis von Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung.
7) Ein radikaler Nationalismus.
8) Die Vorstellung des Führers als Personifizierung des Volkes.
9) Die Identifizierung von Bewegung und Führern mit dem Volk als Ganzem.
10) Der Anspruch, antipolitisch zu sein, was in der Praxis bedeutet, die übliche Politik zu überwinden.
11) Das Sprechen im Namen des Volkes und gegen die herrschenden Eliten.
12) Die Selbstdarstellung als Verfechter wahrer Demokratie und als Gegner imaginärer oder realer Formen von Diktatur und Tyrannei (Europäische Union, Parallelstaat oder Tiefenstaat, Imperium, Kosmopolitismus, Globalisierung, Militärputsche usw.).
13) Die homogenisierende Vorstellung vom Volk als einer einzigen Einheit, die, wenn Populismus zum Regime wird, mit seinen Wahlmehrheiten gleichgesetzt wird.
14) Eine tiefe Feindseligkeit, ja sogar Abneigung gegenüber unabhängigem Journalismus.
15) Eine Abneigung gegen Pluralismus und politische Toleranz.
16) Die Betonung der Populärkultur und in vielen Fällen sogar der Unterhaltungsbranche als Verkörperung nationaler Traditionen." [übersetzt von Google]

(Finchelstein, Federico. From Fascism to Populism in History. Oakland, CA: University of California Press 2017. pp. 103-4)
Übrigens, man sollte Populismus nicht mit Popularismus verwechseln.
"Popularismus, m. Volksdienerei, Haschen nach Volksgunst; Popularität, f. Volksmäßigkeit, Volkston; Verständlichkeit, Gemeinfaßlichkeit; Volksgefälligkeit, Leutseligkeit, Volksgunst, Allbeliebtheit, Allbekanntheit"

(Neuestes vollständiges Fremdwörterbuch. Bearbeitet von L. Kiesewetter. 5. Aufl. Glogau: C. Flemming, 1871. S. 516)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Dynamis
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Consul hat geschrieben :
So 29. Mär 2026, 22:28
Dynamis hat geschrieben :
So 29. Mär 2026, 12:06
…Man kann den Populismus von Leuten wie Merz und Trump…
Trumps Politik ist (rechts)populistisch, Merz' Politik nicht!
Ich habe einen anderen Populismusbegriff als den, den du hier zugrundelegst:

"Der Begriff >populistisch< leitet sich her vom lateinischen >populus<, >Volk<, und bezeichnet eine Perspektive, die für sich beansprucht, für das >das ganze Volk< zu sprechen." (Daniel-Pascal Zorn, "Logik für Demokratien", S. 40.).

Bei Merz habe ich belegt, dass er diese Perspektive für sich beansprucht. Er spricht von einem "Wir", wo bloß eine Mehrheit vorliegt. Ich verstehe aber anhand deines Zitats, wie du zu einer anderen Begriffsverwendung kommst. Der apokalyptische, der theologische Aspekt und das Anti-Establishment-Ding fehlt. Merz ist konzilianter im Ton als Trump.

Zorn charakterisiert den Populismus logisch durch die Grundstruktur der dogmatischen Setzung. "Wer eine dogmatische Setzung in Anspruch nimmt, der beansprucht damit also, anstelle aller anderen zu sprechen." (a.a.O.) Genau dieses Kriterium erfüllt Friedrich Merz:
Fragen Sie ihre Kinder, fragen Sie ihre Töchter, fragen Sie im Freundes- und Bekanntenkreis herum: Alle bestätigen, dass das ein Problem ist – spätestens mit Einbruch der Dunkelheit. (Quelle: https://www.spiegel.de/politik/friedric ... ae13587ac3)




Burkart
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Mo 30. Mär 2026, 11:12

Na ja, von "wir" sprechen Politiker gerne, nicht nur Populisten, das sollte man nicht überbewerten.
Ich schreibe für unsere Schachhomepage auch gerne, dass "wir" ("unsere" Mannschaft) gewonnen oder verloren haben, obwohl ich selbst gar nicht dabei bin.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Dynamis
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Mo 30. Mär 2026, 11:22

Der Unterschied zwischen dem Schachverein und der Regierung: Ihr seid durch gemeinsame Aktivitäten miteinander verbunden (die Mannschaft spielt, du erstellst eine Homepage und berichtest darüber). Ich hingegen habe keine Berührungspunkte mit der Regierung. Wie sich Merz zum Iran-Krieg oder zu Abschiebungen positioniert, das kann ich nicht beeinflussen. Ich kann demonstrieren und kritisieren, aber Merz hat eine für ihn ganz praktische Methode, um damit umzugehen: Er kann meine Kritik und meinen Protest einfach ignorieren. Es gibt da eine Distanz zwischen Regierenden und Regierten, die zwischen den Gleichgesinnten in deinem Schachverein so nicht besteht. Und du hast das gut beobachtet: Politiker (nicht nur Merz) benutzen häufig das vereinnahmende "wir", um diese Distanz zu überdecken.




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Jörn P Budesheim
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Mo 30. Mär 2026, 12:01

Burkart hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 11:12
"wir" ("unsere" Mannschaft)
Dynamis hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 11:22
das vereinnahmende "wir"
Vermutlich ist ‚wir‘ (fast immer) eine abkürzende Redeweise. Im Beispiel von Burkart heißt ‚wir‘ zum Beispiel: ‚wir vom Verein XYZ‘. Und nur der Kontext macht – und auch das nicht zwingend – klar, worum es jeweils geht. ‚Wir‘ kann auf diese Weise sehr vieles bedeuten: von ‚wir‘ (wir beide: ich und Hans) über ‚wir‘ (wir Deutschen) bis hin zu ‚wir‘ (wir Menschen). Wenn der Kontext nicht explizit gemacht wird, kann man damit auch wunderbar wolkig reden und mogeln. Etwa indem man ein vereinnahmendes ‚wir‘ nutzt (wir, die ‚richtigen‘ Deutschen, die kein Problem für das Straßenbild sind) und auf Rückfrage behauptet, es sei ganz anders gemeint gewesen – wobei die Zielgruppe es dann dennoch ‚korrekt‘ versteht – trotz Dementi.



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Consul
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Mo 30. Mär 2026, 21:04

Dynamis hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 11:03
Consul hat geschrieben :
So 29. Mär 2026, 22:28
Trumps Politik ist (rechts)populistisch, Merz' Politik nicht!
Ich habe einen anderen Populismusbegriff als den, den du hier zugrundelegst:

"Der Begriff >populistisch< leitet sich her vom lateinischen >populus<, >Volk<, und bezeichnet eine Perspektive, die für sich beansprucht, für das >das ganze Volk< zu sprechen." (Daniel-Pascal Zorn, "Logik für Demokratien", S. 40.).
Ja, vox populi ("Stimme des Volkes") und Le peuple, c'est moi! ("Das Volk bin ich!") gehören typischerweise zum Populismus, was Finchelstein nicht übersehen hat.
"Der Populismus bot eine Vielzahl historischer Möglichkeiten, darunter extrem unterschiedliche Erfahrungen, die sich vom linken zum rechten Extrem des politischen Spektrums erstreckten. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass dieses ideologische Pendel stets mehrere gemeinsame Merkmale aufwies:

9) Die Identifizierung von Bewegung und Führern mit dem Volk als Ganzem.

11) Das Sprechen im Namen des Volkes und gegen die herrschenden Eliten.

[übersetzt von Google]

(Finchelstein, Federico. From Fascism to Populism in History. Oakland, CA: University of California Press 2017. pp. 103-4)
Dynamis hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 11:03
Bei Merz habe ich belegt, dass er diese Perspektive für sich beansprucht. Er spricht von einem "Wir", wo bloß eine Mehrheit vorliegt. Ich verstehe aber anhand deines Zitats, wie du zu einer anderen Begriffsverwendung kommst. Der apokalyptische, der theologische Aspekt und das Anti-Establishment-Ding fehlt. Merz ist konzilianter im Ton als Trump.
Zorn charakterisiert den Populismus logisch durch die Grundstruktur der dogmatischen Setzung. "Wer eine dogmatische Setzung in Anspruch nimmt, der beansprucht damit also, anstelle aller anderen zu sprechen." (a.a.O.) Genau dieses Kriterium erfüllt Friedrich Merz.
"…Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem." – F. Merz

Ich gebe dir insofern recht, als die Verwendung von "wir" rhetorisch "wir alle" suggeriert. Er hätte stattdessen sagen können: "…Aber es gibt natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem (und die meisten stimmen mir in diesem Punkt zu)."

Dass Politiker sich auf die Wähler/Bürger/Leute/Menschen berufen und dabei vorgeben, im Namen und Interesse aller Wähler/Bürger/Leute/Menschen zu sprechen, gehört zur altbekannten Politikerrhetorik, deren sich auch Nichtpopulisten wie Merz bedienen.

Populisten sind Majoritaristen, die so tun, als wäre eine Legitimierung ihrer Politik durch 51% der Wähler dasselbe wie eine Legitimierung durch 100% der Wähler, womit der Opposition, welche diejenigen vertritt, die die Populisten nicht gewählt haben, ihr Recht an politischer Mitwirkung und im Grunde ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Aus Sicht der populistischen Partei sind ihre und nur ihre Wähler und ideologischen Anhänger das ganze, gesamte Volk. Alle anderen bilden das feindliche "Gegenvolk", das es zu bekämpfen und auszugrenzen gilt. Zum antipluralistischen Demokratieverständnis der Populisten gehört die Delegitimierung der politischen Opposition. Mit diesem populistischen Modus Operandi hat Merz nichts zu tun.



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Jörn P Budesheim
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Di 31. Mär 2026, 08:47

Die Definition der Bertelsmann-Stiftung (siehe Startbeitrag): Populismus als eine bestimmte Idee von Demokratie ist definiert durch
  • die Unterscheidung zwischen einem „wahren Volk“ und „korrupten Eliten“,
  • die Idee eines allgemeinen Volkswillens
  • und die Idee gesellschaftlicher Homogenität.
-------------------

Die entsprechenden acht Fragen der Bertelsmann-Stiftung:
  • Die Bürger sind sich oft einig, aber die Politiker verfolgen ganz andere Ziele.
  • Mir wäre es lieber, von einem einfachen Bürger politisch vertreten zu werden als von einem Politiker.
  • Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren sie nicht.
  • Die politischen Differenzen zwischen den Bürgern und Politikern sind größer als die Differenzen der Bürger untereinander.
  • Wichtige Fragen sollten nicht von Parlamenten, sondern in Volksabstimmungen entschieden werden.
  • Die Politiker im Bundestag sollten immer dem Willen der Bürger folgen.
  • Die Bürger in Deutschland sind sich im Prinzip einig darüber, was politisch passieren muss.
  • Was man in der Politik „Kompromiss“ nennt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Verrat der eigenen Prinzipien.



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Dynamis
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Di 31. Mär 2026, 11:47

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 08:47
Die Definition der Bertelsmann-Stiftung (siehe Startbeitrag): Populismus als eine bestimmte Idee von Demokratie ist definiert durch
  • die Unterscheidung zwischen einem „wahren Volk“ und „korrupten Eliten“,
  • die Idee eines allgemeinen Volkswillens
  • und die Idee gesellschaftlicher Homogenität.
Das ist ein empirischer Ansatz. Die Bertelsmann-Stiftung lässt die Leute Fragebögen ausfüllen und stellt dann empirisch fest, dass diese genannten Elemente miteinander korrelieren. Auf dieser Grundlage wird dann der Populismus-Begriff konstruiert.

Dieser Ansatz ist natürlich völlig legitim, aber er hat auch eine Grenze. Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn beschreibt diese Grenze in seiner Auseinandersetzung mit dem Populismus-Begriff folgendermaßen:
Daniel-Pascal Zorn hat geschrieben : Die bloß empirische Beschreibung lässt eine bestimmte, argumentativ vertretene Position als Eigenschaft der Person erscheinen, die sie vertritt. Die innere Welt der Gedanken und die äußere Welt der argumentierenden Rede werden miteinander identifiziert.
Zorn macht eine Beobachtung über empirische Beschreibungen, die sich anhand dessen, was die Bertelsmann Stiftung schreibt, bestätigen lässt:
Bertelsmann Stiftung hat geschrieben : Je stärker Wähler Aussagen und Positionen vertreten, die den drei Populismus-Dimensionen entsprechen, umso populistischer sind sie. [...] Deshalb gilt in unserem Populismusbarometer nur derjenige als „populistisch“, der allen acht Aussagen „voll und ganz“ oder „eher“ zustimmt.
In dem empirischen Ansatz werden also Menschen so betrachtet, als hätten sie eine Eigenschaft, die man als "populistisch" beschreiben kann. Zorn hingegen interessiert sich dafür, welche Positionen als populistisch aufgefasst werden können. In Zorns Betrachtung haben Menschen eben nicht die Eigenschaft, dass sie populistisch sind oder auch nicht. Menschen können populistische Positionen vertreten oder auch nicht.
Daniel-Pascal Zorn hat geschrieben : Ob jemand populistisch argumentiert und denkt, entscheidet sich also ausschließlich über die Form des Arguments.




Dynamis
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Di 31. Mär 2026, 12:00

Consul hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 21:04
Dass Politiker sich auf die Wähler/Bürger/Leute/Menschen berufen und dabei vorgeben, im Namen und Interesse aller Wähler/Bürger/Leute/Menschen zu sprechen, gehört zur altbekannten Politikerrhetorik, deren sich auch Nichtpopulisten wie Merz bedienen.
Gerade habe ich in meiner Antwort auf Jörn klargestellt, wie ich den Populismus-Begriff verwenden möchte: Ich habe keine Absicht den Leuten irgendwelche Etiketten wie "Populist" oder "Nichtpopulist" auf die Stirn zu kleben. In dem Moment, wo Merz sich einer populistischen Rhetorik bedient, ist er ein Populist. Und in dem Moment, wo er es nicht tut, ist er eben kein Populist.

Du stellst hier gerade heraus, dass das vereinnahmende "Wir" ein Argumentationsmuster ist, welches von fast allen Politikern benutzt wird. Ich stimme dir zu und schließe daraus, dass fast alle Politiker an der ein oder anderen Stelle populistische Momente haben. Populismus ist keine Eigenschaft einer Person, sondern die Eigenschaft einer Rede. Deswegen sind Politiker nicht 24/7 Populisten, sondern sie sind es dann, wenn sie populistische Argumentationsmuster in ihre Rede einbauen.
Populisten sind Majoritaristen, die so tun, als wäre eine Legitimierung ihrer Politik durch 51% der Wähler dasselbe wie eine Legitimierung durch 100% der Wähler, womit der Opposition, welche diejenigen vertritt, die die Populisten nicht gewählt haben, ihr Recht an politischer Mitwirkung und im Grunde ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wird.
Ich hatte eigentlich schon einen Beleg dafür gebracht, dass sich dieses Argumentationsmuster bei Merz nachweisen lässt: Wenn er antwortet "Fragen Sie Ihre Töchter", dann geht er davon aus, dass 100% der Töchter derselben Auffassung sind wie er. Sonst müsste er ja damit rechnen, dass scharfsinnige Töchter mit einer scharfsinnigen Zurückweisung seiner Frage reagieren. Selbst, wenn 99% der Töchter ihm rechtgeben würden, argumentationslogisch betrachtet genügt bereits eine brilliante Gegenrede zur Infragestellung des Arguments.




Gregor S
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Di 31. Mär 2026, 18:27

Die Dinge beim Namen nennen?
Eine nur scheinbare Wirklichkeit vorgaukeln?




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Jörn P Budesheim
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Di 31. Mär 2026, 18:56

Dynamis hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 12:00
Wenn er antwortet "Fragen Sie Ihre Töchter", dann geht er davon aus, dass 100% der Töchter derselben Auffassung sind wie er.
Man sollte generische Aussagen nicht mit Allquantoren verwechseln – gemeint ist meist nur, was typischerweise zu erwarten ist, nicht etwas, das für 100% aller Fälle gilt. (Falsch liegt Merz wohl auf jeden Fall.)



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Consul
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Di 31. Mär 2026, 21:44

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 12:01
Vermutlich ist ‚wir‘ (fast immer) eine abkürzende Redeweise. Im Beispiel von Burkart heißt ‚wir‘ zum Beispiel: ‚wir vom Verein XYZ‘. Und nur der Kontext macht – und auch das nicht zwingend – klar, worum es jeweils geht. …
Ja, wenn beispielsweise der Sprecher eines Vereins oder Gremiums nach einer Mitgliederabstimmung sagt, "Wir haben Folgendes beschlossen…", dann muss dies nicht bedeuten, dass die Zustimmungsquote 100% beträgt.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Di 31. Mär 2026, 22:46

Dynamis hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 12:00
Consul hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 21:04
Dass Politiker sich auf die Wähler/Bürger/Leute/Menschen berufen und dabei vorgeben, im Namen und Interesse aller Wähler/Bürger/Leute/Menschen zu sprechen, gehört zur altbekannten Politikerrhetorik, deren sich auch Nichtpopulisten wie Merz bedienen.
Gerade habe ich in meiner Antwort auf Jörn klargestellt, wie ich den Populismus-Begriff verwenden möchte: Ich habe keine Absicht den Leuten irgendwelche Etiketten wie "Populist" oder "Nichtpopulist" auf die Stirn zu kleben. In dem Moment, wo Merz sich einer populistischen Rhetorik bedient, ist er ein Populist. Und in dem Moment, wo er es nicht tut, ist er eben kein Populist.

Du stellst hier gerade heraus, dass das vereinnahmende "Wir" ein Argumentationsmuster ist, welches von fast allen Politikern benutzt wird. Ich stimme dir zu und schließe daraus, dass fast alle Politiker an der ein oder anderen Stelle populistische Momente haben. Populismus ist keine Eigenschaft einer Person, sondern die Eigenschaft einer Rede. Deswegen sind Politiker nicht 24/7 Populisten, sondern sie sind es dann, wenn sie populistische Argumentationsmuster in ihre Rede einbauen.
Daniel-Pascal Zorn, auf den du dich berufst, reduziert den Populismus auf eine bestimmte Form von "Argumentationslogik", die nicht an eine bestimmte Ideologie des politischen Spektrums gebunden ist. In einem solchen logisch-rhetorischen Sinn kann auch Merz (mitunter) populistisch denken und reden; aber wenn ich Merz als Nichtpopulisten bezeichne, dann setze ich einen ideologietheoretischen Ansatz zum Populismus voraus, der den von Merz allgemein vertretenen christdemokratischen Konservatismus insbesondere vom Rechts-/Nationalpopulismus, aber auch vom Links-/Sozialpopulismus abgrenzt.
"Die argumentationslogische Beschreibung des populistischen Denkens besitzt gegenüber anderen Beschreibungen des ›Populismus‹ einen entscheidenden Vorteil. Sie zeichnet nicht bestimmte Weltanschauungen als populistisch aus, um sie gegen andere Weltanschauungen negativ abzusetzen. Sie versteht den ›Populismus‹ gar nicht als Ideologie, sondern als eine Form des Argumentierens. Und diese Form kann jeder in Anspruch nehmen, nicht nur die Anhänger dieser oder jener Weltanschauung. Ob jemand populistisch argumentiert und denkt, entscheidet sich also ausschließlich über die Form des Arguments.

Das bedeutet umgekehrt, dass man Weltanschauungen auch jederzeit nicht-populistisch vertreten kann. Weil die folgende Beschreibung die Kriterien dafür angibt, wann und warum eine Rede als populistisch einzustufen ist, – wann und warum populistisches Denken vorliegt –, kann ganz unabhängig vom Inhalt einer Weltanschauung darüber entschieden werden, ob sie populistisch vertreten wird. Die Bezeichnungen ›Populismus‹ und ›populistisches Denken‹ verlieren so ihren pejorativen, herabwürdigenden Charakter. Sie werden zu Kategorien der logischen Beschreibung bestimmter Formen von Argumentation.

Personen sind nicht, für sich genommen, ›Populisten‹, sondern Personen nehmen populistische Argumentationsformen in Anspruch – oder sie tun es eben nicht. ›Populismus‹ wird hier nicht als Eigenschaft oder Wesenszug beschrieben, sondern als Art und Weise, in einer Rede für das Gesagte Geltung zu beanspruchen. Das heißt: Jeder kann die von mir „genannten Kriterien für sich überprüfen und dann, für die eigene Redepraxis, gegebenenfalls übernehmen. Die Beschreibung populistischen Denkens erfolgt nicht vom Hohen Stuhl oder aus dem Elfenbeinturm der Theorie, sondern aus einer genauen Aufmerksamkeit auf die konkret gegebene Rede."

(Zorn, Daniel-Pascal. Logik für Demokraten: Eine Anleitung. Stuttgart: Klett-Cotta, 2017.)
Dynamis hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 12:00
Consul hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 21:04
Populisten sind Majoritaristen, die so tun, als wäre eine Legitimierung ihrer Politik durch 51% der Wähler dasselbe wie eine Legitimierung durch 100% der Wähler, womit der Opposition, welche diejenigen vertritt, die die Populisten nicht gewählt haben, ihr Recht an politischer Mitwirkung und im Grunde ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wird.
Ich hatte eigentlich schon einen Beleg dafür gebracht, dass sich dieses Argumentationsmuster bei Merz nachweisen lässt: Wenn er antwortet "Fragen Sie Ihre Töchter", dann geht er davon aus, dass 100% der Töchter derselben Auffassung sind wie er. Sonst müsste er ja damit rechnen, dass scharfsinnige Töchter mit einer scharfsinnigen Zurückweisung seiner Frage reagieren. Selbst, wenn 99% der Töchter ihm rechtgeben würden, argumentationslogisch betrachtet genügt bereits eine brilliante Gegenrede zur Infragestellung des Arguments.
Es ist in meinen Augen nicht klar, ob Merz davon ausgeht, dass alle Töchter ihm recht geben würden oder nur die meisten; denn aus seiner Frage allein lässt sich weder das eine noch das andere logisch herleiten.

Außerdem bezeichnet Zorn selbst nicht jedweden Anspruch oder jedwede Behauptung, für alle (Xe) zu sprechen, als populistisch, sondern nur "eine Perspektive, die für sich beansprucht, für ›das ganze Volk‹ zu sprechen [Hervorheb. hinzugef.]."
"Die primäre Grundstruktur des populistischen Denkens
Der Begriff ›populistisch‹ leitet sich her vom lateinischen ›populus‹, ›Volk‹, und bezeichnet eine Perspektive, die für sich beansprucht, für ›das ganze Volk‹ zu sprechen. Weil dieser Anspruch der alleinigen Volksvertretung direkt mit dem Anspruch einer gegebenenfalls bestehenden Regierung kollidiert, ergibt sich aus dem Alleinvertretungsanspruch ein Antagonismus der Form ›Wir hier unten – gegen die da oben‹.
Die primäre Grundstruktur dieses Alleinvertretungsanspruchs ist eine dogmatische Setzung. Sie wurde bereits in der Einleitung angesprochen, unter dem Titel der Petitio Principii. Die dogmatische Setzung setzt die eigene Perspektive für alle anderen ohne deren Zustimmung in Geltung. Sie geht davon aus, dass alle anderen dieser Setzung zustimmen müssen oder ihr insgeheim schon zugestimmt haben. Wer eine dogmatische Setzung in Anspruch nimmt, der beansprucht damit also, anstelle aller anderen zu sprechen. Die eigenständige Stimme dieser anderen wird dadurch für den Dogmatiker wertlos. Sie besitzt für ihn nur noch insofern einen Wert, als er sie für die Bestätigung der eigenen verabsolutierten Sichtweise instrumentalisieren kann."

(Zorn, Daniel-Pascal. Logik für Demokraten: Eine Anleitung. Stuttgart: Klett-Cotta, 2017.)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Dynamis
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Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 18:56
Dynamis hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 12:00
Wenn er antwortet "Fragen Sie Ihre Töchter", dann geht er davon aus, dass 100% der Töchter derselben Auffassung sind wie er.
Man sollte generische Aussagen nicht mit Allquantoren verwechseln – gemeint ist meist nur, was typischerweise zu erwarten ist, nicht etwas, das für 100% aller Fälle gilt. (Falsch liegt Merz wohl auf jeden Fall.)
Merz hat explizit eine Allaussage verwendet: "Alle bestätigen, dass das ein Problem ist – spätestens mit Einbruch der Dunkelheit."

Anders kann sein Argument auch nicht funktionieren. Zum Kontext: Ein Journalist hat ihn gefragt, wie er damit umgehen würde, dass einige von ihm eine Entschuldigung fordern würde. Merz wurde also damit konfrontiert, dass es Einwände gibt. Diese Einwände will er an den Antworten der Töchter blamieren. Wenn es nun auch nur einige Töchter gibt, die dem Journalisten da recht geben würde, dann bleibt die Aussage des Journalisten weiterhin stehen: Es gibt zumindest einige Leute, die von ihm eine Entschuldigung fordern. Und wenn es auch nur einige Töchter gibt, die das so ähnlich sehen, dann bleibt der Einwand des Journalisten so stehen. Darum setzt Merz erstens eine Standpunkttheorie voraus (wer von der Angst vor Dunkelheit betroffen ist, hat recht) und behauptet zweitens, dass alle Töchter, die man so fragt, ihm zustimmen würden und von der Angst vor Dunkelheit betroffen seien. (Quelle: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inha ... 75c25.html)




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Di 31. Mär 2026, 22:46
Daniel-Pascal Zorn, auf den du dich berufst, reduziert den Populismus auf eine bestimmte Form von "Argumentationslogik", die nicht an eine bestimmte Ideologie des politischen Spektrums gebunden ist. In einem solchen logisch-rhetorischen Sinn kann auch Merz (mitunter) populistisch denken und reden; aber wenn ich Merz als Nichtpopulisten bezeichne, dann setze ich einen ideologietheoretischen Ansatz zum Populismus voraus, der den von Merz allgemein vertretenen christdemokratischen Konservatismus insbesondere vom Rechts-/Nationalpopulismus, aber auch vom Links-/Sozialpopulismus abgrenzt.
An der von dir zitierten Stelle erklärt der Zorn, warum er das so macht: Anhand seines Kriteriums wird am konkreten Argument für jeden prüfbar, ob Populismus vorliegt. Wie sich bei deinem Ansatz die Zuordnungen überprüfen lassen, sehe ich ehrlich gesagt noch nicht.
Consul hat geschrieben : Es ist in meinen Augen nicht klar, ob Merz davon ausgeht, dass alle Töchter ihm recht geben würden oder nur die meisten; denn aus seiner Frage allein lässt sich weder das eine noch das andere logisch herleiten.
Wie in meiner Antwort auf Jörn erwähnt, Merz verwendet eine Allaussage.
Außerdem bezeichnet Zorn selbst nicht jedweden Anspruch oder jedwede Behauptung, für alle (Xe) zu sprechen, als populistisch, sondern nur "eine Perspektive, die für sich beansprucht, für ›das ganze Volk‹ zu sprechen [Hervorheb. hinzugef.]."
Gute Differenzierung. Zorn beschreibt an der von dir zitierten Stelle jedoch auch die Figur der dogmatischen Setzung, die davon ausgeht, "dass alle anderen dieser Setzung zustimmen müssen oder ihr insgeheim schon zugestimmt haben." Und zumindest diese dogmatische Setzung lässt sich bei Merz nachweisen. In seiner Antwort beansprucht Merz explizit die Zustimmung der Töchter zu seiner Position für sich.

Umso bemerkenswerter übrigens, dass dann ausgerechnet Leuten, die sich als "radikale Töchter" bezeichnen, die Fördergelder gestrichen wurden, als sie ihm eben nicht zugestimmt haben. Das ist schon eine herrliche Ironie.




Dynamis
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Mi 1. Apr 2026, 10:46

Consul hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 22:46
Außerdem bezeichnet Zorn selbst nicht jedweden Anspruch oder jedwede Behauptung, für alle (Xe) zu sprechen, als populistisch, sondern nur "eine Perspektive, die für sich beansprucht, für ›das ganze Volk‹ zu sprechen [Hervorheb. hinzugef.]."
Das ist wirklich ein sehr guter Einwand. Ja, ich muss dir an dieser Stelle recht geben: Merz spricht an dieser Stelle nicht unbedingt für das ganze Volk, sondern für die Gesamtheit der Töchter. Er sagt explizit: "Und wenn unter diesen Kindern Töchter sind, dann fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte."

Was dann zu der Frage führt: Warum soll man ausgerechnet Töchter fragen und nicht etwa Kriminal- oder Migrationsexperten?




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Jörn P Budesheim
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Mi 1. Apr 2026, 11:20

Dynamis hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 10:12
Merz hat explizit eine Allaussage verwendet: "Alle bestätigen, dass das ein Problem ist – spätestens mit Einbruch der Dunkelheit."
Ich glaube nicht, dass das eine All-Aussage ist. Wenn Heiner Lisa sagt, dass alle sagen, sie sei die Beste in ihrem Fach, dann ist damit keineswegs gemeint, dass 100 % so etwas sagen. So funktioniert unsere Sprache doch nicht. Alle heißt hier einfach "sehr viele" und das wird mit dem rhetorischen Mittel der Übertreibung noch mal unterstrichen. So dürfen auch Politiker reden, wenn es denn "irgendwie" angemessen ist, finde ich. Übertreibungen (die als sprachliches Mittel erkennbar bleiben) sind im gewissen Rahmen durchaus okay. Ich denke aber, dass Merz sich irrt, auch wenn man das einräumt, was ich schreibe, falsch liegt. Wobei ich nicht sicher bin, ob er sich irrt oder ob er so etwas wider besseres Wissen sagt oder ob er bullshittet. Ich vermute, dass er weiß, dass das, was er sagt, fragwürdig ist, und er es aus Kalkül sagt.
Dynamis hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 10:46
Was dann zu der Frage führt: Warum soll man ausgerechnet Töchter fragen und nicht etwa Kriminal- oder Migrationsexperten?
Yepp. Besser noch: Alle! Aber dann bitte empirisch belastbar!

Es gibt solche Umfragen natürlich, hier eine KI-Zusammenfassung: Das Unsicherheitsgefühl von Frauen im Dunkeln ist real, aber nicht zwingend mit Migranten verbunden. Studien zeigen, dass Frauen vor allem unbeleuchtete Straßen, Isolation und potenzielle Gewalt durch Männer jeder Herkunft fürchten. Merz' implizite Verknüpfung mit Migration wird kritisiert, da Daten andere Faktoren priorisieren.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Dynamis
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Mi 1. Apr 2026, 11:37

Wenn wir über den Populismus reden, dann reden wir hier über die Delegitimierung anderer Positionen. Das ist etwas, was auch von Consul betont wird:
Consul hat geschrieben :
Mo 30. Mär 2026, 21:04
Zum antipluralistischen Demokratieverständnis der Populisten gehört die Delegitimierung der politischen Opposition.
Merz ist von Journalisten explizit damit konfrontiert worden, dass Leute gegen seine "Stadtbild"-Aussage demonstrieren:
Journalistin hat geschrieben : Ja, Herr Bundeskanzler, ich muss da noch mal nachhaken. Also, während Sie gestern im Grunewald über die Strategie auch gegen die AfD gesprochen haben, wurde am Brandenburger Tor ja gegen eine Äußerung von Ihnen demonstriert – von Menschen, die sich vielleicht da vor den Kopf gestoßen fühlten. Deswegen die Frage: Ist das strategisch intendiert gewesen, oder wie kriegen Sie das als Kanzler überein, beide mitzunehmen?
Eine Journalistin fragt explizit, wie Merz es hinkriegt Leute "mitzunehmen". In diesem Kontext sagt Merz: Töchter haben Angst vor der Dunkelheit, daher wissen sie, dass ich recht habe.

Das ist nicht einfach nur rhetorische Übertreibung, das ist die gezielte Delegitimierung des Anliegens der Demonstrierenden, die mit der Stadtbild-Aussage von Merz ein Problem haben.




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